»Das kam uns so unerwartet, und er sagte es so ruhig, daß wir im ersten

Augenblick ganz still und verblüfft sitzen blieben. Dann aber brach ein

wilder Chor der Entrüstung los, und es folgten allerlei medizinische

Ratschläge, um dem kranken Gehirn unseres Freundes Heilung zu bringen.

Er aber wartete geduldig, bis sich der Sturm zu legen begann und fuhr

dann unbeirrt fort:

»›Wie gesagt -- einer von uns muß sterben, um die andern zu retten und

-- sich selbst. Wir wollen losen. Der Gewählte soll berühmt werden,

um uns alle reich zu machen. So seid doch still und unterbrecht mich

nicht immer -- ich weiß ganz genau, was ich sage. Der, welcher sterben

muß, arbeitet während der drei nächsten Monate aus allen Kräften, um

seinen Vorrat an Malereien zu vermehren; er macht keine Bilder, behüte!

nur Skizzen, Studien, Bruchstücke, Teile von Studien, ein Dutzend

Pinselstriche auf jedes Stück, so zusammenhanglos wie möglich, und auf

jedes natürlich seinen Namenszug. Fünfzig solche Farbenklexereien

liefert er den Tag, aber jede muß etwas Besonderes vorstellen,

etwas von der Manier an sich haben, die sich leicht als die ›seine‹

kennzeichnet. Solche Sachen, das wißt ihr, werden zu fabelhaften

Preisen gekauft, und von allen großen Museen der Welt gesammelt, sobald

der Mann erst aus dem Leben geschieden ist. Eine Unzahl Skizzen müssen

fertig werden, mindestens ein Zentner. Während der Sterbende sie malt,

unterstützen die übrigen ihn nach Kräften, treffen alle Vorkehrungen

für das kommende Ereignis und bearbeiten Paris und die Händler. Ist das

Feuer gehörig geschürt und das Eisen heiß, dann ist es Zeit, daß der

Tod eintritt, und wir veranstalten ein pompöses Begräbnis. -- Nun, was

sagt ihr zu meinem Plan?‹

»›Ja, aber ... das heißt ... wie soll denn ...?‹

»›Versteht mich recht. Der Mann soll in Wirklichkeit gar nicht sterben;

er nimmt bloß einen andern Namen an und verschwindet; wir begraben

einen Strohmann und erheben ein Wehgeschrei über ihn, daß die ganze

Welt davon widerhallen soll. Und dann -- --‹

»Aber weiter kam er nicht. Wir brachen in ein gewaltiges Hurrah!

aus, schnellten von unsern Sitzen in die Höhe, sprangen wie toll in

der Stube umher und fielen einander gerührt um den Hals. Stundenlang

besprachen wir den Plan, ohne hungrig zu werden, und als zuletzt alles

zur Zufriedenheit geordnet war, warfen wir die Lose in einen Hut, und

der Gewählte war -- _Millet_, der Todgeweihte, wie wir ihn nannten.

»Jeder suchte nun zusammen, was er an kleinen Schmucksachen und

Andenken etwa noch besaß. Beim Pfandverleiher bekamen wir so viel Geld

dafür, daß es zu einem bescheidenen Abendessen und Frühstück reichte.

Auch behielten wir noch ein paar Franken zur Reise übrig, nachdem wir

mehrere Pfund Rüben und das Nötigste für Millet angeschafft hatten,

womit er in den nächsten Tagen sein Leben fristen konnte.

[Illustration]

»Am andern Morgen machten wir drei uns gleich nach dem Frühstück auf

die Strümpfe, natürlich zu Fuß. Jeder von uns trug ein Dutzend kleiner

Bilder von Millet in seinem Ranzen, mit dem festen Vorsatz, sie auf den

Markt zu bringen. Charles ging geradeswegs nach Paris, wo er an Millets

Ruhm bauen wollte, bis der große Tag gekommen war. Auch Claude und ich

trennten uns, um denselben Zweck im übrigen Frankreich zu verfolgen.

»Es wird Sie vermutlich überraschen zu hören, wie leicht und bequem

sich die Sache ausführen ließ. Nach zweitägiger Wanderung kam ich in

die Nähe einer großen Stadt und begann eine Villa der Umgegend zu

skizzieren -- weil ich den Eigentümer auf der oberen Veranda des Hauses

stehen sah. Er kam gleich herunter, mir zuzusehen; ich ahnte schon, daß

er anbeißen würde. Um sein Interesse rege zu halten, arbeitete ich sehr

schnell. Gelegentlich entschlüpfte ihm ein Ausruf des Wohlgefallens,

nach und nach wurde er wärmer, geriet in Begeisterung und erklärte mir

schließlich rund heraus, ich sei ein Meister in meinem Beruf.

»Da legte ich meinen Pinsel hin, langte in den Ranzen, holte einen

Millet heraus und deutete stolz auf das Zeichen in der Ecke.

»›Sie kennen ihn ohne Zweifel. Er war mein _Lehrer_. Kein Wunder also,

daß ich mich auf mein Handwerk verstehe.‹

»Der Mann geriet in eine leicht begreifliche Verlegenheit und blieb

stumm.

»›Sie wollen mich doch nicht glauben machen, daß Sie François Millets

Namenszug nicht kennen?‹ fragte ich erstaunt.

»Natürlich kannte er ihn nicht; aber er atmete erleichtert auf, wie

jemand, der sich aus einer höchst unbequemen Lage befreit sieht. Mit

der dankbarsten Miene von der Welt rief er ganz beglückt:

»›Wahrhaftig, ja, von Millet. Ich wußte zuerst nicht gleich, was ich

vor mir hätte. Aber natürlich erkenne ich es jetzt.‹

»Er wollte nun das Bildchen kaufen, allein, ich weigerte mich lange es

herzugeben; endlich ließ ich es ihm jedoch für achthundert Franken.«

»Achthundert!«

»Ja! Millet hätte es für ein Schweinerippchen hergegeben. Ich wollte,

ich könnte es jetzt für achttausend zurückbekommen; aber jene Zeit ist

vorüber. Ich machte von der Villa ein sehr hübsches Bild und hätte es

dem Besitzer für zehn Franken gelassen, aber, da er sah, daß ich der

Schüler eines solchen Meisters war, ließ er sich’s hundert kosten. Die

achthundert Franken schickte ich mit der Post sofort an Millet und

machte mich am nächsten Tage rasch aus dem Staube.

»Aber ich ging nicht, nein, ich ritt. Seitdem bin ich immer geritten.

Ich verkaufte jeden Tag ein Gemälde, daran ließ ich mir genügen. Zu den

Käufern aber sagte ich stets:

»›Eigentlich ist es die größte Thorheit, ein Bild von François Millet

zu verkaufen. Der Mann lebt keine drei Monate mehr, und wenn er stirbt,

wird man seine Arbeiten mit Gold aufwiegen.‹

»Ich gab mir alle erdenkliche Mühe, diese Thatsache so viel wie möglich

zur allgemeinen Kenntnis zu bringen, um die Welt auf das kommende

Ereignis vorzubereiten.

»Den Plan, die Bilder auf solche Weise an den Mann zu bringen, rechne

ich mir hoch an, denn, unter uns gesagt, er stammte von mir und gelang

uns allen vortrefflich. Claude war gleichfalls zwei Tage gewandert, ehe

er den Verkauf begann, denn er fürchtete wie ich, Millets Ruhm möchte

zu schnell bis in sein Heimatdorf dringen. Der hübsche, leichtsinnige

Charles aber fing das Geschäft schon nach einem halben Tage an und

reiste so vornehm wie ein Herzog.

»Dann und wann traten wir auch in ein Zeitungsbureau und bewarben uns

um die Gunst der Presse. Nirgends war zu lesen, daß ein neuer Maler

entdeckt worden sei; man nahm einfach an, daß alle Welt François

Millet kenne; auch priesen die Blätter sein Verdienst auf keine

Weise, sie brachten nur Andeutungen über das gegenwärtige Befinden

des ›Meisters‹ -- manchmal hoffnungsvoll, manchmal verzweifelnd, aber

immer das Schlimmste befürchtend, und das reichte vollkommen hin. Wir

strichen diese Zeitungsnotizen mit Rotstift an und sandten die Nummern

gewissenhaft allen Leuten zu, die uns Bilder abgekauft hatten.

»Sobald Charles in Paris war, nahm er die Sache geschickt in die

Hand. Er knüpfte Beziehungen zu auswärtigen Korrespondenten an und

ließ Millets Bedeutung in England, über den Kontinent, in Amerika und

allerorten ausposaunen.

»Sechs Wochen nach unserm Aufbruch trafen wir drei uns wieder in Paris,

riefen einander ›Halt!‹ zu, und ließen uns auch keine Bilder mehr von

Millet schicken. Der Baum seines Ruhmes war so hoch und die Früchte so

reif geworden, daß uns der rechte Zeitpunkt gekommen schien, um die

Arbeit einzustellen. So schrieben wir denn an Millet, er möchte sich

unverweilt zu Bette legen, denn wir wünschten ihn in zehn Tagen sterben

zu lassen, wenn er bis dahin fertig werden könne.

»Nun machten wir Kasse und fanden, daß wir inzwischen fünfundachtzig

kleine Bilder und Studien verkauft und neunundsechzigtausend Franken

dafür eingenommen hatten. Charles machte noch zuletzt das glänzendste

Geschäft von allen, er verkaufte nämlich den ›Angelus‹ für zweitausend

zweihundert Franken. Wie feierten wir ihn für diese That, ohne

vorauszusehen, daß Frankreich eines Tages um den Besitz dieses Gemäldes

mit einem Fremden kämpfen würde, der es uns schließlich für bare

Fünfmalhundertfünfzigtausend geraubt hat.

»Am selben Abend hielten wir noch einen Abschiedsschmaus mit

Champagner, und tags darauf packten Claude und ich unsere

Habseligkeiten und reisten ab, um Millet während seiner letzten Tage zu

pflegen, alle Neugierigen vom Hause fernzuhalten und täglich Berichte

an Charles nach Paris zu senden, die in den Blättern aller Erdteile

veröffentlicht wurden, um die voll Spannung harrende Welt von den

Vorgängen in Kenntnis zu setzen. Das traurige Ende ließ nun nicht lange

auf sich warten, und auch Charles war zugegen, um bei den letzten

Feierlichkeiten zu helfen.

»Sie erinnern sich ohne Zweifel, welches ungeheure Aufsehen jenes

große Leichenbegängnis machte; die bedeutendsten Persönlichkeiten aus

aller Herren Länder kamen damals herbeigeströmt, um ihre Teilnahme zu

bezeugen. Wir vier -- noch immer unzertrennlich -- trugen den Sarg, und

wollten uns von keinem dabei helfen lassen. Mit gutem Grund, denn es

befand sich nichts darin als eine Wachspuppe. Andern Sargträgern würde

das geringe Gewicht ohne Zweifel aufgefallen sein. Wir _vier_, die wir

alle Entbehrungen der schweren, jetzt auf ewig vergangenen Zeit, mit

treuer Freundschaft geteilt hatten, haben nun auch den Sarg ...«

»Vier? Welche vier?«

»Nun, wir vier -- denn Millet half seinen eigenen Sarg tragen.

Verkleidet natürlich. Er galt für einen entfernten Verwandten.«

»Merkwürdig!«

»Aber wahr, buchstäblich wahr! Sie werden sich auch erinnern, wie die

Bilder Millets im Preise stiegen. Wir wußten kaum, was wir mit all

dem Gelde anfangen sollten. In Paris lebt ein Mann, der siebzig Stück

Millets besitzt. Er hat uns zwei Millionen dafür bezahlt. Und was die

Unmenge von Skizzen und Studien betrifft, die Millet in den sechs

Wochen, während wir unterwegs waren, zusammengemalt hat, so würden Sie

staunen, für welche Preise wir sie heute noch verkaufen, das heißt,

wenn wir uns überhaupt dazu verstehen sie herzugeben.«

»Das ist wirklich eine wunderbare Geschichte.«

»Ja, sie hat einen ganz hübschen Schluß.«

»Was ist denn aber aus Millet geworden?«

»Können Sie ein Geheimnis bewahren?«

»Versteht sich!«

»Erinnern Sie sich des Mannes, auf den ich Sie heute im Speisesaal

aufmerksam machte? Das war François Millet.«

»Nicht möglich!«

»Ja -- er selbst. Das war einmal ein genialer Mann, der sich nicht zu

Tode gehungert hat, um dann den Lohn, der ihm gebührte, in die Taschen

anderer fließen zu lassen. Diesem Singvogel war es nicht bestimmt, sich

das Herz umsonst aus dem Leibe zu pfeifen, und den kalten Pomp einer

großen Leichenfeier als einzige Bezahlung zu erhalten. Dafür haben

_wir_ Sorge getragen!«

Michel Angelo.

(Nebst einer Auslassung über Führer in Italien.)

Ich verehre das gewaltige Genie _Michel Angelos_, des Mannes, der

groß in der Dichtkunst, groß als Maler, Bildhauer, Baumeister -- groß

in allem war, was er unternahm. Aber ich mag Michel Angelo nicht zum

Kaffee, zum zweiten Frühstück, zum Mittagsbrot, zum Thee und zum

Nachtessen haben und auch noch zwischen den Mahlzeiten. Ich liebe

einen gelegentlichen Wechsel. In Genua entwarf er alles, in Mailand

entwarfen er oder seine Schüler alles, von wem anders hörten wir die

Führer in Padua, Verona, Venedig, Bologna jemals reden, als von Michel

Angelo? In Florenz hatte er fast alles gemalt, fast alles entworfen,

und wo etwas war, das er nicht entworfen, davor hatte er wenigstens auf

seinem Lieblingssteine gesessen und es betrachtet, und man wies uns

den Stein. In Pisa hatte er alles entworfen, ausgenommen den berühmten

alten Turm, und auch der würde ihm zugeschrieben worden sein, wenn er

nicht gar so schief ausgefallen wäre. In Rom ist’s mit diesem Michel

Angelo besonders fürchterlich. Er entwarf die Peterskirche, er entwarf

das Pantheon, den Tiberstrom, den Vatikan, das Koliseum, das Kapitol,

den Tarpejischen Felsen, den Palast Barberini, die Laterankirche,

die Campagna, die Appische Straße, die sieben Hügel, die Bäder des

Caracalla, die Claudische Wasserleitung, die Cloaca Maxima -- der ewige

Quälgeist entwarf die ewige Stadt, und wenn nicht alle Menschen und

Bücher lügen, malte er zugleich alles in derselben. Mein Freund Dan

sagte neulich zum Führer: »Genug, genug, genug! Ich will nichts mehr

wissen. Sagen Sie rund heraus: Gott schuf Italien nach Entwürfen von

Michel Angelo!«

Nie fühlte ich mich zu so feurigem Danke gestimmt, so beruhigt, so voll

Seelenfrieden, so selig als gestern, wo ich erfuhr, daß Michel Angelo

tot sei.

Aber wir haben es diesem Führer abgewöhnt. Er führte uns in den

ungeheuren Korridoren des Vatikans durch Meilen von Bildern und

Skulpturen und an einem Dutzend anderer Orte wieder und immer wieder

durch Meilen von Bildern und Skulpturen; er zeigte uns das große

Gemälde in der Sixtinischen Kapelle und Fresken genug, um den ganzen

Himmel damit zu schmücken -- und ziemlich alles war von Michel Angelo.

So spielten wir ihm denn den Possen, der uns so manchen Führer zahm

gemacht hat: wir stellten uns dumm und richteten blödsinnige Fragen

an ihn. Diese Geschöpfe sind nie mißtrauisch, haben keine Idee von

Sarkasmus.

Er zeigte uns eine Figur und sagte: »Statu brunzo.« (Bronzestatue.)

Wir sehen gleichgültig hin, und der Doktor fragt: »Von Michel Angelo?«

»Nein, nicht wissen, wer.«

Dann zeigte er uns ein altes römisches Forum, und der Doktor fragt

wieder: »Von Michel Angelo?«

Der Führer macht große Augen. »Nein -- tausend Jahr, bevor er ist

geboren.«

Dann kommt ein ägyptischer Obelisk dran, und wieder wird gefragt: »Von

Michel Angelo?«

»~O mon Dieu!~ meine Erren. Der stehen ja sweitausend Jahr schon bevor

er ist geboren.«

Er wird dieses unaufhörlichen Fragens zuweilen so müde, daß er sich

fürchtet, uns noch mehr zu zeigen. Der arme Teufel gab sich die

erdenklichste Mühe, uns begreiflich zu machen, daß Michel Angelo nur

für die Erschaffung _eines Teils_ der Welt verantwortlich ist, aber

ohne den gewünschten Erfolg.

Ich möchte an dieser Stelle etwas von allgemeinem Interesse in betreff

dieser notwendigen Plagegeister, der europäischen Führer, sagen.

Mancher hat gewiß schon in seinem Herzen gewünscht, ohne einen Führer

fertig zu werden, oder -- da dies nicht möglich ist -- wenigstens

gewünscht, sich für seine lästige Gesellschaft durch einen Spaß mit

ihm schadlos zu halten. Da uns das gelungen ist, mögen auch andere den

Nutzen daraus ziehen.

Die Führer verstehen gewöhnlich gerade genug Englisch, um die

heilloseste Begriffsverwirrung damit anzurichten, so daß man nicht mehr

weiß, wo einem der Kopf steht. Sie kennen ihre Geschichte auswendig, --

die Geschichte jeder Bildsäule, jedes Gemäldes, jeder Kathedrale und

jedes andern Wunders, das sie uns zeigen. Sie sagen ihre Geschichte

her wie ein Papagei, und wenn man sie unterbricht und aus dem Konzepte

bringt, so müssen sie umkehren und von vorn anfangen. Da sie ihr

ganzes Leben hindurch damit beschäftigt sind, Fremden seltsame Dinge

zu zeigen und den Ausbrüchen ihrer Begeisterung zuzuhören, so macht

es ihnen natürlich die größte Freude, Bewunderung zu erwecken. Das

Publikum vor Begeisterung in vollständige Verzückung zu versetzen,

wird dem Führer zur Leidenschaft. Er gewöhnt sich so sehr daran, daß

er in einer nüchternen Atmosphäre gar nicht mehr leben kann. Nachdem

wir dies entdeckt, verfielen wir nie wieder in Verzückung, bewunderten

wir nichts mehr, zeigten wir vor den erhabensten Wunderwerken, die

ein Führer uns zu erklären hatte, nie etwas anderes als gleichgültige

Gesichter und einfältige Teilnahmlosigkeit. Wir hatten ihre schwache

Stelle herausgefunden und dies seitdem gehörig benutzt. Wir haben

einige von diesen Leuten bisweilen förmlich wild gemacht, nie aber

unsere eigne gute Laune verloren.

Gewöhnlich ist’s unser Doktor, der die Fragen stellt, weil er seine

Gesichtsmuskeln in der Gewalt hat, sich ganz das Aussehen eines

Einfaltspinsels geben kann und es vortrefflich versteht, in den Ton

seiner Stimme möglichst viel alberne Naivität zu legen. Es scheint ihm

angeboren.

Die Führer in Genua sind ganz entzückt, wenn sie sich einer

amerikanischen Gesellschaft bemächtigen können, weil Amerikaner sich

so leicht wundern und namentlich vor jeder Reliquie des Kolumbus in

Aufregung und Staunen geraten. Unser dortiger Führer tänzelte vor uns

herum, als ob er eine Sprungfedermatratze verschluckt hätte. Er konnte

sich kaum mehr halten vor Ungeduld, als er uns zurief:

»Komm Sie mit, meine Erren -- komm Sie. Ik werd’ Sie ßeigen das Brief

geschreibt von Christophoro Colombo selbst. Schreibte es selbst!

Schreibte es mit seine eigne And.«

Er führte uns nach dem Stadthaus. Nach vielem eindrucksvollem

Herumkramen in Schlüsseln und Aufschließen von Schlössern wurde das

beschmutzte alte Dokument vor uns ausgebreitet. Die Augen des Führers

funkelten. Er tanzte um uns herum und klopfte mit dem Finger auf das

Pergament.

»Was ik Ihne sagte, meine Erren! Ist es nit so? Seh Sie mal! Andschrift

von Christophoro Colombo. Schreibte es selbst.«

Wir machten ein gleichgültiges, teilnahmloses Gesicht. Der Doktor

prüfte das Dokument sehr sorgfältig während einer peinlichen Pause.

Dann sagte er, ohne irgend welches Interesse zu verraten: »Ah,

Ferguson, wie -- wie sollte doch der Mensch heißen, der das geschrieben

hat?«

»Christophoro Colombo! Der große Christophoro Colombo.«

Wieder eine sorgfältige Prüfung.

»Ah, schrieb er es selbst, oder -- oder wie?«

»Er schreibte es selbst! -- Christophoro Colombo! Es ist seine eigne

Andschrift. Schreibte es selbst.«

Darauf legte der Doktor das Dokument hin und sagte:

»Ei, ich habe Knaben in Amerika gesehen, die erst vierzehn Jahre alt

waren und besser schreiben konnten, als das da.«

»Aber das ist ja der große Christoph --«

»Einerlei, wer er ist. Es ist die schlechteste Schrift, die ich je

gesehen. Nun müssen Sie sich nicht einbilden, daß Sie uns was weiß

machen können, weil wir Fremde sind. Wir sind durchaus keine Narren.

Wenn Sie Beispiele der Schönschreibekunst zu zeigen haben, an denen

wirklich was ist, dann her damit -- wo nicht, so lassen Sie uns weiter

fahren.«

Wir fuhren weiter. Der Führer war erheblich erschüttert in seinen

Erwartungen, aber machte noch einen Versuch. Er hatte etwas, wovon er

dachte, es würde uns überwältigen. Er sagte:

»Ah, meine Erren, komm Sie mit mich. Ik werd’ Sie zeigen was Schönes,

-- prächtige Büste von Christophoro Colombo -- errlich, großartig.«

Er brachte uns vor die schöne Büste -- sie war in der That schön --

sprang zurück und warf sich in die Brust.

»Ah, seh Sie, meine Erren, schön, großartig -- Büste von Christophoro

Colombo! schönes Büste, schönes Piedestal!«

Der Doktor nahm sein Augenglas vor die Augen, das er sich zu solchen

Zwecken angeschafft hatte.

»Ah, wie sollte dieser Herr gleich heißen?«

»Christoph Columbus. Der große Christophoro Colombo.«

»Christoph Columbus. Der große Christophoro Colombo. Nun, was hat er

denn geleistet?«

»Amerika entdeckt -- Amerika hat er entdeckt. Sein das nicht genug?«

»Amerika soll er entdeckt haben? Nein -- die Behauptung wird schwerlich

richtig sein. Wir kommen ja selber aus Amerika. Wir haben nichts davon

gehört. Christophoro Colombo -- hübscher Name -- ist -- ist er schon

tot?«

»~O corpo di Bacho!~ Dreihundert Jahre schon.«

»Woran starb er wohl?«

»Das weiß ik nicht, das kann ik nit sagen.«

»Denken Sie ’mal nach -- Pocken?«

»Ik weiß es nicht, meine Erren. Ik weiß nicht, an was er ist gestorben.«

»Masern am Ende?«

»Mag sein, mag sein -- ik weiß es nicht -- ik denk, er sterbte an

etwas.«

»Eltern noch am Leben?«

»Unmöglich.«

»Sagen Sie, -- welches ist die Büste und welches das Piedestal.«

»Santa Maria! Dies hier ist die Büste und dies das Piedestal.«

»Ah, ich sehe, ich sehe -- glückliche Verbindung, in der That eine sehr

glückliche Verbindung.«

Nachdem wir unserem Führer also in Genua mitgespielt, hatten wir für

die Zukunft gewonnenes Spiel. Diese Führer hätten uns sonst zu Tode

geelendet.

* * * * *

Im Vatikan zu Rom, dieser wunderbaren Welt voll Sehenswürdigkeiten,

verbrachten wir wiederholt mehrere Stunden. Auch hier trugen wir

unserem Führer gegenüber die größte Zurückhaltung zur Schau. Bisweilen

waren wir nahe daran, Interesse zu bekunden, ja selbst Bewunderung --

es war sehr schwer, sich dessen zu enthalten. Indes gelang es. Niemand

sonst brachte das im vatikanischen Museum zu stande. Der Führer war

außer sich -- es ging ihm übers Bohnenlied. Er lief sich fast die

Beine ab, um außerordentliche Dinge aufzuspüren, und erschöpfte alle

seine Gewandtheit an uns, aber es mißlang ihm. Er hatte das, was er

für das größte Wunder hielt, bis zuletzt aufgespart -- eine ägyptische

Königsmumie, vielleicht die am besten erhaltene in der Welt. Er führte

uns dahin. Er war seiner Sache diesmal so sicher, daß etwas von seinem

früheren Enthusiasmus zurückkehrte.

[Illustration]

»Seh Sie, meine Erren! Mumia! Mumia!«

Das Augenglas ging so ruhig und kritisch wie immer in die Höhe.

»Ah, Ferguson -- verstand ich Sie recht -- wie hieß dieser Herr?«

»Wie er geheißen hat? Er atte gar keine Name. Mumia! -- Aegyptische

Mumie.«

»Ja, ja. Hier geboren?«

»Nein, Aegyptische Mumie.«

»Ah, ganz recht. Vermutlich ein Franzose?«

»Nein. Kein Franzose, kein Römer. In Aegypta geboren.«

»In Aegypta geboren? Hörte in meinem Leben nichts von Aegypta.

Ausländische Lokalität wahrscheinlich. Mumie, Mumie. Hm, wie ruhig er

ist, wie gelassen! Ist -- ah, ist er tot?«

»~Oh sacré bleu!~ schon seit dreitausend Jahren.«

Der Doktor schnaubte ihn grimmig an:

»Hören Sie ’mal, was soll dieses Betragen heißen? Halten Sie uns für

Chinesen, weil wir Fremde sind und etwas lernen wollen? Versuchen

Sie uns mit ihren elenden Leichen aus der Trödelbude zu imponieren?

Donnerwetter, ich hätte gleich Lust, Sie zu -- zu --; wenn Sie eine

nette _frische_ Leiche haben, her damit -- oder beim Teufel ...«

Unser Führer war ein Franzose. Indes zahlte er uns den Spaß, ohne es

zu wissen, teilweise heim. Er kam am andern Morgen ins Hotel, um sich

zu erkundigen, ob wir auf wären, und beschrieb uns, so gut er konnte,

so daß der Wirt bald wußte, welche Personen er meinte. Er schloß seine

Beschreibung mit der beiläufigen Bemerkung, daß wir verrückt seien.

Wir nahmen ihm diese harmlose und ehrlich gemeinte Aeußerung gar nicht

übel.

Ein türkisches Bad.

Wenn ich daran denke, wie ich durch Beschreibungen von Reisen im Orient

beschwindelt worden bin, so könnte ich ganz rasend werden. Jahraus

jahrein habe ich von den Wundern des türkischen Bades geträumt, und

jahraus jahrein habe ich mir versprochen, ich solle noch eines zu

genießen bekommen. Ach wie oft habe ich in Gedanken in dem Marmorbade

gelegen und die einschläfernden Düfte morgenländischer Gewürze, welche

die Luft erfüllten, eingeatmet; habe dann eine geheimnisvolle und

verwickelte Prozedur von Ziehen und Recken, Naßmachen und Abreiben

durchgemacht, welche von einer Schar nackter Wilder ins Werk gesetzt

wurde, die gleich Dämonen in den dampfenden Nebeln auftauchten;

habe dann eine Weile auf einem Divan, der für einen König paßte,

ausgeruht; bin darauf durch eine zweite Feuerprobe und zwar durch

eine furchtbarere als die erste hindurchgegangen und schließlich, in

weiche Stoffe gehüllt, in einen fürstlichen Saal gebracht und auf ein

Bett von Eiderdaunen gelegt worden, wo Eunuchen in prachtvoller Tracht

mir Kühlung zufächelten, während ich in träumerischem Halbschlummer

dalag oder mit Behagen auf die reichen Behänge des Gemachs, die

weichen Teppiche, die prächtigen Hausgeräte und Bilder hinschaute,

köstlichen Kaffee trank, das beruhigende Nargileh rauchte und zuletzt,

eingelullt von wollüstigen Düften aus ungesehenen Räucherpfannen, von

dem sänftigenden Einflusse des persischen Tabaks und von der Musik

plätschernder Springbrunnen, die das Tröpfeln eines Sommerregens

nachahmten, in ruhigen Schlaf versank.

Es war ganz das Bild, wie es in den phantasievollen Reisebüchern steht.

Aber es ist eine elende Täuschung.

Reisebilder und verschiedene Skizzen · 第 12 / 20 段