Wie wenig der deutsche Stil mit dem Klange und mit den Ohren zu thun

hat, zeigt die Thatsache, dass gerade unsre guten Musiker schlecht

schreiben. Der Deutsche liest nicht laut, nicht für's Ohr, sondern

bloss mit den Augen: er hat seine Ohren dabei in's Schubfach gelegt.

Der antike Mensch las, wenn er las - es geschah selten genug - sich

selbst etwas vor, und zwar mit lauter Stimme; man wunderte sich, wenn

jemand leise las und fragte sich insgeheim nach Gründen. Mit lauter

Stimme: das will sagen, mit all den Schwellungen, Biegungen,

Umschlägen des Tons und Wechseln des Tempo's, an denen die antike

öffentliche Welt ihre Freude hatte. Damals waren die Gesetze des

Schrift-Stils die selben, wie die des Rede-Stils; und dessen Gesetze

hiengen zum Theil von der erstaunlichen Ausbildung, den raffinirten

Bedürfnissen des Ohrs und Kehlkopfs ab, zum andern Theil von der

Stärke, Dauer und Macht der antiken Lunge. Eine Periode ist, im Sinne

der Alten, vor Allem ein physiologisches Ganzes, insofern sie von

Einem Athem zusammengefasst wird. Solche Perioden, wie sie bei

Demosthenes, bei Cicero vorkommen, zwei Mal schwellend und zwei Mal

absinkend und Alles innerhalb Eines Athemzugs: das sind Genüsse für

antike Menschen, welche die Tugend daran, das Seltene und Schwierige

im Vortrag einer solchen Periode, aus ihrer eignen Schulung zu

schätzen wussten: - wir haben eigentlich kein Recht auf die grosse

Periode, wir Modernen, wir Kurzathmigen in jedem Sinne! Diese Alten

waren ja insgesammt in der Rede selbst Dilettanten, folglich Kenner,

folglich Kritiker, - damit trieben sie ihre Redner zum Äussersten;

in gleicher Weise, wie im vorigen Jahrhundert, als alle

Italiäner und Italiänerinnen zu singen verstanden, bei ihnen das

Gesangs-Virtuosenthum (und damit auch die Kunst der Melodik -) auf die

Höhe kam. In Deutschland aber gab es (bis auf die jüngste Zeit, wo

eine Art Tribünen-Beredtsamkeit schüchtern und plump genug ihre jungen

Schwingen regt) eigentlich nur Eine Gattung öffentlicher und ungefähr

kunstmässiger Rede: das ist die von der Kanzel herab. Der Prediger

allein wusste in Deutschland, was eine Silbe, was ein Wort wiegt,

inwiefern ein Satz schlägt, springt, stürzt, läuft, ausläuft, er

allein hatte Gewissen in seinen Ohren, oft genug ein böses Gewissen:

denn es fehlt nicht an Gründen dafür, dass gerade von einem Deutschen

Tüchtigkeit in der Rede selten, fast immer zu spät erreicht wird.

Das Meisterstück der deutschen Prosa ist deshalb billigerweise das

Meisterstück ihres grössten Predigers: die Bibel war bisher das beste

deutsche Buch. Gegen Luther's Bibel gehalten ist fast alles Übrige nur

"Litteratur" - ein Ding, das nicht in Deutschland gewachsen ist und

darum auch nicht in deutsche Herzen hinein wuchs und wächst: wie es

die Bibel gethan hat.

248.

Es giebt zwei Arten des Genie's: eins, welches vor allem zeugt und

zeugen will, und ein andres, welches sich gern befruchten lässt und

gebiert. Und ebenso giebt es unter den genialen Völkern solche, denen

das Weibsproblem der Schwangerschaft und die geheime Aufgabe des

Gestaltens, Ausreifens, Vollendens zugefallen ist - die Griechen zum

Beispiel waren ein Volk dieser Art, insgleichen die Franzosen -;

und andre, welche befruchten müssen und die Ursache neuer Ordnungen

des Lebens werden, - gleich den Juden, den Römern und, in aller

Bescheidenheit gefragt, den Deutschen? - Völker gequält und entzückt

von unbekannten Fiebern und unwiderstehlich aus sich herausgedrängt,

verliebt und lüstern nach fremden Rassen (nach solchen, welche sich

"befruchten lassen" -) und dabei herrschsüchtig wie Alles, was sich

voller Zeugekräfte und folglich "von Gottes Gnaden" weiss. Diese

zwei Arten des Genie's suchen sich, wie Mann und Weib; aber sie

missverstehen auch einander, - wie Mann und Weib.

249.

Jedes Volk hat seine eigne Tartüfferie, und heisst sie seine Tugenden.

- Das Beste, was man ist, kennt man nicht, - kann man nicht kennen.

250.

Was Europa den Juden verdankt? - Vielerlei, Gutes und Schlimmes, und

vor allem Eins, das vom Besten und Schlimmsten zugleich ist: den

grossen Stil in der Moral, die Furchtbarkeit und Majestät unendlicher

Forderungen, unendlicher Bedeutungen, die ganze Romantik und

Erhabenheit der moralischen Fragwürdigkeiten - und folglich gerade

den anziehendsten, verfänglichsten und ausgesuchtesten Theil jener

Farbenspiele und Verführungen zum Leben, in deren Nachschimmer heute

der Himmel unsrer europäischen Cultur, ihr Abend-Himmel, glüht, -

vielleicht verglüht. Wir Artisten unter den Zuschauern und Philosophen

sind dafür den Juden - dankbar.

251.

Man muss es in den Kauf nehmen, wenn einem Volke, das am nationalen

Nervenfieber und politischen Ehrgeize leidet, leiden will -,

mancherlei Wolken und Störungen über den Geist ziehn, kurz, kleine

Anfälle von Verdummung: zum Beispiel bei den Deutschen von Heute

bald die antifranzösische Dummheit, bald die antijüdische, bald

die antipolnische, bald die christlich-romantische, bald die

Wagnerianische, bald die teutonische, bald die preussische (man sehe

sich doch diese armen Historiker, diese Sybel und Treitzschke und ihre

dick verbundenen Köpfe an -), und wie sie Alle heissen mögen, diese

kleinen Benebelungen des deutschen Geistes und Gewissens. Möge man mir

verzeihn, dass auch ich, bei einem kurzen gewagten Aufenthalt auf sehr

inficirtem Gebiete, nicht völlig von der Krankheit verschont blieb und

mir, wie alle Welt, bereits Gedanken über Dinge zu machen anfieng,

die mich nichts angehn: erstes Zeichen der politischen Infektion. Zum

Beispiel über die Juden: man höre. - Ich bin noch keinem Deutschen

begegnet, der den Juden gewogen gewesen wäre; und so unbedingt

auch die Ablehnung der eigentlichen Antisemiterei von Seiten aller

Vorsichtigen und Politischen sein mag, so richtet sich doch auch diese

Vorsicht und Politik nicht etwa gegen die Gattung des Gefühls selber,

sondern nur gegen seine gefährliche Unmässigkeit, insbesondere gegen

den abgeschmackten und schandbaren Ausdruck dieses unmässigen Gefühls,

- darüber darf man sich nicht täuschen. Dass Deutschland reichlich

genug Juden hat, dass der deutsche Magen, das deutsche Blut Noth hat

(und noch auf lange Noth haben wird), um auch nur mit diesem Quantum

"Jude" fertig zu werden - so wie der Italiäner, der Franzose, der

Engländer fertig geworden sind, in Folge einer kräftigeren Verdauung

-: das ist die deutliche Aussage und Sprache eines allgemeinen

Instinktes, auf welchen man hören, nach welchem man handeln muss.

"Keine neuen Juden mehr hinein lassen! Und namentlich nach dem Osten

(auch nach Östreich) zu die Thore zusperren!" also gebietet der

Instinkt eines Volkes, dessen Art noch schwach und unbestimmt ist,

so dass sie leicht verwischt, leicht durch eine stärkere Rasse

ausgelöscht werden könnte. Die Juden sind aber ohne allen Zweifel die

stärkste, zäheste und reinste Rasse, die jetzt in Europa lebt; sie

verstehen es, selbst noch unter den schlimmsten Bedingungen sich

durchzusetzen (besser sogar, als unter günstigen), vermöge irgend

welcher Tugenden, die man heute gern zu Lastern stempeln möchte, -

Dank, vor Allem, einem resoluten Glauben, der sich vor den "modernen

Ideen" nicht zu schämen braucht; sie verändern sich, wenn sie sich

verändern, immer nur so, wie das russische Reich seine Eroberungen

macht, - als ein Reich, das Zeit hat und nicht von Gestern ist -:

nämlich nach dem Grundsatze "so langsam als möglich!" Ein Denker,

der die Zukunft Europa's auf seinem Gewissen hat, wird, bei allen

Entwürfen, welche er bei sich über diese Zukunft macht, mit den

Juden rechnen wie mit den Russen, als den zunächst sichersten und

wahrscheinlichsten Faktoren im grossen Spiel und Kampf der Kräfte.

Das, was heute in Europa "Nation" genannt wird und eigentlich mehr

eine res facta als nata ist (ja mitunter einer res ficta et picta zum

Verwechseln ähnlich sieht -), ist in jedem Falle etwas Werdendes,

Junges, Leicht-Verschiebbares, noch keine Rasse, geschweige denn ein

solches aere perennius, wie es die Juden-Art ist: diese "Nationen"

sollten sich doch vor jeder hitzköpfigen Concurrenz und Feindseligkeit

sorgfältig in Acht nehmen! Dass die Juden, wenn sie wollten - oder,

wenn man sie dazu zwänge, wie es die Antisemiten zu wollen scheinen

-, jetzt schon das Übergewicht, ja ganz wörtlich die Herrschaft über

Europa haben könnten, steht fest; dass sie nicht darauf hin arbeiten

und Pläne machen, ebenfalls. Einstweilen wollen und wünschen sie

vielmehr, sogar mit einiger Zudringlichkeit, in Europa, von Europa

ein- und aufgesaugt zu werden, sie dürsten darnach, endlich irgendwo

fest, erlaubt, geachtet zu sein und dem Nomadenleben, dem "ewigen

Juden" ein Ziel zu setzen -; und man sollte diesen Zug und Drang

(der vielleicht selbst schon eine Milderung der jüdischen Instinkte

ausdrückt) wohl beachten und ihm entgegenkommen: wozu es vielleicht

nützlich und billig wäre, die antisemitischen Schreihälse des Landes

zu verweisen. Mit aller Vorsicht entgegenkommen, mit Auswahl; ungefähr

so wie der englische Adel es thut. Es liegt auf der Hand, dass am

unbedenklichsten noch sich die stärkeren und bereits fester geprägten

Typen des neuen Deutschthums mit ihnen einlassen könnten, zum Beispiel

der adelige Offizier aus der Mark: es wäre von vielfachem Interesse,

zu sehen, ob sich nicht zu der erblichen Kunst des Befehlens und

Gehorchens - in Beidem ist das bezeichnete Land heute klassisch -

das Genie des Geldes und der Geduld (und vor allem etwas Geist und

Geistigkeit, woran es reichlich an der bezeichneten Stelle fehlt -)

hinzuthun, hinzuzüchten liesse. Doch hier ziemt es sich, meine heitere

Deutschthümelei und Festrede abzubrechen: denn ich rühre bereits an

meinen Ernst, an das "europäische Problem", wie ich es verstehe, an

die Züchtung einer neuen über Europa, regierenden Kaste. -

252.

Das ist keine philosophische Rasse - diese Engländer: Bacon bedeutet

einen Angriff auf den philosophischen Geist überhaupt, Hobbes,

Hume und Locke eine Erniedrigung und Werth-Minderung des Begriffs

"Philosoph" für mehr als ein Jahrhundert. Gegen Hume erhob und hob

sich Kant; Locke war es, von dem Schelling sagen durfte: "je méprise

Locke"; im Kampfe mit der englisch-mechanistischen Welt-Vertölpelung

waren Hegel und Schopenhauer (mit Goethe) einmüthig, jene beiden

feindlichen Brüder-Genies in der Philosophie, welche nach den

entgegengesetzten Polen des deutschen Geistes auseinander strebten und

sich dabei Unrecht thaten, wie sich eben nur Brüder Unrecht thun. -

Woran es in England fehlt und immer gefehlt hat, das wusste jener

Halb-Schauspieler und Rhetor gut genug, der abgeschmackte Wirrkopf

Carlyle, welcher es unter leidenschaftlichen Fratzen zu verbergen

suchte, was er von sich selbst wusste: nämlich woran es in Carlyle

fehlte - an eigentlicher Macht der Geistigkeit, an eigentlicher Tiefe

des geistigen Blicks, kurz, an Philosophie. - Es kennzeichnet eine

solche unphilosophische Rasse, dass sie streng zum Christenthume hält:

sie braucht seine Zucht zur "Moralisirung" und Veranmenschlichung.

Der Engländer, düsterer, sinnlicher, willensstärker und brutaler als

der Deutsche - ist eben deshalb, als der Gemeinere von Beiden, auch

frömmer als der Deutsche: er hat das Christenthum eben noch nöthiger.

Für feinere Nüstern hat selbst dieses englische Christenthum noch

einen ächt englischen Nebengeruch von Spleen und alkoholischer

Ausschweifung, gegen welche es aus guten Gründen als Heilmittel

gebraucht wird, - das feinere Gift nämlich gegen das gröbere: eine

feinere Vergiftung ist in der That bei plumpen Völkern schon ein

Fortschritt, eine Stufe zur Vergeistigung. Die englische Plumpheit

und Bauern-Ernsthaftigkeit wird durch die christliche Gebärdensprache

und durch Beten und Psalmensingen noch am erträglichsten verkleidet,

richtiger: ausgelegt und umgedeutet; und für jenes Vieh von

Trunkenbolden und Ausschweifenden, welches ehemals unter der Gewalt

des Methodismus und neuerdings wieder als "Heilsarmee" moralisch

grunzen lernt, mag wirklich ein Busskrampf die verhältnissmässig

höchste Leistung von "Humanität" sein, zu der es gesteigert werden

kann: so viel darf man billig zugestehn. Was aber auch noch am

humansten Engländer beleidigt, das ist sein Mangel an Musik, im

Gleichniss (und ohne Gleichniss -) zu reden: er hat in den Bewegungen

seiner Seele und seines Leibes keinen Takt und Tanz, ja noch nicht

einmal die Begierde nach Takt und Tanz, nach "Musik". Man höre ihn

sprechen; man sehe die schönsten Engländerinnen gehn - es giebt in

keinem Lande der Erde schönere Tauben und Schwäne, - endlich: man höre

sie singen! Aber ich verlange zu viel.....

253.

Es giebt Wahrheiten, die am besten von mittelmässigen Köpfen erkannt

werden, weil sie ihnen am gemässesten sind, es giebt Wahrheiten, die

nur für mittelmässige Geister Reize und Verführungskräfte besitzen

- - auf diesen vielleicht unangenehmen Satz wird man gerade jetzt

hingestossen, seitdem der Geist achtbarer, aber mittelmässiger

Engländer - ich nenne Darwin, John Stuart Mill und Herbert Spencer -

in der mittleren Region des europäischen Geschmacks zum Übergewicht

zu gelangen anhebt. In der That, wer möchte die Nützlichkeit davon

anzweifeln, dass zeitweilig solche Geister herrschen? Es wäre ein

Irrthum, gerade die hochgearteten und abseits fliegenden Geister

für besonders geschickt zu halten, viele kleine gemeine Thatsachen

festzustellen, zu sammeln und in Schlüsse zu drängen: - sie sind

vielmehr, als Ausnahmen, von vornherein in keiner günstigen Stellung

zu den "Regeln". Zuletzt haben sie mehr zu thun, als nur zu erkennen

- nämlich etwas Neues zu sein, etwas Neues zu bedeuten, neue Werthe

darzustellen! Die Kluft zwischen Wissen und Können ist vielleicht

grösser, auch unheimlicher als man denkt: der Könnende im grossen

Stil, der Schaffende wird möglicherweise ein Unwissender sein müssen,

- während andererseits zu wissenschaftlichen Entdeckungen nach der Art

Darwin's eine gewisse Enge, Dürre und fleissige Sorglichkeit, kurz,

etwas Englisches nicht übel disponiren mag. - Vergesse man es zuletzt

den Engländern nicht, dass sie schon Ein Mal mit ihrer tiefen

Durchschnittlichkeit eine Gesammt-Depression des europäischen Geistes

verursacht haben: Das, was man "die modernen Ideen" oder "die Ideen

des achtzehnten Jahrhunderts" oder auch "die französischen Ideen"

nennt - Das also, wogegen sich der deutsche Geist mit tiefem Ekel

erhoben hat -, war englischen Ursprungs, daran ist nicht zu zweifeln.

Die Franzosen sind nur die Affen und Schauspieler dieser Ideen

gewesen, auch ihre besten Soldaten, insgleichen leider ihre ersten

und gründlichsten Opfer: denn an der verdammlichen Anglomanie der

"modernen Ideen" ist zuletzt die âme française so dünn geworden

und abgemagert, dass man sich ihres sechszehnten und siebzehnten

Jahrhunderts, ihrer tiefen leidenschaftlichen Kraft, ihrer

erfinderischen Vornehmheit heute fast mit Unglauben erinnert. Man muss

aber diesen Satz historischer Billigkeit mit den Zähnen festhalten und

gegen den Augenblick und Augenschein vertheidigen: die europäische

noblesse - des Gefühls, des Geschmacks, der Sitte, kurz, das Wort in

jedem hohen Sinne genommen - ist Frankreich's Werk und Erfindung, die

europäische Gemeinheit, der Plebejismus der modernen Ideen -Englands.-

254.

Auch jetzt noch ist Frankreich der Sitz der geistigsten und

raffinirtesten Cultur Europa's und die hohe Schule des Geschmacks:

aber man muss dies "Frankreich des Geschmacks" zu finden wissen. Wer

zu ihm gehört, hält sich gut verborgen: - es mag eine kleine Zahl

sein, in denen es leibt und lebt, dazu vielleicht Menschen, welche

nicht auf den kräftigsten Beinen stehn, zum Theil Fatalisten,

Verdüsterte, Kranke, zum Theil Verzärtelte und Verkünstelte, solche,

welche den Ehrgeiz haben, sich zu verbergen. Etwas ist Allen gemein:

sie halten sich die Ohren zu vor der rasenden Dummheit und dem

lärmenden Maulwerk des demokratischen bourgeois. In der That wälzt

sich heut im Vordergrunde ein verdummtes und vergröbertes Frankreich,

- es hat neuerdings, bei dem Leichenbegängniss Victor Hugo's, eine

wahre Orgie des Ungeschmacks und zugleich der Selbstbewunderung

gefeiert. Auch etwas Anderes ist ihnen gemeinsam: ein guter Wille,

sich der geistigen Germanisirung zu erwehren - und ein noch besseres

Unvermögen dazu! Vielleicht ist jetzt schon Schopenhauer in diesem

Frankreich des Geistes, welches auch ein Frankreich des Pessimismus

ist, mehr zu Hause und heimischer geworden, als er es je in

Deutschland war; nicht zu reden von Heinrich Heine, der den feineren

und anspruchsvolleren Lyrikern von Paris lange schon in Fleisch und

Blut übergegangen ist, oder von Hegel, der heute in Gestalt Taine's

- das heisst des ersten lebenden Historikers - einen beinahe

tyrannischen Einfluss ausübt. Was aber Richard Wagner betrifft: je

mehr sich die französische Musik nach den wirklichen Bedürfnissen der

âme moderne gestalten lernt, um so mehr wird sie "wagnerisiren", das

darf man vorhersagen, - sie thut es jetzt schon genug! Es ist dennoch

dreierlei, was auch heute noch die Franzosen mit Stolz als ihr Erb und

Eigen und als unverlornes Merkmal einer alten Cultur-Überlegenheit

über Europa aufweisen können, trotz aller freiwilligen oder

unfreiwilligen Germanisirung und Verpöbelung des Geschmacks: einmal

die Fähigkeit zu artistischen Leidenschaften, zu Hingebungen an die

"Form", für welche das Wort l'art pour l'art, neben tausend anderen,

erfunden ist: - dergleichen hat in Frankreich seit drei Jahrhunderten

nicht gefehlt und immer wieder, Dank der Ehrfurcht vor der "kleinen

Zahl", eine Art Kammermusik der Litteratur ermöglicht, welche im

übrigen Europa sich suchen lässt -. Das Zweite, worauf die Franzosen

eine Überlegenheit über Europa begründen können, ist ihre alte

vielfache moralistische Cultur, welche macht, dass man im Durchschnitt

selbst bei kleinen romanciers der Zeitungen und zufälligen

boulevardiers de Paris eine psychologische Reizbarkeit und Neugierde

findet, von der man zum Beispiel in Deutschland keinen Begriff

(geschweige denn die Sache!) hat. Den Deutschen fehlen dazu ein paar

Jahrhunderte moralistischer Art, welche, wie gesagt, Frankreich sich

nicht erspart hat; wer die Deutschen darum "naiv" nennt, macht ihnen

aus einem Mangel ein Lob zurecht. (Als Gegensatz zu der deutschen

Unerfahrenheit und Unschuld in voluptate psychologica, die mit der

Langweiligkeit des deutschen Verkehrs nicht gar zu fern verwandt ist,

- und als gelungenster Ausdruck einer ächt französischen Neugierde

und Erfindungsgabe für dieses Reich zarter Schauder mag Henri Beyle

gelten, jener merkwürdige vorwegnehmende und vorauslaufende Mensch,

der mit einem Napoleonischen Tempo durch sein Europa, durch mehrere

Jahrhunderte der europäischen Seele lief, als ein Ausspürer und

Entdecker dieser Seele: - es hat zweier Geschlechter bedurft, um

ihn irgendwie einzuholen, um einige der Räthsel nachzurathen, die

ihn quälten und entzückten, diesen wunderlichen Epicureer und

Fragezeichen-Menschen, der Frankreichs letzter grosser Psycholog war

-). Es giebt noch einen dritten Anspruch auf Überlegenheit: im Wesen

der Franzosen ist eine halbwegs gelungene Synthesis des Nordens und

Südens gegeben, welche sie viele Dinge begreifen macht und andre Dinge

thun heisst, die ein Engländer nie begreifen wird; ihr dem Süden

periodisch zugewandtes und abgewandtes Temperament, in dem von Zeit zu

Zeit das provençalische und ligurische Blut überschäumt, bewahrt sie

vor dem schauerlichen nordischen Grau in Grau und der sonnenlosen

Begriffs-Gespensterei und Blutarmuth, - unsrer deutschen Krankheit des

Geschmacks, gegen deren Übermaass man sich augenblicklich mit grosser

Entschlossenheit Blut und Eisen, will sagen: die "grosse Politik"

verordnet hat (gemäss einer gefährlichen Heilkunst, welche mich warten

und warten, aber bis jetzt noch nicht hoffen lehrt -). Auch jetzt noch

giebt es in Frankreich ein Vorverständniss und ein Entgegenkommen für

jene seltneren und selten befriedigten Menschen, welche zu umfänglich

sind, um in irgend einer Vaterländerei ihr Genüge zu finden und im

Norden den Süden, im Süden den Norden zu lieben wissen, - für die

geborenen Mittelländler, die "guten Europäer". - Für sie hat Bizet

Musik gemacht, dieses letzte Genie, welches eine neue Schönheit und

Verführung gesehn, - der ein Stück Süden der Musik entdeckt hat.

255.

Gegen die deutsche Musik halte ich mancherlei Vorsicht für geboten.

Gesetzt, dass Einer den Süden liebt, wie ich ihn liebe, als eine

grosse Schule der Genesung, im Geistigsten und Sinnlichsten, als eine

unbändige Sonnenfülle und Sonnen-Verklärung, welche sich über ein

selbstherrliches, an sich glaubendes Dasein breitet: nun, ein Solcher

wird sich etwas vor der deutschen Musik in Acht nehmen lernen, weil

sie, indem sie seinen Geschmack zurück verdirbt, ihm die Gesundheit

mit zurück verdirbt. Ein solcher Südländer, nicht der Abkunft, sondern

dem Glauben nach, muss, falls er von der Zukunft der Musik träumt,

auch von einer Erlösung der Musik vom Norden träumen und das Vorspiel

einer tieferen, mächtigeren, vielleicht böseren und geheimnissvolleren

Musik in seinen Ohren haben, einer überdeutschen Musik, welche vor

dem Anblick des blauen wollüstigen Meers und der mittelländischen

Himmels-Helle nicht verklingt, vergilbt, verblasst, wie es alle

deutsche Musik thut, einer übereuropäischen Musik, die noch vor den

braunen Sonnen-Untergängen der Wüste Recht behält, deren Seele mit

der Palme verwandt ist und unter grossen schönen einsamen Raubthieren

heimisch zu sein und zu schweifen versteht..... Ich könnte mir eine

Musik denken, deren seltenster Zauber darin bestünde, dass sie von

Gut und Böse nichts mehr wüsste, nur dass vielleicht irgend ein

Schiffer-Heimweh, irgend welche goldne Schatten und zärtliche

Schwächen hier und da über sie hinwegliefen: eine Kunst, welche von

grosser Ferne her die Farben einer untergehenden, fast unverständlich

gewordenen moralischen Welt zu sich flüchten sähe, und die

gastfreundlich und tief genug zum Empfang solcher späten Flüchtlinge

wäre. -

256.

Dank der krankhaften Entfremdung, welche der Nationalitäts-Wahnsinn

zwischen die Völker Europa's gelegt hat und noch legt, Dank ebenfalls

den Politikern des kurzen Blicks und der raschen Hand, die heute

mit seiner Hülfe obenauf sind und gar nicht ahnen, wie sehr die

auseinanderlösende Politik, welche sie treiben, nothwendig nur

Zwischenakts-Politik sein kann, - Dank Alledem und manchem heute ganz

Unaussprechbaren werden jetzt die unzweideutigsten Anzeichen übersehn

oder willkürlich und lügenhaft umgedeutet, in denen sich ausspricht,

dass Europa Eins werden will. Bei allen tieferen und umfänglicheren

Menschen dieses Jahrhunderts war es die eigentliche Gesammt-Richtung

in der geheimnissvollen Arbeit ihrer Seele, den Weg zu jener neuen

Synthesis vorzubereiten und versuchsweise den Europäer der Zukunft

vorwegzunehmen: nur mit ihren Vordergründen, oder in schwächeren

Stunden, etwa im Alter, gehörten sie zu den "Vaterländern", - sie

ruhten sich nur von sich selber aus, wenn sie "Patrioten" wurden. Ich

denke an Menschen wie Napoleon, Goethe, Beethoven, Stendhal, Heinrich

Heine, Schopenhauer: man verarge mir es nicht, wenn ich auch Richard

Wagner zu ihnen rechne, über den man sich nicht durch seine eignen

Missverständnisse verführen lassen darf, - Genies seiner Art haben

selten das Recht, sich selbst zu verstehen. Noch weniger freilich

durch den ungesitteten Lärm, mit dem man sich jetzt in Frankreich

gegen Richard Wagner sperrt und wehrt: - die Thatsache bleibt

nichtsdestoweniger bestehen, dass die französische Spät-Romantik der

Vierziger Jahre und Richard Wagner auf das Engste und Innigste zu

einander, gehören. Sie sind sich in allen Höhen und Tiefen ihrer

Bedürfnisse verwandt, grundverwandt: Europa ist es, das Eine Europa,

dessen Seele sich durch ihre vielfältige und ungestüme Kunst hinaus,

hinauf drängt und sehnt - wohin? in ein neues Licht? nach einer neuen

Sonne? Aber wer möchte genau aussprechen, was alle diese Meister neuer

Sprachmittel nicht deutlich auszusprechen wussten? Gewiss ist, dass

der gleiche Sturm und Drang sie quälte, dass sie auf gleiche Weise

suchten, diese letzten grossen Suchenden! Allesammt beherrscht von

der Litteratur bis in ihre Augen und Ohren - die ersten Künstler

von weltlitterarischer Bildung - meistens sogar selber Schreibende,

Dichtende, Vermittler und Vermischer der Künste und der Sinne (Wagner

gehört als Musiker unter die Maler, als Dichter unter die Musiker,

als Künstler überhaupt unter die Schauspieler); allesammt Fanatiker

des Ausdrucks "um jeden Preis" - ich hebe Delacroix hervor, den

Nächstverwandten Wagner's -, allesammt grosse Entdecker im Reiche

des Erhabenen, auch des Hässlichen und Grässlichen, noch grössere

Entdecker im Effekte, in der Schaustellung, in der Kunst der

Schauläden, allesammt Talente weit über ihr Genie hinaus -, Virtuosen

durch und durch, mit unheimlichen Zugängen zu Allem, was verführt,

lockt, zwingt, umwirft, geborene Feinde der Logik und der geraden

Linien, begehrlich nach dem Fremden, dem Exotischen, dem Ungeheuren,

dem Krummen, dem Sich-Widersprechenden; als Menschen Tantalusse des

Willens, heraufgekommene Plebejer, welche sich im Leben und Schaffen

eines vornehmen tempo, eines lento unfähig wussten, - man denke zum

Beispiel an Balzac - zügellose Arbeiter, beinahe Selbst-Zerstörer

durch Arbeit; Antinomisten und Aufrührer in den Sitten, Ehrgeizige und

Unersättliche ohne Gleichgewicht und Genuss; allesammt zuletzt an dem

christlichen Kreuze zerbrechend und niedersinkend (und das mit Fug

und Recht: denn wer von ihnen wäre tief und ursprünglich genug

zu einer Philosophie des Antichrist gewesen? -) im Ganzen eine

verwegen-wagende, prachtvoll-gewaltsame, hochfliegende und hoch

emporreissende Art höherer Menschen, welche ihrem Jahrhundert - und es

ist das Jahrhundert der Menge! - den Begriff "höherer Mensch" erst zu

lehren hatte Mögen die deutschen Freunde Richard Wagner's darüber mit

sich zu Rathe gehn, ob es in der Wagnerischen Kunst etwas schlechthin

Deutsches giebt, oder ob nicht gerade deren Auszeichnung ist,

aus überdeutschen Quellen und Antrieben zu kommen: wobei nicht

unterschätzt werden mag, wie zur Ausbildung seines Typus gerade Paris

unentbehrlich war, nach dem ihn in der entscheidendsten Zeit die

Tiefe seiner Instinkte verlangen hiess, und wie die ganze Art seines

Auftretens, seines Selbst-Apostolats erst Angesichts des französischen

Socialisten-Vorbilds sich vollenden konnte. Vielleicht wird man, bei

einer feineren Vergleichung, zu Ehren der deutschen Natur Richard

Wagner's finden, dass er es in Allem stärker, verwegener, härter,

höher getrieben hat, als es ein Franzose des neunzehnten Jahrhunderts

treiben könnte, - Dank dem Umstande, dass wir Deutschen der Barbarei

noch näher stehen als die Franzosen -; vielleicht ist sogar das

Merkwürdigste, was Richard Wagner geschaffen hat, der ganzen so späten

lateinischen Rasse für immer und nicht nur für heute unzugänglich,

unnachfühlbar, unnachahmbar: die Gestalt des Siegfried, jenes sehr

freien Menschen, der in der That bei weitem zu frei, zu hart, zu

wohlgemuth, zu gesund, zu antikatholisch für den Geschmack alter

und mürber Culturvölker sein mag. Er mag sogar eine Sünde wider die

Romantik gewesen sein, dieser antiromanische Siegfried: nun, Wagner

hat diese Sünde reichlich quitt gemacht, in seinen alten trüben

Tagen, als er - einen Geschmack vorwegnehmend, der inzwischen Politik

geworden ist - mit der ihm eignen religiösen Vehemenz den Weg nach

Rom, wenn nicht zu gehn, so doch zu predigen anfieng. - Damit man

mich, mit diesen letzten Worten, nicht missverstehe, will ich einige

kräftige Reime zu Hülfe nehmen, welche auch weniger feinen Ohren es

verrathen werden, was ich will, - was ich gegen den "letzten Wagner"

und seine Parsifal-Musik will.

- Ist das noch deutsch? -

Aus deutschem Herzen kam dies schwüle Kreischen?

Und deutschen Leibs ist dies Sich-selbst-Entfleischen?

Deutsch ist dies Priester-Händespreitzen,

Dies weihrauch-düftelnde Sinne-Reizen?

Und deutsch dies Stocken, Stürzen, Taumeln,

Dies ungewisse Bimbambaumeln?

Dies Nonnen-Äugeln, Ave-Glocken-Bimmeln,

Dies ganze falsch verzückte Himmel-Überhimmeln?

- Ist Das noch deutsch? -

Erwägt! Noch steht ihr an der Pforte: -

Denn, was ihr hört, ist Rom, - Rom's Glaube ohne Worte!

Neuntes Hauptstück:

Was ist vornehm?

257.

Jede Erhöhung des Typus "Mensch" war bisher das Werk einer

aristokratischen Gesellschaft - und so wird es immer wieder sein: als

einer Gesellschaft, welche an eine lange Leiter der Rangordnung und

Werthverschiedenheit von Mensch und Mensch glaubt und Sklaverei in

irgend einem Sinne nöthig hat. Ohne das Pathos der Distanz, wie es

aus dem eingefleischten Unterschied der Stände, aus dem beständigen

Ausblick und Herabblick der herrschenden Kaste auf Unterthänige und

Werkzeuge und aus ihrer ebenso beständigen Übung im Gehorchen und

Befehlen, Nieder- und Fernhalten erwächst, könnte auch jenes andre

geheimnissvollere Pathos gar nicht erwachsen, jenes Verlangen nach

immer neuer Distanz-Erweiterung innerhalb der Seele selbst, die

Herausbildung immer höherer, seltnerer, fernerer, weitgespannterer,

umfänglicherer Zustände, kurz eben die Erhöhung des Typus "Mensch",

die fortgesetzte "Selbst-Überwindung des Menschen", um eine moralische

Formel in einem übermoralischen Sinne zu nehmen. Freilich: man

darf sich über die Entstehungsgeschichte einer aristokratischen

Gesellschaft (also der Voraussetzung jener Erhöhung des Typus "Mensch"

-) keinen humanitären Täuschungen hingeben: die Wahrheit ist hart.

Sagen wir es uns ohne Schonung, wie bisher jede höhere Cultur auf

Erden angefangen hat! Menschen mit einer noch natürlichen Natur,

Barbaren in jedem furcht baren Verstande des Wortes, Raubmenschen,

noch im Besitz ungebrochner Willenskräfte und Macht-Begierden,

warfen sich auf schwächere, gesittetere, friedlichere, vielleicht

handeltreibende oder viehzüchtende Rassen, oder auf alte mürbe

Culturen, in denen eben die letzte Lebenskraft in glänzenden

Feuerwerken von Geist und Verderbniss verflackerte. Die vornehme Kaste

war im Anfang immer die Barbaren-Kaste: ihr Übergewicht lag nicht

vorerst in der physischen Kraft, sondern in der seelischen, - es waren

die ganzeren Menschen (was auf jeder Stufe auch so viel mit bedeutet

als "die ganzeren Bestien").

258.

Corruption, als der Ausdruck davon, dass innerhalb der Instinkte

Anarchie droht, und dass der Grundbau der Affekte, der "Leben" heisst,

erschüttert ist: Corruption ist, je nach dem Lebensgebilde, an dem

sie sich zeigt, etwas Grundverschiedenes. Wenn zum Beispiel eine

Aristokratie, wie die Frankreichs am Anfange der Revolution, mit

einem sublimen Ekel ihre Privilegien wegwirft und sich selbst einer

Ausschweifung ihres moralischen Gefühls zum Opfer bringt, so ist

dies Corruption: - es war eigentlich nur der Abschlussakt jener

Jahrhunderte dauernden Corruption, vermöge deren sie Schritt für

Schritt ihre herrschaftlichen Befugnisse abgegeben und sich zur

Funktion des Königthums (zuletzt gar zu dessen Putz und Prunkstück)

herabgesetzt hatte. Das Wesentliche an einer guten und gesunden

Aristokratie ist aber, dass sie sich nicht als Funktion (sei es des

Königthums, sei es des Gemeinwesens), sondern als dessen Sinn und

höchste Rechtfertigung fühlt, - dass sie deshalb mit gutem Gewissen

das Opfer einer Unzahl Menschen hinnimmt, welche um ihretwillen zu

unvollständigen Menschen, zu Sklaven, zu Werkzeugen herabgedrückt und

vermindert werden müssen. Ihr Grundglaube muss eben sein, dass die

Gesellschaft nicht um der Gesellschaft willen dasein dürfe, sondern

nur als Unterbau und Gerüst, an dem sich eine ausgesuchte Art Wesen zu

ihrer höheren Aufgabe und überhaupt zu einem höheren Sein emporzuheben

vermag: vergleichbar jenen sonnensüchtigen Kletterpflanzen auf Java -

man nennt sie Sipo Matador -, welche mit ihren Armen einen Eichbaum

so lange und oft umklammern, bis sie endlich, hoch über ihm, aber auf

ihn gestützt, in freiem Lichte ihre Krone entfalten und ihr Glück zur

Schau tragen können. -

259.

Sich gegenseitig der Verletzung, der Gewalt, der Ausbeutung enthalten,

seinen Willen dem des Andern gleich setzen: dies kann in einem

gewissen groben Sinne zwischen Individuen zur guten Sitte

werden, wenn die Bedingungen dazu gegeben sind (nämlich deren

thatsächliche Ähnlichkeit in Kraftmengen und Werthmaassen und ihre

Zusammengehörigkeit innerhalb Eines Körpers). Sobald man aber dies

Princip weiter nehmen wollte und womöglich gar als Grundprincip

der Gesellschaft, so würde es sich sofort erweisen als Das, was

es ist: als Wille zur Verneinung des Lebens, als Auflösungs- und

Verfalls-Princip. Hier muss man gründlich auf den Grund denken und

sich aller empfindsamen Schwächlichkeit erwehren: Leben selbst ist

wesentlich Aneignung, Verletzung, Überwältigung des Fremden und

Schwächeren, Unterdrückung, Härte, Aufzwängung eigner Formen,

Einverleibung und mindestens, mildestens, Ausbeutung, - aber wozu

sollte man immer gerade solche Worte gebrauchen, denen von Alters

her eine verleumderische Absicht eingeprägt ist? Auch jener Körper,

innerhalb dessen, wie vorher angenommen wurde, die Einzelnen sich als

gleich behandeln - es geschieht in jeder gesunden Aristokratie -, muss

selber, falls er ein lebendiger und nicht ein absterbender Körper ist,

alles Das gegen andre Körper thun, wessen sich die Einzelnen in ihm

gegen einander enthalten: er wird der leibhafte Wille zur Macht sein

müssen, er wird wachsen, um sich greifen, an sich ziehn, Übergewicht

gewinnen wollen, - nicht aus irgend einer Moralität oder Immoralität

heraus, sondern weil erlebt, und weil Leben eben Wille zur Macht

ist. In keinem Punkte ist aber das gemeine Bewusstsein der Europäer

widerwilliger gegen Belehrung, als hier; man schwärmt jetzt überall,

unter wissenschaftlichen Verkleidungen sogar, von kommenden Zuständen

der Gesellschaft, denen "der ausbeuterische Charakter" abgehn soll:

- das klingt in meinen Ohren, als ob man ein Leben zu erfinden

verspräche, welches sich aller organischen Funktionen enthielte. Die

"Ausbeutung" gehört nicht einer verderbten oder unvollkommnen und

primitiven Gesellschaft an: sie gehört in's Wesen des Lebendigen, als

organische Grundfunktion, sie ist eine Folge des eigentlichen Willens

zur Macht, der eben der Wille des Lebens ist. - Gesetzt, dies ist

als Theorie eine Neuerung, - als Realität ist es das Ur-Faktum aller

Geschichte: man sei doch so weit gegen sich ehrlich! -

260.

Bei einer Wanderung durch die vielen feineren und gröberen Moralen,

welche bisher auf Erden geherrscht haben oder noch herrschen, fand ich

gewisse Züge regelmässig mit einander wiederkehrend und aneinander

geknüpft: bis sich mir endlich zwei Grundtypen verriethen, und

ein Grundunterschied heraussprang. Es giebt Herren-Moral und

Sklaven-Moral; - ich füge sofort hinzu, dass in allen höheren und

gemischteren Culturen auch Versuche der Vermittlung beider Moralen

zum Vorschein kommen, noch öfter das Durcheinander derselben und

gegenseitige Missverstehen, ja bisweilen ihr hartes Nebeneinander

- sogar im selben Menschen, innerhalb Einer Seele. Die moralischen

Werthunterscheidungen sind entweder unter einer herrschenden Art

entstanden, welche sich ihres Unterschieds gegen die beherrschte mit

Wohlgefühl bewusst wurde, - oder unter den Beherrschten, den Sklaven

und Abhängigen jeden Grades. Im ersten Falle, wenn die Herrschenden es

sind, die den Begriff gut- bestimmen, sind es die erhobenen stolzen

Zustände der Seele, welche als das Auszeichnende und die Rangordnung

Bestimmende empfunden werden. Der vornehme Mensch trennt die Wesen von

sich ab, an denen das Gegentheil solcher gehobener stolzer Zustände

zum Ausdruck kommt: er verachtet sie. Man bemerke sofort, dass in

dieser ersten Art Moral der Gegensatz "gut" und "schlecht" so viel

bedeutet wie "vornehm" und "verächtlich": - der Gegensatz "gut" und

"böse" ist anderer Herkunft. Verachtet wird der Feige, der Ängstliche,

der Kleinliche, der an die enge Nützlichkeit Denkende; ebenso der

Misstrauische mit seinem unfreien Blicke, der Sich-Erniedrigende, die

Hunde-Art von Mensch, welche sich misshandeln lässt, der bettelnde

Schmeichler, vor Allem der Lügner: - es ist ein Grundglaube aller

Aristokraten, dass das gemeine Volk lügnerisch ist. "Wir Wahrhaftigen"

- so nannten sich im alten Griechenland die Adeligen. Es liegt auf

der Hand, dass die moralischen Werthbezeichnungen überall zuerst auf

Menschen und erst abgeleitet und spät auf Handlungen gelegt worden

sind: weshalb es ein arger Fehlgriff ist, wenn Moral-Historiker

von Fragen den Ausgang nehmen wie "warum ist die mitleidige

Handlung gelobt worden?" Die vornehme Art Mensch fühlt sich als

werthbestimmend, sie hat nicht nöthig, sich gutheissen zu lassen, sie

urtheilt "was mir schädlich ist, das ist an sich schädlich", sie weiss

sich als Das, was überhaupt erst Ehre den Dingen verleiht, sie ist

wertheschaffend. Alles, was sie an sich kennt, ehrt sie: eine solche

Moral ist Selbstverherrlichung. Im Vordergrunde steht das Gefühl der

Fülle, der Macht, die überströmen will, das Glück der hohen Spannung,

das Bewusstsein eines Reichthums, der schenken und abgeben möchte: -

auch der vornehme Mensch hilft dem Unglücklichen, aber nicht oder fast

nicht aus Mitleid, sondern mehr aus einem Drang, den der Überfluss

von Macht erzeugt. Der vornehme Mensch ehrt in sich den Mächtigen,

auch Den, welcher Macht über sich selbst hat, der zu reden und zu

schweigen versteht, der mit Lust Strenge und Härte gegen sich übt und

Ehrerbietung vor allem Strengen und Härten hat. "Ein hartes Herz legte

Wotan mir in die Brust" heisst es in einer alten skandinavischen Saga:

so ist es aus der Seele eines stolzen Wikingers heraus mit Recht

gedichtet. Eine solche Art Mensch ist eben stolz darauf, nicht zum

Mitleiden gemacht zu sein: weshalb der Held der Saga warnend hinzufügt

"wer jung schon kein hartes Herz hat, dem wird es niemals hart".

Vornehme und Tapfere, welche so denken, sind am entferntesten von

jener Moral, welche gerade im Mitleiden oder im Handeln für Andere

oder im désintéressement das Abzeichen des Moralischen sieht;

der Glaube an sich selbst, der Stolz auf sich selbst, eine

Grundfeindschaft und Ironie gegen "Selbstlosigkeit" gehört eben so

bestimmt zur vornehmen Moral wie eine leichte Geringschätzung und

Vorsicht vor den Mitgefühlen und dem "warmen Herzen". - Die Mächtigen

sind es, welche zu ehren verstehen, es ist ihre Kunst, ihr Reich der

Erfindung. Die tiefe Ehrfurcht vor dem Alter und vor dem Herkommen -

das ganze Recht steht auf dieser doppelten Ehrfurcht -, der Glaube und

das Vorurtheil zu Gunsten der Vorfahren und zu Ungunsten der Kommenden

ist typisch in der Moral der Mächtigen; und wenn umgekehrt die

Menschen der "modernen Ideen" beinahe instinktiv an den "Fortschritt"

und die "Zukunft" glauben und der Achtung vor dem Alter immer mehr

ermangeln, so verräth sich damit genugsam schon die unvornehme

Herkunft dieser "Ideen". Am meisten ist aber eine Moral der

Herrschenden dem gegenwärtigen Geschmacke fremd und peinlich in der

Strenge ihres Grundsatzes, dass man nur gegen Seinesgleichen Pflichten

habe; dass man gegen die Wesen niedrigeren Ranges, gegen alles

Fremde nach Gutdünken oder "wie es das Herz will" handeln dürfe und

jedenfalls "jenseits von Gut und Böse" -: hierhin mag Mitleiden und

dergleichen gehören. Die Fähigkeit und Pflicht zu langer Dankbarkeit

und langer Rache - beides nur innerhalb seines Gleichen -, die

Feinheit in der Wiedervergeltung, das Begriffs-Raffinement in der

Freundschaft, eine gewisse Nothwendigkeit, Feinde zu haben (gleichsam

als Abzugsgräben für die Affekte Neid Streitsucht Übermuth, - im

Grunde, um gut freund sein zu können): Alles das sind typische

Merkmale der vornehmen Moral, welche, wie angedeutet, nicht die Moral

der "modernen Ideen" ist und deshalb heute schwer nachzufühlen,

auch schwer auszugraben und aufzudecken ist. - Es steht anders

mit dem zweiten Typus der Moral, der Sklaven-Moral. Gesetzt,

dass die Vergewaltigten, Gedrückten, Leidenden, Unfreien,

Ihrer-selbst-Ungewissen und Müden moralisiren: was wird das

Gleichartige ihrer moralischen Werthschätzungen sein? Wahrscheinlich

wird ein pessimistischer Argwohn gegen die ganze Lage des Menschen zum

Ausdruck kommen, vielleicht eine Verurtheilung des Menschen mitsammt

seiner Lage. Der Blick des Sklaven ist abgünstig für die Tugenden

des Mächtigen: er hat Skepsis und Misstrauen, er hat Feinheit des

Misstrauens gegen alles "Gute", was dort geehrt wird -, er möchte sich

überreden, dass das Glück selbst dort nicht ächt sei. Umgekehrt werden

die Eigenschaften hervorgezogen und mit Licht übergossen, welche dazu

dienen, Leidenden das Dasein zu erleichtern: hier kommt das Mitleiden,

die gefällige hülfbereite Hand, das warme Herz, die Geduld, der

Fleiss, die Demuth, die Freundlichkeit zu Ehren -, denn das sind hier

die nützlichsten Eigenschaften und beinahe die einzigen Mittel, den

Druck des Daseins auszuhalten. Die Sklaven-Moral ist wesentlich

Nützlichkeits-Moral. Hier ist der Herd für die Entstehung jenes

berühmten Gegensatzes "gut" und "böse": - in's Böse wird die Macht und

Gefährlichkeit hinein empfunden, eine gewisse Furchtbarkeit, Feinheit

und Stärke, welche die Verachtung nicht aufkommen lässt. Nach der

Sklaven-Moral erregt also der "Böse" Furcht; nach der Herren Moral ist

es gerade der "Gute", der Furcht erregt und erregen will, während der

"schlechte" Mensch als der verächtliche empfunden wird. Der Gegensatz

kommt auf seine Spitze, wenn sich, gemäss der Sklavenmoral-Consequenz,

zuletzt nun auch an den "Guten" dieser Moral ein Hauch von

Geringschätzung hängt - sie mag leicht und wohlwollend sein -, weil

der Gute innerhalb der Sklaven-Denkweise jedenfalls der ungefährliche

Mensch sein muss: er ist gutmüthig, leicht zu betrügen, ein bischen

dumm vielleicht, un bonhomme. überall, wo die Sklaven-Moral zum

Übergewicht kommt, zeigt die Sprache eine Neigung, die Worte "gut"

und "dumm" einander anzunähern. - Ein letzter Grundunterschied: das

Verlangen nach Freiheit, der Instinkt für das Glück und die Feinheiten

des Freiheits-Gefühls gehört ebenso nothwendig zur Sklaven-Moral und

-Moralität, als die Kunst und Schwärmerei in der Ehrfurcht, in der

Hingebung das regelmässige Symptom einer aristokratischen Denk- und

Werthungsweise ist. - Hieraus lässt sich ohne Weiteres verstehn,

warum die Liebe als Passion - es ist unsre europäische Spezialität -

schlechterdings vornehmer Abkunft sein muss: bekanntlich gehört ihre

Erfindung den provençalischen Ritter-Dichtern zu, jenen prachtvollen

erfinderischen Menschen des "gai saber", denen Europa so Vieles und

beinahe sich selbst verdankt. -

261.

Zu den Dingen, welche einem vornehmen Menschen vielleicht am

schwersten zu begreifen sind, gehört die Eitelkeit: er wird versucht

sein, sie noch dort zu leugnen, wo eine andre Art Mensch sie mit

beiden Händen zu fassen meint. Das Problem ist für ihn, sich Wesen

vorzustellen, die eine gute Meinung über sich zu erwecken suchen,

welche sie selbst von sich nicht haben - und also auch nicht

"verdienen" -, und die doch hinterdrein an diese gute Meinung

selber glauben. Das erscheint ihm zur Hälfte so geschmacklos

und unehrerbietig vor sich selbst, zur andren Hälfte so

barock-unvernünftig, dass er die Eitelkeit gern als Ausnahme

fassen möchte und sie in den meisten Fällen, wo man von ihr redet,

anzweifelt. Er wird zum Beispiel sagen: "ich kann mich über meinen

Werth irren und andererseits doch verlangen, dass mein Werth gerade

so, wie ich ihn ansetze, auch von Andern anerkannt werde, - aber das

ist keine Eitelkeit (sondern Dünkel oder, in den häufigeren Fällen,

Das, was `Demuth`, auch `Bescheidenheit` genannt wird)." Oder auch:

"ich kann mich aus vielen Gründen über die gute Meinung Anderer

freuen, vielleicht weil ich sie ehre und liebe und mich an jeder ihrer

Freuden erfreue, vielleicht auch weil ihre gute Meinung den Glauben

an meine eigne gute Meinung bei mir unterschreibt und kräftigt,

vielleicht weil die gute Meinung Anderer, selbst in Fällen, wo ich

sie nicht theile, mir doch nützt oder Nutzen verspricht, - aber das

ist Alles nicht Eitelkeit." Der vornehme Mensch muss es sich erst

mit Zwang, namentlich mit Hülfe der Historie, vorstellig machen,

dass, seit unvordenklichen Zeiten, in allen irgendwie abhängigen

Volksschichten der gemeine Mensch nur Das war, was er galt: - gar

nicht daran gewöhnt, Werthe selbst anzusetzen, mass er auch sich

keinen andern Werth bei, als seine Herren ihm beimassen (es ist das

eigentliche Herrenrecht, Werthe zu schaffen). Mag man es als die Folge

eines ungeheuren Atavismus begreifen, dass der gewöhnliche Mensch auch

jetzt noch immer erst auf eine Meinung über sich wartet und sich dann

derselben instinktiv unterwirft: aber durchaus nicht bloss einer

"guten" Meinung, sondern auch einer schlechten und unbilligen (man

denke zum Beispiel an den grössten Theil der Selbstschätzungen und

Selbstunterschätzungen, welche gläubige Frauen ihren Beichtvätern

ablernen, und überhaupt der gläubige Christ seiner Kirche ablernt).

Thatsächlich wird nun, gemäss dem langsamen Heraufkommen der

demokratischen Ordnung der Dinge (und seiner Ursache, der

Blutvermischung von Herren und Sklaven), der ursprünglich vornehme und

seltne Drang, sich selbst von sich aus einen Werth zuzuschreiben und

von sich "gut zu denken", mehr und mehr ermuthigt und ausgebreitet

werden: aber er hat jeder Zeit einen älteren, breiteren und

gründlicher einverleibten Hang gegen sich, - und im Phänomene der

"Eitelkeit" wird dieser ältere Hang Herr über den jüngeren. Der Eitle

freut sich über jede gute Meinung, die er über sich hört (ganz abseits

von allen Gesichtspunkten ihrer Nützlichkeit, und ebenso abgesehn von

wahr und falsch), ebenso wie er an jeder schlechten Meinung leidet:

denn er unterwirft sich beiden, er fühlt sich ihnen unterworfen, aus

jenem ältesten Instinkte der Unterwerfung, der an ihm ausbricht. - Es

ist "der Sklave" im Blute des Eitlen, ein Rest von der Verschmitztheit

des Sklaven - und wie viel "Sklave" ist zum Beispiel jetzt noch im

Weibe rückständig! welcher zu guten Meinungen über sich zu verführen

sucht; es ist ebenfalls der Sklave, der vor diesen Meinungen nachher

sofort selbst niederfällt, wie als ob er sie nicht hervorgerufen

hätte. - Und nochmals gesagt: Eitelkeit ist ein Atavismus.

262.

Eine Art entsteht, ein Typus wird fest und stark unter dem langen

Kampfe mit wesentlich gleichen ungünstigen Bedingungen. Umgekehrt

weiss man aus den Erfahrungen der Züchter, dass Arten, denen eine

überreichliche Ernährung und überhaupt ein Mehr von Schutz und

Sorgfalt zu Theil wird, alsbald in der stärksten Weise zur Variation

des Typus neigen und reich an Wundern und Monstrositäten (auch an

monströsen Lastern) sind. Nun sehe man einmal ein aristokratisches

Gemeinwesen, etwa eine alte griechische Polis oder Venedig, als eine,

sei es freiwillige, sei es unfreiwillige Veranstaltung zum Zweck der

Züchtung an: es sind da Menschen bei einander und auf sich angewiesen,

welche ihre Art durchsetzen wollen, meistens, weil sie sich

durchsetzen müssen oder in furchtbarer Weise Gefahr laufen,

ausgerottet zu werden. Hier fehlt jene Gunst, jenes Übermaass, jener

Schutz, unter denen die Variation begünstigt ist; die Art hat sich

als Art nöthig, als Etwas, das sich gerade vermöge seiner Härte,

Gleichförmigkeit, Einfachheit der Form überhaupt durchsetzen und

dauerhaft machen kann, im beständigen Kampfe mit den Nachbarn oder

mit den aufständischen oder Aufstand drohenden Unterdrückten.

Die mannichfaltigste Erfahrung lehrt sie, welchen Eigenschaften

vornehmlich sie es verdankt, dass sie, allen Göttern und Menschen

zum Trotz, noch da ist, dass sie noch immer obgesiegt hat: diese

Eigenschaften nennt sie Tugenden, diese Tugenden allein züchtet

sie gross. Sie thut es mit Härte, ja sie will die Härte; jede

aristokratische Moral ist unduldsam, in der Erziehung der Jugend, in

der Verfügung über die Weiber, in den Ehesitten, im Verhältnisse von

Alt und jung, in den Strafgesetzen (welche allein die Abartenden

in's Auge fassen): - sie rechnet die Unduldsamkeit selbst unter die

Tugenden, unter dem Namen "Gerechtigkeit". Ein Typus mit wenigen, aber

sehr starken Zügen, eine Art strenger kriegerischer klug-schweigsamer,

geschlossener und verschlossener Menschen (und als solche vom feinsten

Gefühle für die Zauber und nuances der Societät) wird auf diese Weise

über den Wechsel der Geschlechter hinaus festgestellt; der beständige

Kampf mit immer gleichen ungünstigen Bedingungen ist, wie gesagt,

die Ursache davon, dass ein Typus fest und hart wird. Endlich aber

entsteht einmal eine Glückslage, die ungeheure Spannung lässt nach; es

giebt vielleicht keine Feinde mehr unter den Nachbarn, und die Mittel

zum Leben, selbst zum Genusse des Lebens sind überreichlich da. Mit

Einem Schlage reisst das Band und der Zwang der alten Zucht: sie fühlt

sich nicht mehr als nothwendig, als Dasein-bedingend, - wollte sie

fortbestehn, so könnte sie es nur als eine Form des Luxus, als

archaisirender Geschmack. Die Variation, sei es als Abartung (in's

Höhere, Feinere, Seltnere), sei es als Entartung und Monstrosität,

ist plötzlich in der grössten Fülle und Pracht auf dem Schauplatz,

der Einzelne wagt einzeln zu sein und sich abzuheben. An diesen

Wendepunkten der Geschichte zeigt sich neben einander und oft

in einander verwickelt und verstrickt ein herrliches vielfaches

urwaldhaftes Heraufwachsen und Emporstreben, eine Art tropisches Tempo

im Wetteifer des Wachsthums und ein ungeheures Zugrundegehen und

Sich-zu-Grunde-Richten, Dank den wild gegeneinander gewendeten,

gleichsam explodirenden Egoismen, welche "um Sonne und Licht" mit

einander ringen und keine Grenze, keine Zügelung, keine Schonung mehr

aus der bisherigen Moral zu entnehmen wissen. Diese Moral selbst war

es, welche die Kraft in's Ungeheure aufgehäuft, die den Bogen auf

so bedrohliche Weise gespannt hat - - jetzt ist, jetzt wird sie

"überlebt". Der gefährliche und unheimliche Punkt ist erreicht, wo

das grössere, vielfachere, umfänglichere Leben über die alte Moral

hinweg lebt; das "Individuum" steht da, genöthigt zu einer eigenen

Gesetzgebung, zu eigenen Künsten und Listen der Selbst-Erhaltung,

Selbst-Erhöhung, Selbst-Erlösung. Lauter neue Wozu's, lauter neue

Womit's, keine gemeinsamen Formeln mehr, Missverständniss und

Missachtung mit einander im Bunde, der Verfall, Verderb und die

höchsten Begierden schauerlich verknotet, das Genie der Rasse

aus allen Füllhörnern des Guten und Schlimmen überquellend, ein

verhängnissvolles Zugleich von Frühling und Herbst, voll neuer Reize

und Schleier, die, der jungen, noch unausgeschöpften, noch unermüdeten

Verderbniss zu eigen sind. Wieder ist die Gefahr da, die Mutter der

Moral, die grosse Gefahr, dies Mal in's Individuum verlegt, in den

Nächsten und Freund, auf die Gasse, in's eigne Kind, in's eigne Herz,

in alles Eigenste und Geheimste von Wunsch und Wille: was werden

jetzt die Moral-Philosophen zu predigen haben, die um diese

Zeit heraufkommen? Sie entdecken, diese scharfen Beobachter und

Eckensteher, dass es schnell zum Ende geht, dass Alles um sie verdirbt

und verderben macht, dass Nichts bis übermorgen steht, Eine Art Mensch

ausgenommen, die unheilbar Mittelmässigen. Die Mittelmässigen allein

haben Aussicht, sich fortzusetzen, sich fortzupflanzen, - sie sind die

Menschen der Zukunft, die einzig überlebenden; "seid wie sie! werdet

mittelmässig!" heisst nunmehr die alleinige Moral, die noch Sinn hat,

die noch Ohren findet. - Aber sie ist schwer zu predigen, diese Moral

der Mittelmässigkeit! - sie darf es ja niemals eingestehn, was sie

ist und was sie will! sie muss von Maass und Würde und Pflicht und

Nächstenliebe reden, - sie wird noth haben, die Ironie zu verbergen! -

263.

Es giebt einen Instinkt für den Rang, welcher, mehr als Alles, schon

das Anzeichen eines hohen Ranges ist; es giebt eine Lust an den

Nuancen der Ehrfurcht, die auf vornehme Abkunft und Gewohnheiten

rathen lässt. Die Feinheit, Güte und Höhe einer Seele wird gefährlich

auf die Probe gestellt, wenn Etwas an ihr vorüber geht, das ersten

Ranges ist, aber noch nicht von den Schaudern der Autorität vor

zudringlichen Griffen und Plumpheiten gehütet wird: Etwas, das,

unabgezeichnet, unentdeckt, versuchend, vielleicht willkürlich

verhüllt und verkleidet, wie ein lebendiger Prüfstein seines Weges

geht. Zu wessen Aufgabe und Übung es gehört, Seelen auszuforschen, der

wird sich in mancherlei Formen gerade dieser Kunst bedienen, um den

letzten Werth einer Seele, die unverrückbare eingeborne Rangordnung,

zu der sie gehört, festzustellen: er wird sie auf ihren Instinkt der

Ehrfurcht hin auf die Probe stellen. Différence engendre haine: die

Gemeinheit mancher Natur sprützt plötzlich wie schmutziges Wasser

hervor, wenn irgend ein heiliges Gefäss, irgend eine Kostbarkeit aus

verschlossenen Schreinen, irgend ein Buch mit den Zeichen des grossen

Schicksals vorübergetragen wird; und andrerseits giebt es ein

unwillkürliches Verstummen, ein Zögern des Auges, ein Stillewerden

aller Gebärden, woran sich ausspricht, dass eine Seele die Nähe des

Verehrungswürdigsten fühlt. Die Art, mit der im Ganzen bisher die

Ehrfurcht vor der Bibel in Europa aufrecht erhalten wird, ist

vielleicht das beste Stück Zucht und Verfeinerung der Sitte, das

Europa dem Christenthume verdankt: solche Bücher der Tiefe und der

letzten Bedeutsamkeit brauchen zu ihrem Schutz eine von Aussen

kommende Tyrannei von Autorität, um jene Jahrtausende von Dauer zu

gewinnen, welche nöthig sind, sie auszuschöpfen und auszurathen.

Es ist Viel erreicht, wenn der grossen Menge (den Flachen und

Geschwind-Därmen aller Art) jenes Gefühl endlich angezüchtet ist, dass

sie nicht an Alles rühren dürfe; dass es heilige Erlebnisse giebt, vor

denen sie die Schuhe auszuziehn und die unsaubere Hand fern zu halten

hat, - es ist beinahe ihre höchste Steigerung zur Menschlichkeit.

Umgekehrt wirkt an den sogenannten Gebildeten, den Gläubigen der

"modernen Ideen", vielleicht Nichts so ekelerregend, als ihr Mangel

an Scham, ihre bequeme Frechheit des Auges und der Hand, mit der von

ihnen an Alles gerührt, geleckt, getastet wird; und es ist möglich,

dass sich heut im Volke, im niedern Volke, namentlich unter Bauern,

immer noch mehr relative Vornehmheit des Geschmacks und Takt der

Ehrfurcht vorfindet, als bei der zeitunglesenden Halbwelt des Geistes,

den Gebildeten.

264.

Es ist aus der Seele eines Menschen nicht wegzuwischen, was seine

Vorfahren am liebsten und beständigsten gethan haben: ob sie etwa

emsige Sparer waren und Zubehör eines Schreibtisches und Geldkastens,

bescheiden und bürgerlich in ihren Begierden, bescheiden auch in ihren

Tugenden; oder ob sie an's Befehlen von früh bis spät gewöhnt lebten,

rauhen Vergnügungen hold und daneben vielleicht noch rauheren

Pflichten und Verantwortungen; oder ob sie endlich alte Vorrechte der

Geburt und des Besitzes irgendwann einmal geopfert haben, um ganz

ihrem Glauben - ihrem "Gotte" - zu leben, als die Menschen eines

unerbittlichen und zarten Gewissens, welches vor jeder Vermittlung

erröthet. Es ist gar nicht möglich, dass ein Mensch nicht die

Eigenschaften und Vorlieben seiner Eltern und Altvordern im Leibe

habe: was auch der Augenschein dagegen sagen mag. Dies ist das Problem

der Rasse. Gesetzt, man kennt Einiges von den Eltern, so ist ein

Schluss auf das Kind erlaubt: irgend eine widrige Unenthaltsamkeit,

irgend ein Winkel-Neid, eine plumpe Sich-Rechtgeberei - wie diese Drei

zusammen zu allen Zeiten den eigentlichen Pöbel-Typus ausgemacht haben

- dergleichen muss auf das Kind so sicher übergehn, wie verderbtes

Blut; und mit Hülfe der besten Erziehung und Bildung wird man eben

nur erreichen, über eine solche Vererbung zu täuschen. - Und was will

heute Erziehung und Bildung Anderes! In unsrem sehr volksthümlichen,

will sagen pöbelhaften Zeitalter muss "Erziehung" und "Bildung"

wesentlich die Kunst, zu täuschen, sein, - über die Herkunft, den

vererbten Pöbel in Leib und Seele hinweg zu täuschen. Ein Erzieher,

der heute vor Allem Wahrhaftigkeit predigte und seinen Züchtlingen

beständig zuriefe "seid wahr! seid natürlich! gebt euch, wie ihr

seid!" - selbst ein solcher tugendhafter und treuherziger Esel würde

nach einiger Zeit zu jener furca des Horaz greifen lernen, um naturam

expellere: mit welchem Erfolge? "Pöbel" usque recurret. -

265.

Auf die Gefahr hin, unschuldige Ohren missvergnügt zu machen, stelle

ich hin: der Egoismus gehört zum Wesen der vornehmen Seele, ich meine

jenen unverrückbaren Glauben, dass einem Wesen, wie "wir sind", andre

Wesen von Natur unterthan sein müssen und sich ihm zu opfern haben.

Die vornehme Seele nimmt diesen Thatbestand ihres Egoismus ohne jedes

Fragezeichen hin, auch ohne ein Gefühl von Härte Zwang, Willkür darin,

vielmehr wie Etwas, das im Urgesetz der Dinge begründet sein mag: -

suchte sie nach einem Namen dafür, so würde sie sagen "es ist die

Gerechtigkeit selbst". Sie gesteht sich, unter Umständen, die sie

anfangs zögern lassen, zu, dass es mit ihr Gleichberechtigte giebt;

sobald sie über diese Frage des Rangs im Reinen ist, bewegt sie

sich unter diesen Gleichen und Gleichberechtigten mit der gleichen

Sicherheit in Scham und zarter Ehrfurcht, welche sie im Verkehre mit

sich selbst hat, - gemäss einer eingebornen himmlischen Mechanik, auf

welche sich alle Sterne verstehn. Es ist ein Stück ihres Egoismus

mehr, diese Feinheit und Selbstbeschränkung im Verkehre mit ihres

Gleichen - jeder Stern ist ein solcher Egoist -: sie ehrt sich in

ihnen und in den Rechten, welche sie an dieselben abgiebt, sie

zweifelt nicht, dass der Austausch von Ehren und Rechten als Wesen

alles Verkehrs ebenfalls zum naturgemässen Zustand der Dinge gehört.

Die vornehme Seele giebt, wie sie nimmt, aus dem leidenschaftlichen

und reizbaren Instinkte der Vergeltung heraus, welcher auf ihrem

Grunde liegt. Der Begriff "Gnade" hat inter pares keinen Sinn und

Wohlgeruch; es mag eine sublime Art geben, Geschenke von Oben her

gleichsam über sich ergehen zu lassen und wie Tropfen durstig

aufzutrinken: aber für diese Kunst und Gebärde hat die vornehme Seele

kein Geschick. Ihr Egoismus hindert sie hier: sie blickt ungern

überhaupt nach "Oben", - sondern entweder vor sich, horizontal und

langsam, oder hinab: - sie weiss sich in der Höhe.-

266.

"Wahrhaft hochachten kann man nur, wer sich nicht selbst _sucht_". -

Goethe an Rath Schlosser.

267.

Es giebt ein Sprüchwort bei den Chinesen, das die Mütter schon

ihre Kinder lehren: siao-sin "mache dein Herz klein!" Dies ist der

eigentliche Grundhang in späten Civilisationen: ich zweifle nicht,

dass ein antiker Grieche auch an uns Europäern von Heute zuerst die

Selbstverkleinerung herauserkennen würde, - damit allein schon giengen

wir ihm "wider den Geschmack". -

268.

Was ist zuletzt die Gemeinheit? - Worte sind Tonzeichen für Begriffe;

Begriffe aber sind mehr oder weniger bestimmte Bildzeichen für

oft wiederkehrende und zusammen kommende Empfindungen, für

Empfindungs-Gruppen. Es genügt noch nicht, um sich einander zu

verstehen, dass man die selben Worte gebraucht: man muss die selben

Worte auch für die selbe Gattung innerer Erlebnisse gebrauchen, man

muss zuletzt seine Erfahrung mit einander gemein haben. Deshalb

verstehen sich die Menschen Eines Volkes besser unter einander, als

Zugehörige verschiedener Völker, selbst wenn sie sich der gleichen

Sprache bedienen; oder vielmehr, wenn Menschen lange unter ähnlichen

Bedingungen (des Klima's, des Bodens, der Gefahr, der Bedürfnisse, der

Arbeit) zusammen gelebt haben, so entsteht daraus Etwas, das "sich

versteht", ein Volk. In allen Seelen hat eine gleiche Anzahl oft

wiederkehrender Erlebnisse die Oberhand gewonnen über seltner

kommende: auf sie hin versteht man sich, schnell und immer

schneller - die Geschichte der Sprache ist die Geschichte eines

Abkürzungs-Prozesses -; auf dies schnelle Verstehen hin verbindet man

sich, enger und immer enger. Je grösser die Gefährlichkeit, um so

grösser ist das Bedürfniss, schnell und leicht über Das, was noth

thut, übereinzukommen; sich in der Gefahr nicht misszuverstehn, das

ist es, was die Menschen zum Verkehre schlechterdings nicht entbehren

können. Noch bei jeder Freundschaft oder Liebschaft macht man diese

Probe: Nichts derart hat Dauer, sobald man dahinter kommt, dass

Einer von Beiden bei gleichen Worten anders fühlt, meint, wittert,

wünscht, fürchtet, als der Andere. (Die Furcht vor dem "ewigen

Missverständniss": das ist jener wohlwollende Genius, der Personen

verschiedenen Geschlechts so oft von übereilten Verbindungen

abhält, zu denen Sinne und Herz rathen - und nicht irgend ein

Schopenhauerischer "Genius der Gattung" -!) Welche Gruppen von

Empfindungen innerhalb einer Seele am schnellsten wach werden, das

Wort ergreifen, den Befehl geben, das entscheidet über die gesammte

Rangordnung ihrer Werthe, das bestimmt zuletzt ihre Gütertafel. Die

Werthschätzungen eines Menschen verrathen etwas vom Aufbau seiner

Seele, und worin sie ihre Lebensbedingungen, ihre eigentliche Noth

sieht. Gesetzt nun, dass die Noth von jeher nur solche Menschen

einander angenähert hat, welche mit ähnlichen Zeichen ähnliche

Bedürfnisse, ähnliche Erlebnisse andeuten konnten, so ergiebt sich

im Ganzen, dass die leichte Mittheilbarkeit der Noth, dass heisst im

letzten Grunde das Erleben von nur durchschnittlichen und gemeinen

Erlebnissen, unter allen Gewalten, welche über den Menschen bisher

verfügt haben, die gewaltigste gewesen sein muss. Die ähnlicheren,

die gewöhnlicheren Menschen waren und sind immer im Vortheile, die

Ausgesuchteren, Feineren, Seltsameren, schwerer Verständlichen bleiben

leicht allein, unterliegen, bei ihrer Vereinzelung, den Unfällen und

pflanzen sich selten fort. Man muss ungeheure Gegenkräfte anrufen,

um diesen natürlichen, allzunatürlichen progressus in simile,

die Fortbildung des Menschen in's Ähnliche, Gewöhnliche,

Durchschnittliche, Heerdenhafte - in's Gemeine! - zu kreuzen.

269.

Je mehr ein Psycholog - ein geborner, ein unvermeidlicher Psycholog

und Seelen-Errather - sich den ausgesuchteren Fällen und Menschen

zukehrt, um so grösser wird seine Gefahr, am Mitleiden zu ersticken:

er hat Härte und Heiterkeit nöthig, mehr als ein andrer Mensch. Die

Verderbniss, das Zugrundegehen der höheren Menschen, der fremder

gearteten Seelen ist nämlich die Regel: es ist schrecklich, eine

solche Regel immer vor Augen zu haben. Die vielfache Marter des

Psychologen, der dieses Zugrundegehen entdeckt hat, der diese gesammte

innere "Heillosigkeit" des höheren Menschen, dieses ewige "Zu spät!"

in jedem Sinne, erst einmal und dann fast immer wieder entdeckt, durch

die ganze Geschichte hindurch, - kann vielleicht eines Tages zur

Ursache davon werden, dass er mit Erbitterung sich gegen sein eignes

Loos wendet und einen Versuch der Selbst-Zerstörung macht, - dass

er selbst "verdirbt". Man wird fast bei jedem Psychologen eine

verrätherische Vorneigung und Lust am Umgange mit alltäglichen und

wohlgeordneten Menschen wahrnehmen: daran verräth sich, dass er immer

einer Heilung bedarf, dass er eine Art Flucht und Vergessen braucht,

weg von dem, was ihm seine Einblicke und Einschnitte, was ihm

sein "Handwerk" auf's Gewissen gelegt hat. Die Furcht vor seinem

Gedächtniss ist ihm eigen. Er kommt vor dem Urtheile Anderer leicht

zum Verstummen: er hört mit einem unbewegten Gesichte zu, wie dort

verehrt, bewundert, geliebt, verklärt wird, wo er gesehen hat,

- oder er verbirgt noch sein Verstummen, indem er irgend einer

Vordergrunds-Meinung ausdrücklich zustimmt. Vielleicht geht die

Paradoxie seiner Lage so weit in's Schauerliche, dass die Menge, die

Gebildeten, die Schwärmer gerade dort, wo er das grosse Mitleiden

neben der grossen Verachtung gelernt hat, ihrerseits die grosse

Verehrung lernen, - die Verehrung für "grosse Männer" und

Wunderthiere, um derentwillen man das Vaterland, die Erde, die Würde

der Menschheit, sich selber segnet und in Ehren hält, auf welche man

die Jugend hinweist, hinerzieht.... Und wer weiss, ob sich nicht

bisher in allen grossen Fällen eben das Gleiche begab: dass die Menge

einen Gott anbetete, - und dass der "Gott" nur ein armes Opferthier

war! Der Erfolg war immer der grösste Lügner, und das "Werk" selbst

ist ein Erfolg; der grosse Staatsmann, der Eroberer, der Entdecker ist

in seine Schöpfungen verkleidet, bis in's Unerkennbare; das "Werk",

das des Künstlers, des Philosophen, erfindet erst Den, welcher es

geschaffen hat, geschaffen haben soll; die "grossen Männer", wie sie

verehrt werden, sind kleine schlechte Dichtungen hinterdrein; in der

Welt der geschichtlichen Werthe herrscht die Falschmünzerei. Diese

grossen Dichter zum Beispiel, diese Byron, Musset, Poe, Leopardi,

Kleist, Gogol, - so wie sie nun einmal sind, vielleicht sein müssen:

Menschen der Augenblicke, begeistert, sinnlich, kindsköpfisch, im

Misstrauen und Vertrauen leichtfertig und plötzlich; mit Seelen,

an denen gewöhnlich irgend ein Bruch verhehlt werden soll; oft mit

ihren Werken Rache nehmend für eine innere Besudelung, oft mit ihren

Aufflügen Vergessenheit suchend vor einem allzutreuen Gedächtniss, oft

in den Schlamm verirrt und beinahe verliebt, bis sie den Irrlichtern

um die Sümpfe herum gleich werden und sich zu Sternen verstellen -

das Volk nennt sie dann wohl Idealisten -, oft mit einem langen Ekel

kämpfend, mit einem wiederkehrenden Gespenst von Unglauben, der kalt

macht und sie zwingt, nach gloria zu schmachten und den "Glauben an

sich" aus den Händen berauschter Schmeichler zu fressen: - welche

Marter sind diese grossen Künstler und überhaupt die höheren Menschen

für Den, der sie einmal errathen hat! Es ist so begreiflich, dass

sie gerade vom Weibe - welches hellseherisch ist in der Welt des

Leidens und leider auch weit über seine Kräfte hinaus hülf- und

rettungssüchtig - so leicht jene Ausbrüche unbegrenzten hingebendsten

Mitleids erfahren, welche die Menge, vor Allem die verehrende Menge,

nicht versteht und mit neugierigen und selbstgefälligen Deutungen

überhäuft. Dieses Mitleiden täuscht sich regelmässig über seine Kraft;

das Weib möchte glauben, dass Liebe Alles vermag, - es ist sein

eigentlicher Glaube. Ach, der Wissende des Herzens erräth, wie arm,

dumm, hülflos, anmaaslich, fehlgreifend, leichter zerstörend als

rettend auch die beste tiefste Liebe ist! - Es ist möglich, dass

unter der heiligen Fabel und Verkleidung von Jesu Leben einer der

schmerzlichsten Fälle vom Martyrium des Wissens um die Liebe verborgen

liegt: das Martyrium des unschuldigsten und begehrendsten Herzens, das

an keiner Menschen-Liebe je genug hatte, das Liebe, Geliebt-werden und

Nichts ausserdem verlangte, mit Härte, mit Wahnsinn, mit furchtbaren

Ausbrüchen gegen Die, welche ihm Liebe verweigerten; die Geschichte

eines armen Ungesättigten und Unersättlichen in der Liebe, der die

Hölle erfinden musste, um Die dorthin zu schicken, welche ihn nicht

lieben wollten, - und der endlich, wissend geworden über menschliche

Liebe, einen Gott erfinden musste, der ganz Liebe, ganz Lieben- können

ist, - der sich der Menschen-Liebe erbarmt, weil sie gar so armselig,

so unwissend ist! Wer so fühlt, wer dergestalt um die Liebe weiss -,

sucht den Tod. - Aber warum solchen schmerzlichen Dingen nachhängen?

Gesetzt, dass man es nicht muss. -

270.

Der geistige Hochmuth und Ekel jedes Menschen, der tief gelitten hat -

es bestimmt beinahe die Rangordnung, wie tief Menschen leiden können

-, seine schaudernde Gewissheit, von der er ganz durchtränkt und

gefärbt ist, vermöge seines Leidens mehr zu wissen, als die Klügsten

und Weisesten wissen können, in vielen fernen entsetzlichen Welten

bekannt und einmal "zu Hause" gewesen zu sein, von denen "ihr nichts

wisst!"....... dieser geistige schweigende Hochmuth des Leidenden,

dieser Stolz des Auserwählten der Erkenntniss, des "Eingeweihten",

des beinahe Geopferten findet alle Formen von Verkleidung nöthig, um

sich vor der Berührung mit zudringlichen und mitleidigen Händen und

überhaupt vor Allem, was nicht Seinesgleichen im Schmerz ist, zu

schützen. Das tiefe Leiden macht vornehm; es trennt. Eine der feinsten

Verkleidungs-Formen ist der Epicureismus und eine gewisse fürderhin

zur Schau getragene Tapferkeit des Geschmacks, welche das Leiden

leichtfertig nimmt und sich gegen alles Traurige und Tiefe zur Wehre

setzt. Es giebt "heitere Menschen", welche sich der Heiterkeit

bedienen, weil sie um ihretwillen missverstanden werden: - sie wollen

missverstanden sein. Es giebt "wissenschaftliche Menschen", welche

sich der Wissenschaft bedienen, weil dieselbe einen heiteren Anschein

giebt, und weil Wissenschaftlichkeit darauf schliessen lässt, dass

der Mensch oberflächlich ist: - sie wollen zu einem falschen Schlusse

verführen. Es giebt freie freche Geister, welche verbergen und

verleugnen möchten, dass sie zerbrochene stolze unheilbare Herzen

sind; und bisweilen ist die Narrheit selbst die Maske für ein

unseliges allzugewisses Wissen. - Woraus sich ergiebt, dass es zur

feineren Menschlichkeit gehört, Ehrfurcht "vor der Maske" zu haben und

nicht an falscher Stelle Psychologie und Neugierde zu treiben.

271.

Was am tiefsten zwei Menschen trennt, das ist ein verschiedener Sinn

und Grad der Reinlichkeit. Was hilft alle Bravheit und gegenseitige

Nützlichkeit, was hilft aller guter Wille für einander: zuletzt bleibt

es dabei - sie "können sich nicht riechen!" Der höchste Instinkt der

Reinlichkeit stellt den mit ihm Behafteten in die wunderlichste und

gefährlichste Vereinsamung, als einen Heiligen: denn eben das ist

Heiligkeit - die höchste Vergeistigung des genannten Instinktes.

Irgend ein Mitwissen um eine unbeschreibliche Fülle im Glück des

Bades, irgend eine Brunst und Durstigkeit, welche die Seele beständig

aus der Nacht in den Morgen und aus dem Trüben, der "Trübsal", in's

Helle, Glänzende, Tiefe, Feine treibt -: eben so sehr als ein solcher

Hang auszeichnet - es ist ein vornehmer Hang -, trennt er auch. -

Das Mitleiden des Heiligen ist das Mitleiden mit dem Schmutz des

Menschlichen, Allzumenschlichen. Und es giebt Grade und Höhen, wo

das Mitleiden selbst von ihm als Verunreinigung, als Schmutz gefühlt

wird.....

272.

Zeichen der Vornehmheit: nie daran denken, unsre Pflichten zu

Pflichten für Jedermann herabzusetzen; die eigne Verantwortlichkeit

nicht abgeben wollen, nicht theilen wollen; seine Vorrechte und deren

Ausübung unter seine Pflichten rechnen.

273.

Ein Mensch, der nach Grossem strebt, betrachtet Jedermann, dem er auf

seiner Bahn begegnet, entweder als Mittel oder als Verzögerung und

Hemmniss - oder als zeitweiliges Ruhebett. Seine ihm eigenthümliche

hochgeartete Güte gegen Mitmenschen ist erst möglich, wenn er auf

seiner Höhe ist und herrscht. Die Ungeduld und sein Bewusstsein, bis

dahin immer zur Komödie verurtheilt zu sein - denn selbst der Krieg

ist eine Komödie und verbirgt, wie jedes Mittel den Zweck verbirgt -,

verdirbt ihm jeden Umgang: diese Art Mensch kennt die Einsamkeit und

was sie vom Giftigsten an sich hat.

274.

Das Problem der Wartenden. - Es sind Glücksfälle dazu nöthig und

vielerlei Unberechenbares, dass ein höherer Mensch, in dem die Lösung

eines Problems schläft, noch zur rechten Zeit zum Handeln kommt - "zum

Ausbruch", wie man sagen könnte. Es geschieht durchschnittlich nicht,

und in allen Winkeln der Erde sitzen Wartende, die es kaum wissen,

in wiefern sie warten, noch weniger aber, dass sie umsonst warten.

Mitunter auch kommt der Weckruf zu spät, jener Zufall, der die

"Erlaubniss" zum Handeln giebt, - dann, wenn bereits die beste Jugend

und Kraft zum Handeln durch Stillsitzen verbraucht ist; und wie

Mancher fand, eben als er "aufsprang", mit Schrecken seine Glieder

eingeschlafen und seinen Geist schon zu schwer! "Es ist zu spät" -

sagte er sich, ungläubig über sich geworden und nunmehr für immer

unnütz. - Sollte, im Reiche des Genie's, der "Raffael ohne Hände",

das Wort im weitesten Sinn verstanden, vielleicht nicht die Ausnahme,

sondern die Regel sein? - Das Genie ist vielleicht gar nicht so

selten: aber die fünfhundert Hände, die es nöthig hat, um den kairós,

"die rechte Zeit" - zu tyrannisiren, um den Zufall am Schopf zu

fassen!

275.

Wer das Hohe eines Menschen nicht sehen will, blickt um so schärfer

nach dem, was niedrig und Vordergrund an ihm ist - und verräth sich

selbst damit.

276.

Bei aller Art von Verletzung und Verlust ist die niedere und gröbere

Seele besser daran, als die vornehmere: die Gefahren der letzteren

müssen grösser sein, ihre Wahrscheinlichkeit, dass sie verunglückt

und zu Grunde geht, ist sogar, bei der Vielfachheit ihrer

Lebensbedingungen, ungeheuer. - Bei einer Eidechse wächst ein Finger

nach, der ihr verloren gieng: nicht so beim Menschen. -

277.

- Schlimm genug! Wieder die alte Geschichte! Wenn man sich sein Haus

fertig gebaut hat, merkt man, unversehens Etwas dabei gelernt zu

haben, das man schlechterdings hätte wissen müssen, bevor man zu

bauen - anfieng. Das ewige leidige "Zu spät!" - Die Melancholie alles

Fertigen!.....

278.

- Wanderer, wer bist du? Ich sehe dich deines Weges gehn, ohne Hohn,

ohne Liebe, mit unerrathbaren Augen; feucht und traurig wie ein

Senkblei, das ungesättigt aus jeder Tiefe wieder an's Licht gekommen

- was suchte es da unten? -, mit einer Brust, die nicht seufzt, mit

einer Lippe, die ihren Ekel verbirgt, mit einer Hand, die nur noch

langsam greift: wer bist du? was thatest du? Ruhe dich hier aus: diese

Stelle ist gastfreundlich für Jedermann, - erhole dich! Und wer du

auch sein magst: was gefällt dir jetzt? Was dient dir zur Erholung?

Nenne es nur: was ich habe, biete ich dir an! - "Zur Erholung? Zur

Erholung? Oh du Neugieriger, was sprichst du da! Aber gieb mir, ich

bitte - -" Was? Was? sprich es aus! - "Eine Maske mehr! Eine zweite

Maske!".....

279.

Die Menschen der tiefen Traurigkeit verrathen sich, wenn sie glücklich

sind: sie haben eine Art, das Glück zu fassen, wie als ob sie es

erdrücken und ersticken möchten, aus Eifersucht, - ach, sie wissen zu

gut, dass es ihnen davonläuft!

280.

"Schlimm! Schlimm! Wie? geht er nicht - zurück?" - Ja! Aber ihr

versteht ihn schlecht, wenn ihr darüber klagt. Er geht zurück, wie

jeder, der einen grossen Sprung thun will. - -

281.

- "Wird man es mir glauben? aber ich verlange, dass man mir es glaubt:

ich habe immer nur schlecht an mich, über mich gedacht, nur in ganz

seltnen Fällen, nur gezwungen, immer ohne Lust `zur Sache`, bereit,

von `Mir` abzuschweifen, immer ohne Glauben an das Ergebniss,

Dank einem unbezwinglichen Misstrauen gegen die Möglichkeit der

Selbst-Erkenntniss, das mich so weit geführt hat, selbst am Begriff

`unmittelbare Erkenntniss`, welchen sich die Theoretiker erlauben,

eine contradictio in adjecto zu empfinden: - diese ganze Thatsache

ist beinahe das Sicherste, was ich über mich weiss. Es muss eine Art

Widerwillen in mir geben, etwas Bestimmtes über mich zu glauben.

- Steckt darin vielleicht ein Räthsel? Wahrscheinlich; aber

glücklicherweise keins für meine eigenen Zähne. - Vielleicht verräth

es die species, zu der ich gehöre? - Aber nicht mir: wie es mir selbst

erwünscht genug ist."

282.

"Aber was ist dir begegnet?" - "Ich weiss es nicht, sagte er zögernd;

vielleicht sind mir die Harpyien über den Tisch geflogen." - Es kommt

heute bisweilen vor, dass ein milder mässiger zurückhaltender Mensch

plötzlich rasend wird, die Teller zerschlägt, den Tisch umwirft,

schreit, tobt, alle Welt beleidigt - und endlich bei Seite geht,

beschämt, wüthend über sich, - wohin? wozu? Um abseits zu verhungern?

Um an seiner Erinnerung zu ersticken? - Wer die Begierden einer hohen

wählerischen Seele hat und nur selten seinen Tisch gedeckt, seine

Nahrung bereit findet, dessen Gefahr wird zu allen Zeiten gross sein:

heute aber ist sie ausserordentlich. In ein lärmendes und pöbelhaftes

Zeitalter hineingeworfen, mit dem er nicht aus Einer Schüssel essen

mag, kann er leicht vor Hunger und Durst, oder, falls er endlich

dennoch "zugreift" - vor plötzlichem Ekel zu Grunde gehn. - Wir

haben wahrscheinlich Alle schon an Tischen gesessen, wo wir nicht

hingehörten; und gerade die Geistigsten von uns, die am schwersten

zu ernähren sind, kennen jene gefährliche dyspepsia, welche aus

einer plötzlichen Einsicht und Enttäuschung über unsre Kost und

Tischnachbarschaft entsteht, - den Nachtisch-Ekel.

283.

Es ist eine feine und zugleich vornehme Selbstbeherrschung, gesetzt,

dass man überhaupt loben will, immer nur da zu loben, wo man nicht

übereinstimmt: - im andern Falle würde man ja sich selbst loben, was

wider den guten Geschmack geht - freilich eine Selbstbeherrschung, die

einen artigen Anlass und Anstoss bietet, um beständig missverstanden

zu werden. Man muss, um sich diesen wirklichen Luxus von Geschmack und

Moralität gestatten zu dürfen, nicht unter Tölpeln des Geistes leben,

vielmehr unter Menschen, bei denen Missverständnisse und Fehlgriffe

noch durch ihre Feinheit belustigen, - oder man wird es theuer büssen

müssen! - "Er lobt mich: also giebt er mir Recht" - diese Eselei von

Schlussfolgerung verdirbt uns Einsiedlern das halbe Leben, denn es

bringt die Esel in unsre Nachbarschaft und Freundschaft.

284.

Mit einer ungeheuren und stolzen Gelassenheit leben; immer jenseits -.

Seine Affekte, sein Für und Wider willkürlich haben und nicht haben,

sich auf sie herablassen, für Stunden; sich auf sie setzen, wie auf

Pferde, oft wie auf Esel: - man muss nämlich ihre Dummheit so gut

wie ihr Feuer zu nützen wissen. Seine dreihundert Vordergründe sich

bewahren; auch die schwarze Brille: denn es giebt Fälle, wo uns

Niemand in die Augen, noch weniger in unsre "Gründe" sehn darf. Und

jenes spitzbübische und heitre Laster sich zur Gesellschaft wählen,

die Höflichkeit. Und Herr seiner vier Tugenden bleiben, des Muthes,

der Einsicht, des Mitgefühls, der Einsamkeit. Denn die Einsamkeit ist

bei uns eine Tugend, als ein sublimer Hang und Drang der Reinlichkeit,

welcher erräth, wie es bei Berührung von Mensch und Mensch -

"in Gesellschaft" - unvermeidlich-unreinlich zugehn muss. Jede

Gemeinschaft macht, irgendwie, irgendwo, irgendwann - "gemein".

285.

Die grössten Ereignisse und Gedanken - aber die grössten Gedanken

sind die grössten Ereignisse - werden am spätesten begriffen: die

Geschlechter, welche mit ihnen gleichzeitig sind, erleben solche

Ereignisse nicht, - sie leben daran vorbei. Es geschieht da Etwas, wie

im Reich der Sterne. Das Licht der fernsten Sterne kommt am spätesten

zu den Menschen; und bevor es nicht angekommen ist, leugnet der

Mensch, dass es dort - Sterne giebt. "Wie viel Jahrhunderte braucht

ein Geist, um begriffen zu werden?" - das ist auch ein Maassstab,

damit schafft man auch eine Rangordnung und Etiquette, wie sie noth

thut: für Geist und Stern. -

286.

"Hier ist die Aussicht frei, der Geist erhoben". - Es giebt aber eine

umgekehrte Art von Menschen, welche auch auf der Höhe ist und auch die

Aussicht frei hat - aber hinab blickt.

287.

- Was ist vornehm? Was bedeutet uns heute noch das Wort "vornehm"?

Woran verräth sich, woran erkennt man, unter diesem schweren

verhängten Himmel der beginnenden Pöbelherrschaft, durch den Alles

undurchsichtig und bleiern wird, den vornehmen Menschen? - Es sind

nicht die Handlungen, die ihn beweisen, - Handlungen sind immer

vieldeutig, immer unergründlich -; es sind auch die "Werke" nicht. Man

findet heute unter Künstlern und Gelehrten genug von Solchen, welche

durch ihre Werke verrathen, wie eine tiefe Begierde nach dem Vornehmen

hin sie treibt: aber gerade dies Bedürfniss nach dem Vornehmen ist von

Grund aus verschieden von den Bedürfnissen der vornehmen Seele selbst,

und geradezu das beredte und gefährliche Merkmal ihres Mangels. Es

sind nicht die Werke, es ist der Glaube, der hier entscheidet, der

hier die Rangordnung feststellt, um eine alte religiöse Formel in

einem neuen und tieferen Verstande wieder aufzunehmen: irgend eine

Grundgewissheit, welche eine vornehme Seele über sich selbst hat,

Etwas, das sich nicht suchen, nicht finden und vielleicht auch nicht

verlieren lässt.- Die vornehme Seele hat Ehrfurcht vor sich.-

288.

Es giebt Menschen, welche auf eine unvermeidliche Weise Geist haben,

sie mögen sich drehen und wenden, wie sie wollen, und die Hände vor

die verrätherischen Augen halten (- als ob die Hand kein Verräther

wäre! -): schliesslich kommt es immer heraus, dass sie Etwas haben,

das sie verbergen, nämlich Geist. Eins der feinsten Mittel, um

wenigstens so lange als möglich zu täuschen und sich mit Erfolg dümmer

zu stellen als man ist - was im gemeinen Leben oft so wünschenswerth

ist wie ein Regenschirm -, heisst Begeisterung: hinzugerechnet, was

hinzu gehört, zum Beispiel Tugend. Denn, wie Galiani sagt, der es

wissen musste -: vertu est enthousiasme.

289.

Man hört den Schriften eines Einsiedlers immer auch Etwas von dem

Wiederhall der Öde, Etwas von dem Flüstertone und dem scheuen

Umsichblicken der Einsamkeit an; aus seinen stärksten Worten, aus

seinem Schrei selbst klingt noch eine neue und gefährlichere Art

des Schweigens, Verschweigens heraus. Wer Jahraus, Jahrein und Tags

und Nachts allein mit seiner Seele im vertraulichen Zwiste und

Zwiegespräche zusammengesessen hat, wer in seiner Höhle - sie kann

ein Labyrinth, aber auch ein Goldschacht sein - zum Höhlenbär oder

Schatzgräber oder Schatzwächter und Drachen wurde: dessen Begriffe

selber erhalten zuletzt eine eigne Zwielicht-Farbe, einen Geruch

ebenso sehr der Tiefe als des Moders, etwas Unmittheilsames und

Widerwilliges, das jeden Vorübergehenden kalt anbläst. Der Einsiedler

glaubt nicht daran, dass jemals ein Philosoph - gesetzt, dass ein

Philosoph immer vorerst ein Einsiedler war - seine eigentlichen und

letzten Meinungen in Büchern ausgedrückt habe: schreibt man nicht

gerade Bücher, um zu verbergen, was man bei sich birgt? - ja er

wird zweifeln, ob ein Philosoph "letzte und eigentliche" Meinungen

überhaupt haben könne, ob bei ihm nicht hinter jeder Höhle noch eine

tiefere Höhle liege, liegen müsse - eine umfänglichere fremdere

reichere Welt über einer Oberfläche, ein Abgrund hinter jedem

Grunde, unter jeder "Begründung". Jede Philosophie ist eine

Vordergrunds-Philosophie - das ist ein Einsiedler-Urtheil: "es ist

etwas Willkürliches daran, dass er hier stehen blieb, zurückblickte,

sich umblickte, dass er hier nicht mehr tiefer grub und den Spaten

weglegte, - es ist auch etwas Misstrauisches daran." Jede Philosophie

verbirgt auch eine Philosophie; jede Meinung ist auch ein Versteck,

jedes Wort auch eine Maske.

290.

Jeder tiefe Denker fürchtet mehr das Verstanden-werden, als das

Missverstanden-werden. Am Letzteren leidet vielleicht seine Eitelkeit;

am Ersteren aber sein Herz, sein Mitgefühl, welches immer spricht:

"ach, warum wollt ihres auch so schwer haben, wie ich?"

291.

Der Mensch, ein vielfaches, verlogenes, künstliches und

undurchsichtiges Thier, den andern Thieren weniger durch Kraft als

durch List und Klugheit unheimlich, hat das gute Gewissen erfunden, um

seine Seele einmal als einfach zu geniessen; und die ganze Moral ist

eine beherzte lange Fälschung, vermöge deren überhaupt ein Genuss im

Anblick der Seele möglich wird. Unter diesem Gesichtspunkte gehört

vielleicht viel Mehr in den Begriff "Kunst" hinein, als man gemeinhin

glaubt.

292.

Ein Philosoph: das ist ein Mensch, der beständig ausserordentliche

Dinge erlebt, sieht, hört, argwöhnt, hofft, träumt; der von seinen

eignen Gedanken wie von Aussen her, wie von Oben und Unten her, als

von seiner Art Ereignissen und Blitzschlägen getroffen wird; der

selbst vielleicht ein Gewitter ist, welches mit neuen Blitzen

schwanger geht; ein verhängnissvoller Mensch, um den herum es immer

grollt und brummt und klafft und unheimlich zugeht. Ein Philosoph:

ach, ein Wesen, das oft von sich davon läuft, oft vor sich Furcht hat,

- aber zu neugierig ist, um nicht immer wieder zu sich zu kommen......

293.

Ein Mann, der sagt: "das gefällt mir, das nehme ich zu eigen und will

es schützen und gegen Jedermann vertheidigen"; ein Mann, der eine

Sache führen, einen Entschluss durchführen, einem Gedanken Treue

wahren, ein Weib festhalten, einen Verwegenen strafen und niederwerfen

kann; ein Mann, der seinen Zorn und sein Schwert hat, und dem die

Schwachen, Leidenden, Bedrängten, auch die Thiere gern zufallen und

von Natur zugehören, kurz ein Mann, der von Natur Herr ist, - wenn ein

solcher Mann Mitleiden hat, nun! dies Mitleiden hat Werth! Aber was

liegt am Mitleiden Derer, welche leiden! Oder Derer, welche gar

Mitleiden predigen! Es giebt heute fast überall in Europa eine

krankhafte Empfindlichkeit und Reizbarkeit für Schmerz, insgleichen

eine widrige Unenthaltsamkeit in der Klage, eine Verzärtlichung,

welche sich mit Religion und philosophischem Krimskrams zu etwas

Höherem aufputzen möchte, - es giebt einen förmlichen Cultus des

Leidens. Die Unmännlichkeit dessen, was in solchen Schwärmerkreisen

"Mitleid" getauft wird, springt, wie ich meine, immer zuerst in die

Augen. - Man muss diese neueste Art des schlechten Geschmacks kräftig

und gründlich in den Bann thun; und ich wünsche endlich, dass man

das gute Amulet "gai saber" sich dagegen um Herz und Hals lege, -

"fröhliche Wissenschaft", um es den Deutschen zu verdeutlichen.

294.

Das olympische Laster. - Jenem Philosophen zum Trotz, der als ächter

Engländer dem Lachen bei allen denkenden Köpfen eine üble Nachrede zu

schaffen suchte - "das Lachen ist ein arges Gebreste der menschlichen

Natur, welches jeder denkende Kopf zu überwinden bestrebt sein wird"

(Hobbes) -, würde ich mir sogar eine Rangordnung der Philosophen

erlauben, je nach dem Range ihres Lachens - bis hinauf zu denen, die

des goldnen Gelächters fähig sind. Und gesetzt, dass auch Götter

philosophiren, wozu mich mancher Schluss schon gedrängt hat -, so

zweifle ich nicht, dass sie dabei auch auf eine übermenschliche und

neue Weise zu lachen wissen - und auf Unkosten aller ernsten Dinge!

Götter sind spottlustig: es scheint, sie können selbst bei heiligen

Handlungen das Lachen nicht lassen.

295.

Das Genie des Herzens, wie es jener grosse Verborgene hat, der

Versucher-Gott und geborene Rattenfänger der Gewissen, dessen Stimme

bis in die Unterwelt jeder Seele hinabzusteigen weiss, welcher nicht

ein Wort sagt, nicht einen Blick blickt, in dem nicht eine Rücksicht

und Falte der Lockung läge, zu dessen Meisterschaft es gehört, dass er

zu scheinen versteht - und nicht Das, was er ist, sondern was Denen,

die ihm folgen, ein Zwang mehr ist, um sich immer näher an ihn zu

drängen, um ihm immer innerlicher und gründlicher zu folgen: - das

Genie des Herzens, das alles Laute und Selbstgefällige verstummen

macht und horchen lehrt, das die rauhen Seelen glättet und ihnen ein

neues Verlangen zu kosten giebt, - still zu liegen wie ein Spiegel,

dass sich der tiefe Himmel auf ihnen spiegele -; das Genie des

Herzens, das die tölpische und überrasche Hand zögern und zierlicher

greifen lehrt; das den verborgenen und vergessenen Schatz, den Tropfen

Güte und süsser Geistigkeit unter trübem dickem Eise erräth und eine

Wünschelruthe für jedes Korn Goldes ist, welches lange im Kerker

vielen Schlamms und Sandes begraben lag; das Genie des Herzens,

von dessen Berührung jeder reicher fortgeht, nicht begnadet und

überrascht, nicht wie von fremdem Gute beglückt und bedrückt, sondern

reicher an sich selber, sich neuer als zuvor, aufgebrochen, von einem

Thauwinde angeweht und ausgehorcht, unsicherer vielleicht, zärtlicher

zerbrechlicher zerbrochener, aber voll Hoffnungen, die noch keinen

Namen haben, voll neuen Willens und Strömens, voll neuen Unwillens und

Zurückströmens...... aber was thue ich, meine Freunde? Von wem rede

ich zu euch? Vergass ich mich soweit, dass ich euch nicht einmal

seinen Namen nannte? es sei denn, dass ihr nicht schon von selbst

erriethet, wer dieser fragwürdige Geist und Gott ist, der in solcher

Weise gelobt sein will. Wie es nämlich einem jeden ergeht, der von

Kindesbeinen an immer unterwegs und in der Fremde war, so sind auch

mir manche seltsame und nicht ungefährliche Geister über den Weg

gelaufen, vor Allem aber der, von dem ich eben sprach, und dieser

immer wieder, kein Geringerer nämlich, als der Gott Dionysos, jener

grosse Zweideutige und Versucher Gott, dem ich einstmals, wie ihr

wisst, in aller Heimlichkeit und Ehrfurcht meine Erstlinge dargebracht

habe - als der Letzte, wie mir scheint, der ihm ein Opfer dargebracht

hat: denn ich fand Keinen, der es verstanden hätte, was ich damals

that. Inzwischen lernte ich Vieles, Allzuvieles über die Philosophie

dieses Gottes hinzu, und, wie gesagt, von Mund zu Mund, - ich, der

letzte jünger und Eingeweihte des Gottes Dionysos: und ich dürfte wohl

endlich einmal damit anfangen, euch, meinen Freunden, ein Wenig, so

weit es mir erlaubt ist, von dieser Philosophie zu kosten zu geben?

Mit halber Stimme, wie billig: denn es handelt sich dabei um

mancherlei Heimliches, Neues, Fremdes, Wunderliches, Unheimliches.

Schon dass Dionysos ein Philosoph ist, und dass also auch Götter

philosophiren, scheint mir eine Neuigkeit, welche nicht unverfänglich

ist und die vielleicht gerade unter Philosophen Misstrauen erregen

möchte, - unter euch, meine Freunde, hat sie schon weniger gegen sich,

es sei denn, dass sie zu spät und nicht zur rechten Stunde kommt:

denn ihr glaubt heute ungern, wie man mir verrathen hat, an Gott

und Götter. Vielleicht auch, dass ich in der Freimüthigkeit meiner

Erzählung weiter gehn muss, als den strengen Gewohnheiten eurer Ohren

immer liebsam ist? Gewisslich gieng der genannte Gott bei dergleichen

Zwiegesprächen weiter, sehr viel weiter, und war immer um viele

Schritt mir voraus.... ja ich würde, falls es erlaubt wäre, ihm nach

Menschenbrauch schöne feierliche Prunk- und Tugendnamen beizulegen,

viel Rühmens von seinem Forscher- und Entdecker-Muthe, von seiner

gewagten Redlichkeit, Wahrhaftigkeit und Liebe zur Weisheit zu machen

haben. Aber mit all diesem ehrwürdigen Plunder und Prunk weiss ein

solcher Gott nichts anzufangen. "Behalte dies, würde er sagen, für

dich und deines Gleichen und wer sonst es nöthig hat! Ich - habe

keinen Grund, meine Blösse zu decken!" - Man erräth: es fehlt dieser

Art von Gottheit und Philosophen vielleicht an Scham? - So sagte er

einmal: "unter Umständen liebe ich den Menschen - und dabei spielte er

auf Ariadne an, die zugegen war -: der Mensch ist mir ein angenehmes

tapferes erfinderisches Thier, das auf Erden nicht seines Gleichen

hat, es findet sich in allen Labyrinthen noch zurecht. Ich bin ihm

gut: ich denke oft darüber nach, wie ich ihn noch vorwärts bringe und

ihn stärker, böser und tiefer mache, als er ist." - "Stärker, böser

und tiefer?" fragte ich erschreckt. "Ja, sagte er noch Ein Mal,

stärker, böser und tiefer; auch schöner" - und dazu lächelte der

Versucher-Gott mit seinem halkyonischen Lächeln, wie als ob er eben

eine bezaubernde Artigkeit gesagt habe. Man sieht hier zugleich: es

fehlt dieser Gottheit nicht nur an Scham -; und es giebt überhaupt

gute Gründe dafür, zu muthmaassen, dass in einigen Stücken die Götter

insgesammt bei uns Menschen in die Schule gehn könnten. Wir Menschen

sind - menschlicher...

296.

Ach, was seid ihr doch, ihr meine geschriebenen und gemalten Gedanken!

Es ist nicht lange her, da wart ihr noch so bunt, jung und boshaft,

voller Stacheln und geheimer Würzen, dass ihr mich niesen und lachen

machtet - und jetzt? Schon habt ihr eure Neuheit ausgezogen, und

einige von euch sind, ich fürchte es, bereit, zu Wahrheiten zu werden:

so unsterblich sehn sie bereits aus, so herzbrechend rechtschaffen,

so langweilig! Und war es jemals anders? Welche Sachen schreiben

und malen wir denn ab, wir Mandarinen mit chnesischem Pinsel, wir

Verewiger der Dinge, welche sich schreiben lassen, was vermögen wir

denn allein abzumalen? Ach, immer nur Das, was eben welk werden

will und anfängt, sich zu verriechen! Ach, immer nur abziehende und

erschöpfte Gewitter und gelbe späte Gefühle! Ach, immer nur Vögel,

die sich müde flogen und verflogen und sich nun mit der Hand haschen

lassen, - mit unserer Hand! Wir verewigen, was nicht mehr lange leben

und fliegen kann, müde und mürbe Dinge allein! Und nur euer Nachmittag

ist es, ihr meine geschriebenen und gemalten Gedanken, für den allein

ich Farben habe, viel Farben vielleicht, viel bunte Zärtlichkeiten und

fünfzig Gelbs und Brauns und Grüns und Roths: - aber Niemand erräth

mir daraus, wie ihr in eurem Morgen aussahet, ihr plötzlichen Funken

und Wunder meiner Einsamkeit, ihr meine alten geliebten - - schlimmen

Gedanken!

Aus hohen Bergen.

Nachgesang.

Oh Lebens Mittag! Feierliche Zeit!

Oh Sommergarten!

Unruhig Glück im Stehn und Spähn und Warten: -

Der Freunde harr' ich, Tag und Nacht bereit,

Wo bleibt ihr Freunde? Kommt! 's ist Zeit! 's ist Zeit!

War's nicht für euch, dass sich des Gletschers Grau

Heut schmückt mit Rosen?

Euch sucht der Bach, sehnsüchtig drängen, stossen

Sich Wind und Wolke höher heut in's Blau,

Nach euch zu spähn aus fernster Vogel-Schau.

Im Höchsten ward für euch mein Tisch gedeckt -

Wer wohnt den Sternen

So nahe, wer des Abgrunds grausten Fernen?

Mein Reich - welch Reich hat weiter sich gereckt?

Und meinen Honig - wer hat ihn geschmeckt?....

- Da _seid_ ihr, Freunde! - Weh, doch _ich_ bin's nicht,

Zu dem ihr wolltet?

Ihr zögert, staunt - ach, dass ihr lieber grolltet!

Ich - bin's nicht mehr? Vertauscht Hand, Schritt, Gesicht?

Und was ich bin, euch Freunden - bin ich's nicht?

Ein Andrer ward ich? Und mir selber fremd?

Mir selbst entsprungen?

Ein Ringer, der zu oft sich selbst bezwungen?

Zu oft sich gegen eigne Kraft gestemmt,

Durch eignen Sieg verwundet und gehemmt?

Ich suchte, wo der Wind am schärfsten weht?

Ich lernte wohnen,

Wo Niemand wohnt, in öden Eisbär-Zonen,

Verlernte Mensch und Gott, Fluch und Gebet?

Ward zum Gespenst, das über Gletscher geht?

- Ihr alten Freunde! Seht! Nun blickt ihr bleich,

Voll Lieb' und Grausen!

Nein, geht! Zürnt nicht! Hier - könntet _ihr_ nicht hausen:

Hier zwischen fernstem Eis- und Felsenreich -

Hier muss man Jäger sein und gemsengleich.

Ein _schlimmer_ Jäger ward ich! - Seht, wie steil

Gespannt mein Bogen!

Der Stärkste war's, der solchen Zug gezogen--:

Doch wehe nun! Gefährlich ist _der_ Pfeil,

Wie _kein_ Pfeil, - fort von hier! Zu eurem Heil!.....

Ihr wendet euch? - Oh Herz, du trugst genung,

Stark blieb dein Hoffen:

Halt _neuen_ Freunden deine Thüren offen!

Die alten lass! Lass die Erinnerung!

Warst einst du jung, jetzt - bist du besser jung!

Was je uns knüpfte, Einer Hoffnung Band, -

Wer liest die Zeichen,

Die Liebe einst hineinschrieb, noch, die bleichen?

Dem Pergament vergleich ich's, das die Hand

zu fassen _scheut_, - ihm gleich verbräunt, verbrannt.

Nicht Freunde mehr, das sind - wie nenn' ich's doch? -

Nur Freunds-Gespenster!

Das klopft mir wohl noch Nachts an Herz und Fenster,

Das sieht mich an und spricht: "wir _waren's_ doch?"--

Oh welkes Wort, das einst wie Rosen roch!

Oh Jugend-Sehnen, das sich missverstand!

Die _ich_ ersehnte,

Die ich mir selbst verwandt-verwandelt wähnte,

Dass _alt_ sie wurden, hat sie weggebannt:

Nur wer sich wandelt, bleibt mit mir verwandt.

Oh Lebens Mittag! Zweite Jugendzeit!

Oh Sommergarten!

Unruhig Glück im Stehn und Spähn und Warten!

Der Freunde harr' ich, Tag und Nacht bereit,

Der _neuen_ Freunde! Kommt! 's ist Zeit! 's ist Zeit!

_Dies_ Lied ist aus, - der Sehnsucht süsser Schrei

Erstarb im Munde:

Ein Zaubrer that's, der Freund zur rechten Stunde,

Der Mittags-Freund - nein! fragt nicht, wer es sei -

Um Mittag war's, da wurde Eins zu Zwei...

Nun feiern wir, vereinten Siegs gewiss,

Das Fest der Feste:

Freund _Zarathustra_ kam, der Gast der Gäste!

Nun lacht die Welt, der grause Vorhang riss,

Die Hochzeit kam für Licht und Finsterniss...

Jenseits von Gut und Böse · 第 9 / 9 题