Das milde Klima von Hawai stellte Mark Twains Gesundheit schnell wieder

her. Nach zweimonatlicher Abwesenheit kehrte er neugekräftigt nach San

Francisco zurück, um dort den Kampf ums Dasein weiter fortzusetzen.

Drittes Kapitel.

Ein ›Harmloser‹ auf Reisen.

Im Winter von 1866 auf 67 hatte sich eine Anzahl begabter Journalisten

in San Francisco zusammengefunden, die kümmerlich von der Hand in den

Mund lebten. Die bekanntesten unter diesen Glücksjägern, welche mit

einander in der Bergmannsschenke speisten, waren Bret Harte, Stoddard,

Webb, Mulford und Mark Twain. So drückenden Mangel wie Samuel Clemens,

der nicht selten am Hungertuche nagte, litt jedoch keiner von ihnen.

Einmal bot ihm ein Schauspieler, der ihn kannte, fünf Dollars für fünf

gute Witze, die er in seiner Rolle anbringen wollte. »Kann leider nicht

dienen,« gab ihm der Humorist zur Antwort, »denn fände man fünf Dollars

bei mir armem Schlucker, so hielte man mich sicherlich für einen Dieb.

Aber auch bei Ihnen, alter Junge, würde gleich jedermann denken,

Sie hätten die Witze, die Sie zum besten geben, gestohlen, wenn sie

einigermaßen anständig wären.«

Als im Januar 1867 Stoddard und Mulford mit Erfolg öffentliche

Vorträge in San Francisco gehalten hatten, erwachte auch Mark Twains

Unternehmungsgeist und er begab sich auf eine Vorlesungstour in den

Städten von Kalifornien und Nevada.

Ein Freund von ihm schildert uns seinen Vortrag in Carson City wie

folgt:

»Das Publikum kam damals mit größter Bereitwilligkeit zu jeder

Unterhaltung herbeigeströmt, die man ihm bot. Auch Mark Twain fand

ein volles Haus, als er gegen acht Uhr die Rednertribüne bestieg. Er

verbeugte sich höflich und faltete eine riesige braune Papierrolle

auseinander, die wie eine Wandkarte aussah. Es stellte sich jedoch

heraus, daß es seine Vorlesung war, die er auf große Bogen Packpapier

mit Frakturschrift geschrieben hatte. Nun drehte er dem Publikum den

Rücken zu, hielt sein seltsames Manuskript dicht an die Lampe, reckte

den Hals, als könne er noch immer nicht sehen und fing an zu lesen.

»Sein Thema war die Zukunft Nevadas und er behandelte es auf ganz

originelle Weise. Er weissagte, daß eine Periode ungeheuren Reichtums

für die Bewohner des Staates im Anzuge sei, forderte sie auf, sich

darauf vorzubereiten und erzählte die unglaublichsten Geschichten

über schier unmögliche Entdeckungen von Silbergruben und Goldlagern,

welche in nächster Zeit bevorstünden. Merkwürdigerweise erschloß sich

unmittelbar darauf wirklich die reichste Fundgrube in Virginia City,

so daß sich seine Prophezeiungen buchstäblich zu erfüllen schienen.

Mark Twains Vorlesung an jenem Abend ist mir immer im Gedächtnis

geblieben. Schade, daß sie nie gedruckt worden ist; ich habe in allen

seinen Büchern, durch die er später berühmt wurde, kaum etwas Besseres

gefunden.«

Mark Twain reiste mehrere Monate lang als Vorleser von einer Stadt zur

andern und fand vielen Anklang; daneben schrieb er interessante Briefe

an verschiedene Zeitungen des Ostens. Auch sammelte er damals den

ersten Band seiner Skizzen, der im März 1867 erschien und nicht nur in

Amerika, sondern auch in England begierige Leser fand.

Ueber Panama ging Clemens nun nach New York und von da nach

Washington, wo er sich seinen Unterhalt erwarb, indem er Reisebriefe

für kalifornische Journale schrieb. Auch als Vorleser trat er in der

Bundeshauptstadt auf, wie aus folgender Schilderung hervorgeht:

»Am zweiten Morgen nach meiner Ankunft in Washington,« erzählt er, »kam

ein Bekannter in aller Frühe zu mir in den Gasthof. Er weckte mich

aus festem Schlaf und legte mir die niederschmetternde Frage vor, ob

ich auch wisse, daß ich noch am Abend des selbigen Tages in Lincoln

Hall eine Vorlesung zu halten habe? -- Ich erwiderte, er müsse wohl

übergeschnappt sein, sonst wäre er ruhig daheim im Bette geblieben,

statt mir zu so ungelegener Zeit mit dergleichen Abgeschmacktheiten zu

kommen. Er aber gab mir, zum Beweis, daß er ganz bei Verstande sei,

eine Anzeige im Morgenblatt zu lesen, in welcher stand, daß Mark Twain

am Abend einen Vortrag über die Sandwich-Inseln halten werde. Meine

Ueberraschung war grenzenlos und mein Aerger nicht gering, denn ich

sah wohl, daß irgend jemand mir den schlechten Streich gespielt haben

müsse.

»Bei näherer Erkundigung stellte sich denn auch alsbald heraus, wie

die Sache zusammenhing. Einer meiner Freunde vom Theater hatte in der

Meinung, mir einen Gefallen zu thun, alle nötigen Vorkehrungen aufs

gründlichste getroffen und nur die Kleinigkeit vergessen, mich von

seinen Absichten in Kenntnis zu setzen. Die Lincoln-Halle war für den

Abend gemietet, die Vorlesung durch Anschlagzettel in der ganzen Stadt

angekündigt und alle Zeitungen brachten Anzeigen und besondere Notizen,

um das Publikum auf den zu erwartenden Genuß vorzubereiten. Ich war in

einer schönen Klemme und wußte mir keinen Rat, denn eine Vorlesung über

die Sandwich-Inseln hatte ich weder je gehalten noch aufgeschrieben.

Aber das konnte ich doch den Leuten nicht sagen -- sie hätten es

einfach nicht geglaubt, nachdem sie es auf den Zetteln gedruckt

gelesen. Der einzige Ausweg, der mir blieb, war, mich in mein Zimmer

einzuschließen und gleich nach dem Frühstück anzufangen, die Vorlesung

zu Papier zu bringen. Das that ich denn auch im Schweiße meines

Angesichts. Ich wurde wirklich bis halb acht Uhr abends damit fertig

und fand bei meiner Ankunft im Saal eine so zahlreiche Zuhörerschaft,

wie ich sie nie im Leben gesehen hatte.

»Ich pflegte zwar im allgemeinen mein Manuskript nicht zu benutzen,

doch schrieb ich damals die Vorlesung immer nieder und legte die

Blätter auf ein Lesepult, wenn ich die Tribüne betrat. Mein Gedächtnis

war gut, ich brauchte auch keine Notizen, doch wollte ich für den

Notfall das Manuskript bei der Hand haben und mich nicht der Beschämung

aussetzen, es erst aus der Tasche ziehen zu müssen. Dies Bewußtsein

beruhigte mich und flößte mir Mut ein, so daß keine verlegenen Pausen

entstanden. Auch an jenem Abend ging alles gut, aber in meiner ganzen

öffentlichen Laufbahn ist mir niemals wieder ein so saueres Stück

Arbeit aufgebürdet worden, als das Abfassen jener Vorlesung über die

Sandwich-Inseln.« --

Eines Nachmittags saß Mark Twain wie gewöhnlich in seinem kleinen

dumpfen Zimmer, rauchte seine Thonpfeife und las mit großem Interesse,

daß das Dampfboot ›Quaker City‹ binnen kurzem eine Fahrt nach Europa

und dem Heiligen Lande antreten werde. Ohne zu ahnen, an welchem

entscheidenden Wendepunkt seines Lebens er stand, schrieb er sofort

an seinen alten Freund, General John Mc Comb, der damals Mitbesitzer

des in San Francisco erscheinenden Tagblatts ›Alta Kalifornia‹ war

und bat ihn um einen Vorschuß von 1200 Dollars in Gold, den er durch

Reisebriefe zu fünfzehn Dollars das Stück zurückerstatten wolle.

Es war keine kleine Zumutung für eine kalifornische Zeitung in den

sechziger Jahren, doch bewog Mc Comb die andern Teilhaber, das Gesuch

zu bewilligen.

So kam es, daß Mark Twain in der ›Quaker City‹ den Ausflug mitmachte,

welche eine geschlossene Gesellschaft nach dem Süden Europas und

dem Orient unternahm. Kapitän Duncan, der den Dampfer befehligte,

behauptet, Clemens habe sich, als er den Platz bestellte, für einen

Baptistenprediger von San Francisco ausgegeben, der seine angegriffene

Gesundheit durch die Fahrt wieder herzustellen wünsche. In Wirklichkeit

reiste er jedoch als Zeitungskorrespondent und wußte die Gelegenheit

vortrefflich auszunützen.

Nach beendeter Reise kehrte Mark Twain zunächst nach Washington zurück,

wo er seine Thätigkeit als Zeitungskorrespondent fortsetzte und die

Abfassung seiner großen Reisebeschreibung, durch welche er seinen

litterarischen Weltruf begründete, begann. Ein Bekannter aus jener Zeit

erzählt über seine damalige Lebensweise:

[Illustration]

»In seinem Zimmer herrschte der größte Wirrwarr, den man sich

vorstellen kann; auf dem Schreibtisch, der eine förmliche

Sehenswürdigkeit war, lag alles durcheinander, neben alten Manuskripten

standen nicht selten alte Stiefel. Beim Schreiben legte er das Papier

nie auf den Tisch, dazu gab es keinen Raum, auch hätte die aufrechte

Stellung ihm nicht behagt. Die Füße auf einem Haufen Manuskripte den

Stuhl nach hinten übergekippt, Notizbuch und Bleistift in der Hand --

so war er gewohnt zu arbeiten. Um seine Gedanken in Fluß zu bringen,

bedurfte es einer ganz besonderen Atmosphäre. Die Luft mußte erst

mit dem abscheulichsten Tabaksqualm durchschwängert sein, den er aus

einer Pfeife dampfte, welche niemals gereinigt wurde, wie viele meiner

damaligen Bekannten bezeugen können. Die Pfeife sollte ihn zugleich

vor unwillkommenen Besuchern schützen; mit recht boshaftem Vergnügen

paffte er darauf los, um einen lästigen Störenfried zu vertreiben,

und beobachtete schadenfroh, wie der unglückliche Eindringling immer

blasser wurde, je länger er den Giftstoff einatmen mußte.«

Im März 1868 reiste Mark Twain in Geschäften nach San Francisco,

kehrte aber schon nach fünfmonatlicher Abwesenheit wieder in den Osten

zurück. Unterwegs auf dem Dampfboot und während des Aufenthalts in

Kalifornien vollendete er die ›~Innocents Abroad~‹, zu deutsch ›Die

Harmlosen auf Reisen‹, welchen Titel er den Schilderungen seiner

Reise auf der ›Quaker City‹ gab, um dadurch seinen naiv unbefangenen

Standpunkt als Beurteiler von Land und Leuten anzudeuten. Von New

York aus sah er sich dann nach einem Verleger für sein Werk um, es

wollte ihm aber damit nicht nach Wunsch gelingen. Vergebens wandte

er sich wohl an ein Dutzend New Yorker Firmen, dann bot er das Buch

einem Verleger in Hartford an und schickte es endlich nach Boston

und Philadelphia; überall fand er den gleichen Mißerfolg. In höchst

begreiflicher Entmutigung legte er das Manuskript nun beiseite, bis es

eines Tages zufällig einem seiner litterarischen Freunde in die Hände

geriet. Diesem gefiel es ausnehmend und er konnte nicht begreifen, daß

nicht jeder erfahrene und urteilsfähige Verleger auf den ersten Blick

erkannt habe, welche Anziehungskraft ein von so echtem Witz und Humor

übersprudelndes Buch gerade auf das amerikanische Publikum üben müsse.

Es gelang denn auch wirklich, die Amerikanische Verlagsgesellschaft

in Hartford zur Herausgabe der ›Harmlosen auf Reisen‹ zu bewegen. Der

Entschluß ward den Direktoren schwer, aber sie brauchten ihn nicht

zu bereuen. Es wurden etwa 200,000 Exemplare verkauft, mit denen die

Verleger etwa 75,000 Dollars Reingewinn erzielten. Mark Twain erhielt

die Hälfte der Einnahme und war überglücklich. Außer ›Onkel Toms Hütte‹

hatte noch nie ein Buch einen ähnlichen Erfolg in Amerika aufzuweisen

gehabt und mit einem Schlage war der Ruhm des Verfassers begründet.

Nachdem seit der Veröffentlichung der ›Harmlosen auf Reisen‹ bald

fünfundzwanzig Jahre verflossen sind, hat sich in den von Mark Twain

damals bereisten Ländern so manches verändert, daß das Werk heute

lange nicht den unmittelbaren und frischen Eindruck macht wie nach

dem Erscheinen. Die gelungensten Episoden aus demselben sind in dem

gegenwärtigen Band wiedergegeben.

Viertes Kapitel.

Verheiratung.

Unter den Passagieren des Dampfers ›Quaker City‹, mit welchem Mark

Twain diese denkwürdige Fahrt nach Europa unternahm, befand sich auch

die Familie des Richters Langdon aus Elmira im Staate New York.

Ein Sohn des Richters wird uns unter dem Namen ›Dan‹ in den ›Harmlosen

auf Reisen‹ vorgestellt, seine Tochter Lizzie aber, eine hübsche,

talentvolle junge Dame, die damals etwas leidend war, machte einen

tiefen Eindruck auf das Herz des Humoristen.

Die Nähe von Elmira mag wohl Mark Twain bestimmt haben, sich um eine

Redakteurstelle in Buffalo zu bewerben, wenigstens finden wir ihn

gegen Ende des Jahres 1869 dort an der Zeitung ›Expreß‹ beschäftigt.

Bei gelegentlichen Besuchen in Elmira erneuerte er die Bekanntschaft

mit Fräulein Langdon. Daß die junge Dame sehr wohlhabend war und in

den angesehensten Verhältnissen lebte, auch ihr Vater ihn keineswegs

begünstigte, wußte der schüchterne Liebhaber nur zu wohl.

Endlich faßte er sich ein Herz und hielt um ihre Hand an, ward aber zu

seinem großen Leidwesen von dem Fräulein abgewiesen.

»Mir war es selbst höchst zweifelhaft, ob Sie mich nehmen würden,«

bemerkte er kleinlaut, »aber versuchen wollte ich’s doch wenigstens.«

Nach einiger Zeit wiederholte er seinen Antrag, jedoch ohne besseren

Erfolg. »Wissen Sie,« sagte er in seiner wohlbekannten, schleppenden

Redeweise, »ich habe eine weit höhere Meinung von Ihnen, als wenn Sie

›ja‹ gesagt hätten -- aber hart ist’s doch.« -- Bei der dritten Anfrage

hatte er endlich mehr Glück, aber nun galt es noch das schwierigste

Werk zu vollbringen, nämlich den Vater zu erobern.

»Herr Richter,« redete er den stolzen Millionär an, »haben Sie wohl

bemerkt, daß zwischen mir und Fräulein Lizzie etwas im Werke ist?«

Der alte Herr, der nicht begriff, was Clemens wollte, betrachtete ihn

mit strenger Miene:

»Durchaus nicht, nein, ich habe nichts bemerkt, wovon reden Sie denn?«

»Nun geben Sie acht, dann werden Sie es schon sehen.«

Das that Herr Langdon denn auch und nachher, als ihm die Augen

aufgegangen waren, ließ er den feurigen Verehrer seiner Tochter eines

Tages in sein Privatzimmer kommen.

»Herr Clemens,« sagte er, »ich bin jetzt über den Zweck Ihrer Besuche

in meinem Hause nicht mehr im unklaren. Die Sache ist von großer

Wichtigkeit für mich und die meinigen, denn das Wohl meiner Tochter

liegt mir sehr am Herzen. Bevor ich Ihnen also gestatten kann, sich

um ihre Hand zu bewerben, möchte ich etwas genauer über Ihr früheres

Leben unterrichtet sein. Ich muß Sie daher bitten, mir die Namen Ihrer

Freunde in Kalifornien zu nennen, von denen ich Näheres über Sie

erfahren kann.«

Mark Twain mußte sich wohl oder übel dem Verlangen des besorgten

Vaters fügen. Wie vorauszusehen war, erhielt Herr Langdon auf seine

nun angestellten Erkundigungen manchen ungünstigen Bescheid;

besonders wurde die Möglichkeit, daß Clemens je ein guter Ehegatte

werden könne, stark in Zweifel gezogen. Im Beisein der Liebenden las

der Schwiegervater ~in spe~ die eingelaufenen Briefe laut vor und es

entstand eine peinliche Stille. Seine Verlobte machte der Verlegenheit

jedoch ein Ende; sie schob die Papiere beiseite und sagte: »Wir wollen

unser Heil doch zusammen versuchen -- trotz alledem.«

So wurde denn die Hochzeit im Langdonschen Hause in Elmira gefeiert.

Die folgende Episode müssen wir von Mark Twain selbst erzählen lassen:

»Da wir eine Wohnung brauchten, ich mich aber mit diesen

irdischen Dingen nicht befassen wollte, so hatte ich meinen

Schwiegerpapa ein paar Wochen vorher gebeten, mir in Buffalo

eine Wohnung nach seinem Geschmack zu besorgen. Er schmunzelte

und nach einigen Tagen sagte er mir, er habe gefunden, was ihm

passend scheine; ob ich’s mir ansehen wolle.

»Ach wozu?« gab ich zur Antwort; »wenn du’s gesehen hast, und

dir paßt es, brauche ich’s nicht zu sehen, denn mir paßt es

gewiß.« Und damit war die Sache abgethan.

Am Tage der Hochzeit, ziemlich spät abends, stand ich vom

Tische auf und meinte:

»Na, nun ist’s aber Zeit! Schwiegerväterchen, wo wohnen wir

denn eigentlich?«

»Das will ich euch gleich zeigen, Kinder, fahren wir ’mal hin.«

Und die Freunde, die unsere Hochzeit mit gefeiert hatten,

riefen ~unisono~:

»Wir begleiten euch, wir begleiten euch alle.«

»Na, schön,« sagte ich, »wenn ihr nur dann macht, daß ihr bald

fortkommt!« Dann packte ich mein Weibchen zusammen, hob sie,

ehe sie sich dessen versah, auf, und trug sie, die anderen

jubelnd und lachend hintendrein, auf meinen Armen die Treppe

hinunter.

Unten vor dem Hause standen Wagen; ich, mein Weibchen, mein

Schwiegerpapa und Bob Raleigh in den einen, die anderen in die

anderen und -- hui, ging es dem neuen Heime zu.

Wir fuhren und fuhren und fuhren. Ich merkte nichts; ich hatte

mit meinem Weibchen zu thun. Endlich aber, bei Gott, dauerte es

mir doch zu lange.

»Zum Teufel, Papa,« rief ich, »sind wir denn noch nicht dort?«

»Bald, mein Junge, bald,« und er lachte ganz merkwürdig.

Dieses ›bald‹ aber dauerte mir ewig.

»Papa,« sagte ich, »ich hatte nicht geglaubt, daß du unsere

Wohnung auf dem Lande nehmen würdest. In Buffalo wäre ja doch

wahrhaftig auch noch ’was zu finden gewesen.«

Er aber lachte nur.

»Gleich sind wir da,« sagte er, beugte sich zum Fenster hinaus,

sagte dem Kutscher irgend etwas und der Wagen hielt an.

Wir stiegen aus. Die Wirtin Frau Johnson kam uns entgegen und

führte uns in die für uns gemietete Wohnung. Ich sah mir alles

mit einem Blicke an und wurde ganz verteufelt verzagt dabei.

»Höre Pa ...« sagte ich und nahm meinen Schwiegervater

beiseite. »Bei dir ist’s wohl nicht richtig, daß du solch ’ne

Wohnung für mich nimmst.«

»Weshalb, mein Junge?« fragte er und machte das ehrlichste

Spitzbubengesicht von der Welt.

»Teufel, weil das Ding Geld kostet, sicherlich heidenmäßig viel

Geld, und ich keins habe! Wenigstens nicht genug. Kannst du mir

keins pumpen?«

Da aber lachte er auf. »Nein, mein Junge; aber laß dir kein

graues Haar wachsen, fürs erste werde schon ich dafür sorgen.«

»Na, wenn’s so ist, meinetwegen.«

Und ich nahm mein Weibchen unter den Arm und zeigte ihr all die

schönen Räume, die ich für sie gemietet hatte, mit dem stolzen

Bewußtsein meiner Splendidität.

»Aber das ist ja viel zu schön,« sagte sie bewundernd.

Ich aber entgegnete stolz: »O für dich, mein Kind, ist mir

nichts zu teuer.«

Meine Freunde indessen, und es kamen deren immer mehr, denn

hinter jeder Gardine, hinter jedem Schrank steckte einer,

hatten sich’s bequem gemacht, und schickten sich an, das

Bankett hier erneuern zu wollen. Vergeblich erklärte ich, daß

sich das wahrhaftig nicht schicke. Sie möchten jetzt ’mal

gehen und uns allein lassen. Sie lachten aber nur, und mein

Schwiegerpapa -- lachte auch. Was blieb zu thun?

Ich warf kurz entschlossen einen nach dem andern hübsch sachte

und freundlich zur Thür hinaus, meinen Schwiegerpapa und Frau

Johnson mit inbegriffen; dann schloß ich zu -- sah noch unter

jedes Möbelstück, ob nicht doch noch ein oder der andere Freund

drunter stecken geblieben wäre und atmete auf.

Nichts, gar nichts. Wir waren allein. Endlich allein!

Ich schloß mein Weibchen in die Arme und hob es dann jubelnd in

die Höhe, in demselben Augenblicke aber ließ ich sie ziemlich

unsanft fallen -- denn was war das? Dort auf dem Tischchen lag

eine Urkunde. Ich trat hin.

Es war eine Schenkungsurkunde, auf Grund deren mir mein

Schwiegerpapa das ganze Haus, in dem ich wohnte, samt dessen

Einrichtung zum Geschenk machte!! --

Ich muß dabei ein unglaublich dummes Gesicht gemacht haben,

denn mein Weibchen lachte und lachte, daß ihr die Thränen in

die Augen traten. Dann aber zog sie mich am Arme zum Fenster

hin.

»Da sieh hin,« sagte sie und wies auf das Haus gegenüber.

Hol’ mich der Teufel, -- das Haus, das Haus da gegenüber war

wahrhaftig -- das Haus meines Schwiegervaters. Mein Haus und

sein Haus lagen einander querüber und um hierher zu gelangen,

waren wir drei Stunden immer in der Runde herumgefahren, und

das -- in der Hochzeitsnacht!

Na -- wenn man mit solch einem Schwiegervater nicht Humorist

werden soll, dann wird man es nie und nimmermehr!« --

Im Herbst 1870 gab Clemens seine Stellung in Buffalo auf und zog nach

Hartford in Connecticut. Er war jetzt ein wohlhabender Mann, denn die

›Harmlosen auf Reisen‹ brachten ihm bedeutende Summen ein und auch

das Vermögen seiner Frau war nicht unbeträchtlich. 1871 erschien ein

neues Buch von ihm, ›~Roughing it~‹, in welchem er mit köstlichem

Humor sein abenteuerliches Leben unter den Goldgräbern schildert. Das

Werk fand großen Beifall, was der Verfasser in seiner humoristischen

Weise besonders der anregenden Wirkung des Tabaks zuschreibt. »Von

meinem achten Jahre an,« berichtet er, »begann ich unmäßig zu rauchen,

monatlich etwa hundert Zigarren; als ich zwanzig Jahre alt war,

verbrauchte ich zweihundert den Monat und mit dreißig Jahren hatte ich

es bis dreihundert gebracht. In meinem fünfzehnten Jahre rauchte ich

einmal drei Monate lang gar nicht, ob das aber eine gute oder schlechte

Wirkung hatte, erinnere ich mich nicht mehr. Mit zweiundzwanzig Jahren

wiederholte ich den Versuch; mit vierunddreißig hörte ich anderthalb

Jahre lang ganz auf zu rauchen. Meine Gesundheit wurde nicht besser

davon, wahrscheinlich, weil an derselben überhaupt nichts auszusetzen

war. Damals schrieb ich nur zum Zeitvertreib dann und wann einen

Journalartikel und eine Abnahme meiner Geisteskräfte war mir nicht

gerade aufgefallen. Als ich mich nun aber eines Tages daran machte,

laut abgeschlossenen Vertrags für einen Verleger ein Buch zu schreiben

-- nämlich ›~Roughing it~‹[13] -- da fühlte ich, wie schwer es mir

wurde. In drei Wochen brachte ich nur sechs Kapitel fertig. Nun wußte

ich, was die Glocke geschlagen hatte; ich gab den Kampf auf, rauchte

wieder meine dreihundert Zigarren, verbrannte die sechs Kapitel und

beendete das ganze Buch mit Leichtigkeit in drei Monaten.«

[13] In unserer Ausgabe betitelt: »Nach dem fernen Westen«

und: »Im Gold- und Silberlande.« (Band 4 und 5 der

humoristischen Schriften.)

Fünftes Kapitel.

Mark Twains spätere Werke.

Im Jahre 1872 unternahm Mark Twain eine Reise nach Europa, um mit

dortigen Verlegern über die Herausgabe seiner Bücher zu unterhandeln.

In England war er schon wohlbekannt und ein willkommener Gast.

Er erzählt uns von einem Festmahl in London, zu welchem acht-

bis neunhundert Personen Einladungen erhalten hatten und dem er

auch beiwohnte. Bei Beginn des Festes wurden die Namen sämtlicher

Berühmtheiten verlesen, welche anwesend waren, wobei die Versammlung

jeden einzelnen mit mehr oder weniger Beifall begrüßte. Dies fand

Mark Twain auf die Dauer ermüdend und er fing an, sich mit seinem

Tischnachbar zu unterhalten, bis plötzlich ein wahrhaft betäubender

Beifallssturm das Gespräch unterbrach. Von der allgemeinen Begeisterung

mit fortgerissen, begann auch er aus Leibeskräften zu klatschen. »Wem

gilt denn das?« fragte er endlich verwundert, als sich der Lärm noch

immer nicht legen wollte. »Herrn Samuel Clemens,« war die Antwort.

Das überwältigte ihn so sehr, daß er die Arme sinken ließ, regungslos

sitzen blieb und sich in seiner Verwirrung nicht einmal dankend

verbeugte.

Als ›Tom Sawyer‹ 1876 erschien, erreichte Mark Twain den Gipfel seines

Ruhms. Das Buch fand ungeheuern Absatz; in kürzester Frist war immer

eine Auflage nach der andern vergriffen. Im folgenden Jahre kam

das ›Skizzenbuch‹ heraus, eine Sammlung humoristischer Erzählungen

und Aufsätze, die der Verfasser gelegentlich in verschiedenen

Zeitungsblättern veröffentlicht hatte. Es zeugt von seiner großen

Vielseitigkeit und manche Liebhaber Mark Twains geben diesen kleinen

Stücken den Vorzug vor seinen größeren Schöpfungen.

Die Reise, welche Mark Twain im Frühling 1878 mit seiner Familie

nach Europa machte, lieferte ihm den Stoff für sein berühmtes Buch:

›~A Tramp Abroad~‹. Der Weg führte ihn durch England, Frankreich und

die Schweiz nach Deutschland, wo er sich für den Sommer niederließ

und eingehende Studien über Sprache, Sitten, Lebensgewohnheiten und

Vergnügungen der Deutschen anstellte. Wir lernen in diesem Buch eine

ganz neue und unterhaltende Persönlichkeit kennen, nämlich Twains

Reisegefährten Harris, der bald Führer, bald Kurier ist, sich zur

Zielscheibe vieler Späße hergeben muß und in allerlei Verlegenheiten

gerät. Zu einer wörtlichen und vollständigen Wiedergabe im Deutschen

eignet sich ›~A Tramp Abroad~‹ nicht, dagegen sind die vorzüglichsten

Episoden daraus unserer Auswahl im gegenwärtigen Bande einverleibt.

Reisebilder und verschiedene Skizzen · 第 18 / 20 段