Man empfing mich in einem großen Hofe, der mit Marmorplatten

gepflastert war. Rings herum liefen breite Galerien, eine über der

andern, mit schmutzigen Matten statt mit Teppichen belegt, und von

unangestrichenen Balustraden eingefaßt. Möbliert waren sie mit

riesigen gichtbrüchigen Stühlen, darauf zerfressene alte Matratzen

als Sitzkissen, eingebogen und ausgehöhlt durch die Eindrücke, welche

die Formen von neun aufeinanderfolgenden Generationen, die auf ihnen

geruht, zurückgelassen hatten. Der Raum war groß, kahl, öde, der

Hof eine Scheune, die Galerien wie Pferdeställe. Die leichenhaften,

halbnackten Knechte, die in dem Etablissement Dienste leisteten, hatten

in ihrer Erscheinung nichts von Poesie, nichts von Romantik, nichts

von morgenländischer Pracht. Sie verbreiteten keine entzückenden

Düfte -- vielmehr das Gegenteil. Ihre hungrigen Augen und ihre hagern

Gestalten ließen einen fortwährend an eine prosaische Thatsache denken,

-- daß sie Verlangen trugen nach dem, was man in Kalifornien ›eine

rechtschaffene Abfütterung‹ nennt.

Ich ging in eine von den Zellen und entkleidete mich. Ein unsauberer,

verhungert aussehender Bursche umhüllte seine Lenden mit einem bunten

Tischtuche und hing mir einen weißen Fetzen über die Schultern. Ich

wurde sodann in den Hof hinabgeführt, der so feucht und schlüpfrig

war, daß ich ausglitt und hinfiel. Mein Fall rief jedoch keinerlei

Bemerkung hervor. Man hatte ihn ohne Zweifel erwartet. Er gehörte

offenbar zu der Reihe sänftigender, wollüstiger Eindrücke, die

dieser Heimstätte des morgenländischen Luxus eigentümlich sind. Man

gab mir ein Paar hölzerne Pantoffeln oder vielmehr Brettchen, mit

Lederstrippen daran, um sie an den Füßen festzuhalten (was sie auch

gethan haben würden, wenn ich eine andere Nummer trüge). Diese Dinge

baumelten unbequem an den Strippen, wenn ich die Füße erhob, und wenn

ich sie wieder niedersetzte, drehten sie sich seitwärts, daß meine

Fußknöchel umknickten und schier aus dem Gelenke gingen. Indes war

alles morgenländischer Luxus, und ich that, was ich konnte, um mich

seiner zu erfreuen.

Man brachte mich in einen andern Teil der Scheune und legte mich auf

eine Art von Pritsche, die nicht etwa aus Goldbrokat oder persischen

Shawls bestand, sondern dasselbe einfache und anspruchslose Ding war,

das ich in den Negerquartieren von Arkansas fand. In diesem düstern

Marmorgefängnis befand sich weiter gar nichts als noch fünf von diesen

Bahren. Es war ein sehr feierlicher Ort. Ich erwartete jetzt, die

balsamischen Düfte Arabiens würden nunmehr meine Sinne gefangen nehmen,

aber es war nichts. Ein kupferfarbenes Gerippe, das einen Fetzen

umgehangen hatte, brachte mir eine bauchige Flasche mit Wasser, mit

einer glimmenden Tabakspfeife obendrauf und einem biegsamen und langen

Schlauch daran, der in ein messingenes Mundstück auslief.

Es war das berühmte Nargileh des Morgenlandes -- das Ding, welches der

Großtürke auf Bildern zu rauchen pflegt. Das fing in der That an, wie

Luxus auszusehen. Ich that einen Zug daraus, und der genügte mir; der

Rauch drang mir in einer großen Wolke hinunter in den Magen, in die

Lungen, ja bis in die äußersten Enden des Gebäudes meines Körpers.

Ich platzte mit einem einzigen mächtigen Husten los, und es war, als

ob der Vesuv ausgebrochen wäre. Die nächsten fünf Minuten qualmte ich

aus allen Poren, wie ein Bretterhaus, das inwendig brennt. Ich danke

schön für alle Zeit für den weiteren Genuß des Nargileh. Der Rauch

hatte einen niederträchtigen Geschmack, und noch widerwärtiger war der

Geschmack von Tausenden von ungläubigen Zungen, der an jenem messingnen

Mundstück hing. Ich fing an den Mut zu verlieren. Wenn ich künftig

wieder den Großtürken in vorgeblichem seligem Behagen außen auf einem

Paket mit Connecticut-Tabak sein Nargileh schmauchen sehe, werde ich

wissen, daß es nichts ist als schamloser Schwindel.

[Illustration]

Mein Gefängnis war mit heißer Luft gefüllt. Als ich hinreichend

durchwärmt war, um für eine noch wärmere Temperatur vorbereitet zu

sein, führten sie mich in ein Marmorzimmer, feucht, schlüpfrig und voll

Dampf, und legten mich auf eine erhöhte Plattform im Mittelpunkte.

Es war hier sehr warm. Bald darauf setzte mich mein Mann neben einen

Trog mit heißem Wasser, begoß mich tüchtig, zog über seine rechte Hand

einen groben Badehandschuh und begann mich über und über mit demselben

zu reiben. Ich fing an, garstig zu riechen. Je mehr er rieb, desto

garstiger roch ich. Es war beunruhigend. Ich sagte zu ihm:

»Ich merke jetzt, daß ich so ziemlich hin bin. Vernünftigerweise sollte

man mich ohne allen unnötigen Zeitverlust begraben. Vielleicht thäten

Sie am besten, ohne Verzug zu meinen Freunden zu gehen, weil das Wetter

heiß ist, und ich deshalb nicht lange halten werde.«

Er fuhr fort, mich zu schaben, ohne auf meine Worte zu achten. Ich

bemerkte bald, daß er meinen Umfang verkleinerte. Unter dem Druck

seines Fausthandschuhs gingen kleine Würstchen von mir ab, die wie

Makkaroni aussahen. Es konnte kein Schmutz sein; denn dazu war es zu

weiß. Nachdem er mich eine geraume Zeit in dieser Weise abgehobelt

hatte, sagte ich:

»Das ist ein langweiliges Verfahren. Es wird Stunden erfordern, um mich

zu dem Umfang abzuschaben, den Sie mir zu geben gedenken. Gehen Sie und

holen Sie lieber einen Schrubbhobel.«

Er gab durchaus keine Acht auf das, was ich sagte.

Nach einer Weile brachte er ein Becken, etwas Seife und ein Ding,

das wie ein Pferdeschwanz aussah. Er schlug eine ungeheure Masse

Seifenschaum, überflutete mich damit vom Kopf bis zu den Füßen,

ohne mir vorher zu sagen, ich solle die Augen schließen, und fegte

mich alsdann mit heimtückischer Heftigkeit vermittelst seines

Pferdeschwanzes. Dann ließ er mich als schneeweiße Bildsäule von

Seifenschaum zurück und ging seiner Wege. Als ich des Wartens

überdrüssig war, ging ich ihm nach und spürte ihn auf. Er lehnte

eingeschlafen an der Wand in einem andern Gemache. Ich weckte ihn auf.

Dies brachte ihn keineswegs aus der Fassung. Er führte mich zurück,

übergoß mich mit heißem Wasser, setzte mir einen Turban auf den Kopf,

kleidete mich in trockene Tischtücher und geleitete mich zu einer Art

Hühnerkäfig in einer der Galerien und zeigte auf eine jener vorhin

beschriebenen Pritschen. Ich legte mich hinauf und gab mich wieder

der unbestimmten Erwartung hin, jetzt würden sich die arabischen

Wohlgerüche einstellen. Sie kamen nicht. Dafür kam ein dürrer Diener

mit einem Nargileh. Ich bewog ihn, es ohne Zeitverlust wieder

hinauszutragen. Darauf brachte er den weltberühmten türkischen Kaffee,

den Poeten viele Generationen hindurch so hinreißend besungen haben,

und ich warf mich auf ihn los als die letzte Hoffnung, die mir von

meinen Träumen vom morgenländischen Luxus geblieben war. Es war wieder

eine Täuschung. Von allen unchristlichen Getränken, die je über meine

Lippen gingen, ist der türkische Kaffee das schlimmste. Die Tasse ist

klein, mit Bodensatz beschmiert, der Kaffee schwarz, von unangenehmem

Geruch und abscheulichem Geschmack. Am Boden der Tasse sitzt ein

schlammiger Niederschlag, einen halben Zoll tief. Dieser geht die Kehle

hinab und dabei bleiben Teilchen davon unterwegs hängen und bewirken

ein unbehagliches, kitzelndes Gefühl, welches einen stundenlang bellen

und husten läßt.

Hier endet meine Erfahrung von dem vielgerühmten türkischen Bade, und

hier endigt auch mein Traum von dem seligen Behagen, in welchem der

Sterbliche schwelgt, der ein solches durchmacht. Es ist ein boshafter

Schwindel. Der Mensch, dem es gefällt, ist geeignet, sich alles

gefallen zu lassen, was dem Gesichts- und Gefühlssinn widerwärtig ist,

und der, welcher es mit dem Zauber der Poesie zu umgeben vermag, ist

auch imstande, desgleichen zu thun mit allem andern in der Welt, was

langweilig, erbärmlich, trübselig und garstig ist.

Die Hunde von Konstantinopel.

[Illustration]

Ich glaube fast, daß die berühmten Hunde von Konstantinopel falsch

dargestellt -- ja verleumdet worden sind. Ich habe nie etwas

anderes von ihnen gehört, als daß sie so haufenweise in den Straßen

herumschweifen, daß sie einem stellenweise den Weg versperren --, daß

sie förmlich organisierte Kompagnien und Regimenter bilden und durch

entschlossenen und blutigen Angriff erobern, was sie nötig haben, --

und endlich, daß sie in der Nacht alle andern Geräusche durch ihr

fürchterliches Geheul übertäuben. Die Hunde, die ich jetzt bei meinem

Aufenthalt in Konstantinopel sehe, können unmöglich dieselben sein, von

denen ich gelesen habe.

Ich finde sie zwar überall, aber nicht in starken Rudeln. Die größte

Zahl, die ich gefunden habe, war zehn bis zwanzig. Bei Tag und Nacht

war ein guter Teil derselben fest eingeschlafen. Die, welche nicht

schliefen, sahen immer aus, als ob sie sich sehr danach sehnten. Nie

in meinem Leben habe ich solche erbarmenswürdige, ausgehungerte,

trübselig blickende, jammervolle Köter gesehen. Es muß einem als die

reinste Satire erscheinen, wenn man Tiere gleich diesen anklagt, sie

bemächtigten sich irgend einer Sache mit Gewalt. Sie schienen kaum

Kraft oder Ehrgeiz genug zu besitzen, um sich über die Straße zu wagen.

Ich entsinne mich nicht, daß ich auch nur einen einzigen so weit habe

gehen sehen. Sie sind räudig, mit Beulen bedeckt und verstümmelt,

und zuweilen begegnet man einem, dem das Haar in breiten und scharf

abgegrenzten Streifen abgesengt ist, daß er wie eine Landkarte von

unsern neuen Territorien aussieht. Sie sind die traurigsten Tiere,

die atmen -- die widerwärtigsten -- die bemitleidenswertesten. In

ihren Gesichtern liegt beständig der Ausdruck der Schwermut, die Miene

hoffnungsloser Niedergeschlagenheit. Die haarlosen Stellen auf dem

Rücken eines verbrühten Hundes werden von den Flöhen Konstantinopels

einem weiteren größeren Tummelplatze auf einem gesünderen Hunde

vorgezogen; dieselben finden dort ihre Rechnung ganz vortrefflich. Ich

sah einen Hund von jener Sorte auffahren, um einen Floh wegzubeißen, --

da lenkte eine Fliege seine Aufmerksamkeit auf sich, und er schnappte

nach ihr. Der Floh machte ihm nochmals seinen Besuch, und das gab ihm

für immer den Rest; er warf einen betrübten Blick auf den weidenden

Floh, einen zweiten betrübten Blick auf den kahlen Fleck, dann that er

einen Seufzer und ließ seinen Kopf -- ergeben in sein Schicksal -- auf

seine Vorderpfoten fallen. Er war der Lage nicht gewachsen.

Die Hunde schlafen allenthalben in den Straßen, wohin man gehen mag.

Von einem Ende der Straßen bis zum andern mögen nach meiner Schätzung

acht oder zehn auf ein Häuserviertel kommen; zuweilen sind’s auch

mehr: fünfzehn bis zwanzig. Sie gehören niemanden und scheinen keine

persönlichen Freundschaftsbündnisse unter einander zu schließen.

Aber sie teilen sich in die Stadt nach bestimmten Bezirken; und

die Hunde jedes Bezirks, mag derselbe groß oder klein sein, müssen

innerhalb seiner Grenzen verbleiben. Wehe dem Hunde, der diese Grenze

überschreiten wollte! Seine Nachbarn würden ihm in einer Sekunde den

Rest seiner Habe wegschnappen. So behauptet man wenigstens, wenn sie

auch nicht danach aussehen.

Sie schlafen also in den Straßen. Sie dienen mir als Kompaß -- als

Führer. Wenn ich die Hunde gelassen weiter schlafen sehe, während

Menschen, Schafe, Gänse und alle andern sich bewegenden Dinge

ausweichen und um sie herumgehen, so weiß ich, daß ich nicht in der

großen Straße bin, wo mein Hotel ist, und daß ich weiter gehen muß. In

jener großen Straße sehen die Hunde aus, als ob sie auf ihrer Hut wären

-- was davon kommt, daß sie jeden Tag genötigt sind, vielen Kutschen

und Wagen aus dem Wege zu gehen -- und diesen Ausdruck erkennt man im

Augenblick wieder. Er findet sich auf dem Gesichte keines einzigen

Hundes außerhalb der Grenzlinien jener Straße. Alle andern schlafen

gelassen und geben auf nichts acht. Sie würden sich nicht von der

Stelle bewegen, und wenn der Sultan selber vorbeizöge.

In einer engen Straße (breit ist freilich keine einzige) sah ich drei

Hunde zusammengerollt liegen, immer einer etwa einen oder zwei Fuß von

dem andern entfernt. Sie lagen der Länge nach über die Straße, und

so überbrückten sie dieselbe genau von Rinnstein zu Rinnstein. Auf

einmal kam eine Herde von hundert Schafen daher. Sie liefen geradezu

über die Hunde weg. Die Hunde blickten träge auf, zuckten ein wenig

zusammen, wenn die ungeduldigen Füße der Schafe ihre roh geschundenen

Rücken berührten, seufzten auf und legten sich friedlich wieder hin.

Keine Sprache hätte deutlicher reden können. Als die ganze Herde über

sie hinweggegangen war, niesten die Hunde in der Staubwolke ein wenig,

rückten aber mit ihren Leibern auch nicht einen Zoll weit von der

Stelle. Ich dachte immer, ich wäre träg, aber im Vergleich mit einem

konstantinopolitanischen Hunde bin ich eine wahre Dampfmaschine.

Diese Hunde sind die Abdecker der Stadt. Das ist ihre offizielle

Stellung und dieselbe ist recht schwer. Das ist es auch, was ihnen

Schutz verleiht. Wären sie nicht so nützlich, indem sie diese

fürchterlichen Straßen reinigten, so würden sie schwerlich geduldet

werden. Sie fressen alles und jedes, was ihnen in den Wurf kommt, von

Melonenschalen und verdorbenen Trauben angefangen bis hinauf zu ihren

eignen toten Vettern und Freunden, und doch sind sie stets dürr, immer

hungrig, immer niedergeschlagen. Die Leute hüten sich, einen Hund zu

töten -- dies kommt thatsächlich nicht vor. Man sagt, die Türken hätten

eine angeborne Abneigung dagegen, irgend einem stummen beseelten Wesen

das Leben zu nehmen. Aber sie thun Schlimmeres. Sie treten, steinigen

und verbrühen diese unglücklichen Geschöpfe, bis sie beinahe tot sind,

und lassen sie dann weiter leben und leiden.

Einmal setzte sich’s ein Sultan in den Kopf, alle Hunde in der Stadt zu

töten, und begann wirklich mit dieser Arbeit; aber der Pöbel erhob ein

solches Schreckensgeheul, daß dem Gemetzel Einhalt gethan wurde. Nach

einer Weile nahm er sich vor, alle nach einer Insel im Marmara-Meere

wegzuschaffen. Man erhob keine Einwendung dagegen, und eine oder ein

paar Schiffsladungen davon wurden weggeschafft. Aber als bekannt wurde,

daß irgendwie die Hunde niemals nach der Insel gelangten, sondern immer

in der Nacht über Bord fielen und umkamen, erhob sich ein abermaliges

Geheul, und so wurde der Deportierungsplan fallen gelassen.

So verblieben die Hunde denn im friedlichen Besitze der Straßen. Ich

behaupte nicht, daß sie des Nachts in den Straßen nicht heulten, und

daß sie nicht Leute anfielen, die kein rotes Fes auf dem Kopfe haben.

Ich sage nur, daß es niederträchtig von _mir_ sein würde, sie dieser

Unziemlichkeiten anzuklagen, da ich mit meinen eigenen Augen und Ohren

davon weder etwas gesehen noch gehört habe.

Des Kapitäns Bibel-Erklärung.

Wir plauderten manch liebes Mal vergnüglich über den alten Kapitän

›Wirbelwind‹ im Stillen Ozean -- Friede seiner Asche! -- Zwei oder drei

aus unserer Versammlung hatten ihn gekannt, ich insbesondere, denn ich

hatte vier Seereisen mit ihm gemacht.

Es war ein sehr merkwürdiger Mann. Auf dem Schiff geboren, hatte er

seine ganze Erziehung von den Schiffskameraden aufgeschnappt. Er fing

seinen Lebenslauf auf dem Vorderdeck an und stieg Grad für Grad, bis

zur Kapitänswürde. Mehr als fünfzig von seinen fünfundsechzig Jahren

brachte er auf dem Wasser zu; alle Ozeane hat er durchsegelt, alle

Länder gesehen und jedes Klima hat bei ihm seine Spur zurückgelassen.

Wenn jemand fünfzig Jahre auf See ist, so weiß er natürlich wenig von

den Menschen, kennt von der Welt nur die Oberfläche, nichts von ihren

Gedanken, nichts von ihrem Wissen als das ABC und selbst dieses nur

verwischt und entstellt durch die blinden Glaslinsen eines ungeübten

Verstandes. Er ist ein grau gewordenes, bärtiges Kind -- und das war

der alte Kapitän Jones auch -- einfach ein unschuldiges, liebenswertes,

altes Kind.

So lange er seine Gemütsruhe bewahrte, war er freundlich und sanft wie

ein Mädchen; wenn er aber in Wut geriet, wurde er zu einem Orkan, von

dem man sich nach seinem Spitznamen nur einen schwachen Begriff machen

konnte.

Im Handgemenge zeigte sich seine Kraft, denn er besaß einen mächtigen

Gliederbau und unerschütterlichen Mut. Vom Kopf bis zu den Fersen war

er mit Bildern und Sprüchen in roter und blauer Tusche tätowiert. Ich

war mit ihm auf der Reise, als er sich seine letzte leere Stelle um den

linken Fußknöchel tätowieren ließ. Drei Tage lang humpelte er auf dem

Schiff umher mit dem nackten, geschwollenen Fuß, auf dem der folgende

Spruch in farbiger Tusche leuchtete: »Die Tugend ist ihre eigene

Bel -- --« (zum Ende fehlte der Platz.)

Jones war ernstlich und aufrichtig fromm, fluchte aber dabei wie ein

Fischweib. Das Fluchen hielt er für untadelig, denn die Matrosen

würden keinen Befehl ohne die Erläuterung eines Fluches verstehen. In

der Bibel war er sehr belesen -- das heißt, nach seinem Dafürhalten.

Was in der Bibel stand, glaubte er alles, aber er hatte seine

eigene Methode um zu seinem Glauben zu gelangen. Er gehörte zu der

›vorgeschrittenen‹ Schule der Denker und wandte Naturgesetze bei der

Erklärung aller Wunder an -- etwa nach dem Plan der Leute, welche die

sechs Schöpfungstage in sechs geologische Perioden umwandeln -- und

dergleichen mehr. Ohne sich dessen bewußt zu sein, war er eine recht

scharfe Satire auf die modernen, wissenschaftlichen Religionsforscher.

Daß ein Mann, wie ich ihn eben beschrieben habe, leidenschaftlich gern

disputiert und argumentiert, versteht sich von selbst.

Auf einer Fahrt hatte Kapitän ›Wirbelwind‹ einen Prediger an Bord, ohne

zu wissen, daß es ein Geistlicher war, da die Passagierliste diese

Thatsache nicht verriet. Er fand großes Wohlgefallen an dem Rev. Mr.

Peters, sprach sehr viel mit ihm und erzählte ihm lange Geschichten. In

die schmackhaften Proben aus seinem persönlichen Lebenslauf, die er zum

Besten gab, wob er eine glitzernde Perlenschnur von Kraftausdrücken,

was für einen durch unsere matte, bilderlose Sprache ermüdeten Geist

sehr erfrischend war. Eines Tages fragte der Kapitän: »Peters, leset

Ihr wohl dann und wann in der Bibel?«

»Je nun -- ja.«

[Illustration]

»Na, mir scheint’s nicht oft, nach der Art, wie Ihr das sagt. Da rat’

ich Euch, greift’s einmal in allem Ernst an und Ihr werdet sehen, daß

es der Mühe lohnt. Laßt Euch nicht abschrecken, sondern macht immer

fort. Zuerst versteht Ihr nichts, aber nach und nach wird’s klar und

Ihr sollt sehen, Ihr legt das Buch nicht aus der Hand, um Eure Mahlzeit

zu halten.«

»Ja, das habe ich schon sagen hören.«

»Und es ist auch wirklich so. Es giebt gar kein Buch wie die Bibel,

Peters. Ein paar knifflige Punkte sind zwar drin -- das kann man nicht

ableugnen -- aber laßt nur nicht locker und sinnt sie aus -- seid Ihr

erst einmal in das Inwendige gekommen, so ist alles hell wie der Tag.«

»Ach -- auch die Wunder, Kapitän?«

»Jawohl, auch die Wunder, Herr; ein jedes einzelne, ohne Ausnahme.

Da ist z. B. die Angelegenheit mit den Propheten Baals -- he?

Wahrscheinlich hat Euch die vor den Kopf gestoßen?«

»Ja, allerdings -- ich weiß nicht, aber --«

»Na, bekennt’s nur gleich; das hat Euch verblüfft, ich glaub’s wohl.

Ihr hattet noch keine Erfahrung, dergleichen Dinge auseinander zu

wirren, da bliebt Ihr natürlich drin stecken. -- Wär’s Euch recht,

wenn ich Euch die Sache erklärte und Euch zeigte, wie Ihr auf den Kern

dieser Dinge kommen könnt?«

»Ja, wirklich, das würde mir sehr lieb sein, Kapitän, wenn’s Euch paßt.«

Darauf fuhr der Kapitän fort wie folgt.

»Das werd’ ich mit Vergnügen thun, Peters. Zuerst, seht Ihr, da hab’

ich gelesen und gelesen und gedacht und gesonnen, bis ich dahin kam,

zu verstehen, was das für eine Sorte von Leuten war, in den alten

Bibelzeiten, und hernach war es mir klar und leicht. Auch mit der

Geschichte von den Propheten des Baal und dem Isaak,[9] hab’ ich’s auf

die gleiche Art angegriffen. Es gab nämlich in jenen alten Tagen unter

den allgemein bekannten Persönlichkeiten mächtig gescheite Männer --

und Isaak war einer von ihnen. Isaak hatte seine Fehler, das leugne ich

gar nicht. Es kommt mir nicht zu, den Isaak rein zu waschen; er hat

die Propheten des Baal hinters Licht geführt, doch kann man ihm das

vielleicht zu gute halten, wenn man bedenkt, wie groß ihre Ueberzahl

war. Nein, ich behaupte nur, daß es kein Wunder war und will es

beweisen, so daß Ihr Euch selber davon überzeugen könnt.

[9] Dies ist des Kapitäns eigene Verwechslung.

»Nun also -- die Zeiten waren für die Propheten schlimmer und schlimmer

geworden -- das heißt für die Propheten von Isaaks Glaubensbekenntnis.

In der Gemeinde waren vierhundertundfünfzig Propheten Baals und nur

ein einziger Presbyterianer -- wenn nämlich Isaak ein Presbyterianer

war, wie ich denke, aber ich kann’s nicht gewiß sagen. Natürlich hatten

die Propheten Baals das ganze Geschäft in Händen; Isaak mag wohl recht

niedergeschlagen gewesen sein, aber es steckte ein ganzer Mann in

ihm. Wahrscheinlich ist er nun umhergezogen und hat prophezeit --

just als wollte er sein Handwerk unter der Landbevölkerung treiben,

aber das half alles nichts. Wider solche Gegenpartei konnte er nichts

ausrichten, was sich verlohnte. Allmählich wurde die Sache ganz

verzweifelt für ihn. Da fängt er an, mit dem Kopf zu arbeiten, denkt

sich alles aus -- und was thut er dann? -- Nun, er giebt hier und da

zu verstehen, es sei bei der andern Partei so und so -- dies und das

nicht ganz in Ordnung -- vielleicht nichts _Bestimmtes_, aber gerade

genug, um ihr Ansehen bei den Leuten in aller Stille zu untergraben.

Das gab natürlich Geklatsch und endlich kam es dem König zu Ohren.

Der König fragt den Isaak, was seine Reden bedeuten. Der Isaak sagt:

›O, nichts Besonderes; ich meine bloß -- können Eure Propheten Feuer

vom Himmel auf einen Altar herunter beten? Das ist vielleicht nichts

Großes, Majestät; ich frage bloß -- _können_ sie es thun? Das möchte

ich wissen.‹

»Den König beunruhigte das nun sehr, und er ging zu den Baalspropheten.

Die antworteten ziemlich von oben herab: wenn der König einen Altar

bereit hätte, so wären sie auch bereit; auch ließen sie nebenbei

einfließen, er solle nur gleich für die Feuerversicherung sorgen.

»Den nächsten Morgen also versammelten sich alle Kinder Israels und

ihre Eltern und das übrige Volk. Da war auf einer Seite der große

Haufen der Propheten Baals zusammengedrängt und auf der andern Seite

schritt Isaak allein auf und ab und überdachte sein Stück Arbeit.

»Als nun die Zeit gekommen war, that Isaak ganz gemütlich und

gleichgültig; er rief der Gegenpartei zu, sie könnten die Vorhand

haben. So fingen nun die ganzen vierhundertundfünfzig an, um den Altar

herum zu beten, in großer Hoffnung und nach besten Kräften. Sie beteten

_eine_ Stunde -- _zwei_ Stunden -- _drei_ Stunden und immerfort, straks

bis zum Nachmittag. Es half aber alles nichts -- sie hatten keinen

Kniff angewendet. Natürlich machten sie sich lächerlich vor allem Volk,

und das fühlten sie auch. -- Was hätte nun ein großmütiger Mann wohl

gethan? -- Stillgeschwiegen, nicht wahr? Versteht sich. Und was that

Isaak? Er reizte und ärgerte die Propheten Baals auf alle erdenkliche

Weise.

»›Ihr schreit nicht laut genug,‹ sagte er, ›euer Gott ist scheint’s

eingeschlafen; oder, kann sein, er ist über Feld gegangen, ihr müßt

brüllen, wenn er euch hören soll‹ -- oder so ungefähr, ich besinne

mich nicht auf die richtigen Worte. -- Versteht mich recht -- ich

entschuldige den Isaak nicht -- er hat seine Fehler.

»Nun gut! Die Propheten beteten weiter, so eifrig sie konnten, den

ganzen Nachmittag und brachten doch keinen Funken zuwege. Endlich beim

Sonnenuntergang hatten sie allesamt Kraft und Atem verloren, sie mußten

es eingestehen und gaben’s auf.

Reisebilder und verschiedene Skizzen · 第 13 / 20 段