Vanenkriege ihre Wurzeln zu haben. Salin hat in seiner Altgermanischen
Tierornamentik gezeigt, welche mächtige Kulturwelle zur Zeit der
Völkerwanderung vom Gebiet der unteren Elbe nach Skandinavien gekommen
ist, und mit ihr mag mancher bisher hier unbekannte Kult, manche
Göttersage nach dem Norden gekommen sein. Isländische Quellen wissen
von einem Kampf der Asen unter Óðin mit einem anderen Göttergeschlecht,
das sie ~Vanir~ nennen, zu erzählen. Als die Götter endlich des Kampfes
müde waren, da schlossen sie Frieden und Vertrag, und die Vanen
stellten Njǫrð und Frey, ihre trefflichsten Genossen, als Geiseln,
während die Asen dagegen den Hönir gaben und diesem den weisen Mimir
beigesellten. Beim Friedenschluß mischten beide Geschlechter nach
volkstümlichem Ritus ihren Speichel und gingen dadurch die engste
Verbindung ein. Von dieser Zeit an weilen Njǫrðr und Freyr unter
den Asen. Hier nehmen sie als Vanagoð auch fernerhin eine besondere
Stellung ein. Diese Erzählung vom Vanenkrieg ist der mythische
Niederschlag eines Kultkampfes, der zwischen zwei Stämmen stattgefunden
und mit der Verschmelzung des Óðin- und Vanenkultes geendet hat. Nun
erzählt Paulus Diaconus, daß die Langobarden einst Winiler geheißen
und erst nach dem Siege über die Wandalen, den sie unter dem Beistande
Wôdans erfochten, den Namen Langobarden angenommen hätten. Diese
Langobarden aber, die schon Tacitus unter dem landläufigen Namen
kennt, werden in der Germania unmittelbar nach den Nerthusvölkern
genannt, müssen also deren Nachbarn gewesen sein. Es liegt nahe, in den
Vinilern nicht einen alten Namen der Langobarden zu suchen, sondern
ein Nachbarvolk, das sich mit den Langobarden vereint hat. Und diese
Viniler sind Nerthusverehrer gewesen. Nach ihnen wurden die von ihnen
verehrte Göttin und ihr Gatte Vanen genannt.
Fast alle Naturvölker haben den Glauben an die mütterliche Erde und
einen Himmelsgott, der als ihr Gatte oder ihr Sohn erscheint. Der
Erdmutter Nerthus, deren Kult Tacitus beschreibt, sind wir schon
begegnet und auch ihrem Gatten, der in Uppsala als Fricco, in Norwegen
und auf Island als Freyr gleichen Kult genoß (S. 18). Von Dänemark
oder Norddeutschland war der Nerthus-Freykult nach Skandinavien
gekommen. Hier, wo die Verehrung männlicher Gottheiten überwog, trat
Nerthus fast ganz zurück. Sie verwandelt sich in eine männliche
Gottheit und begegnet nun als Njǫrðr, während neben dem Frey eine
Schwester Freyja entsteht. Das Verhältnis zwischen Frey und Njǫrð
wird nun so aufgefaßt, daß dieser als Vater der beiden Geschwister
erscheint, die er im Lande, wo der Vanenkult herrschte, mit seiner
Schwester erzeugt habe. Alle drei Gottheiten berühren sich aber,
soweit wir aus isländischen Quellen von ihnen erfahren, aufs engste:
einerseits Njǫrðr und Freyr, andererseits Freyr und Freyja.
Beide Götter, Vater und Sohn, spenden Reichtum; beide werden
nebeneinander beim Eidschwur angerufen; beiden weiht man beim
Opfergelage das Horn, um ein fruchtbares Jahr und Frieden zu
erlangen. Daneben erscheint Njǫrðr noch als Gott, der über den Sturm
herrscht, weshalb ihn Seefahrer um gute Fahrt anflehen. Zu Nóatún
(„Schiffsstätte“) am Meer ist seine Wohnung; hier weilt er mit seiner
zweiten Frau, der Skaði, drei Nächte, während er neun sich mit dieser
zu Thrymheim im Gebirge aufhält. Diese Skaði ist die Tochter des Riesen
Thjazi. An der Jagd und am Schneeschuhlauf findet sie ihre Freude. Ein
Irrtum hat sie zu Njǫrðs Gemahlin gemacht: Als sie einst zu den Asen
kam, um Sühne für die Ermordung ihres Vaters zu verlangen, versprachen
diese ihr den zum Gatten, den sie selbst wähle. Doch nur die Füße der
Götter sollte sie bei ihrer Wahl schauen dürfen. Da nahm sie den, der
die kleinsten Füße hatte, in der Meinung, es sei Baldr. Aber sie hatte
sich getäuscht, und so erhielt sie Njǫrð.
Freyr ist diejenige Gottheit, die nach Óðin und Thór in den nordischen
Quellen im Kult und Mythus am häufigsten begegnet. Von Schweden aus
kam sein Kult nach dem Drontheimer Gebiete, wo ihm zu Ehren heilige
Rosse gehalten wurden. Die phallische Bedeutung des Gottes trat hier
mehr in Hintergrund oder läßt sich wenigstens nicht mehr aus den
Quellen nachweisen. Als den Gott, der über Sonnenschein und Regen
herrscht, verehrte man ihn, als das höhere Wesen, das Erntesegen
spendet und durch diesen Reichtum. Deshalb ist er auch der lichte
Gott. Uppsalir „die himmlischen Säle“ sind seine Wohnung; das Land
der Lichtelfen, Alfheim, gaben ihm die Götter als Zahngeschenk. Der
goldene Eber, unter dem man sich die Sonne vorzustellen pflegte, ist
mit ihm in Zusammenhang gebracht worden: auf ihm pflegt er zu reiten,
und dann herrscht in seiner Umgebung lauter Helle. Deshalb brachte man
zu Wintersanfang ihm den schönsten Eber, den Herdeneber, dar, auf dem
man zugleich Gelübde ablegte, die man im folgenden Jahre auszuführen
gedachte. Außerdem ist Freyr im Besitz eines trefflichen Schwertes,
das von selbst kämpft, und des Schiffes Skíðblaðnir, jenes Kunstwerks
der Zwerge, das sich wie ein Tuch zusammenschlagen und in die Tasche
stecken läßt. Zahlreich sind die Orte, die an seinen Kult erinnern,
nicht nur in Norwegen, sondern auch auf Island, wo auch verschiedene
Freystempel und Freyspriester begegnen. Auf dem Grabe eines solchen
Freysgoden, so berichtet eine Saga, soll im Winter nie Schnee liegen
geblieben sein. Daran erkannten die Menschen, wie lieb der Gott seinen
Verehrer gehabt hat.
Ein eddischer Dichter singt auch von der Liebe Freys zur schönen
Gerð, ähnlich wie ein anderer nordischer Skalde von der Baldrs zur
Nanna gesungen hat. Danach sitzt Freyr einst auf seinem Hochsitz und
schaut im Reiche der Riesen eine wunderschöne Jungfrau. Heiße Liebe
zu dem Mädchen erfaßt ihn und Schwermut legt sich auf seine Brust.
Nach manchem vergeblichen Versuche gelingt es seinem steten Begleiter
Skirnir, die Ursache des Harms zu erfahren, und dieser verspricht ihm,
um das Mädchen zu werben, wenn ihm Freyr sein Roß und sein Schwert
leihe. Skirnir kommt nach verschiedenen Abenteuern zur Gerð. Weder
die elf goldnen Äpfel noch der Ring Draupnir, den Skirnir dem Mädchen
verspricht, weder gute noch böse Worte können ihr die Zusage entlocken,
bis endlich Skirnir mit dem schlimmsten Zauber droht: da verspricht das
Mädchen, nach neun Nächten im Haine Barri mit Frey zusammenkommen zu
wollen.
Weitere skandinavische Götter.
Als Óðinn in Skandinavien zum allmächtigen Himmelsgott emporgestiegen,
war in ihm auch der Vegetationsdämon verehrt worden, der im Frühjahr
zurückkehrt, um die Herrschaft wieder zu übernehmen, wie es
Jahrhunderte hindurch in christlicher Zeit der Maigraf zu tun pflegte.
Während seiner Abwesenheit hat sein winterlicher Bruder für ihn regiert
und zugleich sein Weib Frigg besessen. Diesen Stellvertreter nennt
Saxo bald ~Mitothin~, der durch Zauber zur Herrschaft gelangt sei,
bald ~Ollerus~. Nur ist er hier nicht der Bruder Óðins, sondern der
von seinem Volke gewählte Stellvertreter des Gottes während dessen
Abwesenheit. Er wird nach Óðins Rückkehr gestürzt und auf der Flucht
später von seinem Volke erschlagen. Eddische Berichte nennen diesen
Widerpart Óðins ~Ullr~. Er war ein guter Jäger und Schneeschuhläufer,
wie die winterliche Skaði, weshalb auch der Schneeschuh bei den Skalden
Ulls Fahrzeug hieß. Ýdalir „Eibental“ war seine Halle, seine Mutter
war Sif, und durch sie war er der Stiefsohn Thórs. Nach der Lokasanna
sind Vili und Vé die Brüder Óðins und die Stellvertreter während seiner
Abwesenheit.
Neben Óðin als Gott der Dichtkunst nennen die Skalden den Dichterheros
~Bragi~ ihren Gott. Er ist der nach Valhǫll versetzte Skalde Bragi,
der um die Mitte des neunten Jahrhunderts gelebt und zuerst in der
kunstreichen Strophe des Dróttkvætt Fürsten besungen hat. Beim
Dichter der Eiríksmál (935) und in den Hákonarmál finden wir diese
apotheosierte Gestalt unter den Einherjern in Valhǫll als Óðins
Ratgeber und Hauptskalden. Feigheit wirft ihm Loki beim Gelage der Asen
vor. Andere Quellen kennen ihn als Gemahl der Iðun, der Göttin mit den
verjüngenden Äpfeln. In allem erweist sich Bragi als eine vergöttlichte
Gestalt, die nur dem letzten Jahrhundert des Heidentums Norwegen und
Island angehört.
Im engern Zusammenhange mit Óðin steht auch ~Viðarr~. Er ist sein und
der Riesin Grið Sohn und bestimmt, den Vater zu rächen, wenn diesen
einst beim großen Kampfe der Asen und ihrer Gegner der Fenriswolf
getötet hat. Im niedrigen Gestrüpp der Heide, der Ebene Viði, nach
der er den Namen haben mag, ist sein Aufenthaltsort. Hier tummelt
der schweigsame Ase sein Roß. Wenn aber der Fenriswolf seinen Vater
verschlungen hat, dann eilt er herbei, tritt mit seinem mächtigen
Schuh den Unterkiefer des Ungetüms nieder und reißt mit der Hand den
Oberkiefer weit auf. So wird er zum Fäller des Wolfes. Darum überlebt
er auch den Götteruntergang und herrscht in der neuen Welt gemeinsam
mit Váli, dem Rächer Baldrs.
Die Göttinnen.
So zahlreich auch die altgermanischen Göttinnen sind, über ihren
Kult und Mythen von ihnen erfahren wir ungemein wenig. In den
ersten Jahrhunderten germanischer Geschichte versagen die Quellen,
und die nordische Wikingerzeit, die die Märchen und Legenden von
den Göttern erhalten hat, war eine zu männliche, als daß sie die
weiblichen Gottheiten besonders durch das Lied verherrlichte und im
Kult verehrte. Das Ausführlichste erfahren wir von Tacitus über den
Kult der Nerthus (vgl. S. 18), der ganz in den Rahmen des Kultes der
Vegetationsgottheiten fällt. Von anderen Göttinnen, deren Tacitus
gedenkt und die vielfach mit der Nerthus identifiziert werden, ist es
bei der Dürftigkeit der Quelle fraglich, welche Verehrung sie genossen
haben, so von der ~Tanfana~, der zu Ehren die Marsen im Spätherbst das
Opfergelage feierten, als sie Germanikus im Jahre 14 überfiel und das
Heiligtum der Göttin vernichtete, oder von jener Gottheit, die Tacitus
mit der römischen Isis vergleicht und die ein Teil der Sueben in dem
Symbol eines leichten Schiffes verehrte. Auch die Inschriften der
zahlreichen Votivsteine, die deutsche Göttinnen unter germanischem oder
römischem Namen überliefern, erweitern unsere Kenntnisse nicht. Nur
das Bild der ~Nehalennia~, der am unteren Rheingebiete und auf den der
Rheinmündung vorlagernden Inseln zahlreiche Denksteine gesetzt worden
sind, läßt ahnen, daß sie eine chthonische Gottheit und eine Göttin der
Schiffahrt zugleich war: zu ihrer Rechten sitzt der Hund, auf ihren
Knien oder neben sich hat sie einen Korb mit Früchten, hier und da
setzt sie ihren Fuß auf den Steven eines Schiffes oder stützt ihren Arm
auf ein Ruder.
Der Kult all dieser Göttinnen ist, wenigstens unter den überlieferten
Namen, örtlich beschränkt gewesen. Die einzige Göttin, deren Name sich
bei allen germanischen Stämmen findet, ist die ~Frîja~ (ags. ~Frig~,
langob. ~Frea~, altn. ~Frigg~). Ihrem Namen nach bedeutet die Göttin
„die Geliebte, die Gattin“ schlechthin. Wo wir ihr begegnen, stets
ist sie die Gattin Wôdans. Man pflegt anzunehmen, daß sie von Haus
aus dem Himmelsgotte Tîwaz angehört habe und erst später, als dessen
Macht auf Wôdan überging, diesem Gotte zugesellt worden sei. Eine
andere Deutung liegt näher. In allen germanischen Ländern kennt man die
Mythe, daß der Sturmdämon ein weibliches Wesen verfolgt. Auch von Wôdan
muß man sie einst gekannt haben; die Liebesabenteuer der nordischen
Dichtung erinnern noch daran. Mit zunehmender Kultur und Steigerung der
Wôdansverehrung wurde das verfolgte Mädchen die Braut und schließlich
die Gattin des Gottes. Als solche ist sie der Typus einer germanischen
Hausfrau. In der Sage vom Ursprung des Langobardennamens steht sie
Wôdan ratend zur Seite, auf seinen Fahrten scheint sie ihn bisweilen zu
begleiten. Mit dem buhlerischen Wesen des Windgottes hängt es zusammen,
daß man sie auch für eine Göttin der Liebe hielt, weshalb der römische
~Dies Veneris~ mit Frîjatac (Freitag) wiedergegeben wurde. Wie Wôdan
fuhr auch sie durch die Lüfte und ganz besonders in der Zeit, da
die Seelen der Toten ihr Wesen trieben, während der Zwölfnächte. So
begegnet sie in ganz Mitteldeutschland an der Spitze der Holden d. h.
der Unterirdischen als Frau Holde oder Holle, die faulen Spinnerinnen
das Garn verwirrt und sie bestraft, die gute Kinder belohnt, böse
bestraft, die wie die Abgeschiedenen in Bergen und Teichen oder Seen
wohnt. Dieselbe Gestalt begegnet in der Mark als Frau Harke, im
Lüneburgschen als Frau Gode, in Pommern und dem Harzgebiet als Frie,
Fricke, Freen. Das sind volkstümliche Bezeichnungen für dasselbe Wesen.
In der eddischen Mythe ist die Frigg mehr Himmelskönigin. Einen
ganzen Hofstaat hat die Dichtung um sie geschaffen. Meist sind die
Dienerinnen, die ihr beigesellt werden, Personifikationen abstrakter
Begriffe. So die heilende ~Eir~, die Ärztin unter den Asen, die
~Vǫr~, die Schirmerin der Verträge, die Liebesvermittlerin ~Sjǫfn~,
die Wächterin des Haus- und Dingfriedens ~Syn~, die Schutzgöttin
vor Gefahren ~Hlín~, die Spenderin der Weisheit ~Snotra~. Zu ihren
Dienerinnen gehören auch ~Gná~, die mit dem Todesrosse durch die
Lüfte reitet, und besonders ~Fulla~, die der Merseburger Zauberspruch
Schwester der Frîja nennt, die nach eddischem Mythus alle Geheimnisse
ihrer Herrin weiß und den Menschen ihren Willen überbringt. — Daneben
erscheint Frigg als ~Sága~, mit der Óðinn alltäglich in Sökkvabekk
(„Sinkebach“) aus goldenen Gefäßen Weisheit trinkt. So beratschlagt
er auch mit Frigg, wenn er ein größeres Unternehmen vorhat. Von
~Hliðskjálf~ aus überschauen beide die Welt. Während Óðins Abwesenheit
ist dann Frigg das Kebsweib seines Stellvertreters, weshalb ihr Loki
Männertollheit vorwirft. In Fensalir, den Sumpfsälen, ist ihr Sitz,
eine Erinnerung an ihren chthonischen Ursprung. Aus diesem erklärt
sich auch, daß ihr künftige Dinge bekannt sind. Mit diesem mag es
auch zusammenhängen, wenn die Frauen sie um Kindersegen anflehen. Das
weitverbreitete Märchen vom Apfel der Fruchtbarkeit ist ebenfalls mit
ihr in Zusammenhang gebracht: nach der Völsungensaga sandte sie Rerirs
Gattin einen Apfel, durch den diese Mutter Völsungs, des Ahnherrn des
Völsungengeschlechts, wurde.
Ungleich häufiger als die Frigg begegnet in der isländischen Dichtung
die ~Freyja~, die Tochter Njǫrðs, die Schwester Freys. Wie Vater und
Bruder ist sie Vanin, daher heißt sie Vanenweib, Vanengöttin. Ihr Name
bedeutet Herrin und mag erst aus dem ihres Bruders entstanden sein.
In ihrem Wesen, in den Dingen, die ihr beigegeben werden, berührt sie
sich bald mit dem Bruder, bald mit der Frigg. Wie ihr Bruder reitet
auch sie auf einem Eber, wie dieser spendet auch sie Sonnenschein und
Fruchtbarkeit. Ihre Berührung mit Frigg zeigt sich darin, daß sie
wiederholt als Óðins Weib erscheint, daß sie wie jene die Zukunft
kennt und mit Óðin die Kunst des Zauberns übt. Mit Óðin teilt sie
ferner die Toten. In Folkvang d. h. Volksgefilde nimmt sie sie auf;
hier ist Sessrýmnir „der an Sitzen Reiche“ ihr Saal. Auch in der Mythe
von Óð scheint sie an Stelle der Frigg getreten zu sein. Als dieser ihr
Geliebter (d. i. Óðinn) fortgegangen war, da weinte ihm Freyja goldene
Tränen nach und suchte ihn allerorten. — Neben dem Eber besitzt Freyja
nach anderer Mythe ein Katzenpaar, das sie durch die Lüfte fährt.
Infolge ihrer Proteusnatur kann sie sich jederzeit in einen Falken
verwandeln; das Falkengewand ist ein ihr charakteristischer Besitz, den
sie leihweise auch anderen Göttern abtritt. Ganz besonders zeichnet
sich Freyja durch ihre Schönheit aus, weshalb sie auch Mardǫll d. h.
Meerglanz heißt. Wegen ihrer Schönheit streben die Riesen nach ihr: der
Baumeister von Ásgarð verlangt sie zum Lohne für seine Arbeit, ebenso
der Riese Thrymr, als er Thórs Hammer herausgeben soll, Hrungnir, als
er Loki freigegeben hatte. Sie ist auch die Liebesgöttin der eddischen
Dichtung, die man anruft, um jemandes Liebe zu erlangen. Sie weiß ihrer
Schönheit durch äußeren Schmuck auch höheren Glanz zu verleihen. So
besitzt sie das herrliche Brisingamen „das funkelnde Kleinod“, einen
prächtigen Halsschmuck, den ihr vier Zwerge geschmiedet haben. Nach ihm
heißt sie Menglǫð „die Halsbandfrohe“. Hnoß und Gersimi „Schmuck und
Kleinod“ sind infolgedessen ihre Töchter. Ob mit dieser Schmucksucht
auch andere poetische Bezeichnungen der Göttin, die sie sich auf ihrer
Suche nach Óð beigelegt haben soll (Gefn, Hǫrn, Skjálf, Sýr, Thrungva),
zusammenhängen, läßt sich nach den dunklen Worten nicht bestimmen.
Nur in ihrem Beiwort Gefn begegnet sich die Freyja mit der ~Gefjon~,
von der es heißt, daß zu ihr alle Jungfrauen nach dem Tode kommen.
Nach einer Mythe, in der sich die Gefjon mit der Nerthus berührt, soll
sie aus Schweden, wo sich jetzt der Mälarsee befindet, ein großes Stück
Land nach Westen gefahren und im Sunde niedergesetzt haben: das ist die
Insel Seeland, wo sich einst die alte Kultstätte von Leira befand.
Wie zwischen Freyja und Frigg läßt sich auch zwischen diesen Göttinnen
und Nerthus keine feste Scheidewand ziehen. Überall Berührungspunkte,
überall fließen die Gestalten zusammen. Daher läßt sich auch nicht
bestimmt sagen, ob Gestalten wie ~Hlóðyn~, die als Hludana auch in
südgermanischen Inschriften begegnet, oder ~Jórð~ d. i. die Erde, oder
~Fjǫrgyn~, die alle als Mütter Thórs erscheinen und deshalb sicher
dieselbe Göttin bezeichnen, Hypostasen dieser oder jener Gottheit sind.
Dasselbe gilt von der isländisch-norwegischen ~Iðun~, die die Hüterin
der jugendbewahrenden Äpfel sein soll und die man zur Gemahlin des
alten Bragi gemacht hat (s. S. 86).
Die nordischen Mythen vom Anfang, von der Einrichtung und dem Ende der
Welt.
Eine Kosmogonie und Eschatologie der Germanen kennen wir nur aus der
isländischen Dichtung. Von einer natürlichen Phantasie ist dabei
wenig zu spüren, fast überall trägt die Dichtung einen spekulativen
Charakter. Am Ende der Erde, wo das Meer aufhört, dachten sich noch in
später Zeit die Norweger und Isländer einen ungeheuren Schlund, aus
dem das Meer hervorsprudele und sich über die Erde ergieße. Diesen
Schlund nannten sie ~Ginnungagap~ „klaffende Gähnung“. Nördlich davon
war es eisigkalt. Da war ~Niflheimr~, die Nebelwelt. Hier lag der
Brunnen ~Hvergelmir~, aus dem zwölf Eisströme hervorquollen, die sich
nach Ginnungagap ergossen. Im Süden des Schlundes lag ~Múspellsheimr~
„die Feuerwelt“. Auch von hier entquollen Ströme, die brennendes
Wasser mit sich führten. Das sind die ~Elivágar~. Als diese sich mit
den Eisströmen mischten, da bildete sich neben dem Eis in Ginnungagap
Reif, und aus diesem Zusammenwirken von Kälte und Wärme entstand das
erste Wesen, der Urriese ~Ymir~ oder ~Aurgelmir~. Als dieser dann
schlief, geriet er in Schweiß, und bald wuchsen ihm unter dem Arme
Mann und Weib, neue Wesen, neben ihm die ältesten Riesen. Zugleich
entstand auch aus dem schmelzenden Reife die Kuh ~Anðumla~, aus deren
Eutern Milchströme rannen, die dem Riesen Nahrung gaben. Die Kuh
selbst nährte sich von dem Salz der Reifsteine in Ginnungagap. Wie
sie aber so die Steine beleckt, kommt Leben in diese, und es entsteht
ein neues Lebewesen namens ~Buri~ (der Erzeuger), dessen Sohn ~Borr~
die Riesentochter ~Bestla~ zur Frau nahm. Ihre Kinder sind Óðinn,
Vili und Vé. Diese töteten den Urriesen Ymir, und sein Blut füllte
ganz Ginnungagap, so daß die Riesen alle ertrinken mußten. Nur einer,
Bergelmir, rettet sich auf schwankem Boote und wird so der Stammvater
des neuen Riesengeschlechts. Doch bald heben Bors Söhne den toten
Körper aus den Fluten und schaffen aus ihm die neue Welt, die Erde
~Miðgarð~. Diese Bezeichnung für den Sitz der Menschen haben alle
germanischen Stämme (got. ~midjungards~, althd. ~mittilgard~, ags.
~middangeard~), es ist das Heim in der Mitte. Die Gegensätze sind im
Norden Niflheimr, im Süden Múspellsheimr. Wie bei anderen Völkern aus
dem Makrokosmus der Mensch, so wurden bei den Nordgermanen aus dem
Mikrokosmus, dem Körper des Urriesen, die einzelnen Teile der Welt
geschaffen: aus dem Fleisch die Erde, aus dem Blut die Gewässer, aus
den Knochen das Gestein, aus den Haaren die Wälder, aus dem Schädel
der Himmel, aus dem Gehirn die Wolken. Aus den Maden in seinem Fleisch
aber entstand das kluge Geschlecht der Zwerge, von denen vier (Austri,
Suðri, Vestri, Norðri) das Himmelsgewölbe stützen. Noch mußte der
Erde vegetatives Leben zugeführt werden. Da nahm man Funken aus
Múspellsheim, die unstet umherflogen, und setzte sie an den Himmel;
so entstanden Sonne, Mond und Sterne. Jene schien auf die weiten
Flächen, und bald sproßte das erste Grün. Auf dem Iðavǫll, dem Felde
der Arbeit, legen die Asen die ersten Schmiedestätten an, bearbeiten
Eisen und Gold, bauen Altäre und Tempel und geben sich dann frohem
Lebensgenusse und dem Brettspiel hin, bis durch das Erscheinen der drei
Riesenmädchen, der Nornen, der erste Kampf in die Welt kommt.
Mit dieser Schöpfung der Welt parallel läuft die Mythe von der
Schöpfung der Menschen. Einst gingen drei der Götter, so berichtet die
Vǫluspá, am Meeresstrand. Da stießen sie auf zwei Bäume, Ask und Embla,
und beschlossen, diesen Leben zu geben. Óðinn gab ihnen die Seele,
Hönir den Geist, Lóðurr Lebenswärme und blühende Farbe. Aus dem alten,
bei vielen Naturvölkern bekannten Zusammenhang zwischen Baum und Mensch
ist diese mythisch-theologische Legende entstanden.
Wie sich spekulativer Geist bei der ganzen Kosmogonie zeigt, so
begegnet er auch bei der weiteren, z. T. nur skaldischen Ausbildung
der Welt. Volkstümlich ist der Glaube, daß eine mächtige Schlange, der
~Miðgarðsormr~ oder ~Jǫrmungandr~, die ganze Erde umspanne. Wie die
Menschen Miðgarð, so haben auch die mythischen Wesen ihr Heim. Die
Asen wohnen in Ásgarð, die Alfen in Alfheim, die Riesen in Jǫtunheim
oder Útgarð, das hoch im Norden liegt und sich infolgedessen vielfach
mit Niflheim berührt und wie dieses vor allem Totenreich wird. Ein
mächtiger Eisenwald, der Aufenthaltsort von Völven und anderen
dämonischen Mächten, trennt Miðgarð von Jǫtunheim. Auch das Reich der
Hel, das früheste nordische Totenreich, liegt im Norden und wie jene
Welten unter der Erde. Alle diese Reiche sind von mächtigen Flüssen
umgeben, die voll von schneidenden Schwertern sind. Wachsame Hähne
bewachen ihre Pforten. — Undeutlich sind die Vorstellungen über die
Lage von Ásgarð. Erst spätere Geschlechter scheinen diesen Göttersitz
an den Himmel verlegt zu haben und lassen dann die Brücke Bifrǫst „die
bebende Rast“ ihn mit der Erde verbinden. Auch den einzelnen Göttern
werden besondere Wohnstätten zugeschrieben (s. S. 48; 64 usw.). Hier
und da werden auch neun Welten, neun Himmel erwähnt, ohne daß sich
diese im einzelnen nachweisen lassen.
In der Dichtung sind ferner die Jahres- und Tageszeiten personifiziert.
~Vindsvalr~ („Windkalt“) heißt der Vater des Winters, ~Svásuðr~ („der
Milde“) der des Sommers, ~Dellingr~ hat den Tag, ~Narfi~ die Nacht
erzeugt. Auf ~Skínfaxi~ („Leuchtmähne“) reitet der schimmernde Tag über
die Menschen dahin, auf ~Hrímfaxi~ („Reifmähne“) die dunkle Nacht.