auf dem Haupte auf seinem Rosse Sleipnir nach Jǫtunheim aufgemacht
und ist zum Riesen Hrungnir („Lärmer“) gekommen. Diesem gegenüber
wettet er, daß es in Riesenheim kein schnelleres Roß gebe als seinen
Sleipnir. Sofort besteigt Hrungnir seinen Gullfaxi und sucht auf
diesem Óðin zu fangen. Allein es gelingt dem Riesen nicht. In seinem
Verfolgungseifer befindet sich Hrungnir plötzlich in Ásgarð, und hier
wird er freundlichst von den Asen zum Gelage eingeladen. Bei diesem
gibt man ihm die Hörner, aus denen sonst Thór zu trinken pflegt, und
bald ist der Riese betrunken. Niemand außer Freyja wagt ihm ferner
das Horn zu bieten. In seiner Trunkenheit prahlt er, den Asensitz
nach Riesenheim schaffen und alle Götter außer Freyja und Sif töten
zu wollen. Als der Übermut dieses Prahlhansen gar zu schlimm wird, da
rufen die Asen Thór. Dieser erscheint, aber das Gastrecht verbietet
ihm, dreinzuschlagen und den Riesen zu töten, da ihn ja Óðinn selbst
zum Mahle geladen hat. Außerdem weist Hrungnir den Thór darauf hin, daß
er ja waffenlos sei und daß es für Ásathór keine Ehre wäre, mit einem
Waffenlosen zu kämpfen. Aber zu Grjótúnagarð, an der Grenze zwischen
Asen- und Riesenheim, wolle er sich zu bestimmter Frist einstellen und
hier mit Thór den Zweikampf wagen. Der Ase geht auf diesen Vorschlag
ein. Als der Tag des Holmgangs gekommen ist, da errichten die Riesen
zu Grjótúnagarð eine mächtige Lehmgestalt und setzen ihr ein Stutenherz
ein. Sie gaben ihr den Namen Mǫkkurkálfi (Nebelwade). Hinter diesem
Lehmriesen verbarg sich Hrungnir. Er hatte Herz und Schädel aus Stein
und schirmte seinen Körper mit einem gewaltigen Schild. So erwartete er
Thór. In der Begleitung des Gottes befand sich Thjalfi. Er war seinem
Herrn vorausgeeilt, erblickte den Riesen und rief ihm zu: „Tue deinen
Schild unter die Füße, denn Thór kommt von unten aus der Erde.“ Die
List gelingt, denn nun war der Körper des Riesen ungedeckt. Als dieser
Thór zu Gesichte bekommt, schleudert er seine Waffe, einen Wetzstein,
gegen ihn, der Ase jedoch wirft seinen Hammer. Beide Waffen treffen
sich in der Luft; der Hammer zerschlägt den Wetzstein und tötet dann
den Riesen, während ein Stück von dem Stein in Thórs Haupt dringt.
Währenddessen hat Thjalfi in leichtem Kampfe den Lehmriesen gefällt.
Aber auch Thór ist zu Falle gekommen, und der Fuß des Riesen liegt auf
seinem Halse. Keinem der Asen, die unterdessen hinzugekommen sind,
gelingt es, den Fuß zu beseitigen, bis ihn Thórs dreitägiger Sohn Magni
mit Leichtigkeit beiseiteschiebt.
Mit dieser Thórslegende ist eine zweite verknüpft. Am Frühjahrshimmel
befindet sich ein leuchtendes Gestirn, das nannten die alten
Nordgermanen „Aurvandils Zehe“. Über den Ursprung dieses Sternbildes
erzählte man sich folgendes: Einst kam Thór aus Jǫtunheim und brachte
von hier den Aurvandil mit, den er in einem Korbe auf dem Rücken trug.
Eine Zehe des Riesen guckte aus dem Korbe hervor, und als Thór die
eisigen Elivágar durchwatete, da erfror die Zehe. Thór brach sie ab
und warf sie an den Himmel. Dieser Aurvandil, der durch ätiologische
Mythenbildung aus dem Namen des Morgensternes (ags. ~earendel~)
entstanden ist, war der Gemahl der Völve Gróa. Zu dieser begibt sich
Thór nach seinem Abenteuer mit Hrungnir und veranlaßt sie, durch
Zauber das Stück Stein aus seinem Kopfe zu befreien. Die Heilung
scheint zu gelingen; zum Lohn erzählt Thór als Neuigkeit, wie er ihren
Mann aus Riesenheim geholt habe. Aus Freude über diese Nachricht
vergißt Gróa den Zauberspruch, und so blieb der Wetzstein in Thórs
Haupt.
Thór und Geirröðr.
Besonders beliebt muß einst im Norden die Legende von Thórs Abenteuer
mit dem Riesen Geirröð gewesen sein. Noch in christlicher Zeit fordert
ein norwegischer König einen seiner Skalden auf, den Streit eines
Gerbers mit einem Eisenschmied nach dem Vorbilde von Thórs Kampf mit
Geirröð zu besingen. Nach eddischer Überlieferung hat Loki Veranlassung
zu diesem Kampfe gegeben. Dieser war einst in Freyjas Falkengewande
nach Riesenheim geflogen und war hier in die Gewalt Geirröðs gekommen.
Nur unter der Bedingung gab ihn der Riese wieder frei, er solle dafür
sorgen, daß Thór ohne seinen Hammer, seinen Kraftgürtel und seine
Eisenhandschuhe nach Riesenheim komme. Loki löst sein Wort ein. Thór
macht sich ohne Waffe allein auf den Weg und kehrt unterwegs bei der
Riesin Grið, der Mutter des Asen Viðar, ein. Wie er hier von seiner
Absicht, den Riesen Geirröð aufzusuchen, erzählt, fürchtet diese für
den Gott und gibt ihm ihren Kraftgürtel, ihre Eisenhandschuhe und ihren
Zauberstab. Wie er weiterzieht, hemmt ein Strom seinen Weg. Auf dem
Zauberstab der Grið reitend kommt Thór bis zur Mitte. Da merkt er, wie
Geirröðs Tochter stromaufwärts das Wasser schwellen macht, und sofort
schleudert er einen Stein nach der Riesin. An einem Vogelbeerstrauch,
der im Sprichwort Thórs Rettung heißt, zieht er sich schließlich ans
Land. In Geirröðs Behausung steht nur ein einziger Stuhl. Als sich
der Ase auf ihn gesetzt hat, bemerkt er, wie sich dieser nach der
Decke bewegt. Sofort stemmt er mit Hilfe des Zauberstabes dagegen und
zerbricht dadurch den beiden Töchtern Geirröðs, die sich unter dem
Stuhle befanden, das Genick. Als er dann zu Geirröð kommt, nimmt dieser
mit der Zange ein glühend Stück Eisen aus dem Feuer und wirft es nach
Thór. Allein es wird von dem Gotte mit den Eisenhandschuhen aufgefangen
und nun gegen den Riesen geworfen, den es zu Boden schmettert nebst der
Säule, hinter der er sich verbarg.
Thórs Fahrt zu Útgarðaloki.
Ein selbständiges Märchen hat einst erzählt, wie Thjalfi zu Thór
gekommen ist und wie es sich zugetragen hat, daß einer von des Gottes
Böcken lahm wurde. Dieses ist mit andern Thórsmythen verknüpft worden,
so auch mit der von Thórs Fahrt zu Útgarðaloki, dem Herrn der fernen
Riesenwelt. Gemeinsam mit Loki macht sich Thór zu neuer Ostfahrt auf.
Am Abend kehren sie bei einem Bauer ein. Hier schlachtet der Gott
zum Nachtmahl seine Böcke, ladet den Bauer und seine Kinder Thjalfi
und Rǫskva zum Mahle ein, befiehlt ihnen aber, die Knochen der Tiere
ja zu schonen und auf das ausgebreitete Bocksfell zu legen. Allein
Thjalfi spaltet einen Beinknochen und genießt sein Mark. Am nächsten
Morgen erweckt Thór mit seinem Hammer die Böcke zu neuem Leben — ein
weitverbreiteter Märchenzug —. Da merkt er, daß der eine Bock lahm
ist, und aus Zorn über die übelbelohnte Gastfreundschaft will er
den Bauer und seine Familie vernichten. Durch Bitten läßt er sich
schließlich erweichen, daß er nur die beiden Kinder mit sich nimmt.
Rǫskva verschwindet jetzt in dem weiteren Berichte, Thjalfi dagegen
begleitet den Gott und Loki nach Riesenheim. Die Böcke werden unterwegs
zurückgelassen. Am Abend kehren die drei in einem Waldhaus ein. Da
fängt um Mitternacht plötzlich die Erde an zu beben, und man vernimmt
mächtiges Brausen und Schnauben. Thór geht mit seinem Hammer hinaus
und sieht da einen Mann liegen, der sich Skrýmir („Prahlhans“) nennt.
Dieser bietet sich Thór und seinen Genossen als Reisegefährte an.
Nach dem gemeinsamen Mahle trägt Skrýmir in seinem Bündel für alle
den Speisevorrat. Am Abend legt sich der Fremde unter eine Eiche und
schläft alsbald ein. Wie Thór und seine Genossen nun essen wollen,
können sie den Speisesack nicht lösen. Der Ase weiß jetzt, daß ein
Riese sie begleitet hat. Dreimal schlägt er mit seinem Hammer den
Schlafenden auf den Kopf, aber dieser ist beim Erwachen immer ziemlich
gleichgültig. Das eine Mal sagt er, es müsse ihm ein Laubblatt auf den
Kopf gefallen sein, das andere Mal eine Eichel, beim dritten Schlage
die Feder eines Vogels. Am nächsten Morgen kommt man nach Útgarð.
Skrýmir weist Thór noch den Weg und warnt ihn vor dem Herrn der Burg
und seinem Gefolge. Bald sind sie in der Burg. Hier sitzt Útgarðaloki
auf seinem Throne, blickt höhnisch auf die Asen von oben herab und
fragt sie nach ihrer Kunst und Begabung. Loki, der zuerst Antwort
gibt, rühmt sich seiner Schnelligkeit im Essen. Logi („Lohe“), einer
von Útgarðalokis Mannen, soll mit ihm um die Wette essen. Ein großer
Trog mit Fleisch wird hereingebracht. Bald hat Loki alles Fleisch
aufgegessen. Logi aber hat nicht nur das Fleisch, sondern auch die
Knochen mit verzehrt. Jetzt kommt Thjalfi an die Reihe. Er rühmt sich
seiner Schnelligkeit im Laufen. Útgarðaloki läßt seinen Knaben Hugi
(„Gedanke“) hereinrufen, und sofort beginnt der Wettlauf. Dreimal eilen
Thjalfi und Hugi dem Ziele zu, aber stets ist dieser ungleich früher da
als Thjalfi. Die beiden Genossen sind besiegt; jetzt soll Thór selbst
seine Kunst zeigen. Dieser sagt, daß er sich am liebsten im Wettrinken
messe. Da läßt der Herr von Útgarð das Strafhorn seiner Leute bringen.
Dreimal setzte Thór an, aber es gelang ihm nicht, das Horn, das ihm
doch klein schien, auszutrinken. In zwei weiteren Proben soll Thór
seine Kraft beweisen. Er soll eine graue Katze, die auf dem Estrich
sitzt, in die Höhe heben; es gelingt ihm nur, daß die Katze einen Fuß
vom Boden hebt. Dann soll er mit der alten Amme Útgarðalokis ringen,
mit Elli („Alter“); aber auch ihrer kann er nicht Herr werden, ja Thór
fällt sogar auf das eine Knie. Da gebietet Útgarðaloki, den Kampf
abzubrechen.
Die Asen bleiben in Útgarð über Nacht. Am nächsten Morgen machen sie
sich heimwärts. Útgarðaloki begleitet sie. Thór ist wegen seiner
Mißerfolge sehr kleinlaut. Doch tröstet ihn sein Begleiter und
erzählt, wie man ihn mit Blendwerk getäuscht habe. Schon Skrýmir war
Útgarðaloki. Die Hammerschläge in jener Nacht, da Thór diesen hatte
erschlagen wollen, wurden durch mächtige Berge vom Haupte des Riesen
abgehalten; die Täler, die man in dem Gebirge sieht, sind durch jene
Hammerschläge entstanden. Loki hatte mit dem Feuer, Thjalfi mit
Útgarðalokis Gedanken den Wettkampf aufgenommen. Das Horn, aus dem Thór
getrunken, hatte seine Spitze im Meer; die Ebbe zeige, wie mächtig
der Ase gezecht habe. Die Katze, die er aufzuheben versucht, war die
Miðgarðsschlange, das alte Weib, mit dem er gerungen, das Alter, das
noch niemand überwunden hat. Wie Thór solches erfährt, gerät er in
Zorn. Er erhebt den Hammer und will Útgarðaloki töten. Aber dieser ist
verschwunden wie die Burg, in der er herrscht, und Thór befindet sich
mit seinen Gefährten auf freiem Felde.
Zîu-Týr.
Die dritte Gottheit, die allen germanischen Stämmen gemeinsam ist,
heißt bei den oberdeutschen Stämmen ~Zîu~, bei den Angelsachsen ~Tîw~,
bei den Nordgermanen ~Týr~. Sprachlich ist der Name dieses Gottes
verwandt mit dem indischen ~Dyâus~, griech. Ζεύς. Hieraus hat man
geschlossen, daß ~Tîwaz~, wie die Gottheit urgerm. gelautet haben
muß, in vorhistorischer Zeit ein lichter Himmelsgott gewesen sei,
dessen Machtgebiet allmählich verengert und zum größten Teil auf Wôdan
übertragen worden wäre. Soweit die Quellen zurückreichen, begegnet
Zîu-Týr nur als Kriegsgott. Römische Schriftsteller geben ihn immer
mit ~Mars~, griechischschreibende mit Ἄρης wieder, und der römische
~dies Martis~ ist ahd. Ziestac, ags. Tîwesdæg, altn. Týrsdagr geworden.
Altbayrische Denkmäler nennen diesen dritten Wochentag Ertac, Erchtac,
woraus man eine andere Benennung dieses Gottes (Eru) erschlossen hat.
Ein Beiwort des Zîu war auch Things; auf dies geht unser Dienstag
zurück. Unter diesem Beiwort verehrten ihn friesische Soldaten, die
in römischen Diensten am Hadrianswalle ihr Lager hatten. Bei einem
Stamme wie dem friesischen, bei dem noch in späten Jahrhunderten die
Rechtspflege eine so wichtige Rolle spielte, mußte der Kriegsgott
auch der Schirmer der Volksversammlungen sein und in dieser das Recht
schützen. Zwei Altäre an jenem Grenzwall der Provinz Britannia legen
davon Zeugnis ab: sie waren dem Mars Thingsus und seinen beiden
Begleiterinnen, den Alaisiagen Bede und Fimmelene, geweiht. Wer in
diesen göttlichen Jungfrauen steckt, wissen wir nicht. Die den Friesen
benachbarten Sachsen verehrten den Kriegsgott unter den Namen Saxnôt,
Seaxnéat „Sachsengenoß“, den sie nach der Unterwerfung durch Karl
den Großen abschwören mußten, den angelsächsische Könige in ihre
Ahnenreihen aufgenommen haben. — In Oberdeutschland war es besonders
der suebische Stamm, der den Zîu verehrte. Nach diesem Gotte hießen
die Alemannen Cyuuari „Zîuverehrer“, und in ihrem Gebiet lag die ihm
geweihte Ciesburg. Auch die Elbsueben waren eifrige Zîuverehrer. Bei
ihnen war der älteste und edelste Stamm der der Semnonen. Sie waren die
Schirmer eines heiligen Waldes, in dem sie Menschenopfer darbrachten
und den niemand ohne Fesseln betreten durfte. Wer dort niederfiel,
durfte sich nicht aufrichten, auf dem Boden mußte er sich hinauswälzen.
Denn hier, glaubten sie, wohne der allesbeherrschende Gott, vor dem
sie sich in tiefster Ehrfurcht beugten. Im Kampfe mit den Chatten
weihten diesem Gotte neben dem Wôdan die Hermunduren vor Ausbruch der
Entscheidungsschlacht die Gegner und erlangten dadurch den Sieg. Dem
Zîu vor allem verdankten es die Tenkterer, daß sich die abgefallenen
Stammesbrüder am Rheine der germanischen Sache wieder zugewandt hatten.
Bei den Nordgermanen tritt in der späteren Zeit Týr im Kult und Glauben
zurück. Nach dem Zeugnis des Prokopius, wonach die Skandinavier im
6. Jahrhundert den Ἄρης als den höchsten Gott durch Menschenopfer
verehrten, soll auch hier einst sein Kult bedeutender gewesen sein,
aber weder aus Quellen noch aus Ortsnamen läßt sich dieses Zeugnis
erhärten, so daß es fraglich ist, ob Týr in jenem Ἄρης steckt. Auch in
der mythischen Dichtung tritt Týr gegen Óðin und Thór ganz zurück. Daß
er Kriegsgott ist, weiß auch noch die Edda, und von seiner Tapferkeit
und Unerschrockenheit wußte man sich ein hübsches Märchen zu erzählen.
Der Gott galt als einarmig. Seinen rechten Arm hatte er aber auf
folgende Weise verloren. Als die Asen den Fenriswolf fesseln wollten,
da ihnen nach Orakelspruch von den Kindern Lokis Unheil drohe, zerriß
dieser im scheinbaren Spiele die Fessel Lœðing, dann Drómi, und erst
mit Gleipnir konnte er gebunden werden. Diese Fessel war von Zwergen
gewunden und bestand aus dem Geräusch der Katze, dem Barte des Weibes,
den Wurzeln des Berges, den Sehnen des Bären, dem Hauche des Fisches
und dem Speichel des Vogels. Auf einsamer Insel sollte der Wolf auch an
ihr seine Kraft erproben, obgleich sie nur wie ein Seidenband aussah.
Aber dieser merkte die List der Asen und wollte nur unter der Bedingung
auf das Spiel eingehen, daß einer seine Rechte zum Pfand in seinen
Rachen lege. Und das tat allein Týr. Nun wurde der Fenriswolf gefesselt
und tief unter der Erde in der Höhle Gjǫll angebunden. Alle Asen
freuten sich ihrer List, nur Týr nicht, denn er verlor durch sie seine
Rechte.
Heimdallr.
Ob Zîu-Týr von Haus aus eine Himmels- oder Sonnen- oder Tagesgottheit
gewesen ist, wird sich nie entscheiden lassen. Auf alle Fälle ist er
seinem Namen nach ein lichter Gott gewesen. Und in dieser Vorstellung
hat er noch im Norden fortgelebt. Freilich nicht mehr unter dem alten
Namen, sondern unter neuen, die ursprünglich nur Beiwörter des Gottes
waren. Hierher gehört in erster Linie Heimdallr d. h. „Weltglanz“. Nur
norwegisch-isländische Dichter wissen von ihm zu erzählen. Er berührt
sich in seinem Namen und seinem Wesen vielfach mit Baldr und Frey,
so daß man diese drei Götter mit gutem Rechte zusammengebracht hat
und sie nur mythische Ausgestaltungen einer alten Kultgottheit sein
läßt. Wie Baldr ist er der lichteste der Götter, wie auch Freyr der
Leuchtende genannt wird. Wie letzterer wird er als Vane bezeichnet.
Sein Roß heißt Gulltoppr („mit goldglänzendem Stirnhaar“), wie Freys
Eber Gullinbursti („mit goldenen Borsten“). Wie Freyr von Hliðskjálf
aus die Welt überschaut, so wohnt Heimdallr auf den Himmelsbergen am
Rande der Welt. Wie Freyr als Gatte der Nerthus der Vater der Menschen
ist, so begegnen auch die Menschen als Heimdalls Söhne. Daneben trifft
man noch verschiedene nur von Heimdall überlieferte Mythen. Er ist der
Wächter der Götter, der auf seiner Burg Ausguck hält über die ganze
Welt. Solche Wächter pflegten die Nordländer, pflegten die Germanen
auf ihren Kriegszügen aufzustellen. Als solcher spielt er besonders im
Ragnarökmythus eine Rolle: wenn die Riesen zum letzten großen Kampfe
heranrücken, dann bläst er in sein Horn und ruft dadurch die Asen
zum Kampfe. Niemand gleicht diesem Wächter: er bedarf weniger Schlaf
als ein Vogel und sieht Tag und Nacht gleichgut hundert Meilen weit.
Er hört jeden Laut, hört das Gras auf der Erde, die Wolle auf den
Schafen wachsen. Nach einem andern Mythus ist Heimdallr der Sohn von
neun Riesenmädchen, die ihn am Rande der Erde geboren haben. Erdkraft,
eiskaltes Meer und Eberblut haben ihn ernährt und ihm seine Kräfte
gegeben. Als einer lichten Gottheit ist sein Gegner der dämonische
Loki. Allnächtlich ringt er in Seehundsgestalt diesem am Brausesteine,
dem meerumwogten Klippeneiland, das gestohlene Brisingenkleinod der
Freyja wieder ab.
Baldr.
Der Etymologie seines Namens nach ist auch Baldr ein lichtes Wesen,
denn das Wort gehört zum Stamme ~bal~ = „licht, hell“. Über keine
Gottheit ist die Forschung so uneinig wie über Baldr. Die einen fassen
ihn als urgermanischen Himmels- oder Sonnengott auf, andere finden in
seinen Mythen nur mittelalterliche Christuslegenden in heidnischem
Gewande, noch andere sehen in ihm einen heroisierten König, aus dessen
Opferung die Mythe von seinem Tode entstanden ist.
Baldr begegnet nur in der nordischen mythologischen Dichtung, in der
isländischen vermischt mit Zügen, die aus den frühmittelalterlichen
Christus- oder Engelslegenden stammen, bei dem Dänen ~Saxo grammaticus~
ganz in der Auffassungsweise des Euhemerismus in rein menschliche
Sphäre gezogen. Nirgends, weder in Deutschland noch in England
noch in Skandinavien, finden wir Zeugnisse, die einen Baldr+kult+
erschließen lassen, und das unsichere „Balderes volon“ des Merseburger
Zauberspruches reicht nicht aus, den Glauben an einen Gott Balder für
Deutschland zu erweisen. Da nun ags. ~bealdor~, altn. ~baldr~ auch als
Appellativum = Herr, Fürst begegnet, liegt es nahe, in dem nord. Baldr
das Beiwort eines anderen germanischen Kultgottes anzunehmen, und da
sich dieser in der Mythe vielfach mit Heimdall und Frey berührt und von
dem altgermanischen Tîwaz die Mythe fast nichts zu erzählen weiß, in
diesen drei Göttern Zweiggestalten dieses Gottes zu sehen.
Was wir über Baldr erfahren, konzentriert sich meist um seinen Tod.
Er heißt der glänzendste der Asen, hat Breiðablik d. i. Weitglanz zu
seiner Wohnstätte, ist im nordischen Olymp Óðins Sohn, ist kriegerisch
und milde zugleich und ein Liebling der Götter und Menschen. Nach ihm
heißt die Hundskamille in allen nordischen Ländern Baldrsbraue.
Eine besondere Rolle in der nordischen Mythologie spielt Baldrs Tod,
denn er bildet den Anfang zum Untergang der Götter. Im Volksglauben
ist die Mythe einfach gewesen: Die Götter stehen im Kampf mit den
dämonischen Mächten. Ihr Geschick ist an das Leben Baldrs geknüpft.
Diesem kann aber nur ein Ende gemacht werden durch einen Gegenstand
(Mistel, Waffe), der sich in den Händen unterirdischer Gewalten
befindet. Sein Gegner gewinnt ihn und bringt mit ihm Baldr die
Todeswunde bei. Allein Baldr wird, wie es in jener Zeit des alten
Heidentums weitverbreiteter Volksglaube war, in seinem Bruder
wiedergeboren, und dieser vollführt nun die Rache am Mörder.
Die Mythe von Baldrs Tod ist zeitig romanhaft ausgeschmückt worden.
Heftige Liebe zur schönen Nanna, die in isländischen Quellen Tochter
des Nef, bei Saxo die des Gevarus ist, hat Baldr erfaßt. Um sie wirbt
zugleich auch Hǫðr (Hotherus bei Saxo). Will dieser in Besitz der Nanna
kommen, so gilt es einen Kampf mit Baldr. Diesem kann aber nur etwas
anhaben, wer von den unterirdischen Gewalten jenen Gegenstand erwirbt,
an den sein Leben geknüpft ist. Bei Saxo ist dies nach der einen
Fassung eine Speise von ungemeiner Zauberkraft, die dem Gotte seine
Kräfte gibt und von Jungfrauen gehütet wird, daneben ein Kraftgürtel,
nach der anderen ein Schwert, das der Waldgeist Mimingus in nordischer
Höhle birgt. In der eddischen Dichtung dagegen ist es der unscheinbare
Mistelzweig, den Baldrs Mutter Frigg allein von allen Wesen nicht
vereidigt hatte, als sie unheildrohende Träume der Götter bewogen,
allen Dingen in der Natur einen Eid abzunehmen, daß sie Baldr kein Leid
zufügen wollten. In den Besitz dieses Gegenstandes kommt des Gottes
Gegner und beraubt diesen dadurch des Lebens.
In der isländischen Dichtung hat die Erzählung von Baldrs Ende dadurch
eine wesentliche Umgestaltung erhalten, daß Loki als der eigentliche
Mörder Baldrs erscheint und Hǫðr ganz zurückgedrängt wird. Außerdem
ist die alte Mythe mehrfach erweitert und mit christlichen Zügen
verquickt worden. Nanna ist nicht mehr die umworbene Jungfrau, sondern
Baldrs Gattin. Frigg hat nach den schweren Träumen allen Wesen den
Eid abgenommen, und nun treiben die Asen mit Baldr ihr Spiel: sie
werfen und schießen nach dem Gotte, nichts schadet ihm. Das sieht
der schelsüchtige Loki. In Gestalt eines alten Weibes erfährt er von
Frigg, daß der Mistelzweig allein von allen Dingen den Baldreid nicht
geleistet habe. Sofort ist er geholt. Als Loki mit ihm kommt, sieht er
den blinden Hǫðr untätig dastehen und veranlaßt ihn, mit der Pflanze
nach Baldr zu werfen. Kaum ist der Wurf getan, da fällt der Gott tot
nieder. Alle Asen sind sprachlos. Als sie wieder zu sich gekommen sind
und ihren Schmerz durch Tränen gestillt haben, da verspricht Frigg dem
ihre Liebe und Huld, welcher versuche, Baldr aus dem Reiche der Hel
auszulösen. Hermóðr, Óðins Sohn, unterzieht sich auf dem Rosse Sleipnir
der Aufgabe. Nach neun Nächten kommt er zum Totenfluß Gjǫll und zur
Pforte der Unterwelt. Mit verwegenem Sprung setzt er über das Tor und
gelangt dann zur Halle der Hel. Die Herrin des Totenreiches will den
Gott herausgeben, wenn ihn alle Wesen und Dinge beweinen. Bevor Hermóðr
wieder von dannen reitet, spricht er noch mit Baldr, der ihm für Óðin
den Ring Draupnir mitgibt, und mit Nanna, die der Frigg ihr Kopftuch,
der Fulla einen goldenen Ring sendet. Hermóðr kehrt heim. Alles beweint
Baldr, nur das Riesenweib Thǫkk nicht, und so muß der Gott in der
Unterwelt bleiben. — Ehe Hermóðr seinen Ritt begonnen, hat man nach
nordischer Seekönigsweise Baldrs Leichnam auf das Schiff Hringhorni
gebracht und ihm hier den Scheiterhaufen errichtet. Damals war es, als
Nanna vor Kummer das Herz sprang, so daß sie zugleich mit ihrem Gatten
verbrannt wurde. In langem Zuge folgen bei diesem Leichenbrande die
Götter: Óðinn mit den Raben und Walküren, Freyr mit seinem goldnen
Eber, Heimdallr auf seinem Rosse, Freyja mit ihrem Katzengespann. Thór
weihte mit seinem Hammer den Scheiterhaufen.
War Loki nach isländischem Mythus zum Mörder Baldrs geworden, so mußte
auch an diesem die Rache vollzogen werden. Als sich der Schmerz der
Asen gelegt hat, fahndet man nach dem Übeltäter, der sich als Fisch in
einem Wasserfalle aufhält, und als man ihn gefangen, da bindet man ihn
an einem Steine fest. Und hier liegt nun Loki bis zum Untergange der
Götter. Die ältere nordische Mythe läßt natürlich die Rache an Hǫðr
vollzogen werden. Danach gewinnt Óðinn von der Rind einen Knaben, den
die eddische Dichtung ~Váli~ d. h. kleiner Vane, Saxo Bous nennt, und
dieser rächt schon in frühester Jugend den Bruder.
Isländische Quellen kennen auch einen Sohn Baldrs und der Nanna:
~Forseti~ d. h. Vorsitzer. Es wird von ihm erzählt, er sei der
beste aller Richter und schlichte von seiner Burg Glitnir aus alle
Streitsachen. Der Name dieses Gottes mag von den Nordfriesen nach
Norwegen oder Island gekommen sein. Unter diesen genoß Fosete eine
besondere Verehrung. Auf der Insel Helgoland, die nach ihm Fosetesland
hieß, war der Mittelpunkt seines Kultes. Hier hatte er die friesischen
Asegen das Recht gelehrt, hier wurden ihm an heiliger Quelle
Menschenopfer gebracht. Durch ihren Verkehr mit den Friesen lernten
die Nordgermanen diesen Gott des Rechts kennen und paßten seinen Namen
ihrer Sprache an. Erst junge Kombination hat ihn zu einem Sohn Baldrs
gemacht.
Die Vanen Freyr und Njǫrðr.