Nach Amerika zurückgekehrt, gab Mark Twain den ›Gestohlenen weißen

Elefanten‹ heraus. In diesem Band findet sich auch das berühmte:

›Brüder, knipst ein!‹ dessen Ursprung auf eine Einrichtung

zurückzuführen ist, die damals versuchsweise in der New Yorker

Stadtbahn getroffen wurde. Sie bestand in einer Art gegenseitiger

Kontrole für Schaffner und Reisende; die betreffende Verfügung der

Direktion wurde in den Koupees angeschlagen; sie war zufällig so

abgefaßt, daß sie sich von selbst zu reimen schien und eine Art

Gassenhauer bildete, der bald in aller Munde war. Mark Twain hat diesen

Umstand aufs trefflichste benützt, um seinen Witz auszulassen.

Im Jahre 1883 erschien das ›Leben auf dem Mississippi‹, welches ein

bedeutendes Bruchstück aus dem eigenen Leben des Verfassers enthält. Im

ersten Teil desselben schildert er aufs anschaulichste seine Thätigkeit

als Lotse auf einem Dampfer des Riesenstromes, während er im zweiten

Teil bei den Veränderungen verweilt, die sich seit dem Bürgerkriege auf

dem Mississippi und an dessen Ufern vollzogen haben.

Eine Erzählung ganz eigener Art, mit der Mark Twain selbst seine

genauesten Freunde überraschte, ›Prinz und Bettelknabe‹ folgte 1885.

Es kann nicht eigentlich unter die humoristischen Schriften zählen,

verrät vielmehr die eingehendsten und genauesten Kenntnisse der

Zustände Altenglands, die nur als Frucht ausgedehnter Geschichts- und

Sprachstudien gewonnen werden konnten.

In ›Huckleberry Finn‹, der Fortsetzung und dem Seitenstück von ›Tom

Sawyer‹, das 1886 veröffentlicht wurde, bot der Verfasser seinem

Publikum eine hochwillkommene Gabe. Sie berichtet die weiteren

Erlebnisse Tom Sawyers und seines Freundes Huckleberry und macht den

Leser mit einer Menge neuer Charaktere bekannt, die durch ihre Frische

und Eigenartigkeit ungewöhnlich anziehend sind.

Ferner hat Mark Twain geschrieben: ›Der amerikanische Prätendent‹, --

›Ein Yankee an dem Hofe König Arthurs‹, -- ›Die Jungfrau von Orleans‹.

Die erste dieser Erzählungen erschien zwar in deutscher Uebersetzung,

bleibt jedoch hinter anderen humoristischen Schöpfungen des Autors

zurück. Die beiden anderen Erzählungen verraten gleich dem früher

erwähnten ›Prinz und Bettelknabe‹, daß Mark Twain sehr eingehende

Studien der altenglischen und altfranzösischen Geschichte getrieben

hat; sie liegen jedoch nach Stoff und Behandlung einem deutschen

Leserkreis fern; sein Werk über die ›Jungfrau von Orleans‹ ist übrigens

durchaus ernster Art. Dagegen zeigt er in seiner Erzählung ›Querkopf

Wilson‹ (in deutscher Uebersetzung 1898 im Verlag von Rob. Lutz in

besonderer Ausgabe erschienen) wiederum den Humor seiner besten Zeit,

ja manche Kritiker schätzen ›Querkopf Wilson‹ als eine der genialsten

Gaben des Autors. Die Erzählung spielt in den dreißiger Jahren in einem

der damaligen Sklavenstaaten am Mississippi und er hat in ihr den Typus

einer Negermutter geschaffen, der in seiner tragi-komischen Gestaltung

kaum wirkungsvoller dargestellt werden könnte. Der eigentliche Held der

Erzählung ›Querkopf Wilson‹ ist ein Sonderling, dem Mark Twain durch

eine Reihe von Sprüchen, die im ›Kalender Wilsons‹ enthalten sind,

einen Teil seiner eigenen Lebensweisheit in den Mund gelegt hat. -- Von

seinem allerneuesten Werk: der ›Reise um die Welt‹ wird später die Rede

sein.

Von Mark Twain’s Büchern sind in Amerika über eine Million Exemplare

verkauft worden und ungefähr halb so viele in England und den

Kolonieen; auch wurden die meisten seiner Werke ins Französische,

Italienische, Deutsche, Norwegische und Dänische übertragen.

In Deutschland waren Mark Twains Schriften vor Erscheinen der

vorliegenden Ausgabe wenig verbreitet. Erst durch diese, welche

den schwer zu verdeutschenden Autor in einer allen Anforderungen

entsprechenden guten Uebersetzung zu billigem Preis bringt, und

zwar durch Auswahl des Allerbesten und für Deutschland Passendsten,

hat Mark Twain in Deutschland eine noch immer im Wachsen begriffene

Volkstümlichkeit erlangt.

Sechstes Kapitel.

Oeffentliche Vorlesungen.

Von vielen Seiten aufgefordert, vereinigten sich Mark Twain und George

W. Cable im Jahre 1884 zu einer Rundreise durch die Vereinigten

Staaten, um Vorlesungen aus ihren eigenen Werken zu halten. Ueberall,

wohin die beiden Schriftsteller kamen, wurden sie mit Freuden

aufgenommen und fanden volle Häuser. Wie wir bereits wissen, war für

Mark Twain ein solches öffentliches Auftreten nichts Neues; schon 1866

und 1867 hatte er in Nevada und Kalifornien eine Reihe von Vorlesungen

gehalten, sich auch bei verschiedenen Gelegenheiten in England vor

einem größeren Publikum hören lassen. Sehr beliebt war er auch als

Tischredner bei Festessen, seine Toaste in Boston und New York hatten

Aufsehen erregt, auch seine Shakespearevorlesungen rühmte man als

meisterhaft.

Die obenerwähnte Vorlesungstour dauerte fünf Monate und es trug

sich manches Spaßhafte dabei zu. Als Clemens und Cable nach Albany,

der Hauptstadt des Staates New York, kamen, machten sie dort in

Gesellschaft mehrerer anderer Herren dem Gouverneur ihre Aufwartung und

wollten auch das Kapitol besuchen. Der Generaladjutant war ausgegangen

und sie mußten im Bureau auf seine Rückkehr warten. Clemens ließ sich

behaglich an einem der Schreibtische nieder, die andern Herren setzten

sich gleichfalls und bald war eine heitere Unterhaltung im Gange. Da

kamen plötzlich von allen Seiten wohl ein Dutzend Schreiber und Beamte,

die in der Abteilung beschäftigt waren, ins Bureau gestürzt, um nach

ihrem Begehr zu fragen. Die Mitglieder der Gesellschaft sahen einander

verwundert an, sie begriffen nicht, um was es sich handeln könne. Bald

jedoch stellte sich heraus, daß Mark Twain zufällig oder absichtlich

auf den elektrischen Klingeln Platz genommen und die ganze Reihe auf

einmal in Bewegung gesetzt hatte.

In Montreal befanden sich unter Mark Twains Zuhörern viele Franzosen;

dies veranlaßte ihn zu folgender Anrede:

»Die hier anwesenden Gäste sind der größten Anzahl nach Franzosen; es

wird daher wohl angemessen sein, daß ich wenigstens einen Teil meiner

Rede in ihrer schönen Sprache halte, um doch einigermaßen verstanden

zu werden. Mich überfällt immer eine gewisse Blödigkeit, wenn ich

französisch sprechen soll; nur wenn ich in Aufregung gerate, geht es

fließend. Auch bin ich, soviel ich weiß, noch nie für einen Franzosen

gehalten worden, wenigstens nicht von Menschen, höchstens von Pferden.

Ich hatte früher gehofft, mich durch den französischen _Satzbau_

allein schon verständlich machen zu können, aber, der Versuch, welchen

ich einmal in Quebec damit anstellte, mißlang gänzlich. Als das

Dienstmädchen mir öffnete, fragte ich: ›Herr Soundso, ist er bei sich?‹

-- Sie verstand mich nicht. Ich fuhr fort: ›Ist es, daß er noch nicht

ist zurückgekehrt nach seinem Haus der Geschäfte?‹ -- Sie begriff mich

noch immer nicht. ›Er wird sein trostlos, wenn er hört, daß sein Freund

Amerikaner ist angekommen und er nicht bei sich, ihm zu schütteln die

Hand.‹ Selbst das verstand sie nicht -- weshalb, ist mir unbegreiflich.

Ja, sie wurde sogar ärgerlich und als ihr jemand von hinten zurief:

›Wer ist denn da?‹ erwiderte sie kurz: ›Ein Narr!‹ und schlug mir die

Thür vor der Nase zu. -- Vielleicht hatte sie nicht unrecht; aber

wie konnte sie es wissen -- sie sah mich doch zum allererstenmal! --

Wie gesagt, ich möchte bei diesem Vortrag meinen Gefühlen gern auf

Französisch Luft machen, aber ganz schmucklos, ohne alle blumigen

Redensarten, denn nach meiner Meinung ist edle Einfachheit die größte

Zierde jedes litterarischen Erzeugnisses! also: ~J’ai un beau bouton

de mon oncle, mais je n’ai pas celui du charpentier. Si vous avez le

fromage du brave menuisier, c’est bon; mais si vous ne l’avez pas, ne

vous désolez pas, prenez le chapeau de drap noir de son beau-frère

malade. Tout à l’heure! Savoir faire! Qu’est ce que vous dites? Pâté

de foie gras. Revenons à nos moutons. Pardon messieurs, pardonnez moi;

j’ai essayé de parler la belle langue d’Ollendorf~, aber das macht mir

mehr Mühe als Sie sich vorstellen können. Glauben Sie mir, ich habe es

in bester Absicht gethan und so gut ich irgend konnte.« -- Von seinen

bekanntesten Tischreden erwähnen wir nur einen Toast auf das ›Weib‹. Er

sagte dabei unter anderem folgendes:

»Die Tochter der modernen Zivilisation ist das kostbarste und

auserlesenste Wunder, das uns je vorgekommen ist. Um sie zu erzeugen,

müssen alle Länder, alle Zonen, alle Künste ihren Beitrag liefern: Ihr

Weißzeug ist aus Belfast, ihr Kleid aus Paris, ihr Fächer aus Japan,

ihr Bouquethalter aus China, ihre Uhr aus Genf, ihr Haar aus -- ja,

wo ihr Haar her ist, habe ich nie ausfindig machen können. Ich meine

natürlich nicht ihr gewöhnliches Haar, mit dem sie zu Bette geht,

sondern ihr Sonntagshaar, das Ding, das sie zusammendreht und dann

immer rund um den Kopf wickelt wie einen Bienenkorb, unter dem sie

zuletzt das Ende verschwinden läßt ...«

* * * * *

Bald nachdem Clemens wieder nach Hartford zurückgekehrt war, suchte ihn

dort ein angesehener Verleger auf, der von ihm einen litterarischen

Beitrag zu haben wünschte und sich erbot, jeden Preis dafür zu zahlen,

den der Humorist fordern würde.

»Wissen Sie,« erwiderte ihm Mark Twain in seiner schleppenden Weise,

»eben erst habe ich mir ein schauderhaft dickes Buch vom Halse

geschrieben und den Bewohnern dieses unglücklichen Landes eine

endlose Reihe Vorlesungen auf den Hals gejagt; mir ist zu Mute wie

einer Riesenschlange, die einen Ziegenbock verschluckt hat. Ich muß

wenigstens ein halbes Jahr still liegen, ohne auch nur den Schwanz zu

rühren.«

Das sollte seine abschlägige Antwort bedeuten.

Siebentes Kapitel.

Mark Twain daheim.

Als Clemens 1871 den Entschluß faßte, Buffalo zu verlassen und seinen

dauernden Wohnsitz im Osten zu nehmen, wählte er, wie bereits erwähnt,

Hartford in Connecticut. Die Stadt hatte ihm bei einem früheren

Besuche gleich ausnehmend gefallen, da sie regen geistigen Verkehr

und lebhaften Handel und Wandel mit ländlicher Zurückgezogenheit zu

vereinigen schien.

In Nook Farm auf der Farmington Avenue, etwa fünfviertel Meilen von der

Geschäftsgegend der Stadt entfernt, baute er sich ganz nach eigenem

Geschmack ein geräumiges Wohnhaus aus verschiedenfarbigen Backsteinen

und buntem Mörtel, welches mit seinen Giebeln, Bogenwölbungen und

altertümlichen Fenstern einem jener altadeligen Herrenhäuser nicht

unähnlich sieht, an welchen England so reich ist.

Von Mark Twains glücklichem Leben in den siebenziger und achtziger

Jahren hat ein Hausfreund ein anziehendes Bild entworfen. Er schreibt:

An Mitteln, sein Besitztum zu vergrößern und zu verschönern,

hat es Mark Twain nicht gefehlt, seit er mit seiner jungen Frau

in Hartford Einzug gehalten hat. Alles, was die Neuzeit durch

Kunst und Erfindung zur Annehmlichkeit des Lebens beitragen

kann, findet sich in ihrem Heim reichlich vertreten.

Mark Twains Arbeitszimmer ist im obern Stock und bietet

eine herrliche Aussicht, die man am besten von einem der

drei Balkons genießt, welche an das Zimmer stoßen. In einer

Ecke steht der Schreibtisch und in der Mitte des Raumes das

Billard, auf dem der Hausherr gern von Zeit zu Zeit ein paar

kunstgerechte Stöße thut, wenn er sich vom Schriftstellern

erholen will. Es ist sein Lieblingsspiel, das er mit ebenso

viel Eifer als Geschicklichkeit betreibt. Ein Freund erzählt

von ihm, er habe einmal mitten in der Partie bemerkt, daß

Funken, die aus dem Kamin gesprungen waren, einen Haufen loser

Papiere auf dem Boden entzündet hatten und eine Feuersbrunst zu

befürchten stand. Statt das Spiel zu unterbrechen, klingelte er

nach dem Diener, befahl diesem, den Brand zu löschen und that

zugleich einen wahren Meisterstoß mit dem Queue, das er in der

Hand hielt. Mark Twain gerät nie in Aufregung.

Das Jahr zerfällt für ihn in zwei Teile. Vom 1. Juni bis Mitte

September lebt er auf der Besitzung von Verwandten seiner

Frau, in Quarry Farm bei Elmira im Staate New York. Hier

ist für ihn ein Sommerhaus errichtet worden, das auf einer

Bergspitze, sechshundert Fuß über dem Thalgrund, steht. Das

Gebäude ist fast durchweg aus Glas und zwar nach dem Muster

der Lotsenbehausung auf einem Mississippidampfer gebaut. Von

allem Verkehr mit der Außenwelt abgeschlossen, beschäftigt sich

Clemens hier hauptsächlich mit seinen schriftstellerischen

Arbeiten. Jeden Morgen um halb neun begiebt er sich in seine

luftige Schreibstube, die etwas abseits vom Hause liegt,

und bleibt dort, bis das Blasen eines Horns ihn ungefähr um

fünf Uhr zu Tische ruft. Dazwischen nimmt er keine Mahlzeit

ein und es herrscht strenge Weisung, ihn während seiner

Arbeitszeit nicht zu stören. Sein einziger Genuß währenddem

ist seine Zigarre. Wie bekannt, ist er ein leidenschaftlicher

Raucher und läßt die Zigarre selten ausgehen. Bei der Arbeit

ist sie ihm geradezu unentbehrlich, da er ohne sie nichts

von Belang zustande bringt. Auf Reisen nimmt er immer seine

eigene Sorte mit, auch eine Auswahl der kurzen Pfeifen, an

die er gewöhnt ist, und einen Vorrat Tabak. Ein Herr, der

ihn bei seiner letzten Ueberfahrt nach Frankreich auf dem

Dampfer traf, erzählt scherzend, er sei stets mit einem

ungeheuern Tabakspaket und einer Anzahl Zigarrenschachteln

auf Deck gekommen, da er die Sorge für diesen Teil seines

Gepäcks keiner Menschenseele anvertrauen wollte. Wenn er sich

eine frische Zigarre anzündete, so habe er unterdessen das

Tabakspaket auf den Boden gelegt und mit dem Fuße festgehalten,

damit es ihm niemand entwenden konnte.

[Illustration]

Er ist übrigens beständig auf der Jagd nach einer Zigarre, die

in Bezug auf Preis und Güte alle seine Ansprüche befriedigt.

Einmal glaubte er die Sorte gefunden zu haben, die er suchte,

und man sagt, daß nach einer Abendgesellschaft, die er im

Winter bei sich in Hartford gab, jeder seiner Gäste sich vor

dem Fortgehen eine von diesen Zigarren anzünden mußte. Am

andern Morgen fand er sie sämtlich auf dem Schnee liegen, neben

dem Fußpfad, der durch seine Wiese führt. Die Herren hatten sie

alle aus Höflichkeit geraucht, bis sie im Freien waren, wo ihr

Selbsterhaltungstrieb über die Höflichkeit siegte. Sie warfen

die Zigarren fort, ohne zu bedenken, daß man sie bei Tageslicht

finden werde. Durch die Entdeckung, welche der nächste Morgen

brachte, war das Urteil über die neue Sorte ein für allemal

gesprochen.

In Elmira arbeitet Clemens angestrengt. Er stellt da die

Aufzeichnungen, die er das Jahr über in seinen Notizbüchern

gemacht hat, zu einem Ganzen zusammen, beendet angefangene

Arbeiten und giebt dem, was nur Entwurf war, seine endgültige

Form. Es liegt übrigens nicht in seiner Art, bei einer

schriftstellerischen Unternehmung zu bleiben und sie zu Ende zu

führen, ehe er etwas Neues beginnt, sondern er hat immer eine

Anzahl Pläne zugleich vor und arbeitet daran je nach Stimmung.

Außer seiner Leidenschaft für das Billard hat Mark Twain

auch eine große Vorliebe für das Velociped. Er hält sich

zwar in Hartford Wagen und Pferde, macht aber am liebsten

große Ausflüge auf dem Zweirad. Auch ist er ein unermüdlicher

Fußgänger; sein Freund, der Prediger an der Hartforder Kirche,

welche Clemens regelmäßig besucht, begleitet ihn gewöhnlich auf

seinen weiten Spaziergängen.

Führt Clemens in Elmira ein meist zurückgezogenes Leben, so

ist dagegen sein Tageslauf in Hartford, wohin er im September

zurückkehrt, voll Abwechslung und Unterhaltung. Hier hält er

seine Zeit weniger streng zu Rate und überläßt sich ungehindert

den Freuden des geselligen Verkehrs. Er bewirtet viele Freunde

und sein gastfreies Haus bildet einen Mittelpunkt für die

litterarische Welt. Howells, der ausgezeichnete Novellist,

verkehrt fleißig bei ihm, wie früher Bayard Taylor, Cable,

Aldrich, Henry Irving und viele andere Berühmtheiten bei ihm zu

Gaste gewesen sind; der Humorist Dudley Warner und die bekannte

Harriet Beecher-Stowe wohnen ganz in seiner Nähe. Man sagt, daß

er einmal, als er der Verfasserin von ›Onkel Toms Hütte‹ einen

Besuch machte, in seiner Zerstreutheit vergessen hatte, Kragen

und Krawatte anzulegen. Bei seiner Heimkehr bemerkte seine

Gemahlin mit Schrecken, welchen gesellschaftlichen Verstoß

er begangen habe; Mark Twain blieb jedoch höchst gelassen und

sagte, er wolle es schon wieder gut machen. Er legte nun den

Kragen nebst der Krawatte in eine Schachtel und schickte beides

zu Frau Stowe hinüber.

Mark Twain liebt seine Häuslichkeit über alles und ist ein

zärtlicher Gatte und Vater. Von seinen drei hübschen Töchtern

ist Susie, die älteste, 1872 geboren, Clara 1874 und Jean 1880;

ein Söhnchen starb schon in früher Kindheit. Frau Clemens

ist zehn Jahre jünger als ihr Mann, einfach und anspruchslos

in ihrem ganzen Wesen und Auftreten und von sanfter, stiller

Gemütsart. Derselben soll, wie behauptet wird, jeder Sinn für

ihres Mannes Witze abgehen. Bei dem Tode seiner Mutter habe

Clemens geäußert, jetzt lebe kein Glied mehr in der Familie,

das seine Witze verstehen könne.

Susie Clemens gilt für ihres Vaters Liebling und hat viel

von seiner Begabung geerbt. In dem Tagebuch, das sie eine

Zeitlang führte, pflegte sie allerlei kleine Familienereignisse

aufzuzeichnen und eigene Bemerkungen hinzuzufügen. Frau Clemens

las einmal darin folgenden Satz: »Der Vater braucht immer viel

stärkere Ausdrücke, wenn die Mutter nicht dabei ist, oder wenn

er glaubt, daß ›wir‹ es nicht hören.« Sie zeigte dies ihrem

Gatten, der nun absichtlich mancherlei sagte, was dem Kinde

auffallen mußte. Auch fand er seine Aussprüche nachträglich

stets in dem Tagebuche verzeichnet, bis es einmal darin hieß:

»Ich werde jetzt nichts mehr über den Vater schreiben, denn

ich glaube, er hat mein Tagebuch gelesen und thut und sagt mit

Fleiß viele Dinge, damit ich sie aufschreiben soll.«

Dieses schöne Familienglück ist später durch den Tod Susies, wovon

weiter unten die Rede sein wird, sowie durch andere Ereignisse in

trauriger Weise gestört worden. -- Wir möchten diesen Abschnitt aber

nicht schließen, ohne nochmals auf das schöne Band zurückzukommen,

das Mark Twain und seine Gattin verbindet. Von ihr als der Erzieherin

seiner Kinder schrieb er folgende goldene Worte:

»Meine Kinder haben keine treuere und bessere Freundin als ihre

Mutter, das wissen sie, und was ihre Hand nur berührt hat,

gilt ihnen als geheiligt. Nie hat sie ihnen unrecht gethan,

nie ist sie ihnen gegenüber von der _Wahrheit_ abgewichen; sie

hält jedes Versprechen, ob es Lohn oder Strafe verheißt, darauf

können sie sich verlassen; kein _unverständiges Gebot_ ist je

aus ihrem Munde gegangen und stets hat sie unbedingten Gehorsam

verlangt. Freundlich und höflich müssen sie in Wort und

Benehmen gegen Leute _jeden Standes_ sein und auch ihnen wird

stets die liebevollste Rücksicht zu teil. Das alles wissen sie,

denn sie besitzen die beste und gütigste Mutter, die gelebt

hat.«

Das Zusammenleben mit seiner edlen Gattin betrachtet Mark Twain als

das größte Glück seines Lebens und, wenn gelegentlich eine Trennung

unvermeidlich ist, dann sucht er in einer täglichen Korrespondenz

Ersatz. Es berührt uns in dem Zeitalter der Postkarten ganz wunderbar,

wenn er erzählt, wie umfangreich der Briefwechsel zwischen ihm und

seiner Frau bei jeder Trennung ist. Er schreibt ihr täglich. »In sechs

Monaten,« sagte er einmal zu einem Bekannten, »habe ich mindestens

200,000 Wörter an meine Frau geschrieben, und diese Briefe sind nach

meiner Ansicht auch in litterarischer Beziehung das Beste, was ich je

verfaßt habe, der Stil ist so leicht und fließend und die Schilderung

so lebendig, wie sie mir nie gelingt, wenn ich für den Druck schreibe.

Als ich dies einmal Herrn Walker vom ›Cosmopolitan‹ erzählte, meinte

er, es sei eine kolossale Verschwendung, er würde mir 1000 Dollars

für jeden dieser Briefe geben. Das schrieb ich meiner Frau und sagte

ihr, ich könne keine solche Verschwendung treiben, sie möchte mir die

Briefe wieder schicken. ›Nur für 1500 Dollars das Stück,‹ schrieb sie

zurück. Aber ich weiß schon, wenn ich sie beim Wort nähme, würde sie

aufschlagen.« --

Im übrigen kann Mark Twain sehr schreibfaul sein; wo Liebe oder Pflicht

ihm nicht die Feder in die Hand drücken, läßt er dieselbe gerne

ruhen. In dieser Beziehung ist folgende Anekdote charakteristisch:

Der englische Schriftsteller Ballentine hatte lange auf eine Antwort

von Mark Twain gewartet. Endlich verlor er die Geduld und schickte

ihm mit der Post einen Briefbogen und eine Briefmarke, um ihn an sein

Versäumnis zu erinnern. Als Erwiderung erhielt er folgende Postkarte:

»Papier und Marke erhalten. Bitte, schicken Sie ein Kouvert.«

Achtes Kapitel.

Erfinder und Verleger.

Mark Twains Lebenslauf ist ganz der eines ›~self made man~‹, d. h.

eines Mannes, der sich aus eigener Kraft emporgearbeitet. Seine

Schriftstellerei hat darum so viel Kraft und Gehalt, weil sie erfüllt

ist von dem, was der Autor selbst erlebt und durchgemacht. Er war nach

einander Buchdrucker, Lotse, Privatsekretär, Goldgräber, Redakteur

und Vorleser und damit nicht genug wurde er auch noch Erfinder und

Verleger. Die praktischen Erfindungen, die er gemacht und industriell

verwertet hat, sind aus dem eigenen Bequemlichkeitsbedürfnis

entstanden. So erdachte er ein besonderes Taschenbuch zum Aufzeichnen

von Notizen und Einfällen aller Art. Clemens hatte immer vergeblich ein

passendes Buch dieser Art gesucht, alle vorhandenen hatten nämlich die

schlechte Gewohnheit, sich an der falschen Stelle aufzuklappen und ihn

so irre zu machen. _Sein_ Notizbuch dagegen schlägt sich mittels einer

einfachen Vorrichtung immer am rechten Fleck auf -- bei der zuletzt

beschriebenen Seite.

Auch eine Weste hat Mark Twain erfunden, bei der die Tragbänder

überflüssig sind, ein Hemd mit Kragen und Manschetten, in denen man

keinerlei Knöpfe braucht, einen immerwährenden Kalender an die Uhr zu

hängen und ein Brettspiel: eine Art Geschichtslotto, durch das sich die

Jahreszahlen dem Gedächtnis einprägen sollen.

Als Schriftsteller ist Mark Twain vom Glück in hohem Grade begünstigt

worden. Nach seinen ersten Erfolgen als Autor hat Mark Twain oft

geäußert, er würde, wenn er das Leben noch einmal von vorn anfangen

könnte, seine Bücher selbst herausgeben, weil er als sein eigener

Verleger weit mehr Gewinn mit dem Verkauf seiner Schriften erzielen

könnte. Als er im März 1884 das Manuskript von ›Huckleberry Finn‹

beendet hatte, bot er es der ›Amerikanischen Verlagsgesellschaft‹

an, die durch Herausgabe seiner Werke zu bedeutendem Ansehen und

Reichtum gelangt war. Mark Twain hatte bis dahin alles in allem etwa

400,000 Dollars Honorar erhalten. Ueber das neue Buch konnten sich

jedoch Verfasser und Verleger nicht einigen. Lange schwankten die

Verhandlungen hin und her; man bot ihm die Hälfte der Reineinnahme,

aber das genügte ihm nicht, er verlangte sechzig Prozent des Gewinns.

Hierauf glaubte sich die Gesellschaft nicht einlassen zu können, das

Geschäft zerschlug sich und Mark Twain beschloß seinen ›Huckleberry‹

im eigenen Verlage erscheinen zu lassen. In Verbindung mit seinem

Neffen Charles L. Webster, von dessen Geschäftskenntnis er eine hohe

Meinung hatte, gründete er die Firma Webster und Co., welche das neue

Buch herausgab. Jedermann war auf das Ergebnis gespannt und siehe da

-- ›Huckleberry Finn‹ brachte seinem Verfasser eine Nettoeinnahme von

100,000 Dollars. Zwar starb der junge Webster bald darauf, aber der

Name der Firma blieb unverändert bestehen. Sie veröffentlichte auch

noch andere Bücher außer den Mark Twainschen und hat besonders mit den

Memoiren des Papstes und den Denkwürdigkeiten des Generals Grant ein

ungeheures Geschäft gemacht. Für letztere hatte Clemens der Familie

Grant einen Preis geboten, den andere Verleger nicht zu zahlen wagten.

Sie verstanden, nach seiner Ansicht, diese einzigartige Gelegenheit

nicht zu würdigen. Welche Umstände schon nach einigen Jahren den

Zurückgang der Firma Webster herbeiführten, ist uns nicht bekannt

geworden.

[Illustration]

Neuntes Kapitel.

Schicksalsschläge.

Im Jahre 1895, um die Zeit seines 60. Geburtstags brach das Unglück

durch den Bankrott der Firma Webster über ihn herein. Er verlor dabei

sein ganzes Vermögen. Die Firma hinterließ eine große Schuldenlast,

welche er mit einem geradezu heroischen Mute abzutragen beschloß.

Reisebilder und verschiedene Skizzen · 第 19 / 20 段