Stück Papier gebracht. Da oben in der Ecke linker Hand haben wir die
Gestorbenen untergebracht; wir holten sie aus dem alten Friedhof und
legten sie nebeneinander nach der alten Regel: ›Wer zuerst kommt,
mahlt zuerst‹, ganz unparteiisch, Großvater Jonas zuerst, weil er
zufällig zuerst an die Reihe kam, Seths Zwillinge zuletzt. Daran
schließen sich die künftigen Grabstätten: hier auf der Stelle, die
mit ~A~ bezeichnet ist, wollen wir Maria und ihre Familie bestatten,
wenn sie abgerufen werden; ~B~ ist für Bruder Hosea und die Seinen
bestimmt, ~C~ für Calvin und sein Haus. Was noch übrig ist, sind diese
zwei Plätze hier -- just die Perle des ganzen Flecks, was das Aeußere
anbelangt; sie sind für mich und meine Leute und für dich und die
Deinen bestimmt. Nun, in welchem möchtest du am liebsten begraben sein?«
»Da bin ich überfragt, Wilhelm! Das kann ich dir nicht gleich sagen.
Wahrhaftig, vor lauter Ueberlegen, wie man es den andern bequem machen
könnte, habe ich an mein eigenes Begrabenwerden gar nicht gedacht.«
»Das Leben ist nur ein flüchtiger Traum, Hans, wie das Sprichwort
sagt. Wir müssen alle fort, früher oder später. Die Hauptsache ist,
daß unsere Rechnung mit dem Himmel glatt abgeht. Das ist das einzige,
wonach wir trachten müssen!«
»Ja, so ist’s, Wilhelm, so ist’s; da kann man nicht herumkommen. -- Zu
welchem von den Plätzen würdest du mir raten?«
»Nun, das kommt auf dich an. Liegt dir viel an Aussicht?«
»Nicht gerade sehr viel, aber doch etwas. Hauptsächlich würde ich auf
sonnige Lage Wert legen.«
»Dem ist schon geholfen, beide Plätze liegen gegen Süden. Sie bekommen
die Sonne, und die Shorbs den Schatten.«
»Wie steht’s mit dem Boden, Wilhelm?«
»~D~ ist Sandboden -- ~E~ meistens Lehm.«
»Dann gieb mir lieber ~E~, Wilhelm; ein sandiger Boden sinkt immer ein
und macht Reparaturkosten.«
»Ganz recht; da, schreib’ deinen Namen her, hier unter ~E~. Und nun,
wenn du mir deinen Anteil an den vierzehn Dollars bezahlen willst, da
wir gerade bei dem Geschäft sind, so ist alles abgemacht.«
Nach einigem Warten und Feilschen wurde das Geld bezahlt, Hans sagte
seinem Bruder Gutenacht und ging zur Ruhe. Es folgte ein minutenlanges
Schweigen, dann ertönte ein leises Kichern herauf von dem einsamen
Wilhelm und er murmelte: »Ei der Tausend! Da habe ich mich am Ende doch
geirrt! ~D~ ist meistens Lehm, nicht ~E~, und Hans hat jetzt doch einen
sandigen Platz gekauft.«
Noch ein leises Kichern, dann suchte auch Wilhelm sein Lager auf.
Ein Miniaturreich im Weltmeer.
Vor einiger Zeit ging durch die Zeitungen folgende Mitteilung:
»Die eigentliche ›Insel der Glückseligen‹ scheint die
Pitcairn-Insel in den australischen Gewässern zu sein. Eine
norwegische Barke hat diese Insel angelaufen und den Berichten
des Barkeführers entnimmt der ›Daily Telegraph‹ folgendes:
Solch ein Musterstaat ist vorher niemals bekannt gewesen. Die
Gesetze desselben umfassen die kleinsten Dinge, und sind, was
häusliche Angelegenheiten betrifft, geradezu mikroskopisch.
Die Regierung komponiert die Hymnen für die Schulkinder, das
Staatsoberhaupt entwirft nicht nur das Programm der täglichen
Tänze, sondern spielt selber die Violine und geigt seinen
Leuten die Tänze vor, mit denen sie jeden Werktag der Woche
schließen.«
Das klingt so merkwürdig, daß einiges aus der Geschichte der Insel und
ihrer Bewohner gewiß gern vernommen wird:
Vor ungefähr hundert Jahren brach auf dem englischen Schiffe ›Bounty‹
eine Meuterei der Mannschaft aus, der Kapitän und die Offiziere
wurden den Wellen preisgegeben, während die Mannschaft im Besitze des
Schiffes südwärts segelte. Sie landeten auf Tahiti, wo sie sich unter
den Eingeborenen Frauen nahmen, begaben sich dann auf eine einsame
Felseninsel, inmitten des Stillen Ozeans, die sog. Pitcairn-Insel,
und machten das Schiff zum Wrack, indem sie alles zur Niederlassung
brauchbare Material in und an dem Schiff auf das Eiland schafften.
Pitcairns Eiland liegt vom Weltverkehr so weit ab, daß nur selten
Schiffe vorbei kommen. Man hat die Insel für unbewohnt gehalten, bis
im Jahre 1808 der Kapitän eines daselbst ankernden Schiffes zu seinem
Erstaunen die Entdeckung der Insulaner machte. Die streitsüchtigen
Meuterer hatten sich indessen gegenseitig bis auf 2 oder 3 umgebracht,
doch war bereits ein junger Nachwuchs vorhanden, so daß die Bevölkerung
im Jahre 1808 27 Personen betrug. John Adams, der Rädelsführer, war
noch am Leben: er war bis zu seinem 1879 erfolgten Tode der Beherrscher
und Patriarch des Völkchens. Er war zu einem christlichen Lebenswandel
übergegangen, und sein Volk von 27 Köpfen bildete die frömmste und
strengste Gemeinde der Christenheit. Adams hatte sich freiwillig unter
den Schutz der englischen Flagge, die er aufhißte, begeben. Nach dem
neuesten Zensus zählt die Bevölkerung 90 Personen: 16 Männer, 19
Frauen, 25 Knaben und 30 Mädchen, lauter Abkömmlinge der Meuterer. Sie
sprechen nur die englische Sprache. Die Insel ragt wie Helgoland aus
der See; sie ist ¾ Meilen lang und stellenweise bis zu einer halben
Meile breit. Das Ackerland ist den verschiedenen Familien zugeteilt.
Auch giebt es einen mannigfaltigen Viehstand: Ziegen, Schweine,
Hühner und Katzen; aber keine Hunde oder sonst größere Tiere. Die
Kirche auf Pitcairn ist zugleich Schule, Rathaus und Bibliothek.
Das Staatsoberhaupt führt den Titel: ›Bürgermeister und Gouverneur,
Unterthan Ihrer Majestät der Königin von England‹. Dasselbe wird
vom ganzen Volke gewählt; wahlberechtigt ist jeder Einwohner ohne
Unterschied des Geschlechts.
Die einzige Beschäftigung der Leute, als sie entdeckt wurden,
bestand in Landwirtschaft und Fischfang; ihre einzige Zerstreuung im
Gottesdienst. Es gab weder einen Kaufladen noch Geld auf der Insel.
Gewohnheiten und Bekleidung der Insulaner waren ebenso einfach wie ihre
Gesetze. Sie lebten dahin in einer tiefen Sabbathruhe, fern von der
Welt, ihrem Ehrgeiz und ihrer Drangsal. Einmal alle 3--4 Jahre landete
ein Schiff, das die mittlerweile veralteten Neuigkeiten von blutigen
Schlachten, verheerenden Epidemien und gestürzten Thronen brachte,
sodann gegen Seife und Flanell einige Yamswurzeln und Brotfrucht
eintauschte, und dann wieder fortsegelte, um die Insel für ein paar
Jahre sich selbst zu überlassen.
Vor einigen Jahren besuchte der Admiral Horsey an der Spitze der
englischen Flotte in den pazifischen Gewässern die Insel und erstattete
darüber an das Parlament einen Bericht. In demselben heißt es:
»Die Insulaner pflanzen Bohnen, rote und weiße Rüben, Kohl
und etwas Mais, Ananas, Feigen- und Orangen-, Zitronen- und
Kokosnußbäume. Ihre Kleider erhalten sie gelegentlich von
vorüberfahrenden Schiffen im Austausch gegen Nahrungsmittel.
Die Insel hat kein eigenes Wasser, da es aber eine Regenperiode
auf der Insel giebt, fehlt es nicht daran. Trunkenheit ist
ein unbekanntes Laster. Die Bedürfnisse der Insulaner sind
vornehmlich: Leinwand, Flanell, Halbstiefel, Kämme, Seife,
Tabak; auch Landkarten und Schiefertafeln für ihre Schulen,
sowie Werkzeuge jeder Art tauschen sie gerne ein. Ich ließ
sie mit einer Flagge zum Aufhissen bei der Ankunft von
Schiffen versehen, sowie mit einer Handsäge, deren sie sehr
bedürftig waren. Dies wird, wie ich hoffe, die Billigung der
Lords finden. Sobald das freigebige englische Volk von den
Bedürfnissen dieser kleinen würdigen Kolonie erfährt, wird es
gewiß bereit sein, denselben abzuhelfen.
Gottesdienst wird jeden Sonntag um 10½ Uhr vor- und 3 Uhr
nachmittags in dem von John Adams gebauten Hause gehalten.
Derselbe wird streng nach der Liturgie der Kirche von England
von Mr. Simon Young, ihrem erwählten Pastor, der in hoher
Achtung steht, begangen. Eine Bibelstunde wird jeden Mittwoch
gehalten, wo alle, die abkommen können, zugegen sind. Auch ist
eine allgemeine Gebetstunde am ersten Freitag jeden Monats.
Familiengebete werden in jedem Haus als erstes in der Frühe
und letztes des Abends gesprochen, und nie wird gespeist,
ohne daß Gottes Segen vor- und nachher erbeten würde. Von den
religiösen Eigenschaften dieser Insulaner kann man nur mit der
größten Hochachtung sprechen. Ein Volk, das sich’s zum größten
Vergnügen und zur Pflicht macht, im Gebet mit seinem Gott
vereinigt zu sein und das fröhlich und fleißig ist und freier
von Lastern als irgend eine andere Gemeinde, bedarf kaum eines
Priesters.«
In dem Bericht des Admirals findet sich zum Schluß die geringfügig
erscheinende Bemerkung: »Ein Fremder, ein _Amerikaner_, hat sich
unlängst auf der Insel niedergelassen -- eine zweifelhafte Erwerbung.«
Der Admiral hatte keine Ahnung, wie sehr er mit seiner kritischen
Bemerkung recht hatte. An diesen Amerikaner knüpft sich die Geschichte
einer großen Revolution auf der sonst so stillen und friedlichen Insel.
Ueber dieses Ereignis liegt von dem amerikanischen Kapitän Ormsby,
welcher vier Monate nach des englischen Admirals Besuch zufällig auf
die Insel kam, ausführliche Kunde vor, die wir in Kürze wiedererzählen.
Der obenerwähnte amerikanische Eindringling hieß _Butterworth Stavely_.
Derselbe begann damit, sich durch alle möglichen Pfiffe und Kniffe bei
den Pitcairnern einzuschmeicheln. Er wurde bald sehr beliebt, zumal
er alle seine weltlichen Gewohnheiten verließ und sich mit ganzer
Inbrunst auf die Religion warf. Bald übertraf er alle in der Ausdauer
und Inbrunst des Betens und Hymnensingens. Sobald er die Zeit für
gekommen erachtete, begann er heimlich die Saat der Zwietracht zu
streuen. Es war von Anfang an seine überlegte Absicht, die Regierung zu
stürzen. Zu diesem Zweck bediente er sich der verschiedensten Mittel.
Bei den einen erweckte er Unzufriedenheit, indem er auf die Kürze
der Sonntagsfeier hinwies, und _drei_- anstatt der _zwei_stündigen
Gottesdienste befürwortete. Die Anhänger dieser Meinung verbündeten
sich in der Stille zu einer Partei, um für ihre Reform zu wirken. Den
Frauen redete er ein, daß ihre Stimme nicht genügend in der Gebetstunde
vertreten sei; so entstand eine zweite Partei. Keine Waffe war ihm zu
gering. Selbst die Kinder zog er zu sich herüber, indem er in ihren
jungen Herzen Unzufriedenheit erweckte, durch seine Entdeckung, daß sie
nicht genug Sonntagsschule hätten. Das erzeugte eine dritte Partei.
Als Stavely solchermaßen vorgearbeitet, führte er einen Schlag gegen
die oberste Magistratsperson, Yames Russell Nikroy, einen Mann von
Charakter und Tüchtigkeit, einen der wohlhabendsten Bewohner und
Besitzer des einzigen Fahrzeuges auf der Insel, eines Walfischbootes.
Um zu erzählen, wie sich das begab, muß in der Geschichte der Insel
zurückgegriffen werden.
Eines der wichtigsten Gesetze auf der Insel ist das gegen
Eigentumsverletzung; es gilt als das Palladium der Volksfreiheit. Vor
etwa dreißig Jahren kam ein wichtiger Fall, der unter dieses Gesetz
fiel, vor das Gericht. Ein Hühnchen, das der Elisabeth Young (damals 58
Jahre alt, eine Tochter John Mills, eines der Meuterer der ›Bounty‹)
gehörte, richtete auf dem Grundstück Henry Christians (29 Jahre alt,
ein Enkel Fletcher Christians, eines der Meuterer) Unfug an. Christian
tötete das Hühnchen.
Nach dem Gesetz war Christian berechtigt, indem er das tote Huhn
zurückgab, Ersatz für den von demselben angerichteten Schaden zu
beanspruchen. Christian that das letztere und beanspruchte einen
Scheffel Yamswurzeln als Entschädigung, was Fräulein Young zu viel war.
Sie klagte und das Gericht setzte die Entschädigung auf einen halben
Scheffel herab.
[Illustration]
Christian appellierte dagegen. Der Prozeß ging darauf durch alle
Instanzen. Endlich -- im vorigen Sommer -- nachdem der Prozeß 20 Jahre
geschwebt -- war der Streit vor das höchste Obergericht gelangt.
Dasselbe bestätigte das ursprüngliche Urteil. Christian mußte sich nun
zufrieden geben, aber Stavely raunte dessen Verteidiger ins Ohr, er
›solle -- bloß der Form wegen‹ -- verlangen, daß ihm das betreffende
Gesetz, auf das sich das Urteil bezog, vorgezeigt werde, damit er
sich von seiner Existenz überzeugen könne. Das Gericht ließ diesen
seltsamen Einfall gelten. Ein Bote wurde in das Haus des Bürgermeisters
geschickt, welcher bald darauf mit der Nachricht wiederkehrte, das
Gesetz sei aus dem Staatsarchiv verschwunden. Der Gerichtshof mußte
darauf seine Entscheidung für null und nichtig erklären. Das Publikum
aber geriet in große Aufregung über den Verlust des Gesetzes, das
seine wichtigsten Freiheitsrechte enthielt. Auf Stavelys Antrag
erfolgte die Anklage des Bürgermeisters. Seine würdige Haltung und
ruhige Beteuerung, daß er an dem Verlust unschuldig sei, indem er das
Staatsarchiv stets in der nämlichen Zigarrenschachtel aufbewahrt habe
und dasselbe weder verlegt noch zerstört habe, half ihm nichts. Er
wurde abgesetzt und sein Vermögen eingezogen. Das Erbärmlichste an der
Geschichte war, daß von seinen Feinden als Grund, warum er das Gesetz
vernichtet habe, angegeben wurde, er habe dadurch Christian nützen
wollen, weil er sein _Vetter_ sei. Und doch gab es auf der Insel außer
Stavely keinen Menschen, der nicht Christians Vetter gewesen wäre. Denn
es läßt sich denken, daß die ganze Einwohnerschaft mit der Zeit durch
Heiraten so miteinander verbunden wurde, daß nachgerade ein jeder in
allen möglichen verwandtschaftlichen Beziehungen zu den anderen stand.
Ein Fremder sagt z. B. zu einem der Insulaner: »Sie sprechen von jener
jungen Frau als ihrer Base; vor einer Weile nannten Sie sie Tante!« Er
wird vielleicht darauf zur Antwort erhalten:
»Nun, sie ist meine Tante und auch meine Base; ferner ist sie meine
Stiefschwester, meine Nichte, meine Base im 4., 23. und 32. Grad,
meine Großtante, meine Großmutter, meine verwitwete Schwägerin, -- und
nächste Woche wird sie mein Weib werden!«
So war denn der Vorwurf des Nepotismus gegen den Angeklagten überaus
schwach; aber schwach oder stark, er paßte in Stavelys Plans.
Derselbe wurde alsbald an des Gestürzten Stelle zum Bürgermeister
gewählt. Es regnete nun Reformen. Eine der ersten war, daß der zweite
Sonntagsvormittags-Gottesdienst, der sonst 35 bis 40 Minuten gedauert
hatte und in welchem eine Fürbitte für jeden Weltteil, jede Nation und
jeden Volksstamm eingelegt war, um eine Stunde verlängert und daß die
Fürbitte auf alle erdenklichen Völker auf den verschiedenen Planeten
ausgedehnt wurde. Die Neuerung gefiel allgemein und die Leute sagten
sich: das sieht doch etwas gleich. Als Stavely das Verbot des Essens am
Sonntag an die Stelle des bisherigen Verbots, an diesem Tage zu kochen,
setzte, und die Sonntagsschule den ganzen Tag über dauern ließ, kannte
der Jubel des Volkes keine Grenzen. Durch seine Neuerungen machte sich
Stavely bald zum Abgott des Volkes.
Stavely wagte einen weiteren Schritt. Er begann unter der Hand die
öffentliche Meinung gegen England aufzuwiegeln. Als er die Geister
einzeln angeschürt, trat er öffentlich auf und erklärte, die Nation
sei es ihrer Ehre und Vergangenheit schuldig, sich des drückenden
englischen Joches zu entledigen. Darauf erwiderten einige besonnene
Insulaner: »Wir fühlen den Druck nicht. Wie sollten wir? England sendet
alle paar Jahre ein Schiff zu uns, das uns Seife und Tuch und was wir
sonst brauchen, bringt, und läßt uns im übrigen in Ruhe.«
»Läßt uns in Ruhe?« entgegnete Stavely. »So haben Sklavenseelen
jederzeit gefühlt und gesprochen. Solche Worte zeigen, wie tief ihr
schon unter dem Druck der Tyrannei gesunken seid. Wie, hat euch aller
Mannesstolz verlassen? Ist euch Freiheit nichts? Seid ihr zufrieden,
immer nur ein Anhängsel an eine fremde und hassenswerte Macht zu sein,
wo ihr doch berechtigt wäret, euern Platz unabhängig groß und frei in
der erhabenen Familie der Nationen einzunehmen?«
Solche Reden verfehlten ihre Wirkung nicht. Die Insulaner begannen
das englische Joch zu fühlen; sie fühlten es, ohne zu wissen, wo und
wie. Sie begannen zu klagen, zu murren, unter eingebildeten Ketten
zu seufzen und sich nach Befreiung und Erleichterung zu sehnen. Ihre
Abneigung gegen England wuchs. Während sie vordem auf dem Wege nach
ihrem Kapitol freudig an dem englischen Banner hinaufsahen, schlugen
sie jetzt die Augen vor dem Symbol ihrer Unterthänigkeit nieder. Eines
Morgens fand man die Flagge herabgerissen und in den Staub getreten.
Niemand hißte sie wieder auf. Der Staatsstreich lag in der Luft.
Nächtlicherweile kamen einmal einige Bürger zu Stavely. Es entspann
sich folgende Unterhaltung:
»Wir können diese verhaßte Tyrannei nicht länger ertragen; wie
entledigen wir uns derselben?«
»Durch einen ~coup d’état~!«
»Was ist das?«
»Ein Staatsstreich, oder ~coup d’état~, ist so: Alles wird vorbereitet
und zur verabredeten Stunde verkündige ich, als das Staatsoberhaupt,
öffentlich und feierlich die Unabhängigkeit der Insel.«
»Das klingt einfach und leicht. Wir könnten das gleich thun. Womit
sollen wir beginnen?«
»Bemächtigt euch aller Kriegsmittel und des öffentlichen Eigentums,
veröffentlicht das Kriegsrecht, setzt die Armee und Marine auf
Kriegsfuß und verkündigt das Kaisertum.«
Dieses schöne Programm blendete die Unerfahrenen. Sie sagten:
»Das ist groß -- erhaben, aber wird England keinen Widerstand leisten?«
»Es mag! Dieser Felsen ist ein Gibraltar!«
»Richtig, aber wie ist’s mit dem Kaisertum? Brauchen wir ein
Kaiserreich und einen Kaiser?«
»Was ihr braucht, meine Freunde, das ist Einheit. Seht auf Deutschland,
auf Italien. Sie sind geeinigt. Einigkeit thut not. Dieselbe verteuert
zwar das Leben; aber das ist gleichbedeutend mit Fortschritt.
Wir müssen ein stehendes Heer, eine Flotte haben. Daraus folgen
selbstverständlich Steuern, aber diese sind nur Zeichen der Größe.
Einig und groß, was wollt ihr mehr? Nur ein Kaisertum kann euch diese
Wohlthaten schaffen.«
So wurde am 8. Dezember Pitcairns Eiland für ein freies und
unabhängiges Reich erklärt und an demselben Tage fand unter großem
Jubel und Festlichkeiten die Krönung von Butterworth I., Kaiser der
Pitcairn-Insel statt.
Nie in der Geschichte der Insel war ein solches Schauspiel gesehen
worden. Im Gänsemarsch zog das gesamte Volk -- mit Ausnahme der kleinen
Kinder -- hinter dem Throne, auf welchem der Kaiser saß, mit Fahnen
und Musik einher. Die Begeisterung kannte keine Grenzen.
Nun begannen unverzüglich die kaiserlichen Reformen. Adelsklassen
wurden eingerichtet, ein Marineminister ernannt und das Walfischboot
in Dienst gesetzt; ein Kriegsminister wurde berufen, mit dem Auftrag,
sogleich zur Bildung eines stehenden Heeres zu schreiten. Ein erster
Lord des Schatzes wurde ernannt und mit dem Entwurfe eines Steuerplanes
betraut; zugleich sollte er Unterhandlungen eröffnen zum Abschluß von
Schutz- und Trutzbündnissen, sowie von Handelsverträgen mit den fremden
Mächten. Einige Generale und Admirale wurden eingesetzt, ebenso einige
Kammerherren, Hofstallmeister und sonstige Hofchargen.
Damit aber war alles vorhandene Menschenmaterial verwendet. Der
Kriegsminister, mit dem Titel ›Großherzog von Galiläa‹ beklagte sich,
daß die sechzehn erwachsenen Männer des Reiches sämtlich hohe Aemter
erhalten hätten und sich infolgedessen weigerten, in Reih und Glied zu
dienen; er sei deshalb in großer Verlegenheit betreffs seines stehenden
Heeres. Der Marineminister, Marquis von Ararat, beklagte sich aus
demselben Grunde; er erklärte sich bereit, das Walfischboot selbst zu
steuern, müsse aber unbedingt Leute zum Rudern haben.
Der Kaiser that das beste, was er in diesem Falle thun konnte: er
nahm alle Knaben über zehn Jahre ihren Müttern weg und preßte sie zum
Militärdienst, indem er so ein Korps von Gemeinen bildete, das von
einem Generallieutenant und zwei Generalmajoren befehligt wurde. Das
gefiel dem Kriegsminister, erregte aber die Feindseligkeit aller Mütter
im ganzen Lande, welche sagten, ihre Lieblinge würden jetzt auf den
Schlachtfeldern ein blutiges Grab finden.
Infolge der großen Spärlichkeit an lebendem Material trat die
Notwendigkeit ein, daß der Herzog von Bethanien, der sonst
Generalpostmeister war, in der Marine als Ruderer dienen und so hinter
einem Adeligen niederen Ranges, dem Grafen Canaan, der zugleich die
Stelle des Lordoberrichters begleitete, sitzen mußte. Das verwandelte
den Herzog von Bethanien in einen offenen Unzufriedenen und in einen
geheimen Verräter -- was der Kaiser voraussah, aber nicht ändern konnte.
Die Dinge gestalteten sich schlimmer und schlimmer. Eines Tages machte
der Kaiser Marie Peters zur Gräfin und heiratete sie, trotzdem ihm
das Ministerium aus politischen Gründen entschieden geraten hatte,
Emmeline, die älteste Tochter des Erzbischofs von Bethlehem, zu
heiraten. Das rief in einem mächtigen Lager -- dem der Kirche --
große Unzufriedenheit hervor. Die neue Kaiserin verschaffte sich die
Unterstützung und Freundschaft von zwei Dritteln der sechsunddreißig
erwachsenen Frauen der Nation, indem sie dieselben als Ehrendamen
an ihren Hof zog; aber damit machte sie sich die übrigen zwölfe
zu Todfeindinnen. Die Familien der Ehrendamen begannen bald zu
rebellieren, weil jetzt niemand daheim war, um das Hauswesen zu führen.
Die zwölf hintangesetzten Damen weigerten sich, in die kaiserliche
Küche als Mägde einzutreten; so war die Kaiserin gezwungen, die
Gräfin von Jericho und andere große Hofdamen in Anspruch zu nehmen
zum Wasserholen, Palastfegen und zur Verrichtung anderer niedriger
Dienstleistungen. Auch das erregte wieder böses Blut.
Jedermann fing an, sich zu beklagen, daß die zum Unterhalt des Heeres,
der Marine und der kaiserlichen Hofhaltung auferlegten Steuern
unerträglich drückend seien und die Nation an den Bettelstab brächten.
Des Kaisers Antwort -- »Blickt auf Deutschland, blickt auf Italien,
was beklagt ihr euch? Alle großen Nationen haben für ihre Einigkeit
Opfer gebracht!« -- befriedigte sie nicht. Sie sagten: »Man kann die
Einigkeit nicht _essen_ und wir verhungern. Der Ackerbau hat aufgehört;
jedermann ist im Heere, in der Marine oder im Hofdienst, steht umher
in einer Uniform, hat nichts zu thun, nichts zu essen und niemand ist
da, um die Felder zu bestellen.« --
Als die Unzufriedenheit schon stark um sich gegriffen hatte, stellte
sich im Staatshaushalt ein Defizit von mehr als 45 Dollars heraus;
das machte einen halben Dollar auf den Kopf der Bevölkerung. Das
Kabinett erörterte die Frage einer Anleihe. Auch von der Ausgabe von
Schatzscheinen und Papiergeld, nach 50 Jahren in Yamswurzeln und
Kohlköpfen einzulösen, war ernstlich die Rede.
Die Minister erklärten, die Löhnung der Armee, Marine und der
Beamtenschaft sei bedeutend im Rückstand, und wenn nicht irgend
etwas geschehe und zwar unverzüglich, so müsse der Staatsbankerott
hereinbrechen und möglicherweise Aufstand und Revolution. Der Kaiser
entschloß sich sogleich zu einer durchgreifenden, auf Pitcairns
Eiland bis jetzt unerhörten Maßregel. Er begab sich am Sonntag früh
in feierlichem Aufzug zur Kirche, gefolgt von der ganzen Armee: dort
befahl er dem Finanzminister, eine Sammlung vorzunehmen.
Das war die Feder, die das Kamel zusammenbrechen machte. Ein Bürger
nach dem andern erhob sich und weigerte sich, diese unerhörte
Gewaltthätigkeit zu dulden -- und jeder Weigerung folgte augenblicklich
Konfiskation des Vermögens des Unzufriedenen. Dieses Verfahren machte
den Weigerungen bald ein Ende, und die Sammlung nahm inmitten tiefen
und ominösen Schweigens ihren Fortgang. Als der Kaiser mit den Truppen
abzog, sagte er: »Ich werde euch zeigen, wer hier Meister ist.« Mehrere
Personen riefen: »Nieder mit der Einigkeit!« Sie wurden sogleich
festgenommen und vom Militär aus den Armen ihrer weinenden Angehörigen
gerissen.