zu erzählen. Einst hat er in seinem Übermute Thórs Gemahlin Sif die
goldenen Haare abgeschnitten. Ihr Gatte Thór verlangt neue. Da macht
sich Loki auf zu den Ivaldissöhnen, Zwergen, die sich durch ihre
Kunstfertigkeit auszeichnen, und von ihnen bekommt er nicht nur neues
Haar für die Sif, sondern auch Óðins Speer Gungnir und Freys Schiff
Skiðblaðnir geschmiedet. In seinem Übermute wettet darauf Loki mit
zwei anderen Zwergen, daß sie nicht gleich treffliche Dinge arbeiten
könnten. Die Brüder gehen auf die Wette ein: es gilt das Haupt dessen,
der besiegt wird. Als Fliege — denn Loki besitzt auch die Proteusnatur
— sucht er die Zwerge an der Vollendung ihrer Arbeit zu hindern, aber
es gelingt ihnen doch, den goldenen Ring Draupnir, Freys Eber und
Thórs Hammer Mjǫllnir fertig zu stellen, und als die Asen die Wette
entscheiden sollen, da bestimmen sie den Hammer Mjǫllnir als das beste
Kleinod, und Loki hat die Wette und mit ihr sein Haupt verspielt. Aber
er weiß sich aus der Schlinge zu ziehen: erst entflieht er mit seinen
Schuhen, die ihn durch Luft und Meer tragen, dann weist er den Zwerg
darauf hin, daß er wohl das Haupt, aber nichts vom Halse verwettet
habe, und so konnte ihm der Zwerg nur die Lippen zusammennähen. — Ein
andermal erscheint Loki als der dumme Hans, der die Königstochter zum
Lachen bringt. Die Asen haben den Riesen Thjazi getötet. Seine Tochter
Skaði verlangt dafür Sühne. Sie darf sich einen der Asen zum Gemahl
wählen und soll außerdem zum Lachen gebracht werden. Letzteres gelingt
Loki. Er verkettet sich in ganz komischer Weise mit einer Ziege, daß
beide vor Schmerz laut aufschreien, und läßt sich dann der Skaði
in den Schoß fallen, daß diese laut auflachen muß. — Auch zum Tode
Thjazis war Loki indirekt die Veranlassung gewesen. Als ihn der Riese
in Adlergestalt mit in die Luft gezogen hatte, da war er nur unter der
Bedingung freigelassen worden, daß er dem Thjazi die Iðun mit ihren
verjüngenden Äpfeln brächte. Unter dem Vorwand, ihr noch kostbarere
Äpfel zu zeigen, als sie besäße, lockte er die Göttin in abgelegene
Gegend, wohin sie ihre Äpfel mitnahm, und von hier holt sie sich Thjazi
nach Thrymheim. Als bald darauf die Asen die Entführung bemerkten,
mußte Loki, der sie bewirkt, die Göttin wieder herbeischaffen. Im
Falkengewande der Freyja fliegt er in die Wohnstätte des Riesen,
verwandelt Iðun in eine Nuß und bringt sie so nach Ásgarð zurück.
Thjazi merkte bald den Raub, flog in Adlergestalt nach, wurde aber
innerhalb der Behausung der Asen von diesen getötet.
Eine weitere Rolle spielt Loki in den Thormärchen. Bund und
Gegnerschaft der beiden Asen treten hier nebeneinander auf. Er hilft
Thór seinen Hammer aus der Gewalt des Riesen wiedergewinnen, hat
aber wahrscheinlich selbst dessen Raub veranlaßt; er begleitet Thór
zu Útgarðaloki, steckt aber in diesem Gegner selbst; er führt den
mächtigen Asen zu Geirröð, steht ihm aber im Kampfe mit diesem Riesen
bei. Thór ist auch der einzige Ase, der Gewalt über Loki hat. Als er
in der Lokasenna alle Asen verhöhnt und keiner ihm hat Ruhe gebieten
können, da ruft man endlich Thór, der dem Losen den Mund zügelt. Thór
zwingt ihn, die an den Asen verübten Missetaten wieder gutzumachen;
er fängt ihn, als er sich nach Baldrs Tode im Fránangrsfors in
Lachsgestalt aufhält. Deshalb sucht auch Loki, wo er kann, Thór ein
Schnippchen zu schlagen. Zuweilen blicken in diesen Thór-Lokimärchen
die verschiedenen Schichten der Lokimythen durch. So im Märchen von
Thórs Reise zu Útgarðaloki. Im Útgarðaloki (~Ugarthilocus~ bei ~Saxo
grammaticus~) steckt noch der alte dämonische Riese Loki; gleichwohl
begleitet nach der eddischen Erzählung der asische Loki den Gott nach
Riesenheim und ißt hier mit Útgarðalokis Diener Logi, dem Feuer, um
die Wette. Dabei vermag er, wie auch sonst die Leichendämonen, nur das
Fleisch aufzuessen, das ihm vorgesetzt wird, während Logi auch die
Kochen mit verzehrt.
Zu den Lokiabenteuern gehört auch der Raub des Brisingamen, des
kostbaren Halsschmuckes der Freyja. Loki hat dies Halsband gestohlen,
birgt es hinter einer Meerklippe und bewacht es in Robbengestalt. Da
macht sich Heimdallr auf, verwandelt sich ebenfalls in eine Robbe und
ringt nach hartem Kampfe Loki das Kleinod wieder ab.
Eine besondere Rolle spielt Loki auch beim Göttergeschick und bei
dem Tode Baldrs, den die norwegisch-isländische Dichtung damit in
Zusammenhang gebracht hat. Als der Untergang der Götter nahte, so
erzählt die Vǫluspá, da wird auch Loki wieder frei, und mit den andern
menschen-, götter- und weltvernichtenden Mächten zieht er heran, um
an dem Kampfe gegen die Götter teilzunehmen. In jene Fesseln, aus
denen er sich befreit, ist er aber geschlagen worden, weil er Baldrs
Tod veranlaßt hat. Hier haben wir die isländische Variante von Baldrs
Ende, in der an Stelle vom Gegner des lichten Asen, von Hǫðr, Loki
getreten ist. Danach hat Loki in Gestalt eines alten Weibes von Frigg
erfahren, daß nach Vereidigung aller Wesen allein der Mistelzweig nicht
geschworen habe, Baldr zu schonen. Ihn holt Loki herbei, drückt ihn
dann dem blinden Hǫðr beim Spiel der Asen mit Baldr in die Hand, lenkt
das Geschoß und bewirkt so den Tod des Gottes. Als er darauf von den
Asen verfolgt wird, birgt er sich in Lachsgestalt in einem Wasserfall.
Hier fängt ihn Thór, und nun wird er in einer Felsenhöhle angebunden.
Es ist dann poetisch weiter ausgeführt, wie auf Skaðis Veranlassung
eine Schlange ihr Gift auf sein Antlitz speit, wie aber sein Weib Sigyn
in einer Schale das Gift auffängt und so den Schmerz abwendet. Nur
wenn sie die Schale ausgießt, kommt ein Tropfen auf Lokis Gesicht, und
dann zuckt der Gefesselte, daß die Erde bebt: das nennen die Menschen
Erdbeben.
In jenen nordischen Lokimärchen steckt eine Anzahl diabolischer
Züge. Dies Diabolische in Lokis Gestalt hat sich auch im nordischen
Volksglauben bis zur Gegenwart fortgeerbt. Was im Volksglauben aller
Völker vielfach vom Teufel gesagt wird, das lassen die Nordgermanen von
Loki ausgehen. Das Unkraut ist nach dänischem Aberglauben Lokis Saat;
wenn im Frühjahr Dunst über den Feldern lagert, dann treibt Loki seine
Geißen aus; wenn sich die Vögel mausern, dann gehen sie unter Lokis
Egge. Schon ehe die mittelalterlichen Teufelssagen nach dem Norden
kamen, war Loki zu einer Teufelsgestalt geworden. Deshalb knüpften
sich diese Teufelsmythen mit besonderer Vorliebe an seinen Namen, wie
sie auch mehrfach auf die Gestalten seiner Verwandtschaft von Einfluß
gewesen sein mögen.
Donar-Thór.
Die zweite gemeingermanische Gottheit ist der Donnergott (ahd.
~Donar~, alts. ~Thuner~, altn. ~Þórr~). Die älteren lateinischen
Schriftsteller und germanische Söldner in römischen Diensten nennen
ihn Herkules, spätere Quellen Jupiter. Daher wurde der römische ~dies
Jovis~ im Germanischen zu ~Donarestac~, Donnerstag. Etymologisch
gehört das Wort Donar zu lat. ~tonare~ „tönen“. In frühester Zeit
haben die Germanen einen persönlichen Gott des Donners nicht gekannt;
die Naturerscheinung an und für sich hat ihnen Furcht und Schrecken
eingeflößt. Aber schon in vorhistorischer Zeit ist die Vorstellung
von einem persönlichen Wesen, das im Donner sich zu erkennen gab,
entstanden, einem Wesen, das bei allen Stämmen göttliche Verehrung
genoß. Aus deutschen und altenglischen Quellen erfahren wir nur wenig
über das Wesen dieser Gottheit; die Zeugnisse beziehen sich alle auf
den Glauben an ihn und seinen Kult, Mythen von dem Gotte besitzt nur
die norwegisch-isländische Dichtung. Hier ist Thór die Gestalt eines
germanischen Recken, der in Kämpfen mit Riesen seine Freude findet,
der aber selbst mehr als Riese wie als Mensch erscheint und an den
sich die verschiedensten märchenhaften Züge ankristallisiert haben.
Er ist dadurch zum Märchenhelden geworden, wie Óðinn zum Romanhelden.
Ein altes Eddalied, die Hárbarðsljǫð, hat diesen Gegensatz der beiden
Gottheiten trefflich gezeichnet. Thór kommt auf dem Heimweg von seinen
Ostfahrten an einen Sund, barbeinig, in schlichtem Anzug, etwas
Bauernkost in der Tasche. An dem anderen Ufer des Wassers befindet
sich als Ferge der Graubart Óðinn. Von diesem verlangt Thór, daß er
ihn übersetze. Allein der Fährmann hat keine Lust, und nun entwickelt
sich zwischen den beiden Asen ein Zankgespräch, in dem einer dem
andern etwas am Zeuge zu flicken sucht und sich seiner Heldentaten
rühmt. Während aber sich Óðinn mit galanten Abenteuern brüstet, die
er bestanden hat, rühmt sich Thór seiner Kämpfe gegen die Riesen und
Riesenweiber, wodurch er die Welt gesäubert hat. Dieser Gegensatz
zwischen Óðin und Thór, der in diesem Gedichte zutage tritt, wurzelt in
der verschiedenen Verehrung der beiden Götter. Nicht selten begegnet
uns in den nordischen Sagas, daß von zwei Gegnern der eine Óðin,
der andere Thór um Sieg angerufen und ihm geopfert hat, daß beide
Götter, der eine für den einen, der andre für dessen Gegner Partei
ergreifen. Als z. B. der Schwedenkönig Eiríkr gegen seinen Neffen
Styrbjǫrn kämpfte, rief dieser Thór um seinen Beistand an, während
Eiríkr Óðin opferte und ihm sich selbst weihte. Beiden erscheint ihr
Gott im Traume. Thór äußert, daß ihm der Kampf nicht lieb sei; Óðinn
dagegen befiehlt seinem Schützling, einen Rohrstengel über die Gegner
zu werfen und sie dem Gotte zu weihen. Das geschieht, Eiríkr siegt, und
Styrbjǫrn kommt mit seinem ganzen Gefolge um. Auf solchem Gegensatz
in der Verehrung der beiden Götter beruht es auch, wenn der Dichter
der Hárbarðsljǫð den Hárbarð seinem Gegner zurufen läßt: „Óðinn hat
die Jarle, die im Kampf fallen, aber Thór die Knechte“, denn im Norden
genoß jener unter den Kriegern, unter den friedlichen Bauern dieser
mehr Verehrung.
Donar erscheint in allen Quellen, wo er begegnet, als eine kraftvolle,
mächtige Gestalt. Auf Inschriften wird er daher ~Hercules magusanus~
„der Starke“ oder ~invictus~ „der Unbesiegte“ genannt, und Tacitus
sagt, daß die Germanen ihn als den vorzüglichsten aller Helden besungen
hätten, wenn sie in den Kampf gingen. Sein Gesicht schmückt ein
großer roter Bart. ~Hercules barbatus~ nennen ihn deshalb germanische
Söldner. Norwegern, Schweden, Isländern, die ihn um Beistand angerufen
haben, erscheint er oft im Traume als große, rotbärtige Gestalt.
Als die schon christlichen Grönländer auf ihrer Suche nach Vinland
durch den Genuß von Fischfleisch erkrankten, da rief ihnen ihr
noch heidnischer Genosse Thorhallr zu: „Ist es nicht so, daß der
Rotbärtige mächtiger ist als euer Christ?“ Die Farbe des Blitzes hat im
Volksglauben diesen roten Bart entstehen lasse. Auch in dem ~Jupiter
ardens~, dem flammenden Donar, den die Sueben nach den Predigten des
hl. Gallus verlassen, spiegelt sich dieses mythische Bild wider.
Wie beim Donnergott nicht anders zu erwarten ist, zeichnet er sich
durch seine kräftige Stimme aus. Daher heißt er ~Hlórriði~ „der
brüllende Wetterer“. Einst kam König Óláfr von Norwegen auf seinen
Bekehrungsfahrten zu einem Thórverehrer. Da findet dieser seinen Gott
mißmutig und erfährt von ihm die Ursache des Mißmuts. Infolgedessen
ruft er ihm zu: „Laß gegen sie (Óláf und seine Leute) deine Bartstimme
dröhnen, und wir werden ihnen tüchtig Widerstand leisten.“ Diese
Bartstimme des Gottes ahmten die Germanen nach, wenn sie in den Kampf
zogen; es ist der ~barditus~ (Bartgesang), von dem Tacitus berichtet.
Gemeingermanisch ist ferner die Vorstellung, daß Donar in der Hand
eine Waffe, eine Keule oder einen Hammer, führe, die er werfe und die
zu ihm von selbst zurückkehre. Diese Waffe gab Veranlassung, daß die
römischen Schriftsteller in ihm den mythischen Herkules fanden. Bei den
Dithmarschen heißt es noch heute, wenn es donnert, der Alte schlage
mit seiner Axt an die Räder seines Wagens. In Skandinavien kennt man
ebenfalls noch heute Thórs schweren Hammer. In den nordischen Mythen
heißt dieser Hammer ~Mjǫllnir~ d. i. Zermalmer. Diesen Thórshammer
zeigen häufig die Skulpturen nordischer Runensteine, und zahlreiche
silberne Hämmer, Thórssymbole als heilige und schützende Amulette,
sind in den prähistorischen Gräbern gefunden worden. Mit seinem Hammer
weihte Donar die Verträge, besonders den Ehebund. Diese Donarweihe
bezeugt die Nordendorfer Spange, eines der wichtigsten Zeugnisse
altdeutschen Donarglaubens. Im Volksglauben lebt sie lange fort.
„Der schmid warff seinen hammer
Von oben ab ze tal,
Schal hub sich in den lüfften“
singt Muskatblut im 15. Jahrhundert, als er den Bund der Maria mit
dem Jesuskinde verherrlichte. Im Liede vom Riesen Thrym will der
Thursenfürst seine Ehe mit dem als Freyja verkleideten Thór feiern;
alles scheint in Ordnung zu sein, da ruft er seinen Riesen zu:
Bringet herein den Hammer, die Braut zu weihen,
Legt Mjǫllnir in des Mädchens Schoß.
Norwegische Volkssagen wissen zu erzählen, wie Thór bei Hochzeiten
herabkommt und die Ehe segnet. Auch andere heilige Handlungen und
Rechtsvorgänge werden mit Thórs Hammer geweiht. Auf Runensteinen finden
sich häufig die Worte: „Thór weihe diese Runen, weihe diesen Hügel.“
Als man für Baldr den Scheiterhaufen errichtet hatte und der tote Gott
darauf verbrannt werden sollte, da weihte Thór ebenfalls den Holzstoß.
So spielt er mit seinem Hammer eine Rolle bei allen feierlichen
Handlungen. Hiermit mag es zusammenhängen, daß nach Einführung der
römischen Woche der Donnerstag als besonders geeigneter Tag für
öffentliche Versammlungen und Hochzeiten gehalten wurde.
Eine ganz besondere Verehrung hat Thór bei den alten Norwegern und
in den von ihnen besiedelten Ländern des Westmeeres genossen. Zu
Hunderten zählen die Personen- und Ortsnamen, die von seinem Namen
abgeleitet sind. Hier ist er der am meisten verehrte Ase, der erste
aller Götter, hier schnitzt man sein Bild in die Pfeiler, die den
Hochsitz des Hauses zieren, hier ruft man ihn an, um Fruchtbarkeit der
Felder zu erlangen, hier ist er Gott des Wetters und Windes und dadurch
auch der Schiffahrt. Zahlreich sind die Zeugnisse, wo von seinem
Tempel, seinem Bild, seiner Verehrung erzählt wird. Ein Thórstempel
befand sich auf Rauðsey, einer Insel im nördlichen Norwegen, zu Mœrir
opferten die Drontheimer ihrem Thór, dessen Bild aus Gold und Silber
war, zu Hundthorp in Guðbrandsdal befand sich an der Dingstätte der
Guðbrandstaler ein Heiligtum Thórs. Von der norwegischen Insel Mostr
nahm Thórolfr das Holz seines Thórstempels bei seiner Auswanderung
mit nach Island und errichtete hier dem Gotte eine neue Heimstätte:
den Ort, wo die Hochsitzsäulen mit dem Thórsbild angeschwommen waren,
nannte er Thórsnes, den Hauptstrom an der Grenze seines Gebietes
Thórsá. Derselbe Thórolfr schenkte seinen Sohn Stein dem Thór und
nannte ihn Thorstein. Und ebenso verfährt dieser Thorstein wieder; auch
er weiht seinen Sohn dem Gotte, nennt ihn Thorgrímr und bestimmt, daß
er Tempelpriester im Heiligtum des Thór werden solle. So wurde dieser
Gott bei allem, was man tat, um Rat gefragt, bei jedem Unternehmen
um Beistand angerufen. Er galt als Beschirmer friedlicher Arbeit und
stand den Menschen bei im Kampfe gegen die dämonischen Mächte, die
hauptsächlich Riesen repräsentierten. Daher heißt er der Feind der
Riesen und Riesenweiber, der Schirmer Miðgarðs d. i. der Erde. Und
als man in Ásgarð den Asen eine besondere Wohnstätte gegeben hatte,
wurde er natürlich auch der Verteidiger dieser, und die mythologische
Dichtung erzählt, wie er die Asenburg gegen die Riesen geschützt habe.
In dieser nordisch-mythologischen Dichtung ist nun auch das Bild des
Gottes weiter ausgeschmückt worden. Alte, einst selbständige Gottheiten
sind mit ihm verwandtschaftlich verknüpft, aus seinen Eigenschaften
sind ihm Kinder entstanden, seinen Werkzeugen sind Namen gegeben
worden. In den Kreisen, da Óðinn zum obersten aller Götter geworden
war, ist Thór sein kraftvoller Sohn. Älter ist sicher die Verbindung
Thórs mit der Erdgöttin, als deren Sohn er mehrfach begegnet. Diese
Mutter Thórs heißt bald ~Jǫrð~ (Erde), bald ~Hlóðyn~, die als ~Hludana~
auf römisch-germanischen Inschriften am Niederrhein vorkommt, bald
~Fjǫrgyn~. Letztere ist gepaart mit einem ~Fjǫrgunn~, der sich mit
dem ahd. Gebirgsnamen ~Fergunna~, got. ~fairguni~, ags. ~firgin~
„Berg“ deckt und im litauischen ~Perkunas~ als Gewittergott erscheint.
Thórs Gattin ist ~Sif~ „die Erfreuende, die Gattin“. Beider Kind ist
~Thrúðr~ „die Kraft“, eine mythische Personifikation einer Eigenschaft
des Gottes. Sie soll einst von einem Riesen entführt worden sein.
Nach dem jungen Gedicht Alvísmál hat sich der Zwerg Alvís während der
Abwesenheit des Vaters mit ihr verlobt, wird aber nach Thórs Rückkehr
von diesem durch Fragen auf der Erde zurückgehalten, bis ihn die
aufgehende Sonne in Stein verwandelt. Auch Thórs beide Söhne ~Magni~
und ~Móði~ („Kraft“ und „heftiger Sinn“) sind nichts anderes als
personifizierte Eigenschaften des Vaters. Von Magni, den der Gott mit
dem Riesenweibe ~Járnsaxa~ erzeugt haben soll, wird die Stärke gerühmt:
als im Kampf mit dem Riesen Hrungnir dessen Fuß auf den Gott gefallen
war, konnte ihn niemand beseitigen als dieser dreitägige Sohn Thórs
(S. 69). Beide Kinder werden einst in der verjüngten Welt des Hammers
~Mjǫllnir~ walten. — Aus des Gottes Handlungen hat ferner die Dichtung
seine Pflegekinder ~Vingnir~ „Schwinger“ und ~Hlóra~ „zuckende Flamme“
geschaffen. In der Begleitung des Gottes finden wir neben dem schon
erwähnten Loki den Knaben ~Thjalfi~, der sich durch seine Schnelligkeit
auszeichnet, und seine Schwester ~Rǫskva~ „die Rasche“. Von diesem
Thjalfi (Thjelvar) erzählte man auf der Insel Gotland, daß er zuerst
das Feuer auf die Erde gebracht habe.
Die nordische Dichtung hat Thór auch eine Heimstätte gegeben: Thrúðheim
oder Thrúðvang „das Heim, das Feld der Kraft“. Hier findet sich
seine Wohnung Bilskirnir, der größte aller Götterpaläste. Von hier
aus unternimmt der Gott seine Ostfahrten zu den Riesen. Nicht immer
wandert er, oft fährt er in seinem Wagen. Daher heißt er „der Gott des
Wagens“, „der Wagenmann“. Zwei Böcke, ~Tanngnjóstr~ („Zahnknisterer“)
und ~Tanngrísnir~ („Zahnknirscher“), ziehen diesen Wagen. Den Hammer
Mjǫllnir umspannt die Hand mit dem Eisenhandschuh, die Lenden des
Gottes schmückt die ~megingjǫrð~, der Kraftgürtel, durch den seine
Stärke wächst.
Ein Gott von solcher Stärke, wie es Thór ist, muß natürlich auch viel
essen und trinken. Diese Eß- und Trinklust ist typisch geworden wie das
Feuer seines Blickes, dem niemand widerstehen kann. Als er in Freyjas
Gewand sich in Riesenheim befand, da aß er zwei Ochsen, acht Lachse,
die ganze Speise, die für die Frauen bestimmt war, und trank drei
Tonnen Met. Und als der lüsterne Riese der erhofften Braut den Schleier
lüftet und ins Auge schaut, da prallt er vor dem Blicke des Gottes
zurück und fällt den Saal entlang.
Von einem solchen Liebling des Volkes mußte natürlich auch mancherlei
erzählt werden. So rankte sich denn um Thór die mythologische Legende
und mit ihr das Märchen. Von keinem Gotte hat die nordische Dichtung so
viel Abenteuer überliefert wie von Thór. Meist sind es Kämpfe, die der
Gott mit Riesen zu bestehen hatte.
Die Heimholung des Hammers.
Thór erwacht eines Morgens und vermißt seinen Hammer. Er ruft Loki,
und dieser muß Rat schaffen, wie der Hammer wiederzuerlangen ist. Die
andern Lokimythen legen die Vermutung nahe, daß Loki den Hammer in
die Gewalt der Riesen gebracht hat. In Freyjas Falkengewande macht
sich dieser auf, kommt zum Thursenfürsten Thrym („Lärmer“), der den
Hammer acht Klafter tief in der Erde verborgen hält, und erfährt von
ihm, daß er nur unter der Bedingung den Hammer herausgebe, wenn er
Freyja zum Weibe erhalte. Entrüstet weist Freyja die Aufforderung,
mit nach Jǫtunheim zu gehen, zurück. Da rät Heimdallr, man solle
Thór Frauengewänder anlegen und ihn nach Jǫtunheim führen. Anfangs
weist dieser den Rat zurück, als er aber selbst keinen anderen Ausweg
findet, da läßt er sich mit Freyjas Frauengewand und dem herrlichen
Brisingenkleinod schmücken und begibt sich so als Freyja mit Loki,
der ihn als Magd begleitet, nach Riesenheim. Freude herrscht beim
alten Thrym, als er die vermeintliche Braut mit ihrem Mädchen ankommen
sieht. Bald wird das Mahl bereitet. Thór-Freyja ißt alles auf, was für
die Frauen bestimmt ist. Der Riese staunt über diese Eßlust, aber die
listige Magd Loki weiß sie zu erklären: „Nichts aß Freyja acht Nächte
hindurch, so trieb es sie nach Riesenheim.“ Da gelüstet es Thrym, die
Braut zu küssen. Wie er ihr aber den Schleier hebt und ins Auge schaut,
da trifft ihn des Gottes Blick und er fällt in den Saal zurück. Wieder
weiß Loki das Funkeln der Augen zu erklären: „Nicht schlief Freyja acht
Nächte lang, so trieb sie die Sehnsucht nach Riesenheim.“ Jetzt läßt
Thrymr den Hammer holen, damit durch ihn die Ehe geweiht werde. Doch
kaum hat Thór den Mjǫllnir im Schoße, da erfaßt er ihn und erschlägt
nun Thrym und das ganze Riesengeschlecht.
Thór holt den Metkessel vom Riesen Hymir.
Die Asen sind einst beim Meergotte Ägir zum Gelage. Da fehlt es an
einem Metkessel, der groß genug ist, daß darin für alle Teilnehmer das
Bier gebraut werde. Týr weist darauf hin, daß sein Vater Hymir, der
am Himmelsrande wohnt, einen Kessel besitze, der eine Meile tief sei.
Gemeinsam machen sich Thór und Týr auf zur Halle des Riesen. Dieser ist
nicht zugegen; sein Mädchen, die Mutter Týrs, hilft den Göttern und
birgt sie unter einem Kessel. Am Abend kommt der Riese von der Jagd
heim. Sein gefrorener Bart gleicht einem Walde, Eiszapfen umgeben
seinen Saal. Das Mädchen begrüßt ihn und erzählt, daß Thór und ihr
Sohn zum Besuch gekommen seien. Da schaut sich der Riese in seinen
Gemächern um; vor seinem Blicke bersten Pfeiler und Balken, zerbrechen
sieben Kessel, und nur der eine, unter dem sich die Götter befinden,
bleibt unverletzt. Da treten die Götter hervor; Hymir erkennt den alten
Gegner der Riesen, aber das Gastrecht verbietet ihm, sich an ihm zu
vergreifen. Das Mahl wird bereitet; von den geschlachteten drei Ochsen
ißt Thór allein zwei. Am nächsten Morgen soll durch einen Fischfang für
neue Nahrung gesorgt werden. Thór will mit hinaus aufs Meer. Als Köder
holt er sich das Haupt eines schwarzen Stieres aus Hymirs Herde. Weit
draußen im Meere wird die Angelschnur ausgeworfen. Während der Riese
Wale fängt, beißt an der Angel Thórs die Miðgarðsschlange an. Als sie
der Gott in die Höhe ziehen will, zerschneidet Hymir die Schnur, und
so fällt das Ungetüm ins Meer zurück. Bald kehrt man heim. Thór trägt
allein das Boot und die beiden Wale, die der Riese gefangen, auf seinen
Schultern ans Land. Der Riese ist in der Kraftprobe von Thór besiegt
worden, aber gleichwohl gibt er den Kessel noch nicht heraus. Der Ase
soll erst noch einen kristallenen Becher zerschlagen. Alle Versuche,
dies auszuführen, mißglücken, bis das Mädchen den Rat gibt, den Becher
dem Riesen an den Kopf zu werfen. Jetzt zerspringt er, und nun muß der
Kessel hergegeben werden. Noch gilt es, diesen aufzuheben. Týr versucht
es vergeblich. Aber Thór ist es ein leichtes; er stülpt den Kessel über
den Kopf, und sofort geht es zu Ägir zurück. Doch der Riese versammelt
alsbald sein Geschlecht und setzt dem Asen nach. Als dieser es gewahr
wird, setzt er den Kessel nieder und tötet das ganze Riesengeschlecht.
In diesem Liede von der Kesselholung sind verschiedene märchenhafte
Erzählungen zu einem Ganzen verwebt. Unter diesen war besonders Thórs
Fang der Miðgarðsschlange bei den Skalden ein sehr beliebter Stoff, der
unabhängig von der Kesselholung wiederholt behandelt worden ist.
Thór und Hrungnir.