Freunde, welche in der Nähe waren: ›Gießt mir vier Tonnen Wasser auf
den Altar!‹ -- Jedermann war erstaunt, denn, seht Ihr, die andere
Partei hatte _trocken_ gebetet und war zu Schanden geworden. -- Na, sie
gossen es drauf. Dann ruft er: ›Laßt noch vier Tonnen drüber fließen!‹
Und dann: ›Noch vier mehr draufgegossen.‹ -- Also _zwölf_ Tonnen
zusammen. Das Wasser lief über den ganzen Altar und die Seiten herunter
und füllte noch einen Graben rund herum, der wohl ein paar Oxhoft
halten mochte. -- _Maß_ steht in der Bibel -- ich meine, es bedeutet
ungefähr ein Oxhoft. -- Viele Leute zogen schon wieder ihre Sachen an,
um heimzugehen; sie glaubten, der Mann wäre verrückt geworden. Aber da
kannten sie den Isaak schlecht.
»Isaak kniete nieder und fing an zu beten. Er holte weit aus und konnte
kein Ende finden; von den Heiden in fernen Ländern kam er auf die
Schwesterkirchen, auf _die_, so da Macht haben in der Regierung, auf
den Staat und das Land im großen und einzelnen und betete das ganze
übliche Gebet herunter -- Ihr wißt schon -- bis jedermann es satt bekam
und längst angefangen hatte, an andere Dinge zu denken. Dann aber,
ganz plötzlich, als niemand drauf merkt, holt er ein Zündholz ’raus,
streicht damit -- ritsch -- von hinten über seine Beine und -- paff! --
los flammt die ganze Geschichte, wie ein Haus im Feuer!«
»Zwölf Tonnen _Wasser_?« --
»Nein, _Petroleum, Herr, Petroleum_! -- das war’s! --«
»Petroleum, Kapitän?«
»Jawohl, Herr; das Land war voll davon, und Isaak wußte das wohl.
-- Lest nur die Bibel, Peters! Stoßt Euch nicht an die schwierigen
Stellen. Sie sind nicht schwierig, wenn Ihr sie recht ausstudiert und
beleuchtet. -- Es giebt nichts in der Bibel, was nicht wahr ist. Alles
was man zu thun hat, ist, sich mit aufrichtigem Gebet daran zu machen
und herauszufinden, wie es zugegangen ist.«
Was mir der Professor erzählte.
Ich war noch jung an Jahren, mit bescheidenen Aussichten und von Beruf
Feldmesser. Daß ich einmal Professor an einem Gymnasium werden würde,
ahnte ich damals nicht. Vor mir lag die ganze Welt -- ich war bereit
sie zu vermessen, wenn mir irgend jemand den Auftrag erteilte. Jetzt
führte mich mein Vertrag nach einem Bergwerksbezirk in Kalifornien; die
Seereise sollte drei bis vier Wochen dauern.
Mit meinen Reisegefährten hatte ich wenig Verkehr; lesen und träumen
war meine Hauptbeschäftigung, und um mich dem ganz hingeben zu können,
wich ich so viel als möglich jeder Unterhaltung aus. An Bord waren drei
Spieler von Profession, rohe, widerwärtige Gesellen; natürlich sprach
ich nie ein Wort mit ihnen, doch konnte ich nicht umhin, sie häufig
zu sehen, wenn ich meinen gewöhnlichen Spaziergang auf dem Vorderdeck
machte. Sie saßen dort nämlich früh und spät bei den Karten in ihrer
Kajüte, deren Thür offen blieb, um den Tabaksqualm samt den Flüchen
und Kraftausdrücken hinauszulassen. Der Anblick war mir in hohem Grade
zuwider, allein was half’s -- ich mußte mich drein ergeben.
Ein anderer Passagier kam mir auf meinem Spaziergang aber häufig in den
Wurf, da er entschlossen schien, sich mit mir auf freundschaftlichen
Fuß zu stellen. Ich hätte ihn nicht loswerden können, ohne ihn zu
kränken, und das brachte ich nicht übers Herz; auch nahm mich seine
ländliche Einfalt und unaussprechliche Gutmütigkeit sehr für ihn ein.
Als ich das erstemal seiner ansichtig wurde, hatte ich mir gleich
gedacht, er müsse ein Wiesenbauer oder Farmer aus den Hinterwäldern im
Westen sein -- vielleicht aus Ohio -- und bei näherer Bekanntschaft
stellte sich richtig heraus, daß er Viehzüchter war und aus dem Innern
von Ohio kam. Die Freude über meinen Scharfsinn, mit dem ich den Nagel
auf den Kopf getroffen hatte, war wohl der Grund, daß ich sofort für
John Backus, so hieß der Mann, ein warmes Interesse empfand.
Täglich pflegten wir nach dem Frühstück zusammenzutreffen und auf
dem Deck spazieren zu gehen. Nach und nach teilte er mir in seiner
harmlosen Redseligkeit alles mit, was seine Person betraf, Geschäfts-
und Familienangelegenheiten, Verwandtschaften, Aussichten, politische
Anschauungen und dergleichen mehr. Daneben ließ er sich auch von mir
erzählen; er fragte nach meinem Gewerbe, meiner Herkunft, wollte meine
Pläne und Zwecke wissen und meine ganze Lebensgeschichte. Daß ich
ihm so bereitwillig Auskunft gab, beweist die Macht seiner sanften
Ueberredungskunst, denn es lag sonst gar nicht in meiner Natur, mit
Fremden über meine Privatangelegenheiten zu reden. Einmal äußerte
ich etwas über Trigonometrie; das lange Wort schien ihm angenehm
aufzufallen und er erkundigte sich nach der Bedeutung, die ich ihm
erklärte. Von da ab nannte er mich nie mehr bei meinem eigenen Namen,
sondern immer nur ›Trigo‹ und zwar mit so unbefangener Vertraulichkeit,
daß ich es ihm nicht übel nehmen konnte.
Für seine Viehzucht war er förmlich begeistert. Bei der bloßen
Erwähnung eines Ochsens oder einer Kuh strahlten seine Augen und er
geriet in den feurigsten Redefluß, der unaufhaltsam weiter strömte,
solange ich ihm geduldig zuhörte. Er kannte und liebte eine jede
Rasse und sprach von ihr in den zärtlichsten Ausdrücken. So oft die
Unterhaltung auf sein Rindvieh kam, ging ich stumm und mißmutig neben
ihm her, bis ich es nicht länger aushielt und die Rede geschickt auf
irgend ein wissenschaftliches Thema brachte; dann leuchtete mein Auge
auf und seines wurde matt; seine Zunge geriet ins Stocken, meine wurde
beweglich; ich freute mich meines Lebens und er versank in Traurigkeit.
Eines Tages sagte er in etwas unsicherm, zögernden Tone:
»Würden Sie mir wohl den Gefallen thun, Trigo, einen Augenblick in
meine Kajüte zu kommen, wegen einer gewissen Angelegenheit, die ich
gern mit Ihnen besprechen wollte?«
Ich war sogleich bereit. Nachdem wir eingetreten waren, steckte er noch
einmal den Kopf zur Thüre hinaus und blickte vorsichtig nach allen
Seiten; dann drehte er den Schlüssel um und wir nahmen auf dem Sofa
Platz.
»Ich möchte Ihnen einen kleinen Vorschlag machen,« sagte er, »wenn der
Ihnen einleuchtet, könnten wir beide unsern Vorteil dabei finden. Zum
Spaß gehen Sie doch nicht nach Kalifornien -- und ich auch nicht. Wir
wollen beide Geschäfte machen, nicht wahr? Nun könnten wir einander
gegenseitig recht nützlich sein, wenn es Ihnen paßt. Sehen Sie, ich
habe viele Jahre lang gespart und zusammengescharrt und habe hier alles
bei mir.« Er öffnete einen alten Lederkoffer, wühlte in einem Haufen
schäbiger Kleider umher und zog einen kleinen wohlgefüllten Beutel
hervor, den er mich einen Augenblick sehen ließ, worauf er ihn wieder
in der Tiefe des Koffers begrub und diesen zuschloß. »Die ganze Summe
ist darin,« fuhr er in leisem Flüsterton fort -- »runde zehntausend
Dollars in Goldfüchsen. Ich habe nun so gedacht: Die Viehzucht verstehe
ich so gut wie einer und in Kalifornien kann man Haufen Geld damit
verdienen. Beim Landvermessen aber -- das wissen wir beide -- fallen
bald rechts bald links auf der ganzen Linie kleine Dreiecke ab, die
der Feldmesser gratis erhält. Alles, was Sie nun Ihrerseits zu thun
haben, ist, die Sache so einzurichten, daß die Dreiecke auf gutes,
fettes Weideland fallen. Dies überlassen Sie dann mir, ich bringe meine
Herde hin, die Dollars fließen reichlich zu, ich berechne Ihren Anteil
sofort, zahle ihn regelmäßig aus und -- --«
Es that mir leid, ihn mitten in seinem begeisterten Redeschwall zu
unterbrechen, allein es ließ sich nicht ändern.
»Das ist nicht die Art, wie _ich_ mein Geschäft zu betreiben pflege,«
sagte ich mit ernster Miene; »sprechen wir von etwas anderm, Herr
Backus.«
Beschämt und verwirrt stammelte er Entschuldigungen; es ging mir
ordentlich zu Herzen, seine peinliche Verlegenheit zu sehen, besonders
da er keine Ahnung gehabt zu haben schien, daß man in seinem Vorschlag
etwas Anstößiges finden könne. Um ihn über seinen Mißgriff zu trösten,
wußte ich kein besseres Mittel, als ihm so rasch wie möglich den Genuß
einer Unterhaltung über Rinderzucht und Viehhandel zu bereiten. Wir
befanden uns gerade vor Acapulco und als wir auf Deck kamen, waren die
Matrosen beschäftigt, einige Kühe mittelst Schlingen an Bord zu ziehen.
Im Nu war Backus’ schwermütige Stimmung verflossen, samt der Erinnerung
an seinen mißlungenen Schachzug.
»Nein, sehen Sie nur das an!« rief er. »Du meine Güte, Trigo, was
würden wir dazu in Ohio sagen! Wie würden unsere Leute die Augen
aufsperren, wenn sie _die_ Art von Behandlung sähen -- es ist kaum zu
glauben.«
Sämtliche Passagiere ergötzten sich an der Schaustellung; sogar die
Spieler waren zugegen. Backus kannte sie alle und hatte schon jeden
mit seinem Lieblingsthema gelangweilt. Im Weitergehen sah ich, wie
einer der Spieler sich ihm näherte und ihn ansprach; diesem folgte der
zweite und dann der dritte. Ich stand still, um zu sehen, was daraus
werden würde; bald waren die vier Männer im eifrigen Gespräch, dann
zog sich Backus allmählich von ihnen zurück, aber sie folgten ihm und
wichen nicht von seiner Seite. Das war mir unbehaglich. Als sie jedoch
gleich darauf an mir vorbeikamen, hörte ich, wie Backus in ärgerlichem,
abweisendem Tone sagte:
»Sie machen sich ganz unnütze Mühe, meine Herren; ich kann Ihnen nur
wiederholen, was ich Ihnen schon über ein Dutzendmal gesagt habe: ich
bin das Ding nicht gewöhnt und will mich nicht darauf einlassen.«
[Illustration]
Ich atmete erleichtert auf. »Sein gesunder Sinn wird der beste Schutz
für ihn sein,« sagte ich mir.
Während unserer vierzehntägigen Fahrt von Acapulco nach San
Francisco sah ich die Spieler öfters eindringlich mit Backus reden.
Endlich konnte ich es mir nicht länger versagen, im Gespräch darauf
hinzudeuten, um ihn zu warnen. Er lachte wohlgefällig.
»Freilich,« sagte er, »sie zerren die ganze Zeit an mir herum, ich soll
doch nur zum Spaß einmal ein Spielchen mit ihnen machen -- aber, ich
werd’ mich wohl hüten. Meine Leute haben mir -- wer weiß wie oft --
eingeschärft, mich vor dergleichen Pack in acht zu nehmen.«
Die Reise ging weiter und wir näherten uns San Francisco. Es war
eine dunkle, stürmische Nacht, doch ging die See nicht sehr hoch.
Ich hatte den Abend allein auf Deck zugebracht und wollte mich gegen
zehn Uhr eben in meine Kajüte begeben, als ich aus der Spielerhöhle
eine Gestalt auftauchen und in der Finsternis verschwinden sah. Ich
erschrak heftig, denn es war niemand anders als Backus. Rasch sprang
ich die Schiffstreppe hinunter und spähte überall nach ihm umher,
konnte ihn jedoch nicht finden. Dann eilte ich wieder hinauf und kam
gerade noch recht, um zu sehen, wie er in das verdammte Schurkennest
hineinschlüpfte. Hatte er sich endlich doch verlocken lassen? Höchst
wahrscheinlich. Vielleicht war er heruntergegangen, um seinen Beutel
mit den Goldstücken zu holen. Voll böser Ahnungen näherte ich mich der
Thür. Sie war nur angelehnt, und durch die Spalte sah ich mit bitterm
Leidwesen meinen armen Freund am Spieltisch sitzen. Wie sehr bereute
ich es jetzt, daß ich nicht eifriger bemüht gewesen war ihn zu warnen
und zu retten, statt meinem thörichten Zeitvertreib nachzuhängen und
mich in meine Bücher und Träumereien zu vertiefen.
Backus spielte nicht nur, er hatte auch bereits dem Champagner fleißig
zugesprochen, der anfing ihm zu Kopfe zu steigen. Laut verkündete er
das Lob des ›Sekts‹, der ihm ganz vortrefflich munde; so etwas Gutes
sei ihm noch nicht über die Zunge gekommen, er wolle weiter trinken,
trotz aller Mäßigkeitsvereinler. Ich sah wie die Schurken einander
verstohlen zulächelten; sie schenkten alle Gläser voll, aber während
Backus das seinige bis auf den Grund leerte, nippten sie nur und
gossen den Wein heimlich über die Schulter. Mir war der Auftritt so
widerwärtig, daß ich weiter ging, um mich durch den Anblick des Meeres
und das Rauschen des Windes zu zerstreuen. Eine innere Unruhe trieb
mich jedoch alle Viertelstunden wieder nach der Thürspalte zurück;
jedesmal sah ich, wie Backus seinen Wein austrank und die andern ihn
fortgossen. In so peinlichen Gefühlen hatte ich noch nie eine Nacht
verlebt.
Meine einzige Hoffnung war, daß wir recht bald vor Anker gehen würden
-- damit wäre zugleich dem Spiel ein Ende gemacht. Um den Lauf des
Schiffes zu fördern, schickte ich ein Gebet gen Himmel und als wir
endlich mit vollen Segeln durch das ›Goldene Thor‹ einfuhren, klopfte
mein Herz vor Freude. Wieder eilte ich nach der Spalte und sah hinein.
Ach -- mein Hoffen war vergeblich gewesen; Backus saß da und lallte
mit schwerer Zunge, seine schwimmenden Augen waren blutunterlaufen,
sein dunkles Gesicht glühte und er wiegte sich trunken hin und her,
mit der schwankenden Bewegung des Schiffes. Eben führte er wieder das
Glas zum Munde, während die Karten ausgeteilt wurden. Als er seine
Hand erhob, leuchteten seine glanzlosen Augen einen Moment in hellem
Schein. Die Spieler sahen es und wechselten kaum merkliche Blicke des
Einverständnisses.
»Wie viele Karten?«
»Keine,« sagte Backus.
Einer der Schurken -- Hank Wiley hieß er -- warf eine Karte ab, die
andern jeder drei. Dann fingen sie an zu bieten, anfangs nur kleine
Summen, einen oder zwei Dollars, bis sich Backus auf zehn Dollars
verstieg. Wiley zögerte einen Augenblick, dann ›hielt er mit‹ und bot
zehn Dollars darüber. Die beiden andern ›paßten‹ und legten die Karten
hin.
Backus bot zwanzig Dollars höher. Wiley sagte:
»Ich halte mit -- hundert Dollars mehr!« lächelnd streckte er die Hand
aus, um das Geld einzustreichen.
»Liegen lassen!« rief Backus in trunkenem Mut.
»Was -- Sie wollen höher bieten?«
»Freilich will ich -- ich halte mit, und hier sind noch hundert drüber.«
Er griff in seine Rocktasche und legte die erforderliche Summe auf den
Tisch.
»Hoho! wollen Sie da hinaus -- dann sage ich fünfhundert an,« versetzte
Wiley.
»Und ich biete fünfhundert mehr!« schrie der bethörte Viehzüchter,
holte den Betrag heraus und türmte ihn auf den Goldhaufen. Die drei
Verschworenen konnten ihre Freude kaum mehr bergen. Jetzt war von
Schlauheit und Verstellung nicht länger die Rede, das Bieten ging
Schlag auf Schlag und die goldene Pyramide wuchs zusehends. Endlich
lagen zehntausend Dollars beisammen. Wiley warf einen Beutel voll Gold
auf den Tisch.
»Fünftausend Dollars drüber! -- Nun, mein werter Freund vom Lande, wie
steht es jetzt?«
»Aufdecken!« rief Backus und legte seinen Goldsack auf den Haufen.
»Worauf haben Sie geboten?«
»Vier Könige, Sie verdammter Narr!« lachte Wiley, ihm die Karten
zeigend, während er zugleich mit beiden Armen den Einsatz schützte.
»Vier Asse, Sie Dummkopf!« schrie Backus mit Donnerstimme und hielt
seinem Gegenüber einen gespannten Revolver vor. »_Ich bin selbst ein
Spieler von Profession und habe die ganze Reise über Sprenkel gestellt,
um euch Gimpel zu fangen._«
[Illustration]
Rumpeldipumpel! Der Anker sank in den Grund und die lange Reise war zu
Ende.
Ja, ja, wir leben in einer bösen Welt! Einer von den Spielern war
Backus’ Spießgeselle. Er hatte die verhängnisvollen Karten auszuteilen
und es war verabredet worden, er solle Backus vier Damen geben, aber
ach -- das hatte er nicht gethan.
* * * * *
Eine Woche später stieß ich in der Montgomery-Straße auf Backus, der
nach der feinsten Mode gekleidet war.
»Was ich Ihnen noch sagen wollte,« meinte er, als wir uns von einander
verabschiedeten, »über die fetten Weideplätze -- die Dreiecke, wissen
Sie -- von denen wir sprachen, brauchen Sie sich keine Gedanken mehr
zu machen. Ich verstehe eigentlich nichts vom Viehstand, als was ich
in den letzten vierzehn Tagen vor der Abreise in Jersey aufgeschnappt
habe. Meine Schwärmerei für Herden und Rinderzucht hat ihren Zweck
erfüllt -- jetzt ist sie mir nichts mehr nütze.«
Ein Besuch des Niagara.
Das Städtchen ›Niagara Falls‹ ist ein sehr beliebter Vergnügungsort,
die Gasthäuser sind vortrefflich und die Preise durchaus nicht
übertrieben. Eine bessere Gelegenheit für den Fischfang giebt es im
ganzen Lande nicht, ja, sie ist sogar nirgends auch nur annähernd so
gut wie hier, denn, während anderswo gewisse Stromstellen den übrigen
bedeutend vorzuziehen sind, ist am Niagara eine Stelle gerade so gut,
wie die andere. Der Fisch beißt hier nämlich nirgends an und so ist es
ganz überflüssig, daß man erst fünf Meilen weit geht, um zu fischen,
weil man fest darauf rechnen kann, daß man näher am Hause ebenso wenig
Erfolg haben wird. Dieser Zustand der Dinge hat Vorzüge, welche dem
Publikum noch niemals recht zu Gemüt geführt worden sind.
Das Wetter ist im Sommer kühl, die Ausflüge zu Fuß und zu Wagen alle
angenehm und nicht ermüdend. Wenn man den Wasserfall ›abmachen‹
will, fährt man erst ungefähr eine Meile stromabwärts und bezahlt
dann eine Kleinigkeit für die Berechtigung, von einem Felsvorsprung
auf die schmalste Stelle des Niagaraflusses hinabzusehen. Ein
Eisenbahndurchstich durch einen Berg würde ebenso hübsch sein,
wenn in seiner Tiefe, wie hier, ein rasender Fluß seine Wogen
tobend und schäumend vorüberwälzte. Man kann nun auf einer Treppe
hundertundfünfzig Fuß hinabsteigen und am Rande des Wassers stehen.
Nachdem man es gethan, fragt man sich verwundert, warum man es gethan
hat -- aber dann ist es zu spät.
Der Führer beschreibt uns darauf in seiner schauerlichen Weise, die
einem das Blut in den Adern gerinnen macht, wie er den kleinen Dampfer,
›die Nebeljungfrau‹, die gräßlichen Stromschnellen hinunterfahren
gesehen hat -- wie erst ein Radkasten in den wütenden Wellen
verschwand, dann der andere -- an welcher Stelle ihr Dampfschlot
über Bord stürzte, wo ihre Planken anfingen zu brechen und sich
auseinander zu spalten -- und wie sie endlich dennoch mit dem Leben
davon kam, nachdem sie das Ungeheuerliche geleistet hatte, siebzehn
Meilen in sechs Minuten zurückzulegen -- oder sechs Meilen in siebzehn
Minuten -- ich habe wirklich vergessen, welches von beiden. Aber
jedenfalls war es etwas ganz Außerordentliches. Schon den Führer die
Geschichte neunmal hinter einander verschiedenen Personen erzählen
zu hören, ohne daß er jemals ein Wort ausläßt, einen Satz oder eine
Gebärde verändert, ist das Eintrittsgeld wert. Dann fährt man über
die Hängebrücke, wobei es einem ganz jämmerlich zu Mut wird, denn man
stellt sich unwillkürlich vor, daß man hier entweder zweihundert Fuß
tief in den Fluß hinunterstürzen oder der Eisenbahnzug über unserem
Kopf auf uns niederschmettern könnte. Jede dieser Möglichkeiten ist an
sich unbehaglich, aber beide zusammen genommen, versetzen uns in die
elendeste Stimmung.
Auf der kanadischen Seite fahren wir an der Schlucht hin, zwischen
langen Reihen von Photographen, welche hinter ihren Kasten Wache
stehen, um uns und unser wackliges Fuhrwerk im Vordergrund ihres Bildes
prangen zu lassen, während der erhabene Niagara nur verkleinert und
wesenlos im Hintergrunde erscheint. Sollte man es für möglich halten,
daß eine Menge Leute aus unglaublicher Frechheit oder angeborener
Nichtsnutzigkeit diese Art von Verbrechen anstiften oder denselben
Vorschub leisten!? --
Tagtäglich gehen aus den Händen dieser Photographen stolze Bilder von
Papa und Mama, mit oder ohne Kinder, hervor, alle einfältig lächelnd,
alle in gekünstelten, unbequemen Stellungen auf den Wagensitzen
gruppiert, alle in blödsinniger Größe emporragend vor der in
verkleinertem Maßstab übel zugestutzten Darstellung des majestätischen
Naturwunders, des Falles, dessen dienende Geister die Regenbogen
sind, dessen Stimme der Donner ist, dessen ehrfurchtgebietende
Stirne sich in Wolken hüllt. Er war hier König vor vergangenen und
vergessenen Zeitaltern, ehe dieses Menschengewürm geschaffen ward,
um auf eine Spanne Zeit in den ungezählten Welten der Schöpfung eine
Lücke auszufüllen. Und er wird hier herrschen, Jahrhunderte und
Jahrtausende lang, nachdem dies Geschlecht zu dem andern Gewürm, seinen
Blutsverwandten, versammelt worden ist und sich mit ihrem toten Staub
vermischt hat.
Es richtet zwar keinen Schaden an, wenn man den Niagara zum
Hintergrunde wählt, um die eigene, wunderbare Bedeutungslosigkeit in
gutes, starkes Licht zu stellen, aber es gehört eine übermenschliche
Selbstgefälligkeit dazu, um so etwas zu thun.
* * * * *
Hat man den ungeheuern Hufeisen-Fall lange genug betrachtet, um sich zu
überzeugen, daß nichts daran zu verbessern ist, so kehrt man über die
neue Hängebrücke nach Amerika zurück und geht am Ufer entlang, wo die
Höhle der Winde besichtigt werden muß.
Hier legte ich, wie man mir riet, meine sämtlichen Kleidungsstücke ab
und zog eine wasserdichte Jacke und eben solche Beinkleider an. Diese
Tracht ist malerisch, aber nicht schön. Ein ähnlich gekleideter Führer
ging uns auf einer Wendeltreppe voran, die sich hinab wand und wand und
fortfuhr sich zu winden, lange nachdem das Ding aufgehört hatte, etwas
Neues zu sein; ehe es aber noch anfing, ein Vergnügen zu werden, ging
es zu Ende. Wir waren jetzt unterhalb des Wassersturzes, aber noch
immer in beträchtlicher Höhe über der Oberfläche des Stromes.
Nun begannen wir über unsichere Brücken, die aus einer einzigen Planke
bestanden, behutsam weiter zu schreiten; vor dem Untergang schützte
unsere Leiber nur ein gebrechliches Holzgeländer, an das ich mich mit
beiden Händen anklammerte -- nicht etwa aus Furcht, sondern weil es
mir so gefiel. Es ging immer steiler hinab, die Brücke wurde immer
gebrechlicher und der Sprühregen des amerikanischen Falles traf uns mit
immer stärkeren Güssen, so daß wir bald nicht mehr aus den Augen sehen
konnten. Von nun an drangen wir nur tastend weiter. Ein rasender Wind
begann hinter dem Wasserfall hervorzubrausen und schien entschlossen
uns von der Brücke zu fegen, an dem Felsen zu zerstücken und unten in
die Stromschnellen zu schleudern. -- Ich sagte, ich wolle nach Hause
-- aber es war zu spät. Wir befanden uns beinahe unter der riesigen
Wasserwand, die von oben herabdonnerte, das Reden war ganz vergeblich
inmitten eines solchen Höllenlärms.
Im nächsten Augenblick verschwand der Führer hinter der Sündflut, und,
von dem Donner betäubt, vom Winde hilflos weiter getrieben, von dem
niederprasselnden Regensturm wie mit Geißeln gepeitscht, folgte ich
ihm. Alles war Finsternis. Solch ein tolles Stürmen, Brüllen und Heulen
von kämpfenden Winden und Wasserfluten hatte mir noch nie in den Ohren
gedröhnt. Ich bückte den Kopf nieder und der Ozean schien mir auf den
Nacken zu fallen. Der Weltuntergang schien gekommen. Die Flut goß so
gewaltig hernieder, daß ich nicht das mindeste sehen konnte. Als ich
den Kopf mit offenem Munde emporrichtete, lief mir der größte Teil
des amerikanischen Katarakts die Kehle hinunter. Wenn ich jetzt einen
Leck bekommen hätte, wäre ich verloren gewesen. In diesem Augenblick
entdeckte ich, daß die Brücke zu Ende war und wir auf den schlüpfrigen,
abschüssigen Felsen einen Halt für unsere Tritte suchen mußten. In
meinem ganzen Leben hatte ich noch keine solche Angst ausgestanden,
ohne daran zu sterben! -- Endlich aber arbeiteten wir uns durch und
kamen wieder ans Tageslicht, wo wir der brausenden, schäumenden und
wallenden Wasserwelt gegenüber standen und sie anstaunen konnten.
Als ich von vorn die große Masse sah, die es so furchtbar ernstlich
betrieb, that mir’s leid, daß ich dahinter gegangen war.
* * * * *
Nach der Besichtigung der ›Fälle‹ begab ich mich in das nahe dabei
gelegene Städtchen ›Niagara Falls‹. Als ich in den dortigen Läden die
Ausstellung von allen möglichen Indianerartikeln sah: Perlarbeiten,
Moccasins und Figürchen, welche menschliche Wesen darstellen sollten,
da übermannte mich die Rührung. Ich dachte, daß ich nun endlich die
edle Rothaut von Angesicht zu Angesicht zu sehen bekommen werde.
Der Indianer ist immer ein Freund und Liebling von mir gewesen. Ich
mag gern in Geschichten, Sagen und Romanen von dem Indianer lesen,
von seinem angeborenen Scharfsinn, seiner Liebe zum wilden, freien
Leben in Gebirge und Wald, von dem Adel seiner Gesinnung, von seiner
bilderreichen Redeweise, seiner ritterlichen Liebe zu der braunen Maid
und von seiner malerischen Tracht.