Jenseits von Gut und Böse

Vorspiel einer Philosophie der Zukunft.

Vorrede.

Vorausgesetzt, dass die Wahrheit ein Weib ist -, wie? ist der Verdacht

nicht gegründet, dass alle Philosophen, sofern sie Dogmatiker waren,

sich schlecht auf Weiber verstanden? dass der schauerliche Ernst,

die linkische Zudringlichkeit, mit der sie bisher auf die Wahrheit

zuzugehen pflegten, ungeschickte und unschickliche Mittel waren, um

gerade ein Frauenzimmer für sich einzunehmen? Gewiss ist, dass sie

sich nicht hat einnehmen lassen: - und jede Art Dogmatik steht heute

mit betrübter und muthloser Haltung da. Wenn sie überhaupt noch steht!

Denn es giebt Spötter, welche behaupten, sie sei gefallen, alle

Dogmatik liege zu Boden, mehr noch, alle Dogmatik liege in den letzten

Zügen. Ernstlich geredet, es giebt gute Gründe zu der Hoffnung, dass

alles Dogmatisiren in der Philosophie, so feierlich, so end- und

letztgültig es sich auch gebärdet hat, doch nur eine edle Kinderei

und Anfängerei gewesen sein möge; und die Zeit ist vielleicht sehr

nahe, wo man wieder und wieder begreifen wird, was eigentlich

schon ausgereicht hat, um den Grundstein zu solchen erhabenen und

unbedingten Philosophen-Bauwerken abzugeben, welche die Dogmatiker

bisher aufbauten, - irgend ein Volks-Aberglaube aus unvordenklicher

Zeit (wie der Seelen-Aberglaube, der als Subjekt- und Ich-Aberglaube

auch heute noch nicht aufgehört hat, Unfug zu stiften), irgend ein

Wortspiel vielleicht, eine Verführung von Seiten der Grammatik

her oder eine verwegene Verallgemeinerung von sehr engen, sehr

persönlichen, sehr menschlich-allzumenschlichen Thatsachen. Die

Philosophie der Dogmatiker war hoffentlich nur ein Versprechen über

Jahrtausende hinweg: wie es in noch früherer Zeit die Astrologie war,

für deren Dienst vielleicht mehr Arbeit, Geld, Scharfsinn, Geduld

aufgewendet worden ist, als bisher für irgend eine wirkliche

Wissenschaft: - man verdankt ihr und ihren "überirdischen" Ansprüchen

in Asien und Agypten den grossen Stil der Baukunst. Es scheint, dass

alle grossen Dinge, um der Menschheit sich mit ewigen Forderungen in

das Herz einzuschreiben, erst als ungeheure und furchteinflössende

Fratzen über die Erde hinwandeln müssen: eine solche Fratze war die

dogmatische Philosophie, zum Beispiel die Vedanta-Lehre in Asien, der

Platonismus in Europa. Seien wir nicht undankbar gegen sie, so gewiss

es auch zugestanden werden muss, dass der schlimmste, langwierigste

und gefährlichste aller Irrthümer bisher ein Dogmatiker-Irrthum

gewesen ist, nämlich Plato's Erfindung vom reinen Geiste und vom Guten

an sich. Aber nunmehr, wo er überwunden ist, wo Europa von diesem

Alpdrucke aufathmet und zum Mindesten eines gesunderen - Schlafs

geniessen darf, sind wir, deren Aufgabe das Wachsein selbst ist,

die Erben von all der Kraft, welche der Kampf gegen diesen Irrthum

grossgezüchtet hat. Es hiess allerdings die Wahrheit auf den Kopf

stellen und das Perspektivische, die Grundbedingung alles Lebens,

selber verleugnen, so vom Geiste und vom Guten zu reden, wie Plato

gethan hat; ja man darf, als Arzt, fragen: "woher eine solche

Krankheit am schönsten Gewächse des Alterthums, an Plato? hat ihn doch

der böse Sokrates verdorben? wäre Sokrates doch der Verderber der

Jugend gewesen? und hätte seinen Schlierling verdient?" - Aber der

Kampf gegen Plato, oder, um es verständlicher und für's "Volk"

zu sagen, der Kampf gegen den christlich-kirchlichen Druck von

Jahrtausenden - denn Christenthum ist Platonismus für's "Volk" - hat

in Europa eine prachtvolle Spannung des Geistes geschaffen, wie sie

auf Erden noch nicht da war: mit einem so gespannten Bogen kann man

nunmehr nach den fernsten Zielen schiessen. Freilich, der europäische

Mensch empfindet diese Spannung als Nothstand; und es ist schon zwei

Mal im grossen Stile versucht worden, den Bogen abzuspannen, einmal

durch den Jesuitismus, zum zweiten Mal durch die demokratische

Aufklärung: - als welche mit Hülfe der Pressfreiheit und des

Zeitunglesens es in der That erreichen dürfte, dass der Geist sich

selbst nicht mehr so leicht als "Noth" empfindet! (Die Deutschen haben

das Pulver erfunden - alle Achtung! aber sie haben es wieder quitt

gemacht - sie erfanden die Presse.) Aber wir, die wir weder Jesuiten,

noch Demokraten, noch selbst Deutsche genug sind, wir guten Europäer

und freien, sehr freien Geister - wir haben sie noch, die ganze Noth

des Geistes und die ganze Spannung seines Bogens! Und vielleicht auch

den Pfeil, die Aufgabe, wer weiss? das Ziel.....

Sils-Maria,

Oberengadin im Juni 1885.

Erstes Hauptstück:

Von den Vorurtheilen der Philosophen.

1.

Der Wille zur Wahrheit, der uns noch zu manchem Wagnisse verführen

wird, jene berühmte Wahrhaftigkeit, von der alle Philosophen bisher

mit Ehrerbietung geredet haben: was für Fragen hat dieser Wille

zur Wahrheit uns schon vorgelegt! Welche wunderlichen schlimmen

fragwürdigen Fragen! Das ist bereits eine lange Geschichte, - und

doch scheint es, dass sie kaum eben angefangen hat? Was Wunder, wenn

wir endlich einmal misstrauisch werden, die Geduld verlieren, uns

ungeduldig umdrehn? Dass wir von dieser Sphinx auch unserseits das

Fragen lernen? Wer ist das eigentlich, der uns hier Fragen stellt?

Was in uns will eigentlich "zur Wahrheit"? - In der that, wir machten

langen Halt vor der Frage nach der Ursache dieses Willens, - bis

wir, zuletzt, vor einer noch gründlicheren Frage ganz und gar stehen

blieben. Wir fragten nach dem Werthe dieses Willens. Gesetzt, wir

wollen Wahrheit: warum nicht lieber Unwahrheit? Und Ungewissheit?

Selbst Unwissenheit? - Das Problem vom Werthe der Wahrheit trat vor

uns hin, - oder waren wir's, die vor das Problem hin traten? Wer von

uns ist hier Oedipus? Wer Sphinx? Es ist ein Stelldichein, wie es

scheint, von Fragen und Fragezeichen. - Und sollte man's glauben, dass

es uns schliesslich bedünken will, als sei das Problem noch nie bisher

gestellt, - als sei es von uns zum ersten Male gesehn, in's Auge

gefasst, gewagt? Denn es ist ein Wagnis dabei, und vielleicht giebt es

kein grösseres.

2.

"Wie könnte Etwas aus seinem Gegensatz entstehn? Zum Beispiel die

Wahrheit aus dem Irrthume? Oder der Wille zur Wahrheit aus dem Willen

zur Täuschung? Oder die selbstlose Handlung aus dem Eigennutze? Oder

das reine sonnenhafte Schauen des Weisen aus der Begehrlichkeit?

Solcherlei Entstehung ist unmöglich; wer davon träumt, ein Narr, ja

Schlimmeres; die Dinge höchsten Werthes müssen einen anderen, eigenen

Ursprung haben, - aus dieser vergänglichen verführerischen täuschenden

geringen Welt, aus diesem Wirrsal von Wahn und Begierde sind sie

unableitbar! Vielmehr im Schoosse des Sein's, im Unvergänglichen,

im verborgenen Gotte, im `Ding an sich` - da muss ihr Grund liegen,

und sonst nirgendswo!" - Diese Art zu urtheilen macht das typische

Vorurtheil aus, an dem sich die Metaphysiker aller Zeiten wieder

erkennen lassen; diese Art von Werthschätzungen steht im Hintergrunde

aller ihrer logischen Prozeduren; aus diesem ihrem "Glauben" heraus

bemühn sie sich um ihr "Wissen", um Etwas, das feierlich am Ende als

"die Wahrheit" getauft wird. Der Grundglaube der Metaphysiker ist der

Glaube an die Gegensätze der Werthe. Es ist auch den Vorsichtigsten

unter ihnen nicht eingefallen, hier an der Schwelle bereits zu

zweifeln, wo es doch am nöthigsten war: selbst wenn sie sich gelobt

hatten "de omnibus dubitandum". Man darf nämlich zweifeln, erstens, ob

es Gegensätze überhaupt giebt, und zweitens, ob jene volksthümlichen

Werthschätzungen und Werth-Gegensätze, auf welche die Metaphysiker ihr

Siegel gedrückt haben, nicht vielleicht nur Vordergrunds-Schätzungen

sind, nur vorläufige Perspektiven, vielleicht noch dazu aus einem

Winkel heraus, vielleicht von Unten hinauf, Frosch-Perspektiven

gleichsam, um einen Ausdruck zu borgen, der den Malern geläufig ist?

Bei allem Werthe, der dem Wahren, dem Wahrhaftigen, dem Selbstlosen

zukommen mag: es wäre möglich, dass dem Scheine, dem Willen zur

Täuschung, dem Eigennutz und der Begierde ein für alles Leben höherer

und grundsätzlicherer Werth zugeschrieben werden müsste. Es wäre sogar

noch möglich, dass was den Werth jener guten und verehrten Dinge

ausmacht, gerade darin bestünde, mit jenen schlimmen, scheinbar

entgegengesetzten Dingen auf verfängliche Weise verwandt, verknüpft,

verhäkelt, vielleicht gar wesensgleich zu sein. Vielleicht! - Aber wer

ist Willens, sich um solche gefährliche Vielleichts zu kümmern! Man

muss dazu schon die Ankunft einer neuen Gattung von Philosophen

abwarten, solcher, die irgend welchen anderen umgekehrten Geschmack

und Hang haben als die bisherigen, - Philosophen des gefährlichen

Vielleicht in jedem Verstande. - Und allen Ernstes gesprochen: ich

sehe solche neue Philosophen heraufkommen.

3.

Nachdem ich lange genug den Philosophen zwischen die Zeilen und auf

die Finger gesehn habe, sage ich mir: man muss noch den grössten Theil

des bewussten Denkens unter die Instinkt-Thätigkeiten rechnen, und

sogar im Falle des philosophischen Denkens; man muss hier umlernen,

wie man in Betreff der Vererbung und des "Angeborenen" umgelernt hat.

So wenig der Akt der Geburt in dem ganzen Vor- und Fortgange der

Vererbung in Betracht kommt: ebenso wenig ist "Bewusstsein" in irgend

einem entscheidenden Sinne dem Instinktiven entgegengesetzt, - das

meiste bewusste Denken eines Philosophen ist durch seine Instinkte

heimlich geführt und in bestimmte Bahnen gezwungen. Auch hinter aller

Logik und ihrer anscheinenden Selbstherrlichkeit der Bewegung stehen

Werthschätzungen, deutlicher gesprochen, physiologische Forderungen

zur Erhaltung einer bestimmten Art von Leben. Zum Beispiel, dass das

Bestimmte mehr werth sei als das Unbestimmte, der Schein weniger werth

als die "Wahrheit": dergleichen Schätzungen könnten, bei aller ihrer

regulativen Wichtigkeit für uns, doch nur Vordergrunds-Schätzungen

sein, eine bestimmte Art von niaiserie, wie sie gerade zur Erhaltung

von Wesen, wie wir sind, noth thun mag. Gesetzt nämlich, dass nicht

gerade der Mensch das "Maass der Dinge" ist.....

4.

Die Falschheit eines Urtheils ist uns noch kein Einwand gegen ein

Urtheil; darin klingt unsre neue Sprache vielleicht am fremdesten. Die

Frage ist, wie weit es lebenfördernd, lebenerhaltend, Arterhaltend,

vielleicht gar Art-züchtend ist; und wir sind grundsätzlich geneigt zu

behaupten, dass die falschesten Urtheile (zu denen die synthetischen

Urtheile a priori gehören) uns die unentbehrlichsten sind, dass

ohne ein Geltenlassen der logischen Fiktionen, ohne ein Messen

der Wirklichkeit an der rein erfundenen Welt des Unbedingten,

Sich-selbst-Gleichen, ohne eine beständige Fälschung der Welt durch

die Zahl der Mensch nicht leben könnte, - dass Verzichtleisten auf

falsche Urtheile ein Verzichtleisten auf Leben, eine Verneinung des

Lebens wäre. Die Unwahrheit als Lebensbedingung zugestehn: das heisst

freilich auf eine gefährliche Weise den gewohnten Werthgefühlen

Widerstand leisten; und eine Philosophie, die das wagt, stellt sich

damit allein schon jenseits von Gut und Böse.

5.

Was dazu reizt, auf alle Philosophen halb misstrauisch, halb spöttisch

zu blicken, ist nicht, dass man wieder und wieder dahinter kommt, wie

unschuldig sie sind - wie oft und wie leicht sie sich vergreifen und

verirren, kurz ihre Kinderei und Kindlichkeit - sondern dass es bei

ihnen nicht redlich genug zugeht: während sie allesammt einen grossen

und tugendhaften Lärm machen, sobald das Problem der Wahrhaftigkeit

auch nur von ferne angerührt wird. Sie stellen sich sämmtlich, als

ob sie ihre eigentlichen Meinungen durch die Selbstentwicklung einer

kalten, reinen, göttlich unbekümmerten Dialektik entdeckt und erreicht

hätten (zum Unterschiede von den Mystikern jeden Rangs, die ehrlicher

als sie und tölpelhafter sind - diese reden von "Inspiration" -):

während im Grunde ein vorweggenommener Satz, ein Einfall, eine

"Eingebung", zumeist ein abstrakt gemachter und durchgesiebter

Herzenswunsch von ihnen mit hinterher gesuchten Gründen vertheidigt

wird: - sie sind allesammt Advokaten, welche es nicht heissen wollen,

und zwar zumeist sogar verschmitzte Fürsprecher ihrer Vorurtheile,

die sie "Wahrheiten" taufen - und sehr ferne von der Tapferkeit des

Gewissens, das sich dies, eben dies eingesteht, sehr ferne von dem

guten Geschmack der Tapferkeit, welche dies auch zu verstehen giebt,

sei es um einen Feind oder Freund zu warnen, sei es aus Übermuth und

um ihrer selbst zu spotten. Die ebenso steife als sittsame Tartüfferie

des alten Kant, mit der er uns auf die dialektischen Schleichwege

lockt, welche zu seinem "kategorischen Imperativ" führen, richtiger

verführen - dies Schauspiel macht uns Verwöhnte lächeln, die wir keine

kleine Belustigung darin finden, den feinen Tücken alter Moralisten

und Moralprediger auf die Finger zu sehn. Oder gar jener Hocuspocus

von mathematischer Form, mit der Spinoza seine Philosophie - "die

Liebe zu seiner Weisheit" zuletzt, das Wort richtig und billig

ausgelegt - wie in Erz panzerte und maskirte, um damit von

vornherein den Muth des Angreifenden einzuschüchtern, der auf diese

unüberwindliche Jungfrau und Pallas Athene den Blick zu werfen wagen

würde: - wie viel eigne Schüchternheit und Angreifbarkeit verräth

diese Maskerade eines einsiedlerischen Kranken!

6.

Allmählich hat sich mir herausgestellt, was jede grosse Philosophie

bisher war: nämlich das Selbstbekenntnis ihres Urhebers und eine

Art ungewollter und unvermerkter mémoires; insgleichen, dass die

moralischen (oder unmoralischen) Absichten in jeder Philosophie den

eigentlichen Lebenskeim ausmachten, aus dem jedesmal die ganze Pflanze

gewachsen ist. In der That, man thut gut (und klug), zur Erklärung

davon, wie eigentlich die entlegensten metaphysischen Behauptungen

eines Philosophen zu Stande gekommen sind, sich immer erst zu fragen:

auf welche Moral will es (will er -) hinaus? Ich glaube demgemäss

nicht, dass ein "Trieb zur Erkenntniss" der Vater der Philosophie ist,

sondern dass sich ein andrer Trieb, hier wie sonst, der Erkenntniss

(und der Verkenntniss!) nur wie eines Werkzeugs bedient hat. Wer aber

die Grundtriebe des Menschen darauf hin ansieht, wie weit sie gerade

hier als inspirirende Genien (oder Dämonen und Kobolde -) ihr Spiel

getrieben haben mögen, wird finden, dass sie Alle schon einmal

Philosophie getrieben haben, - und dass jeder Einzelne von ihnen

gerade sich gar zu gerne als letzten Zweck des Daseins und als

berechtigten Herrn aller übrigen Triebe darstellen möchte. Denn

jeder Trieb ist herrschsüchtig: und als solcher versucht er zu

philosophiren. - Freilich: bei den Gelehrten, den eigentlich

wissenschaftlichen Menschen, mag es anders stehn - "besser", wenn man

will -, da mag es wirklich so Etwas wie einen Erkenntnisstrieb geben,

irgend ein kleines unabhängiges Uhrwerk, welches, gut aufgezogen,

tapfer darauf los arbeitet, ohne dass die gesammten übrigen Triebe

des Gelehrten wesentlich dabei betheiligt sind. Die eigentlichen

"Interessen" des Gelehrten liegen deshalb gewöhnlich ganz wo anders,

etwa in der Familie oder im Gelderwerb oder in der Politik; ja es ist

beinahe gleichgültig, ob seine kleine Maschine an diese oder jene

Stelle der Wissenschaft gestellt wird, und ob der "hoffnungsvolle"

junge Arbeiter aus sich einen guten Philologen oder Pilzekenner

oder Chemiker macht: - es bezeichnet ihn nicht, dass er dies oder

jenes wird. Umgekehrt ist an dem Philosophen ganz und gar nichts

Unpersönliches; und insbesondere giebt seine Moral ein entschiedenes

und entscheidendes Zeugniss dafür ab, wer er ist - das heisst, in

welcher Rangordnung die innersten Triebe seiner Natur zu einander

gestellt sind.

7.

Wie boshaft Philosophen sein können! Ich kenne nichts Giftigeres als

den Scherz, den sich Epicur gegen Plato und die Platoniker erlaubte:

er nannte sie Dionysiokolakes. Das bedeutet dem Wortlaute nach und im

Vordergrunde "Schmeichler des Dionysios", also Tyrannen-Zubehör und

Speichellecker; zu alledem will es aber noch sagen "das sind Alles

Schauspieler, daran ist nichts Ächtes" (denn Dionysokolax war eine

populäre Bezeichnung des Schauspielers). Und das Letztere ist

eigentlich die Bosheit, welche Epicur gegen Plato abschoss: ihn

verdross die grossartige Manier, das Sich-in-Scene-Setzen, worauf

sich Plato sammt seinen Schülern verstand, - worauf sich Epicur nicht

verstand! er, der alte Schulmeister von Samos, der in seinem Gärtchen

zu Athen versteckt sass und dreihundert Bücher schrieb, wer weiss?

vielleicht aus Wuth und Ehrgeiz gegen Plato? - Es brauchte hundert

Jahre, bis Griechenland dahinter kam, wer dieser Gartengott Epicur

gewesen war. - Kam es dahinter? -

8.

In jeder Philosophie giebt es einen Punkt, wo die "Überzeugung" des

Philosophen auf die Bühne tritt: oder, um es in der Sprache eines

alten Mysteriums zu sagen:

adventavit asinus

pulcher et fortissimus.

9.

"Gemäss der Natur" wollt ihr leben? Oh ihr edlen Stoiker, welche

Betrügerei der Worte! Denkt euch ein Wesen, wie es die Natur ist,

verschwenderisch ohne Maass, gleichgültig ohne Maass, ohne Absichten

und Rücksichten, ohne Erbarmen und Gerechtigkeit, fruchtbar und öde

und ungewiss zugleich, denkt euch die Indifferenz selbst als Macht

- wie könntet ihr gemäss dieser Indifferenz leben? Leben - ist

das nicht gerade ein Anders-sein-wollen, als diese Natur ist? Ist

Leben nicht Abschätzen, Vorziehn, Ungerechtsein, Begrenzt-sein,

Different-sein-wollen? Und gesetzt, euer Imperativ "gemäss der Natur

leben" bedeute im Grunde soviel als "gemäss dem Leben leben" - wie

könntet ihr's denn nicht? Wozu ein Princip aus dem machen, was ihr

selbst seid und sein müsst? - In Wahrheit steht es ganz anders: indem

ihr entzückt den Kanon eures Gesetzes aus der Natur zu lesen vorgebt,

wollt ihr etwas Umgekehrtes, ihr wunderlichen Schauspieler und

Selbst-Betrüger! Euer Stolz will der Natur, sogar der Natur, eure

Moral, euer Ideal vorschreiben und einverleiben, ihr verlangt,

dass sie "der Stoa gemäss" Natur sei und möchtet alles Dasein nur

nach eurem eignen Bilde dasein machen - als eine ungeheure ewige

Verherrlichung und Verallgemeinerung des Stoicismus! Mit aller eurer

Liebe zur Wahrheit zwingt ihr euch so lange, so beharrlich, so

hypnotisch-starr, die Natur falsch, nämlich stoisch zu sehn, bis ihr

sie nicht mehr anders zu sehen vermögt, - und irgend ein abgründlicher

Hochmuth giebt euch zuletzt noch die Tollhäusler-Hoffnung ein, dass,

weil ihr euch selbst zu tyrannisiren versteht - Stoicismus ist

Selbst-Tyrannei -, auch die Natur sich tyrannisiren lässt: ist denn

der Stoiker nicht ein Stück Natur? Aber dies ist eine alte ewige

Geschichte: was sich damals mit den Stoikern begab, begiebt sich heute

noch, sobald nur eine Philosophie anfängt, an sich selbst zu glauben.

Sie schafft immer die Welt nach ihrem Bilde, sie kann nicht anders;

Philosophie ist dieser tyrannische Trieb selbst, der geistigste Wille

zur Macht, zur "Schaffung der Welt", zur causa prima.

10.

Der Eifer und die Feinheit, ich möchte sogar sagen: Schlauheit, mit

denen man heute überall in Europa dem Probleme "von der wirklichen

und der scheinbaren Welt" auf den Leib rückt, giebt zu denken und zu

horchen; und wer hier im Hintergrunde nur einen "Willen zur Wahrheit"

und nichts weiter hört, erfreut sich gewiss nicht der schärfsten

Ohren. In einzelnen und seltenen Fällen mag wirklich ein solcher Wille

zur Wahrheit, irgend ein ausschweifender und abenteuernder Muth, ein

Metaphysiker-Ehrgeiz des verlornen Postens dabei betheiligt sein, der

zuletzt eine Handvoll "Gewissheit" immer noch einem ganzen Wagen voll

schöner Möglichkeiten vorzieht; es mag sogar puritanische Fanatiker

des Gewissens geben, welche lieber noch sich auf ein sicheres Nichts

als auf ein ungewisses Etwas sterben legen. Aber dies ist Nihilismus

und Anzeichen einer verzweifelnden sterbensmüden Seele: wie tapfer

auch die Gebärden einer solchen Tugend sich ausnehmen mögen. Bei den

stärkeren, lebensvolleren, nach Leben noch durstigen Denkern scheint

es aber anders zu stehen: indem sie Partei gegen den Schein nehmen und

das Wort "perspektivisch" bereits mit Hochmuth aussprechen, indem sie

die Glaubwürdigkeit ihres eigenen Leibes ungefähr so gering anschlagen

wie die Glaubwürdigkeit des Augenscheins, welcher sagt "die Erde steht

still", und dermaassen anscheinend gut gelaunt den sichersten Besitz

aus den Händen lassen (denn was glaubt man jetzt sicherer als seinen

Leib?) wer weiss, ob sie nicht im Grunde Etwas zurückerobern wollen,

das man ehemals noch sicherer besessen hat, irgend Etwas vom alten

Grundbesitz des Glaubens von Ehedem, vielleicht "die unsterbliche

Seele", vielleicht "den alten Gott", kurz, Ideen, auf welchen sich

besser, nämlich kräftiger und heiterer leben liess als auf den

"modernen Ideen"? Es ist Misstrauen gegen diese modernen Ideen darin,

es ist Unglauben an alles Das, was gestern und heute gebaut worden

ist; es ist vielleicht ein leichter Überdruss und Hohn eingemischt,

der das bric-à-brac von Begriffen verschiedenster Abkunft nicht

mehr aushält, als welches sich heute der sogenannte Positivismus

auf den Markt bringt, ein Ekel des verwöhnteren Geschmacks

vor der Jahrmarkts-Buntheit und Lappenhaftigkeit aller dieser

Wirklichkeits-Philosophaster, an denen nichts neu und ächt ist als

diese Buntheit. Man soll darin, wie mich dünkt, diesen skeptischen

Anti-Wirklichen und Erkenntniss-Mikroskopikern von heute Recht geben:

ihr Instinkt, welcher sie aus der modernen Wirklichkeit hinwegtreibt,

ist unwiderlegt, - was gehen uns ihre rückläufigen Schleichwege an!

Das Wesentliche an ihnen ist nicht, dass sie "zurück" wollen: sondern,

dass sie - weg wollen. Etwas Kraft, Flug, Muth, Künstlerschaft mehr

und sie würden hinaus wollen, - und nicht zurück! -

11.

Es scheint mir, dass man jetzt überall bemüht ist, von dem

eigentlichen Einflusse, den Kant auf die deutsche Philosophie ausgeübt

hat, den Blick abzulenken und namentlich über den Werth, den er sich

selbst zugestand, klüglich hinwegzuschlüpfen. Kant war vor Allem und

zuerst stolz auf seine Kategorientafel, er sagte mit dieser Tafel

in den Händen: "das ist das Schwerste, was jemals zum Behufe der

Metaphysik unternommen werden konnte". - Man verstehe doch dies

"werden konnte"! er war stolz darauf, im Menschen ein neues Vermögen,

das Vermögen zu synthetischen Urteilen a priori, entdeckt zu haben.

Gesetzt, dass er sich hierin selbst betrog: aber die Entwicklung und

rasche Blüthe der deutschen Philosophie hängt an diesem Stolze und an

dem Wetteifer aller Jüngeren, womöglich noch Stolzeres zu entdecken -

und jedenfalls "neue Vermögen"! - Aber besinnen wir uns: es ist an der

Zeit. Wie sind synthetische Urtheile a priori möglich? fragte sich

Kant, - und was antwortete er eigentlich? Vermöge eines Vermögens:

leider aber nicht mit drei Worten, sondern so umständlich, ehrwürdig

und mit einem solchen Aufwande von deutschem Tief- und Schnörkelsinne,

dass man die lustige niaiserie allemande überhörte, welche in einer

solchen Antwort steckt. Man war sogar ausser sich über dieses neue

Vermögen, und der Jubel kam auf seine Höhe, als Kant auch noch ein

moralisches Vermögen im Menschen hinzu entdeckte: - denn damals

waren die Deutschen noch moralisch, und ganz und gar noch nicht

"real-politisch". - Es kam der Honigmond der deutschen Philosophie;

alle jungen Theologen des Tübinger Stifts giengen alsbald in die

Büsche, - alle suchten nach "Vermögen". Und was fand man nicht Alles -

in jener unschuldigen, reichen, noch jugendlichen Zeit des deutschen

Geistes, in welche die Romantik, die boshafte Fee, hineinblies,

hineinsang, damals, als man "finden" und "erfinden" noch nicht

auseinander zu halten wusste! Vor Allem ein Vermögen für's

"übersinnliche": Schelling taufte es die intellektuale Anschauung und

kam damit den herzlichsten Gelüsten seiner im Grunde frommgelüsteten

Deutschen entgegen. Man kann dieser ganzen übermüthigen und

schwärmerischen Bewegung, welche Jugend war, so kühn sie sich auch in

graue und greisenhafte Begriffe verkleidete, gar nicht mehr Unrecht

thun, als wenn man sie ernst nimmt und gar etwa mit moralischer

Entrüstung behandelt; genug, man wurde älter, - der Traum verflog. Es

kam eine Zeit, wo man sich die Stirne rieb: man reibt sie sich heute

noch. Man hatte geträumt: voran und zuerst - der alte Kant. "Vermöge

eines Vermögens" - hatte er gesagt, mindestens gemeint. Aber ist denn

das - eine Antwort? Eine Erklärung? Oder nicht vielmehr nur eine

Wiederholung der Frage? Wie macht doch das Opium schlafen? "Vermöge

eines Vermögens", nämlich der virtus dormitiva - antwortet jener Arzt

bei Molière,

quia est in eo virtus dormitiva,

cujus est natura sensus assoupire.

Aber dergleichen Antworten gehören in die Komödie, und es ist endlich

an der Zeit, die Kantische Frage "Wie sind synthetische Urtheile a

priori möglich?" durch eine andre Frage zu ersetzen "warum ist der

Glaube an solche Urtheile nöthig?" - nämlich zu begreifen, dass zum

Zweck der Erhaltung von Wesen unsrer Art solche Urtheile als wahr

geglaubt werden müssen; weshalb sie natürlich noch falsche Urtheile

sein könnten! Oder, deutlicher geredet und grob und gründlich:

synthetische Urtheile a priori sollten gar nicht "möglich sein": wir

haben kein Recht auf sie, in unserm Munde sind es lauter falsche

Urtheile. Nur ist allerdings der Glaube an ihre Wahrheit nöthig, als

ein Vordergrunds-Glaube und Augenschein, der in die Perspektiven-Optik

des Lebens gehört. - Um zuletzt noch der ungeheuren Wirkung zu

gedenken, welche "die deutsche Philosophie" - man versteht, wie ich

hoffe, ihr Anrecht auf Gänsefüsschen? - in ganz Europa ausgeübt

hat, so zweifle man nicht, dass eine gewisse virtus dormitiva

dabei betheiligt war: man war entzückt, unter edlen Müssiggängern,

Tugendhaften, Mystikern, Künstlern, Dreiviertels-Christen und

politischen Dunkelmännern aller Nationen, Dank der deutschen

Philosophie, ein Gegengift gegen den noch übermächtigen Sensualismus

zu haben, der vom vorigen Jahrhundert in dieses hinüberströmte, kurz

-"sensus assoupire".......

12.

Was die materialistische Atomistik betrifft: so gehört dieselbe zu

den bestwiderlegten Dingen, die es giebt; und vielleicht ist heute in

Europa Niemand unter den Gelehrten mehr so ungelehrt, ihr ausser zum

bequemen Hand- und Hausgebrauch (nämlich als einer Abkürzung der

Ausdrucksmittel) noch eine ernstliche Bedeutung zuzumessen - Dank

vorerst jenem Polen Boscovich, der, mitsammt dem Polen Kopernicus,

bisher der grösste und siegreichste Gegner des Augenscheins war.

Während nämlich Kopernicus uns überredet hat zu glauben, wider alle

Sinne, dass die Erde nicht fest steht, lehrte Boscovich dem Glauben an

das Letzte, was von der Erde "feststand", abschwören, dem Glauben an

den "Stoff", an die "Materie", an das Erdenrest- und Klümpchen-Atom:

es war der grösste Triumph über die Sinne, der bisher auf Erden

errungen worden ist. - Man muss aber noch weiter gehn und auch dem

"atomistischen Bedürfnisse", das immer noch ein gefährliches Nachleben

führt, auf Gebieten, wo es Niemand ahnt, gleich jenem berühmteren

"metaphysischen Bedürfnisse" - den Krieg erklären, einen

schonungslosen Krieg auf's Messer: - man muss zunächst auch jener

anderen und verhängnissvolleren Atomistik den Garaus machen,

welche das Christenthum am besten und längsten gelehrt hat, der

Seelen-Atomistik. Mit diesem Wort sei es erlaubt, jenen Glauben

zu bezeichnen, der die Seele als etwas Unvertilgbares, Ewiges,

Untheilbares, als eine Monade, als ein Atomon nimmt: diesen Glauben

soll man aus der Wissenschaft hinausschaffen! Es ist, unter uns

gesagt, ganz und gar nicht nöthig, "die Seele" selbst dabei los zu

werden und auf eine der ältesten und ehrwürdigsten Hypothesen Verzicht

zu leisten: wie es dem Ungeschick der Naturalisten zu begegnen pflegt,

welche, kaum dass sie an "die Seele" rühren, sie auch verlieren. Aber

der Weg zu neuen Fassungen und Verfeinerungen der Seelen-Hypothese

steht offen: und Begriffe wie "sterbliche Seele" und "Seele als

Subjekts-Vielheit" und "Seele als Gesellschaftsbau der Triebe und

Affekte" wollen fürderhin in der Wissenschaft Bürgerrecht haben. Indem

der neue Psycholog dem Aberglauben ein Ende bereitet, der bisher um

die Seelen-Vorstellung mit einer fast tropischen Üppigkeit wucherte,

hat er sich freilich selbst gleichsam in eine neue Öde und ein

neues Misstrauen hinaus gestossen - es mag sein, dass die älteren

Psychologen es bequemer und lustiger hatten -: zuletzt aber weiss

er sich eben damit auch zum Erfinden verurtheilt - und, wer weiss?

vielleicht zum Finden. -

13.

Die Physiologen sollten sich besinnen, den Selbsterhaltungstrieb als

kardinalen Trieb eines organischen Wesens anzusetzen. Vor Allem will

etwas Lebendiges seine Kraft auslassen - Leben selbst ist Wille

zur Macht -: die Selbsterhaltung ist nur eine der indirekten

und häufigsten Folgen davon. - Kurz, hier wie überall, Vorsicht

vor überflüssigen teleologischen Principien! - wie ein solches

der Selbsterhaltungstrieb ist (man dankt ihn der Inconsequenz

Spinoza's -). So nämlich gebietet es die Methode, die wesentlich

Principien-Sparsamkeit sein muss.

14.

Es dämmert jetzt vielleicht in fünf, sechs Köpfen, dass Physik auch

nur eine Welt-Auslegung und -Zurechtlegung (nach uns! mit Verlaub

gesagt) und nicht eine Welt-Erklärung ist: aber, insofern sie sich auf

den Glauben an die Sinne stellt, gilt sie als mehr und muss auf lange

hinaus noch als mehr, nämlich als Erklärung gelten. Sie hat Augen und

Finger für sich, sie hat den Augenschein und die Handgreiflichkeit

für sich: das wirkt auf ein Zeitalter mit plebejischem Grundgeschmack

bezaubernd, überredend, überzeugend, - es folgt ja instinktiv dem

Wahrheits-Kanon des ewig volksthümlichen Sensualismus. Was ist klar,

was "erklärt"? Erst Das, was sich sehen und tasten lässt, - bis so

weit muss man jedes Problem treiben. Umgekehrt: genau im Widerstreben

gegen die Sinnenfälligkeit bestand der Zauber der platonischen

Denkweise, welche eine vornehme Denkweise war, - vielleicht unter

Menschen, die sich sogar stärkerer und anspruchsvollerer Sinne

erfreuten, als unsre Zeitgenossen sie haben, aber welche einen höheren

Triumph darin zu finden wussten, über diese Sinne Herr zu bleiben: und

dies mittels blasser kalter grauer Begriffs-Netze, die sie über den

bunten Sinnen-Wirbel - den Sinnen-Pöbel, wie Plato sagte - warfen.

Es war eine andre Art Genuss in dieser Welt-Überwältigung und

Welt-Auslegung nach der Manier des Plato, als der es ist, welchen

uns die Physiker von Heute anbieten, insgleichen die Darwinisten und

Antitheologen unter den physiologischen Arbeitern, mit ihrem Princip

der "kleinstmöglichen Kraft" und der grösstmöglichen Dummheit. "Wo der

Mensch nichts mehr zu sehen und zu greifen hat, da hat er auch nichts

mehr zu suchen" - das ist freilich ein anderer Imperativ als der

Platonische, welcher aber doch für ein derbes arbeitsames Geschlecht

von Maschinisten und Brückenbauern der Zukunft, die lauter grobe

Arbeit abzuthun haben, gerade der rechte Imperativ sein mag.

15.

Um Physiologie mit gutem Gewissen zu treiben, muss man darauf

halten, dass die Sinnesorgane nicht Erscheinungen sind im Sinne der

idealistischen Philosophie: als solche könnten sie ja keine Ursachen

sein! Sensualismus mindestens somit als regulative Hypothese, um nicht

zu sagen als heuristisches Princip. - Wie? und Andere sagen gar, die

Aussenwelt wäre das Werk unsrer Organe? Aber dann wäre ja unser Leib,

als ein Stück dieser Aussenwelt, das Werk unsrer Organe! Aber dann

wären ja unsre Organe selbst - das Werk unsrer Organe! Dies ist, wie

mir scheint, eine gründliche reductio ad absurdum: gesetzt, dass der

Begriff causa sui etwas gründlich Absurdes ist. Folglich ist die

Aussenwelt nicht das Werk unsrer Organe -?

16.

Es giebt immer noch harmlose Selbst-Beobachter, welche glauben, dass

es "unmittelbare Gewissheiten" gebe, zum Beispiel "ich denke", oder,

wie es der Aberglaube Schopenhauer's war, "ich will": gleichsam als ob

hier das Erkennen rein und nackt seinen Gegenstand zu fassen bekäme,

als "Ding an sich", und weder von Seiten des Subjekts, noch von

Seiten des Objekts eine Fälschung stattfände. Dass aber "unmittelbare

Gewissheit", ebenso wie "absolute Erkenntniss" und "Ding an sich",

eine contradictio in adjecto in sich schliesst, werde ich hundertmal

wiederholen: man sollte sich doch endlich von der Verführung der Worte

losmachen! Mag das Volk glauben, dass Erkennen ein zu Ende-Kennen sei,

der Philosoph muss sich sagen: "wenn ich den Vorgang zerlege, der in

dem Satz `ich denke` ausgedrückt ist, so bekomme ich eine Reihe von

verwegenen Behauptungen, deren Begründung schwer, vielleicht unmöglich

ist, - zum Beispiel, dass ich es bin, der denkt, dass überhaupt ein

Etwas es sein muss, das denkt, dass Denken eine Thätigkeit und Wirkung

seitens eines Wesens ist, welches als Ursache gedacht wird, dass es

ein `Ich` giebt, endlich, dass es bereits fest steht, was mit Denken

zu bezeichnen ist, - dass ich weiss, was Denken ist. Denn wenn ich

nicht darüber mich schon bei mir entschieden hätte, wonach sollte ich

abmessen, dass, was eben geschieht, nicht vielleicht `Wollen` oder

`Fühlen` sei? Genug, jenes `ich denke` setzt voraus, dass ich meinen

augenblicklichen Zustand mit anderen Zuständen, die ich an mir kenne,

vergleiche, um so festzusetzen, was er ist: wegen dieser Rückbeziehung

auf anderweitiges `Wissen` hat er für mich jedenfalls keine

unmittelbare `Gewissheit`." - An Stelle jener "unmittelbaren

Gewissheit", an welche das Volk im gegebenen Falle glauben mag,

bekommt dergestalt der Philosoph eine Reihe von Fragen der Metaphysik

in die Hand, recht eigentliche Gewissensfragen des Intellekts, welche

heissen: "Woher nehme ich den Begriff Denken? Warum glaube ich an

Ursache und Wirkung? Was giebt mir das Recht, von einem Ich, und

gar von einem Ich als Ursache, und endlich noch von einem Ich als

Gedanken-Ursache zu reden?" Wer sich mit der Berufung auf eine Art

Intuition der Erkenntniss getraut, jene metaphysischen Fragen sofort

zu beantworten, wie es Der thut, welcher sagt: "ich, denke, und weiss,

dass dies wenigstens wahr, wirklich, gewiss ist" - der wird bei einem

Philosophen heute ein Lächeln und zwei Fragezeichen bereit finden.

"Mein Herr, wird der Philosoph vielleicht ihm zu verstehen geben,

es ist unwahrscheinlich, dass Sie sich nicht irren: aber warum auch

durchaus Wahrheit?" -

17.

Was den Aberglauben der Logiker betrifft: so will ich nicht müde

werden, eine kleine kurze Thatsache immer wieder zu unterstreichen,

welche von diesen Abergläubischen ungern zugestanden wird, - nämlich,

dass ein Gedanke kommt, wenn "er" will, und nicht wenn "ich" will; so

dass es eine Fälschung des Thatbestandes ist, zu sagen: das Subjekt

"ich" ist die Bedingung des Prädikats "denke". Es denkt: aber dass

dies "es" gerade jenes alte berühmte "Ich" sei, ist, milde geredet,

nur eine Annahme, eine Behauptung, vor Allem keine "unmittelbare

Gewissheit". Zuletzt ist schon mit diesem "es denkt" zu viel gethan:

schon dies "es" enthält eine Auslegung des Vorgangs und gehört nicht

zum Vorgange selbst. Man schliesst hier nach der grammatischen

Gewohnheit "Denken ist eine Thätigkeit, zu jeder Thätigkeit gehört

Einer, der thätig ist, folglich -". Ungefähr nach dem gleichen Schema

suchte die ältere Atomistik zu der "Kraft", die wirkt, noch jenes

Klümpchen Materie, worin sie sitzt, aus der heraus sie wirkt, das

Atom; strengere Köpfe lernten endlich ohne diesen "Erdenrest"

auskommen, und vielleicht gewöhnt man sich eines Tages noch daran,

auch seitens der Logiker ohne jenes kleine "es" (zu dem sich das

ehrliche alte Ich verflüchtigt hat) auszukommen.

18.

An einer Theorie ist wahrhaftig nicht ihr geringster Reiz, dass sie

widerlegbar ist: gerade damit zieht sie feinere Köpfe an. Es scheint,

dass die hundertfach widerlegte Theorie vom "freien Willen" ihre

Fortdauer nur noch diesem Reize verdankt -: immer wieder kommt jemand

und fühlt sich stark genug, sie zu widerlegen.

19.

Die Philosophen pflegen vom Willen zu reden, wie als ob er die

bekannteste Sache von der Welt sei; ja Schopenhauer gab zu verstehen,

der Wille allein sei uns eigentlich bekannt, ganz und gar bekannt,

ohne Abzug und Zuthat bekannt. Aber es dünkt mich immer wieder, dass

Schopenhauer auch in diesem Falle nur gethan hat, was Philosophen

eben zu thun pflegen: dass er ein Volks-Vorurtheil übernommen und

übertrieben hat. Wollen scheint mir vor Allem etwas Complicirtes,

Etwas, das nur als Wort eine Einheit ist, - und eben im Einen Worte

steckt das Volks-Vorurtheil, das über die allzeit nur geringe Vorsicht

der Philosophen Herr geworden ist. Seien wir also einmal vorsichtiger,

seien wir "unphilosophisch" -, sagen wir: in jedem Wollen ist erstens

eine Mehrheit von Gefühlen, nämlich das Gefühl des Zustandes, von dem

weg, das Gefühl des Zustandes, zu dem hin, das Gefühl von diesem "weg"

und "hin" selbst, dann noch ein begleitendes Muskelgefühl, welches,

auch ohne dass wir "Arme und Beine" in Bewegung setzen, durch eine Art

Gewohnheit, sobald wir "wollen", sein Spiel beginnt. Wie also Fühlen

und zwar vielerlei Fühlen als Ingredienz des Willens anzuerkennen ist,

so zweitens auch noch Denken: in jedem Willensakte giebt es einen

commandirenden Gedanken; - und man soll ja nicht glauben, diesen

Gedanken von dem "Wollen" abscheiden zu können, wie als ob dann noch

Wille übrig bliebe! Drittens ist der Wille nicht nur ein Complex von

Fühlen und Denken, sondern vor Allem noch ein Affekt: und zwar jener

Affekt des Commando's. Das, was "Freiheit des Willens" genannt wird,

ist wesentlich der Überlegenheits-Affekt in Hinsicht auf Den, der

gehorchen muss: "ich bin frei, "er" muss gehorchen" - dies Bewusstsein

steckt in jedem Willen, und ebenso jene Spannung der Aufmerksamkeit,

jener gerade Blick, der ausschliesslich Eins fixirt, jene unbedingte

Werthschätzung "jetzt thut dies und nichts Anderes Noth", jene innere

Gewissheit darüber, dass gehorcht werden wird, und was Alles noch zum

Zustande des Befehlenden gehört. Ein Mensch, der will -, befiehlt

einem Etwas in sich, das gehorcht oder von dem er glaubt, dass es

gehorcht. Nun aber beachte man, was das Wunderlichste am Willen ist,

- an diesem so vielfachen Dinge, für welches das Volk nur Ein Wort

hat: insofern wir im gegebenen Falle zugleich die Befehlenden und

Gehorchenden sind, und als Gehorchende die Gefühle des Zwingens,

Drängens, Drückens, Widerstehens, Bewegens kennen, welche sofort nach

dem Akte des Willens zu beginnen pflegen; insofern wir andererseits

die Gewohnheit haben, uns über diese Zweiheit vermöge des

synthetischen Begriffs "ich" hinwegzusetzen, hinwegzutäuschen, hat

sich an das Wollen noch eine ganze Kette von irrthümlichen Schlüssen

und folglich von falschen Werthschätzungen des Willens selbst

angehängt, - dergestalt, dass der Wollende mit gutem Glauben glaubt,

Wollen genüge zur Aktion. Weil in den allermeisten Fällen nur gewollt

worden ist, wo auch die Wirkung des Befehls, also der Gehorsam, also

die Aktion erwartet werden durfte, so hat sich der Anschein in das

Gefühl übersetzt, als ob es da eine Nothwendigkeit von Wirkung gäbe;

genug, der Wollende glaubt, mit einem ziemlichen Grad von Sicherheit,

dass Wille und Aktion irgendwie Eins seien -, er rechnet das Gelingen,

die Ausführung des Wollens noch dem Willen selbst zu und geniesst

dabei einen Zuwachs jenes Machtgefühls, welches alles Gelingen mit

sich bringt. "Freiheit des Willens" - das ist das Wort für jenen

vielfachen Lust-Zustand des Wollenden, der befiehlt und sich zugleich

mit dem Ausführenden als Eins setzt, - der als solcher den Triumph

über Widerstände mit geniesst, aber bei sich urtheilt, sein Wille

selbst sei es, der eigentlich die Widerstände überwinde. Der Wollende

nimmt dergestalt die Lustgefühle der ausführenden, erfolgreichen

Werkzeuge, der dienstbaren "Unterwillen" oder Unter-Seelen - unser

Leib ist ja nur ein Gesellschaftsbau vieler Seelen - zu seinem

Lustgefühle als Befehlender hinzu. L'effet c'est moi: es begiebt sich

hier, was sich in jedem gut gebauten und glücklichen Gemeinwesen

begiebt, dass die regierende Klasse sich mit den Erfolgen des

Gemeinwesens identificirt. Bei allem Wollen handelt es sich

schlechterdings um Befehlen und Gehorchen, auf der Grundlage, wie

gesagt, eines Gesellschaftsbaus vieler "Seelen": weshalb ein Philosoph

sich das Recht nehmen sollte, Wollen an sich schon unter den

Gesichtskreis der Moral zu fassen: Moral nämlich als Lehre von den

Herrschafts-Verhältnissen verstanden, unter denen das Phänomen "Leben"

entsteht. -

20.

Dass die einzelnen philosophischen Begriffe nichts Beliebiges, nichts

Für-sich-Wachsendes sind, sondern in Beziehung und Verwandtschaft zu

einander emporwachsen, dass sie, so plötzlich und willkürlich sie auch

in der Geschichte des Denkens anscheinend heraustreten, doch eben so

gut einem Systeme angehören als die sämmtlichen Glieder der Fauna

eines Erdtheils: das verräth sich zuletzt noch darin, wie sicher die

verschiedensten Philosophen ein gewisses Grundschema von möglichen

Philosophien immer wieder ausfüllen. Unter einem unsichtbaren Banne

laufen sie immer von Neuem noch einmal die selbe Kreisbahn: sie

mögen sich noch so unabhängig von einander mit ihrem kritischen oder

systematischen Willen fühlen: irgend Etwas in ihnen führt sie, irgend

Etwas treibt sie in bestimmter Ordnung hinter einander her, eben jene

eingeborne Systematik und Verwandtschaft der Begriffe. Ihr Denken

ist in der That viel weniger ein Entdecken, als ein Wiedererkennen,

Wiedererinnern, eine Rück- und Heimkehr in einen fernen uralten

Gesammt-Haushalt der Seele, aus dem jene Begriffe einstmals

herausgewachsen sind: - Philosophiren ist insofern eine Art von

Atavismus höchsten Ranges. Die wunderliche Familien-Ahnlichkeit alles

indischen, griechischen, deutschen Philosophirens erklärt sich einfach

genug. Gerade, wo Sprach-Verwandtschaft vorliegt, ist es gar nicht

zu vermeiden, dass, Dank der gemeinsamen Philosophie der Grammatik -

ich meine Dank der unbewussten Herrschaft und Führung durch gleiche

grammatische Funktionen - von vornherein Alles für eine gleichartige

Entwicklung und Reihenfolge der philosophischen Systeme vorbereitet

liegt: ebenso wie zu gewissen andern Möglichkeiten der Welt-Ausdeutung

der Weg wie abgesperrt erscheint. Philosophen des ural-altaischen

Sprachbereichs (in dem der Subjekt-Begriff am schlechtesten entwickelt

ist) werden mit grosser Wahrscheinlichkeit anders "in die Welt"

blicken und auf andern Pfaden zu finden sein, als Indogermanen

oder Muselmänner: der Bann bestimmter grammatischer Funktionen

ist im letzten Grunde der Bann physiologischer Werthurtheile

und Rasse-Bedingungen. - So viel zur Zurückweisung von Locke's

Oberflächlichkeit in Bezug auf die Herkunft der Ideen.

21.

Die causa sui ist der beste Selbst-Widerspruch, der bisher ausgedacht

worden ist, eine Art logischer Nothzucht und Unnatur: aber der

ausschweifende Stolz des Menschen hat es dahin gebracht, sich

tief und schrecklich gerade mit diesem Unsinn zu verstricken. Das

Verlangen nach "Freiheit des Willens", in jenem metaphysischen

Superlativ-Verstande, wie er leider noch immer in den Köpfen der

Halb-Unterrichteten herrscht, das Verlangen, die ganze und letzte

Verantwortlichkeit für seine Handlungen selbst zu tragen und Gott,

Welt, Vorfahren, Zufall, Gesellschaft davon zu entlasten, ist nämlich

nichts Geringeres, als eben jene causa sui zu sein und, mit einer mehr

als Münchhausen'schen Verwegenheit, sich selbst aus dem Sumpf des

Nichts an den Haaren in's Dasein zu ziehn. Gesetzt, Jemand kommt

dergestalt hinter die bäurische Einfalt dieses berühmten Begriffs

"freier Wille" und streicht ihn aus seinem Kopfe, so bitte ich ihn

nunmehr, seine "Aufklärung" noch um einen Schritt weiter zu treiben

und auch die Umkehrung jenes Unbegriffs "freier Wille" aus seinem

Kopfe zu streichen: ich meine den "unfreien Willen", der auf einen

Missbrauch von Ursache und Wirkung hinausläuft. Man soll nicht

"Ursache" und "Wirkung" fehlerhaft verdinglichen, wie es die

Naturforscher thun (und wer gleich ihnen heute im Denken naturalisirt

-) gemäss der herrschenden mechanistischen Tölpelei, welche die

Ursache drücken und stossen lässt, bis sie "Wirkt"; man soll sich der

"Ursache", der "Wirkung" eben nur als reiner Begriffe bedienen, das

heisst als conventioneller Fiktionen zum Zweck der Bezeichnung, der

Verständigung, nicht der Erklärung. Im "An-sich" giebt es nichts

von "Causal-Verbänden", von "Nothwendigkeit", von "psychologischer

Unfreiheit", da folgt nicht "die Wirkung auf die Ursache", das regiert

kein "Gesetz". Wir sind es, die allein die Ursachen, das Nacheinander,

das Für-einander, die Relativität, den Zwang, die Zahl, das Gesetz,

die Freiheit, den Grund, den Zweck erdichtet haben; und wenn wir diese

Zeichen-Welt als "an sich" in die Dinge hineindichten, hineinmischen,

so treiben wir es noch einmal, wie wir es immer getrieben haben,

nämlich mythologisch. Der "unfreie Wille" ist Mythologie: im

wirklichen Leben handelt es sich nur um starken und schwachen Willen.

- Es ist fast immer schon ein Symptom davon, wo es bei ihm selber

mangelt, wenn ein Denker bereits in aller "Causal-Verknüpfung" und

"psychologischer Nothwendigkeit" etwas von Zwang, Noth, Folgen-Müssen,

Druck, Unfreiheit herausfühlt: es ist verrätherisch, gerade so zu

fühlen, - die Person verräth sich. Und überhaupt wird, wenn ich recht

beobachtet habe, von zwei ganz entgegengesetzten Seiten aus, aber

immer auf eine tief persönliche Weise die "Unfreiheit des Willens"

als Problem gefasst: die Einen wollen um keinen Preis ihre

"Verantwortlichkeit", den Glauben an sich, das persönliche Anrecht auf

ihr Verdienst fahren lassen (die eitlen Rassen gehören dahin -); die

Anderen wollen umgekehrt nichts verantworten, an nichts schuld sein

und verlangen, aus einer innerlichen Selbst-Verachtung heraus, sich

selbst irgend wohin abwälzen zu können. Diese Letzteren pflegen sich,

wenn sie Bücher schreiben, heute der Verbrecher anzunehmen; eine Art

von socialistischem Mitleiden ist ihre gefälligste Verkleidung. Und

in der That, der Fatalismus der Willensschwachen verschönert sich

erstaunlich, wenn er sich als "la religion de la souffrance humaine"

einzuführen versteht: es ist sein "guter Geschmack".

22.

Man vergebe es mir als einem alten Philologen, der von der Bosheit

nicht lassen kann, auf schlechte Interpretations-Künste den Finger zu

legen - aber jene "Gesetzmässigkeit der Natur", von der ihr Physiker

so stolz redet, wie als ob - - besteht nur Dank eurer Ausdeutung und

schlechten "Philologie", - sie ist kein Thatbestand, kein "Text",

vielmehr nur eine naiv-humanitäre Zurechtmachung und Sinnverdrehung,

mit der ihr den demokratischen Instinkten der modernen Seele sattsam

entgegenkommt! "Überall Gleichheit vor dem Gesetz, - die Natur

hat es darin nicht anders und nicht besser als wir": ein artiger

Hintergedanke, in dem noch einmal die pöbelmännische Feindschaft gegen

alles Bevorrechtete und Selbstherrliche, insgleichen ein zweiter und

feinerer Atheismus verkleidet liegt. "Ni dieu, ni maître" - so wollt

auch ihr's.- und darum "hoch das Naturgesetz"! - nicht wahr? Aber,

wie gesagt, das ist Interpretation, nicht Text; und es könnte

Jemand kommen, der, mit der entgegengesetzten Absicht und

Interpretationskunst, aus der gleichen Natur und im Hinblick auf

die gleichen Erscheinungen, gerade die tyrannisch-rücksichtenlose

und unerbittliche Durchsetzung von Machtansprüchen herauszulesen

verstünde, - ein Interpret, der die Ausnahmslosigkeit und

Unbedingtheit in allem "Willen zur Macht" dermaassen euch vor

Augen stellte, dass fast jedes Wort und selbst das Wort "Tyrannei"

schliesslich unbrauchbar oder schon als schwächende und mildernde

Metapher - als zu menschlich - erschiene; und der dennoch damit

endete, das Gleiche von dieser Welt zu behaupten, was ihr behauptet,

nämlich dass sie einen "nothwendigen" und "berechenbaren" Verlauf

habe, aber nicht, weil Gesetze in ihr herrschen, sondern weil absolut

die Gesetze fehlen, und jede Macht in jedem Augenblicke ihre letzte

Consequenz zieht. Gesetzt, dass auch dies nur Interpretation ist - und

ihr werdet eifrig genug sein, dies einzuwenden? - nun, um so besser. -

23.

Die gesammte Psychologie ist bisher an moralischen Vorurtheilen und

Befürchtungen hängen geblieben: sie hat sich nicht in die Tiefe

gewagt. Dieselbe als Morphologie und Entwicklungslehre des Willens zur

Macht zufassen, wie ich sie fasse - daran hat noch Niemand in seinen

Gedanken selbst gestreift: sofern es nämlich erlaubt ist, in dem, was

bisher geschrieben wurde, ein Symptom von dem, was bisher verschwiegen

wurde, zu erkennen. Die Gewalt der moralischen Vorurtheile ist tief in

die geistigste, in die anscheinend kälteste und voraussetzungsloseste

Welt gedrungen - und, wie es sich von selbst versteht, schädigend,

hemmend, blendend, verdrehend. Eine eigentliche Physio-Psychologie hat

mit unbewussten Widerständen im Herzen des Forschers zu kämpfen, sie

hat "das Herz" gegen sich: schon eine Lehre von der gegenseitigen

Bedingtheit der "guten" und der "schlimmen" Triebe, macht, als feinere

Immoralität, einem noch kräftigen und herzhaften Gewissen Noth und

Überdruss, - noch mehr eine Lehre von der Ableitbarkeit aller guten

Triebe aus den schlimmen. Gesetzt aber, Jemand nimmt gar die Affekte

Hass, Neid, Habsucht, Herrschsucht als lebenbedingende Affekte,

als Etwas, das im Gesammt-Haushalte des Lebens grundsätzlich und

grundwesentlich vorhanden sein muss, folglich noch gesteigert werden

muss, falls das Leben noch gesteigert werden soll, - der leidet an

einer solchen Richtung seines Urtheils wie an einer Seekrankheit. Und

doch ist auch diese Hypothese bei weitem nicht die peinlichste und

fremdeste in diesem ungeheuren fast noch neuen Reiche gefährlicher

Erkenntnisse: - und es giebt in der That hundert gute Gründe dafür,

dass Jeder von ihm fernbleibt, der es - kann! Andrerseits: ist man

einmal mit seinem Schiffe hierhin verschlagen, nun! wohlan! jetzt

tüchtig die Zähne zusammengebissen! die Augen aufgemacht! die Hand

fest am Steuer! - wir fahren geradewegs über die Moral weg, wir

erdrücken, wir zermalmen vielleicht dabei unsren eignen Rest

Moralität, indem wir dorthin unsre Fahrt machen und wagen, - aber

was liegt an uns! Niemals noch hat sich verwegenen Reisenden und

Abenteurern eine tiefere Welt der Einsicht eröffnet: und der

Psychologe, welcher dergestalt "Opfer bringt" - es ist nicht das

sacrifizio dell'intelletto, im Gegentheil! - wird zum Mindesten

dafür verlangen dürfen, dass die Psychologie wieder als Herrin der

Wissenschaften anerkannt werde, zu deren Dienste und Vorbereitung die

übrigen Wissenschaften da sind. Denn Psychologie ist nunmehr wieder

der Weg zu den Grundproblemen.

Zweites Hauptstück:

Der freie Geist.

24.

O sancta simplicitas! In welcher seltsamen Vereinfachung und Fälschung

lebt der Mensch! Man kann sich nicht zu Ende wundern, wenn man sich

erst einmal die Augen für dies Wunder eingesetzt hat! Wie haben wir

Alles um uns hell und frei und leicht und einfach gemacht! wie wussten

wir unsern Sinnen einen Freipass für alles Oberflächliche, unserm

Denken eine göttliche Begierde nach muthwilligen Sprüngen und

Fehlschlüssen zu geben! - wie haben wir es von Anfang an verstanden,

uns unsre Unwissenheit zu erhalten, um eine kaum begreifliche

Freiheit, Unbedenklichkeit, Unvorsichtigkeit, Herzhaftigkeit,

Heiterkeit des Lebens, um das Leben zu geniessen! Und erst auf diesem

nunmehr festen und granitnen Grunde von Unwissenheit durfte sich

bisher die Wissenschaft erheben, der Wille zum Wissen auf dem Grunde

eines viel gewaltigeren Willens, des Willens zum Nicht-wissen, zum

Ungewissen, zum Unwahren! Nicht als sein Gegensatz, sondern - als

seine Verfeinerung! Mag nämlich auch die Sprache, hier wie anderwärts,

nicht über ihre Plumpheit hinauskönnen und fortfahren, von Gegensätzen

zu reden, wo es nur Grade und mancherlei Feinheit der Stufen giebt;

mag ebenfalls die eingefleischte Tartüfferie der Moral, welche jetzt

zu unserm unüberwindlichen "Fleisch und Blut" gehört, uns Wissenden

selbst die Worte im Munde umdrehen: hier und da begreifen wir es und

lachen darüber, wie gerade noch die beste Wissenschaft uns am besten

in dieser vereinfachten, durch und durch künstlichen, zurecht

gedichteten, zurecht gefälschten Welt festhalten will, wie sie

unfreiwillig-willig den Irrthum liebt, weil sie, die Lebendige, - das

Leben liebt!

25.

Nach einem so fröhlichen Eingang möchte ein ernstes Wort nicht

überhört werden: es wendet sich an die Ernstesten. Seht euch vor,

ihr Philosophen und Freunde der Erkenntniss, und hütet euch vor dem

Martyrium! Vor dem Leiden "um der Wahrheit willen"! Selbst vor der

eigenen Vertheidigung! Es verdirbt eurem Gewissen alle Unschuld und

feine Neutralität, es macht euch halsstarrig gegen Einwände und rothe

Tücher, es verdummt, verthiert und verstiert, wenn ihr im Kampfe mit

Gefahr, Verlästerung, Verdächtigung, Ausstossung und noch gröberen

Folgen der Feindschaft, zuletzt euch gar als Vertheidiger der Wahrheit

auf Erden ausspielen müsst: - als ob "die Wahrheit" eine so harmlose

und täppische Person wäre, dass sie Vertheidiger nöthig hätte! und

gerade euch, ihr Ritter von der traurigsten Gestalt, meine Herren

Eckensteher und Spinneweber des Geistes! Zuletzt wisst ihr gut genug,

dass nichts daran liegen darf, ob gerade ihr Recht behaltet, ebenfalls

dass bisher noch kein Philosoph Recht behalten hat, und dass eine

preiswürdigere Wahrhaftigkeit in jedem kleinen Fragezeichen liegen

dürfte, welches ihr hinter eure Leibworte und Lieblingslehren (und

gelegentlich hinter euch selbst) setzt, als in allen feierlichen

Gebärden und Trümpfen vor Anklägern und Gerichtshöfen! Geht lieber bei

Seite! Flieht in's Verborgene! Und habt eure Maske und Feinheit, dass

man euch verwechsele! Oder ein Wenig fürchte! Und vergesst mir den

Garten nicht, den Garten mit goldenem Gitterwerk! Und habt Menschen um

euch, die wie ein Garten sind, - oder wie Musik über Wassern, zur Zeit

des Abends, wo der Tag schon zur Erinnerung wird: - wählt die gute

Einsamkeit, die freie muthwillige leichte Einsamkeit, welche euch auch

ein Recht giebt, selbst in irgend einem Sinne noch gut zu bleiben! Wie

giftig, wie listig, wie schlecht macht jeder lange Krieg, der sich

nicht mit offener Gewalt führen lässt! Wie persönlich macht eine

lange Furcht, ein langes Augenmerk auf Feinde, auf mögliche Feinde!

Diese Ausgestossenen der Gesellschaft, diese Lang-Verfolgten,

Schlimm-Gehetzten, - auch die Zwangs-Einsiedler, die Spinoza's

oder Giordano Bruno's - werden zuletzt immer, und sei es unter der

geistigsten Maskerade, und vielleicht ohne dass sie selbst es wissen,

zu raffinirten Rachsüchtigen und Giftmischern (man grabe doch einmal

den Grund der Ethik und Theologie Spinoza's auf!) - gar nicht

zu reden von der Tölpelei der moralischen Entrüstung, welche an

einem Philosophen das unfehlbare Zeichen dafür ist, dass ihm der

philosophische Humor davon lief. Das Martyrium des Philosophen, seine

"Aufopferung für die Wahrheit" zwingt an's Licht heraus, was vom

Agitator und vom Schauspieler in ihm steckte; und gesetzt, dass man

ihm nur mit einer artistischen Neugierde bisher zugeschaut hat, so

kann in Bezug auf manchen Philosophen der gefährliche Wunsch freilich

begreiflich sein, ihn auch einmal in seiner Entartung zu sehn

(entartet zum "Märtyrer", zum Bühnen- und Tribünen-Schreihals). Nur

dass man sich, mit einem solchen Wunsche, darüber klar sein muss, was

man jedenfalls dabei zu sehen bekommen wird: - nur ein Satyrspiel, nur

eine Nachspiel-Farce, nur den fortwährenden Beweis dafür, dass die

lange eigentliche Tragödie zu Ende ist: vorausgesetzt, dass jede

Philosophie im Entstehen eine lange Tragödie war. -

26.

Jeder auserlesene Mensch trachtet instinktiv nach seiner Burg und

Heimlichkeit, wo er von der Menge, den Vielen, den Allermeisten erlöst

ist, wo er die Regel "Mensch" vergessen darf, als deren Ausnahme: -

den Einen Fall ausgenommen, dass er von einem noch stärkeren Instinkte

geradewegs auf diese Regel gestossen wird, als Erkennender im

grossen und ausnahmsweisen Sinne. Wer nicht im Verkehr mit Menschen

gelegentlich in allen Farben der Noth, grün und grau vor Ekel,

Überdruss, Mitgefühl, Verdüsterung, Vereinsamung schillert, der ist

gewiss kein Mensch höheren Geschmacks; gesetzt aber, er nimmt alle

diese Last und Unlust nicht freiwillig auf sich, er weicht ihr

immerdar aus und bleibt, wie gesagt, still und stolz auf seiner Burg

versteckt, nun, so ist Eins gewiss: er ist zur Erkenntniss nicht

gemacht, nicht vorherbestimmt. Denn als solcher würde er eines Tages

sich sagen müssen "hole der Teufel meinen guten Geschmack! aber die

Regel ist interessanter als die Ausnahme, - als ich, die Ausnahme!"

- und würde sich hinab begeben, vor Allem "hinein". Das Studium des

durchschnittlichen Menschen, lang, ernsthaft, und zu diesem Zwecke

viel Verkleidung, Selbstüberwindung, Vertraulichkeit, schlechter

Umgang - jeder Umgang ist schlechter Umgang ausser dem mit

Seines-Gleichen -: das macht ein nothwendiges Stück der

Lebensgeschichte jedes Philosophen aus, vielleicht das unangenehmste,

übelriechendste, an Enttäuschungen reichste Stück. Hat er aber Glück,

wie es einem Glückskinde der Erkenntniss geziemt, so begegnet er

eigentlichen Abkürzern und Erleichterern seiner Aufgabe, - ich meine

sogenannten Cynikern, also Solchen, welche das Thier, die Gemeinheit,

die "Regel" an sich einfach anerkennen und dabei noch jenen Grad von

Geistigkeit und Kitzel haben, um über sich und ihres Gleichen vor

Zeugen reden zu müssen: - mitunter wälzen sie sich sogar in Büchern

wie auf ihrem eignen Miste. Cynismus ist die einzige Form, in welcher

gemeine Seelen an Das streifen, was Redlichkeit ist; und der höhere

Mensch hat bei jedem gröberen und feineren Cynismus die Ohren

aufzumachen und sich jedes Mal Glück zu wünschen, wenn gerade vor ihm

der Possenreisser ohne Scham oder der wissenschaftliche Satyr laut

werden. Es giebt sogar Fälle, wo zum Ekel sich die Bezauberung mischt:

da nämlich, wo an einen solchen indiskreten Bock und Affen, durch eine

Laune der Natur, das Genie gebunden ist, wie bei dem Abbé Galiani, dem

tiefsten, scharfsichtigsten und vielleicht auch schmutzigsten Menschen

seines Jahrhunderts - er war viel tiefer als Voltaire und folglich

auch ein gut Theil schweigsamer. Häufiger schon geschieht es, dass,

wie angedeutet, der wissenschaftliche Kopf auf einen Affenleib, ein

feiner Ausnahme-Verstand auf eine gemeine Seele gesetzt ist, - unter

Ärzten und Moral-Physiologen namentlich kein seltenes Vorkommniss. Und

wo nur Einer ohne Erbitterung, vielmehr harmlos vom Menschen redet als

von einem Bauche mit zweierlei Bedürfnissen und einem Kopfe mit Einem;

überall wo Jemand immer nur Hunger, Geschlechts-Begierde und Eitelkeit

sieht, sucht und sehn will, als seien es die eigentlichen und einzigen

Triebfedern der menschlichen Handlungen; kurz, wo man "schlecht" vom

Menschen redet - und nicht einmal schlimm -, da soll der Liebhaber

der Erkenntniss fein und fleissig hinhorchen, er soll seine Ohren

überhaupt dort haben, wo ohne Entrüstung geredet wird. Denn der

entrüstete Mensch, und wer immer mit seinen eignen Zähnen sich selbst

(oder, zum Ersatz dafür, die Welt, oder Gott, oder die Gesellschaft)

zerreisst und zerfleischt, mag zwar moralisch gerechnet, höher stehn

als der lachende und selbstzufriedene Satyr, in jedem anderen Sinne

aber ist er der gewöhnlichere, gleichgültigere, unbelehrendere Fall.

Und Niemand lügt soviel als der Entrüstete. -

27.

Es ist schwer, verstanden zu werden: besonders wenn man gangasrotogati

denkt und lebt, unter lauter Menschen, welche anders denken und leben,

nämlich kurmagati oder besten Falles "nach der Gangart des Frosches"

mandeikagati - ich thue eben Alles, um selbst schwer verstanden zu

werden? - und man soll schon für den guten Willen zu einiger Feinheit

der Interpretation von Herzen erkenntlich sein. Was aber "die guten

Freunde" anbetrifft, welche immer zu bequem sind und gerade als

Freunde ein Recht auf Bequemlichkeit zu haben glauben: so thut

man gut, ihnen von vornherein einen Spielraum und Tummelplatz des

Missverständnisses zuzugestehn: - so hat man noch, zu lachen; - oder

sie ganz abzuschaffen, diese guten Freunde, - und auch zu lachen!

28.

Was sich am schlechtesten aus einer Sprache in die andere übersetzen

lässt, ist das tempo ihres Stils: als welcher im Charakter der Rasse

seinen Grund hat, physiologischer gesprochen, im Durchschnitts-tempo

ihres "Stoffwechsels". Es giebt ehrlich gemeinte Übersetzungen, die

beinahe Fälschungen sind, als unfreiwillige Vergemeinerungen des

Originals, bloss weil sein tapferes und lustiges tempo nicht mit

übersetzt werden konnte, welches über alles Gefährliche in Dingen und

Worten wegspringt, weghilft. Der Deutsche ist beinahe des Presto in

seiner Sprache unfähig: also, wie man billig schliessen darf, auch

vieler der ergötzlichsten und verwegensten Nuances des freien,

freigeisterischen Gedankens. So gut ihm der Buffo und der Satyr fremd

ist, in Leib und Gewissen, so gut ist ihm Aristophanes und Petronius

unübersetzbar. Alles Gravitätische, Schwerflüssige, Feierlich-Plumpe,

alle langwierigen und langweiligen Gattungen des Stils sind bei den

Deutschen in überreicher Mannichfaltigkeit entwickelt, - man vergebe

mir die Thatsache, dass selbst Goethe's Prosa, in ihrer Mischung von

Steifheit und Zierlichkeit, keine Ausnahme macht, als ein Spiegelbild

der "alten guten Zeit", zu der sie gehört, und als Ausdruck des

deutschen Geschmacks, zur Zeit, wo es noch einen "deutschen Geschmack"

gab: der ein Rokoko-Geschmack war, in moribus et artibus. Lessing

macht eine Ausnahme, Dank seiner Schauspieler-Natur, die Vieles

verstand und sich auf Vieles verstand: er, der nicht umsonst der

Übersetzer Bayle's war und sich gerne in die Nähe Diderot's und

Voltaire's, noch lieber unter die römischen Lustspieldichter

flüchtete: - Lessing liebte auch im tempo die Freigeisterei, die

Flucht aus Deutschland. Aber wie vermöchte die deutsche Sprache, und

sei es selbst in der Prosa eines Lessing, das tempo Macchiavell's

nachzuahmen, der, in seinem principe, die trockne feine Luft von

Florenz athmen lässt und nicht umhin kann, die ernsteste Angelegenheit

in einem unbändigen Allegrissimo vorzutragen: vielleicht nicht ohne

ein boshaftes Artisten-Gefühl davon, welchen Gegensatz er wagt, -

Gedanken, lang, schwer, hart, gefährlich, und ein tempo des Galopps

und der allerbesten muthwilligsten Laune. Wer endlich dürfte gar eine

deutsche Übersetzung des Petronius wagen, der, mehr als irgend ein

grosser Musiker bisher, der Meister des presto gewesen ist, in

Erfindungen, Einfällen, Worten: - was liegt zuletzt an allen Sümpfen

der kranken, schlimmen Welt, auch der "alten Welt", wenn man, wie er,

die Füsse eines Windes hat, den Zug und Athem, den befreienden Hohn

eines Windes, der Alles gesund macht, indem er Alles laufen macht! Und

was Aristophanes angeht, jenen verklärenden, complementären Geist, um

dessentwillen man dem ganzen Griechenthum verzeiht, dass es da war,

gesetzt, dass man in aller Tiefe begriffen hat, was da Alles der

Verzeihung, der Verklärung bedarf: - so wüsste ich nichts, was mich

über Plato's Verborgenheit und Sphinx-Natur mehr hat träumen lassen

als jenes glücklich erhaltene petit falt: dass man unter dem

Kopfkissen seines Sterbelagers keine "Bibel" vorfand, nichts

Ägyptisches, Pythagoreisches, Platonisches, - sondern den

Aristophanes. Wie hätte auch ein Plato das Leben ausgehalten - ein

griechisches Leben, zu dem er Nein sagte, - ohne einen Aristophanes! -

29.

Es ist die Sache der Wenigsten, unabhängig zu sein: - es ist ein

Vorrecht der Starken. Und wer es versucht, auch mit dem besten Rechte

dazu, aber ohne es zu müssen, beweist damit, dass er wahrscheinlich

nicht nur stark, sondern bis zur Ausgelassenheit verwegen ist. Er

begiebt sich in ein Labyrinth, er vertausendfältigt die Gefahren,

welche das Leben an sich schon mit sich bringt; von denen es nicht die

kleinste ist, dass Keiner mit Augen sieht, wie und wo er sich verirrt,

vereinsamt und stückweise von irgend einem Höhlen-Minotaurus des

Gewissens zerrissen wird. Gesetzt, ein Solcher geht zu Grunde, so

geschieht es so ferne vom Verständniss der Menschen, dass sie es nicht

fühlen und mitfühlen: - und er kann nicht mehr zurück! er kann auch

zum Mitleiden der Menschen nicht mehr zurück! - -

30.

Jenseits von Gut und Böse · 第 4 / 9 题