Unsre höchsten Einsichten müssen - und sollen! - wie Thorheiten, unter

Umständen wie Verbrechen klingen, wenn sie unerlaubter Weise Denen zu

Ohren kommen, welche nicht dafür geartet und vorbestimmt sind. Das

Exoterische und das Esoterische, wie man ehedem unter Philosophen

unterschied, bei Indern, wie bei Griechen, Persern und Muselmännern,

kurz überall, wo man eine Rangordnung und nicht an Gleichheit und

gleiche Rechte glaubte, - das hebt sich nicht sowohl dadurch von

einander ab, dass der Exoteriker draussen steht und von aussen

her, nicht von innen her, sieht, schätzt, misst, urtheilt: das

Wesentlichere ist, dass er von Unten hinauf die Dinge sieht, - der

Esoteriker aber von Oben herab! Es giebt Höhen der Seele, von wo aus

gesehen selbst die Tragödie aufhört, tragisch zu wirken; und, alles

Weh der Welt in Eins genommen, wer dürfte zu entscheiden wagen, ob

sein Anblick nothwendig gerade zum Mitleiden und dergestalt zur

Verdoppelung des Wehs verführen und zwingen werde?... Was der höheren

Art von Menschen zur Nahrung oder zur Labsal dient, muss einer sehr

unterschiedlichen und geringeren Art beinahe Gift sein. Die Tugenden

des gemeinen Manns würden vielleicht an einem Philosophen Laster und

Schwächen bedeuten; es wäre möglich, dass ein hochgearteter Mensch,

gesetzt, dass er entartete und zu Grunde gienge, erst dadurch in den

Besitz von Eigenschaften käme, derentwegen man nöthig hätte, ihn in

der niederen Welt, in welche er hinab sank, nunmehr wie einen Heiligen

zu verehren. Es giebt Bücher, welche für Seele und Gesundheit einen

umgekehrten Werth haben, je nachdem die niedere Seele, die niedrigere

Lebenskraft oder aber die höhere und gewaltigere sich ihrer bedienen:

im ersten Falle sind es gefährliche, anbröckelnde, auflösende Bücher,

im anderen Heroldsrufe, welche die Tapfersten zu ihrer Tapferkeit

herausfordern. Allerwelts-Bücher sind immer übelriechende Bücher: der

Kleine-Leute-Geruch klebt daran. Wo das Volk isst und trinkt, selbst

wo es verehrt, da pflegt es zu stinken. Man soll nicht in Kirchen

gehn, wenn man reine Luft athmen will. - -

31.

Man verehrt und verachtet in jungen Jahren noch ohne jene Kunst der

Nuance, welche den besten Gewinn des Lebens ausmacht, und muss es

billigerweise hart büssen, solchergestalt Menschen und Dinge mit Ja

und Nein überfallen zu haben. Es ist Alles darauf eingerichtet, dass

der schlechteste aller Geschmäcker, der Geschmack für das Unbedingte

grausam genarrt und gemissbraucht werde, bis der Mensch lernt, etwas

Kunst in seine Gefühle zu legen und lieber noch mit dem Künstlichen

den Versuch zu wagen: wie es die rechten Artisten des Lebens thun. Das

Zornige und Ehrfürchtige, das der Jugend eignet, scheint sich keine

Ruhe zu geben, bevor es nicht Menschen und Dinge so zurecht gefälscht

hat, dass es sich an ihnen auslassen kann: - Jugend ist an sich schon

etwas Fälschendes und Betrügerisches. Später, wenn die junge Seele,

durch lauter Enttäuschungen gemartert, sich endlich argwöhnisch

gegen sich selbst zurück wendet, immer noch heiss und wild, auch in

ihrem Argwohne und Gewissensbisse: wie zürnt sie sich nunmehr, wie

zerreisst sie sich ungeduldig, wie nimmt sie Rache für ihre lange

Selbst-Verblendung, wie als ob sie eine willkürliche Blindheit gewesen

sei! In diesem Übergange bestraft man sich selber, durch Misstrauen

gegen sein Gefühl; man foltert seine Begeisterung durch den Zweifel,

ja man fühlt schon das gute Gewissen als eine Gefahr, gleichsam als

Selbst-Verschleierung und Ermüdung der feineren Redlichkeit; und vor

Allem, man nimmt Partei, grundsätzlich Partei gegen "die Jugend". -

Ein Jahrzehend später: und man begreift, dass auch dies Alles noch -

Jugend war!

32.

Die längste Zeit der menschlichen Geschichte hindurch - man nennt

sie die prähistorische Zeit - wurde der Werth oder der Unwerth einer

Handlung aus ihren Folgen abgeleitet: die Handlung an sich kam dabei

ebensowenig als ihre Herkunft in Betracht, sondern ungefähr so, wie

heute noch in China eine Auszeichnung oder Schande vom Kinde auf die

Eltern zurückgreift, so war es die rückwirkende Kraft des Erfolgs oder

Misserfolgs, welche den Menschen anleitete, gut oder schlecht von

einer Handlung zu denken. Nennen wir diese Periode die vormoralische

Periode der Menschheit: der Imperativ "erkenne dich selbst!" war

damals noch unbekannt. In den letzten zehn Jahrtausenden ist man

hingegen auf einigen grossen Flächen der Erde Schritt für Schritt

so weit gekommen, nicht mehr die Folgen, sondern die Herkunft der

Handlung über ihren Werth entscheiden zu lassen: ein grosses Ereigniss

als Ganzes, eine erhebliche Verfeinerung des Blicks und Maassstabs,

die unbewusste Nachwirkung von der Herrschaft aristokratischer Werthe

und des Glaubens an "Herkunft", das Abzeichen einer Periode, welche

man im engeren Sinne als die moralische bezeichnen darf: der erste

Versuch zur Selbst-Erkenntniss ist damit gemacht. Statt der Folgen die

Herkunft: welche Umkehrung der Perspektive! Und sicherlich eine erst

nach langen Kämpfen und Schwankungen erreichte Umkehrung! Freilich:

ein verhängnissvoller neuer Aberglaube, eine eigenthümliche Engigkeit

der Interpretation kam eben damit zur Herrschaft: man interpretirte

die Herkunft einer Handlung im allerbestimmtesten Sinne als Herkunft

aus einer Absicht; man wurde Eins im Glauben daran, dass der Werth

einer Handlung im Werthe ihrer Absicht belegen sei. Die Absicht als

die ganze Herkunft und Vorgeschichte einer Handlung: unter diesem

Vorurtheile ist fast bis auf die neueste Zeit auf Erden moralisch

gelobt, getadelt, gerichtet, auch philosophirt worden. - Sollten wir

aber heute nicht bei der Nothwendigkeit angelangt sein, uns nochmals

über eine Umkehrung und Grundverschiebung der Werthe schlüssig zu

machen, Dank einer nochmaligen Selbstbesinnung und Vertiefung des

Menschen, - sollten wir nicht an der Schwelle einer Periode stehen,

welche, negativ, zunächst als die aussermoralische zu, bezeichnen

wäre: heute, wo wenigstens unter uns Immoralisten der Verdacht sich

regt, dass gerade in dem, was nicht-absichtlich an einer Handlung

ist, ihr entscheidender Werth belegen sei, und dass alle ihre

Absichtlichkeit, Alles, was von ihr gesehn, gewusst, "bewusst" werden

kann, noch zu ihrer Oberfläche und Haut gehöre, - welche, wie jede

Haut, Etwas verräth, aber noch mehr verbirgt? Kurz, wir glauben, dass

die Absicht nur ein Zeichen und Symptom ist, das erst der Auslegung

bedarf, dazu ein Zeichen, das zu Vielerlei und folglich für sich

allein fast nichts bedeutet, - dass Moral, im bisherigen Sinne, also

Absichten-Moral ein Vorurtheil gewesen ist, eine Voreiligkeit, eine

Vorläufigkeit vielleicht, ein Ding etwa vom Range der Astrologie und

Alchymie, aber jedenfalls Etwas, das überwunden werden muss. Die

Überwindung der Moral, in einem gewissen Verstande sogar die

Selbstüberwindung der Moral: mag das der Name für jene lange

geheime Arbeit sein, welche den feinsten und redlichsten, auch den

boshaftesten Gewissen von heute, als lebendigen Probirsteinen der

Seele, vorbehalten blieb. -

33.

Es hilft nichts: man muss die Gefühle der Hingebung, der Aufopferung

für den Nächsten, die ganze Selbstentäusserungs-Moral erbarmungslos

zur Rede stellen und vor Gericht führen: ebenso wie die Ästhetik der

"interesselosen Anschauung", unter welcher sich die Entmännlichung der

Kunst verführerisch genug heute ein gutes Gewissen zu schaffen sucht.

Es ist viel zu viel Zauber und Zucker in jenen Gefühlen des "für

Andere", des "nicht für mich", als dass man nicht nöthig hätte,

hier doppelt misstrauisch zu werden und zu fragen: "sind es nicht

vielleicht - Verführungen?" - Dass sie gefallen - Dem, der sie hat,

und Dem, der ihre Früchte geniesst, auch dem blossen Zuschauer, -

dies giebt noch kein Argument für sie ab, sondern fordert gerade zur

Vorsicht auf. Seien wir also vorsichtig!

34.

Auf welchen Standpunkt der Philosophie man sich heute auch stellen

mag: von jeder Stelle aus gesehn ist die Irrthümlichkeit der Welt, in

der wir zu leben glauben, das Sicherste und Festeste, dessen unser

Auge noch habhaft werden kann: - wir finden Gründe über Gründe dafür,

die uns zu Muthmaassungen über ein betrügerisches Princip im "Wesen

der Dinge" verlocken möchten. Wer aber unser Denken selbst, also

"den Geist" für die Falschheit der Welt verantwortlich macht - ein

ehrenhafter Ausweg, den jeder bewusste oder unbewusste advocatus dei

geht -: wer diese Welt, sammt Raum, Zeit, Gestalt, Bewegung, als

falsch erschlossen nimmt: ein Solcher hätte mindestens guten Anlass,

gegen alles Denken selbst endlich Misstrauen zu lernen: hätte es

uns nicht bisher den allergrössten Schabernack gespielt? und welche

Bürgschaft dafür gäbe es, dass es nicht fortführe, zu thun, was es

immer gethan hat? In allem Ernste: die Unschuld der Denker hat etwas

Rührendes und Ehrfurcht Einflössendes, welche ihnen erlaubt, sich auch

heute noch vor das Bewusstsein hinzustellen, mit der Bitte, dass es

ihnen ehrliche Antworten gebe: zum Beispiel ob es "real" sei, und

warum es eigentlich die äussere Welt sich so entschlossen vom

Halse halte, und was dergleichen Fragen mehr sind. Der Glaube an

"unmittelbare Gewissheiten" ist eine moralische Naivetät, welche

uns Philosophen Ehre macht: aber - wir sollen nun einmal nicht "nur

moralische" Menschen sein! Von der Moral abgesehn, ist jener Glaube

eine Dummheit, die uns wenig Ehre macht! Mag im bürgerlichen Leben das

allzeit bereite Misstrauen als Zeichen des "schlechten Charakters"

gelten und folglich unter die Unklugheiten gehören: hier unter uns,

jenseits der bürgerlichen Welt und ihres Ja's und Nein's, - was sollte

uns hindern, unklug zu sein und zu sagen: der Philosoph hat nachgerade

ein Recht auf "schlechten Charakter", als das Wesen, welches bisher

auf Erden immer am besten genarrt worden ist, - er hat heute die

Pflicht zum Misstrauen, zum boshaftesten Schielen aus jedem Abgrunde

des Verdachts heraus. - Man vergebe mir den Scherz dieser düsteren

Fratze und Wendung: denn ich selbst gerade habe längst über Betrügen

und Betrogenwerden anders denken, anders schätzen gelernt und halte

mindestens ein paar Rippenstösse für die blinde Wuth bereit, mit der

die Philosophen sich dagegen sträuben, betrogen zu werden. Warum

nicht? Es ist nicht mehr als ein moralisches Vorurtheil, dass Wahrheit

mehr werth ist als Schein; es ist sogar die schlechtest bewiesene

Annahme, die es in der Welt giebt. Man gestehe sich doch so viel ein:

es bestünde gar kein Leben, wenn nicht auf dem Grunde perspektivischer

Schätzungen und Scheinbarkeiten; und wollte man, mit der tugendhaften

Begeisterung und Tölpelei mancher Philosophen, die "scheinbare

Welt" ganz abschlaffen, nun, gesetzt, ihr könntet das, - so bliebe

mindestens dabei auch von eurer "Wahrheit" nichts mehr übrig! Ja,

was zwingt uns überhaupt zur Annahme, dass es einen wesenhaften

Gegensatz von "wahr" und "falsch" giebt? Genügt es nicht, Stufen der

Scheinbarkeit anzunehmen und gleichsam hellere und dunklere Schatten

und Gesammttöne des Scheins, - verschiedene valeurs, um die Sprache

der Maler zu reden? Warum dürfte die Welt, die uns etwas angeht -,

nicht eine Fiktion sein? Und wer da fragt: "aber zur Fiktion gehört

ein Urheber?" - dürfte dem nicht rund geantwortet werden: Warum?

Gehört dieses "Gehört" nicht vielleicht mit zur Fiktion? Ist es

denn nicht erlaubt, gegen Subjekt, wie gegen Prädikat und Objekt,

nachgerade ein Wenig ironisch zu sein? Dürfte sich der Philosoph nicht

über die Gläubigkeit an die Grammatik erheben? Alle Achtung vor den

Gouvernanten: aber wäre es nicht an der Zeit, dass die Philosophie dem

Gouvernanten-Glauben absagte? -

35.

Oh Voltaire! Oh Humanität! Oh Blödsinn! Mit der "Wahrheit", mit dem

Suchen der Wahrheit hat es etwas auf sich; und wenn der Mensch es

dabei gar zu menschlich treibt - "il ne cherche le vrai que pour faire

le bien" - ich wette, er findet nichts!

36.

Gesetzt, dass nichts Anderes als real "gegeben" ist als unsre Welt der

Begierden und Leidenschaften, dass wir zu keiner anderen "Realität"

hinab oder hinauf können als gerade zur Realität unsrer Triebe - denn

Denken ist nur ein Verhalten dieser Triebe zu einander -: ist es

nicht erlaubt, den Versuch zu machen und die Frage zu fragen, ob dies

Gegeben nicht ausreicht, um aus Seines-Gleichen auch die sogenannte

mechanistische (oder "materielle") Welt zu verstehen? Ich meine

nicht als eine Täuschung, einen "Schein", eine "Vorstellung" (im

Berkeley'schen und Schopenhauerischen Sinne), sondern als vom

gleichen Realitäts-Range, welchen unser Affekt selbst hat, - als eine

primitivere Form der Welt der Affekte, in der noch Alles in mächtiger

Einheit beschlossen liegt, was sich dann im organischen Prozesse

abzweigt und ausgestaltet (auch, wie billig, verzärtelt und abschwächt

-), als eine Art von Triebleben, in dem noch sämmtliche organische

Funktionen, mit Selbst-Regulirung, Assimilation, Ernährung,

Ausscheidung, Stoffwechsel, synthetisch gebunden in einander sind,

- als eine Vorform des Lebens? - Zuletzt ist es nicht nur erlaubt,

diesen Versuch zu machen: es ist, vom Gewissen der Methode aus,

geboten. Nicht mehrere Arten von Causalität annehmen, so lange nicht

der Versuch, mit einer einzigen auszureichen, bis an seine äusserste

Grenze getrieben ist (- bis zum Unsinn, mit Verlaub zu sagen): das ist

eine Moral der Methode, der man sich heute nicht entziehen darf; - es

folgt "aus ihrer Definition", wie ein Mathematiker sagen würde. Die

Frage ist zuletzt, ob wir den Willen wirklich als wirkend anerkennen,

ob wir an die Causalität des Willens glauben: thun wir das - und im

Grunde ist der Glaube daran eben unser Glaube an Causalität selbst -,

so müssen wir den Versuch machen, die Willens-Causalität hypothetisch

als die einzige zu setzen. "Wille" kann natürlich nur auf "Wille"

wirken - und nicht auf "Stoffe" (nicht auf "Nerven" zum Beispiel -):

genug, man muss die Hypothese wagen, ob nicht überall, wo "Wirkungen"

anerkannt werden, Wille auf Wille wirkt - und ob nicht alles

mechanische Geschehen, insofern eine Kraft darin thätig wird, eben

Willenskraft, Willens-Wirkung ist. - Gesetzt endlich, dass es gelänge,

unser gesammtes Triebleben als die Ausgestaltung und Verzweigung Einer

Grundform des Willens zu erklären - nämlich des Willens zur Macht, wie

es in ein Satz ist -; gesetzt, dass man alle organischen Funktionen

auf diesen Willen zur Macht zurückführen könnte und in ihm auch die

Lösung des Problems der Zeugung und Ernährung - es ist Ein Problem -

fände, so hätte man damit sich das Recht verschafft, alle wirkende

Kraft eindeutig zu bestimmen als: Wille zur Macht. Die Welt von innen

gesehen, die Welt auf ihren "intelligiblen Charakter" hin bestimmt und

bezeichnet - sie wäre eben "Wille zur Macht" und nichts ausserdem. -

37.

"Wie? Heisst das nicht, populär geredet: Gott ist widerlegt, der

Teufel aber nicht -?" Im Gegentheil! Im Gegentheil, meine Freunde!

Und, zum Teufel auch, wer zwingt euch, populär zu reden! -

38.

Wie es zuletzt noch, in aller Helligkeit der neueren Zeiten, mit der

französischen Revolution gegangen ist, jener schauerlichen und, aus

der Nähe beurtheilt, überflüssigen Posse, in welche aber die edlen und

schwärmerischen Zuschauer von ganz Europa aus der Ferne her so lange

und so leidenschaftlich ihre eignen Empörungen und Begeisterungen

hinein interpretirt haben, bis der Text unter der Interpretation

verschwand: so könnte eine edle Nachwelt noch einmal die ganze

Vergangenheit missverstehen und dadurch vielleicht erst ihren Anblick

erträglich machen. - Oder vielmehr: ist dies nicht bereits geschehen?

waren wir nicht selbst - diese "edle Nachwelt"? Und ist es nicht

gerade jetzt, insofern wir dies begreifen, - damit vorbei?

39.

Niemand wird so leicht eine Lehre, bloss weil sie glücklich macht,

oder tugendhaft macht, deshalb für wahr halten: die lieblichen

"Idealisten" etwa ausgenommen, welche für das Gute, Wahre, Schöne

schwärmen und in ihrem Teiche alle Arten von bunten plumpen und

gutmüthigen Wünschbarkeiten durcheinander schwimmen lassen. Glück

und Tugend sind keine Argumente. Man vergisst aber gerne, auch auf

Seiten besonnener Geister, dass Unglücklich-machen und Böse-machen

ebensowenig Gegenargumente sind. Etwas dürfte wahr sein: ob es gleich

im höchsten Grade schädlich und gefährlich wäre; ja es könnte selbst

zur Grundbeschaffenheit des Daseins gehören, dass man an seiner

völligen Erkenntniss zu Grunde gienge, - so dass sich die Stärke eines

Geistes darnach bemässe, wie viel er von der "Wahrheit" gerade noch

aushielte, deutlicher, bis zu welchem Grade er sie verdünnt, verhüllt,

versüsst, verdumpft, verfälscht nöthig hätte. Aber keinem Zweifel

unterliegt es, dass für die Entdeckung gewisser Theile der Wahrheit

die Bösen und Unglücklichen begünstigter sind und eine grössere

Wahrscheinlichkeit des Gelingens haben; nicht zu reden von den

Bösen, die glücklich sind, - eine Species, welche von den Moralisten

verschwiegen wird. Vielleicht, dass Härte und List günstigere

Bedingungen zur Entstehung des starken, unabhängigen Geistes und

Philosophen abgeben, als jene sanfte feine nachgebende Gutartigkeit

und Kunst des Leicht-nehmens, welche man an einem Gelehrten schätzt

und mit Recht schätzt. Vorausgesetzt, was voran steht, dass man den

Begriff "Philosoph" nicht auf den Philosophen einengt, der Bücher

schreibt - oder gar seine Philosophie in Bücher bringt! - Einen

letzten Zug zum Bilde des freigeisterischen Philosophen bringt

Stendhal bei, den ich um des deutschen Geschmacks willen nicht

unterlassen will zu unterstreichen: - denn er geht wider den deutschen

Geschmack. "Pour être bon philosophe", sagt dieser letzte grosse

Psycholog, "il faut être sec, clair, sans illusion. Un banquier,

qui a fait fortune, a une partie du caractère requis pour faire des

découvertes en philosophie, c'est-'á-dire pour voir clair dans ce qui

est."

40.

Alles, was tief ist, liebt die Maske; die allertiefsten Dinge haben

sogar einen Hass auf Bild und Gleichniss. Sollte nicht erst der

Gegensatz die rechte Verkleidung sein, in der die Scham eines Gottes

einhergienge? Eine fragwürdige Frage: es wäre wunderlich, wenn nicht

irgend ein Mystiker schon dergleichen bei sich gewagt hätte. Es giebt

Vorgänge so zarter Art, dass man gut thut, sie durch eine Grobheit zu

verschütten und unkenntlich zu machen; es giebt Handlungen der Liebe

und einer ausschweifenden Grossmuth, hinter denen nichts räthlicher

ist, als einen Stock zu nehmen und den Augenzeugen durchzuprügeln:

damit trübt man dessen Gedächtniss. Mancher versteht sich darauf,

das eigne Gedächtniss zu trüben und zu misshandeln, um wenigstens

an diesem einzigen Mitwisser seine Rache zu haben: - die Scham ist

erfinderisch. Es sind nicht die schlimmsten Dinge, deren man sich am

schlimmsten schämt: es ist nicht nur Arglist hinter einer Maske, -

es giebt so viel Güte in der List. Ich könnte mir denken, dass ein

Mensch, der etwas Kostbares und Verletzliches zu bergen hätte, grob

und rund wie ein grünes altes schwerbeschlagenes Weinfass durch's

Leben rollte: die Feinheit seiner Scham will es so. Einem Menschen,

der Tiefe in der Scham hat, begegnen auch seine Schicksale und zarten

Entscheidungen auf Wegen, zu denen Wenige je gelangen, und um deren

Vorhandensein seine Nächsten und Vertrautesten nicht wissen dürfen:

seine Lebensgefahr verbirgt sich ihren Augen und ebenso seine wieder

eroberte Lebens-Sicherheit. Ein solcher Verborgener, der aus Instinkt

das Reden zum Schweigen und Verschweigen braucht und unerschöpflich

ist in der Ausflucht vor Mittheilung, will es und fördert es, dass

eine Maske von ihm an seiner Statt in den Herzen und Köpfen seiner

Freunde herum wandelt; und gesetzt, er will es nicht, so werden ihm

eines Tages die Augen darüber aufgehn, dass es trotzdem dort eine

Maske von ihm giebt, - und dass es gut so ist. Jeder tiefe Geist

braucht eine Maske: mehr noch, um jeden tiefen Geist wächst

fortwährend eine Maske, Dank der beständig falschen, nämlich flachen

Auslegung jedes Wortes, jedes Schrittes, jedes Lebens-Zeichens, das er

giebt. -

41.

Man muss sich selbst seine Proben geben, dafür dass man zur

Unabhängigkeit und zum Befehlen bestimmt ist; und dies zur rechten

Zeit. Man soll seinen Proben nicht aus dem Wege gehn, obgleich sie

vielleicht das gefährlichste Spiel sind, das man spielen kann, und

zuletzt nur Proben, die vor uns selber als Zeugen und vor keinem

anderen Richter abgelegt werden. Nicht an einer Person hängen bleiben:

und sei sie die geliebteste, - jede Person ist ein Gefängniss, auch

ein Winkel. Nicht an einem Vaterlande hängen bleiben: und sei es das

leidendste und hülfbedürftigste, - es ist schon weniger schwer, sein

Herz von einem siegreichen Vaterlande los zu binden. Nicht an einem

Mitleiden hängen bleiben: und gälte es höheren Menschen, in deren

seltne Marter und Hülflosigkeit uns ein Zufall hat blicken lassen.

Nicht an einer Wissenschaft hängen bleiben: und locke sie Einen mit

den kostbarsten, anscheinend gerade uns aufgesparten Funden. Nicht an

seiner eignen Loslösung hängen bleiben, an jener wollüstigen Ferne und

Fremde des Vogels, der immer weiter in die Höhe flieht, um immer mehr

unter sich zu sehn: - die Gefahr des Fliegenden. Nicht an unsern

eignen Tugenden hängen bleiben und als Ganzes das Opfer irgend einer

Einzelheit an uns werden, zum Beispiel unsrer "Gastfreundschaft": wie

es die Gefahr der Gefahren bei hochgearteten und reichen Seelen ist,

welche verschwenderisch, fast gleichgültig mit sich selbst umgehn und

die Tugend der Liberalität bis zum Laster treiben. Man muss wissen,

sich zu bewahren: stärkste Probe der Unabhängigkeit.

42.

Eine neue Gattung von Philosophen kommt herauf: ich wage es, sie auf

einen nicht ungefährlichen Namen zu taufen. So wie ich sie errathe,

so wie sie sich errathen lassen - denn es gehört zu ihrer Art, irgend

worin Räthsel bleiben zu wollen -, möchten diese Philosophen der

Zukunft ein Recht, vielleicht auch ein Unrecht darauf haben, als

Versucher bezeichnet zu werden. Dieser Name selbst ist zuletzt nur ein

Versuch, und, wenn man will, eine Versuchung.

43.

Sind es neue Freunde der "Wahrheit", diese kommenden Philosophen?

Wahrscheinlich genug: denn alle Philosophen liebten bisher ihre

Wahrheiten. Sicherlich aber werden es keine Dogmatiker sein. Es muss

ihnen wider den Stolz gehn, auch wider den Geschmack, wenn ihre

Wahrheit gar noch eine Wahrheit für Jedermann sein soll: was bisher

der geheime Wunsch und Hintersinn aller dogmatischen Bestrebungen war.

"Mein Urtheil ist mein Urtheil: dazu hat nicht leicht auch ein Anderer

das Recht" - sagt vielleicht solch ein Philosoph der Zukunft. Man muss

den schlechten Geschmack von sich abthun, mit Vielen übereinstimmen

zu wollen. "Gut" ist nicht mehr gut, wenn der Nachbar es in den

Mund nimmt. Und wie könnte es gar ein "Gemeingut" geben! Das Wort

widerspricht sich selbst: was gemein sein kann, hat immer nur wenig

Werth. Zuletzt muss es so stehn, wie es steht und immer stand: die

grossen Dinge bleiben für die Grossen übrig, die Abgründe für die

Tiefen, die Zartheiten und Schauder für die Feinen, und, im Ganzen und

Kurzen, alles Seltene für die Seltenen. -

44.

Brauche ich nach alledem noch eigens zu sagen, dass auch sie freie,

sehr freie Geister sein werden, diese Philosophen der Zukunft, - so

gewiss sie auch nicht bloss freie Geister sein werden, sondern etwas

Mehreres, Höheres, Grösseres und Gründlich-Anderes, das nicht verkannt

und verwechselt werden will? Aber, indem ich dies sage, fühle ich fast

ebenso sehr gegen sie selbst, als gegen uns, die wir ihre Herolde und

Vorläufer sind, wir freien Geister! - die Schuldigkeit, ein altes

dummes Vorurtheil und Missverständniss von uns gemeinsam fortzublasen,

welches allzulange wie ein Nebel den Begriff "freier Geist"

undurchsichtig gemacht hat. In allen Ländern Europa's und ebenso in

Amerika giebt es jetzt Etwas, das Missbrauch mit diesem Namen treibt,

eine sehr enge, eingefangne, an Ketten gelegte Art von Geistern,

welche ungefähr das Gegentheil von dem wollen, was in unsern Absichten

und Instinkten liegt, - nicht zu reden davon, dass sie in Hinsicht auf

jene heraufkommenden neuen Philosophen erst recht zugemachte Fenster

und verriegelte Thüren sein müssen. Sie gehören, kurz und schlimm,

unter die Nivellirer, diese fälschlich genannten "freien Geister" -

als beredte und schreibfingrige Sklaven des demokratischen Geschmacks

und seiner "modernen Ideen": allesammt Menschen ohne Einsamkeit, ohne

eigne Einsamkeit, plumpe brave Burschen, welchen weder Muth noch

achtbare Sitte abgesprochen werden soll, nur dass sie eben unfrei und

zum Lachen oberflächlich sind, vor Allem mit ihrem Grundhange, in den

Formen der bisherigen alten Gesellschaft ungefähr die Ursache für

alles menschliche Elend und Missrathen zu sehn: wobei die Wahrheit

glücklich auf den Kopf zu stehn kommt! Was sie mit allen Kräften

erstreben möchten, ist das allgemeine grüne Weide-Glück der Heerde,

mit Sicherheit, Ungefährlichkeit, Behagen, Erleichterung des Lebens

für Jedermann; ihre beiden am reichlichsten abgesungnen Lieder und

Lehren heissen "Gleichheit der Rechte" und "Mitgefühl für alles

Leidende", - und das Leiden selbst wird von ihnen als Etwas genommen,

das man abschaffen muss. Wir Umgekehrten, die wir uns ein Auge und ein

Gewissen für die Frage aufgemacht haben, wo und wie bisher die Pflanze

"Mensch" am kräftigsten in die Höhe gewachsen ist, vermeinen, dass

dies jedes Mal unter den umgekehrten Bedingungen geschehn ist, dass

dazu die Gefährlichkeit seiner Lage erst in's Ungeheure wachsen, seine

Erfindungs- und Verstellungskraft (sein "Geist" -) unter langem Druck

und Zwang sich in's Feine und Verwegene entwickeln, sein Lebens-Wille

bis zum unbedingten Macht-Willen gesteigert werden musste: - wir

vermeinen, dass Härte, Gewaltsamkeit, Sklaverei, Gefahr auf der Gasse

und im Herzen, Verborgenheit, Stoicismus, Versucherkunst und Teufelei

jeder Art, dass alles Böse, Furchtbare, Tyrannische, Raubthier- und

Schlangenhafte am Menschen so gut zur Erhöhung der Species "Mensch"

dient, als sein Gegensatz: - wir sagen sogar nicht einmal genug,

wenn wir nur so viel sagen, und befinden uns jedenfalls, mit unserm

Reden und Schweigen an dieser Stelle, am andern Ende aller modernen

Ideologie und Heerden-Wünschbarkeit: als deren Antipoden vielleicht?

Was Wunder, dass wir "freien Geister" nicht gerade die mittheilsamsten

Geister sind? dass wir nicht in jedem Betrachte zu verrathen wünschen,

wovon ein Geist sich frei machen kann und wohin er dann vielleicht

getrieben wird? Und was es mit der gefährlichen Formel "jenseits

von Gut und Böse" auf sich hat, mit der wir uns zum Mindesten vor

Verwechslung behüten: wir sind etwas Anderes als "libres-penseurs",

"liberi pensatori", "Freidenker" und wie alle diese braven Fürsprecher

der "modernen Ideen" sich zu benennen lieben. In vielen Ländern des

Geistes zu Hause, mindestens zu Gaste gewesen; den dumpfen angenehmen

Winkeln immer wieder entschlüpft, in die uns Vorliebe und Vorhass,

Jugend, Abkunft, der Zufall von Menschen und Büchern, oder selbst die

Ermüdungen der Wanderschaft zu bannen schienen; voller Bosheit gegen

die Lockmittel der Abhängigkeit, welche in Ehren, oder Geld, oder

Ämtern, oder Begeisterungen der Sinne versteckt liegen; dankbar sogar

gegen Noth und wechselreiche Krankheit, weil sie uns immer von irgend

einer Regel und ihrem "Vorurtheil" losmachte, dankbar gegen Gott,

Teufel, Schlaf und Wurm in uns, neugierig bis zum Laster, Forscher

bis zur Grausamkeit, mit unbedenklichen Fingern für Unfassbares, mit

Zähnen und Mägen für das Unverdaulichste, bereit zu jedem Handwerk,

das Scharfsinn und scharfe Sinne verlangt, bereit zu jedem Wagniss,

Dank einem Überschusse von "freiem Willen", mit Vorder- und

Hinterseelen, denen Keiner leicht in die letzten Absichten sieht, mit

Vorder- und Hintergründen, welche kein Fuss zu Ende laufen dürfte,

Verborgene unter den Mänteln des Lichts, Erobernde, ob wir gleich

Erben und Verschwendern gleich sehn, Ordner und Sammler von früh

bis Abend, Geizhälse unsres Reichthums und unsrer vollgestopften

Schubfächer, haushälterisch im Lernen und Vergessen, erfinderisch in

Schematen, mitunter stolz auf Kategorien-Tafeln, mitunter Pedanten,

mitunter Nachteulen der Arbeit auch am hellen Tage; ja, wenn es noth

thut, selbst Vogelscheuchen - und heute thut es noth: nämlich insofern

wir die geborenen geschworenen eifersüchtigen Freunde der Einsamkeit

sind, unsrer eignen tiefsten mitternächtlichsten mittäglichsten

Einsamkeit: - eine solche Art Menschen sind wir, wir freien Geister!

und vielleicht seid auch ihr etwas davon, ihr Kommenden? ihr neuen

Philosophen? -

Drittes Hauptstück:

Das religiöse Wesen.

45.

Die menschliche Seele und ihre Grenzen, der bisher überhaupt erreichte

Umfang menschlicher innerer Erfahrungen, die Höhen, Tiefen und Fernen

dieser Erfahrungen, die ganze bisherige Geschichte der Seele und ihre

noch unausgetrunkenen Möglichkeiten: das ist für einen geborenen

Psychologen und Freund der "grossen Jagd" das vorbestimmte

Jagdbereich. Aber wie oft muss er sich verzweifelt sagen: "ein

Einzelner! ach, nur ein Einzelner! und dieser grosse Wald und Urwald!"

Und so wünscht er sich einige hundert Jagdgehülfen und feine gelehrte

Spürhunde, welche er in die Geschichte der menschlichen Seele treiben

könnte, um dort sein Wild zusammenzutreiben. Umsonst: er erprobt es

immer wieder, gründlich und bitterlich, wie schlecht zu allen Dingen,

die gerade seine Neugierde reizen, Gehülfen und Hunde zu finden

sind. Der Übelstand, den es hat, Gelehrte auf neue und gefährliche

Jagdbereiche auszuschicken, wo Muth, Klugheit, Feinheit in jedem Sinne

noth thun, liegt darin, dass sie gerade dort nicht mehr brauchbar

sind, wo die "grosse Jagd", aber auch die grosse Gefahr beginnt: -

gerade dort verlieren sie ihr Spürauge und ihre Spürnase. Um zum

Beispiel zu errathen und festzustellen, was für eine Geschichte bisher

das Problem von Wissen und Gewissen in der Seele der homines religiosi

gehabt hat, dazu müsste Einer vielleicht selbst so tief, so verwundet,

so ungeheuer sein, wie es das intellektuelle Gewissen Pascal's war:

und dann bedürfte es immer noch jenes ausgespannten Himmels von

heller, boshafter Geistigkeit, welcher von Oben herab dies Gewimmel

von gefährlichen und schmerzlichen Erlebnissen zu übersehn, zu ordnen,

in Formeln zu zwingen vermöchte. - Aber wer thäte mir diesen Dienst!

Aber wer hätte Zeit, auf solche Diener zu warten! - sie wachsen

ersichtlich zu selten, sie sind zu allen Zeiten so unwahrscheinlich!

Zuletzt muss man Alles selber thun, um selber Einiges zu wissen: das

heisst, man hat viel zu thun! - Aber eine Neugierde meiner Art bleibt

nun einmal das angenehmste aller Laster, - Verzeihung! ich wollte

sagen: die Liebe zur Wahrheit hat ihren Lohn im Himmel und schon auf

Erden. -

46.

Der Glaube, wie ihn das erste Christenthum verlangt und nicht selten

erreicht hat, inmitten einer skeptischen und südlich-freigeisterischen

Welt, die einen Jahrhunderte langen Kampf von Philosophenschulen

hinter sich und in sich hatte, hinzugerechnet die Erziehung zur

Toleranz, welche das imperium Romanum gab, - dieser Glaube ist nicht

jener treuherzige und bärbeissige Unterthanen-Glaube, mit dem etwa ein

Luther oder ein Cromwell oder sonst ein nordischer Barbar des Geistes

an ihrem Gotte und Christenthum gehangen haben; viel eher scholl

jener Glaube Pascal's, der auf schreckliche Weise einem dauernden

Selbstmorde der Vernunft ähnlich sieht, - einer zähen langlebigen

wurmhaften Vernunft, die nicht mit Einem Male und Einem Streiche

todtzumachen ist. Der christliche Glaube ist von Anbeginn Opferung:

Opferung aller Freiheit, alles Stolzes, aller Selbstgewissheit

des Geistes; zugleich Verknechtung und Selbst-Verhöhnung,

Selbst-Verstümmelung. Es ist Grausamkeit und religiöser Phönicismus

in diesem Glauben, der einem mürben, vielfachen und viel verwöhnten,

Gewissen zugemuthet wird: seine Voraussetzung ist, dass die

Unterwerfung des Geistes unbeschreiblich wehe thut, dass die ganze

Vergangenheit und Gewohnheit eines solchen Geistes sich gegen das

Absurdissimum wehrt, als welches ihm der "Glaube" entgegentritt.

Die modernen Menschen, mit ihrer Abstumpfung gegen alle christliche

Nomenklatur, fühlen das Schauerlich-Superlativische nicht mehr nach,

das für einen antiken Geschmack in der Paradoxie der Formel "Gott am

Kreuze" lag. Es hat bisher noch niemals und nirgendswo eine gleiche

Kühnheit im Umkehren, etwas gleich Furchtbares, Fragendes und

Fragwürdiges gegeben wie diese Formel: sie verhiess eine Umwerthung

aller antiken Werthe. - Es ist der Orient, der tiefe Orient, es ist

der orientalische Sklave, der auf diese Weise an Rom und seiner

vornehmen und frivolen Toleranz, am römischen "Katholicismus" des

Glaubens Rache nahm: - und immer war es nicht der Glaube, sondern die

Freiheit vom Glauben, jene halb stoische und lächelnde Unbekümmertheit

um den Ernst des Glaubens, was die Sklaven an ihren Herrn, gegen ihre

Herrn empört hat. Die "Aufklärung" empört: der Sklave nämlich will

Unbedingtes, er versteht nur das Tyrannische, auch in der Moral, er

liebt wie er hasst, ohne Nuance, bis in die Tiefe, bis zum Schmerz,

bis zur Krankheit, - sein vieles verborgenes Leiden empört sich

gegen den vornehmen Geschmack, der das Leiden zu leugnen scheint.

Die Skepsis gegen das Leiden, im Grunde nur eine Attitude der

aristokratischen Moral, ist nicht am wenigsten auch an der Entstehung

des letzten grossen Sklaven-Aufstandes betheiligt, welcher mit der

französischen Revolution begonnen hat.

47.

Wo nur auf Erden bisher die religiöse Neurose aufgetreten ist, finden

wir sie verknüpft mit drei gefährlichen Diät-Verordnungen: Einsamkeit,

Fasten und geschlechtlicher Enthaltsamkeit, - doch ohne dass hier mit

Sicherheit zu entscheiden wäre, was da Ursache, was Wirkung sei, und

ob hier überhaupt ein Verhältniss von Ursache und Wirkung vorliege.

Zum letzten Zweifel berechtigt, dass gerade zu ihren regelmässigsten

Symptomen, bei wilden wie bei zahmen Völkern, auch die plötzlichste

ausschweifendste Wollüstigkeit gehört, welche dann, ebenso plötzlich,

in Busskrampf und Welt- und Willens-Verneinung umschlägt: beides

vielleicht als maskirte Epilepsie deutbar? Aber nirgendswo sollte man

sich der Deutungen mehr entschlagen: um keinen Typus herum ist bisher

eine solche Fülle von Unsinn und Aberglauben aufgewachsen, keiner

scheint bisher die Menschen, selbst die Philosophen, mehr interessirt

zu haben, - es wäre an der Zeit, hier gerade ein Wenig kalt zu werden,

Vorsicht zu lernen, besser noch: wegzusehn, wegzugehn. - Noch im

Hintergrunde der letztgekommenen Philosophie, der Schopenhauerischen,

steht, beinahe als das Problem an sich, dieses schauerliche

Fragezeichen der religiösen Krisis und Erweckung. Wie ist

Willensverneinung möglich? wie ist der Heilige möglich? - das

scheint wirklich die Frage gewesen zu sein, bei der Schopenhauer

zum Philosophen wurde und anfieng. Und so war es eine ächt

Schopenhauerische Consequenz, dass sein überzeugtester Anhänger

(vielleicht auch sein letzter, was Deutschland betrifft -), nämlich

Richard Wagner, das eigne Lebenswerk gerade hier zu Ende brachte und

zuletzt noch jenen furchtbaren und ewigen Typus als Kundry auf der

Bühne vorführte, type vécu, und wie er leibt und lebt; zu gleicher

Zeit, wo die Irrenärzte fast aller Länder Europa's einen Anlass

hatten, ihn aus der Nähe zu studiren, überall, wo die religiöse

Neurose - oder, wie ich es nenne, "das religiöse Wesen" - als

"Heilsarmee" ihren letzten epidemischen Ausbruch und Aufzug gemacht

hat. - Fragt man sich aber, was eigentlich am ganzen Phänomen des

Heiligen den Menschen aller Art und Zeit, auch den Philosophen, so

unbändig interessant gewesen ist: so ist es ohne allen Zweifel der

ihm, anhaftende Anschein des Wunders, nämlich der unmittelbaren

Aufeinanderfolge von Gegensätzen, von moralisch entgegengesetzt

gewertheten Zuständen der Seele: man glaubte hier mit Händen zu

greifen, dass aus einem "schlechten Menschen" mit Einem Male ein

"Heiliger", ein guter Mensch werde. Die bisherige Psychologie litt an

dieser Stelle Schiffbruch: sollte es nicht vornehmlich darum geschehen

sein, weil sie sich unter die Herrschaft der Moral gestellt hatte,

weil sie an die moralischen Werth-Gegensätze selbst glaubte, und diese

Gegensätze in den Text und Thatbestand hineinsah, hineinlas, hinein

deutete? - Wie? Das "Wunder" nur ein Fehler der Interpretation? Ein

Mangel an Philologie? -

48.

Es scheint, dass den lateinischen Rassen ihr Katholicismus viel

innerlicher zugehört, als uns Nordländern das ganze Christentum

überhaupt: und dass folglich der Unglaube in katholischen Ländern

etwas ganz Anderes zu bedeuten hat, als in protestantischen - nämlich

eine Art Empörung gegen den Geist der Rasse, während er bei uns eher

eine Rückkehr zum Geist (oder Ungeist -) der Rasse ist. Wir Nordländer

stammen unzweifelhaft aus Barbaren-Rassen, auch in Hinsicht auf unsere

Begabung zur Religion: wir sind schlecht für sie begabt. Man darf

die Kelten ausnehmen, welche deshalb auch den besten Boden für die

Aufnahme der christlichen Infektion im Norden abgegeben haben: - in

Frankreich kam das christliche Ideal, soweit es nur die blasse Sonne

des Nordens erlaubt hat, zum Ausblühen. Wie fremdartig fromm sind

unserm Geschmack selbst diese letzten französischen Skeptiker noch,

sofern etwas keltisches Blut in ihrer Abkunft ist! Wie katholisch, wie

undeutsch riecht uns Auguste Comte's Sociologie mit ihrer römischen

Logik der Instinkte! Wie jesuitisch jener liebenswürdige und

kluge Cicerone von Port-Royal, Sainte-Beuve, trotz all seiner

Jesuiten-Feindschaft! Und gar Ernest Renan: wie unzugänglich klingt

uns Nordländern die Sprache solch eines Renan, in dem alle Augenblicke

irgend ein Nichts von religiöser Spannung seine in feinerem Sinne

wollüstige und bequem sich bettende Seele um ihr Gleichgewicht bringt!

Man spreche ihm einmal diese schönen Sätze nach, - und was für Bosheit

und Übermuth regt sich sofort in unserer wahrscheinlich weniger

schönen und härteren, nämlich deutscheren Seele als Antwort! -"disons

donc hardiment que la religion est un produit de l'homme normal, que

l'homme est le plus dans le vrai quand il est le plus religieux et le

plus assuré d'une destinée infinie.... C'est quand il est bon qu'il

veut que la vertu corresponde à un ordre éternel, c'est quand il

contemple les choses d'une manière désintéressée qu'il trouve la mort

révoltante et absurde. Comment ne pas supposer que c'est dans ces

moments-là, que l'homme voit le mieux?...." Diese Sätze sind meinen

Ohren und Gewohnheiten so sehr antipodisch, dass, als ich sie fand,

mein erster Ingrimm daneben schrieb "la niaiserie religieuse par

excellence!" - bis mein letzter Ingrimm sie gar noch lieb gewann,

diese Sätze mit ihrer auf den Kopf gestellten Wahrheit! Es ist so

artig, so auszeichnend, seine eignen Antipoden zu haben!

49.

Das, was an der Religiosität der alten Griechen staunen macht, ist die

unbändige Fülle von Dankbarkeit, welche sie ausströmt: - es ist eine

sehr vornehme Art Mensch, welche so vor der Natur und vor dem Leben

steht! - Später, als der Pöbel in Griechenland zum Übergewicht kommt,

überwuchert die Furcht auch in der Religion; und das Christenthum

bereitete sich vor.-

50.

Die Leidenschaft für Gott: es giebt bäurische, treuherzige und

zudringliche Arten, wie die Luther's, - der ganze Protestantismus

entbehrt der südlichen delicatezza. Es giebt ein orientalisches

Aussersichsein darin, wie bei einem unverdient begnadeten oder

erhobenen Sklaven, zum Beispiel bei Augustin, der auf eine

beleidigende Weise aller Vornehmheit der Gebärden und Begierden

ermangelt. Es giebt frauenhafte Zärtlichkeit und Begehrlichkeit darin,

welche schamhaft und unwissend nach einer unio mystica et physica

drängt: wie bei Madame de Guyon. In vielen Fällen erscheint sie

wunderlich genug als Verkleidung der Pubertät eines Mädchens oder

Jünglings; hier und da selbst als Hysterie einer alten Jungfer, auch

als deren letzter Ehrgeiz: - die Kirche hat das Weib schon mehrfach in

einem solchen Falle heilig gesprochen.

51.

Bisher haben sich die mächtigsten Menschen immer noch verehrend

vor dem Heiligen gebeugt, als dem Räthsel der Selbstbezwingung und

absichtlichen letzten Entbehrung: warum beugten sie sich? Sie ahnten

in ihm - und gleichsam hinter dem Fragezeichen seines gebrechlichen

und kläglichen Anscheins - die überlegene Kraft, welche sich an einer

solchen Bezwingung erproben wollte, die Stärke des Willens, in der

sie die eigne Stärke und herrschaftliche Lust wieder erkannten und zu

ehren wussten: sie ehrten Etwas an sich, wenn sie den Heiligen ehrten.

Es kam hinzu, dass der Anblick des Heiligen ihnen einen Argwohn

eingab: ein solches Ungeheures von Verneinung, von Wider-Natur wird

nicht umsonst begehrt worden sein, so sagten und fragten sie sich.

Es giebt vielleicht einen Grund dazu, eine ganz grosse Gefahr, über

welche der Asket, Dank seinen geheimen Zusprechern und Besuchern,

näher unterrichtet sein möchte? Genug, die Mächtigen der Welt lernten

vor ihm eine neue Furcht, sie ahnten eine neue Macht, einen fremden,

noch unbezwungenen Feind: - der "Wille zur Macht" war es, der sie

nöthigte, vor dem Heiligen stehen zu bleiben. Sie mussten ihn

fragen - -

52.

Im jüdischen "alten Testament", dem Buche von der göttlichen

Gerechtigkeit, giebt es Menschen, Dinge und Reden in einem so grossen

Stile, dass das griechische und indische Schriftenthum ihm nichts zur

Seite zu stellen hat. Man steht mit Schrecken und Ehrfurcht vor diesen

ungeheuren Überbleibseln dessen, was der Mensch einstmals war, und

wird dabei über das alte Asien und sein vorgeschobenes Halbinselchen

Europa, das durchaus gegen Asien den "Fortschritt des Menschen"

bedeuten möchte, seine traurigen Gedanken haben. Freilich: wer selbst

nur ein dünnes zahmes Hausthier ist und nur Hausthier-Bedürfnisse

kennt (gleich unsren Gebildeten von heute, die Christen des

"gebildeten" Christenthums hinzugenommen -), der hat unter jenen

Ruinen weder sich zu verwundern, noch gar sich zu betrüben - der

Geschmack am alten Testament ist ein Prüfstein in Hinsicht auf "Gross"

und "Klein" -: vielleicht, dass er das neue Testament, das Buch

von der Gnade, immer noch eher nach seinem Herzen findet (in

ihm ist viel von dem rechten zärtlichen dumpfen Betbrüder- und

Kleinen-Seelen-Geruch). Dieses neue Testament, eine Art Rokoko des

Geschmacks in jedem Betrachte, mit dem alten Testament zu Einem Buche

zusammengeleimt zu haben, als "Bibel", als "das Buch an sich": das

ist vielleicht die grösste Verwegenheit und "Sünde wider den Geist",

welche das litterarische Europa auf dem Gewissen hat.

53.

Warum heute Atheismus? - "Der Vater" in Gott ist gründlich widerlegt;

ebenso "der Richter", "der Belohner". Insgleichen sein "freier Wille":

er hört nicht, - und wenn er hörte, wüsste er trotzdem nicht zu

helfen. Das Schlimmste ist: er scheint unfähig, sich deutlich

mitzutheilen: ist er unklar? - Dies ist es, was ich, als Ursachen für

den Niedergang des europäischen Theismus, aus vielerlei Gesprächen,

fragend, hinhorchend, ausfindig gemacht habe; es scheint mir, dass

zwar der religiöse Instinkt mächtig im Wachsen ist, - dass er aber

gerade die theistische Befriedigung mit tiefem Misstrauen ablehnt.

54.

Was thut denn im Grunde die ganze neuere Philosophie? Seit Descartes

- und zwar mehr aus Trotz gegen ihn, als auf Grund seines Vorgangs

- macht man seitens aller Philosophen ein Attentat auf den alten

Seelen-Begriff, unter dem Anschein einer Kritik des Subjekt-

und Prädikat-Begriffs - das heisst: ein Attentat auf die

Grundvoraussetzung der christlichen Lehre. Die neuere Philosophie,

als eine erkenntnisstheoretische Skepsis, ist, versteckt oder offen,

antichristlich: obschon, für feinere Ohren gesagt, keineswegs

antireligiös. Ehemals nämlich glaubte man an "die Seele", wie man an

die Grammatik und das grammatische Subjekt glaubte: man sagte, "Ich"

ist Bedingung, "denke" ist Prädikat und bedingt - Denken ist eine

Thätigkeit, zu der ein Subjekt als Ursache gedacht werden muss. Nun

versuchte man, mit einer bewunderungswürdigen Zähigkeit und List, ob

man nicht aus diesem Netze heraus könne, - ob nicht vielleicht das

Umgekehrte wahr sei: "denke" Bedingung, "Ich" bedingt; "Ich" also

erst eine Synthese, welche durch das Denken selbst gemacht wird. Kant

wollte im Grunde beweisen, dass vom Subjekt aus das Subjekt nicht

bewiesen werden könne, - das Objekt auch nicht: die Möglichkeit einer

Scheinexistenz des Subjekts, also "der Seele", mag ihm nicht immer

fremd gewesen sein, jener Gedanke, welcher als Vedanta-Philosophie

schon einmal und in ungeheurer Macht auf Erden dagewesen ist.

55.

Es giebt eine grosse Leiter der religiösen Grausamkeit, mit vielen

Sprossen; aber drei davon sind die wichtigsten. Einst opferte man

seinem Gotte Menschen, vielleicht gerade solche, welche man am besten

liebte, - dahin gehören die Erstlings-Opfer aller Vorzeit-Religionen,

dahin auch das Opfer des Kaisers Tiberius in der Mithrasgrotte der

Insel Capri, jener schauerlichste aller römischen Anachronismen. Dann,

in der moralischen Epoche der Menschheit, opferte man seinem Gotte

die stärksten Instinkte, die man besass, seine "Natur"; diese

Festfreude glänzt im grausamen Blicke des Asketen, des begeisterten

"Wider-Natürlichen". Endlich: was blieb noch übrig zu opfern? Musste

man nicht endlich einmal alles Tröstliche, Heilige, Heilende, alle

Hoffnung, allen Glauben an verborgene Harmonie, an zukünftige

Seligkeiten und Gerechtigkeiten opfern? musste man nicht Gott selber

opfern und, aus Grausamkeit gegen sich, den Stein, die Dummheit,

die Schwere, das Schicksal, das Nichts anbeten? Für das Nichts Gott

opfern - dieses paradoxe Mysterium der letzten Grausamkeit blieb dem

Geschlechte, welches jetzt eben herauf kommt, aufgespart: wir Alle

kennen schon etwas davon. -

56.

Wer, gleich mir, mit irgend einer räthselhaften Begierde sich lange

darum bemüht hat, den Pessimismus in die Tiefe zu denken und aus der

halb christlichen, halb deutschen Enge und Einfalt zu erlösen, mit der

er sich diesem Jahrhundert zuletzt dargestellt hat, nämlich in Gestalt

der Schopenhauerischen Philosophie; wer wirklich einmal mit einem

asiatischen und überasiatischen Auge in die weltverneinendste aller

möglichen Denkweisen hinein und hinunter geblickt hat - jenseits von

Gut und Böse, und nicht mehr, wie Buddha und Schopenhauer, im Bann

und Wahne der Moral -, der hat vielleicht ebendamit, ohne dass er es

eigentlich wollte, sich die Augen für das umgekehrte Ideal aufgemacht:

für das Ideal des übermüthigsten lebendigsten und weltbejahendsten

Menschen, der sich nicht nur mit dem, was war und ist, abgefunden und

vertragen gelernt hat, sondern es, so wie es war und ist, wieder haben

will, in alle Ewigkeit hinaus, unersättlich da capo rufend, nicht nur

zu sich, sondern zum ganzen Stücke und Schauspiele, und nicht nur

zu einem Schauspiele, sondern im Grunde zu Dem, der gerade dies

Schauspiel nöthig hat - und nöthig macht: weil er immer wieder sich

nöthig hat - und nöthig macht - - Wie? Und dies wäre nicht - circulus

vitiosus deus?

57.

Mit der Kraft seines geistigen Blicks und Einblicks wächst die Ferne

und gleichsam der Raum um den Menschen: seine Welt wird tiefer, immer

neue Sterne, immer neue Räthsel und Bilder kommen ihm in Sicht.

Vielleicht war Alles, woran das Auge des Geistes seinen Scharfsinn und

Tiefsinn geübt hat, eben nur ein Anlass zu seiner Übung, eine Sache

des Spiels, Etwas für Kinder und Kindsköpfe. Vielleicht erscheinen

uns einst die feierlichsten Begriffe, um die am meisten gekämpft und

gelitten worden ist, die Begriffe "Gott" und "Sünde", nicht wichtiger,

als dem alten Manne ein Kinder-Spielzeug und Kinder-Schmerz erscheint,

- und vielleicht hat dann "der alte Mensch" wieder ein andres

Spielzeug und einen andren Schmerz nöthig, - immer noch Kinds genug,

ein ewiges Kind!

58.

Hat man wohl beachtet, in wiefern zu einem eigentlich religiösen

Leben (und sowohl zu seiner mikroskopischen Lieblings-Arbeit der

Selbstprüfung, als zu jener zarten Gelassenheit, welche sich "Gebet"

nennt und eine beständige Bereitschaft für das "Kommen Gottes" ist)

der äussere Müssiggang oder Halb-Müssiggang noth thut, ich meine der

Müssiggang mit gutem Gewissen, von Alters her, von Geblüt, dem das

Aristokraten-Gefühl nicht ganz fremd ist, dass Arbeit schändet,

- nämlich Seele und Leib gemein macht? Und dass folglich die

moderne, lärmende, Zeit-auskaufende, auf sich stolze, dumm-stolze

Arbeitsamkeit, mehr als alles Übrige, gerade zum "Unglauben" erzieht

und vorbereitet? Unter Denen, welche zum Beispiel jetzt in Deutschland

abseits von der Religion leben, finde ich Menschen von vielerlei Art

und Abkunft der "Freidenkerei", vor Allem aber eine Mehrzahl solcher,

denen Arbeitsamkeit, von Geschlecht zu Geschlecht, die religiösen

Instinkte aufgelöst hat: so dass sie gar nicht mehr wissen, wozu

Religionen nütze sind, und nur mit einer Art stumpfen Erstaunens ihr

Vorhandensein in der Welt gleichsam registriren. Sie fühlen sich schon

reichlich in Anspruch genommen, diese braven Leute, sei es von ihren

Geschäften, sei es von ihren Vergnügungen, gar nicht zu reden vom

"Vaterlande" und den Zeitungen und den "Pflichten der Familie": es

scheint, dass sie gar keine Zeit für die Religion übrig haben, zumal

es ihnen unklar bleibt, ob es sich dabei um ein neues Geschäft oder

ein neues Vergnügen handelt, - denn unmöglich, sagen sie sich, geht

man in die Kirche, rein um sich die gute Laune zu verderben. Sie

sind keine Feinde der religiösen Gebräuche; verlangt man in gewissen

Fällen, etwa von Seiten des Staates, die Betheiligung an solchen

Gebräuchen, so thun sie, was man verlangt, wie man so Vieles thut -,

mit einem geduldigen und bescheidenen Ernste und ohne viel Neugierde

und Unbehagen: - sie leben eben zu sehr abseits und ausserhalb, um

selbst nur ein Für und Wider in solchen Dingen bei sich nöthig zu

finden. Zu diesen Gleichgültigen gehört heute die Überzahl der

deutschen Protestanten in den mittleren Ständen, sonderlich in den

arbeitsamen grossen Handels- und Verkehrscentren; ebenfalls die

Überzahl der arbeitsamen Gelehrten und der ganze Universitäts-Zubehör

(die Theologen ausgenommen, deren Dasein und Möglichkeit daselbst dem

Psychologen immer mehr und immer feinere Räthsel zu rathen giebt).

Man macht sich selten von Seiten frommer oder auch nur kirchlicher

Menschen eine Vorstellung davon, wieviel guter Wille, man könnte

sagen, willkürlicher Wille jetzt dazu gehört, dass ein deutscher

Gelehrter das Problem der Religion ernst nimmt; von seinem ganzen

Handwerk her (und, wie gesagt, von der handwerkerhaften Arbeitsamkeit

her, zu welcher ihn sein modernes Gewissen verpflichtet) neigt er zu

einer überlegenen, beinahe gütigen Heiterkeit gegen die Religion, zu

der sich bisweilen eine leichte Geringschätzung mischt, gerichtet

gegen die "Unsauberkeit" des Geistes, welche er überall dort

voraussetzt, wo man sich, noch zur Kirche bekennt. Es gelingt dem

Gelehrten erst mit Hülfe der Geschichte (also nicht von seiner

persönlichen Erfahrung aus), es gegenüber den Religionen zu einem

ehrfurchtsvollen Ernste und zu einer gewissen scheuen Rücksicht zu

bringen; aber wenn er sein Gefühl sogar bis zur Dankbarkeit gegen sie

gehoben hat, so ist er mit seiner Person auch noch keinen Schritt weit

dem, was noch als Kirche oder Frömmigkeit besteht, näher gekommen:

vielleicht umgekehrt. Die praktische Gleichgültigkeit gegen religiöse

Dinge, in welche hinein er geboren und erzogen ist, pflegt sich bei

ihm zur Behutsamkeit und Reinlichkeit zu sublimiren, welche die

Berührung mit religiösen Menschen und Dingen scheut; und es kann

gerade die Tiefe seiner Toleranz und Menschlichkeit sein, die ihn vor

dem feinen Nothstande ausweichen heisst, welchen das Toleriren selbst

mit sich bringt. - Jede Zeit hat ihre eigene göttliche Art von

Naivetät, um deren Erfindung sie andre Zeitalter beneiden dürfen: -

und wie viel Naivetät, verehrungswürdige, kindliche und unbegrenzt

tölpelhafte Naivetät liegt in diesem Überlegenheits-Glauben des

Gelehrten, im guten Gewissen seiner Toleranz, in der ahnungslosen

schlichten Sicherheit, mit der sein Instinkt den religiösen Menschen

als einen minderwerthigen und niedrigeren Typus behandelt, über den

er selbst hinaus, hinweg, hinauf gewachsen ist, - er, der kleine

anmaassliche Zwerg und Pöbelmann, der fleissig-flinke Kopf- und

Handarbeiter der "Ideen", der "modernen Ideen"!

59.

Wer tief in die Welt gesehen hat, erräth wohl, welche Weisheit darin

liegt, dass die Menschen oberflächlich sind. Es ist ihr erhaltender

Instinkt, der sie lehrt, flüchtig, leicht und falsch zu sein. Man

findet hier und da eine leidenschaftliche und übertreibende Anbetung

der "reinen Formen", bei Philosophen wie bei Künstlern: möge Niemand

zweifeln, dass wer dergestalt den Cultus der Oberfläche nöthig hat,

irgend wann einmal einen unglückseligen Griff unter sie gethan hat.

Vielleicht giebt es sogar hinsichtlich dieser verbrannten Kinder,

der geborenen Künstler, welche den Genuss des Lebens nur noch in der

Absicht finden, sein Bild zu fälschen (gleichsam in einer langwierigen

Rache am Leben -), auch noch eine Ordnung des Ranges: man könnte den

Grad, in dem ihnen das Leben verleidet ist, daraus abnehmen, bis wie

weit sie sein Bild verfälscht, verdünnt, verjenseitigt, vergöttlicht

zu sehn wünschen, - man könnte die homines religiosi mit unter

die Künstler rechnen, als ihren höchsten Rang. Es ist die tiefe

argwöhnische Furcht vor einem unheilbaren Pessimismus, der ganze

Jahrtausende zwingt, sich mit den Zähnen in eine religiöse

Interpretation des Daseins zu verbeissen: die Furcht jenes Instinktes,

welcher ahnt, dass man der Wahrheit zu früh habhaft werden könnte, ehe

der Mensch stark genug, hart genug, Künstler genug geworden ist....

Die Frömmigkeit, das "Leben in Gott", mit diesem Blicke betrachtet,

erschiene dabei als die feinste und letzte Ausgeburt der Furcht

vor der Wahrheit, als Künstler-Anbetung und -Trunkenheit vor der

consequentesten aller Fälschungen, als der Wille zur Umkehrung der

Wahrheit, zur Unwahrheit um jeden Preis. Vielleicht, dass es bis jetzt

kein stärkeres Mittel gab, den Menschen selbst zu verschönern, als

eben Frömmigkeit: durch sie kann der Mensch so sehr Kunst, Oberfläche,

Farbenspiel, Güte werden, dass man an seinem Anblicke nicht mehr

leidet. -

60.

Den Menschen zu lieben um Gottes Willen - das war bis jetzt das

vornehmste und entlegenste Gefühl, das unter Menschen erreicht

worden ist. Dass die Liebe zum Menschen ohne irgendeine heiligende

Hinterabsicht eine Dummheit und Thierheit mehr ist, dass der Hang zu

dieser Menschenliebe erst von einem höheren Hange sein Maass, seine

Feinheit, sein Körnchen Salz und Stäubchen Ambra zu bekommen hat: -

welcher Mensch es auch war, der dies zuerst empfunden und "erlebt"

hat, wie sehr auch seine Zunge gestolpert haben mag, als sie

versuchte, solch eine Zartheit auszudrücken, er bleibe uns in alle

Zeiten heilig und verehrenswerth, als der Mensch, der am höchsten

bisher geflogen und am schönsten sich verirrt hat!

61.

Der Philosoph, wie wir ihn verstehen, wir freien Geister als der

Mensch der umfänglichsten Verantwortlichkeit, der das Gewissen für die

Gesammt-Entwicklung des Menschen hat: dieser Philosoph wird sich der

Religionen zu seinem Züchtungs- und Erziehungswerke bedienen, wie

er sich der jeweiligen politischen und wirthschaftlichen Zustände

bedienen wird. Der auslesende, züchtende, das heisst immer ebensowohl

der zerstörende als der schöpferische und gestaltende Einfluss,

welcher mit Hülfe der Religionen ausgeübt werden kann, ist je nach der

Art Menschen, die unter ihren Bann und Schutz gestellt werden, ein

vielfacher und verschiedener. Für die Starken, Unabhängigen, zum

Befehlen, Vorbereiteten und Vorbestimmten, in denen die Vernunft

und Kunst einer regierenden Rasse leibhaft wird, ist, Religion ein

Mittelmehr, um Widerstände zu überwinden, um herrschen zu können:

als ein Band, das Herrscher und Unterthanen gemeinsam bindet und

die Gewissen der Letzteren, ihr Verborgenes und Innerlichstes, das

sich gerne dem Gehorsam entziehen möchte, den Ersteren verräth und

überantwortet; und falls einzelne Naturen einer solchen vornehmen

Herkunft, durch hohe Geistigkeit, einem abgezogeneren und

beschaulicheren Leben sich zuneigen und nur die feinste Artung

des Herrschens (über ausgesuchte Jünger oder Ordensbrüder) sich

vorbehalten, so kann Religion selbst als Mittel benutzt werden, sich

Ruhe vor dem Lärm und der Mühsal des gröberen Regierens und Reinheit

vor dem nothwendigen Schmutz alles Politik-Machens zu schaffen. So

verstanden es zum Beispiel die Brahmanen: mit Hülfe einer religiösen

Organisation gaben sie sich die Macht, dem Volke seine Könige zu

ernennen, während sie sich selber abseits und ausserhalb hielten

und fühlten, als die Menschen höherer und überköniglicher Aufgaben.

Inzwischen giebt die Religion auch einem Theile der Beherrschten

Anleitung und Gelegenheit, sich auf einstmaliges Herrschen und

Befehlen vorzubereiten, jenen langsam heraufkommenden Klassen und

Ständen nämlich, in denen, durch glückliche Ehesitten, die Kraft und

Lust des Willens, der Wille zur Selbstbeherrschung, immer im Steigen

ist: - ihnen bietet die Religion Anstösse und Versuchungen genug,

die Wege zur höheren Geistigkeit zu gehen, die Gefühle der grossen

Selbstüberwindung, des Schweigens und der Einsamkeit zu erproben: -

Asketismus und Puritanismus sind fast unentbehrliche Erziehungs- und

Veredelungsmittel, wenn eine Rasse über ihre Herkunft aus dem Pöbel

Herr werden will und sich zur einstmaligen Herrschaft emporarbeitet.

Den gewöhnlichen Menschen endlich, den Allermeisten, welche zum Dienen

und zum allgemeinen Nutzen da sind und nur insofern dasein dürfen,

giebt die Religion eine unschätzbare Genügsamkeit mit ihrer Lage und

Art, vielfachen Frieden des Herzens, eine Veredelung des Gehorsams,

ein Glück und Leid mehr mit Ihres-Gleichen und Etwas von Verklärung

und Verschönerung, Etwas von Rechtfertigung des ganzen Alltags, der

ganzen Niedrigkeit, der ganzen Halbthier-Armuth ihrer Seele. Religion

und religiöse Bedeutsamkeit des Lebens legt Sonnenglanz auf solche

immer geplagte Menschen und macht ihnen selbst den eigenen Anblick

erträglich, sie wirkt, wie eine epikurische Philosophie auf Leidende

höheren Ranges zu wirken pflegt, erquickend, verfeinernd, das Leiden

gleichsam ausnützend, zuletzt gar heiligend und rechtfertigend.

Vielleicht ist am Christenthum und Buddhismus nichts so ehrwürdig als

ihre Kunst, noch den Niedrigsten anzulehren, sich durch Frömmigkeit in

eine höhere Schein-Ordnung der Dinge zu stellen und damit das Genügen

an der wirklichen Ordnung, innerhalb deren sie hart genug leben, - und

gerade diese Härte thut Noth! - bei sich festzuhalten.

62.

Zuletzt freilich, um solchen Religionen auch die schlimme

Gegenrechnung zu machen und ihre unheimliche Gefährlichkeit an's Licht

zu stellen: - es bezahlt sich immer theuer und fürchterlich, wenn

Religionen nicht als Züchtungs- und Erziehungsmittel in der Hand des

Philosophen, sondern von sich aus und souverän walten, wenn sie selber

letzte Zwecke und nicht Mittel neben anderen Mitteln sein wollen. Es

giebt bei dem Menschen wie bei jeder anderen Thierart einen Überschuss

von Missrathenen, Kranken, Entartenden, Gebrechlichen, nothwendig

Leidenden; die gelungenen Fälle sind auch beim Menschen immer die

Ausnahme und sogar in Hinsicht darauf, dass der Mensch das noch nicht

festgestellte Thier ist, die spärliche Ausnahme. Aber noch schlimmer:

je höher geartet der Typus eines Menschen ist, der durch ihn

dargestellt wird, um so mehr steigt noch die Unwahrscheinlichkeit,

dass er geräth: das Zufällige, das Gesetz des Unsinns im gesammten

Haushalte der Menschheit zeigt sich am erschrecklichsten in

seiner zerstörerischen Wirkung auf die höheren Menschen, deren

Lebensbedingungen fein, vielfach und schwer auszurechnen sind. Wie

verhalten sich nun die genannten beiden grössten Religionen zu diesem

Überschuss der misslungenen Fälle? Sie suchen zu erhalten, im Leben

festzuhalten, was sich nur irgend halten lässt, ja sie nehmen

grundsätzlich für sie Partei, als Religionen für Leidende, sie geben

allen Denen Recht, welche am Leben wie an einer Krankheit leiden, und

möchten es durchsetzen, dass jede andre Empfindung des Lebens als

falsch gelte und unmöglich werde. Möchte man diese schonende und

erhaltende Fürsorge, insofern sie neben allen anderen auch dem

höchsten, bisher fast immer auch leidendsten Typus des Menschen gilt

und galt, noch so hoch anschlagen: in der Gesammt-Abrechnung gehören

die bisherigen, nämlich souveränen Religionen zu den Hauptursachen,

welche den Typus "Mensch" auf einer niedrigeren Stufe festhielten,

- sie erhielten zu viel von dem, was zu Grunde gehn sollte. Man hat

ihnen Unschätzbares zu danken; und wer ist reich genug an Dankbarkeit,

um nicht vor alle dem arm zu werden, was zum Beispiel die "geistlichen

Menschen" des Christenthums bisher für Europa gethan haben! Und doch,

wenn sie den Leidenden Trost, den Unterdrückten und Verzweifelnden

Muth, den Unselbständigen einen Stab und Halt gaben und die

Innerlich-Zerstörten und Wild-Gewordenen von der Gesellschaft weg in

Klöster und seelische Zuchthäuser lockten: was mussten sie ausserdem

thun, um mit gutem Gewissen dergestalt grundsätzlich an der Erhaltung

alles Kranken und Leidenden, das heisst in That und Wahrheit an

der Verschlechterung der europäischen Rasse zu arbeiten? Alle

Werthschätzungen auf den Kopf stellen - das mussten sie! Und die

Starken zerbrechen, die grossen Hoffnungen ankränkeln, das Glück

in der Schönheit verdächtigen, alles Selbstherrliche, Männliche,

Erobernde, Herrschsüchtige, alle Instinkte, welche dem höchsten und

wohlgerathensten Typus "Mensch" zu eigen sind, in Unsicherheit,

Gewissens-Noth, Selbstzerstörung umknicken, ja die ganze Liebe zum

Irdischen und zur Herrschaft über die Erde in Hass gegen die Erde

und das Irdische verkehren - das stellte sich die Kirche zur

Aufgabe und musste es sich stellen, bis für ihre Schätzung endlich

"Entweltlichung", "Entsinnlichung" und "höherer Mensch" in Ein

Gefühl zusammenschmolzen. Gesetzt, dass man mit dem spöttischen

und unbetheiligten Auge eines epikurischen Gottes die wunderlich

schmerzliche und ebenso grobe wie feine Komödie des europäischen

Christenthums zu überschauen vermöchte, ich glaube, man fände kein

Ende mehr zu staunen und zu lachen: scheint es denn nicht, dass Ein

Wille über Europa durch achtzehn Jahrhunderte geherrscht hat, aus dem

Menschen eine sublime Missgeburt zu machen? Wer aber mit umgekehrten

Bedürfnissen, nicht epikurisch mehr, sondern mit irgend einem

göttlichen Hammer in der Hand auf diese fast willkürliche Entartung

und Verkümmerung des Menschen zuträte, wie sie der christliche

Europäer ist (Pascal zum Beispiel), müsste er da nicht mit Grimm, mit

Mitleid, mit Entsetzen schreien: "Oh ihr Tölpel, ihr anmaassenden

mitleidigen Tölpel, was habt ihr da gemacht! War das eine Arbeit

für eure Hände! Wie habt ihr mir meinen schönsten Stein verhauen

und verhunzt! Was nahmt ihr euch heraus!" - Ich wollte sagen:

das Christenthum war bisher die verhängnissvollste Art von

Selbst-Überhebung. Menschen, nicht hoch und hart genug, um am

Menschen als Künstler gestalten zu dürfen; Menschen, nicht stark und

fernsichtig genug, um, mit einer erhabenen Selbst-Bezwingung, das

Vordergrund-Gesetz des tausendfältigen Missrathens und Zugrundegehns

walten zu lassen; Menschen, nicht vornehm genug, um die abgründlich

verschiedene Rangordnung und Rangkluft zwischen Mensch und Mensch zu

sehen: - solche Menschen haben, mit ihrem "Gleich vor Gott", bisher

über dem Schicksale Europa's gewaltet, bis endlich eine verkleinerte,

fast lächerliche Art, ein Heerdenthier, etwas Gutwilliges, Kränkliches

und Mittelmässiges, herangezüchtet ist, der heutige Europäer....

Viertes Hauptstück:

Sprüche und Zwischenspiele.

63.

Wer von Grund aus Lehrer ist, nimmt alle Dinge nur in Bezug auf seine

Schüler ernst, - sogar sich selbst.

64.

"Die Erkenntniss um ihrer selbst willen" - das ist der letzte

Fallstrick, den die Moral legt: damit verwickelt man sich noch einmal

völlig in sie.

65.

Der Reiz der Erkenntniss wäre gering, wenn nicht auf dem Wege zu ihr

so viel Scham zu überwinden wäre.

Jenseits von Gut und Böse · 第 5 / 9 题