Von der Verkäuferin in einem Laden erfuhr ich, daß sämtliche

Merkwürdigkeiten, die darin zur Schau gestellt waren, wirklich von den

Indianern verfertigt seien. Sie sagte, man könne bei den Fällen stets

viele antreffen, die friedlich und freundlich wären, so daß es durchaus

nicht gefährlich sei, mit ihnen zu sprechen. Und richtig -- als ich

mich der Brücke näherte, die nach der Luna-Insel führt, stieß ich auf

einen edlen Sohn der Wälder, welcher eifrig an einem Strickbeutel aus

Glasperlen arbeitend unter einem Baume saß. Er trug einen Schlapphut

und Holzschuhe und hatte eine kurze schwarze Pfeife im Munde. So sehr

schwindet bei der verderblichen Berührung mit unserer verweichlichten

Zivilisation die malerische Pracht, die dem Indianer natürlich ist,

wenn er, fern von uns, in seinen heimatlichen Jagdgründen lebt! -- Ich

redete diese Ruine ihres Stammes also an:

»Ist der Wawhoo Wang des Whackawacks glücklich? Sehnt sich der

große gefleckte Donner nach dem Kriegspfad -- oder ist sein

Herz zufrieden, wenn es von dem braunen Mädchen, dem Stolz

der Wälder träumt? -- Dürstet der mächtige Sachem danach,

das Blut seiner Feinde zu trinken -- oder genügt es ihm,

Arbeitsbeutel für die Töchter der Bleichgesichter zu machen?

Sprich, herrlicher Nachkomme verschwundener Größe -- ehrwürdige

Reliquie, sprich!«

Hierauf die Reliquie:

»Was -- mich, Dennis Hooligan, haltet Ihr für so ’nen

schmierigen Indianer, Ihr näselnder, hohlbackiger,

spinnebeiniger Teufelskerl? Bei dem Pfeifer, der vor Moses

spielte, ich mach’ Euch den Garaus!«

Da fand ich für gut, mich zu entfernen.

[Illustration]

Bald darauf traf ich beim Terrapin-Turm eine sanfte Tochter der

Ureinwohner in befranzten und perlengestickten Moccasins und Gamaschen.

Sie saß auf einer Bank, ihre zierlichen Waren um sich her ausgebreitet.

Soeben hatte sie einen Häuptling aus Holz geschnitzt, der eine starke

Familienähnlichkeit mit einer Waschklammer aufwies, und bohrte ihm nun

ein Loch in den Unterleib, um seinen Bogen hindurchzustecken.

Ich zögerte einen Augenblick, dann redete ich sie an.

»Ist dem Mädchen der Wälder das Herz schwer? Fühlt sich

die lachende Kaulquappe einsam? Trauert sie über das

erloschene Beratungsfeuer ihres Stammes und die entschwundene

Herrlichkeit ihrer Vorfahren? Oder schweift ihr schwermütiger

Geist weit fort nach den Jagdgründen, zu denen ihr

tapferer Blitz-Verschlinger gezogen ist? -- Warum schweigt

meine Tochter? Ist sie dem fremden Bleichgesicht nicht

wohlgesinnt?« --

Darauf das Mädchen:

»Na, so was! Mich, Biddy Malone, nimmt er sich ’raus zu

schimpfen. Mach’ er sich davon, sonst schmeiß ich sein dürres

Gerippe in den Wasserfall, er lumpiger Bummler!«

Auch hier ging ich von dannen. --

»Hol’ der Henker diese Indianer,« dachte ich. »Man hat mir doch

erzählt, sie wären zahm -- aber wenn der Schein nicht völlig trügt,

sollte ich meinen, sie wären alle auf dem Kriegspfade.« --

Noch einen Versuch machte ich -- einen letzten -- mich mit ihnen zu

verbrüdern. Ich stieß auf eins ihrer Lager, wo ich sie im Schatten

eines Baumes versammelt fand, beschäftigt Wampum und Moccasins

anzufertigen, und redete mit ihnen in der Sprache der Freundschaft:

»Edle Rothäute,« sagte ich, »tapfere, große Sachems,

Kriegshäupter, Squaws und hohe Muckamucks, das Bleichgesicht

vom Lande der untergehenden Sonne grüßt euch! Du, Mildthätiger,

Iltis -- du, Berge-Verschlinger, -- du, -- Brüllender

Donnerschlag -- du, Kampfhahn mit dem Glasauge -- das

Bleichgesicht von jenseits des großen Wassers bietet euch allen

seinen Gruß. Krieg und Seuchen haben eure Reihen gelichtet

und eure einst so stolze Nation dem Untergang geweiht; Poker,

Sieben Oben[10] und der eitle, neumodische Kostenaufwand für

Seife, die euern ruhmvollen Ahnen unbekannt war, haben euern

Beutel geleert. Daß ihr euch in eurer Einfalt das Eigentum

anderer zugeeignet habt, brachte euch in Ungelegenheiten. Eine

falsche Darstellung von Thatsachen, die eurer Harmlosigkeit

entsprang, hat euern Ruf in den Augen der seelenlosen Bedrücker

geschädigt. Ihr habt Tauschhandel getrieben, um Feuerwasser zu

bekommen, euch zu betrinken, euch glücklich zu fühlen und eure

Familien mit dem Tomahawk umzubringen. Das hat die malerische

Pracht eurer Kleidung für alle Zeit zu Grunde gerichtet. Da

steht ihr nun, in der grellen Beleuchtung des neunzehnten

Jahrhunderts, aufgeputzt wie die Haderlumpe und der Janhagel

aus den Vorstädten von New York! Schande über euch! Gedenkt

eurer Ahnen! Ruft euch ihre Großthaten zurück! Erinnert euch an

Uncas, an die Rote Jacke, das Loch im Tage und Whoopdedoodledo!

Eifert ihren Thaten nach! Sammelt euch unter meinem Banner,

edle Wilde, gefeierte Gurgelabschneider!« --

[10] Kartenspiele.

»Nieder mit ihm!« -- »Zerschlagt ihm das Großmaul!« --

»Verbrennt ihn!« -- »Hängt ihn!« -- »Schmeißt ihn ins

Wasser!« --

[Illustration]

Ein schnelleres Verfahren war noch nicht dagewesen. -- Ich sah es nur

plötzlich in der Luft aufblitzen von Knütteln, Backsteinen, Fäusten,

Körben mit Glasperlen und Moccasins -- wie ein einziger Strahl, denn

alles schien mich zu gleicher Zeit zu treffen, doch jedes auf einer

anderen Stelle! Im nächsten Augenblick fiel der ganze Stamm über mich

her. Sie rissen mir die Hälfte meiner Kleider vom Leibe; sie brachen

mir Arme und Beine entzwei; sie versetzten mir einen Schlag auf den

Kopf, der eine Einbucht in meine Schädeldecke machte, daß man hätte

daraus Kaffee trinken können, wie aus einer Untertasse; und um ihr

schändliches Werk zu krönen und zum Schimpf noch Schaden zu fügen,

warfen sie mich in den Niagarafluß.

Ungefähr neunzig oder hundert Fuß vom obern Rande blieb ich mit den

Fetzen meiner Weste an einer vorspringenden Felsecke hängen und

bevor ich mich losmachen konnte, war ich beinahe ertrunken. Endlich

fiel ich und tauchte am Fuß des Falles wieder auf, in einer Welt von

weißem Schaum. Natürlich geriet ich in den Strudel. Ich kreiste darin

vierundvierzigmal herum, hinter einem Holzspan her, dem ich immer näher

kam -- vierundvierzigmal griff ich nach demselben Busch am Ufer und

verfehlte ihn jedesmal um eines Haares Breite.

Endlich kam ein Mann herunter gegangen, setzte sich dicht bei dem

Busch nieder, steckte seine Pfeife in den Mund, strich ein Zündholz

an und verfolgte mich mit einem Auge, während er das andere auf das

Hölzchen richtete, das er mit den Händen vor dem Wind schützte. Aber

ein Windstoß blies es aus. Als ich das nächstemal herumkreiste, redete

er mich an.

»Haben Sie ein Streichholz?«

»Ja, in meiner andern Westentasche; helfen Sie mir, bitte, heraus.«

»Für kein Geld!«

Als ich wieder herum kam, sagte ich:

»Entschuldigen Sie die anscheinend unbescheidene Neugier eines

Ertrinkenden; aber wollen Sie mir gefälligst Ihr sonderbares Verhalten

erklären?«

»Sehr gern. Ich bin der Leichenbeschauer. Beeilen Sie sich nicht um

meinetwegen -- ich kann auf Sie warten. Aber ich wollte, ich hätte ein

Zündholz!«

Ich sagte: »Kommen Sie an meine Stelle und ich will Ihnen eins holen.«

Er ging auf diesen Vorschlag nicht ein und dieser Mangel an Vertrauen

seinerseits erzeugte eine Verstimmung zwischen uns. Von da ab vermied

ich ihn und nahm mir vor, falls mir etwas zustieße, die Katastrophe so

zu berechnen, daß meine Kundschaft dem Leichenbeschauer drüben auf der

amerikanischen Seite zufiele.

Zuletzt kam ein Polizist des Weges, der mich verhaftete, weil ich durch

mein Hilfegeschrei die öffentliche Ruhe am Ufer störe. Der Richter

legte mir eine Geldbuße auf, aber da zog er den kürzeren. Mein Geld war

in meinen Beinkleidern -- und meine Beinkleider waren bei den Indianern.

* * * * *

So bin ich dem Tode entgangen. Ich liege aber jetzt hier in sehr

kritischer Verfassung. Doch liege ich wenigstens, kritisch oder nicht

kritisch. Ich bin am ganzen Leib voll Wunden und der Doktor, der mich

behandelt, meint, er werde vor heute abend mit der Aufnahme meiner

Verletzungen nicht fertig sein. Indessen sagt er schon jetzt, daß nur

sechzehn von meinen Wunden gefährlich sind -- auf die übrigen lege ich

keinen Wert.

Als ich wieder zum Bewußtsein kam, sagte ich:

»Das ist ein gräßlich wilder Indianerstamm, der die Perlarbeiten und

Moccasins für ›Niagara Falls‹ macht, Doktor. Wo kommen die Leute wohl

her?«

»Aus Limerick,[11] mein Freund.«

[11] Die ›Wilden‹ sind Irländer, aus denen, wie bekannt, das

rauflustigste Gesindel in den amerikanischen Städten

besteht.

Britische Festlichkeiten.

Nachdem ich den Niagarafall in Augenschein genommen, begab ich mich auf

das kanadische Ufer. Hier traf ich im ersten Hotel mit dem Major des

42. Füsilierregiments und einem Dutzend anderer strammer und gastfreier

Engländer zusammen, die mich einluden, im Verein mit ihnen den

Geburtstag der Königin zu feiern. Dazu war ich mit Freuden bereit; ich

versicherte, daß ich sämtlichen Engländern, die ich je kennen gelernt

habe, sehr wohlgesinnt sei, für die Königin aber hege ich Bewunderung

und Verehrung, wie alle meine Landsleute. _Eine_ Schwierigkeit würde

sich jedoch kaum beseitigen lassen: ich sei nämlich ein grundsätzlicher

Gegner von berauschenden Getränken und wisse nicht, wie ich in den

schwachen Flüssigkeiten, an die ich gewöhnt sei, einem solchen

Geburtstag die gebührende Ehre anthun solle.

Der Major kratzte sich den Kopf und unterwarf die Sache einer langen

und reiflichen Ueberlegung, es schien jedoch kein erdenkliches Mittel

zu geben, das Hindernis aus dem Wege zu räumen. Mir anzuraten, meinen

Grundsätzen auch nur zeitweilig untreu zu werden, dazu war er ein Mann

von viel zu hoher Bildung.

Endlich sagte er jedoch: »Ich hab’s! Trinken Sie Sodawasser.«

[Illustration]

Dabei blieb es denn. Wir versammelten uns in einem großen, prachtvoll

mit Fahnen und grünen Pflanzen ausgeschmückten Saal und nahmen an der

Tafel Platz, welche mit leiblichen Genußmitteln, in fester sowohl

als flüssiger Form, reich beladen war. Unter witzigen Toasten und

trefflichen Reden blieben wir bis lange nach Mitternacht beisammen.

Ich war in meinem ganzen Leben nicht so vergnügt und trank 38 Flaschen

Sodawasser. Aber mir scheint, das ist doch kein recht geeignetes

Getränk zu stärkerem Verbrauch. Als ich am nächsten Morgen aufstand,

war ich voll Gas und so straff gespannt, wie ein gefüllter Luftballon.

Von meinen Kleidungsstücken paßte mir nichts mehr, -- ausgenommen

mein Regenschirm. Nach dem Frühstück fand ich den Major wieder mit

großartigen Vorbereitungen beschäftigt. Auf meine Frage, was sie zu

bedeuten hätten, erfuhr ich, es sei der Geburtstag des Prinzen von

Wales, der am Abend festlich begangen werden müsse. Wir feierten ihn

also; waren wider mein Erwarten sehr lustig dabei und brachen auch

diesmal erst nach Mitternacht auf. Des Sodawassers war ich überdrüssig,

ich hielt mich an Limonade und trank mehrere Quart. Man sollte denken,

Limonade in Masse genossen, müsse dem Menschen besser bekommen als

Sodawasser. Aber das ist ein Irrtum. Am Morgen hatte sie mir den ganzen

Magen durchsäuert und meine Zähne so stumpf gemacht, daß ich nichts

beißen konnte; es war gerade, als hätte ich den Kinnladenkrampf. Dabei

fühlte ich mich schrecklich unwohl und schwermütig.

Bald nach dem zweiten Frühstück traf ich den Major bei neuen

Vorbereitungen. Als er sagte, es sei der Geburtstag der Prinzeß Helene,

verbarg ich meinen Kummer.

»Wer ist die Prinzeß Helene?« fragte ich.

»Tochter Ihrer Majestät der Königin,« erwiderte der Major.

Ich leistete keinen Widerstand. Am Abend fand die Geburtstagsfeier der

Prinzeß Helene statt. Sie dauerte wie gewöhnlich bis tief in die Nacht

hinein und ich war wirklich sehr vergnügt. Aber Limonade konnte ich

nicht mehr vertragen. Ich trank einige Kübel voll Eiswasser aus.

Am Morgen hatte ich Zahnschmerzen, Krämpfe, Frostbeulen, dazu noch

immer stumpfe Zähne und eine ziemlich große Menge Gas im Innern. Den

unermüdlichen Major aber fand ich schon wieder am Werk.

»Wem soll denn das gelten?« erkundigte ich mich.

»Seiner königlichen Hoheit, dem Herzog von Edinburgh,« lautete die

Antwort.

»Sohn der Königin?«

»Ja.«

»Und heute ist sein Geburtstag? -- Sie irren sich doch nicht?«

»Nein, die Feier findet diesen Abend statt.«

Ich unterwarf mich dem neuen Verhängnis. Die Festlichkeit ging vor sich

und ich trank ein halbes Faß Apfelwein. Als ich mich am andern Morgen

mit mattem, von der Gelbsucht gefärbtem Blick umschaute, gewahrte ich

gleich zuerst den Major wieder bei seinen nie endenden Vorbereitungen.

Da brach mir das Herz und ich zerfloß in Thränen.

»Wen sollen wir denn heute beweinen?« fragte ich.

»Die Prinzessin Beatrice, Tochter der Königin.«

»Halt,« rief ich, »jetzt ist es an der Zeit, nähere Erkundigungen

einzuziehen. Wie lange wird wohl die Familie der Königin noch

herhalten? Wer kommt zunächst auf der Liste?«

»Ihre königlichen Hoheiten der Herzog von Cambridge, die Prinzeß

Royal, Prinz Arthur, die Prinzessin Mary von Teck, der Großherzog von

Mecklenburg-Strelitz, die Großherzogin von Mecklenburg-Strelitz, Prinz

Albert Viktor --«

»Genug!« unterbrach ich ihn. »Der Mensch kann viel ertragen, doch

alles hat seine Grenzen. Ich bin nur ein Sterblicher. Mit jedem meines

Geschlechts will ich’s aufnehmen; aber, wer alle Mitglieder dieser

Familie feiern und noch am Leben bleiben kann, der muß mehr sein, als

ein Mensch -- oder weniger. Wenn Sie das alle Jahre durchzumachen

haben, so danke ich Gott, daß ich in Amerika geboren bin; ein Engländer

zu sein, ertrüge ich bei meiner Leibesbeschaffenheit nicht. Ich kann

mich an dem Unternehmen nicht länger beteiligen; meine Auswahl an

Getränken ist erschöpft. Ja, für mich giebt es kein Getränk mehr und

doch müßte noch auf das Wohl so vieler angestoßen werden! Kein Getränk

mehr -- und wir stehen sozusagen erst im Vorhof der Familie. Es thut

mir wahrhaftig leid, mich zurückzuziehen, aber die bittere Not treibt

mich dazu. Ich bin mit Gas gefüllt, meine Zähne sind lose im Munde,

ich leide an Krämpfen, an Skorbut, an Zahnweh, Masern, geschwollenen

Backen und Kinnladenkrampf, auch habe ich von dem Apfelwein gestern

die Cholera bekommen. Meine Herren, trotz der besten Absicht von der

Welt bin ich wirklich nicht in der Verfassung, die übrigen Geburtstage

mitzufeiern. Ich muß um eine Pause bitten.«

Tischrede

bei einem Festessen der Amerikaner in London zur Feier des 4. Juli.

Herr Vorsitzender, geehrte Damen und Herren! Erlauben Sie mir, Ihnen

für den Glückwunsch zu danken, den Sie soeben ausgesprochen haben. Um

zu zeigen, wie sehr ich Ihre freundliche Gesinnung zu schätzen weiß,

will ich mich möglichst kurz fassen. Es ist eine Freude, auf Englands

altem mütterlichem Boden in friedlichem Beisammensein den Jahrestag

einer Bewegung zu feiern, welche vor langer Zeit aus dem Kriege mit

diesem selben Lande entstanden ist und durch die Opferwilligkeit

unserer Vorfahren zu einem glücklichen Ausgang gebracht wurde. Fast

hundert Jahre sind erforderlich gewesen, um Engländer und Amerikaner

in gegenseitiger Anerkennung und Freundschaft zu verbinden, aber

ich glaube, es ist jetzt endlich erreicht. Es war ein großer

Schritt vorwärts, als die zwei letzten Mißverständnisse durch ein

Schiedsgericht ausgeglichen wurden, statt durch Kanonen. Es ist ein

weiterer großer Schritt, wenn England unsere Nähmaschinen annimmt, ohne

-- wie gewöhnlich -- zu behaupten, es habe sie erfunden. Von hoher

Wichtigkeit war es auch, daß England kürzlich einen amerikanischen

Schlafwagen bezogen hat. Und gestern wurde mir unbeschreiblich warm ums

Herz, als ich Zeuge war, wie ein Engländer freiwillig und ungezwungen

beim Kellner einen ›~Sherry Cobbler~‹ bestellte und ihn dabei mit

bewundernswerter Einsicht und großem Verständnis daran erinnerte, daß

auch Erdbeeren hineingehörten. Eine gemeinsame Abstammung, dieselbe

Sprache und Litteratur, die gleiche Religion und -- die gleichen

Getränke -- was fehlt denn noch, um beide Völker aufs innigste mit

einander zu einem bleibenden Bruderbund zu verknüpfen?

Wir leben in einem Zeitalter des Fortschritts -- und dem Fortschritt

huldigt auch unser Vaterland. Es ist ein großes, ruhmvolles Land,

ein Land, das einen Washington, einen Franklin, einen Wm. M. Tweed,

einen Longfellow, einen Motley, einen Jay Gould, einen Samuel C.

Pomeroy hervorgebracht hat[12] und den letzten Kongreß, der (in

mancher Beziehung) alle seine Vorgänger übertraf. Auch besitzen die

Vereinigten Staaten ein Heer, welches in acht Monaten sechzig Indianer

dadurch besiegt hat, daß es sie totmüde machte -- was, Gott weiß

es, weit besser ist als ein barbarisches Gemetzel. Wir haben eine

Schwurgerichtsordnung, mit der sich keine auf Erden vergleichen läßt

und deren Wirksamkeit nur dadurch beeinträchtigt wird, daß man nicht so

leicht alle Tage zwölf Männer findet, die gar nichts wissen und nicht

lesen können. Auch will ich bemerken, daß bei uns die Geistesstörung

als mildernder Umstand in einer Weise geltend gemacht wird, bei welcher

selbst Kain freigekommen wäre. Ich glaube auch behaupten zu können --

und ich thue es mit Stolz, daß wir einige Gesetze haben, die mehr Geld

einbringen, als irgend welche in der übrigen Welt.

[12] Mark Twain zählt hier mit scheinbarem Ernst neben den

Namen von wirklichen Größen einige andere auf, welche

Männern von sehr zweifelhaftem Charakter angehören.

Voll Hochgefühl weise ich auf unser Eisenbahnsystem hin, das uns

am Leben läßt, obgleich es das Gegenteil thun könnte, da wir in

seiner Gewalt sind. Es hat im letzten Jahre durch Zusammenstöße nur

dreitausend und siebzig und durch Überfahren siebenundzwanzigtausend

zweihundert und sechzig Menschen das Leben gekostet. Die Verwaltung

beklagte den Tod dieser dreißigtausend Personen aufrichtig und ging

sogar so weit, für einige derselben Entschädigung zu leisten --

natürlich aus freien Stücken -- denn es wäre geradezu niederträchtig,

behaupten zu wollen, daß wir einen Gerichtshof besitzen, der die

Perfidie so weit treiben würde, einer Eisenbahngesellschaft gegenüber

einen Rechtsspruch durchzusetzen. Aber Gott sei Dank sind die

Eisenbahngesellschaften gewöhnlich geneigt, Recht und Billigkeit

walten zu lassen, ohne daß man ihnen Zwang anthut. Davon kann ich ein

Beispiel erzählen, welches mich damals innig gerührt hat. Nach einem

Unfall schickte mir die Gesellschaft nämlich die sterblichen Reste

eines lieben, entfernten, alten Vetters in einem Korbe ins Haus und

schrieb dabei: »Bitte die Summe anzugeben, die er Ihnen wert ist -- und

den Korb zurückzuschicken.« Größere Freundlichkeit kann man doch nicht

verlangen! --

Aber ich darf hier nicht den ganzen Abend stehen und prahlen, wenn

Sie mir auch ein wenig Großthuerei mit meinem Vaterlande am vierten

Juli gewiß zu gute halten. Das scheint doch gerade die rechte Zeit, um

den Adler steigen zu lassen. Nur noch _ein_ großsprecherisches Wort

gestatten Sie mir -- nämlich folgendes: Wir haben eine Regierungsform,

die jedermann freies Spiel läßt und keinen bevorzugt. Bei uns wird

niemand mit dem Recht geboren, auf seinen Nächsten herabzusehen und

ihn zu verachten. Diejenigen unter uns, die keine Herzöge sind, mögen

hierin ihren Trost finden. Die Zukunft erscheint uns hoffnungsvoll,

weil wir wissen, daß, wie traurig auch die Moral unserer heutigen

politischen Zustände beschaffen ist, England sich doch noch aus viel

jammervolleren emporgearbeitet hat, seit den Zeiten, als Karl II.

Dirnen in den Adelstand erhob und jedes Staatsamt verhandelt und

verkauft wurde. Für uns ist also noch Hoffnung vorhanden.

Es war meine Absicht gewesen, diese Rede vorzutragen, aber unser

Gesandter, General Schenck, welcher den Vorsitz führte, stand nach

dem Tischgebet auf, um eine lange und über alle Begriffe schläfrige

Ansprache zu halten, welche er mit der Bemerkung schloß, daß, da die

Festreden die Gäste nicht sehr zu erheitern schienen, alle ferneren

Vorträge während des Abends unterbleiben sollten, damit wir uns nach

Gefallen mit unsern Tischnachbarn unterhalten und gemütlich fühlen

könnten. Man weiß, daß infolge dieser Anordnung vierundvierzig fertige

Reden sterben mußten, ohne das Licht der Welt erblickt zu haben. Die

Schwermut, Niedergeschlagenheit und feierliche Stille, welche von

da ab bei dem Festmahl herrschte, wird den meisten, die demselben

beiwohnten, dauernd in der Erinnerung bleiben. Durch diese einzige

unbedachte Äußerung hat General Schenck vierundvierzig der besten

Freunde eingebüßt, die er in England besaß. Mehr als einer sagte an

jenem Abend: »Und einen solchen Menschen hat man hergeschickt, um uns

bei dem großen Schwesterreich würdig zu vertreten?«

Ein Zwiegespräch.

Alle meine seitherigen Reisen waren bloße Geschäftsreisen gewesen.

Das letzte Maiwetter war so verführerisch, daß ich beschloß, nun auch

einmal eine Vergnügungsreise zu machen. Schon einen Tag nach diesem

Entschluß befand ich mich an Bord eines nach den Bermudas gehenden

Dampfers. Nachdem ich mir mein Billet gelöst, wanderte ich auf dem

Verdeck auf und nieder in dem frohen Gefühl der Freiheit und Muße,

ein Genuß, der durch das Bewußtsein, daß sich die Entfernung zwischen

mir und den Post- und Telegraphenanstalten beständig vermehrte, noch

wesentlich erhöht wurde. Nach einer Weile ging ich in meine Kajüte

und kleidete mich aus; aber die Nacht war zu prächtig, um sie ganz zu

verschlafen. Ich stellte mich daher ans Fenster und beobachtete die

rasch dahingleitenden Lichter am Ufer. Bald kamen zwei ältliche Männer,

die sich gerade unter mein Fenster niedersetzten und ein Gespräch

begannen. Ihr Gespräch ging mich eigentlich nichts an, aber aufgelegt

und heiter gestimmt, wie ich war, ließ ich mir die Unterhaltung gern

gefallen. Ich entdeckte bald, daß sie Brüder aus einem kleinen Dorf in

Connecticut waren und daß sich ihre Unterhaltung um den Kirchhof drehte.

»Nun, Hans« -- begann der eine -- »wir haben die Sache des Langen und

Breiten besprochen. Siehst du, alles räumte den alten Kirchhof und

unsere Angehörigen blieben fast ganz allein zurück. Sie waren auch,

wie du weißt, arg eng zusammengedrängt. Der Platz war von Anfang an

nicht groß genug und als im letzten Jahr Seths Weib starb, konnten wir

sie kaum noch unterbringen. Sie kam gerade noch etwas auf Dekan Shorbs

Stelle herüberzuliegen und der wurde deswegen auf sie und uns ganz

ärgerlich. Wir redeten also darüber und ich war für ’nen Ankauf auf

dem neuen Kirchhof; die andern waren nicht dagegen, wenn es nicht zu

teuer käme. Die zwei schönsten und größten Plätze waren Nummer 8 und 9

-- beide von einer Größe: jeder bequem für sechsundzwanzig Erwachsene;

wenn man Kinder mitrechnet, reicht er für dreißig, auch zwei- und

dreiunddreißig, ganz hübsch.«

»Das ist übergenug, Wilhelm. Welchen hast du gekauft?«

»Nun, darauf werde ich gleich kommen, Hans. Siehst du, Nummer 8 kostete

13 Dollars, Nummer 9 aber 14 -- --«

»Sehe schon. Da hast du Nummer 8 genommen.«

»Warte nur. Ich nahm Nummer 9 und will dir auch sagen, warum. Erstens,

weil der Dekan Nummer 9 haben wollte. Nach der Art und Weise, wie er

sich darüber aufgehalten hat, daß Seths Weib etwas auf seinen Platz

zu liegen kam, hätte ich ihm den Platz weggeschnappt und wenn er mich

zwei statt einen Dollar mehr gekostet hätte. Was ist ein Dollar?

dachte ich bei mir. Das Leben ist nur eine Pilgerschaft, sag’ ich;

wir sind ja nicht für immer da und können nichts mit uns nehmen. So

legte ich denn das Geld hin und dachte: der Herr läßt ja keine gute

That unbelohnt und, so Gott will, verdien’ ich den Dollar an jemand

anders bei nächster Gelegenheit zurück. Ich hatte aber auch noch einen

anderen Grund. Nummer 9 ist weitaus der hübscheste Platz im ganzen

Kirchhof und am schönsten gelegen; er liegt gerade auf dem Gipfel einer

Anhöhe, mitten im Kirchhof. Man kann von dort aus Millport und Tracy

und den Rumpfberg und eine ganze Reihe von Farmen sehen; im ganzen

Staat ist keine schönere Aussicht von einem Begräbnisplatz aus, -- so

sagt wenigstens Higgins und der muß es wissen. Das ist aber noch nicht

alles. Shorb mußte wohl oder übel Nummer 8 nehmen. Nun stößt Nummer 8

an Nummer 9 und da jene am Abhang liegt, so läuft alles Wasser zu den

Shorbs hinab. Higgins meinte, wenn des Dekans Zeit einmal komme, möge

er seine sterblichen Ueberreste nur gegen Feuer- und Wasserschaden

zugleich versichern.«

[Illustration]

Nach diesen Worten ließ sich ein leises, doppeltes Kichern vernehmen,

das Beifall und Zufriedenheit ausdrückte.

Reisebilder und verschiedene Skizzen · 第 15 / 20 段