mag - und wer wäre nicht schon einmal alles Subjektiven und seiner
verfluchten Ipsissimosität bis zum Sterben satt gewesen! - zuletzt
muss man aber auch gegen seine Dankbarkeit Vorsicht lernen und
der Übertreibung Einhalt thun, mit der die Entselbstung und
Entpersönlichung des Geistes gleichsam als Ziel an sich, als Erlösung
und Verklärung neuerdings gefeiert wird: wie es namentlich innerhalb
der Pessimisten-Schule zu geschehn pflegt, die auch gute Gründe hat,
dem "interesselosen Erkennen" ihrerseits die höchsten Ehren zu geben.
Der objektive Mensch, der nicht mehr flucht und schimpft, gleich
dem Pessimisten, der ideale Gelehrte, in dem der wissenschaftliche
Instinkt nach tausendfachem Ganz- und Halb-Missrathen einmal zum Auf-
und Ausblühen kommt, ist sicherlich eins der kostbarsten Werkzeuge,
die es giebt: aber er gehört in die Hand eines Mächtigeren. Er ist
nur ein Werkzeug, sagen wir: er ist ein Spiegel, - er ist kein
"Selbstzweck". Der objektive Mensch ist in der That ein Spiegel: vor
Allem, was erkannt werden will, zur Unterwerfung gewohnt, ohne eine
andre Lust, als wie sie das Erkennen, das "Abspiegeln" giebt, - er
wartet, bis Etwas kommt, und breitet sich dann zart hin, dass auch
leichte Fusstapfen und das Vorüberschlüpfen geisterhafter Wesen nicht
auf seiner Fläche und Haut verloren gehen. Was von "Person" an ihm
noch übrig ist, dünkt ihm zufällig, oft willkürlich, noch öfter
störend: so sehr ist er sich selbst zum Durchgang und Wiederschein
fremder Gestalten und Ereignisse geworden. Er besinnt sich auf "Sich"
zurück, mit Anstrengung, nicht selten falsch; er verwechselt sich
leicht, er vergreift sich in Bezug auf die eignen Nothdürfte und ist
hier allein unfein und nachlässig. Vielleicht quält ihn die Gesundheit
oder die Kleinlichkeit und Stubenluft von Weib und Freund, oder der
Mangel an Gesellen und Gesellschaft, - ja, er zwingt sich, über seine
Qual nachzudenken: umsonst! Schon schweift sein Gedanke weg, zum
allgemeineren Falle, und morgen weiss er so wenig als er es gestern
wusste, wie ihm zu helfen ist. Er hat den Ernst für sich verloren,
auch die Zeit: er ist heiter, nicht aus Mangel an Noth, sondern
aus Mangel an Fingern und Handhaben für seine Noth. Das gewohnte
Entgegenkommen gegen jedes Ding und Erlebniss, die sonnige und
unbefangene Gastfreundschaft, mit der er Alles annimmt, was auf ihn
stösst, seine Art von rücksichtslosem Wohlwollen, von gefährlicher
Unbekümmertheit um Ja und Nein: ach, es giebt genug Fälle, wo er diese
seine Tugenden büssen muss! - und als Mensch überhaupt wird er gar zu
leicht das caput mortuum dieser Tugenden. Will man Liebe und Hass von
ihm, ich meine Liebe und Hass, wie Gott, Weib und Thier sie verstehn
-: er wird thun, was er kann, und geben, was er kann. Aber man soll
sich nicht wundern, wenn es nicht viel ist, - wenn er da gerade sich
unächt, zerbrechlich, fragwürdig und morsch zeigt. Seine Liebe ist
gewollt, sein Hass künstlich und mehr un tour de force, eine kleine
Eitelkeit und Übertreibung. Er ist eben nur ächt, so weit er objektiv
sein darf: allein in seinem heitern Totalismus ist er noch "Natur"
und "natürlich". Seine spiegelnde und ewig sich glättende Seele weiss
nicht mehr zu bejahen, nicht mehr zu verneinen; er befiehlt nicht;
er zerstört auch nicht. "Je ne méprise presque rien" - sagt er mit
Leibnitz: man überhöre und unterschätze das presque nicht! Er ist auch
kein Mustermensch; er geht Niemandem voran, noch nach; er stellt sich
überhaupt zu ferne, als dass er Grund hätte, zwischen Gut und Böse
Partei zu ergreifen. Wenn man ihn so lange mit dem Philosophen
verwechselt hat, mit dem cäsarischen Züchter und Gewaltmenschen
der Cultur: so hat man ihm viel zu hohe Ehren gegeben und das
Wesentlichste an ihm übersehen, - er ist ein Werkzeug, ein Stück
Sklave, wenn gewiss auch die sublimste Art des Sklaven, an sich aber
Nichts, - presque rien! Der objektive Mensch ist ein Werkzeug, ein
kostbares, leicht verletzliches und getrübtes Mess-Werkzeug und
Spiegel-Kunstwerk, das man schonen und ehren soll; aber er ist kein
Ziel, kein Ausgang und Aufgang, kein complementärer Mensch, in dem das
übrige Dasein sich rechtfertigt, kein Schluss - und noch weniger ein
Anfang, eine Zeugung und erste Ursache, nichts Derbes, Mächtiges,
Auf-sich-Gestelltes, das Herr sein will: vielmehr nur ein zarter
ausgeblasener feiner beweglicher Formen-Topf, der auf irgend einen
Inhalt und Gehalt erst warten muss, um sich nach ihm "zu gestalten",
- für gewöhnlich ein Mensch ohne Gehalt und Inhalt, ein "selbstloser"
Mensch. Folglich auch Nichts für Weiber, in parenthesi. -
208.
Wenn heute ein Philosoph zu verstehen giebt, er sei kein Skeptiker,
- ich hoffe, man hat Das aus der eben gegebenen Abschilderung des
objektiven Geistes herausgehört? - so hört alle Welt das ungern; man
sieht ihn darauf an, mit einiger Scheu, man möchte so Vieles fragen,
fragen... ja, unter furchtsamen Horchern, wie es deren jetzt in Menge
giebt, heisst er von da an gefährlich. Es ist ihnen, als ob sie,
bei seiner Ablehnung der Skepsis, von Ferne her irgend ein böses
bedrohliches Geräusch hörten, als ob irgendwo ein neuer Sprengstoff
versucht werde, ein Dynamit des Geistes, vielleicht ein neuentdecktes
Russisches Nihilin, ein Pessimismus bonae voluntatis, der nicht bloss
Nein sagt, Nein will, sondern - schrecklich zu denken! Nein thut.
Gegen diese Art von "gutem Willen" - einem Willen zur wirklichen
thätlichen Verneinung des Lebens - giebt es anerkanntermaassen heute
kein besseres Schlaf- und Beruhigungsmittel, als Skepsis, den sanften
holden einlullenden Mohn Skepsis; und Hamlet selbst wird heute von den
Ärzten der Zeit gegen den "Geist" und sein Rumoren unter dem Boden
verordnet. "Hat man denn nicht alle Ohren schon voll von schlimmen
Geräuschen? sagt der Skeptiker, als ein Freund der Ruhe und beinahe
als eine Art von Sicherheits-Polizei: dies unterirdische Nein ist
fürchterlich! Stille endlich, ihr pessimistischen Maulwürfe!" Der
Skeptiker nämlich, dieses zärtliche Geschöpf, erschrickt allzuleicht;
sein Gewissen ist darauf eingeschult, bei jedem Nein, ja schon bei
einem entschlossenen harten Ja zu zucken und etwas wie einen Biss zu
spüren. Ja! und Nein! - das geht ihm wider die Moral; umgekehrt liebt
er es, seiner Tugend mit der edlen Enthaltung ein Fest zu machen, etwa
indem er mit Montaigne spricht: "was weiss ich?" Oder mit Sokrates:
"ich weiss, dass ich Nichts weiss". Oder: "hier traue ich mir nicht,
hier steht mir keine Thür offen." Oder: "gesetzt, sie stünde offen,
wozu gleich eintreten!" Oder: "wozu nützen alle vorschnellen
Hypothesen? Gar keine Hypothesen machen könnte leicht zum guten
Geschmack gehören. Müsst ihr denn durchaus etwas Krummes gleich gerade
biegen? Durchaus jedes Loch mit irgend welchem Werge ausstopfen? Hat
das nicht Zeit? Hat die Zeit nicht Zeit? Oh ihr Teufelskerle, könnt
ihr denn gar nicht warten? Auch das Ungewisse hat seine Reize, auch
die Sphinx ist eine Circe, auch die Circe war eine Philosophin." -
Also tröstet sich ein Skeptiker; und es ist wahr, dass er einigen
Trost nöthig hat. Skepsis nämlich ist der geistigste Ausdruck einer
gewissen vielfachen physiologischen Beschaffenheit, welche man in
gemeiner Sprache Nervenschwäche und Kränklichkeit nennt; sie entsteht
jedes Mal, wenn sich in entscheidender und plötzlicher Weise lang
von einander abgetrennte Rassen oder Stände kreuzen. In dem neuen
Geschlechte, das gleichsam verschiedene Maasse und Werthe in's Blut
vererbt bekommt, ist Alles Unruhe, Störung, Zweifel, Versuch; die
besten Kräfte wirken hemmend, die Tugenden selbst lassen einander
nicht wachsen und stark werden, in Leib und Seele fehlt Gleichgewicht,
Schwergewicht, perpendikuläre Sicherheit. Was aber in solchen
Mischlingen am tiefsten krank wird und entartet, das ist der Wille:
sie kennen das Unabhängige im Entschlusse, das tapfere Lustgefühl im
Wollen gar nicht mehr, - sie zweifeln an der "Freiheit des Willens"
auch noch in ihren Träumen. Unser Europa von heute, der Schauplatz
eines unsinnig plötzlichen Versuchs von radikaler Stände- und folglich
Rassenmischung, ist deshalb skeptisch in allen Höhen und Tiefen, bald
mit jener beweglichen Skepsis, welche ungeduldig und lüstern von
einem Ast zum andern springt, bald trübe wie eine mit Fragezeichen
überladene Wolke, - und seines Willens oft bis zum Sterben satt!
Willenslähmung: wo findet man nicht heute diesen Krüppel sitzen! Und
oft noch wie geputzt! Wie verführerisch herausgeputzt! Es giebt die
schönsten Prunk- und Lügenkleider für diese Krankheit; und dass zum
Beispiel das Meiste von dem, was sich heute als "Objektivität",
"Wissenschaftlichkeit", "l'art pour l'art", "reines willensfreies
Erkennen" in die Schauläden stellt, nur aufgeputzte Skepsis und
Willenslähmung ist, - für diese Diagnose der europäischen Krankheit
will ich einstehn. - Die Krankheit des Willens ist ungleichmässig über
Europa verbreitet: sie zeigt sich dort am grössten und vielfältigsten,
wo die Cultur schon am längsten heimisch ist, sie verschwindet
im dem Maasse, als "der Barbar" noch - oder wieder - unter dem
schlotterichten Gewande von westländischer Bildung sein Recht geltend
macht. Im jetzigen Frankreich ist demnach, wie man es ebenso leicht
erschliessen als mit Händen greifen kann, der Wille am schlimmsten
erkrankt; und Frankreich, welches immer eine meisterhafte
Geschicklichkeit gehabt hat, auch die verhängnisvollen Wendungen
seines Geistes in's Reizende und Verführerische umzukehren, zeigt
heute recht eigentlich als Schule und Schaustellung aller Zauber der
Skepsis sein Cultur-Übergewicht über Europa. Die Kraft zu wollen,
und zwar einen Willen lang zu wollen, ist etwas stärker schon in
Deutschland, und im deutschen Norden wiederum stärker als in der
deutschen Mitte; erheblich stärker in England, Spanien und Corsika,
dort an das Phlegma, hier an harte Schädel gebunden, - um nicht von
Italien zu reden, welches zu jung ist, als dass es schon wüsste, was
es wollte, und das erst beweisen muss, ob es wollen kann -, aber am
allerstärksten und erstaunlichsten in jenem ungeheuren Zwischenreiche,
wo Europa gleichsam nach Asien zurückfliesst, in Russland. Da ist die
Kraft zu wollen seit langem zurückgelegt und aufgespeichert, da wartet
der Wille - ungewiss, ob als Wille der Verneinung oder der Bejahung -
in bedrohlicher Weise darauf, ausgelöst zu werden, um den Physikern
von heute ihr Leibwort abzuborgen. Es dürften nicht nur indische
Kriege und Verwicklungen in Asien dazu nöthig sein, damit Europa von
seiner grössten Gefahr entlastet werde, sondern innere Umstürze, die
Zersprengung des Reichs in kleine Körper und vor Allem die Einführung
des parlamentarischen Blödsinns, hinzugerechnet die Verpflichtung für
Jedermann, zum Frühstück seine Zeitung zu lesen. Ich sage dies nicht
als Wünschender: mir würde das Entgegengesetzte eher nach dem Herzen
sein, - ich meine eine solche Zunahme der Bedrohlichkeit Russlands,
dass Europa sich entschliessen müsste, gleichermaassen bedrohlich zu
werden, nämlich Einen Willen zu bekommen, durch das Mittel einer neuen
über Europa herrschenden Kaste, einen langen furchtbaren eigenen
Willen, der sich über Jahrtausende hin Ziele setzen könnte: - damit
endlich die langgesponnene Komödie seiner Kleinstaaterei und ebenso
seine dynastische wie demokratische Vielwollerei zu einem Abschluss
käme. Die Zeit für kleine Politik ist vorbei: schon das nächste
Jahrhundert bringt den Kampf um die Erd-Herrschaft, - den Zwang zur
grossen Politik.
209.
Inwiefern das neue kriegerische Zeitalter, in welches wir Europäer
ersichtlich eingetreten sind, vielleicht auch der Entwicklung einer
anderen und stärkeren Art von Skepsis günstig sein mag, darüber möchte
ich mich vorläufig nur durch ein Gleichniss ausdrücken, welches
die Freunde der deutschen Geschichte schon verstehen werden. Jener
unbedenkliche Enthusiast für schöne grossgewachsene Grenadiere,
welcher, als König von Preussen, einem militärischen und skeptischen
Genie - und damit im Grunde jenem neuen, jetzt eben siegreich
heraufgekommenen Typus des Deutschen - das Dasein gab, der fragwürdige
tolle Vater Friedrichs des Grossen, hatte in Einem Punkte selbst den
Griff und die Glücks-Kralle des Genies: er wusste, woran es damals in
Deutschland fehlte, und welcher Mangel hundert Mal ängstlicher und
dringender war, als etwa der Mangel an Bildung und gesellschaftlicher
Form, - sein Widerwille gegen den jungen Friedrich kam aus der Angst
eines tiefen Instinktes. Männer fehlten; und er argwöhnte zu seinem
bittersten Verdrusse, dass sein eigner Sohn nicht Manns genug sei.
Darin betrog er sich: aber wer hätte an seiner Stelle sich nicht
betrogen? Er sah seinen Sohn dem Atheismus, dem esprit, der
genüsslichen Leichtlebigkeit geistreicher Franzosen verfallen: - er
sah im Hintergrunde die grosse Blutaussaugerin, die Spinne Skepsis, er
argwöhnte das unheilbare Elend eines Herzens, das zum Bösen wie zum
Guten nicht mehr hart genug ist, eines zerbrochnen Willens, der nicht
mehr befiehlt, nicht mehr befehlen kann. Aber inzwischen wuchs in
seinem Sohne jene gefährlichere und härtere neue Art der Skepsis empor
- wer weiss, wie sehr gerade durch den Hass des Vaters und durch die
eisige Melancholie eines einsam gemachten Willens begünstigt? - die
Skepsis der verwegenen Männlichkeit, welche dem Genie zum Kriege und
zur Eroberung nächst verwandt ist und in der Gestalt des grossen
Friedrich ihren ersten Einzug in Deutschland hielt. Diese Skepsis
verachtet und reisst trotzdem an sich; sie untergräbt und nimmt in
Besitz; sie glaubt nicht, aber sie verliert sich nicht dabei; sie
giebt dem Geiste gefährliche Freiheit, aber sie hält das Herz streng;
es ist die deutsche Form der Skepsis, welche, als ein fortgesetzter
und in's Geistigste gesteigerter Fridericianismus, Europa eine
gute Zeit unter die Botmässigkeit des deutschen Geistes und seines
kritischen und historischen Misstrauens gebracht hat. Dank dem
unbezwinglich starken und zähen Manns-Charakter der grossen deutschen
Philologen und Geschichts-Kritiker (welche, richtig angesehn,
allesammt auch Artisten der Zerstörung und Zersetzung waren) stellte
sich allmählich und trotz aller Romantik in Musik und Philosophie
ein neuer Begriff vom deutschen Geiste fest, in dem der Zug zur
männlichen Skepsis entscheidend hervortrat: sei es zum Beispiel als
Unerschrockenheit des Blicks, als Tapferkeit und Härte der zerlegenden
Hand, als zäher Wille zu gefährlichen Entdeckungsreisen, zu
vergeistigten Nordpol-Expeditionen unter öden und gefährlichen
Himmeln. Es mag seine guten Gründe haben, wenn sich warmblütige und
oberflächliche Menschlichkeits-Menschen gerade vor diesem Geiste
bekreuzigen: cet esprit fataliste, ironique, méphistophélique nennt
ihn, nicht ohne Schauder, Michelet. Aber will man nachfühlen, wie
auszeichnend diese Furcht vor dem "Mann" im deutschen Geiste ist,
durch den Europa aus seinem "dogmatischen Schlummer" geweckt wurde, so
möge man sich des ehemaligen Begriffs erinnern, der mit ihm überwunden
werden musste, - und wie es noch nicht zu lange her ist, dass ein
vermännlichtes Weib es in zügelloser Anmaassung wagen durfte, die
Deutschen als sanfte herzensgute willensschwache und dichterische
Tölpel der Theilnahme Europa's zu empfehlen. Man verstehe doch endlich
das Erstaunen Napoleon's tief genug, als er Goethen zu sehen bekam: es
verräth, was man sich Jahrhunderte lang unter dem "deutschen Geiste"
gedacht hatte. "Voilà un homme!" - das wollte sagen: Das ist ja ein
Mann! Und ich hatte nur einen Deutschen erwartet! - -
210.
Gesetzt also, dass im Bilde der Philosophen der Zukunft irgend ein Zug
zu rathen giebt, ob sie nicht vielleicht, in dem zuletzt angedeuteten
Sinne, Skeptiker sein müssen, so wäre damit doch nur ein Etwas an
ihnen bezeichnet - und nicht sie selbst. Mit dem gleichen Rechte
dürften sie sich Kritiker nennen lassen; und sicherlich werden es
Menschen der Experimente sein. Durch den Namen, auf welchen ich sie zu
taufen wagte, habe ich das Versuchen und die Lust am Versuchen schon
ausdrücklich unterstrichen: geschah dies deshalb, weil sie, als
Kritiker an Leib und Seele, sich des Experiments in einem neuen,
vielleicht weiteren, vielleicht gefährlicheren Sinne zu bedienen
lieben? Müssen sie, in ihrer Leidenschaft der Erkenntniss, mit
verwegenen und schmerzhaften Versuchen weiter gehn, als es der
weichmüthige und verzärtelte Geschmack eines demokratischen
Jahrhunderts gut heissen kann? - Es ist kein Zweifel: diese
Kommenden werden am wenigsten jener ernsten und nicht unbedenklichen
Eigenschaften entrathen dürfen, welche den Kritiker vom Skeptiker
abheben, ich meine die Sicherheit der Werthmaasse, die bewusste
Handhabung einer Einheit von Methode, den gewitzten Muth, das
Alleinstehn und Sich-verantworten-können; ja, sie gestehen bei sich
eine Lust am Neinsagen und Zergliedern und eine gewisse besonnene
Grausamkeit zu, welche das Messer sicher und fein zu führen weiss,
auch noch, wenn das Herz blutet. Sie werden härter sein (und
vielleicht nicht immer nur gegen sich), als humane Menschen wünschen
mögen, sie werden sich nicht mit der "Wahrheit" einlassen, damit sie
ihnen "gefalle" oder sie "erhebe" und "begeistere": - ihr Glaube wird
vielmehr gering sein, dass gerade die Wahrheit solche Lustbarkeiten
für das Gefühl mit sich bringe. Sie werden lächeln, diese strengen
Geister, wenn Einer vor ihnen sagte "jener Gedanke erhebt mich: wie
sollte er nicht wahr sein?" Oder: "jenes Werk entzückt mich: wie
sollte es nicht schön sein?" Oder: "jener Künstler vergrössert mich:
wie sollte er nicht gross sein?" - sie haben vielleicht nicht nur ein
Lächeln, sondern einen ächten Ekel vor allem derartig Schwärmerischen,
Idealistischen, Femininischen, Hermaphroditischen bereit, und wer
ihnen bis in ihre geheimen Herzenskammern zu folgen wüsste, würde
schwerlich dort die Absicht vorfinden, "christliche Gefühle" mit
dem "antiken Geschmacke" und etwa gar noch mit dem "modernen
Parlamentarismus" zu versöhnen (wie dergleichen Versöhnlichkeit in
unserm sehr unsicheren, folglich sehr versöhnlichen Jahrhundert sogar
bei Philosophen vorkommen soll). Kritische Zucht und jede Gewöhnung,
welche zur Reinlichkeit und Strenge in Dingen des Geistes führt,
werden diese Philosophen der Zukunft nicht nur von sich verlangen: sie
dürften sie wie ihre Art Schmuck selbst zur Schau tragen, - trotzdem
wollen sie deshalb noch nicht Kritiker heissen. Es scheint ihnen keine
kleine Schmach, die der Philosophie angethan wird, wenn man dekretirt,
wie es heute so gern geschieht: "Philosophie selbst ist Kritik
und kritische Wissenschaft - und gar nichts ausserdem!" Mag diese
Werthschätzung der Philosophie sich des Beifalls aller Positivisten
Frankreichs und Deutschlands erfreuen (- und es wäre möglich, dass
sie sogar dem Herzen und Geschmacke Kant's geschmeichelt hätte: man
erinnere sich der Titel seiner Hauptwerke -): unsre neuen Philosophen
werden trotzdem sagen: Kritiker sind Werkzeuge des Philosophen und
eben darum, als Werkzeuge, noch lange nicht selbst Philosophen! Auch
der grosse Chinese von Königsberg war nur ein grosser Kritiker. -
211.
Ich bestehe darauf, dass man endlich aufhöre, die philosophischen
Arbeiter und überhaupt die wissenschaftlichen Menschen mit den
Philosophen zu verwechseln, - dass man gerade hier mit Strenge "Jedem
das Seine" und Jenen nicht zu Viel, Diesen nicht viel zu Wenig gebe.
Es mag zur Erziehung des wirklichen Philosophen nöthig sein, dass er
selbst auch auf allen diesen Stufen einmal gestanden hat, auf welchen
seine Diener, die wissenschaftlichen Arbeiter der Philosophie, stehen
bleiben, - stehen bleiben müssen; er muss selbst vielleicht Kritiker
und Skeptiker und Dogmatiker und Historiker und überdies Dichter
und Sammler und Reisender und Räthselrather und Moralist und Seher
und "freier Geist" und beinahe Alles gewesen sein, um den Umkreis
menschlicher Werthe und Werth-Gefühle zu durchlaufen und mit vielerlei
Augen und Gewissen, von der Höhe in jede Ferne, von der Tiefe in
jede Höhe, von der Ecke in jede Weite, blicken zu können. Aber dies
Alles sind nur Vorbedingungen seiner Aufgabe: diese Aufgabe selbst
will etwas Anderes, - sie verlangt, dass er Werthe schaffe. Jene
philosophischen Arbeiter nach dem edlen Muster Kant's und Hegel's
haben irgend einen grossen Thatbestand von Werthschätzungen - das
heisst ehemaliger Werthsetzungen, Werthschöpfungen, welche herrschend
geworden sind und eine Zeit lang "Wahrheiten" genannt werden -
festzustellen und in Formeln zu drängen, sei es im Reiche des
Logischen oder des Politischen (Moralischen) oder des Künstlerischen.
Diesen Forschern liegt es ob, alles bisher Geschehene und Geschätzte
übersichtlich, überdenkbar, fasslich, handlich zu machen, alles Lange,
ja "die Zeit" selbst, abzukürzen und die ganze Vergangenheit zu
überwältigen: eine ungeheure und wundervolle Aufgabe, in deren Dienst
sich sicherlich jeder feine Stolz, jeder zähe Wille befriedigen kann.
Die eigentlichen Philosophen aber sind Befehlende und Gesetzgeber: sie
sagen "so soll es sein!", sie bestimmen erst das Wohin? und Wozu? des
Menschen und verfügen dabei über die Vorarbeit aller philosophischen
Arbeiter, aller Überwältiger der Vergangenheit, - sie greifen mit
schöpferischer Hand nach der Zukunft, und Alles, was ist und war, wird
ihnen dabei zum Mittel, zum Werkzeug, zum Hammer. Ihr "Erkennen" ist
Schaffen, ihr Schaffen ist eine Gesetzgebung, ihr Wille zur Wahrheit
ist - Wille zur Macht. - Giebt es heute solche Philosophen? Gab es
schon solche Philosophen? Muss es nicht solche Philosophen geben?....
212.
Es will mir immer mehr so scheinen, dass der Philosoph als ein
nothwendiger Mensch des Morgens und Übermorgens sich jederzeit mit
seinem Heute in Widerspruch befunden hat und befinden musste: sein
Feind war jedes Mal das Ideal von Heute. Bisher haben alle diese
ausserordentlichen Förderer des Menschen, welche man Philosophen
nennt, und die sich selbst selten als Freunde der Weisheit, sondern
eher als unangenehme Narren und gefährliche Fragezeichen fühlten -,
ihre Aufgabe, ihre harte, ungewollte, unabweisliche Aufgabe, endlich
aber die Grösse ihrer Aufgabe darin gefunden, das böse Gewissen ihrer
Zeit zu sein. Indem sie gerade den Tugenden der Zeit das Messer
vivisektorisch auf die Brust setzten, verriethen sie, was ihr eignes
Geheimniss war: um eine neue Grösse des Menschen zu wissen, um einen
neuen ungegangenen Weg zu seiner Vergrösserung. Jedes Mal deckten
sie auf, wie viel Heuchelei, Bequemlichkeit, Sich-gehen-lassen und
Sich-fallen lassen, wie viel Lüge unter dem bestgeehrten Typus ihrer
zeitgenössischen Moralität versteckt, wie viel Tugend überlebt sei;
jedes Mal sagten sie: "wir müssen dorthin, dorthinaus, wo ihr heute am
wenigsten zu Hause seid." Angesichts einer Welt der "modernen Ideen",
welche Jedermann in eine Ecke und "Spezialität" bannen möchte, würde
ein Philosoph, falls es heute Philosophen geben könnte, gezwungen
sein, die Grösse des Menschen, den Begriff "Grösse" gerade in seine
Umfänglichkeit und Vielfältigkeit, in seine Ganzheit im Vielen zu
setzen: er würde sogar den Werth und Rang darnach bestimmen, wie viel
und vielerlei Einer tragen und auf sich nehmen, wie weit Einer seine
Verantwortlichkeit spannen könnte. Heute schwächt und verdünnt der
Zeitgeschmack und die Zeittugend den Willen, Nichts ist so sehr
zeitgemäss als Willensschwäche: also muss, im Ideale des Philosophen,
gerade Stärke des Willens, Härte und Fähigkeit zu langen
Entschliessungen in den Begriff "Grösse" hineingehören; mit so gutem
Rechte als die umgekehrte Lehre und das Ideal einer blöden entsagenden
demüthigen selbstlosen Menschlichkeit einem umgekehrten Zeitalter
angemessen war, einem solchen, das gleich dem sechszehnten Jahrhundert
an seiner aufgestauten Energie des Willens und den wildesten Wässern
und Sturmfluthen der Selbstsucht litt. Zur Zeit des Sokrates, unter
lauter Menschen des ermüdeten Instinktes, unter conservativen
Altathenern, welche sich gehen liessen - "zum Glück", wie sie sagten,
zum Vergnügen, wie sie thaten - und die dabei immer noch die alten
prunkvollen Worte in den Mund nahmen, auf die ihnen ihr Leben längst
kein Recht mehr gab, war vielleicht Ironie zur Grösse der Seele
nöthig, jene sokratische boshafte Sicherheit des alten Arztes und
Pöbelmanns, welcher schonungslos in's eigne Fleisch schnitt, wie
in's Fleisch und Herz des "Vornehmen", mit einem Blick, welcher
verständlich genug sprach: "verstellt euch vor mir nicht! Hier - sind
wir gleich!" Heute umgekehrt, wo in Europa das Heerdenthier allein
zu Ehren kommt und Ehren vertheilt, wo die "Gleichheit der Rechte"
allzuleicht sich in die Gleichheit im Unrechte umwandeln könnte:
ich will sagen in gemeinsame Bekriegung alles Seltenen, Fremden,
Bevorrechtigten, des höheren Menschen, der höheren Seele, der höheren
Pflicht, der höheren Verantwortlichkeit, der schöpferischen Machtfülle
und Herrschaftlichkeit - heute gehört das Vornehm-sein, das
Für-sich-sein-wollen, das Anders-sein-können, das Allein-stehn und
auf-eigne-Faust-leben-müssen zum Begriff "Grösse"; und der Philosoph
wird Etwas von seinem eignen Ideal verrathen, wenn er aufstellt: "der
soll der Grösste sein, der der Einsamste sein kann, der Verborgenste,
der Abweichendste, der Mensch jenseits von Gut und Böse, er Herr
seiner Tugenden, der überreiche des Willens; dies eben soll Grösse
heissen: ebenso vielfach als ganz, ebenso weit als voll sein können."
Und nochmals gefragt: ist heute - Grösse möglich?
213.
Was ein Philosoph ist, das ist deshalb schlecht zu lernen, weil es
nicht zu lehren ist: man muss es "wissen", aus Erfahrung, - oder man
soll den Stolz haben, es nicht zu wissen. Dass aber heutzutage alle
Welt von Dingen redet, in Bezug auf welche sie keine Erfahrung
haben kann, gilt am meisten und schlimmsten vom Philosophen und den
philosophischen Zuständen: - die Wenigsten kennen sie, dürfen sie
kennen, und alle populären Meinungen über sie sind falsch. So ist
zum Beispiel jenes ächt philosophische Beieinander einer kühnen
ausgelassenen Geistigkeit, welche presto läuft, und einer
dialektischen Strenge und Nothwendigkeit, die keinen Fehltritt thut,
den meisten Denkern und Gelehrten von ihrer Erfahrung her unbekannt
und darum, falls jemand davon vor ihnen reden wollte, un glaubwürdig.
Sie stellen sich jede Nothwendigkeit als Noth, als peinliches
Folgen-müssen und Gezwungen-werden vor; und das Denken selbst gilt
ihnen als etwas Langsames, Zögerndes, beinahe als eine Mühsal und
oft genug als "des Schweisses der Edlen werth" - aber ganz und gar
nicht als etwas Leichtes, Göttliches und dem Tanze, dem Übermuthe,
Nächst-Verwandtes! "Denken" und eine Sache "ernst nehmen", "schwer
nehmen" - das gehört bei ihnen zu einander: so allein haben sie es
"erlebt" -. Die Künstler mögen hier schon eine feinere Witterung
haben.- sie, die nur zu gut wissen, dass gerade dann, wo sie Nichts
mehr "willkürlich" und Alles nothwendig machen, ihr Gefühl von
Freiheit, Feinheit, Vollmacht, von schöpferischem Setzen, Verfügen,
Gestalten auf seine Höhe kommt, - kurz, dass Nothwendigkeit und
"Freiheit des Willens" dann bei ihnen Eins sind. Es giebt zuletzt eine
Rangordnung seelischer Zustände, welcher die Rangordnung der Probleme
gemäss ist; und die höchsten Probleme stossen ohne Gnade Jeden zurück,
der ihnen zu nahen wagt, ohne durch Höhe und Macht seiner Geistigkeit
zu ihrer Lösung vorherbestimmt zu sein. Was hilft es, wenn gelenkige
Allerwelts-Köpfe oder ungelenke brave Mechaniker und Empiriker sich,
wie es heute so vielfach geschieht, mit ihrem Plebejer-Ehrgeize in
ihre Nähe und gleichsam an diesen "Hof der Höfe" drängen! Aber auf
solche Teppiche dürfen grobe Füsse nimmermehr treten: dafür ist
im Urgesetz der Dinge schon gesorgt; die Thüren bleiben diesen
Zudringlichen geschlossen, mögen sie sich auch die Köpfe daran stossen
und zerstossen! Für jede hohe Welt muss man geboren sein; deutlicher
gesagt, man muss für sie gezüchtet sein: ein Recht auf Philosophie -
das Wort im grossen Sinne genommen - hat man nur Dank seiner Abkunft,
die Vorfahren, das "Geblüt" entscheidet auch hier. Viele Geschlechter
müssen der Entstehung des Philosophen vorgearbeitet haben; jede seiner
Tugenden muss einzeln erworben, gepflegt, fortgeerbt, einverleibt
worden sein, und nicht nur der kühne leichte zarte Gang und Lauf
seiner Gedanken, sondern vor Allem die Bereitwilligkeit zu grossen
Verantwortungen, die Hoheit herrschender Blicke und Niederblicke, das
Sich-Abgetrennt-Fühlen von der Menge und ihren Pflichten und Tugenden,
das leutselige Beschützen und Vertheidigen dessen, was missverstanden
und verleumdet wird, sei es Gott, sei es Teufel, die Lust und Übung
in der grossen Gerechtigkeit, die Kunst des Befehlens, die Weite des
Willens, das langsame Auge, welches selten bewundert, selten hinauf
blickt, selten liebt....
Siebentes Hauptstück:
Unsere Tugenden.
214.
Unsere Tugenden? - Es ist wahrscheinlich, dass auch wir noch unsere
Tugenden haben, ob es schon billigerweise nicht jene treuherzigen
und vierschrötigen Tugenden sein werden, um derentwillen wir unsere
Grossväter in Ehren, aber auch ein wenig uns vom Leibe halten. Wir
Europäer von übermorgen, wir Erstlinge des zwanzigsten Jahrhunderts,
- mit aller unsrer gefährlichen Neugierde, unsrer Vielfältigkeit
und Kunst der Verkleidung, unsrer mürben und gleichsam versüssten
Grausamkeit in Geist und Sinnen, - wir werden vermuthlich, wenn
wir Tugenden haben sollten, nur solche haben, die sich mit unsren
heimlichsten und herzlichsten Hängen, mit unsern heissesten
Bedürfnissen am besten vertragen lernten: wohlan, suchen wir einmal
nach ihnen in unsren Labyrinthen! - woselbst sich, wie man weiss, so
mancherlei verliert, so mancherlei ganz verloren geht. Und giebt es
etwas Schöneres, als nach seinen eigenen Tugenden suchen? Heisst dies
nicht beinahe schon: an seine eigne Tugend glauben? Dies aber "an
seine Tugend glauben" - ist dies nicht im Grunde dasselbe, was man
ehedem sein "gutes Gewissen" nannte, jener ehrwürdige langschwänzige
Begriffs-Zopf, den sich unsre Grossväter hinter ihren Kopf, oft genug
auch hinter ihren Verstand hängten? Es scheint demnach, wie wenig wir
uns auch sonst altmodisch und grossväterhaft-ehrbar dünken mögen,
in Einem sind wir dennoch die würdigen Enkel dieser Grossväter, wir
letzten Europäer mit gutem Gewissen: auch wir noch tragen ihren
Zopf. - Ach! Wenn ihr wüsstet, wie es bald, so bald schon - anders
kommt!.....
215.
Wie es im Reich der Sterne mitunter zwei Sonnen sind, welche die Bahn
Eines Planeten bestimmen, wie in gewissen Fällen Sonnen verschiedener
Farbe um einen einzigen Planeten leuchten, bald mit rothem Lichte,
bald mit grünen Lichte, und dann wieder gleichzeitig ihn treffend
und bunt überfluthend: so sind wir modernen Menschen, Dank der
complicirten Mechanik unsres "Sternenhimmels" - durch verschiedene
Moralen bestimmt; unsre Handlungen leuchten abwechselnd in
verschiedenen Farben, sie sind selten eindeutig, - und es giebt genug
Fälle, wo wir bunte Handlungen thun.
216.
Seine Feinde lieben? Ich glaube, das ist gut gelernt worden: es
geschieht heute tausendfältig, im Kleinen und im Grossen; ja es
geschieht bisweilen schon das Höhere und Sublimere - wir lernen
verachten, wenn wir lieben, und gerade wenn wir am besten lieben: -
aber alles dies unbewusst, ohne Lärm, ohne Prunk, mit jener Scham und
Verborgenheit der Güte, welche dem Munde das feierliche, Wort und die
Tugend-Formel verbietet. Moral als Attitüde - geht uns heute wider
den Geschmack. Dies ist auch ein Fortschritt: wie es der Fortschritt
unsrer Väter war, dass ihnen endlich Religion als Attitüde wider
den Geschmack gieng, eingerechnet die Feindschaft und Voltairische
Bitterkeit gegen die Religion (und was Alles ehemals zur
Freigeist-Gebärdensprache gehörte). Es ist die Musik in unserm
Gewissen, der Tanz in unserm Geiste, zu dem alle Puritaner-Litanei,
alle Moral-Predigt und Biedermännerei nicht klingen will.
217.
Sich vor Denen in Acht nehmen, welche einen hohen Werth darauf legen,
dass man ihnen moralischen Takt und Feinheit in der moralischen
Unterscheidung zutraue! Sie vergeben es uns nie, wenn sie sich einmal
vor uns (oder gar an uns) vergriffen haben, - sie werden unvermeidlich
zu unsern instinktiven Verleumdern und Beeinträchtigern, selbst wenn
sie noch unsre "Freunde" bleiben. - Selig sind die Vergesslichen: denn
sie werden auch mit ihren Dummheiten "fertig".
218.
Die Psychologen Frankreichs - und wo giebt es heute sonst noch
Psychologen? - haben immer noch ihr bitteres und vielfältiges
Vergnügen an der bêtise bourgeoise nicht ausgekostet, gleichsam als
wenn genug, sie verrathen etwas damit. Flaubert zum Beispiel, der
brave Bürger von Rouen, sah, hörte und schmeckte zuletzt nichts
Anderes mehr: es war seine Art von Selbstquälerei und feinerer
Grausamkeit. Nun empfehle ich, zur Abwechslung - denn es wird
langweilig -, ein anderes Ding zum Entzücken: das ist die unbewusste
Verschlagenheit, mit der sich alle guten dicken braven Geister des
Mittelmaasses zu höheren Geistern und deren Aufgaben verhalten, jene
feine verhäkelte jesuitische Verschlagenheit, welche tausend Mal
feiner ist, als der Verstand und Geschmack dieses Mittelstandes in
seinen besten Augenblicken - sogar auch als der Verstand seiner
Opfer -: zum abermaligen Beweise dafür, dass der "Instinkt" unter
allen Arten von Intelligenz, welche bisher entdeckt wurden, die
intelligenteste ist. Kurz, studirt, ihr Psychologen, die Philosophie
der "Regel" im Kampfe mit der "Ausnahme": da habt ihr ein Schauspiel,
gut genug für Götter und göttliche Boshaftigkeit! Oder, noch
heutlicher: treibt Vivisektion am "guten Menschen", am "homo bonae
voluntatis" an euch!
219.
Das moralische Urtheilen und Verurtheilen ist die Lieblings-Rache der
Geistig-Beschränkten an Denen, die es weniger sind, auch eine Art
Schadenersatz dafür, dass sie von der Natur schlecht bedacht wurden,
endlich eine Gelegenheit, Geist zu bekommen und fein zu werden: -
Bosheit vergeistigt. Es thut ihnen im Grunde ihres Herzens wohl, dass
es einen Maassstab giebt, vor dem auch die mit Gütern und Vorrechten
des Geistes überhäuften ihnen gleich stehn: - sie kämpfen für die
"Gleichheit Aller vor Gott" und brauchen beinahe dazu schon den
Glauben an Gott. Unter ihnen sind die kräftigsten Gegner des
Atheismus. Wer ihnen sagte "eine hohe Geistigkeit ist ausser Vergleich
mit irgend welcher Bravheit und Achtbarkeit eines eben nur moralischen
Menschen", würde sie rasend machen: - ich werde mich hüten, es zu
thun. Vielmehr möchte ich ihnen mit meinem Satze schmeicheln, dass
eine hohe Geistigkeit selber nur als letzte Ausgeburt moralischer
Qualitäten besteht; dass sie eine Synthesis aller jener Zustände ist,
welche den "nur moralischen" Menschen nachgesagt werden, nachdem sie,
einzeln, durch lange Zucht und Übung, vielleicht in ganzen Ketten
von Geschlechtern erworben sind; dass die hohe Geistigkeit eben die
Vergeistigung der Gerechtigkeit und jener gütigen Strenge ist, welche
sich beauftragt weiss, die Ordnung des Ranges in der Welt aufrecht zu
erhalten, unter den Dingen selbst - und nicht nur unter Menschen.
220.
Bei dem jetzt so volksthümlichen Lobe des "Uninteressirten" muss man
sich, vielleicht nicht ohne einige Gefahr, zum Bewusstsein bringen,
woran eigentlich das Volk Interesse nimmt, und was überhaupt die Dinge
sind, um die sich der gemeine Mann gründlich und tief kümmert: die
Gebildeten eingerechnet, sogar die Gelehrten, und wenn nicht Alles
trügt, beinahe auch die Philosophen. Die Thatsache kommt dabei heraus,
dass das Allermeiste von dem, was feinere und verwöhntere Geschmäcker,
was jede höhere Natur interessirt und reizt, dem durchschnittlichen
Menschen gänzlich "uninteressant" scheint: - bemerkt er trotzdem eine
Hingebung daran, so nennt er sie "désintéressé" und wundert sich,
wie es möglich ist, "uninteressirt" zu handeln. Es hat Philosophen
gegeben, welche dieser Volks-Verwunderung noch einen verführerischen
und mystisch-jenseitigen Ausdruck zu verleihen wussten (- vielleicht
weil sie die höhere Natur nicht aus Erfahrung kannten?) - statt
die nackte und herzlich billige Wahrheit hinzustellen, dass die
"uninteressirte" Handlung eine sehr interessante und interessirte
Handlung ist, vorausgesetzt..... "Und die Liebe?" - Wie! Sogar eine
Handlung aus Liebe soll "unegoistisch" sein? Aber ihr Tölpel -! "Und
das Lob des Aufopfernden?" - Aber wer wirklich Opfer gebracht hat,
weiss, dass er etwas dafür wollte und bekam, - vielleicht etwas von
sich für etwas von sich - dass er hier hingab, um dort mehr zu haben,
vielleicht um überhaupt mehr zu sein oder sich doch als "mehr" zu
fühlen. Aber dies ist ein Reich von Fragen und Antworten, in dem ein
verwöhnterer Geist sich ungern aufhält: so sehr hat hier bereits die
Wahrheit nöthig, das Gähnen zu unterdrücken, wenn sie antworten muss.
Zuletzt ist sie ein Weib: man soll ihr nicht Gewalt anthun.
221.
Es kommt vor, sagte ein moralistischer Pedant und Kleinigkeitskrämer,
dass ich einen uneigennützigen Menschen ehre und auszeichne: nicht
aber, weil er uneigennützig ist, sondern weil er mir ein Recht darauf
zu haben scheint, einem anderen Menschen auf seine eignen Unkosten zu
nützen. Genug, es fragt sich immer, wer er ist und wer Jener ist. An
Einem zum Beispiele, der zum Befehlen bestimmt und gemacht wäre, würde
Selbst-Verleugnung und bescheidenes Zurücktreten nicht eine Tugend,
sondern die Vergeudung einer Tugend sein: so scheint es mir. Jede
unegoistische Moral, welche sich unbedingt nimmt und an Jedermann
wendet, sündigt nicht nur gegen den Geschmack: sie ist eine Aufreizung
zu Unterlassungs-Sünden, eine Verführung mehr unter der Maske der
Menschenfreundlichkeit - und gerade eine Verführung und Schädigung
der Höheren, Seltneren, Bevorrechteten. Man muss die Moralen zwingen,
sich zu allererst vor der Rangordnung zu beugen, man muss ihnen ihre
Anmaassung in's Gewissen schieben, - bis sie endlich mit einander
darüber in's Klare kommen, das es unmoralisch ist zu sagen: "was dem
Einen recht ist, ist dem Andern billig". - Also mein moralistischer
Pedant und bonhomme: verdiente er es wohl, dass man ihn auslachte, als
er die Moralen dergestalt zur Moralität ermahnte? Aber man soll nicht
zu viel Recht haben, wenn man die Lacher auf seiner Seite haben will;
ein Körnchen Unrecht gehört sogar zum guten Geschmack.
222.
Wo heute Mitleiden gepredigt wird - und, recht gehört, wird jetzt
keine andre Religion mehr gepredigt - möge der Psycholog seine Ohren
aufmachen: durch alle Eitelkeit, durch allen Lärm hindurch, der diesen
Predigern (wie allen Predigern) zu eigen ist, wird er einen heiseren,
stöhnenden, ächten Laut von Selbst-Verachtung hören. Sie gehört zu
jener Verdüsterung und Verhässlichung Europa's, welche jetzt ein
Jahrhundert lang im Wachsen ist (und deren erste Symptome schon in
einem nachdenklichen Briefe Galiani's an Madame d'Epinay urkundlich
verzeichnet sind): wenn sie nicht deren Ursache ist! Der Mensch der
"modernen Ideen", dieser stolze Affe, ist unbändig mit sich selbst
unzufrieden: dies steht fest. Er leidet: und seine Eitelkeit will,
dass er nur "mit leidet"......
223.
Der europäische Mischmensch - ein leidlich hässlicher Plebejer, Alles
in Allem - braucht schlechterdings ein Kostüm: er hat die Historie
nöthig als die Vorrathskammer der Kostüme. Freilich bemerkt er dabei,
dass ihm keines recht auf den Leib passt, - er wechselt und wechselt.
Man sehe sich das neunzehnte Jahrhundert auf diese schnellen Vorlieben
und Wechsel der Stil-Maskeraden an; auch auf die Augenblicke der
Verzweiflung darüber, dass uns "nichts steht" -. Unnütz, sich
romantisch oder klassisch oder christlich oder florentinisch oder
barokko oder "national" vorzuführen, in moribus et artibus: "es
kleidet nicht"! Aber der "Geist", insbesondere der "historische
Geist", ersieht sich auch noch an dieser Verzweiflung seinen Vortheil:
immer wieder wird ein neues Stück Vorzeit und Ausland versucht,
umgelegt, abgelegt, eingepackt, vor allem studirt: - wir sind das
erste studirte Zeitalter in puncto der "Kostüme", ich meine der
Moralen, Glaubensartikel, Kunstgeschmäcker und Religionen, vorbereitet
wie noch keine Zeit es war, zum Karneval grossen Stils, zum
geistigsten Fasching-Gelächter und Übermuth, zur transscendentalen
Höhe des höchsten Blödsinns und der aristophanischen Welt-Verspottung.
Vielleicht, dass wir hier gerade das Reich unsrer Erfindung noch
entdecken, jenes Reich, wo auch wir noch original sein können, etwa
als Pazodisten der Weltgeschichte und Hanswürste Gottes, - vielleicht
dass, wenn auch Nichts von heute sonst Zukunft hat, doch gerade unser
Lachen noch Zukunft hat!
224.
Der historische Sinn (oder die Fähigkeit, die Rangordnung von
Werthschätzungen schnell zu errathen, nach welchen ein Volk, eine
Gesellschaft, ein Mensch gelebt hat, der "divinatorische Instinkt"
für die Beziehungen dieser Werthschätzungen, für das Verhältniss der
Autorität der Werthe zur Autorität der wirkenden Kräfte): dieser
historische Sinn, auf welchen wir Europäer als auf unsre Besonderheit
Anspruch machen, ist uns im Gefolge der bezaubernden und tollen
Halbbarbarei gekommen, in welche Europa durch die demokratische
Vermengung der Stände und Rassen gestürzt worden ist, - erst das
neunzehnte Jahrhundert kennt diesen Sinn, als seinen sechsten Sinn.
Die Vergangenheit von jeder Form und Lebensweise, von Culturen, die
früher hart neben einander, über einander lagen, strömt Dank jener
Mischung in uns "moderne Seelen" aus, unsre Instinkte laufen nunmehr
überallhin zurück, wir selbst sind eine Art Chaos -: schliesslich
ersieht sich "der Geist", wie gesagt, seinen Vortheil dabei. Durch
unsre Halbbarbarei in Leib und Begierde haben wir geheime Zugänge
überallhin, wie sie ein vornehmes Zeitalter nie besessen hat, vor
Allem die Zugänge zum Labyrinthe der unvollendeten Culturen und zu
jeder Halbbarbarei, die nur jemals auf Erden dagewesen ist; und
insofern der beträchtlichste Theil der menschlichen Cultur bisher eben
Halbbarbarei war, bedeutet "historischer Sinn" beinahe den Sinn und
Instinkt für Alles, den Geschmack und die Zunge für Alles: womit er
sich sofort als ein unvornehmer Sinn ausweist. Wir geniessen zum
Beispiel Homer wieder: vielleicht ist es unser glücklichster
Vorsprung, dass wir Homer zu schmecken verstehen, welchen die
Menschen einer vornehmen Cultur (etwa die Franzosen des siebzehnten
Jahrhunderts, wie Saint-Evremond, der ihm den esprit vaste vorwirft,
selbst noch ihr Ausklang Voltaire) nicht so leicht sich anzueignen
wissen und wussten, - welchen zu geniessen sie sich kaum erlaubten.
Das sehr bestimmte Ja und Nein ihres Gaumens, ihr leicht bereiter
Ekel, ihre zögernde Zurückhaltung in Bezug auf alles Fremdartige,
ihre Scheu vor dem Ungeschmack selbst der lebhaften Neugierde, und
überhaupt jener schlechte Wille jeder vornehmen und selbstgenügsamen
Cultur, sich eine neue Begehrlichkeit, eine Unbefriedigung am Eignen,
eine Bewunderung des Fremden einzugestehen: alles dies stellt und
stimmt sie ungünstig selbst gegen die besten Dinge der Welt, welche
nicht ihr Eigenthum sind oder ihre Beute werden könnten, - und kein
Sinn ist solchen Menschen unverständlicher, als gerade der historische
Sinn und seine unterwürfige Plebejer-Neugierde. Nicht anders steht es
mit Shakespeare, dieser erstaunlichen spanisch-maurisch-sächsischen
Geschmacks-Synthesis, über welchen sich ein Altathener aus der
Freundschaft des Aeschylus halbtodt gelacht oder geärgert haben würde:
aber wir - nehmen gerade diese wilde Buntheit, dies Durcheinander
des Zartesten, Gröbsten und Künstlichsten, mit einer geheimen
Vertraulichkeit und Herzlichkeit an, wir geniessen ihn als das gerade
uns aufgesparte Raffinement der Kunst und lassen uns dabei von den
widrigen Dämpfen und der Nähe des englischen Pöbels, in welcher
Shakespeare's Kunst und Geschmack lebt, so wenig stören, als etwa
auf der Chiaja Neapels: wo wir mit allen unsren Sinnen, bezaubert
und willig, unsres Wegs gehn, wie sehr auch die Cloaken der
Pöbel-Quartiere in der Luft sind. Wir Menschen des "historischen
Sinns": wir haben als solche unsre Tugenden, es ist nicht zu
bestreiten, - wir sind anspruchslos, selbstlos, bescheiden, tapfer,
voller Selbstüberwindung, voller Hingebung, sehr dankbar, sehr
geduldig, sehr entgegenkommend: - wir sind mit Alledem vielleicht
nicht sehr "geschmackvoll". Gestehen wir es uns schliesslich zu:
was uns Menschen des "historischen Sinns" am schwersten zu fassen,
zu fühlen, nachzuschmecken, nachzulieben ist, was uns im Grunde
voreingenommen und fast feindlich findet, das ist gerade das
Vollkommene und Letzthin - Reife in jeder Cultur und Kunst, das
eigentlich Vornehme an Werken und Menschen, ihr Augenblick glatten
Meers und halkyonischer Selbstgenugsamkeit, das Goldene und Kalte,
welches alle Dinge zeigen, die sich vollendet haben. Vielleicht steht
unsre grosse Tugend des historischen Sinns in einem nothwendigen
Gegensatz zum guten Geschmacke, mindestens zum allerbesten Geschmacke,
und wir vermögen gerade die kleinen kurzen und höchsten Glücksfälle
und Verklärungen des menschlichen Lebens, wie sie hier und da
einmal aufglänzen, nur schlecht, nur zögernd, nur mit Zwang in uns
nachzubilden: jene Augenblicke und Wunder, wo eine grosse Kraft
freiwillig vor dem Maasslosen und Unbegrenzten stehen blieb -, wo
ein Überfluss von feiner Lust in der plötzlichen Bändigung und
Versteinerung, im Feststehen und Sich-Fest-Stellen auf einem noch
zitternden Boden genossen wurde. Das Maass ist uns fremd, gestehen
wir es uns; unser Kitzel ist gerade der Kitzel des Unendlichen,
Ungemessenen. Gleich dem Reiter auf vorwärts schnaubendem Rosse lassen
wir vor dem Unendlichen die Zügel fallen, wir modernen Menschen, wir
Halbbarbaren - und sind erst dort in unsrer Seligkeit, wo wir auch am
meisten - in Gefahr sind.
225.
Ob Hedonismus, ob Pessimismus, ob Utilitarismus, ob Eudämonismus:
alle diese Denkweisen, welche nach Lust und Leid, das heisst nach
Begleitzuständen und Nebensachen den Werth der Dinge messen, sind
Vordergrunds-Denkweisen und Naivetäten, auf welche ein Jeder, der sich
gestaltender Kräfte und eines Künstler-Gewissens bewusst ist, nicht
ohne Spott, auch nicht ohne Mitleid herabblicken wird. Mitleiden mit
euch! das ist freilich nicht das Mitleiden, wie ihr es meint: das ist
nicht Mitleiden mit der socialen "Noth", mit der "Gesellschaft" und
ihren Kranken und Verunglückten, mit Lasterhaften und Zerbrochnen von
Anbeginn, wie sie rings um uns zu Boden liegen; das ist noch weniger
Mitleiden mit murrenden gedrückten aufrührerischen Sklaven-Schichten,
welche nach Herrschaft - sie nennen's "Freiheit" - trachten. Unser
Mitleiden ist ein höheres fernsichtigeres Mitleiden: - wir sehen, wie
der Mensch sich verkleinert, wie ihr ihn verkleinert! - und es giebt
Augenblicke, wo wir gerade eurem Mitleiden mit einer unbeschreiblichen
Beängstigung zusehn, wo wir uns gegen dies Mitleiden wehren -, wo wir
euren Ernst gefährlicher als irgend welche Leichtfertigkeit finden.
Ihr wollt womöglich - und es giebt kein tolleres "womöglich" - das
Leiden abschaffen; und wir? - es scheint gerade, wir wollen es lieber
noch höher und schlimmer haben, als je es war! Wohlbefinden, wie ihr
es versteht - das ist ja kein Ziel, das scheint uns ein Ende! Ein
Zustand, welcher den Menschen alsbald lächerlich und verächtlich
macht, - der seinen Untergang wünschen macht! Die Zucht des Leidens,
des grossen Leidens - wisst ihr nicht, dass nur diese Zucht alle
Erhöhungen des Menschen bisher geschaffen hat? Jene Spannung der Seele
im Unglück, welche ihr die Stärke anzüchtet, ihre Schauer im Anblick
des grossen Zugrundegehens, ihre Erfindsamkeit und Tapferkeit im
Tragen, Ausharren, Ausdeuten, Ausnützen des Unglücks, und was ihr nur
je von Tiefe, Geheimniss, Maske, Geist, List, Grösse geschenkt worden
ist: - ist es nicht ihr unter Leiden, unter der Zucht des grossen
Leidens geschenkt worden? Im Menschen ist Geschöpf und Schöpfer
vereint: im Menschen ist Stoff, Bruchstück, Überfluss, Lehm,
Koth, Unsinn, Chaos; aber im Menschen ist auch Schöpfer, Bildner,
Hammer-Härte, Zuschauer-Göttlichkeit und siebenter Tag: - versteht ihr
diesen Gegensatz? Und dass euer Mitleid dem "Geschöpf im Menschen"
gilt, dem, was geformt, gebrochen, geschmiedet, gerissen, gebrannt,
geglüht, geläutert werden muss, - dem, was nothwendig leiden muss
und leiden soll? Und unser Mitleid - begreift ihr's nicht, wem unser
umgekehrtes Mitleid gilt, wenn es sich gegen euer Mitleid wehrt, als
gegen die schlimmste aller Verzärtelungen und Schwächen? - Mitleid
also gegen Mitleid! - Aber, nochmals gesagt, es giebt höhere Probleme
als alle Lust- und Leid- und Mitleid-Probleme; und jede Philosophie,
die nur auf diese hinausläuft, ist eine Naivetät. -
226.
Wir Immoralisten! - Diese Welt, die uns angeht, in der wir zu fürchten
und zu lieben haben, diese beinahe unsichtbare unhörbare Welt feinen
Befehlens, feinen Gehorchens, eine Welt des "Beinahe" in jedem
Betrachte, häklich, verfänglich, spitzig, zärtlich: ja, sie ist gut
vertheidigt gegen plumpe Zuschauer und vertrauliche Neugierde! Wir
sind in ein strenges Garn und Hemd von Pflichten eingesponnen und
können da nicht heraus -, darin eben sind wir "Menschen der Pflicht",
auch wir! Bisweilen, es ist wahr, tanzen wir wohl in unsern "Ketten"
und zwischen unsern "Schwertern"; öfter, es ist nicht minder wahr,
knirschen wir darunter und sind ungeduldig über all die heimliche
Härte unsres Geschicks. Aber wir mögen thun, was wir wollen: die
Tölpel und der Augenschein sagen gegen uns "das sind Menschen ohne
Pflicht" - wir haben immer die Tölpel und den Augenschein gegen uns!
227.
Redlichkeit, gesetzt, dass dies unsre Tugend ist, von der wir nicht
loskönnen, wir freien Geister - nun, wir wollen mit aller Bosheit und
Liebe an ihr arbeiten und nicht müde werden, uns in unsrer Tugend, die
allein uns übrig blieb, zu "vervollkommnen": mag ihr Glanz einmal wie
ein vergoldetes blaues spöttisches Abendlicht über dieser alternden
Cultur und ihrem dumpfen düsteren Ernste liegen bleiben! Und wenn
dennoch unsre Redlichkeit eines Tages müde wird und seufzt und die
Glieder streckt und uns zu hart findet und es besser, leichter,
zärtlicher haben möchte, gleich einem angenehmen Laster: bleiben wir
hart, wir letzten Stoiker! und schicken wir ihr zu Hülfe, was wir nur
an Teufelei in uns haben - unsern Ekel am Plumpen und Ungefähren,
unser "nitimur in vetitum", unsern Abenteuerer-Muth, unsre gewitzte
und verwöhnte Neugierde, unsern feinsten verkapptesten geistigsten
Willen zur Macht und Welt-Überwindung, der begehrlich um alle Reiche
der Zukunft schweift und schwärmt, - kommen wir unserm "Gotte" mit
allen unsern "Teufeln" zu Hülfe! Es ist wahrscheinlich, dass man uns
darob verkennt und verwechselt: was liegt daran! Man wird sagen: "ihre
"Redlichkeit" - das ist ihre Teufelei, und gar nichts mehr!" was liegt
daran! Und selbst wenn man Recht hätte! Waren nicht alle Götter bisher
dergleichen heilig gewordne umgetaufte Teufel? Und was wissen wir
zuletzt von uns? Und wie der Geist heissen will, der uns führt? (es
ist eine Sache der Namen.) Und wie viele Geister wir bergen? Unsre
Redlichkeit, wir freien Geister, - sorgen wir dafür, dass sie nicht
unsre Eitelkeit, unser Putz und Prunk, unsre Grenze, unsre Dummheit
werde! Jede Tugend neigt zur Dummheit, jede Dummheit zur Tugend; "dumm
bis zur Heiligkeit" sagt man in Russland, - sorgen wir dafür, dass
wir nicht aus Redlichkeit zuletzt noch zu Heiligen und Langweiligen
werden! Ist das Leben nicht hundert Mal zu kurz, sich in ihm - zu
langweilen? Man müsste schon an's ewige Leben glauben, um....
228.
Man vergebe mir die Entdeckung, dass alle Moral-Philosophie bisher
langweilig war und zu den Schlafmitteln gehörte - und dass "die
Tugend" durch nichts mehr in meinen Augen beeinträchtigt worden ist,
als durch diese Langweiligkeit ihrer Fürsprecher; womit ich noch nicht
deren allgemeine Nützlichkeit verkannt haben möchte. Es liegt viel
daran, dass so wenig Menschen als möglich über Moral nachdenken, - es
liegt folglich sehr viel daran, dass die Moral nicht etwa eines Tages
interessant werde! Aber man sei unbesorgt! Es steht auch heute noch
so, wie es immer stand: ich sehe Niemanden in Europa, der einen
Begriff davon hätte (oder gäbe), dass das Nachdenken über Moral
gefährlich, verfänglich, verführerisch getrieben werden könnte, -
dass Verhängniss darin liegen könnte! Man sehe sich zum Beispiel die
unermüdlichen unvermeidlichen englischen Utilitarier an, wie sie plump
und ehrenwerth in den Fusstapfen Bentham's, daher wandeln, dahin
wandeln (ein homerisches Gleichniss sagt es deutlicher), so wie er
selbst schon in den Fusstapfen des ehrenwerthen Helvétius wandelte
(nein, das war kein gefährlicher Mensch, dieser Helvétius!). Kein
neuer Gedanke, Nichts von feinerer Wendung und Faltung eines alten
Gedankens, nicht einmal eine wirkliche Historie des früher Gedachten:
eine unmögliche Litteratur im Ganzen, gesetzt, dass man sie nicht mit
einiger Bosheit sich einzusäuern versteht. Es hat sich nämlich auch
in diese Moralisten (welche man durchaus mit Nebengedanken lesen
muss, falls man sie lesen muss-), jenes alte englische Laster
eingeschlichen, das cant heisst und moralische Tartüfferie ist,
dies Mal unter die neue Form der Wissenschaftlichkeit versteckt; es
fehlt auch nicht an geheimer Abwehr von Gewissensbissen, an denen
billigerweise eine Rasse von ehemaligen Puritanern bei aller
wissenschaftlichen Befassung mit Moral leiden wird. (Ist ein Moralist
nicht das Gegenstück eines Puritaners? Nämlich als ein Denker, der
die Moral als fragwürdig, fragezeichenwürdig, kurz als Problem nimmt?
Sollte Moralisiren nicht - unmoralisch sein?) Zuletzt wollen sie Alle,
dass die englische Moralität Recht bekomme: insofern gerade damit
der Menschheit, oder dem "allgemeinen Nutzen" oder "dem Glück der
Meisten", nein! dem Glücke Englands am besten gedient wird; sie
möchten mit allen Kräften sich beweisen, dass das Streben nach
englischem Glück, ich meine nach comfort und fashion (und, an höchster
Stelle, einem Sitz im Parlament) zugleich auch der rechte Pfad der
Tugend sei, ja dass, so viel Tugend es bisher in der Welt gegeben
hat, es eben in einem solchen Streben bestanden habe. Keins von
allen diesen schwerfälligen, im Gewissen beunruhigten Heerdenthieren
(die die Sache des Egoismus als Sache der allgemeinen Wohlfahrt zu
führen unternehmen -) will etwas davon wissen und riechen, dass die
"allgemeine Wohlfahrt" kein Ideal, kein Ziel, kein irgendwie fassbarer
Begriff, sondern nur ein Brechmittel ist, - dass, was dem Einen
billig ist, durchaus noch nicht dem Andern billig sein kann, dass die
Forderung Einer Moral für Alle die Beeinträchtigung gerade der höheren
Menschen ist, kurz, dass es eine Rangordnung zwischen Mensch und
Mensch, folglich auch zwischen Moral und Moral giebt. Es ist
eine bescheidene und gründlich mittelmässige Art Mensch, diese
utilitarischen Engländer, und, wie gesagt: insofern sie langweilig
sind, kann man nicht hoch genug von ihrer Utilität denken. Man sollte
sie noch ermuthigen: wie es, zum Theil, mit nachfolgenden Reimen
versucht worden ist.
Heil euch, brave Karrenschieber,
Stets "je länger, desto lieber",
Steifer stets an Kopf und Knie,
Unbegeistert, ungespässig,
Unverwüstlich-mittelmässig,
Sans genie et sans esprit!
229.
Es bleibt in jenen späten Zeitaltern, die auf Menschlichkeit stolz
sein dürfen, so viel Furcht, so viel Aberglaube der Furcht vor dem
"wilden grausamen Thiere" zurück, über welches Herr geworden zu sein
eben den Stolz jener menschlicheren Zeitalter ausmacht, dass selbst
handgreifliche Wahrheiten wie auf Verabredung Jahrhunderte lang
unausgesprochen bleiben, weil sie den Anschein haben, jenem wilden,
endlich abgetödteten Thiere wieder zum Leben zu verhelfen. Ich wage
vielleicht etwas, wenn ich eine solche Wahrheit mir entschlüpfen
lasse: mögen Andre sie wieder einfangen und ihr so viel "Milch der
frommen Denkungsart" zu trinken geben, bis sie still und vergessen in
ihrer alten Ecke liegt. - Man soll über die Grausamkeit umlernen und
die Augen aufmachen; man soll endlich Ungeduld lernen, damit nicht
länger solche unbescheidne dicke Irrthümer tugendhaft und dreist
herumwandeln, wie sie zum Beispiel in Betreff der Tragödie von alten
und neuen Philosophen aufgefüttert worden sind. Fast Alles, was wir
"höhere Cultur" nennen, beruht auf der Vergeistigung und Vertiefung
der Grausamkeit - dies ist mein Satz; jenes "wilde Thier" ist gar
nicht abgetödtet worden, es lebt, es blüht, es hat sich nur -
vergöttlicht. Was die schmerzliche Wollust der Tragödie ausmacht, ist
Grausamkeit; was im sogenannten tragischen Mitleiden, im Grunde sogar
in allem Erhabenen bis hinauf zu den höchsten und zartesten Schaudern
der Metaphysik, angenehm wirkt, bekommt seine Süssigkeit allein von
der eingemischten Ingredienz der Grausamkeit. Was der Römer in der
Arena, der Christ in den Entzückungen des Kreuzes, der Spanier
Angesichts von Scheiterhaufen oder Stierkämpfen, der Japanese von
heute, der sich zur Tragödie drängt, der Pariser Vorstadt-Arbeiter,
der ein Heimweh nach blutigen Revolutionen hat, die Wagnerianerin,
welche mit ausgehängtem Willen Tristan und Isolde über sich "ergehen
lässt", - was diese Alle geniessen und mit geheimnissvoller Brunst in
sich hineinzutrinken trachten, das sind die Würztränke der grossen
Circe "Grausamkeit". Dabei muss man freilich die tölpelhafte
Psychologie von Ehedem davon jagen, welche von der Grausamkeit nur
zu lehren wusste, dass sie beim Anblicke fremden Leides entstünde:
es giebt einen reichlichen, überreichlichen Genuss auch am eignen
Leiden, am eignen Sich-leiden-machen, - und wo nur der Mensch zur
Selbst-Verleugnung im religiösen Sinne oder zur Selbstverstümmelung,
wie bei Phöniziern und Asketen, oder überhaupt zur Entsinnlichung,
Entfleischung, Zerknirschung, zum puritanischen Busskrampfe, zur
Gewissens-Vivisektion und zum Pascalischen sacrifizio dell'intelletto
sich überreden lässt, da wird er heimlich durch seine Grausamkeit
gelockt und vorwärts gedrängt, durch jene gefährlichen Schauder der
gegen sich selbst gewendeten Grausamkeit. Zuletzt erwäge man, dass
selbst der Erkennende, indem er seinen Geist zwingt, wider den Hang
des Geistes und oft genug auch wider die Wünsche seines Herzens zu
erkennen - nämlich Nein zu sagen, wo er bejahen, lieben, anbeten
möchte -, als Künstler und Verklärer der Grausamkeit waltet; schon
jedes Tief- und Gründlich-Nehmen ist eine Vergewaltigung, ein
Wehe-thun-wollen am Grundwillen des Geistes, welcher unablässig
zum Scheine und zu den Oberflächen hin will, - schon in jedem
Erkennen-Wollen ist ein Tropfen Grausamkeit.
230.
Vielleicht versteht man nicht ohne Weiteres, was ich hier von
einem "Grundwillen des Geistes" gesagt habe: man gestatte mir eine
Erläuterung. - Das befehlerische Etwas, das vom Volke "der Geist"
genannt wird, will in sich und um sich herum Herr sein und sich als
Herrn fühlen: es hat den Willen aus der Vielheit zur Einfachheit,
einen zusammenschnürenden, bändigenden, herrschsüchtigen und wirklich
herrschaftlichen Willen. Seine Bedürfnisse und Vermögen sind hierin
die selben, wie sie die Physiologen für Alles, was lebt, wächst
und sich vermehrt, aufstellen. Die Kraft des Geistes, Fremdes sich
anzueignen, offenbart sich in einem starken Hange, das Neue dem Alten
anzuähnlichen, das Mannichfaltige zu vereinfachen, das gänzlich
Widersprechende zu übersehen oder wegzustossen: ebenso wie er
bestimmte Züge und Linien am Fremden, an jedem Stück "Aussenwelt"
willkürlich stärker unterstreicht, heraushebt, sich zurecht fälscht.
Seine Absicht geht dabei auf Einverleibung neuer "Erfahrungen" auf
Einreihung neuer Dinge unter alte Reihen, - auf Wachsthum also;
bestimmter noch, auf das Gefühl des Wachsthums, auf das Gefühl
der vermehrten Kraft. Diesem selben Willen dient ein scheinbar
entgegengesetzter Trieb des Geistes, ein plötzlich herausbrechender
Entschluss zur Unwissenheit, zur willkürlichen Abschliessung, ein
Zumachen seiner Fenster, ein inneres Neinsagen zu diesem oder jenem
Dinge, ein Nicht-heran-kommen-lassen, eine Art Vertheidigungs-Zustand
gegen vieles Wissbare, eine Zufriedenheit mit dem Dunkel, mit
dem abschliessenden Horizonte, ein Ja-sagen und Gut-heissen der
Unwissenheit: wie dies Alles nöthig ist je nach dem Grade seiner
aneignenden Kraft, seiner "Verdauungskraft", im Bilde geredet - und
wirklich gleicht "der Geist" am meisten noch einem Magen. Insgleichen
gehört hierher der gelegentliche Wille des Geistes, sich täuschen zu
lassen, vielleicht mit einer muthwilligen Ahnung davon, dass es so
und so nicht steht, dass man es so und so eben nur gelten lässt, eine
Lust an aller Unsicherheit und Mehrdeutigkeit, ein frohlockender
Selbstgenuss an der willkürlichen Enge und Heimlichkeit eines Winkels,
am Allzunahen, am Vordergrunde, am Vergrösserten, Verkleinerten,
Verschobenen, Verschönerten, ein Selbstgenuss an der Willkürlichkeit
aller dieser Machtäusserungen. Endlich gehört hierher jene nicht
unbedenkliche Bereitwilligkeit des Geistes, andere Geister zu täuschen
und sich vor ihnen zu verstellen, jener beständige Druck und Drang
einer schaffenden, bildenden, wandelfähigen Kraft: der Geist geniesst
darin seine Masken-Vielfältigkeit und Verschlagenheit, er geniesst
auch das Gefühl seiner Sicherheit darin, - gerade durch seine
Proteuskünste ist er ja am besten vertheidigt und versteckt! - Diesem
Willen zum Schein, zur Vereinfachung, zur Maske, zum Mantel, kurz zur
Oberfläche - denn jede Oberfläche ist ein Mantel - wirkt jener sublime
Hang des Erkennenden entgegen, der die Dinge tief, vielfach, gründlich
nimmt und nehmen will: als eine Art Grausamkeit des intellektuellen
Gewissens und Geschmacks, welche jeder tapfere Denker bei sich
anerkennen wird, gesetzt dass er, wie sich gebührt, sein Auge für sich
selbst lange genug gehärtet und gespitzt hat und an strenge Zucht,
auch an strenge Worte gewöhnt ist. Er wird sagen "es ist etwas
Grausames im Hange meines Geistes": - mögen die Tugendhaften
und Liebenswürdigen es ihm auszureden suchen! In der That, es
klänge artiger, wenn man uns, statt der Grausamkeit, etwa eine
"ausschweifende Redlichkeit" nachsagte, nachraunte, nachrühmte, - uns
freien, sehr freien Geistern: - und so klingt vielleicht wirklich
einmal unser - Nachruhm? Einstweilen - denn es hat Zeit bis dahin -
möchten wir selbst wohl am wenigsten geneigt sein, uns mit dergleichen
moralischen Wort-Flittern und -Franzen aufzuputzen: unsre ganze
bisherige Arbeit verleidet uns gerade diesen Geschmack und seine
muntere Üppigkeit. Es sind schöne glitzernde klirrende festliche
Worte: Redlichkeit, Liebe zur Wahrheit, Liebe zur Weisheit,
Aufopferung für die Erkenntniss, Heroismus des Wahrhaftigen, - es ist
Etwas daran, das Einem den Stolz schwellen macht. Aber wir Einsiedler
und Murmelthiere, wir haben uns längst in aller Heimlichkeit eines
Einsiedler-Gewissens überredet, dass auch dieser würdige Wort-Prunk
zu dem alten Lügen-Putz, -Plunder und -Goldstaub der unbewussten
menschlichen Eitelkeit gehört, und dass auch unter solcher
schmeichlerischen Farbe und Übermalung der schreckliche Grundtext
homo natura wieder heraus erkannt werden muss. Den Menschen
nämlich zurückübersetzen in die Natur; über die vielen eitlen und
schwärmerischen Deutungen und Nebensinne Herr werden, welche bisher
über jenen ewigen Grundtext homo natura gekritzelt und gemalt wurden;
machen, dass der Mensch fürderhin vor dem Menschen steht, wie er heute
schon, hart geworden in der Zucht der Wissenschaft, vor der anderen
Natur steht, mit unerschrocknen Oedipus-Augen und verklebten
Odysseus-Ohren, taub gegen die Lockweisen alter metaphysischer
Vogelfänger, welche ihm allzulange zugeflötet haben: "du bist mehr!
du bist höher! du bist anderer Herkunft!" - das mag eine seltsame und
tolle Aufgabe sein, aber es ist eine Aufgabe - wer wollte das leugnen!
Warum wir sie wählten, diese tolle Aufgabe? Oder anders gefragt:
"warum überhaupt Erkenntniss?" - Jedermann wird uns darnach fragen.
Und wir, solchermaassen gedrängt, wir, die wir uns hunderte Male
selbst schon ebenso gefragt haben, wir fanden und finden keine bessere
Antwort....
231.
Das Lernen verwandelt uns, es thut Das, was alle Ernährung thut, die
auch nicht bloss "erhält" -: wie der Physiologe weiss. Aber im Grunde
von uns, ganz "da unten", giebt es freilich etwas Unbelehrbares, einen
Granit von geistigem Fatum, von vorherbestimmter Entscheidung und
Antwort auf vorherbestimmte ausgelesene Fragen. Bei jedem kardinalen
Probleme redet ein unwandelbares "das bin ich"; über Mann und Weib zum
Beispiel kann ein Denker nicht umlernen, sondern nur auslernen, - nur
zu Ende entdecken, was darüber bei ihm "feststeht". Man findet bei
Zeiten gewisse Lösungen von Problemen, die gerade uns starken Glauben
machen; vielleicht nennt man sie fürderhin seine "Überzeugungen".
Später - sieht man in ihnen nur Fusstapfen zur Selbsterkenntniss,
Wegweiser zum Probleme, das wir sind, - richtiger, zur grossen
Dummheit, die wir sind, zu unserem geistigen Fatum, zum Unbelehrbaren
ganz "da unten". - Auf diese reichliche Artigkeit hin, wie ich sie
eben gegen mich selbst begangen habe, wird es mir vielleicht eher
schon gestattet sein, über das "Weib an sich" einige Wahrheiten
herauszusagen: gesetzt, dass man es von vornherein nunmehr weiss, wie
sehr es eben nur - meine Wahrheiten sind. -
232.
Das Weib will selbständig werden: und dazu fängt es an, die Männer
über das "Weib an sich" aufzuklären - das gehört zu den schlimmsten
Fortschritten der allgemeinen Verhässlichung Europa's. Denn was
müssen diese plumpen Versuche der weiblichen Wissenschaftlichkeit und
Selbst-Entblössung Alles an's Licht bringen! Das Weib hat so viel
Grund zur Scham; im Weibe ist so viel Pedantisches, Oberflächliches,
Schulmeisterliches, Kleinlich-Anmaassliches, Kleinlich-Zügelloses
und -Unbescheidenes versteckt - man studire nur seinen Verkehr mit
Kindern! -, das im Grunde bisher durch die Furcht vor dem Manne
am besten zurückgedrängt und gebändigt wurde. Wehe, wenn erst das
"Ewig-Langweilige am Weibe" - es ist reich daran! - sich hervorwagen
darf! wenn es seine Klugheit und Kunst, die der Anmuth, des Spielens,
Sorgen-Wegscheuchens, Erleichterns und Leicht-Nehmens, wenn es
seine feine Anstelligkeit zu angenehmen Begierden gründlich und
grundsätzlich zu verlernen beginnt! Es werden schon jetzt weibliche
Stimmen laut, welche, beim heiligen Aristophanes! Schrecken machen, es
wird mit medizinischer Deutlichkeit gedroht, was zuerst und zuletzt
das Weib vom Manne will. Ist es nicht vom schlechtesten Geschmacke,
wenn das Weib sich dergestalt anschickt, wissenschaftlich zu werden?
Bisher war glücklicher Weise das Aufklären Männer-Sache, Männer-Gabe
- man blieb damit "unter sich"; und man darf sich zuletzt, bei
Allem, was Weiber über "das Weib" schreiben, ein gutes Misstrauen
vorbehalten, ob das Weib über sich selbst eigentlich Aufklärung will
- und wollen kann Wenn ein Weib damit nicht einen neuen Putz für sich
sucht - ich denke doch, das Sich-Putzen gehört zum Ewig-Weiblichen? -
nun, so will es vor sich Furcht erregen: - es will damit vielleicht
Herrschaft. Aber es will nicht Wahrheit: was liegt dem Weibe an
Wahrheit! Nichts ist von Anbeginn an dem Weibe fremder, widriger,
feindlicher als Wahrheit, - seine grosse Kunst ist die Lüge, seine
höchste Angelegenheit ist der Schein und die Schönheit. Gestehen wir
es, wir Männer: wir ehren und lieben gerade diese Kunst und diesen
Instinkt am Weibe: wir, die wir es schwer haben und uns gerne zu
unsrer Erleichterung zu Wesen gesellen, unter deren Händen, Blicken
und zarten Thorheiten uns unser Ernst, unsre Schwere und Tiefe beinahe
wie eine Thorheit erscheint. Zuletzt stelle ich die Frage: hat jemals
ein Weib selber schon einem Weibskopfe Tiefe, einem Weibsherzen
Gerechtigkeit zugestanden? Und ist es nicht wahr, dass, im Grossen
gerechnet, "das Weib" bisher vom Weibe selbst am meisten missachtet
wurde - und ganz und gar nicht von uns? - Wir Männer wünschen, dass
das Weib nicht fortfahre, sich durch Aufklärung zu compromittiren:
wie es Manns-Fürsorge und Schonung des Weibes war, als die Kirche
dekretirte: mulier taceat in ecclesia! Es geschah zum Nutzen des
Weibes, als Napoleon der allzuberedten Madame de Staël zu verstehen
gab: mulier taceat in politicis! - und ich denke, dass es ein rechter
Weiberfreund ist, der den Frauen heute zuruft: mulier taceat de
muliere!
233.
Es verräth Corruption der Instinkte - noch abgesehn davon, dass es
schlechten Geschmack verräth -. wenn ein Weib sich gerade auf Madame
Roland oder Madame de Staël oder Monsieur George Sand beruft, wie als
ob damit etwas zu Gunsten des "Weibes an sich" bewiesen wäre. Unter
Männern sind die Genannten die drei komischen Weiber an sich - nichts
mehr! - und gerade die besten unfreiwilligen Gegen-Argumente gegen
Emancipation und weibliche Selbstherrlichkeit.
234.
Die Dummheit in der Küche; das Weib als Köchin; die schauerliche
Gedankenlosigkeit, mit der die Ernährung der Familie und des Hausherrn
besorgt wird! Das Weib versteht nicht, was die Speise bedeutet: und
will Köchin sein! Wenn das Weib ein denkendes Geschöpf wäre, so hätte
es ja, als Köchin seit Jahrtausenden, die grössten physiologischen
Thatsachen finden, insgleichen die Heilkunst in seinen Besitz bringen
müssen! Durch schlechte Köchinnen - durch den vollkommenen Mangel an
Vernunft in der Küche ist die Entwicklung des Menschen am längsten
aufgehalten, am schlimmsten beeinträchtigt worden: es steht heute
selbst noch wenig besser. Eine Rede an höhere Töchter.
235.
Es giebt Wendungen und Würfe des Geistes, es giebt Sentenzen, eine
kleine Handvoll Worte, in denen eine ganze Cultur, eine ganze
Gesellschaft sich plötzlich krystallisirt. Dahin gehört jenes
gelegentliche Wort der Madame de Lambert an ihren Sohn: "mon ami, ne
vous permettez jamais que de folies, qui vous feront grand plaisir":
- beiläufig das mütterlichste und klügste Wort, das je an einen Sohn
gerichtet worden ist.
236.
Das, was Dante und Goethe vom Weibe geglaubt haben - jener, indem
er sang "ella guardava suso, ed io in lei", dieser, indem er es
übersetzte "das Ewig-Weibliche zieht uns hinan" -: ich zweifle nicht,
dass jedes edlere Weib sich gegen diesen Glauben wehren wird, denn es
glaubt eben das vom Ewig-Männlichen...
237.
Sieben Weibs-Sprüchlein.
Wie die längste Weile fleucht,
kommt ein Mann zu uns gekreucht!
Alter, ach! und Wissenschaft
giebt auch schwacher Tugend Kraft.
Schwarz Gewand und Schweigsamkeit
kleidet jeglich Weib - gescheidt.
Wem im Glück ich dankbar bin?
Gott! - und meiner Schneiderin.
Jung: beblümtes Höhlenhaus.
Alt: ein Drache fährt heraus.
Edler Name, hübsches Bein,
Mann dazu: oh wär' _er_ mein!
Kurze Rede, langer Sinn
- Glatteis für die Eselin!
237.
Die Frauen sind von den Männern bisher wie Vögel behandelt worden, die
von irgend welcher Höhe sich hinab zu ihnen verirrt haben: als etwas
Feineres, Verletzlicheres, Wilderes, Wunderlicheres, Süsseres,
Seelenvolleres, - aber als Etwas, das man einsperren muss, damit es
nicht davonfliegt.
238.
Sich im Grundprobleme "Mann und Weib" zu vergreifen, hier den
abgründlichsten Antagonismus und die Nothwendigkeit einer
ewig-feindseligen Spannung zu leugnen, hier vielleicht von gleichen
Rechten, gleicher Erziehung, gleichen Ansprüchen und Verpflichtungen
zu träumen: das ist ein typisches Zeichen von Flachköpfigkeit, und ein
Denker, der an dieser gefährlichen Stelle sich flach erwiesen hat -
flach im Instinkte! -, darf überhaupt als verdächtig, mehr noch, als
verrathen, als aufgedeckt gelten: wahrscheinlich wird er für alle
Grundfragen des Lebens, auch des zukünftigen Lebens, zu "kurz" sein
und in keine Tiefe hinunter können. Ein Mann hingegen, der Tiefe
hat, in seinem Geiste, wie in seinen Begierden, auch jene Tiefe des
Wohlwollens, welche der Strenge und Härte fähig ist, und leicht mit
ihnen verwechselt wird, kann über das Weib immer nur orientalisch
denken: er muss das Weib als Besitz, als verschliessbares Eigenthum,
als etwas zur Dienstbarkeit Vorbestimmtes und in ihr sich Vollendendes
fassen, - er muss sich hierin auf die ungeheure Vernunft Asiens, auf
Asiens Instinkt-Überlegenheit stellen: wie dies ehemals die Griechen
gethan haben, diese besten Erben und Schüler Asiens, welche, wie
bekannt, von Homer bis zu den Zeiten des Perikles, mit zunehmen - der
Cultur und Umfänglichkeit an Kraft, Schritt für Schritt auch strenger
gegen das Weib, kurz orientalischer geworden sind. Wie nothwendig, wie
logisch, wie selbst menschlich-wünschbar dies war: möge man darüber
bei sich nachdenken!
239.
Das schwache Geschlecht ist in keinem Zeitalter mit solcher Achtung
von Seiten der Männer behandelt worden als in unserm Zeitalter - das
gehört zum demokratischen Hang und Grundgeschmack, ebenso wie die
Unehrerbietigkeit vor dem Alter -: was Wunder, dass sofort wieder mit
dieser Achtung Missbrauch getrieben wird? Man will mehr, man lernt
fordern, man findet zuletzt jenen Achtungszoll beinahe schon kränkend,
man würde den Wettbewerb um Rechte, ja ganz eigentlich den Kampf
vorziehn: genug, das Weib verliert an Scham. Setzen wir sofort hinzu,
dass es auch an Geschmack verliert. Es verlernt den Mann zu fürchten:
aber das Weib, das "das Fürchten verlernt", giebt seine weiblichsten
Instinkte preis. Dass das Weib sich hervor wagt, wenn das
Furcht-Einflössende am Manne, sagen wir bestimmter, wenn der Mann im
Manne nicht mehr gewollt und grossgezüchtet wird, ist billig genug,
auch begreiflich genug; was sich schwerer begreift, ist, dass
ebendamit - das Weib entartet. Dies geschieht heute: täuschen wir uns
nicht darüber! Wo nur der industrielle Geist über den militärischen
und aristokratischen Geist gesiegt hat, strebt jetzt das Weib nach der
wirthschaftlichen und rechtlichen Selbständigkeit eines Commis: "das
Weib als Commis" steht an der Pforte der sich bildenden modernen
Gesellschaft. Indem es sich dergestalt neuer Rechte bemächtigt, "Herr"
zu werden trachtet und den "Fortschritt" des Weibes auf seine Fahnen
und Fähnchen schreibt, vollzieht sich mit schrecklicher Deutlichkeit
das Umgekehrte: das Weib geht zurück. Seit der französischen
Revolution ist in Europa der Einfluss des Weibes in dem Maasse
geringer geworden, als es an Rechten und Ansprüchen zugenommen hat;
und die "Emancipation des Weibes", insofern sie von den Frauen selbst
(und nicht nur von männlichen Flachköpfen) verlangt und gefördert
wird, ergiebt sich dergestalt als ein merkwürdiges Symptom von
der zunehmenden Schwächung und Abstumpfung der allerweiblichsten
Instinkte. Es ist Dummheit in dieser Bewegung, eine beinahe
maskulinische Dummheit, deren sich ein wohlgerathenes Weib - das immer
ein kluges Weib ist - von Grund aus zu schämen hätte. Die Witterung
dafür verlieren, auf welchem Boden man am sichersten zum Siege kommt;
die Übung in seiner eigentlichen Waffenkunst vernachlässigen; sich vor
dem Manne gehen lassen, vielleicht sogar "bis zum Buche", wo man sich
früher in Zucht und feine listige Demuth nahm; dem Glauben des Mannes
an ein im Weibe verhülltes grundverschiedenes Ideal, an irgend
ein Ewig- und Nothwendig-Weibliches mit tugendhafter Dreistigkeit
entgegenarbeiten; dem Manne es nachdrücklich und geschwätzig ausreden,
dass das Weib gleich einem zarteren, wunderlich wilden und oft
angenehmen Hausthiere erhalten, versorgt, geschützt, geschont
werden müsse; das täppische und entrüstete Zusammensuchen all des
Sklavenhaften und Leibeigenen, das die Stellung des Weibes in der
bisherigen Ordnung der Gesellschaft an sich gehabt hat und noch hat
(als ob Sklaverei ein Gegenargument und nicht vielmehr eine Bedingung
jeder höheren Cultur, jeder Erhöhung der Cultur sei): - was bedeutet
dies Alles, wenn nicht eine Anbröckelung der weiblichen Instinkte,
eine Entweiblichung? Freilich, es giebt genug blödsinnige
Frauen-Freunde und Weibs-Verderber unter den gelehrten Eseln
männlichen Geschlechts, die dem Weibe anrathen, sich dergestalt zu
entweiblichen und alle die Dummheiten nachzumachen, an denen der
"Mann" in Europa, die europäische "Mannhaftigkeit" krankt, - welche
das Weib bis zur "allgemeinen Bildung", wohl gar zum Zeitungslesen
und Politisiren herunterbringen möchten. Man will hier und da selbst
Freigeister und Litteraten aus den Frauen machen: als ob ein Weib ohne
Frömmigkeit für einen tiefen und gottlosen Mann nicht etwas vollkommen
Widriges oder Lächerliches wäre -; man verdirbt fast überall ihre
Nerven mit der krankhaftesten und gefährlichsten aller Arten Musik
(unsrer deutschen neuesten Musik) und macht sie täglich hysterischer
und zu ihrem ersten und letzten Berufe, kräftige Kinder zu gebären,
unbefähigter. Man will sie überhaupt noch mehr "cultiviren" und, wie
man sagt, das "schwache Geschlecht" durch Cultur stark machen: als
ob nicht die Geschichte so eindringlich wie möglich lehrte, dass
"Cultivirung" des Menschen und Schwächung - nämlich Schwächung,
Zersplitterung, Ankränkelung der Willenskraft, immer mit einander
Schritt gegangen sind, und dass die mächtigsten und einflussreichsten
Frauen der Welt (zuletzt noch die Mutter Napoleon's) gerade ihrer
Willenskraft - und nicht den Schulmeistern! - ihre Macht und ihr
Übergewicht über die Männer verdankten. Das, was am Weibe Respekt und
oft genug Furcht einflösst, ist seine Natur, die "natürlicher" ist als
die des Mannes, seine ächte raubthierhafte listige Geschmeidigkeit,
seine Tigerkralle unter dem Handschuh, seine Naivetät im Egoismus,
seine Unerziehbarkeit und innerliche Wildheit, das Unfassliche, Weite,
Schweifende seiner Begierden und Tugenden..... Was, bei aller Furcht,
für diese gefährliche und schöne Katze "Weib" Mitleiden macht, ist,
dass es leidender, verletzbarer, liebebedürftiger und zur Enttäuschung
verurtheilter erscheint als irgend ein Thier. Furcht und Mitleiden:
mit diesen Gefühlen stand bisher der Mann vor dem Weibe, immer mit
einem Fusse schon in der Tragödie, welche zerreisst, indem sie
entzückt -. Wie? Und damit soll es nun zu Ende sein? Und die
Entzauberung des Weibes ist im Werke? Die Verlangweiligung des Weibes
kommt langsam herauf? Oh Europa! Europa! Man kennt das Thier mit
Hörnern, welches für dich immer am anziehendsten war, von dem dir
immer wieder Gefahr droht! Deine alte Fabel könnte noch einmal zur
"Geschichte" werden, - noch einmal- könnte eine ungeheure Dummheit
über dich Herr werden und dich davon tragen! Und unter ihr kein Gott
versteckt, nein! nur eine "Idee", eine "moderne Idee"!.....
Achtes Hauptstück:
Völker und Vaterländer.
240.
Ich hörte, wieder einmal zum ersten Male - Richard Wagner's Ouverture
zu den Meistersingern: das ist eine prachtvolle, überladene, schwere
und späte Kunst, welche den Stolz hat, zu ihrem Verständniss zwei
Jahrhunderte Musik als noch lebendig vorauszusetzen: - es ehrt die
Deutschen, dass sich ein solcher Stolz nicht verrechnete! Was für
Säfte und Kräfte, was für Jahreszeiten und Himmelsstriche sind hier
nicht gemischt! Das muthet uns bald alterthümlich, bald fremd, herb
und überjung an, das ist ebenso willkürlich als pomphaft-herkömmlich,
das ist nicht selten schelmisch, noch öfter derb und grob, - das hat
Feuer und Muth und zugleich die schlaffe falbe Haut von Früchten,
welche zu spät reif werden. Das strömt breit und voll: und plötzlich
ein Augenblick unerklärlichen Zögerns, gleichsam eine Lücke, die
zwischen Ursache und Wirkung aufspringt, ein Druck, der uns träumen
macht, beinahe ein Alpdruck -, aber schon breitet und weitet sich
wieder der alte Strom von Behagen aus, von vielfältigstem Behagen,
von altem und neuem Glück, sehr eingerechnet das Glück des Künstlers
an sich selber, dessen er nicht Hehl haben will, sein erstauntes
glückliches Mitwissen um die Meisterschaft seiner hier verwendeten
Mittel, neuer neuerworbener unausgeprobter Kunstmittel, wie er uns zu
verrathen scheint. Alles in Allem keine Schönheit, kein Süden, Nichts
von südlicher feiner Helligkeit des Himmels, Nichts von Grazie, kein
Tanz, kaum ein Wille zur Logik; eine gewisse Plumpheit sogar, die noch
unterstrichen wird, wie als ob der Künstler uns sagen wollte: "sie
gehört zu meiner Absicht"; eine schwerfällige Gewandung, etwas
Willkürlich-Barbarisches und Feierliches, ein Geflirr von gelehrten
und ehrwürdigen Kostbarkeiten und Spitzen; etwas Deutsches, im besten
und schlimmsten Sinn des Wortes, etwas auf deutsche Art Vielfaches,
Unförmliches und Unausschöpfliches; eine gewisse deutsche Mächtigkeit
und Überfülle der Seele, welche keine Furcht hat, sich unter die
Raffinements des Verfalls zu verstecken, - die sich dort vielleicht
erst am wohlsten fühlt; ein rechtes ächtes Wahrzeichen der deutschen
Seele, die zugleich jung und veraltet, übermürbe und überreich noch
an Zukunft ist. Diese Art Musik drückt am besten aus, was ich von den
Deutschen halte: sie sind von Vorgestern und von Übermorgen, - sie
haben noch kein Heute.
241.
Wir "guten Europäer": auch wir haben Stunden, wo wir uns eine
herzhafte Vaterländerei, einen Plumps und Rückfall in alte Lieben und
Engen gestatten - ich gab eben eine Probe davon -, Stunden nationaler
Wallungen, patriotischer Beklemmungen und allerhand anderer
alterthümlicher Gefühls-Überschwemmungen. Schwerfälligere Geister, als
wir sind, mögen mit dem, was sich bei uns auf Stunden beschränkt und
in Stunden zu Ende spielt, erst in längeren Zeiträumen fertig werden,
in halben Jahren die Einen, in halben Menschenleben die Anderen,
je nach der Schnelligkeit und Kraft, mit der sie verdauen und ihre
"Stoffe wechseln". Ja, ich könnte mir dumpfe zögernde Rassen denken,
welche auch in unserm geschwinden Europa halbe Jahrhunderte nöthig
hätten, um solche atavistische Anfälle von Vaterländerei und
Schollenkleberei zu überwinden und wieder zur Vernunft, will sagen
zum "guten Europäerthum" zurückzukehren. Und indem ich über diese
Möglichkeit ausschweife, begegnet mir's, dass ich Ohrenzeuge eines
Gesprächs von zwei alten "Patrioten" werde, - sie hörten beide
offenbar schlecht und sprachen darum um so lauter. "Der hält und weiss
von Philosophie so viel als ein Bauer oder Corpsstudent - sagte der
Eine -: der ist noch unschuldig. Aber was liegt heute daran! Es ist
das Zeitalter der Massen: die liegen vor allem Massenhaften auf dem
Bauche. Und so auch in politicis. Ein Staatsmann, der ihnen einen
neuen Thurm von Babel, irgend ein Ungeheuer von Reich und Macht
aufthürmt, heisst ihnen `gross`: - was liegt daran, dass wir
Vorsichtigeren und Zurückhaltenderen einstweilen noch nicht vom alten
Glauben lassen, es sei allein der grosse Gedanke, der einer That und
Sache Grösse giebt. Gesetzt, ein Staatsmann brächte sein Volk in die
Lage, fürderhin `grosse Politik` treiben zu müssen, für welche es von
Natur schlecht angelegt und vorbereitet ist: so dass es nöthig hätte,
einer neuen zweifelhaften Mittelmässigkeit zu Liebe seine alten und
sicheren Tugenden zu opfern, - gesetzt, ein Staatsmann verurtheilte
sein Volk zum `Politisiren` überhaupt, während dasselbe bisher
Besseres zu thun und zu denken hatte und im Grunde seiner Seele einen
vorsichtigen Ekel vor der Unruhe, Leere und lärmenden Zankteufelei
der eigentlich politisirenden Völker nicht los wurde: - gesetzt, ein
solcher Staatsmann stachle die eingeschlafnen Leidenschaften und
Begehrlichkeiten seines Volkes auf, mache ihm aus seiner bisherigen
Schüchternheit und Lust am Danebenstehn einen Flecken, aus seiner
Ausländerei und heimlichen Unendlichkeit eine Verschuldung, entwerthe
ihm seine herzlichsten Hänge, drehe sein Gewissen um, mache seinen
Geist eng, seinen Geschmack `national`, - wie! ein Staatsmann, der
dies Alles thäte, den sein Volk in alle Zukunft hinein, falls es
Zukunft hat, abbüssen müsste, ein solcher Staatsmann wäre gross?"
"Unzweifelhaft! antwortete ihm der andere alte Patriot heftig: sonst
hätte er es nicht gekonnt! Es war toll vielleicht, so etwas zu wollen?
Aber vielleicht war alles Grosse im Anfang nur toll!" - "Missbrauch
der Worte! schrie sein Unterredner dagegen: - stark! stark! stark
und toll! Nicht gross!" - Die alten Männer hatten sich ersichtlich
erhitzt, als sie sich dergestalt ihre "Wahrheiten" in's Gesicht
schrieen; ich aber, in meinem Glück und Jenseits, erwog, wie bald
über den Starken ein Stärkerer Herr werden wird; auch dass es für die
geistige Verflachung eines Volkes eine Ausgleichung giebt, nämlich
durch die Vertiefung eines anderen. -
242.
Nenne man es nun "Civilisation" oder "Vermenschlichung" oder
"Fortschritt", worin jetzt die Auszeichnung der Europäer gesucht
wird; nenne man es einfach, ohne zu loben und zu tadeln, mit einer
politischen Formel die demokratische Bewegung Europa's: hinter
all den moralischen und politischen Vordergründen, auf welche mit
solchen Formeln hingewiesen wird, vollzieht sich ein ungeheurer
physiologischer Prozess, der immer mehr in Fluss geräth, - der Prozess
einer Anähnlichung der Europäer, ihre wachsende Loslösung von den
Bedingungen, unter denen klimatisch und ständisch gebundene Rassen
entstehen, ihre zunehmende Unabhängigkeit von jedem bestimmten milieu,
das Jahrhunderte lang sich mit gleichen Forderungen in Seele und Leib
einschreiben möchte, - also die langsame Heraufkunft einer wesentlich
übernationalen und nomadischen Art Mensch, welche, physiologisch
geredet, ein Maximum von Anpassungskunst und -kraft als ihre typische
Auszeichnung besitzt. Dieser Prozess des werdenden Europäers, welcher
durch grosse Rückfälle im Tempo verzögert werden kann, aber vielleicht
gerade damit an Vehemenz und Tiefe gewinnt und wächst - der jetzt
noch wüthende Sturm und Drang des "National-Gefühls" gehört hierher,
insgleichen der eben heraufkommende Anarchismus -: dieser Prozess
läuft wahrscheinlich auf Resultate hinaus, auf welche seine naiven
Beförderer und Lobredner, die Apostel der "modernen Ideen", am
wenigsten rechnen möchten. Die selben neuen Bedingungen, unter denen
im Durchschnitt eine Ausgleichung und Vermittelmässigung des Menschen
sich herausbilden wird - ein nützliches arbeitsames, vielfach
brauchbares und anstelliges Heerdenthier Mensch -, sind im höchsten
Grade dazu angethan, Ausnahme-Menschen der gefährlichsten und
anziehendsten Qualität den Ursprung zu geben. Während nämlich jene
Anpassungskraft, welche immer wechselnde Bedingungen durchprobirt und
mit jedem Geschlecht, fast mit jedem Jahrzehend, eine neue Arbeit
beginnt, die Mächtigkeit des Typus gar nicht möglich macht; während
der Gesammt-Eindruck solcher zukünftiger Europäer wahrscheinlich der
von vielfachen geschwätzigen willensarmen und äusserst anstellbaren
Arbeitern sein wird, die des Herrn, des Befehlenden bedürfen wie des
täglichen Brodes; während also die Demokratisirung Europa's auf die
Erzeugung eines zur Sklaverei im feinsten Sinne vorbereiteten Typus
hinausläuft: wird, im Einzel- und Ausnahmefall, der starke Mensch
stärker und reicher gerathen müssen, als er vielleicht jemals bisher
gerathen ist, - Dank der Vorurtheilslosigkeit seiner Schulung, Dank
der ungeheuren Vielfältigkeit von Übung, Kunst und Maske. Ich wollte
sagen: die Demokratisirung Europa's ist zugleich eine unfreiwillige
Veranstaltung zur Züchtung von Tyrannen,- das Wort in jedem Sinne
verstanden, auch im geistigsten.
243.
Ich höre mit Vergnügen, dass unsre Sonne in rascher Bewegung gegen
das Sternbild des Herkules hin begriffen ist: und ich hoffe, dass der
Mensch auf dieser Erde es darin der Sonne gleich thut. Und wir voran,
wir guten Europäer! -
244.
Es gab eine Zeit, wo man gewohnt war, die Deutschen mit Auszeichnung
"tief" zu nennen: jetzt, wo der erfolgreichste Typus des neuen
Deutschthums nach ganz andern Ehren geizt und an Allem, was Tiefe
hat, vielleicht die "Schneidigkeit" vermisst, ist der Zweifel beinahe
zeitgemäss und patriotisch, ob man sich ehemals mit jenem Lobe nicht
betrogen hat: genug, ob die deutsche Tiefe nicht im Grunde etwas
Anderes und Schlimmeres ist - und Etwas, das man, Gott sei Dank, mit
Erfolg loszuwerden im Begriff steht. Machen wir also den Versuch, über
die deutsche Tiefe umzulernen: man hat Nichts dazu nöthig, als ein
wenig Vivisektion der deutschen Seele. - Die deutsche Seele ist
vor Allem vielfach, verschiedenen Ursprungs, mehr zusammen- und
übereinandergesetzt, als wirklich gebaut: das liegt an ihrer Herkunft.
Ein Deutscher, der sich erdreisten wollte, zu behaupten "zwei
Seelen wohnen, ach! in meiner Brust" würde sich an der Wahrheit
arg vergreifen, richtiger, hinter der Wahrheit um viele Seelen
zurückbleiben. Als ein Volk der ungeheuerlichsten Mischung und
Zusammenrührung von Rassen, vielleicht sogar mit einem Übergewicht
des vor-arischen Elementes, als "Volk der Mitte" in jedem Verstande,
sind die Deutschen unfassbarer, umfänglicher, widerspruchsvoller,
unbekannter, unberechenbarer, überraschender, selbst erschrecklicher,
als es andere Völker sich selber sind: - sie entschlüpfen der
Definition und sind damit schon die Verzweiflung der Franzosen.
Es kennzeichnet die Deutschen, dass bei ihnen die Frage "was ist
deutsch?" niemals ausstirbt. Kotzebue kannte seine Deutschen gewiss
gut genug: "Wir sind erkannt" jubelten sie ihm zu, - aber auch Sand
glaubte sie zu kennen. Jean Paul wusste, was er that, als er sich
ergrimmt gegen Fichte's verlogne, aber patriotische Schmeicheleien und
Übertreibungen erklärte, - aber es ist wahrscheinlich, dass Goethe
anders über die Deutschen dachte, als Jean Paul, wenn er ihm auch in
Betreff Fichtens Recht gab. Was Goethe eigentlich über die Deutschen
gedacht hat? - Aber er hat über viele Dinge um sich herum nie deutlich
geredet und verstand sich zeitlebens auf das feine Schweigen: -
wahrscheinlich hatte er gute Gründe dazu. Gewiss ist, dass es nicht
"die Freiheitskriege" waren, die ihn freudiger aufblicken liessen,
so wenig als die französische Revolution, - das Ereigniss, um
dessentwillen er seinen Faust, ja das ganze Problem "Mensch" umgedacht
hat, war das Erscheinen Napoleon's. Es giebt Worte Goethe's, in denen
er, wie vom Auslande her, mit einer ungeduldigen Härte über Das
abspricht, was die Deutschen sich zu ihrem Stolze rechnen: das
berühmte deutsche Gemüth definirt er einmal als "Nachsicht mit fremden
und eignen Schwächen". Hat er damit Unrecht? - es kennzeichnet die
Deutschen, dass man über sie selten völlig Unrecht hat. Die deutsche
Seele hat Gänge und Zwischengänge in sich, es giebt in ihr Höhlen,
Verstecke, Burgverliesse; ihre Unordnung hat viel vom Reize des
Geheimnissvollen; der Deutsche versteht sich auf die Schleichwege
zum Chaos. Und wie jeglich Ding sein Gleichniss liebt, so liebt der
Deutsche die Wolken und Alles, was unklar, werdend, dämmernd, feucht
und verhängt ist: das Ungewisse, Unausgestaltete, Sich-Verschiebende,
Wachsende jeder Art fühlt er als "tief". Der Deutsche selbst ist
nicht, er wird, er "entwickelt sich". "Entwicklung" ist deshalb der
eigentlich deutsche Fund und Wurf im grossen Reich philosophischer
Formeln: - ein regierender Begriff, der, im Bunde mit deutschem Bier
und deutscher Musik, daran arbeitet, ganz Europa zu verdeutschen. Die
Ausländer stehen erstaunt und angezogen vor den Räthseln, die ihnen
die Widerspruchs-Natur im Grunde der deutschen Seele aufgiebt (welche
Hegel in System gebracht, Richard Wagner zuletzt noch in Musik
gesetzt hat). "Gutmüthig und tückisch" - ein solches Nebeneinander,
widersinnig in Bezug auf jedes andre Volk, rechtfertigt sich leider zu
oft in Deutschland: man lebe nur eine Zeit lang unter Schwaben! Die
Schwerfälligkeit des deutschen Gelehrten, seine gesellschaftliche
Abgeschmacktheit verträgt sich zum Erschrecken gut mit einer
innewendigen Seiltänzerei und leichten Kühnheit, vor der bereits alle
Götter das Fürchten gelernt haben. Will man die "deutsche Seele" ad
oculos demonstrirt, so sehe man nur in den deutschen Geschmack, in
deutsche Künste und Sitten hinein: welche bäurische Gleichgültigkeit
gegen "Geschmack"! Wie steht da das Edelste und Gemeinste neben
einander! Wie unordentlich und reich ist dieser ganze Seelen-Haushalt!
Der Deutsche schleppt an seiner Seele; er schleppt an Allem, was
er erlebt. Er verdaut seine Ereignisse schlecht, er wird nie damit
"fertig"; die deutsche Tiefe ist oft nur eine schwere zögernde
"Verdauung". Und wie alle Gewohnheits-Kranken, alle Dyspeptiker den
Hang zum Bequemen haben, so liebt der Deutsche die "Offenheit" und
"Biederkeit": wie bequem ist es, offen und bieder zu sein! - Es ist
heute vielleicht die gefährlichste und glücklichste Verkleidung, auf
die sich der Deutsche versteht, dies Zutrauliche, Entgegenkommende,
die-Karten-Aufdeckende der deutschen Redlichkeit: sie ist seine
eigentliche Mephistopheles-Kunst, mit ihr kann er es "noch weit
bringen"! Der Deutsche lässt sich gehen, blickt dazu mit treuen blauen
leeren deutschen Augen - und sofort verwechselt das Ausland ihn mit
seinem Schlafrocke! - Ich wollte sagen: mag die "deutsche Tiefe" sein,
was sie will, - ganz unter uns erlauben wir uns vielleicht über sie zu
lachen? - wir thun gut, ihren Anschein und guten Namen auch fürderhin
in Ehren zu halten und unsern alten Ruf, als Volk der Tiefe, nicht zu
billig gegen preussische "Schneidigkeit" und Berliner Witz und Sand zu
veräussern. Es ist für ein Volk klug, sich für tief, für ungeschickt,
für gutmüthig, für redlich, für unklug gelten zu machen, gelten zu
lassen: es könnte sogar - tief sein! Zuletzt: man soll seinem Namen
Ehre machen, - man heisst nicht umsonst das "tiusche" Volk, das
Täusche-Volk...
245.
Die "gute alte" Zeit ist dahin, in Mozart hat sie sich ausgesungen:
- wie glücklich wir, dass zu uns sein Rokoko noch redet, dass seine
"gute Gesellschaft", sein zärtliches Schwärmen, seine Kinderlust am
Chinesischen und Geschnörkelten, seine Höflichkeit des Herzens, sein
Verlangen nach Zierlichem, Verliebtem, Tanzendem, Thränenseligem, sein
Glaube an den Süden noch an irgend einen Rest in uns appelliren darf!
Ach, irgend wann wird es einmal damit vorbei sein! - aber wer darf
zweifeln, dass es noch früher mit dem Verstehen und Schmecken
Beethoven's vorbei sein wird! - der ja nur der Ausklang eines
Stil-Übergangs und Stil-Bruchs war und nicht, wie Mozart, der Ausklang
eines grossen Jahrhunderte langen europäischen Geschmacks. Beethoven
ist das Zwischen-Begebniss einer alten mürben Seele, die beständig
zerbricht, und einer zukünftigen überjungen Seele, welche beständig
kommt; auf seiner Musik liegt jenes Zwielicht von ewigem Verlieren und
ewigem ausschweifendem Hoffen, - das selbe Licht, in welchem Europa
gebadet lag, als es mit Rousseau geträumt, als es um den Freiheitsbaum
der Revolution getanzt und endlich vor Napoleon beinahe angebetet
hatte. Aber wie schnell verbleicht jetzt gerade dies Gefühl, wie
schwer ist heute schon das Wissen um dies Gefühl, - wie fremd klingt
die Sprache jener Rousseau, Schiller, Shelley, Byron an unser Ohr, in
denen zusammen das selbe Schicksal Europa's den Weg zum Wort gefunden
hat, das in Beethoven zu singen wusste! - Was von deutscher Musik
nachher gekommen ist, gehört in die Romantik, das heisst in
eine, historisch gerechnet, noch kürzere, noch flüchtigere, noch
oberflächlichere Bewegung, als es jener grosse Zwischenakt, jener
Übergang Europa's von Rousseau zu Napoleon und zur Heraufkunft der
Demokratie war. Weber: aber was ist uns heute Freischütz und Oberon!
Oder Marschner's Hans Heiling und Vampyr! Oder selbst noch Wagner's
Tannhäuser! Das ist verklungene, wenn auch noch nicht vergessene
Musik. Diese ganze Musik der Romantik war überdies nicht vornehm
genug, nicht Musik genug, um auch anderswo Recht zu behalten, als
im Theater und vor der Menge; sie war von vornherein Musik zweiten
Ranges, die unter wirklichen Musikern wenig in Betracht kam. Anders
stand es mit Felix Mendelssohn, jenem halkyonischen Meister, der um
seiner leichteren reineren beglückteren Seele willen schnell verehrt
und ebenso schnell vergessen wurde: als der schöne Zwischenfall der
deutschen Musik. Was aber Robert Schumann angeht, der es schwer nahm
und von Anfang an auch schwer genommen worden ist - es ist der Letzte,
der eine Schule gegründet hat -: gilt es heute unter uns nicht als
ein Glück, als ein Aufathmen, als eine Befreiung, dass gerade diese
Schumann'sche Romantik überwunden ist? Schumann, in die "sächsische
Schweiz" seiner Seele flüchtend, halb Wertherisch, halb Jean-Paulisch
geartet, gewiss nicht Beethovenisch! gewiss nicht Byronisch! - seine
Manfred-Musik ist ein Missgriff und Missverständniss bis zum Unrechte
-, Schumann mit seinem Geschmack, der im Grunde ein kleiner Geschmack
war, (nämlich ein gefährlicher, unter Deutschen doppelt gefährlicher
Hang zur stillen Lyrik und Trunkenboldigkeit des Gefühls), beständig
bei Seite gehend, sich scheu verziehend und zurückziehend, ein edler
Zärtling, der in lauter anonymem Glück und Weh schwelgte, eine Art
Mädchen und noli me tangere von Anbeginn: dieser Schumann war bereits
nur noch ein deutsches Ereigniss in der Musik, kein europäisches mehr,
wie Beethoven es war, wie, in noch umfänglicherem Maasse, Mozart es
gewesen ist, - mit ihm drohte der deutschen Musik ihre grösste Gefahr,
die Stimme für die Seele Europa's zu verlieren und zu einer blossen
Vaterländerei herabzusinken. -
246.
- Welche Marter sind deutsch geschriebene Bücher für Den, der das
dritte Ohr hat! Wie unwillig steht er neben dem langsam sich drehenden
Sumpfe von Klängen ohne Klang, von Rhythmen ohne Tanz, welcher bei
Deutschen ein "Buch" genannt wird! Und gar der Deutsche, der Bücher
liest! Wie faul, wie widerwillig, wie schlecht liest er! Wie viele
Deutsche wissen es und fordern es von sich zu wissen, dass Kunst in
jedem guten Satze steckt, - Kunst, die errathen sein will, sofern der
Satz verstanden sein will! Ein Missverständniss über sein Tempo zum
Beispiel: und der Satz selbst ist missverstanden! Dass man über die
rhythmisch entscheidenden Silben nicht im Zweifel sein darf, dass man
die Brechung der allzustrengen Symmetrie als gewollt und als Reiz
fühlt, dass man jedem staccato, jedem rubato ein feines geduldiges Ohr
hinhält, dass man den Sinn in der Folge der Vocale und Diphthongen
räth, und wie zart und reich sie in ihrem Hintereinander sich färben
und umfärben können: wer unter bücherlesenden Deutschen ist gutwillig
genug, solchergestalt Pflichten und Forderungen anzuerkennen und auf
so viel Kunst und Absicht in der Sprache hinzuhorchen? Man hat zuletzt
eben "das Ohr nicht dafür": und so werden die stärksten Gegensätze des
Stils nicht gehört, und die feinste Künstlerschaft ist wie vor Tauben
verschwendet. - Dies waren meine Gedanken, als ich merkte, wie man
plump und ahnungslos zwei Meister in der Kunst der Prosa mit einander
verwechselte, Einen, dem die Worte zögernd und kalt herabtropfen, wie
von der Decke einer feuchten Höhle - er rechnet auf ihren dumpfen
Klang und Wiederklang - und einen Anderen, der seine Sprache wie
einen biegsamen Degen handhabt und vom Arme bis zur Zehe hinab das
gefährliche Glück der zitternden überscharfen Klinge fühlt, welche
beissen, zischen, schneiden will. -
247.