Mancher Pfau verdeckt vor Aller Augen seinen Pfauenschweif - und
heisst es seinen Stolz.
74.
Ein Mensch mit Genie ist unausstehlich, wenn er nicht mindestens noch
zweierlei dazu besitzt: Dankbarkeit und Reinlichkeit.
75.
Grad und Art der Geschlechtlichkeit eines Menschen reicht bis in den
letzten Gipfel seines Geistes hinauf.
76.
Unter friedlichen Umständen fällt der kriegerische Mensch über sich
selber her.
77.
Mit seinen Grundsätzen will man seine Gewohnheiten tyrannisiren oder
rechtfertigen oder ehren oder beschimpfen oder verbergen: - zwei
Menschen mit gleichen Grundsätzen wollen damit wahrscheinlich noch
etwas Grund-Verschiedenes.
78.
Wer sich selbst verachtet, achtet sich doch immer noch dabei als
Verächter.
79.
Eine Seele, die sich geliebt weiss, aber selbst nicht liebt, verräth
ihren Bodensatz: - ihr Unterstes kommt herauf.
80.
Eine Sache, die sich aufklärt, hört auf, uns etwas anzugehn. - Was
meinte jener Gott, welcher anrieth: "erkenne dich selbst"! Hiess es
vielleicht: "höre auf, dich etwas anzugehn! werde objektiv!" - Und
Sokrates? - Und der "wissenschaftliche Mensch"? -
81.
Es ist furchtbar, im Meere vor Durst zu sterben. Müsst ihr denn gleich
eure Wahrheit so salzen, dass sie nicht einmal mehr - den Durst
löscht?
82.
"Mitleiden mit Allen" - wäre Härte und Tyrannei mit dir, mein Herr
Nachbar! -
83.
Der Instinkt. - Wenn das Haus brennt, vergisst man sogar das
Mittagsessen. - Ja: aber man holt es auf der Asche nach.
84.
Das Weib lernt hassen, in dem Maasse, in dem es zu bezaubern -
verlernt.
85.
Die gleichen Affekte sind bei Mann und Weib doch im Tempo verschieden:
deshalb hören Mann und Weib nicht auf, sich misszuverstehn.
86.
Die Weiber selber haben im Hintergrunde aller persönlichen Eitelkeit
immer noch ihre unpersönliche Verachtung - für das "Weib".
87.
Gebunden Herz, freier Geist. - Wenn man sein Herz hart bindet und
gefangen legt, kann man seinem Geist viele Freiheiten geben: ich sagte
das schon Ein Mal. Aber man glaubt mir's nicht, gesetzt, dass man's
nicht schon weiss.....
88.
Sehr klugen Personen fängt man an zu misstrauen, wenn sie verlegen
werden.
89.
Fürchterliche Erlebnisse geben zu rathen, ob Der, welcher sie erlebt,
nicht etwas Fürchterliches ist.
90.
Schwere, Schwermüthige Menschen werden gerade durch das, was Andre
schwer macht, durch Hass und Liebe, leichter und kommen zeitweilig an
ihre Oberfläche.
91.
So kalt, so eisig, dass man sich an ihm die Finger verbrennt! Jede
Hand erschrickt, die ihn anfasst! - Und gerade darum halten Manche ihn
für glühend.
92.
Wer hat nicht für seinen guten Ruf schon einmal - sich selbst
geopfert? -
93.
In der Leutseligkeit ist Nichts von Menschenhass, aber eben darum
allzuviel von Menschenverachtung.
94.
Reife des Mannes: das heisst den Ernst wiedergefunden haben, den man
als Kind hatte, beim Spiel.
95.
Sich seiner Unmoralität schämen: das ist eine Stufe auf der Treppe, an
deren Ende man sich auch seiner Moralität schämt.
96.
Man soll vom Leben scheiden wie Odysseus von Nausikaa schied, - mehr
segnend als verliebt.
97.
Wie? Ein grosser Mann? Ich sehe immer nur den Schauspieler seines
eignen Ideals.
98.
Wenn man sein Gewissen dressirt, so küsst es uns zugleich, indem es
beisst.
99.
Der Enttäuschte spricht. - "Ich horchte auf Widerhall, und ich hörte
nur Lob -"
100.
Vor uns selbst stellen wir uns Alle einfältiger als wir sind: wir
ruhen uns so von unsern Mitmenschen aus.
101.
Heute möchte sich ein Erkennender leicht als Thierwerdung Gottes
fühlen.
102.
Gegenliebe entdecken sollte eigentlich den Liebenden über das geliebte
Wesen ernüchtern. "Wie? es ist bescheiden genug, sogar dich zu lieben?
Oder dumm genug? Oder - oder -"
103.
Die Gefahr im Glücke. - "Nun gereicht mir Alles zum Besten, nunmehr
liebe ich jedes Schicksal: - wer hat Lust, mein Schicksal zu sein?"
104.
Nicht ihre Menschenliebe, sondern die Ohnmacht ihrer Menschenliebe
hindert die Christen von heute, uns - zu verbrennen.
105.
Dem freien Geiste, dem "Frommen der Erkenntniss" - geht die pia fraus
noch mehr wider den Geschmack (wider seine "Frömmigkeit") als die
impia fraus. Daher sein tiefer Unverstand gegen die Kirche, wie er zum
Typus "freier Geist" gehört, - als seine Unfreiheit.
106.
Vermöge der Musik geniessen sich die Leidenschaften selbst.
107.
Wenn der Entschluss einmal gefasst ist, das Ohr auch für den besten
Gegengrund zu schliessen: Zeichen des starken Charakters. Also ein
gelegentlicher Wille zur Dummheit.
108.
Es giebt gar keine moralischen Phänomene, sondern nur eine moralische
Ausdeutung von Phänomenen.....
109.
Der Verbrecher ist häufig genug seiner That nicht gewachsen: er
verkleinert und verleumdet sie.
110.
Die Advokaten eines Verbrechers sind selten Artisten genug, um das
schöne Schreckliche der That zu Gunsten ihres Thäters zu wenden.
111.
Unsre Eitelkeit ist gerade dann am schwersten zu verletzen, wenn eben
unser Stolz verletzt wurde.
112.
Wer sich zum Schauen und nicht zum Glauben vorherbestimmt fühlt, dem
sind alle Gläubigen zu lärmend und zudringlich: er erwehrt sich ihrer.
113.
"Du willst ihn für dich einnehmen? So stelle dich vor ihm verlegen -"
114.
Die ungeheure Erwartung in Betreff der Geschlechtsliebe, und die
Scham in dieser Erwartung, verdirbt den Frauen von vornherein alle
Perspektiven.
115.
Wo nicht Liebe oder Hass mitspielt, spielt das Weib mittelmässig.
116.
Die grossen Epochen unsres Lebens liegen dort, wo wir den Muth
gewinnen, unser Böses als unser Bestes umzutaufen.
117.
Der Wille, einen Affekt zu überwinden, ist zuletzt doch nur der Wille
eines anderen oder mehrer anderer Affekte.
118.
Es giebt eine Unschuld der Bewunderung: Der hat sie, dem es noch nicht
in den Sinn gekommen ist, auch er könne einmal bewundert werden.
119.
Der Ekel vor dem Schmutze kann so gross sein, dass er uns hindert, uns
zu reinigen, - uns zu "rechtfertigen".
120.
Die Sinnlichkeit übereilt oft das Wachsthum der Liebe, so dass die
Wurzel schwach bleibt und leicht auszureissen ist.
121.
Es ist eine Feinheit, dass Gott griechisch lernte, als er
Schriftsteller werden wollte - und dass er es nicht besser lernte.
122.
Sich über ein Lob freuen ist bei Manchem nur eine Höflichkeit des
Herzens - und gerade das Gegenstück einer Eitelkeit des Geistes.
123.
Auch das Concubinat ist corrumpirt worden: - durch die Ehe.
124.
Wer auf dem Scheiterhaufen noch frohlockt, triumphirt nicht über
den Schmerz, sondern darüber, keinen Schmerz zu fühlen, wo er ihn
erwartete. Ein Gleichniss.
125.
Wenn wir über Jemanden umlernen müssen, so rechnen wir ihm die
Unbequemlichkeit hart an, die er uns damit macht.
126.
Ein Volk ist der Umschweif der Natur, um zu sechs, sieben grossen
Männern zu kommen. - Ja: und um dann um sie herum zu kommen.
127.
Allen rechten Frauen geht Wissenschaft wider die Scham. Es ist ihnen
dabei zu Muthe, als ob man damit ihnen unter die Haut, - schlimmer
noch! unter Kleid und Putz gucken wolle.
128.
Je abstrakter die Wahrheit ist, die du lehren willst, um so mehr musst
du noch die Sinne zu ihr verführen.
129.
Der Teufel hat die weitesten Perspektiven für Gott, deshalb hält er
sich von ihm so fern: - der Teufel nämlich als der älteste Freund der
Erkenntniss.
130.
Was jemand ist, fängt an, sich zu verrathen, wenn sein Talent
nachlässt, - wenn er aufhört, zu zeigen, was er kann. Das Talent ist
auch ein Putz; ein Putz ist auch ein Versteck.
131.
Die Geschlechter täuschen sich über einander: das macht, sie ehren
und lieben im Grunde nur sich selbst (oder ihr eigenes ideal, um es
gefälliger auszudrücken -). So will der Mann das Weib friedlich, -
aber gerade das Weib ist wesentlich unfriedlich, gleich der Katze, so
gut es sich auch auf den Anschein des Friedens eingeübt hat.
132.
Man wird am besten für seine Tugenden bestraft.
133.
Wer den Weg zu seinem Ideale nicht zu finden weiss, lebt
leichtsinniger und frecher, als der Mensch ohne Ideal.
134.
Von den Sinnen her kommt erst alle Glaubwürdigkeit, alles gute
Gewissen, aller Augenschein der Wahrheit.
135.
Der Pharisäismus ist nicht eine Entartung am guten Menschen: ein gutes
Stück davon ist vielmehr die Bedingung von allem Gut-sein.
136.
Der Eine sucht einen Geburtshelfer für seine Gedanken, der Andre
Einen, dem er helfen kann: so entsteht ein gutes Gespräch.
137.
Im Verkehre mit Gelehrten und Künstlern verrechnet man sich leicht in
umgekehrter Richtung: man findet hinter einem merkwürdigen Gelehrten
nicht selten einen mittelmässigen Menschen, und hinter einem
mittelmässigen Künstler sogar oft - einen sehr merkwürdigen Menschen.
138.
Wir machen es auch im Wachen wie im Traume: wir erfinden und erdichten
erst den Menschen, mit dem wir verkehren - und vergessen es sofort.
139.
In der Rache und in der Liebe ist das Weib barbarischer, als der Mann.
140.
Rath als Räthsel. - "Soll das Band nicht reissen, - musst du erst
drauf beissen."
141.
Der Unterleib ist der Grund dafür, dass der Mensch sich nicht so
leicht für einen Gott hält.
142.
Das züchtigste Wort, das ich gehört habe: "Dans le véritable amour
c'est l'âme, qui enveloppe le corps."
143.
Was wir am besten thun, von dem möchte unsre Eitelkeit, dass es grade
als Das gelte, was uns am schwersten werde. Zum Ursprung mancher
Moral.
144.
Wenn ein Weib gelehrte Neigungen hat, so ist gewöhnlich Etwas an ihrer
Geschlechtlichkeit nicht in Ordnung. Schon Unfruchtbarkeit disponirt
zu einer gewissen Männlichkeit des Geschmacks; der Mann ist nämlich,
mit Verlaub, "das unfruchtbare Thier".
145.
Mann und Weib im Ganzen verglichen, darf man sagen: das Weib hätte
nicht das Genie des Putzes, wenn es nicht den Instinkt der zweiten
Rolle hätte.
146.
Wer mit Ungeheuern kämpft, mag zusehn, dass er nicht dabei zum
Ungeheuer wird. Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der
Abgrund auch in dich hinein.
147.
Aus alten florentinischen Novellen, überdies - aus dem Leben: buona
femmina e mala femmina vuol bastone. Sacchetti Nov. 86.
148.
Den Nächsten zu einer guten Meinung verführen und hinterdrein an diese
Meinung des Nächsten gläubig glauben: wer thut es in diesem Kunststück
den Weibern gleich? -
149.
Was eine Zeit als böse empfindet, ist gewöhnlich ein unzeitgemässer
Nachschlag dessen, was ehemals als gut empfunden wurde, - der
Atavismus eines älteren Ideals.
150.
Um den Helden herum wird Alles zur Tragödie, um den Halbgott herum
Alles zum Satyrspiel; und um Gott herum wird Alles - wie? vielleicht
zur "Welt"? -
151.
Ein Talent haben ist nicht genug: man muss auch eure Erlaubniss dazu
haben, - wie? meine Freunde?
152.
"Wo der Baum der Erkenntniss steht, ist immer das Paradies": so reden
die ältesten und die jüngsten Schlangen.
153.
Was aus Liebe gethan wird, geschieht immer jenseits von Gut und Böse.
154.
Der Einwand, der Seitensprung, das fröhliche Misstrauen, die Spottlust
sind Anzeichen der Gesundheit: alles Unbedingte gehört in die
Pathologie.
155.
Der Sinn für das Tragische nimmt mit der Sinnlichkeit ab und zu.
156.
Der Irrsinn ist bei Einzelnen etwas Seltenes, - aber bei Gruppen,
Parteien, Völkern, Zeiten die Regel.
157.
Der Gedanke an den Selbstmord ist ein starkes Trostmittel: mit ihm
kommt man gut über manche böse Nacht hinweg.
158.
Unserm stärksten Triebe, dem Tyrannen in uns, unterwirft sich nicht
nur unsre Vernunft, sondern auch unser Gewissen.
159.
Man muss vergelten, Gutes und Schlimmes: aber warum gerade an der
Person, die uns Gutes oder Schlimmes that?
160.
Man liebt seine Erkenntniss nicht genug mehr, sobald man sie
mittheilt.
161.
Die Dichter sind gegen ihre Erlebnisse schamlos: sie beuten sie aus.
162.
"Unser Nächster ist nicht unser Nachbar, sondern dessen Nachbar" - so
denkt jedes Volk.
163.
Die Liebe bringt die hohen und verborgenen Eigenschaften eines
Liebenden an's Licht, - sein Seltenes, Ausnahmsweises: insofern
täuscht sie leicht über Das, was Regel an ihm ist.
164.
Jesus sagte zu seinen Juden: "das Gesetz war für Knechte, - liebt
Gott, wie ich ihn liebe, als sein Sohn! Was geht uns Söhne Gottes die
Moral an!" -
165.
Angesichts jeder Partei. - Ein Hirt hat immer auch noch einen
Leithammel nöthig, - oder er muss selbst gelegentlich Hammel sein.
166.
Man lügt wohl mit dem Munde; aber mit dem Maule, das man dabei macht,
sagt man doch noch die Wahrheit.
167.
Bei harten Menschen ist die Innigkeit eine Sache der Scham - und etwas
Kostbares.
168.
Das Christenthum gab dem Eros Gift zu trinken: - er starb zwar nicht
daran, aber entartete, zum Laster.
169.
Viel von sich reden kann auch ein Mittel sein, sich zu verbergen.
170.
Im Lobe ist mehr Zudringlichkeit, als im Tadel.
171.
Mitleiden wirkt an einem Menschen der Erkenntniss beinahe zum Lachen,
wie zarte Hände an einem Cyklopen.
172.
Man umarmt aus Menschenliebe bisweilen einen Beliebigen (weil man
nicht Alle umarmen kann): aber gerade Das darf man dem Beliebigen
nicht verrathen.....
173.
Man hasst nicht, so lange man noch gering schätzt, sondern erst, wenn
man gleich oder höher schätzt.
174.
Ihr Utilitarier, auch ihr liebt alles utile nur als ein Fuhrwerk
eurer Neigungen, - auch ihr findet eigentlich den Lärm seiner Räder
unausstehlich?
175.
Man liebt zuletzt seine Begierde, und nicht das Begehrte.
176.
Die Eitelkeit Andrer geht uns nur dann wider den Geschmack, wenn sie
wider unsre Eitelkeit geht.
177.
Ober Das, was "Wahrhaftigkeit" ist, war vielleicht noch Niemand
wahrhaftig genug.
178.
Klugen Menschen glaubt man ihre Thorheiten nicht: welche Einbusse an
Menschenrechten!
179.
Die Folgen unsrer Handlungen fassen uns am Schopfe, sehr gleichgültig
dagegen, dass wir uns inzwischen "gebessert" haben.
180.
Es giebt eine Unschuld in der Lüge, welche das Zeichen des guten
Glaubens an eine Sache ist.
181.
Es ist unmenschlich, da zu segnen, wo Einem geflucht wird.
182.
Die Vertraulichkeit des überlegenen erbittert, weil sie nicht
zurückgegeben werden darf. -
183.
"Nicht dass du mich belogst, sondern dass ich dir nicht mehr glaube,
hat mich erschüttert." -
184.
Es giebt einen Übermuth der Güte, welcher sich wie Bosheit ausnimmt.
185.
"Er missfällt mir." - Warum? - "Ich bin ihm nicht gewachsen." - Hat je
ein Mensch so geantwortet?
Fünftes Hauptstück:
Zur Naturgeschichte der Moral.
186.
Die moralische Empfindung ist jetzt in Europa ebenso fein, spät,
vielfach, reizbar, raffinirt, als die dazu gehörige "Wissenschaft
der Moral" noch jung, anfängerhaft, plump und grobfingrig ist: - ein
anziehender Gegensatz, der bisweilen in der Person eines Moralisten
selbst sichtbar und leibhaft wird. Schon das Wort "Wissenschaft der
Moral" ist in Hinsicht auf Das, was damit bezeichnet wird, viel
zu hochmüthig und wider den guten Geschmack: welcher immer ein
Vorgeschmack für die bescheideneren Worte zu sein pflegt. Man sollte,
in aller Strenge, sich eingestehn, was hier auf lange hinaus noch noth
thut, was vorläufig allein Recht hat: nämlich Sammlung des Materials,
begriffliche Fassung und Zusammenordnung eines ungeheuren Reichs
zarter Werthgefühle und Werthunterschiede, welche leben, wachsen,
zeugen und zu Grunde gehn, - und, vielleicht, Versuche, die
wiederkehrenden und häufigeren Gestaltungen dieser lebenden
Krystallisation anschaulich zu machen, - als Vorbereitung zu einer
Typenlehre der Moral. Freilich: man war bisher nicht so bescheiden.
Die Philosophen allesammt forderten, mit einem steifen Ernste, der
lachen macht, von sich etwas sehr viel Höheres, Anspruchsvolleres,
Feierlicheres, sobald sie sich mit der Moral als Wissenschaft
befassten: sie wollten die Begründung der Moral, - und jeder Philosoph
hat bisher geglaubt, die Moral begründet zu haben; die Moral selbst
aber galt als "gegeben". Wie ferne lag ihrem plumpen Stolze jene
unscheinbar dünkende und in Staub und Moder belassene Aufgabe einer
Beschreibung, obwohl für sie kaum die feinsten Hände und Sinne fein
genug sein könnten! Gerade dadurch, dass die Moral-Philosophen die
moralischen facta nur gröblich, in einem willkürlichen Auszuge oder
als zufällige Abkürzung kannten, etwa als Moralität ihrer Umgebung,
ihres Standes, ihrer Kirche, ihres Zeitgeistes, ihres Klima's und
Erdstriches, - gerade dadurch, dass sie in Hinsicht auf Völker,
Zeiten, Vergangenheiten schlecht unterrichtet und selbst wenig
wissbegierig waren, bekamen sie die eigentlichen Probleme der Moral
gar nicht zu Gesichte: - als welche alle erst bei einer Vergleichung
vieler Moralen auftauchen. In aller bisherigen "Wissenschaft der
Moral" fehlte, so wunderlich es klingen mag, noch das Problem der
Moral selbst: es fehlte der Argwohn dafür, dass es hier etwas
Problematisches gebe. Was die Philosophen "Begründung der Moral"
nannten und von sich forderten, war, im rechten Lichte gesehn, nur
eine gelehrte Form des guten Glaubens an die herrschende Moral, ein
neues Mittel ihres Ausdrucks, also ein Thatbestand selbst innerhalb
einer bestimmten Moralität, ja sogar, im letzten Grunde, eine Art
Leugnung, dass diese Moral als Problem gefasst werden dürfe: - und
jedenfalls das Gegenstück einer Prüfung, Zerlegung, Anzweiflung,
Vivisektion eben dieses Glaubens. Man höre zum Beispiel, mit
welcher beinahe verehrenswürdigen Unschuld noch Schopenhauer seine
eigene Aufgabe hinstellt, und man mache seine Schlüsse über die
Wissenschaftlichkeit einer "Wissenschaft", deren letzte Meister noch
wie die Kinder und die alten Weibchen reden: - "das Princip, sagt
er (p. 136 der Grundprobleme der Moral), der Grundsatz, über dessen
Inhalt alle Ethiker eigentlich einig sind; neminem laede, immo
omnes, quantum potes, juva - das ist eigentlich der Satz, welchen zu
begründen alle Sittenlehrer sich abmühen.... das eigentliche Fundament
der Ethik, welches man wie den Stein der Weisen seit Jahrtausenden
sucht." - Die Schwierigkeit, den angeführten Satz zu begründen, mag
freilich gross sein - bekanntlich ist es auch Schopenhauern damit
nicht geglückt -; und wer einmal gründlich nachgefühlt hat, wie
abgeschmackt-falsch und sentimental dieser Satz ist, in einer Welt,
deren Essenz Wille zur Macht ist -, der mag sich daran erinnern
lassen, dass Schopenhauer, obschon Pessimist, eigentlich - die Flöte
blies.... Täglich, nach Tisch: man lese hierüber seinen Biographen.
Und beiläufig gefragt: ein Pessimist, ein Gott- und Welt-Verneiner,
der vor der Moral Haltmacht, - der zur Moral Ja sagt und Flöte bläst,
zur laede-neminem-Moral: wie? ist das eigentlich - ein Pessimist?
187.
Abgesehn noch vom Werthe solcher Behauptungen wie "es giebt in uns
einen kategorischen Imperativ", kann man immer noch fragen: was sagt
eine solche Behauptung von dem sie Behauptenden aus? Es giebt Moralen,
welche ihren Urheber vor Anderen rechtfertigen sollen; andre Moralen
sollen ihn beruhigen und mit sich zufrieden stimmen; mit anderen will
er sich selbst an's Kreuz schlagen und demüthigen; mit andern will
er Rache üben, mit andern sich verstecken, mit andern sich verklären
und hinaus, in die Höhe und Ferne setzen; diese Moral dient ihrem
Urheber, um zu vergessen, jene, um sich oder Etwas von sich vergessen
zu machen; mancher Moralist möchte an der Menschheit Macht und
schöpferische Laune ausüben; manch Anderer, vielleicht gerade auch
Kant, giebt mit seiner Moral zu verstehn: "was an mir achtbar ist,
das ist, dass ich gehorchen kann, - und bei euch soll es nicht
anders stehn, als bei mir!" - kurz, die Moralen sind auch nur eine
Zeichensprache der Affekte.
188.
Jede Moral ist, im Gegensatz zum laisser aller, ein Stück Tyrannei
gegen die "Natur", auch gegen die "Vernunft": das ist aber noch kein
Einwand gegen sie, man müsste denn selbst schon wieder von irgend
einer Moral aus dekretiren, dass alle Art Tyrannei und Unvernunft
unerlaubt sei. Das Wesentliche und Unschätzbare an jeder Moral ist,
dass sie ein langer Zwang ist: um den Stoicismus oder Port-Royal oder
das Puritanerthum zu verstehen, mag man sich des Zwangs erinnern,
unter dem bisher jede Sprache es zur Stärke und Freiheit gebracht, -
des metrischen Zwangs, der Tyrannei von Reim und Rhythmus. Wie viel
Noth haben sich in jedem Volke die Dichter und die Redner gemacht! -
einige Prosaschreiber von heute nicht ausgenommen, in deren Ohr ein
unerbittliches Gewissen wohnt - "um einer Thorheit willen", wie
utilitarische Tölpel sagen, welche sich damit klug dünken, - "aus
Unterwürfigkeit gegen Willkür-Gesetze", wie die Anarchisten sagen,
die sich damit "frei", selbst freigeistisch wähnen. Der wunderliche
Thatbestand ist aber, dass Alles, was es von Freiheit, Feinheit,
Kühnheit, Tanz und meisterlicher Sicherheit auf Erden giebt oder
gegeben hat, sei es nun in dem Denken selbst, oder im Regieren,
oder im Reden und überreden, in den Künsten ebenso wie in
den Sittlichkeiten, sich erst vermöge der "Tyrannei solcher
Willkür-Gesetze" entwickelt hat; und allen Ernstes, die
Wahrscheinlichkeit dafür ist nicht gering, dass gerade dies "Natur"
und "natürlich" sei - und nicht jenes laisser aller! jeder Künstler
weiss, wie fern vom Gefühl des Sichgehen-lassens sein "natürlichster"
Zustand ist, das freie Ordnen, Setzen, Verfügen, Gestalten in den
Augenblicken der "Inspiration", - und wie streng und fein er gerade
da tausendfältigen Gesetzen gehorcht, die aller Formulirung durch
Begriffe gerade auf Grund ihrer Härte und Bestimmtheit spotten (auch
der festeste Begriff hat, dagegen gehalten, etwas Schwimmendes,
Vielfaches, Vieldeutiges -). Das Wesentliche, "im Himmel und auf
Erden", wie es scheint, ist, nochmals gesagt, dass lange und in Einer
Richtung gehorcht werde: dabei kommt und kam auf die Dauer immer Etwas
heraus, dessentwillen es sich lohnt, auf Erden zu leben, zum Beispiel
Tugend, Kunst, Musik, Tanz, Vernunft, Geistigkeit, - irgend etwas
Verklärendes, Raffinirtes, Tolles und Göttliches. Die lange Unfreiheit
des Geistes, der misstrauische Zwang in der Mittheilbarkeit der
Gedanken, die Zucht, welche sich der Denker auferlegte, innerhalb
einer kirchlichen und höfischen Richtschnur oder unter aristotelischen
Voraussetzungen zu denken, der lange geistige Wille, Alles, was
geschieht, nach einem christlichen Schema auszulegen und den
christlichen Gott noch in jedem Zufalle wieder zu entdecken und
zu rechtfertigen, - all dies Gewaltsame, Willkürliche, Harte,
Schauerliche, Widervernünftige hat sich als das Mittel herausgestellt,
durch welches dem europäischen Geiste seine Stärke, seine
rücksichtslose Neugierde und feine Beweglichkeit angezüchtet wurde:
zugegeben, dass dabei ebenfalls unersetzbar viel an Kraft und Geist
erdrückt, erstickt und verdorben werden musste (denn hier wie
überall zeigt sich "die Natur", wie sie ist, in ihrer ganzen
verschwenderischen und gleichgültigen Grossartigkeit, welche empört,
aber vornehm ist). Dass Jahrtausende lang die europäischen Denker nur
dachten, um Etwas zu beweisen -heute ist uns umgekehrt jeder Denker
verdächtig, der "Etwas beweisen will" -, dass ihnen bereits immer
feststand, was als Resultat ihres strengsten Nachdenkens herauskommen
sollte, etwa wie ehemals bei der asiatischen Astrologie oder wie heute
noch bei der harmlosen christlich-moralischen Auslegung der nächsten
persönlichen Ereignisse "zu Ehren Gottes" und "zum Heil der Seele": -
diese Tyrannei, diese Willkür, diese strenge und grandiose Dummheit
hat den Geist erzogen; die Sklaverei ist, wie es scheint, im gröberen
und feineren Verstande das unentbehrliche Mittel auch der geistigen
Zucht und Züchtung. Man mag jede Moral darauf hin ansehn: die "Natur"
in ihr ist es, welche das laisser aller, die allzugrosse Freiheit
hassen lehrt und das Bedürfniss nach beschränkten Horizonten, nach
nächsten Aufgaben pflanzt, - welche die Verengerung der Perspektive,
und also in gewissem Sinne die Dummheit, als eine Lebens- und
Wachsthums-Bedingung lehrt. "Du sollst gehorchen, irgend wem, und auf
lange: sonst gehst du zu Grunde und verlierst die letzte Achtung vor
dir selbst" - dies scheint mir der moralische Imperativ der Natur zu
sein, welcher freilich weder "kategorisch" ist, wie es der alte Kant
von ihm verlangte (daher das "sonst" -), noch an den Einzelnen sich
wendet (was liegt ihr am Einzelnen!), wohl aber an Völker, Rassen,
Zeitalter, Stände, vor Allem aber an das ganze Thier "Mensch", an den
Menschen.
189.
Die arbeitsamen Rassen finden eine grosse Beschwerde darin, den
Müssiggang zu ertragen: es war ein Meisterstück des englischen
Instinktes, den Sonntag in dem Maasse zu heiligen und zu langweiligen,
dass der Engländer dabei wieder unvermerkt nach seinem Wochen-
und Werktage lüstern wird: - als eine Art klug erfundenen, klug
eingeschalteten Fastens, wie dergleichen auch in der antiken Welt
reichlich wahrzunehmen ist (wenn auch, wie billig bei südländischen
Völkern, nicht gerade in Hinsicht auf Arbeit -). Es muss Fasten von
vielerlei Art geben; und überall, wo mächtige Triebe und Gewohnheiten
herrschen, haben die Gesetzgeber dafür zu sorgen, Schalttage
einzuschieben, an denen solch ein Trieb in Ketten gelegt wird und
wieder einmal hungern lernt. Von einem höheren Orte aus gesehn,
erscheinen ganze Geschlechter und Zeitalter, wenn sie mit irgend einem
moralischen Fanatismus behaftet auftreten, als solche eingelegte
Zwangs- und Fastenzeiten, während welchen ein Trieb sich ducken
und niederwerfen, aber auch sich reinigen und schärfen lernt; auch
einzelne philosophische Sekten (zum Beispiel die Stoa inmitten der
hellenistischen Cultur und ihrer mit aphrodisischen Düften überladenen
und geil gewordenen Luft) erlauben eine derartige Auslegung. - Hiermit
ist auch ein Wink zur Erklärung jenes Paradoxons gegeben, warum gerade
in der christlichsten Periode Europa's und überhaupt erst unter dem
Druck christlicher Werthurtheile der Geschlechtstrieb sich bis zur
Liebe (amour-passion) sublimirt hat.
190.
Es giebt Etwas in der Moral Plato's, das nicht eigentlich zu Plato
gehört, sondern sich nur an seiner Philosophie vorfindet, man könnte
sagen, trotz Plato: nämlich der Sokratismus, für den er eigentlich zu
vornehm war. "Keiner will sich selbst Schaden thun, daher geschieht
alles Schlechte unfreiwillig. Denn der Schlechte fügt sich selbst
Schaden zu: das würde er nicht thun, falls er wüsste, dass das
Schlechte schlecht ist. Demgemäss ist der Schlechte nur aus einem
Irrthum schlecht; nimmt man ihm seinen Irrthum, so macht man ihn
notwendig - gut." - Diese Art zu schliessen riecht nach dem Pöbel,
der am Schlechthandeln nur die leidigen Folgen in's Auge fasst und
eigentlich urtheilt "es ist dumm, schlecht zu handeln"; während er
"gut" mit "nützlich und angenehm" ohne Weiteres als identisch nimmt.
Man darf bei jedem Utilitarismus der Moral von vornherein auf diesen
gleichen Ursprung rathen und seiner Nase folgen: man wird selten irre
gehn. - Plato hat Alles gethan, um etwas Feines und Vornehmes in den
Satz seines Lehrers hinein zu interpretiren, vor Allem sich selbst -,
er, der verwegenste aller Interpreten, der den ganzen Sokrates nur
wie ein populäres Thema und Volkslied von der Gasse nahm, um es in's
Unendliche und Unmögliche zu variiren: nämlich in alle seine eignen
Masken und Vielfältigkeiten. Im Scherz gesprochen, und noch dazu
homerisch: was ist denn der platonische Sokrates, wenn nicht prósthe
Pláton opithén te Pláton mésse te Chímaira.
191.
Das alte theologische Problem von "Glauben" und "Wissen" - oder,
deutlicher, von Instinkt und Vernunft - also die Frage, ob in Hinsicht
auf Werthschätzung der Dinge der Instinkt mehr Autorität verdiene, als
die Vernünftigkeit, welche nach Gründen, nach einem "Warum?", als nach
Zweckmässigkeit und Nützlichkeit geschätzt und gehandelt wissen will,
- es ist immer noch jenes alte moralische Problem, wie es zuerst in
der Person des Sokrates auftrat und lange vor dem Christenthum schon
die Geister gespaltet hat. Sokrates selbst hatte sich zwar mit dem
Geschmack seines Talentes - dem eines überlegenen Dialektikers -
zunächst auf Seiten der Vernunft gestellt; und in Wahrheit, was hat
er sein Leben lang gethan, als über die linkische Unfähigkeit seiner
vornehmen Athener zu lachen, welche Menschen des Instinktes waren
gleich allen vornehmen Menschen und niemals genügend über die Gründe
ihres Handelns Auskunft geben konnten? Zuletzt aber, im Stillen und
Geheimen, lachte er auch über sich selbst: er fand bei sich, vor
seinem feineren Gewissen und Selbstverhör, die gleiche Schwierigkeit
und Unfähigkeit. Wozu aber, redete er sich zu, sich deshalb von den
Instinkten lösen! Man muss ihnen und auch der Vernunft zum Recht
verhelfen, - man muss den Instinkten folgen, aber die Vernunft
überreden, ihnen dabei mit guten Gründen nachzuhelfen. Dies war die
eigentliche Falschheit jenes grossen geheimnissreichen Ironikers; er
brachte sein Gewissen dahin, sich mit einer Art Selbstüberlistung
zufrieden zu geben: im Grunde hatte er das Irrationale im moralischen
Urtheile durchschaut. - Plato, in solchen Dingen unschuldiger und ohne
die Verschmitztheit des Plebejers, wollte mit Aufwand aller Kraft -
der grössten Kraft, die bisher ein Philosoph aufzuwenden hatte! - sich
beweisen, dass Vernunft und Instinkt von selbst auf Ein Ziel zugehen,
auf das Gute, auf "Gott"; und seit Plato sind alle Theologen und
Philosophen auf der gleichen Bahn, - das heisst, in Dingen der Moral
hat bisher der Instinkt, oder wie die Christen es nennen, "der
Glaube", oder wie ich es nenne, "die Heerde" gesiegt. Man müsse
denn Descartes ausnehmen, den Vater des Rationalismus (und folglich
Grossvater der Revolution), welcher der Vernunft allein Autorität
zuerkannte: aber die Vernunft ist nur ein Werkzeug, und Descartes war
oberflächlich.
192.
Wer der Geschichte einer einzelnen Wissenschaft nachgegangen ist,
der findet in ihrer Entwicklung einen Leitfaden zum Verständniss der
ältesten und gemeinsten Vorgänge alles "Wissens und Erkennens": dort
wie hier sind die voreiligen Hypothesen, die Erdichtungen, der gute
dumme Wille zum "Glauben", der Mangel an Misstrauen und Geduld zuerst
entwickelt, - unsre Sinne lernen es spät, und lernen es nie ganz,
feine treue vorsichtige Organe der Erkenntniss zu sein. Unserm Auge
fällt es bequemer, auf einen gegebenen Anlass hin ein schon öfter
erzeugtes Bild wieder zu erzeugen, als das Abweichende und Neue eines
Eindrucks bei sich festzuhalten: letzteres braucht mehr Kraft, mehr
"Moralität". Etwas Neues hören ist dem Ohre peinlich und schwierig;
fremde Musik hören wir schlecht. Unwillkürlich versuchen wir, beim
Hören einer andren Sprache, die gehörten Laute in Worte einzuformen,
welche uns vertrauter und heimischer klingen: so machte sich zum
Beispiel der Deutsche ehemals aus dem gehörten arcubalista das Wort
Armbrust zurecht. Das Neue findet auch unsre Sinne feindlich und
widerwillig; und überhaupt herrschen schon bei den "einfachsten"
Vorgängen der Sinnlichkeit die Affekte, wie Furcht, Liebe, Hass,
eingeschlossen die passiven Affekte der Faulheit. - So wenig ein Leser
heute die einzelnen Worte (oder gar Silben) einer Seite sämmtlich
abliest - er nimmt vielmehr aus zwanzig Worten ungefähr fünf nach
Zufall heraus und "erräth" den zu diesen fünf Worten muthmaasslich
zugehörigen Sinn -, eben so wenig sehen wir einen Baum genau und
vollständig, in Hinsicht auf Blätter, Zweige, Farbe, Gestalt; es fällt
uns so sehr viel leichter, ein Ungefähr von Baum hin zu phantasiren.
Selbst inmitten der seltsamsten Erlebnisse machen wir es noch ebenso:
wir erdichten uns den grössten Theil des Erlebnisses und sind
kaum dazu zu zwingen, nicht als "Erfinder" irgend einem Vorgange
zuzuschauen. Dies Alles will sagen: wir sind von Grund aus, von Alters
her - an's Lügen gewöhnt. Oder, um es tugendhafter und heuchlerischer,
kurz angenehmer auszudrücken: man ist viel mehr Künstler als man
weiss. - In einem lebhaften Gespräch sehe ich oftmals das Gesicht der
Person, mit der ich rede, je nach dem Gedanken, den sie äussert, oder
den ich bei ihr hervorgerufen glaube, so deutlich und feinbestimmt
vor mir, dass dieser Grad von Deutlichkeit weit über die Kraft meines
Sehvermögens hinausgeht: - die Feinheit des Muskelspiels und des
Augen-Ausdrucks muss also von mir hinzugedichtet sein. Wahrscheinlich
machte die Person ein ganz anderes Gesicht oder gar keins.
193.
Quidquid luce fuit, tenebris agit: aber auch umgekehrt. Was wir im
Traume erleben, vorausgesetzt, dass wir es oftmals erleben, gehört
zuletzt so gut zum Gesammt-Haushalt unsrer Seele, wie irgend etwas
"wirklich" Erlebtes: wir sind vermöge desselben reicher oder ärmer,
haben ein Bedürfniss mehr oder weniger und werden schliesslich am
hellen lichten Tage, und selbst in den heitersten Augenblicken unsres
wachen Geistes, ein Wenig von den Gewöhnungen unsrer Träume gegängelt.
Gesetzt, dass Einer in seinen Träumen oftmals geflogen ist und
endlich, sobald er träumt, sich einer Kraft und Kunst des Fliegens
wie seines Vorrechtes bewusst wird, auch wie seines eigensten
beneidenswerthen Glücks: ein Solcher, der jede Art von Bogen und
Winkeln mit dem leisesten Impulse verwirklichen zu können glaubt,
der das Gefühl einer gewissen göttlichen Leichtfertigkeit kennt,
ein "nach, Oben" ohne Spannung und Zwang, ein "nach Unten" ohne
Herablassung und Erniedrigung - ohne Schwere! - wie sollte der Mensch
solcher Traum-Erfahrungen und Traum-Gewohnheiten nicht endlich auch
für seinen wachen Tag das Wort "Glück" anders gefärbt und bestimmt
finden! wie sollte er nicht anders nach Glück - verlangen
"Aufschwung", so wie dies von Dichtern beschrieben wird, muss ihm,
gegen jenes "Fliegen" gehalten, schon zu erdenhaft, muskelhaft,
gewaltsam, schon zu "schwer" sein.
194.
Die Verschiedenheit der Menschen zeigt sich nicht nur in der
Verschiedenheit ihrer Gütertafeln, also darin, dass sie verschiedene
Güter für erstrebenswerth halten und auch über das Mehr und Weniger
des Werthes, über die Rangordnung der gemeinsam anerkannten Güter mit
einander uneins sind: - sie zeigt sich noch mehr in dem, was ihnen
als wirkliches Haben und Besitzen eines Gutes gilt. In Betreff eines
Weibes zum Beispiel gilt dem Bescheideneren schon die Verfügung über
den Leib und der Geschlechtsgenuss als ausreichendes und genugthuendes
Anzeichen des Habens, des Besitzens; ein Anderer, mit seinem
argwöhnischeren und anspruchsvolleren Durste nach Besitz, sieht das
"Fragezeichen", das nur Scheinbare eines solchen Habens, und will
feinere Proben, vor Allem, um zu wissen, ob das Weib nicht nur ihm
sich giebt, sondern auch für ihn lässt, was sie hat oder gerne hätte
-: so erst gilt es ihm als "besessen". Ein Dritter aber ist auch hier
noch nicht am Ende seines Misstrauens und Habenwollens, er fragt sich,
ob das Weib, wenn es Alles für ihn lässt, dies nicht etwa für ein
Phantom von ihm thut: er will erst gründlich, ja abgründlich gut
gekannt sein, um überhaupt geliebt werden zu können, er wagt es, sich
errathen zu lassen -. Erst dann fühlt er die Geliebte völlig in seinem
Besitze, wenn sie sich nicht mehr über ihn betrügt, wenn sie ihn um
seiner Teufelei und versteckten Unersättlichkeit willen eben so sehr
liebt, als um seiner Güte, Geduld und Geistigkeit willen. Jener möchte
ein Volk besitzen: und alle höheren Cagliostro- und Catilina-Künste
sind ihm zu diesem Zwecke recht. Ein Anderer, mit einem feineren
Besitzdurste, sagt sich "man darf nicht betrügen, wo man besitzen
will" -, er ist gereizt und ungeduldig bei der Vorstellung, dass eine
Maske von ihm über das Herz des Volks gebietet: "also muss ich mich
kennen lassen und, vorerst, mich selbst kennen!" Unter hülfreichen und
wohlthätigen Menschen findet man jene plumpe Arglist fast regelmässig
vor, welche sich Den, dem geholfen werden soll, erst zurecht macht:
als ob er zum Beispiel Hülfe "verdiene", gerade nach ihrer Hülfe
verlange, und für alle Hülfe sich ihnen tief dankbar, anhänglich,
unterwürfig beweisen werde, - mit diesen Einbildungen verfügen sie
über den Bedürftigen wie über ein Eigenthum, wie sie aus einem
Verlangen nach Eigenthum überhaupt wohlthätige und hülfreiche Menschen
sind. Man findet sie eifersüchtig, wenn man sie beim Helfen kreuzt
oder ihnen zuvorkommt. Die Eltern machen unwillkürlich aus dem Kinde
etwas ihnen Ähnliches - sie nennen das "Erziehung" -, keine Mutter
zweifelt im Grunde ihres Herzens daran, am Kinde sich ein Eigenthum
geboren zu haben, kein Vater bestreitet sich das Recht, es seinen
Begriffen und Werthschätzungen unterwerfen zu dürfen. Ja, ehemals
schien es den Vätern billig, über Leben und Tod des Neugebornen (wie
unter den alten Deutschen) nach Gutdünken zu verfügen. Und wie der
Vater, so sehen auch jetzt noch der Lehrer, der Stand, der Priester,
der Fürst in jedem neuen Menschen eine unbedenkliche Gelegenheit zu
neuem Besitze. Woraus folgt.....
195.
Die Juden - ein Volk "geboren zur Sklaverei", wie Tacitus und die
ganze antike Welt sagt, "das auserwählte Volk unter den Völkern", wie
sie selbst sagen und glauben - die Juden haben jenes Wunderstück von
Umkehrung der Werthe zu Stande gebracht, Dank welchem das Leben auf
der Erde für ein Paar Jahrtausende einen neuen und gefährlichen
Reiz erhalten hat: - ihre Propheten haben "reich" "gottlos" "böse"
"gewaltthätig" "sinnlich" in Eins geschmolzen und zum ersten Male das
Wort "Welt", zum Schandwort gemünzt. In dieser Umkehrung der Werthe
(zu der es gehört, das Wort für "Arm" als synonym mit "Heilig" und
"Freund" zu brauchen) liegt die Bedeutung des jüdischen Volks: mit ihm
beginnt der Sklaven-Aufstand in der Moral.
196.
Es giebt unzählige dunkle Körper neben der Sonne zu erschliessen,
- solche die wir nie sehen werden. Das ist, unter uns gesagt, ein
Gleichniss; und ein Moral-Psycholog liest die gesammte Sternenschrift
nur als eine Gleichniss- und Zeichensprache, mit der sich Vieles
verschweigen lässt.
197.
Man missversteht das Raubthier und den Raubmenschen (zum Beispiele
Cesare Borgia) gründlich, man missversteht die "Natur", so lange man
noch nach einer "Krankhaftigkeit" im Grunde dieser gesündesten aller
tropischen Unthiere und Gewächse sucht, oder gar nach einer ihnen
eingeborenen "Hölle" -: wie es bisher fast alle Moralisten gethan
haben. Es scheint, dass es bei den Moralisten einen Hass gegen den
Urwald und gegen die Tropen giebt? Und dass der "tropische Mensch"
um jeden Preis diskreditirt werden muss, sei es als Krankheit und
Entartung des Menschen, sei es als eigne Hölle und Selbst-Marterung?
Warum doch? Zu Gunsten der "gemässigten Zonen"? Zu Gunsten der
gemässigten Menschen? Der "Moralischen"? Der Mittelmässigen? - Dies
zum Kapitel "Moral als Furchtsamkeit". -
198.
Alle diese Moralen, die sich an die einzelne Person wenden, zum
Zwecke ihres "Glückes", wie es heisst, - was sind sie Anderes, als
Verhaltungs-Vorschläge im Verhältniss zum Grade der Gefährlichkeit, in
welcher die einzelne Person mit sich selbst lebt; Recepte gegen ihre
Leidenschaften, ihre guten und schlimmen Hänge, so fern sie den Willen
zur Macht haben und den Herrn spielen möchten; kleine und grosse
Klugheiten und Künsteleien, behaftet mit dem Winkelgeruch alter
Hausmittel und Altweiber-Weisheit; allesammt in der Form barock und
unvernünftig - weil sie sich an "Alle" wenden, weil sie generalisiren,
wo nicht generalisirt werden darf -, allesammt unbedingt redend, sich
unbedingt nehmend, allesammt nicht nur mit Einem Korne Salz gewürzt,
vielmehr erst erträglich, und bisweilen sogar verführerisch, wenn
sie überwürzt und gefährlich zu riechen lernen, vor Allem "nach der
anderen Welt": Das ist Alles, intellektuell gemessen, wenig werth und
noch lange nicht "Wissenschaft", geschweige denn "Weisheit", sondern,
nochmals gesagt und dreimal gesagt, Klugheit, Klugheit, Klugheit,
gemischt mit Dummheit, Dummheit, Dummheit, - sei es nun jene
Gleichgültigkeit und Bildsäulenkälte gegen die hitzige Narrheit der
Affekte, welche die Stoiker anriethen und ankurirten; oder auch jenes
Nicht-mehr-Lachen und Nicht-mehr-Weinen des Spinoza, seine so naiv
befürwortete Zerstörung der Affekte durch Analysis und Vivisektion
derselben; oder jene Herabstimmung der Affekte auf ein unschädliches
Mittelmaass, bei welchem sie befriedigt werden dürfen, der
Aristotelismus der Moral; selbst Moral als Genuss der Affekte in einer
absichtlichen Verdünnung und Vergeistigung durch die Symbolik der
Kunst, etwa als Musik, oder als Liebe zu Gott und zum Menschen um
Gotteswillen - denn in der Religion haben die Leidenschaften wieder
Bürgerrecht, vorausgesetzt dass; zuletzt selbst jene entgegenkommende
und muthwillige Hingebung an die Affekte, wie sie Hafis und Goethe
gelehrt haben, jenes kühne Fallen-lassen der Zügel, jene geistig-
leibliche licentia morum in dem Ausnahmefalle alter weiser Käuze und
Trunkenbolde, bei denen es "wenig Gefahr mehr hat". Auch Dies zum
Kapitel "Moral als Furchtsamkeit".
199.
Insofern es zu allen Zeiten, so lange es Menschen giebt, auch
Menschenheerden gegeben hat (Geschlechts-Verbände, Gemeinden,
Stämme, Völker, Staaten, Kirchen) und immer sehr viel Gehorchende im
Verhältniss zu der kleinen Zahl Befehlender, - in Anbetracht also,
dass Gehorsam bisher am besten und längsten unter Menschen geübt
und gezüchtet worden ist, darf man billig voraussetzen, dass
durchschnittlich jetzt einem jeden das Bedürfniss darnach angeboren
ist, als eine Art formalen Gewissens, welches gebietet: "du sollst
irgend Etwas unbedingt thun, irgend Etwas unbedingt lassen", kurz "du
sollst". Dies Bedürfniss sucht sich zu sättigen und seine Form mit
einem Inhalte zu füllen; es greift dabei, gemäss seiner Stärke,
Ungeduld und Spannung, wenig wählerisch, als ein grober Appetit, zu
und nimmt an, was ihm nur von irgend welchen Befehlenden - Eltern,
Lehrern, Gesetzen, Standesvorurtheilen, öffentlichen Meinungen -
in's Ohr gerufen wird. Die seltsame Beschränktheit der menschlichen
Entwicklung, das Zögernde, Langwierige, oft Zurücklaufende und
Sich-Drehende derselben beruht darauf, dass der Heerden-Instinkt des
Gehorsams am besten und auf Kosten der Kunst des Befehlens vererbt
wird. Denkt man sich diesen Instinkt einmal bis zu seinen letzten
Ausschweifungen schreitend, so fehlen endlich geradezu die
Befehlshaber und Unabhängigen; oder sie leiden innerlich am
schlechten Gewissen und haben nöthig, sich selbst erst eine Täuschung
vorzumachen, um befehlen zu können: nämlich als ob auch sie nur
gehorchten. Dieser Zustand besteht heute thatsächlich in Europa: ich
nenne ihn die moralische Heuchelei der Befehlenden. Sie wissen sich
nicht anders vor ihrem schlechten Gewissen zu schützen als dadurch,
dass sie sich als Ausführer älterer oder höherer Befehle gebärden (der
Vorfahren, der Verfassung, des Rechts, der Gesetze oder gar Gottes)
oder selbst von der Heerden-Denkweise her sich Heerden-Maximen borgen,
zum Beispiel als "erste Diener ihres Volks" oder als "Werkzeuge
des gemeinen Wohls". Auf der anderen Seite giebt sich heute der
Heerdenmensch in Europa das Ansehn, als sei er die einzig erlaubte
Art Mensch, und verherrlicht seine Eigenschaften, vermöge deren er
zahm, verträglich und der Heerde nützlich ist, als die eigentlich
menschlichen Tugenden: also Gemeinsinn, Wohlwollen, Rücksicht, Fleiss,
Mässigkeit, Bescheidenheit, Nachsicht, Mitleiden. Für die Fälle aber,
wo man der Führer und Leithammel nicht entrathen zu können glaubt,
macht man heute Versuche über Versuche, durch Zusammen-Addiren kluger
Heerdenmenschen die Befehlshaber zu ersetzen: dieses Ursprungs sind
zum Beispiel alle repräsentativen Verfassungen. Welche Wohlthat,
welche Erlösung von einem unerträglich werdenden Druck trotz
Alledem das Erscheinen eines unbedingt Befehlenden für diese
Heerdenthier-Europäer ist, dafür gab die Wirkung, welche das
Erscheinen Napoleon's machte, das letzte grosse Zeugniss: - die
Geschichte der Wirkung Napoleon's ist beinahe die Geschichte des
höheren Glücks, zu dem es dieses ganze Jahrhundert in seinen
werthvollsten Menschen und Augenblicken gebracht hat.
200.
Der Mensch aus einem Auflösungs-Zeitalter, welches die Rassen durch
einander wirft, der als Solcher die Erbschaft einer vielfältigen
Herkunft im Leibe hat, das heisst gegensätzliche und oft nicht einmal
nur gegensätzliche Triebe und Werthmaasse, welche mit einander kämpfen
und sich selten Ruhe geben, - ein solcher Mensch der späten Culturen
und der gebrochenen Lichter wird durchschnittlich ein schwächerer
Mensch sein: sein gründlichstes Verlangen geht darnach, dass der
Krieg, der er ist, einmal ein Ende habe; das Glück erscheint ihm, in
Übereinstimmung mit einer beruhigenden (zum Beispiel epikurischen oder
christlichen) Medizin und Denkweise, vornehmlich als das Glück des
Ausruhens, der Ungestörtheit, der Sattheit, der endlichen Einheit, als
"Sabbat der Sabbate", um mit dem heiligen Rhetor Augustin zu reden,
der selbst ein solcher Mensch war. - Wirkt aber der Gegensatz und
Krieg in einer solchen Natur wie ein Lebensreiz und -Kitzel mehr -,
und ist andererseits zu ihren mächtigen und unversöhnlichen Trieben
auch die eigentliche Meisterschaft und Feinheit im Kriegführen mit
sich, also Selbst-Beherrschung, Selbst-Überlistung hinzuvererbt
und angezüchtet: so entstehen jene zauberhaften Unfassbaren und
Unausdenklichen, jene zum Siege und zur Verführung vorherbestimmten
Räthselmenschen, deren schönster Ausdruck Alciblades und Caesar (-
denen ich gerne jenen ersten Europäer nach meinem Geschmack, den
Hohenstaufen Friedrich den Zweiten zugesellen möchte), unter Künstlern
vielleicht Lionardo da Vinci ist. Sie erscheinen genau in den selben
Zeiten, wo jener schwächere Typus, mit seinem Verlangen nach Ruhe,
in den Vordergrund tritt.- beide Typen gehören zu einander und
entspringen den gleichen Ursachen.
201.
So lange die Nützlichkeit, die in den moralischen Werthurtheilen
herrscht, allein die Heerden-Nützlichkeit ist, so lange der
Blick einzig der Erhaltung der Gemeinde zugewendet ist, und das
Unmoralische genau und ausschliesslich in dem gesucht wird, was dem
Gemeinde-Bestand gefährlich scheint: so lange kann es noch keine
"Moral der Nächstenliebe" geben. Gesetzt, es findet sich auch da
bereits eine beständige kleine Übung von Rücksicht, Mitleiden,
Billigkeit, Milde, Gegenseitigkeit der Hülfeleistung, gesetzt, es
sind auch auf diesem Zustande der Gesellschaft schon alle jene Triebe
thätig, welche später mit Ehrennamen, als "Tugenden" bezeichnet
werden und schliesslich fast mit dem Begriff "Moralität" in Eins
zusammenfallen: in jener Zeit gehören sie noch gar nicht in das Reich
der moralischen Werthschätzungen - sie sind noch aussermoralisch. Eine
mitleidige Handlung zum Beispiel heisst in der besten Römerzeit weder
gut noch böse, weder moralisch noch unmoralisch; und wird sie selbst
gelobt, so verträgt sich mit diesem Lobe noch auf das Beste eine
Art unwilliger Geringschätzung, sobald sie nämlich mit irgend einer
Handlung zusammengehalten wird, welche der Förderung des Ganzen, der
res publica, dient. Zuletzt ist die "Liebe zum Nächsten" immer etwas
Nebensächliches, zum Theil Conventionelles und Willkürlich-Scheinbares
im Verhältniss zur Furcht vor dem Nächsten. Nachdem das Gefüge der
Gesellschaft im Ganzen festgestellt und gegen äussere Gefahren
gesichert erscheint, ist es diese Furcht vor dem Nächsten, welche
wieder neue Perspektiven der moralischen Werthschätzung schafft.
Gewisse starke und gefährliche Triebe, wie Unternehmungslust,
Tollkühnheit, Rachsucht, Verschlagenheit, Raubgier, Herrschsucht, die
bisher in einem gemeinnützigen Sinne nicht nur geehrt unter anderen
Namen, wie billig, als den eben gewählten sondern gross-gezogen und
-gezüchtet werden mussten (weil man ihrer in der Gefahr des Ganzen
gegen die Feinde des Ganzen beständig bedurfte), werden nunmehr
in ihrer Gefährlichkeit doppelt stark empfunden - jetzt, wo die
Abzugskanäle für sie fehlen - und schrittweise, als unmoralisch,
gebrandmarkt und der Verleumdung preisgegeben. Jetzt kommen die
gegensätzlichen Triebe und Neigungen zu moralischen Ehren; der
Heerden-Instinkt zieht, Schritt für Schritt, seine Folgerung. Wie viel
oder wie wenig Gemein-Gefährliches, der Gleichheit Gefährliches in
einer Meinung, in einem Zustand und Affekte, in einem Willen, in einer
Begabung liegt, das ist jetzt die moralische Perspektive: die Furcht
ist auch hier wieder die Mutter der Moral. An den höchsten und
stärksten Trieben, wenn sie, leidenschaftlich ausbrechend, den
Einzelnen weit über den Durchschnitt und die Niederung des
Heerdengewissens hinaus und hinauf treiben, geht das Selbstgefühl
der Gemeinde zu Grunde, ihr Glaube an sich, ihr Rückgrat gleichsam,
zerbricht: folglich wird man gerade diese Triebe am besten brandmarken
und verleumden. Die hohe unabhängige Geistigkeit, der Wille zum
Alleinstehn, die grosse Vernunft schon werden als Gefahr empfunden;
Alles, was den Einzelnen über die Heerde hinaushebt und dem Nächsten
Furcht macht, heisst von nun an böse; die billige, bescheidene,
sich einordnende, gleichsetzende Gesinnung, das Mittelmaass der
Begierden kommt zu moralischen Namen und Ehren. Endlich, unter sehr
friedfertigen Zuständen, fehlt die Gelegenheit und Nöthigung immer
mehr, sein Gefühl zur Strenge und Härte zu erziehn; und jetzt beginnt
jede Strenge, selbst in der Gerechtigkeit, die Gewissen zu stören;
eine hohe und harte Vornehmheit und Selbst-Verantwortlichkeit
beleidigt beinahe und erweckt Misstrauen, "das Lamm", noch mehr "das
Schlaf" gewinnt an Achtung. Es giebt einen Punkt von krankhafter
Vermürbung und Verzärtlichung in der Geschichte der Gesellschaft, wo
sie selbst für ihren Schädiger, den Verbrecher Partei nimmt, und zwar
ernsthaft und ehrlich. Strafen: das scheint ihr irgendworin unbillig,
- gewiss ist, dass die Vorstellung "Strafe" und "Strafen-Sollen"
ihr wehe thut, ihr Furcht macht. "Genügt es nicht, ihn ungefährlich
machen? Wozu noch strafen? Strafen selbst ist fürchterlich!" - mit
dieser Frage zieht die Heerden-Moral, die Moral der Furchtsamkeit ihre
letzte Consequenz. Gesetzt, man könnte überhaupt die Gefahr, den Grund
zum Fürchten abschaffen, so hätte man diese Moral mit abgeschafft: sie
wäre nicht mehr nöthig, sie hielte sich selbst nicht mehr für nöthig!
- Wer das Gewissen des heutigen Europäers prüft, wird aus tausend
moralischen Falten und Verstecken immer den gleichen Imperativ
herauszuziehen haben, den Imperativ der Heerden-Furchtsamkeit: "wir
wollen, dass es irgendwann einmal Nichts mehr zu fürchten giebt!"
Irgendwann einmal - der Wille und Weg dorthin heisst heute in Europa
überall der "Fortschritt".
202.
Sagen wir es sofort noch einmal, was wir schon hundert Mal gesagt
haben: denn die Ohren sind für solche Wahrheiten - für unsere
Wahrheiten - heute nicht gutwillig. Wir wissen es schon genug, wie
beleidigend es klingt, wenn Einer überhaupt den Menschen ungeschminkt
und ohne Gleichniss zu den Thieren rechnet; aber es wird beinahe
als Schuld uns angerechnet werden, dass wir gerade in Bezug auf die
Menschen der "modernen Ideen" beständig die Ausdrücke "Heerde",
"Heerden-Instinkte" und dergleichen gebrauchen. Was hilft es! Wir
können nicht anders: denn gerade hier liegt unsre neue Einsicht. Wir
fanden, dass in allen moralischen Haupturtheilen Europa einmüthig
geworden ist, die Länder noch hinzugerechnet, wo Europa's Einfluss
herrscht: man weiss ersichtlich in Europa, was Sokrates nicht zu
wissen meinte, und was jene alte berühmte Schlange einst zu lehren
verhiess, - man "weiss" heute, was Gut und Böse ist. Nun muss es hart
klingen und schlecht zu Ohren gehn, wenn wir immer von Neuem darauf
bestehn: was hier zu wissen glaubt, was hier mit seinem Loben und
Tadeln sich selbst verherrlicht, sich selbst gut heisst, ist der
Instinkt des Heerdenthiers Mensch: als welcher zum Durchbruch, zum
Übergewicht, zur Vorherrschaft über andere Instinkte gekommen ist und
immer mehr kommt, gemäss der wachsenden physiologischen Annäherung
und Anähnlichung, deren Symptom er ist. Moral ist heute in Europa
Heerdenthier-Moral: - also nur, wie wir die Dinge verstehn, Eine Art
von menschlicher Moral, neben der, vor der, nach der viele andere, vor
Allem höhere Moralen möglich sind oder sein sollten. Gegen eine solche
"Möglichkeit", gegen ein solches "Sollte" wehrt sich aber diese Moral
mit allen Kräften: sie sagt hartnäckig und unerbittlich "ich bin die
Moral selbst, und Nichts ausserdem ist Moral!" - ja mit Hülfe einer
Religion, welche den sublimsten Heerdenthier-Begierden zu Willen
war und schmeichelte, ist es dahin gekommen, dass wir selbst in
den politischen und gesellschaftlichen Einrichtungen einen immer
sichtbareren Ausdruck dieser Moral finden: die demokratische Bewegung
macht die Erbschaft der christlichen. Dass aber deren Tempo für die
Ungeduldigeren, für die Kranken und Süchtigen des genannten Instinktes
noch viel zu langsam und schläfrig ist, dafür spricht das immer
rasender werdende Geheul, das immer unverhülltere Zähnefletschen
der Anarchisten-Hunde, welche jetzt durch die Gassen der
europäischen Cultur schweifen: anscheinend im Gegensatz zu den
friedlich-arbeitsamen Demokraten und Revolutions-Ideologen, noch mehr
zu den tölpelhaften Philosophastern und Bruderschafts-Schwärmern,
welche sich Socialisten nennen und die "freie Gesellschaft" wollen, in
Wahrheit aber Eins mit ihnen Allen in der gründlichen und instinktiven
Feindseligkeit gegen jede andre Gesellschafts-Form als die der
autonomen Heerde (bis hinaus zur Ablehnung selbst der Begriffe "Herr"
und "Knecht" - ni dieu ni maître heisst eine socialistische Formel
-); Eins im zähen Widerstande gegen jeden Sonder-Anspruch, jedes
Sonder-Recht und Vorrecht (das heisst im letzten Grunde gegen jedes
Recht: denn dann, wenn Alle gleich sind, braucht Niemand mehr "Rechte"
-); Eins im Misstrauen gegen die strafende Gerechtigkeit (wie als
ob sie eine Vergewaltigung am Schwächeren, ein Unrecht an der
nothwendigen Folge aller früheren Gesellschaft wäre -); aber ebenso
Eins in der Religion des Mitleidens, im Mitgefühl, soweit nur gefühlt,
gelebt, gelitten wird (bis hinab zum Thier, bis hinauf zu "Gott":
- die Ausschweifung eines Mitleidens mit "Gott" gehört in ein
demokratisches Zeitalter -); Eins allesammt im Schrei und der Ungeduld
des Mitleidens, im Todhass gegen das Leiden überhaupt, in der fast
weiblichen Unfähigkeit, Zuschauer dabei bleiben zu können, leiden
lassen zu können; Eins in der unfreiwilligen Verdüsterung und
Verzärtlichung, unter deren Bann Europa von einem neuen Buddhismus
bedroht scheint; Eins im Glauben an die Moral des gemeinsamen
Mitleidens, wie als ob sie die Moral an sich sei, als die Höhe, die
erreichte Höhe des Menschen, die alleinige Hoffnung der Zukunft, das
Trostmittel der Gegenwärtigen, die grosse Ablösung aller Schuld von
Ehedem: - Eins allesammt im Glauben an die Gemeinschaft als die
Erlöserin, an die Heerde also, an sich......
203.
Wir, die wir eines andren Glaubens sind -, wir, denen die
demokratische Bewegung nicht bloss als eine Verfalls-Form
der politischen Organisation, sondern als Verfalls-, nämlich
Verkleinerungs-Form des Menschen gilt, als seine Vermittelmässigung
und Werth-Erniedrigung: wohin müssen wir mit unsren Hoffnungen
greifen? - Nach neuen Philosophen, es bleibt keine Wahl; nach
Geistern, stark und ursprünglich genug, um die Anstösse zu
entgegengesetzten Werthschätzungen zu geben und "ewige Werthe"
umzuwerthen, umzukehren; nach Vorausgesandten, nach Menschen der
Zukunft, welche in der Gegenwart den Zwang und Knoten anknüpfen, der
den Willen von Jahrtausenden auf neue Bahnen zwingt. Dem Menschen
die Zukunft des Menschen als seinen Willen, als abhängig von einem
Menschen-Willen zu lehren und grosse Wagnisse und Gesammt-Versuche
von Zucht und Züchtung vorzubereiten, um damit jener schauerlichen
Herrschaft des Unsinns und Zufalls, die bisher "Geschichte" hiess, ein
Ende zu machen - der Unsinn der "grössten Zahl" ist nur seine letzte
Form -: dazu wird irgendwann einmal eine neue Art von Philosophen und
Befehlshabern nöthig sein, an deren Bilde sich Alles, was auf Erden
an verborgenen, furchtbaren und wohlwollenden Geistern dagewesen ist,
blass und verzwergt ausnehmen möchte. Das Bild solcher Führer ist es,
das vor unsern Augen schwebt: - darf ich es laut sagen, ihr freien
Geister? Die Umstände, welche man zu ihrer Entstehung theils schaffen,
theils ausnützen müsste; die muthmaasslichen Wege und Proben, vermöge
deren eine Seele zu einer solchen Höhe und Gewalt aufwüchse, um den
Zwang zu diesen Aufgaben zu empfinden; eine Umwerthung der Werthe,
unter deren neuem Druck und Hammer ein Gewissen gestählt, ein
Herz in Erz verwandelt würde, dass es das Gewicht einer solchen
Verantwortlichkeit ertrüge; andererseits die Nothwendigkeit solcher
Führer, die erschreckliche Gefahr, dass sie ausbleiben oder missrathen
und entarten könnten - das sind unsre eigentlichen Sorgen und
Verdüsterungen, ihr wisst es, ihr freien Geister? das sind die
schweren fernen Gedanken und Gewitter, welche über den Himmel unseres
Lebens hingehn. Es giebt wenig so empfindliche Schmerzen, als einmal
gesehn, errathen, mitgefühlt zu haben, wie ein ausserordentlicher
Mensch aus seiner Bahn gerieth und entartete: wer aber das seltene
Auge für die Gesammt-Gefahr hat, dass "der Mensch" selbst entartet,
wer, gleich uns, die ungeheuerliche Zufälligkeit erkannt hat, welche
bisher in Hinsicht auf die Zukunft des Menschen ihr Spiel spielte -
ein Spiel, an dem keine Hand und nicht einmal ein "Finger Gottes"
mitspielte! - wer das Verhängniss, erräth, das in der blödsinnigen
Arglosigkeit und Vertrauensseligkeit der "modernen Ideen", noch mehr
in der ganzen christlich-europäischen Moral verborgen liegt: der
leidet an einer Beängstigung, mit der sich keine andere vergleichen
lässt, - er fasst es ja mit Einem Blicke, was Alles noch, bei einer
günstigen Ansammlung und Steigerung von Kräften und Aufgaben, aus
dem Menschen zu züchten wäre, er weiss es mit allem Wissen seines
Gewissens, wie der Mensch noch unausgeschöpft für die grössten
Möglichkeiten ist, und wie oft schon der Typus Mensch an
geheimnissvollen Entscheidungen und neuen Wegen gestanden hat: -
er weiss es noch besser, aus seiner schmerzlichsten Erinnerung, an
was für erbärmlichen Dingen ein Werdendes höchsten Ranges bisher
gewöhnlich zerbrach, abbrach, absank, erbärmlich ward. Die
Gesammt-Entartung des Menschen, hinab bis zu dem, was heute den
socialistischen Tölpeln und Flachköpfen als ihr "Mensch der Zukunft"
erscheint, - als ihr Ideal! - diese Entartung und Verkleinerung des
Menschen zum vollkommenen Heerdenthiere (oder, wie sie sagen, zum
Menschen der "freien Gesellschaft"), diese Verthierung des Menschen
zum Zwergthiere der gleichen Rechte und Ansprüche ist möglich, es ist
kein Zweifel! Wer diese Möglichkeit einmal bis zu Ende gedacht hat,
kennt einen Ekel mehr, als die übrigen Menschen, - und vielleicht auch
eine neue Aufgabe!....
Sechstes Hauptstück:
Wir Gelehrten.
204.
Auf die Gefahr hin, dass Moralisiren sich auch hier als Das
herausstellt, was es immer war - nämlich als ein unverzagtes montrer
ses plaies, nach Balzac -, möchte ich wagen, einer ungebührlichen und
schädlichen Rangverschiebung entgegenzutreten, welche sich heute, ganz
unvermerkt und wie mit dem besten Gewissen, zwischen Wissenschaft
und Philosophie herzustellen droht. Ich meine, man muss von seiner
Erfahrung aus - Erfahrung bedeutet, wie mich dünkt, immer schlimme
Erfahrung? - ein Recht haben, über eine solche höhere Frage des Rangs
mitzureden: um nicht wie die Blinden von der Farbe oder wie Frauen
und Künstler gegen die Wissenschaft zu reden ("ach, diese schlimme
Wissenschaft! seufzt deren Instinkt und Scham, sie kommt immer
dahinter!" -). Die Unabhängigkeits-Erklärung des wissenschaftlichen
Menschen, seine Emancipation von der Philosophie, ist eine der
feineren Nachwirkungen des demokratischen Wesens und Unwesens: die
Selbstverherrlichung und Selbstüberhebung des Gelehrten steht heute
überall in voller Blüthe und in ihrem besten Frühlinge, - womit noch
nicht gesagt sein soll, dass in diesem Falle Eigenlob lieblich röche.
"Los von allen Herren!" - so will es auch hier der pöbelmännische
Instinkt; und nachdem sich die Wissenschaft mit glücklichstem Erfolge
der Theologie erwehrt hat, deren "Magd" sie zu lange war, ist sie nun
in vollem Übermuthe und Unverstande darauf hin aus, der Philosophie
Gesetze zu machen und ihrerseits einmal den "Herrn" - was sage ich!
den Philosophen zu spielen. Mein Gedächtniss - das Gedächtniss eines
wissenschaftlichen Menschen, mit Verlaub! - strotzt von Naivetäten des
Hochmuths, die ich seitens junger Naturforscher und alter Ärzte über
Philosophie und Philosophen gehört habe (nicht zu reden von den
gebildetsten und eingebildetsten aller Gelehrten, den Philologen und
Schulmännern, welche Beides von Berufs wegen sind -). Bald war es der
Spezialist und Eckensteher, der sich instinktiv überhaupt gegen alle
synthetischen Aufgaben und Fähigkeiten zur Wehre setzte; bald der
fleissige Arbeiter, der einen Geruch von otium und der vornehmen
Üppigkeit im Seelen-Haushalte des Philosophen bekommen hatte und
sich dabei beeinträchtigt und verkleinert fühlte. Bald war es jene
Farben-Blindheit des Nützlichkeits-Menschen, der in der Philosophie
Nichts sieht, als eine Reihe widerlegter Systeme und einen
verschwenderischen Aufwand, der Niemandem "zu Gute kommt". Bald sprang
die Furcht vor verkappter Mystik und Grenzberichtigung des Erkennens
hervor; bald die Missachtung einzelner Philosophen, welche sich
unwillkürlich zur Missachtung der Philosophie verallgemeinert hatte.
Am häufigsten endlich fand ich bei jungen Gelehrten hinter der
hochmüthigen Geringschätzung der Philosophie die schlimme Nachwirkung
eines Philosophen selbst, dem man zwar im Ganzen den Gehorsam
gekündigt hatte, ohne doch aus dem Banne seiner wegwerfenden
Werthschätzungen anderer Philosophen herausgetreten zu sein: - mit
dem Ergebniss einer Gesammt-Verstimmung gegen alle Philosophie.
(Dergestalt scheint mir zum Beispiel die Nachwirkung Schopenhauer's
auf das neueste Deutschland zu sein: - er hat es mit seiner
unintelligenten Wuth auf Hegel dahin gebracht, die ganze letzte
Generation von Deutschen aus dem Zusammenhang mit der deutschen Cultur
herauszubrechen, welche Cultur, Alles wohl erwogen, eine Höhe und
divinatorische Feinheit des historischen Sinns gewesen ist: aber
Schopenhauer selbst war gerade an dieser Stelle bis zur Genialität
arm, unempfänglich, undeutsch.) Überhaupt in's Grosse gerechnet, mag
es vor Allem das Menschliche, Allzumenschliche, kurz die Armseligkeit
der neueren Philosophen selbst gewesen sein, was am gründlichsten der
Ehrfurcht vor der Philosophie Abbruch gethan und dem pöbelmännischen
Instinkte die Thore aufgemacht hat. Man gestehe es sich doch ein, bis
zu welchem Grade unsrer modernen Welt die ganze Art der Heraklite,
Plato's, Empedokles', und wie alle diese königlichen und prachtvollen
Einsiedler des Geistes geheissen haben, abgeht; und mit wie gutem
Rechte Angesichts solcher Vertreter der Philosophie, die heute Dank
der Mode ebenso oben-auf als unten-durch sind - in Deutschland zum
Beispiel die beiden Löwen von Berlin, der Anarchist Eugen Dühring
und der Amalgamist Eduard von Hartmann - ein braver Mensch der
Wissenschaft sich besserer Art und Abkunft fühlen darf. Es ist
in Sonderheit der Anblick jener Mischmasch-Philosophen, die sich
"Wirklichkeits-Philosophen" oder "Positivisten" nennen, welcher
ein gefährliches Misstrauen in die Seele eines jungen, ehrgeizigen
Gelehrten zu werfen im Stande ist: das sind ja besten Falls selbst
Gelehrte und Spezialisten, man greift es mit Händen! - das sind ja
allesammt überwundene und unter die Botmässigkeit der Wissenschaft
Zurückgebrachte, welche irgendwann einmal mehr von sich gewollt haben,
ohne ein Recht zu diesem "mehr" und seiner Verantwortlichkeit zu haben
- und die jetzt, ehrsam, ingrimmig, rachsüchtig, den Unglauben an die
Herren-Aufgabe und Herrschaftlichkeit der Philosophie mit Wort und
That repräsentiren. Zuletzt: wie könnte es auch anders sein! Die
Wissenschaft blüht heute und hat das gute Gewissen reichlich im
Gesichte, während Das, wozu die ganze neuere Philosophie allmählich
gesunken ist, dieser Rest Philosophie von heute, Misstrauen und
Missmuth, wenn nicht Spott und Mitleiden gegen sich rege macht.
Philosophie auf "Erkenntnisstheorie" reduzirt, thatsächlich nicht
mehr als eine schüchterne Epochistik und Enthaltsamkeitslehre: eine
Philosophie, die gar nicht über die Schwelle hinweg kommt und sich
peinlich das Recht zum Eintritt verweigert - das ist Philosophie in
den letzten Zügen, ein Ende, eine Agonie, Etwas das Mitleiden macht.
Wie könnte eine solche Philosophie - herrschen!
205.
Die Gefahren für die Entwicklung des Philosophen sind heute in
Wahrheit so vielfach, dass man zweifeln möchte, ob diese Frucht
überhaupt noch reif werden kann. Der Umfang und der Thurmbau der
Wissenschaften ist in's Ungeheure gewachsen, und damit auch die
Wahrscheinlichkeit, dass der Philosoph schon als Lernender müde wird
oder sich irgendwo festhalten und "spezialisiren" lässt: so dass
er gar nicht mehr auf seine Höhe, nämlich zum Überblick, Umblick,
Niederblick kommt. Oder er gelangt zu spät hinauf, dann, wenn seine
beste Zeit und Kraft schon vorüber ist; oder beschädigt, vergröbert,
entartet, so dass sein Blick, sein Gesammt-Werthurtheil wenig mehr
bedeutet. Gerade die Feinheit seines intellektuellen Gewissens lässt
ihn vielleicht unterwegs zögern und sich verzögern; er fürchtet die
Verführung zum Dilettanten, zum Tausendfuss und Tausend-Fühlhorn,
er weiss es zu gut, dass Einer, der vor sich selbst die Ehrfurcht
verloren hat, auch als Erkennender nicht mehr befiehlt, nicht mehr
führt: er müsste denn schon zum grossen Schauspieler werden wollen,
zum philosophischen Cagliostro und Rattenfänger der Geister, kurz
zum Verführer. Dies ist zuletzt eine Frage des Geschmacks: wenn es
selbst nicht eine Frage des Gewissens wäre. Es kommt hinzu, um die
Schwierigkeit des Philosophen noch einmal zu verdoppeln, dass er von
sich ein Urtheil, ein ja oder Nein, nicht über die Wissenschaften,
sondern über das Leben und den Werth des Lebens verlangt, - dass er
ungern daran glauben lernt, ein Recht oder gar eine Pflicht zu diesem
Urtheile zu haben, und sich nur aus den umfänglichsten - vielleicht
störendsten, zerstörendsten - Erlebnissen heraus und oft zögernd,
zweifelnd, verstummend seinen Weg zu jenem Rechte und jenem Glauben
suchen muss. In der That, die Menge hat den Philosophen lange
Zeit verwechselt und verkannt, sei es mit dem wissenschaftlichen
Menschen und idealen Gelehrten, sei es mit dem religiös-gehobenen
entsinnlichten "entweltlichten" Schwärmer und Trunkenbold Gottes; und
hört man gar heute jemanden loben, dafür, dass er "weise" lebe oder
"als ein Philosoph", so bedeutet es beinahe nicht mehr, als "klug und
abseits". Weisheit: das scheint dem Pöbel eine Art Flucht zu sein,
ein Mittel und Kunststück, sich gut aus einem schlimmen Spiele
herauszuziehn; aber der rechte Philosoph - so scheint es uns, meine
Freunde? - lebt "unphilosophisch" und "unweise", vor Allem unklug,
und fühlt die Last und Pflicht zu hundert Versuchen und Versuchungen
des Lebens: - er risquirt sich beständig, er spielt das schlimme
Spiel.....
206.
Im Verhältnisse zu einem Genie, das heisst zu einem Wesen, welches
entweder zeugt oder gebiert, beide Worte in ihrem höchsten
Umfange genommen -, hat der Gelehrte, der wissenschaftliche
Durchschnittsmensch immer etwas von der alten Jungfer: denn er
versteht sich gleich dieser nicht auf die zwei werthvollsten
Verrichtungen des Menschen. In der That, man gesteht ihnen Beiden,
den Gelehrten und den alten Jungfern, gleichsam zur Entschädigung die
Achtbarkeit zu - man unterstreicht in diesen Fällen die Achtbarkeit -
und hat noch an dem Zwange dieses Zugeständnisses den gleichen Beisatz
von Verdruss. Sehen wir genauer zu: was ist der wissenschaftliche
Mensch? Zunächst eine unvornehme Art Mensch, mit den Tugenden einer
unvornehmen, das heisst nicht herrschenden, nicht autoritativen
und auch nicht selbstgenugsamen Art Mensch: er hat Arbeitsamkeit,
geduldige Einordnung in Reih und Glied, Gleichmässigkeit und Maass
im Können und Bedürfen, er hat den Instinkt für Seines gleichen und
für Das, was Seinesgleichen nöthig hat, zum Beispiel jenes Stück
Unabhängigkeit und grüner Weide, ohne welches es keine Ruhe der
Arbeit giebt, jenen Anspruch auf Ehre und Anerkennung (die zuerst und
zuoberst Erkennung, Erkennbarkeit voraussetzt -), jenen Sonnenschein
des guten Namens, jene beständige Besiegelung seines Werthes und
seiner Nützlichkeit, mit der das innerliche Misstrauen, der Grund
im Herzen aller abhängigen Menschen und Heerdenthiere, immer wieder
überwunden werden muss. Der Gelehrte hat, wie billig, auch die
Krankheiten und Unarten einer unvornehmen Art: er ist reich am kleinen
Neide und hat ein Luchsauge für das Niedrige solcher Naturen, zu deren
Höhen er nicht hinauf kann. Er ist zutraulich, doch nur wie Einer,
der sich gehen, aber nicht strömen lässt; und gerade vor dem Menschen
des grossen Stroms steht er um so kälter und verschlossener da, -
sein Auge ist dann wie ein glatter widerwilliger See, in dem sich
kein Entzücken, kein Mitgefühl mehr kräuselt. Das Schlimmste und
Gefährlichste, dessen ein Gelehrter fähig ist, kommt ihm vom
Instinkte der Mittelmässigkeit seiner Art: von jenem Jesuitismus
der Mittelmässigkeit, welcher an der Vernichtung des ungewöhnlichen
Menschen instinktiv arbeitet und jeden gespannten Bogen zu brechen
oder - noch lieber! - abzuspannen sucht. Abspannen nämlich, mit
Rücksicht, mit schonender Hand natürlich -, mit zutraulichem Mitleiden
abspannen: das ist die eigentliche Kunst des Jesuitismus, der es immer
verstanden hat, sich als Religion des Mitleidens einzuführen. -
207.