Mittlerweile aber hatte sich, wie jeder Prophet hätte voraussehen

können, ein Sozialdemokrat entwickelt. Als der Kaiser vor der

Kirchenthür den vergoldeten kaiserlichen Schubkarren bestieg, schoß

der Sozialdemokrat fünfzehn- oder sechzehnmal nach ihm -- aber mit so

merkwürdig sozialdemokratischer Unsicherheit im Ziel, daß er keinen

Schaden anrichtete.

In der nämlichen Nacht folgte die Erschütterung. Die Nation erhob

sich wie _ein Mann_ -- obgleich neunundvierzig der Revolutionäre vom

andern Geschlecht waren. Die Infanterie warf ihre Mistgabel weg, die

Artillerie ihre Kokosnüsse, die Marine empörte sich; der Kaiser wurde

in seinem Palast ergriffen und an Händen und Füßen gebunden. Er war

sehr niedergeschlagen und sagte:

»Ich befreite euch von der drückenden Tyrannei; ich erhob euch aus

eurer Erniedrigung und machte euch zu einer Nation unter den Nationen;

ich gab euch eine starke, festgefügte, zentralisierte Regierung; ich

gab euch schließlich, was mehr ist, den Segen aller Segen -- die

Einigkeit. Ich habe das alles gethan, und mein Lohn ist Haß, Schmach

und diese Ketten. Da habt ihr mich; thut mit mir, was ihr wollt. Auf

der Stelle entsage ich meiner Krone und allen meinen Würden, und gern

entledige ich mich ihrer allzuschweren Bürde. Um euretwillen nahm ich

sie an; um euretwillen lege ich sie nieder.«

Einstimmig verurteilte das Volk den Exkaiser und den Sozialdemokraten

zu immerwährender Ausschließung vom Gottesdienst oder zu

lebenslänglicher Zwangsarbeit als Galeerensklaven auf dem Walfischboot

-- sie konnten wählen. Am nächsten Tage versammelte die Nation sich

abermals, hißte die britische Flagge wieder auf, setzte die britische

Tyrannei wieder ein, erniedrigte die Adeligen wieder zu gemeinen

Bürgern und richtete dann sogleich ihren Fleiß und ihre Aufmerksamkeit

auf das Ausjäten der vernachlässigten Yamsfelder und auf die

Wiederherstellung der alten nützlichen Gewerbe und der alten heilsamen

und tröstlichen Frömmigkeit. Der Exkaiser gab das verloren geglaubte

Gesetz gegen Eigentumsverletzung zurück und erklärte, er habe es

gestohlen -- nicht um jemanden zu schaden, sondern um seine politischen

Ziele zu fördern. Daraufhin gab die Nation dem früheren Staatsoberhaupt

sein Amt und auch sein konfisziertes Eigentum wieder zurück.

Nach reiflicher Ueberlegung zogen der Exkaiser und der Sozialdemokrat

dauernde Ausschließung vom Gottesdienst der lebenslänglichen Arbeit als

Galeerensklaven ›mit fortwährendem Gottesdienst‹, wie sie es nannten,

vor, weshalb die Leute glaubten, daß die erlittene Angst den armen

Teufeln den Verstand verwirrt hätte. Sie hielten es daher für geraten,

dieselben vorläufig gefangen zu halten, was auch geschah.

* * * * *

Das ist die Geschichte von Pitcairns ›_zweifelhafter Erwerbung_‹.

Anhang.

Lebensgeschichte Mark Twains.

[Illustration]

In diesem und in den vorausgegangenen Bänden der »_Ausgewählten

humoristischen Schriften Mark Twains_« hat der Leser ohne Zweifel

den amerikanischen Humoristen so lieb gewonnen und hochschätzen

gelernt, daß er eine eingehendere Lebensbeschreibung desselben gewiß

gern aufnehmen wird, welche in mancher Beziehung neues Licht auf die

Schriften des Verfassers wirft. Es hat sicher einen eigenen Reiz,

sich noch einmal an den Genuß der Lektüre von Mark Twains Schriften

und namentlich einzelner Episoden daraus zu erinnern, während man dem

Verfasser auf seiner viel bewegten Laufbahn folgt.

[Illustration]

Erstes Kapitel.

Samuel Langhorne Clemens.

Ueber den Stammbaum des großen amerikanischen Humoristen herrscht

ziemliche Dunkelheit. Wir wissen von seinen Vorfahren nur, daß sie

väterlicherseits aus Holland kamen, während die Familie seiner Mutter

englischer Abkunft war.

Mark Twains Vater, John Marshall Clemens, ein kluger und

charakterfester Mann, war in Virginien geboren. Er wanderte nach

Tennessee aus und verheiratete sich dort mit Miß Langhorne, welche

neben einfach häuslichem Sinn große Herzenswärme und tiefes Gefühl

besaß. Im Jahre 1828 ließ sich die Familie Clemens in dem Städtchen

Florida nieder, und hier, im Staate Missouri, erblickte Samuel

Langhorne Clemens am 30. November 1835 das Licht der Welt.

Schon drei Jahre später zogen seine Eltern nach der am Ufer des

Mississippi gelegenen Stadt Hannibal, wo er seine Knabenjahre verlebte.

Wer ›Tom Sawyer‹ gelesen hat, kennt den Ort. Die Bewohner gehörten

der strengen kirchlichen Richtung jener Zeit an, im übrigen stand

die Gesittung auf keiner höhern Stufe als in andern Sklavenstaaten;

Leidenschaft, Anmaßung und Beschränktheit führten überall das große

Wort.

Sams Vater, der sich durch unbeugsamen Sinn und streng rechtlichen

Wandel rasch das Vertrauen seiner Mitbürger erworben hatte, ward

im Jahre 1840 zum Friedensrichter ernannt. Wie einfach der damalige

Geschäftsbetrieb war, ließ sich schon an der ganzen Ausstattung des

Gerichtszimmers erkennen. Es enthielt außer einer alten Warenkiste, die

vom Richter und den Advokaten als gemeinsamer Tisch benutzt wurde, nur

noch vier Bretterstühle und eine lange Holzbank für die Geschworenen.

Von diesem Lokal aus regierte der Richter Clemens die Gemeinde mit

hoheitsvoller Würde und wußte durch Uebung einer für unsere Begriffe

etwas summarischen Gerechtigkeit selbst unruhige Geister im Zaum zu

halten.

[Illustration: Mark Twains Geburtshaus.]

Mark Twains Knabenzeit war reich an losen Streichen und Abenteuern.

Er ward früh zur Schule geschickt, erntete aber dort durchaus keine

Lorbeeren. Seine Mutter erzählt, Sam sei ein gutherziger, aber wilder

und mutwilliger Knabe gewesen, der die Schule versäumte, so oft es

irgend anging. Die Unbeständigkeit und Ausgelassenheit seines Wesens

machte den Eltern große Sorge; nie, glaubten sie, werde er es in der

Welt so weit bringen, wie seine ruhigeren und viel besonneneren Brüder.

Oft folgte ihm der Vater von fern auf dem Schulweg, um zu sehen, was

er anfange. Aber, sobald Sam dies bemerkte, verbarg er sich hinter

einem dicken Baumstamm am Wege und ließ seinen Vater vorbeiziehen.

Vater und Lehrer stimmten bald darin überein, daß es unmöglich sei, dem

Jungen etwas beizubringen, da er entschlossen schien, nichts zu lernen.

Nur die Mutter gab die Hoffnung nicht auf. Sie kannte Sams Vorliebe

für alles, was sich auf die Weltgeschichte bezog, und sah, daß er nie

müde wurde, Bücher dieser Gattung zu lesen; der Schulzwang aber, samt

Lehrsystem und Leitfaden, war ihm unerträglich.

Mark Twain selbst schreibt einmal über diese Zeit: »Wir blieben gern

in gemessener Entfernung von einander, mein Vater und ich. Unser

Verhältnis bestand, sozusagen, in einer Art bewaffneter Neutralität,

die in unregelmäßigen Zwischenräumen gebrochen wurde und immer großes

Leid im Gefolge hatte. Wir gingen dabei ganz systematisch zu Werke: der

Neutralitätsbruch war stets meines Vaters Sache und das Leid kam auf

mein Teil.«

Wir brauchen bei Einzelheiten im Leben des jungen Sam nicht zu

verweilen; denn Mark Twain hat uns in seinem ›Tom Sawyer‹ und in dessen

Fortsetzung ›Huckleberry Finn‹ den besten Einblick in seine Jugendzeit

eröffnet. Hat er auch nur einiges von dem dort Erzählten selber erlebt

und erscheint in diesen prächtigen, in ihrer Art unübertrefflichen

Erzählungen auch vieles im Lichte der Romantik, so zeigen sie uns doch

weit besser als jede andere Beschreibung, unter welchen Eindrücken und

Verhältnissen der Knabe aufwuchs und wie er als solcher dachte und

fühlte.

Als der Vater starb und eine Witwe mit vier Kindern zurückließ, zählte

Sam erst zwölf Jahre. Er sah sich, so gut wie seine Brüder, auf eigene

Arbeit angewiesen. Nach mancherlei Versuchen, sich seinen Unterhalt

zu erwerben, wurde er endlich Lehrling in der Druckerei des ›Weekly

Courier‹, der Lokalzeitung von Hannibal.

[Illustration]

In spätern Jahren kam er bei einem Festessen der Buchdrucker in New

York auf diese Periode seines Lebens zu sprechen. »Ein Buchdrucker

von damals,« sagte er, »war ein ganz anderer Mensch als heutzutage.

Das weiß niemand besser als ich, denn ich habe ihn gut gekannt.

Am Wintermorgen machte ich ihm das Feuer an; ich holte ihm Wasser

vom Dorfbrunnen und fegte das Geschäftslokal; ich hob ihm die

heruntergefallenen Lettern vom Boden auf; war er dabei und sah zu,

so legte ich die guten in sein Fach und warf die zerbrochenen in die

›Hölle‹; war er aber nicht zugegen, dann schüttete ich rasch alles

unter die Schrift auf dem Formtisch, denn so machte es der ›Junge‹

immer hinter dem Rücken des Druckers und der ›Junge‹ -- war ich.

Am Samstag mußte ich die Druckbogen anfeuchten und sie am Sonntag

umwenden, unsere Zeitung war nämlich ein Wochenblatt. Ich zog die Bogen

durch die Presse, reinigte die Walzen, desgleichen die Formen, faltete

die Zeitungen und trug sie in unbehaglicher Frühe am Donnerstagmorgen

aus. Der Zeitungsträger war damals der interessanteste Gegenstand für

sämtliche Hunde des Orts. Hätte ich alle Bisse aufbewahren können,

die mir die Köter angedeihen ließen -- Professor Pasteur würde ein

Jahr lang daran zu kurieren haben. Auch die Exemplare, welche mit

der Post fortgeschickt wurden, mußte ich einpacken; wir hatten

hundert Abonnenten in der Stadt und dreihundertfünfzig auf dem

Lande. Die städtischen Abonnenten bezahlten uns in Kolonialwaren und

die ländlichen in Kohlköpfen und Klafterholz -- wenn sie überhaupt

bezahlten. Geschah es, so erwähnten wir es jedesmal mit Preis und Dank

in der Zeitung. Wir mußten das thun, denn sonst lasen sie das Blatt

nicht mehr.

»Jeder unserer geehrten Leser in der Stadt half uns bei der Herausgabe,

das heißt, er erteilte Verhaltungsregeln und schrieb vor, welche

Ansicht und Richtung wir vertreten sollten. Im allgemeinen machten

wir uns das Leben nicht schwer. Geriet der Satz einmal in Unordnung,

so ward das Blatt erst in der folgenden Woche ausgegeben. Auch sonst

stellten wir von Zeit zu Zeit die Arbeit ein, z. B. wenn der Fischfang

gerade ergiebig war. Es hieß dann, der Redakteur sei krank geworden --

ein recht nichtiger Vorwand; als ob ein kranker Redakteur eine solche

Zeitung nicht ebenso gut schreiben könnte, als ein gesunder; ja, wäre

er tot gewesen, es hätte keinen Unterschied gemacht.

»Ich sehe das Lokal jener vorsündflutlichen Druckerei noch heute vor

mir: die Preislisten der Pferdehändler an den Wänden, die Klumpen

geschmolzenen Talgs im ~d~-Fach, in das wir nachts immer das Licht

stellten, das Handtuch, welches erst für schmutzig galt, wenn es so

steif war, daß es von selber stehen konnte, nebst den übrigen Merkmalen

und Sinnbildern, durch die sich ein derartiges Geschäft im Thal des

Mississippi auszeichnete.«

* * * * *

Drei Jahre arbeitete er getreulich im Bureau des Kouriers. Mit fünfzehn

Jahren hatte er ausgelernt und hielt sich nun für einen fertigen

Buchdruckergesellen. Als er eines Abends nach Hause kam, bat er seine

Mutter um fünf Dollars und erklärte auf die Frage, wozu er sie brauche,

er wolle auf die Wanderschaft gehen. Das Geld erhielt er nicht, aber

die Absicht führte er doch aus, denn er hatte von seinem Wochenlohn,

der fünfzig Cents betrug, einige Ersparnisse gemacht. Eines schönen

Tages ging er heimlich auf und davon. Das Ziel seiner Sehnsucht war

New York, wo er die Ausstellung besuchen wollte; er schlug sich auch

glücklich dahin durch, indem er auf seiner Wanderschaft gelegentlich

eine Stelle auf kurze Zeit annahm.

Als er nach New York kam, betrug sein ganzer weltlicher Besitz zwölf

Dollars. Eine Zehndollarnote hatte er sorgfältig ins Aermelfutter

genäht, zwei Dollars trug er in der Tasche. Zuerst sah er sich

gründlich in der Ausstellung um, dann suchte er Beschäftigung und trat

in die Greensche Druckerei ein, wo er zwei bis drei Monate arbeitete.

Was ihn wieder von dannen trieb, war die zufällige Begegnung mit einem

Mann aus Hannibal. Aus Furcht, dieser werde seinen Aufenthaltsort

verraten, machte er sich unverzüglich nach Philadelphia auf den Weg.

Auch hier fand er Arbeit in verschiedenen Zeitungsbureaus, hatte aber

im übrigen manches Mißgeschick. So erzählt er uns unter anderm, er

habe sich einmal auf der Straße eines armen Knaben angenommen, dem

unrecht geschah und sei dafür von einem Feuerwehrmann so furchtbar

durchgeprügelt worden, daß er aussah, wie ›Lissabon nach dem Erdbeben‹.

Nach einigen Monaten fand er, daß er nun das Leben in den Oststaaten

genugsam kennen gelernt habe. Die Zehndollarnote trug er noch immer im

Aermelfutter und so brach er denn wieder nach dem Westen auf.

Zuerst wanderte er nach Cincinnati, wo er jedoch nur kurze Zeit blieb,

von da nach Louisville und weiter nach St. Louis. Er war jetzt siebzehn

Jahre alt. Gern wäre er in die Heimat zurückgekehrt, aber nur als

gemachter Mann. Er faßte jetzt den Entschluß, Lotse auf dem Mississippi

zu werden. Welche Schwierigkeiten es für ihn zu überwinden gab, bis

dieser Plan verwirklicht wurde, schildert er selbst eingehend in seinem

›Leben auf dem Mississippi‹. Er hat das Andenken an jene Zeit, die ihn

rasch zum Manne reifte, stets besonders hoch gehalten und es auch durch

die Wahl seines Schriftstellernamens verewigt. Bei der Schiffahrt auf

den Flüssen im Westen darf nämlich, der vielen Sandbänke und seichten

Stellen wegen, das Senkblei kaum aus der Hand gelegt werden. Der

Matrose am Bugspriet, der die Messung anstellt, ruft dem Kapitän an

den gefährlichen Plätzen mit lauter Stimme zu, wieviel Fuß tief sein

Lot unter die Wasserfläche sinkt, worauf der Kapitän es dem Lotsen

wiederholt, damit dieser das Steuer richtig handhaben kann. ›~Mark

twain!~‹ schreit der Matrose, wenn er zwei Fuß Wasser findet. Aus

diesem, am Mississippi heimischen Ruf ist jetzt der weltberühmte Name

des ersten amerikanischen Humoristen geworden. Daß er eigentlich Samuel

Langhorne Clemens heißt, ist darüber fast in Vergessenheit geraten.

Zweites Kapitel.

In Nevada und Kalifornien.

Bei Ausbruch des Bürgerkrieges befand sich Mark Twain als

wohlbestallter Lotse auf dem Flußdampfer ›Alonzo Childs‹. Erst als dies

Fahrzeug in ein Widderschiff der Südstaaten umgewandelt wurde, gab er

seinen Platz am Steuer auf. Infolge des Bürgerkrieges konnte von einem

regelmäßigen und einträglichen Stromverkehr nicht länger die Rede sein.

Nach Hannibal zurückgekehrt, trat Clemens, der damals 24 Jahre alt

war, als Freiwilliger in die Südarmee unter General Price ein.

Seine militärische Laufbahn war jedoch von kurzer Dauer; die kleine

unorganisierte Schar, die ihn zum Lieutenant wählte, -- fünfzehn Mann,

alles in allem -- verrichtete keine großen Thaten. Clemens selbst

geriet in Gefangenschaft, es gelang ihm jedoch, zu entkommen, und er

beschloß nun sein Glück im fernen Westen zu suchen.

Sein älterer Bruder, Orion Clemens, war seit kurzem zum Vizegouverneur

von Nevada ernannt worden; und mit diesem begab sich unser

jugendlicher Abenteurer nach Carson City. Doch ließ ihn die Sorge,

daß er von vorüberziehenden Unionstruppen erkannt und an den Norden

ausgeliefert werden könne, auch hier keine Ruhe finden. Bis er die

Gefahr für beseitigt hielt, wollte er sich lieber in eine abgelegene

Bergwerksgegend zurückziehen und wählte die Niederlassung ›Aurora‹ zum

Aufenthalt.

Hier arbeitete er zuerst um Tagelohn in einer Quarzgrube, dann

für eigene Rechnung als Goldgräber. Auf kurze Zeit war er einmal

Mitbesitzer des berühmten Erzgangs von Combstock und Millionär, ohne es

zu wissen. Er erfuhr es erst, nachdem er seinen Anteil verkauft hatte.

Nach Nevada strömten damals die Abenteurer aus aller Herren Ländern.

Bankerotte Kaufleute, Studenten, die den Bücherstaub abschüttelten, um

Goldstaub zu suchen, entlaufene Mörder und Diebe, unglückliche Spieler,

und der Auswurf der großen Städte, alle suchten dort eine Zuflucht. In

der ganzen Gegend herrschte ein buntes und oft recht tolles Drängen

und Treiben; Stulpenstiefel, Zahnstocher und Revolver bildeten, wie

Mark Twain behauptet, die unentbehrlichsten Bestandteile der damaligen

Tracht.

Von Aurora aus schrieb der junge Clemens eine Anzahl Briefe an die

Herausgeber des ›Enterprise‹ in Virginia City und nahm 1862 eine

Redakteurstelle bei diesem Journal an. Viele der humoristischen

Skizzen, die seinen späteren Schriftstellerruhm begründeten, erschienen

um diese Zeit und zwar zum erstenmal unter dem Namen Mark Twain. Im

täglichen Verkehr war sein trockener Witz oft sehr unterhaltend für

die Kameraden, doch fürchteten sie ihn auch wegen der losen Streiche

und derben Scherze, die er mit ihnen trieb und gegen die sie nie genug

auf ihrer Hut sein konnten. Kein Wunder, daß sie manchmal versuchten,

ihm mit gleicher Münze heimzuzahlen. Ein Beispiel hiervon erzählt der

Drucker Stebbins, der mit Clemens zugleich am ›Enterprise‹ beschäftigt

war.

»Er galt,« berichtet Stebbins, »für einen unverbesserlichen Raucher,

und seine Pfeife, die er kaum je aus dem Munde nahm, verbreitete

einen so schauderhaften Geruch, daß wir Drucker, obgleich sonst nicht

allzu heikel in solchen Dingen, sie nur den ›Leichnam‹ nannten. Wir

berieten hin und her, wie man den ›Leichnam‹ aus dem Wege schaffen

könne, doch trugen wir Bedenken, unsern Zerstörungsplan auszuführen,

denn es hieß, die Pfeife sei nicht nur an sich sehr wertvoll, sondern

auch ein liebes Andenken. Endlich kamen wir überein, Clemens eine neue

Pfeife zu verehren, doch wollten wir uns zugleich für alle Leiden,

die wir des ›Leichnams‹ wegen ausgestanden, schadlos halten und dem

Herrn Redakteur einen Streich spielen. Wir durchsuchten die ganze

Stadt, um die billigste Pfeife aufzutreiben, die jedoch abends bei

Licht den Eindruck eines kostbaren Stückes machte, und fanden endlich

eine, -- für dreißig Cents, wenn ich nicht irre. Zur Nachtzeit, als

unser Blatt gedruckt war, kamen wir in feierlichem Zuge in das Bureau

gegangen und überreichten Clemens die Pfeife. Es geschah alles mit

der größten Förmlichkeit. Einer aus unserer Mitte hielt eine höchst

rührende Ansprache; er schilderte den mühevollen Beruf des Journalisten

und seine saure Arbeit die lange Nacht hindurch, während alle Welt in

friedlichem Schlummer liege; ließ verschiedene poetische Anspielungen

auf den Tabak einfließen, durch den die erschlaffte Gehirnthätigkeit

neue Spannkraft und die so nötige Erholung finde; kam dann auf die

warme Freundschaft zu reden, welche zwischen der Druckerei und der

Schreibstube bestehe und sprach die Hoffnung aus, daß nichts je

imstande sein möchte, dies feste Band zu lockern. Schließlich händigte

er ihm das kostbare Geschenk ein, wischte sich gerührt die Augen und

setzte sich.

»Clemens hatte Mühe, seine Fassung zu bewahren, doch ermannte er

sich und dankte uns mit großer Herzlichkeit. Die schöne Gabe seiner

Mitarbeiter, sagte er, mache ihm innige Freude und werde ihn stets

an eine glückliche Zeit erinnern. Zwar sei ihm die alte Pfeife lange

eine treue Gefährtin und Trösterin in einsamen Stunden gewesen, aber,

dies werte Geschenk aus Freundeshand mache ihm den Abschied von ihr

leicht. Zum Schluß warf er, wie um seine Rede zu besiegeln, das alte,

übelriechende Ding aus dem Fenster. Wir folgten nun seiner Einladung,

mit ihm ins Gasthaus zu kommen, aber bei dem Gedanken, wie greulich wir

ihn beschwindelt hatten, fühlten wir Gewissensbisse über jeden Dollar,

den er ausgab.

»Gleich am nächsten Abend, als Clemens rauchen wollte, platzte

unglücklicherweise sein neuer Pfeifenkopf mitten auseinander. Wir

hörten ihn in der Schreibstube vor sich hin brummen und schauten

durch ein Loch in der Wand, welches er zu benutzen pflegte, um seine

Manuskripte uns zuzuschieben; er klopfte gerade die Asche von seinen

Kleidern und vom Schreibpult ab und murmelte dabei einige leise, aber

sehr ausdrucksvolle Verwünschungen. Zu uns sagte er kein Wort über den

Unfall, doch mochte ihm wohl nachträglich ein Licht aufgegangen sein;

wir verhielten uns natürlich mäuschenstill. Als er am folgenden Abend

wie gewöhnlich im Bureau erschien, rauchte er zu unserm nicht geringen

Schrecken wieder den ›Leichnam‹, als sei nichts vorgefallen. Er hatte

ihn nach einigem Suchen im Hof unversehrt wiedergefunden.« --

* * * * *

Von Virginia City aus führte Mark Twains Weg naturgemäß nach San

Francisco, dem Zufluchtsort aller Abenteurer der Westküste. Er litt

damals an fortwährendem Geldmangel und ging, um Arbeit zu suchen,

gleich nach seiner Ankunft auf das Bureau des ›Morning Call‹, einer

Zeitung, für die er schon in Nevada verschiedene Artikel geschrieben

hatte. Sein Anzug bestand aus einem abgeschabten Filzhut, einem blauen

Soldatenmantel und Beinkleidern, die nur bis zu den Stiefelschäften

reichten. George Barnes, der Redakteur, empfing ihn freundlich,

forderte ihn auf, gleich am nächsten Tage mit der Arbeit zu beginnen

und händigte ihm eine Anweisung auf die Geschäftskasse ein, damit er

sich anständige Kleider verschaffe.

[Illustration]

Die Beschäftigung muß Mark Twain jedoch wenig behagt haben.

Stadtneuigkeiten und Polizeiberichte zu schreiben, war nicht nach

seinem Geschmack. Wenn er irgend konnte, mied er es, den Verhandlungen

auf dem Rathause beizuwohnen, und das Journal hatte wenig Nutzen von

der Mitarbeiterschaft des unstäten, saumseligen Berichterstatters.

Er selbst fühlte sich nicht an seinem Platz. So war er es denn

wohlzufrieden, als ihm Barnes, dem zuletzt die Geduld riß, vorschlug,

sich eine andere Anstellung zu suchen.

General Mc Comb, der mit Mark Twain befreundet war und eine hohe

Meinung von seinem Schriftstellertalent hatte, erzählt, Clemens sei ihm

einmal auf der Straße begegnet und habe ihm mitgeteilt, daß er sich

nächstens wieder als Lotse anstellen lassen wolle; Berichterstatter

möge er nicht länger sein und er habe bereits eine Eingabe bei der

Regierung in Washington gemacht, die wahrscheinlich berücksichtigt

werden würde. Der General, dem dieser Entschluß höchlich mißfiel,

redete Mark Twain aus allen Kräften zu, den Plan aufzugeben, indem

er ihm vorstellte, daß er es bei seinen Gaben zu etwas weit Besserem

bringen könne, als sein Leben lang einen Flußdampfer zu steuern. Wenn

er das Zeitungswesen satt habe, so solle er ein Buch schreiben oder

Skizzen und was ihm sonst in den Kopf käme. Bei seinem originellen,

kernigen Stil würde er sicherlich ein Publikum finden, das ihn zu

schätzen wisse, und mehr verdienen als im Lotsenberuf. Mark Twain nahm

den Rat des Freundes an und blieb der Feder getreu, mit der er später

sein Glück machen sollte.

Zunächst beteiligte er sich mit Bret Harte an der Herausgabe des

›Kaliforniers‹. Viele seiner besten Skizzen erschienen in dem Blatt

und fanden durch häufigen Nachdruck auch in den Städten des Ostens

Verbreitung. Das Unternehmen hatte jedoch nur kurzen Bestand. Eines

schönen Tages brachen die beiden Redakteure zusammen nach den Bergen

auf, um zu versuchen, ob es ihnen mit dem Goldgraben besser glücken

werde. Das war jedoch nicht der Fall, und Mark Twain fand bei der

Rückkehr nach San Francisco obendrein, daß er seine Gesundheit stark

geschädigt hatte. Um sich zu erholen, ging er als Zeitungsreporter nach

den Sandwich-Inseln und schickte von Honolulu aus sehr lesbare Artikel

über die dortigen Zustände und Lebensgewohnheiten an die ›Union‹ in

Sacramento zur Veröffentlichung.

Die Schönheit der Sandwich-Inseln schildert er noch in spätern Jahren

wie folgt:

»Kein fremdes Land in der ganzen Welt hat je einen solchen Reiz auf

mich ausgeübt, mir eine so sehnsuchtsvolle und lebendige Erinnerung

hinterlassen, die ich mein halbes Leben lang, weder schlafend noch

wachend los werden konnte. Andere Eindrücke verbleichen, aber dieser

bleibt; andere Länder schwinden mir aus dem Gedächtnis, aber dies

kann ich nie vergessen. Seine balsamische Luft umweht mich stets, auf

seinem Meer strahlt die Sommersonne, ich höre die Brandung an die

Klippen schlagen und sehe seine blumenbekränzten Ufer, die schäumenden

Wasserfälle, die gefiederten Palmbäume in der Mittagsruhe, die fernen

Berggipfel, die wie Inseln über die Wolken ragen. Noch durchströmt mich

das wohlige Gefühl, das ich dort in der Waldeseinsamkeit empfunden

habe, das Plätschern des Baches tönt mir im Ohr und ich atme noch den

Duft der Blumen, die vor mehr als zwanzig Sommern verwelkt sind.« --

Reisebilder und verschiedene Skizzen · 第 17 / 20 段