Ich schreibe diesen Artikel teils wegen der Befriedigung, die mir das

Schimpfen auf diesen vollendeten Bösewicht Bilfinger gewährt, teils um

jedem, der dies liest, zu zeigen, wie die Fremden in den Händen dieser

Pariser Führer fahren und was für eine Sorte diese letzteren sind.

Man meine nicht, daß wir eine dümmere oder leichtere Beute waren als

unsere Landsleute gewöhnlich sind; durchaus nicht. Die Führer machen’s

mit jedem so, der sich ihnen anvertraut, wenn er zum erstenmal in

Paris ist. Aber -- ich werde Paris eines schönen Tages wieder besuchen

und dann mögen sich diese Führer in acht nehmen. Ich werde in meiner

Kriegsbemalung hingehen und -- meinen Tomahawk mitbringen.

Die alten Meister.

In Mailand besuchte ich wie vor 12 Jahren die bedeutendsten

Sehenswürdigkeiten und Bildergalerien; nicht weil ich noch einmal

darüber zu schreiben wünschte, sondern, nur um zu sehen, ob ich in

der Zwischenzeit etwas gelernt hätte. Auch in die Galerien von Rom

und Florenz ging ich später zum gleichen Zweck. _Einen_ Fortschritt

hatte ich doch zu verzeichnen: Als ich zuletzt über die alten Meister

schrieb, behauptete ich, die Kopien wären besser als die Originale.

Das war ein großartiger Irrtum. Zwar finde ich, nach wie vor, keinen

Gefallen an den alten Meistern, aber sie scheinen mir wahrhaft

himmlisch im Vergleich zu den Kopieen. Diese sind den Originalen

ungefähr so ähnlich, wie künstliche, bleiche, seelenlose Wachsfiguren

den kraftvollen, ernsten und würdigen Männern und Frauen, welche sie

darstellen wollen. Der zarte Schmelz, die gedämpfte Farbe der alten

Bilder ist dem Auge höchst wohlthuend und um dieses Vorzugs willen

werden sie auch am lautesten gepriesen; er geht der Kopie völlig ab,

kein Kopist darf hoffen, ihn je zu erreichen. Die Künstler, mit denen

ich über diesen Umstand sprach, waren alle der Ansicht, daß jene

gedämpfte Farbenpracht, jener weiche Glanz, dem Bilde nur durch das

Alter verliehen wird. Wenn das wahr ist, warum loben wir dann die alten

Meister, welche ganz unschuldig an dem Zauber sind, und nicht vielmehr

die _Zeit_, die ihn vollbracht hat? --

[Illustration]

Ich fragte einmal einen Künstler in Venedig: »Was bewundert man denn

eigentlich an den alten Meistern? Im Dogenpalast habe ich meilenlang

Wände voll von schlimmen Verzeichnungen, unrichtigen Proportionen und

falscher Perspektive gefunden; Paul Veroneses Hunde sehen gar nicht wie

Hunde aus; alle Pferde sind nur Schläuche auf Beinen und ein Mann war

da, der sein rechtes Bein auf der linken Seite des Körpers trug. Bei

dem großen Bilde, wo der Kaiser vor dem Papste kniet, sieht man drei

Männer im Vordergrund, die über dreißig Fuß hoch sind im Verhältnis

zu dem kleinen Knaben in der Mitte; legt man denselben Maßstab an,

so beträgt die Größe des Papstes sieben Schuh, der Doge aber ist ein

zusammengeschrumpfter Zwerg von vier Fuß.«

Der Künstler versetzte: »Jawohl, die alten Meister zeichneten oft

schlecht, sie fragten nicht viel nach Wahrheit und Genauigkeit bei

untergeordneten Einzelheiten. Aber trotz aller Verzeichnungen, aller

falschen Perspektive und Proportionen, und obgleich sie Gegenstände

dargestellt haben, welche heutzutage niemanden mehr so fesseln wie

vor dreihundert Jahren, liegt doch ein gewisses Etwas in den Bildern,

das göttlich ist -- ein Etwas, zu dem sich bisher noch keine andere

Kunstepoche aufgeschwungen hat -- ein Etwas, das uns Künstler zur

Verzweiflung treiben müßte, hätten wir nicht von vornherein beschlossen

uns nicht darum zu grämen, weil wir doch keine Hoffnung haben, es

jemals zu erreichen.«

Das sagte der Mann und er sprach nur aus, was er wirklich glaubte und

fühlte.

Mit Vernunftgründen, besonders wenn sie nicht durch technische

Kenntnisse unterstützt sind, läßt sich in solchem Fall nichts

ausrichten; sie würden nur zu einer Schlußfolgerung führen, die in

den Augen der Künstler höchst unlogisch wäre. Nämlich wie folgt:

»Verzeichnungen, falsche Perspektive, unrichtige Proportionen,

Vernachlässigung der Naturwahrheit im Detail, Farben, die ihre

Schönheit nicht dem Künstler, sondern der Zeit verdanken -- das sind

die Hauptkennzeichen des alten Meisters. Folglich war der alte Meister

ein schlechter Maler -- er war gar kein alter Meister, sondern ein

alter Lehrling.« -- Mein Künstler giebt nun zwar die Thatsachen alle

zu, aber die Schlußfolgerung läßt er nicht gelten und behauptet, daß

trotz der erschrecklichen Liste anerkannter Mängel den alten Meistern

doch etwas Göttliches, Unerreichtes innewohnt, das sich durch keine

Gründe und Schlüsse fortstreiten läßt.

Ich begreife das wohl. Es giebt z. B. Frauen, in deren Zügen ein

unbeschreiblicher Reiz liegt, so daß sie in den Augen ihrer Angehörigen

schön erscheinen. Ein Fremder aber, der mit kühlem Verstande nach

dieser Schönheit sucht, vermag sie nicht zu entdecken. Er sagt

vielleicht: »Das Kinn ist zu kurz, die Nase zu lang, die Stirn zu

hoch, das Haar zu rot, die Farbe zu bleich, die Zusammenstellung des

Ganzen nicht regelrecht -- folglich ist die Frau keine Schönheit.«

Darauf erwidert man ihm: »Deine Bemerkungen sind richtig, gegen deine

Logik ist nichts einzuwenden und dennoch gelangst du zu einem falschen

Schluß. Sie ist schön, aber nur für Leute, die die alten Meister

kennen. Beweisgründe für ihre Schönheit giebt es nicht, aber sie ist

trotzdem vorhanden.«

Ich habe mir diesmal die alten Meister mit größerem Vergnügen

angesehen, als bei meinem früheren Besuch in Europa; aber es ist ein

ruhiger Genuß, er regt mich nicht auf. Als ich zum erstenmal nach

Venedig kam, fand ich kein Bild, das mich besonders interessiert

hätte, aber jetzt zogen mich zwei so sehr an, daß ich tagtäglich in

den Dogenpalast ging, um sie stundenlang zu betrachten. Das eine ist

Tintorettos Gemälde im Saal des Großen Rats, das drei Morgen im Umfang

hat. Als ich es vor zwölf Jahren sah, sagte mir der Führer, es stelle

einen Aufstand im Himmel dar -- aber das beruht auf einem Irrtum.

Das Bild ist voll Leben und Bewegung. Es umfaßt zehntausend Figuren,

von denen keine unthätig ist. Das verleiht dem Ganzen eine großartige

Wirkung. Einige Gestalten schweben mit gefalteten Händen kopfüber in

der Luft, andere schwimmen durch das Wolkenmeer, teils auf dem Rücken,

teils auf dem Gesicht. Lange Züge von Märtyrern und Engeln streben

eilig aus den verschiedensten Richtungen dem Mittelpunkt zu. Von allen

Seiten kommen Gestalten herbeigeströmt in dicht gedrängten Scharen,

überall herrscht Freude und Jubel.

Wie gewaltig die Bewegung ist, läßt sich schwer beschreiben. Viele

singen, andere rufen Hosianna oder blasen auf ihren Posaunen. Man

bekommt den Eindruck von einem so mächtigen Getöse, daß die Zuschauer,

die sich in das Bild vertiefen, unwillkürlich einander ihre Bemerkungen

in die Ohren schreien oder ihre Hände als Trompete benutzen, um sich

besser verständigen zu können.

»O, wer erst dort wäre in der ewigen Ruhe!« hört man häufig einen

Reisenden seiner Frau in die Ohren brüllen, während ihm heiße Thränen

über die Wangen laufen.

Nur der Pinsel eines Künstlers erster Größe kann solche Wirkung

erzielen.

Vor zwölf Jahren verstand ich dies Bild nicht zu würdigen, noch vor

einem Jahr wäre es mir unmöglich gewesen; aber meine Kunststudien in

Heidelberg haben gute Früchte getragen -- ihnen verdanke ich alles, was

ich jetzt bin.

* * * * *

Das andere große Gemälde schmückt eine Wand im Zimmer des Rats der

Zehn; es ist Bassanos unsterblicher, ungegerbter Lederkoffer. Das

Bild ist ebenso groß wie die zwei andern im gleichen Raum, es mißt

vierzig Fuß und seine Komposition ist über alles Lob erhaben. Der

›Lederkoffer‹ fesselt die Aufmerksamkeit des Beschauers nicht gleich

in aufdringlicher Weise, wie das so oft bei dem Hauptmoment eines

unsterblichen Werkes der Fall ist. Nein, er wird sorgfältig im

Hintergrund gehalten, nebensächlich behandelt und zurückgestellt,

und zwar mit so viel Umsicht und Geschicklichkeit, daß, wenn der

Zuschauer ihn schließlich zu Gesicht bekommt, er ihm mit verblüffender

Plötzlichkeit völlig überraschend und unvorbereitet entgegentritt.

Man kann nur staunen über die sorgfältige und sinnreiche Ausführung

des großartigen Plans, über die Mühe und Gedanken, die sie gekostet

haben muß. Beim ersten Blick auf das Bild würde kein Mensch ahnen, daß

überhaupt ein Koffer da ist. Auch der Titel des Gemäldes: ›Alexander

III. und der Doge Ziani, der Besieger Kaiser Friedrich Barbarossas‹,

enthält keine Erwähnung des Lederkoffers; er dient vielmehr dazu,

die Aufmerksamkeit von demselben abzulenken. Scheinbar wird also das

Vorhandensein des Koffers völlig totgeschwiegen, und doch ist alles nur

darauf berechnet, Schritt für Schritt zu ihm hinzuleiten. Wir wollen

dies jetzt näher untersuchen und die anscheinende Unvorsichtigkeit des

Planes ins Auge fassen:

Zu äußerst, am linken Ende des Bildes, stehen zwei Frauen, von denen

die eine ein Kind im Arm hält, das über ihre Schulter nach einem Manne

schaut, der mit verbundenem Kopf am Boden sitzt. Allem Anschein nach

sind diese Leute ganz unnütz, aber sie haben doch einen Zweck. Man

kann sie nicht ansehen, ohne zugleich den prachtvollen Festzug zu

bemerken, der sich hinter ihnen entfaltet. Wenn man aber alle die reich

gekleideten Bischöfe, Großwürdenträger, Hellebardiere und Bannerträger

vorbeiziehen sieht, wird man natürlich neugierig zu erfahren, wohin der

Weg sie führt und folgt ihnen. So gelangt man in die Mitte des Bildes,

zum Papst, der mit dem barhäuptigen Dogen spricht. Er unterhält sich

ruhig mit ihm, obgleich kaum zwölf Fuß von ihnen entfernt ein Mann

seine Trommel rührt, zwei Leute auf dem Horn blasen und viele Reiter

mit großem Lärm auf ihren Pferden dahergesprengt kommen. Denn, während

zweiundzwanzig Fuß des großen Werkes voll erhabener Sonntagsruhe und

glücklicher Festtagsstimmung sind, schließen sich daran unmittelbar

elf Fuß voll Wirrwarr, Spektakel und Aufruhr an. Dies ist aber

durchaus kein zufälliges Zusammentreffen, sondern ganz mit Absicht so

eingerichtet. Man könnte sonst in Versuchung geraten, bei dem Papst und

dem Dogen zu verweilen, sie für die Hauptpersonen zu halten und ihre

Zusammenkunft für den wichtigsten Vorgang auf dem Bilde. Statt dessen

wird man fast unmerklich von ihnen abgezogen, weil man wissen möchte,

was der große Aufstand eigentlich zu bedeuten hat. Man verfolgt diesen

bis ans Ende -- und da -- vier Fuß vom Rande des Gemäldes und volle

sechsunddreißig Fuß vom Anfang desselben -- durchzuckt den Beschauer,

plötzlich wie ein elektrischer Schlag, der ungeahnte Anblick des

Lederkoffers. Er steht vor ihm in seiner unvergleichlichen Schönheit,

des großen Künstlers Zweck ist erreicht, sein Triumph vollkommen. Von

diesem Augenblick an hat auf der vierzig Fuß großen Leinwand alles

andere seinen Reiz verloren; man sieht weit und breit nichts als den

Lederkoffer -- und ihn sehen und verehren ist eins.

Selbst in der nächsten Nähe seines Meisterstücks hat Bassano Figuren

angebracht, die den Blick noch eine Weile länger von jenem ablenken

und so die Ueberraschung verzögern, um sie zu erhöhen. Rechts davon,

zum Beispiel, steht ein gebückter Mann, dessen leuchtend rote Kappe

das Auge sicherlich einen Moment lang fesselt; sechs Fuß zur Linken

aber hält ein Reiter auf einem dickbäuchigen Pferde, und man blickt

unwillkürlich nach seinem scharlachenen Rock hinüber. Zwischen dem

Koffer aber und dem roten Reiter tritt ein halbnackter Mensch mit einem

unnatürlichen Mehlsack daher, den er mitten auf dem Rücken trägt statt

auf der Schulter; dies erstaunliche Kunstwerk erregt natürlich das

Interesse und hält uns wieder eine Zeitlang hin -- doch endlich, trotz

aller Verzögerung und alles Aufenthalts, muß das Auge des Beschauers,

selbst des schläfrigsten und unachtsamsten, auf das unvergleichliche

Meisterstück fallen. Er erblickt es und sinkt auf seinen Stuhl nieder

oder stützt sich schwankend auf den Arm des Führers.

Wie unvollkommen auch die Beschreibung eines solchen Kunstwerks

notwendigerweise sein muß, so hat sie doch ihren Wert. -- Der Deckel

des Koffers ist gewölbt und zwar bildet die Wölbung einen vollkommenen

Halbkreis im römischen Stil, denn bei dem raschen Verfall der

griechischen Kunst machte sich damals schon Roms steigender Einfluß

in der Kunst der Venezianischen Republik geltend. Ueberall, wo der

Deckel aufliegt, ist er mit Leder eingefaßt oder beschlagen. Manche

Kritiker behaupten zwar, daß dies Leder einen zu kalten Ton hat, aber

ich halte das gerade für einen Vorzug, weil dadurch der Gegensatz

zu der leidenschaftlichen Innigkeit der Haspe noch deutlicher

hervorgehoben wird. Die grellen Lichter sind hier sehr geschickt

verteilt, das ›Motiv‹ paßt sich der Grundfarbe auf das wunderbarste

an und die ›Technik‹ ist vollendet. Die messingnen Nagelköpfe sind

im reinsten Stil der Frührenaissance gehalten, jeder Nagelkopf ist

ein Porträt und mit kühnem, sicherm Strich ausgeführt. Der Griff

des Koffers ist offenbar übermalt worden -- wahrscheinlich mit einem

Stück Kreide -- aber, wenn man ihn so sicher und natürlich an der

Seite hängen sieht, erkennt man doch den alten Meister. Das Fell des

Koffers ist -- sozusagen -- wirkliches Fell mit weißen und braunen

Flecken. Alle Einzelheiten sind aufs sorgfältigste behandelt, besonders

ist die ruhige, unbewegliche Lage, die sich für ein behaartes Fell

so vorzüglich eignet, aufs trefflichste wiedergegeben. Gerade hierin

liegt, meinem Gefühl nach, der höchste Vorzug des Werks, der es zu

einer Kunstschöpfung ersten Ranges erhebt; die gemeine Wirklichkeit

verschwindet und wir fühlen, daß der Stoff beseelt ist.

Man betrachte den Koffer wie man will, immer wird er ein Kleinod,

ein Wunderwerk bleiben. Den Eindruck, welchen er macht, vermag weder

das Rokoko in seinem höchsten Fluge noch die byzantinische Schule

zu erreichen. Aber auch bei den gewagtesten Effekten hat die Hand

des Meisters nicht geschwankt, in stiller Majestät hat sie ihr Werk

vollendet und mit ungeahnter Kunst, nach geheimnisvollen Methoden, die

ihr allein zu Gebote stehen, noch über das Ganze einen zarten Schmelz

gebreitet, der den irdischen Stoff verfeinert, durchgeistigt, und ihm

einen hohen poetischen Reiz und bezaubernde Anmut verleiht.

* * * * *

Unter den Kunstschätzen Europas kommen einige an Wert dem ›Lederkoffer‹

nahe; etwa zwei stehen vielleicht mit ihm auf gleicher Höhe, aber

übertroffen wird er von keinem. Selbst auf Leute, die sonst gar kein

Verständnis für die Kunst haben, verfehlte der Koffer seinen Eindruck

nicht. Ein Gepäckaufseher der Eriebahn, der ihn vor zwei Jahren sah,

konnte sich kaum enthalten einen Zettel darauf zu kleben, und als ein

Zollinspektor einmal dem Koffer gegenüber stand, betrachtete er ihn

mehrere Sekunden lang mit schweigendem Entzücken, legte dann langsam

und völlig unbewußt die eine Hand auf den Rücken mit der Innenseite

nach oben[8] und zog mit der andern ein Stück Kreide aus der Tasche.

[8] Mark Twain deutet hier offenbar auf die Geneigtheit dieser

Beamten, ein ›Trinkgeld‹ anzunehmen, hin.

Solche Thatsachen sprechen für sich selber.

Tot oder lebendig.

Im Jahre 1892 verbrachte ich den März in Mentone an der Riviera. An

diesem ruhigen Ort erfreut man sich im stillen alle der Schönheit, die

man in Monte Carlo oder Nizza öffentlich genießt. Das heißt, man hat

die balsamische Luft, die glänzend blaue See, den alles überflutenden

Sonnenschein, ohne die störenden Einflüsse des gesellschaftlichen

Wirrwarrs, ohne Prunksucht und Mißbehagen.

Mentone ist still, einfach, ruhig, anspruchslos; die Reichen und die

Vergnügungssüchtigen kommen nicht dahin -- in der Regel meine ich.

Zuweilen trifft man auch wohl einen Reichen, und mit einem solchen

bin ich zufällig bekannt geworden. Ich nenne ihn Schmidt, um ihn

unkenntlich zu machen. Eines Tages, beim zweiten Frühstück im Hotel des

Anglais, faßt er mich plötzlich beim Arm und ruft aus:

»Geschwind! Sehen Sie den Herrn an, der eben zur Thür hinaus geht. Aber

bitte, so genau wie möglich!«

»Warum denn?«

»Wissen Sie vielleicht, wer es ist?«

»Ja. Er war schon mehrere Tage hier, bevor Sie kamen. Es ist ein alter,

sehr reicher Seidenwarenfabrikant aus Lyon, der sich von den Geschäften

zurückgezogen hat und vermutlich allein auf der Welt steht; er schaut

immer träumerisch und traurig darein und spricht mit keinem Menschen.

Theophil Magnon heißt er.«

[Illustration]

Ich erwartete nun, Schmidt würde mir sogleich das große Interesse,

welches er an Herrn Magnon nahm, näher erklären; statt dessen versank

er aber in tiefes Sinnen und war einige Minuten lang für mich und die

übrige Welt verloren. Hin und wieder fuhr er mit den Fingern durch sein

greises welliges Haar, als wollte er den Gedanken nachhelfen, und ließ

unterdessen sein Frühstück kalt werden. Zuletzt sagte er:

»Nein, die Geschichte ist mir entfallen; ich kann mich nicht darauf

besinnen.«

»Auf was denn nicht?«

»Ach, auf eine von Andersens hübschen kleinen Erzählungen. Ich weiß von

dem Inhalt nur noch soviel: Ein Kind hat einen gefangenen Vogel, den es

zwar liebt, jedoch aus Leichtsinn vernachlässigt. Das Lied des Vogels

verhallt ungehört und unbeachtet; bald wird das Tierchen auch von

Hunger und Durst gequält, sein Gesang klingt traurig und schwach und

hört endlich ganz auf -- der Vogel stirbt. Das Kind kommt und möchte

vor Reue und Schmerz vergehen. Dann ruft es unter bittern Thränen und

Klagen seine Spielgefährten, und sie begraben den Vogel mit großem Pomp

und aufrichtigem Kummer, ohne zu ahnen, daß es nicht bloß die Kinder

sind, die ihre Poeten zu Tode hungern lassen und dann soviel Aufwand

für Leichenbegängnisse und Denkmäler machen, daß man jene damit hätte

am Leben erhalten und vor jeder Entbehrung schützen können. Jetzt -- --«

Aber hier wurden wir unterbrochen. Gegen zehn Uhr abends begegnete ich

Schmidt von ungefähr, und er lud mich ein, mit ihm auf seinem Zimmer

eine Zigarre zu rauchen und ein Glas heißen Whisky zu trinken. Der

gemütliche Raum war hell erleuchtet, duftendes Olivenholz brannte in

dem offenen Kamin, und, um unser Behagen vollkommen zu machen, klang

von fern das Brausen der Brandung gedämpft an unser Ohr. Nachdem wir

einige Zeit in harmlosem Gespräch verbracht hatten, schenkte mir

Schmidt wieder ein.

»Stärken wir unsere Lebensgeister noch ein wenig,« sagte er, »und dann

will ich Ihnen eine kleine, seltsame Geschichte erzählen, die jahrelang

ein Geheimnis zwischen mir und drei anderen gewesen ist. Aber, ich darf

jetzt das Siegel brechen. Wollen Sie mir zuhören?«

»Mit Vergnügen. Fangen Sie nur an!«

Er erzählte darauf wie folgt:

»Vor langer Zeit, als ich noch ein sehr junger Künstler war und in

den verschiedenen Departements von Frankreich, bald hier, bald dort

skizzierend, umherwanderte, verband mich der Zufall mit ein paar lieben

jungen Franzosen, die denselben Beruf erwählt hatten wie ich. Wir waren

alle drei blutarm, aber sehr glücklich bei unserer Armut. Claude Frère

und Charles Boulanger, so hießen meine wackeren Kameraden, waren voller

Lust und Heiterkeit; weder Sturm, noch Wetter, noch Entbehrungen aller

Art vermochten ihnen die gute Laune zu verderben. Schließlich gerieten

wir aber doch in einem Dorf der Bretagne hart auf den Grund und hätten

buchstäblich verhungern müssen, wenn uns nicht ein Künstler, der

ebenso arm war wie wir selber -- François Millet -- vom Tode errettet

hätte -- --«

»Was! Der große François Millet?«

»Groß war er damals noch keineswegs -- nicht größer als wir. Von Ruhm

war bei ihm noch keine Rede, selbst nicht in seinem eigenen Dorfe.

Dabei war er so arm, daß er uns keine andere Speise zu bieten hatte als

weiße Rüben, und sogar an diesen mangelte es zuweilen. Wir vier wurden

schnell unzertrennliche Freunde. Wir malten zusammen drauf los, soviel

wir konnten und häuften ganze Stöße von Bildern auf, fanden aber höchst

selten einen Liebhaber. Es waren schöne Zeiten! Aber, Gott im Himmel,

wie mußten wir manchmal hungern! -- Das ging so ungefähr zwei Jahre

lang. Da sagte Claude eines Tages:

»›Jungens, mit uns geht es zu Ende. Versteht mich wohl: jetzt ist alles

aus. Man hat ein förmliches Bündnis gegen uns geschlossen. Das ganze

Nest bin ich abgelaufen, aber niemand will uns mehr Kredit geben,

keinen einzigen Sou, bis alle Reste und Schulden bezahlt sind.‹

»Uns überlief es kalt; wir wurden alle bleich vor Schrecken. Unsere

Lage war wirklich trostlos geworden. Nach langem Schweigen hob Millet

endlich mit einem Seufzer an:

»›Mir fällt nichts ein, nichts, rein gar nichts. Erfindet ihr etwas,

Kameraden!‹

»Aber keiner von uns wußte einen Ausweg, und unser bekümmertes

Schweigen war die einzige Antwort, die er erhielt.

»Charles stand auf und ging eine Weile unruhig im Zimmer umher, dann

sagte er:

»›Es ist eine Schande. Seht euch nur einmal diesen Haufen von Bildern

an, die so gut sind, daß man sie in ganz Europa nicht besser gemalt

bekommt. Das haben uns ja auch viele von den Fremden bestätigt, die

hier immer herumlungern.‹

»›Ja, aber gekauft haben sie nichts,‹ wandte Millet ein.

»›Freilich wohl -- aber sie sagten es doch. Und es ist wahr. Sieh nur,

z. B. dein ›Angelus‹; kann irgend jemand behaupten --‹

»›Ja, mein ›Angelus‹! Fünf Franken hat man mir dafür geboten.‹

»›Wann?‹

»›Wer bot das?‹

»›Wo ist der Mann?‹

»›Warum nahmst du sie nicht?‹

»›Sprecht doch nicht alle auf einmal. Ich dachte, er würde _mehr_ geben

-- ich hätte darauf geschworen -- er sah das Bild in einer Weise an --

kurz, ich forderte _acht_.‹

»›Sapperment! Aber François, warum in aller Welt ...‹

»›O, ich weiß wohl, ich weiß! Ich hatte mich geirrt und war ein Narr.

Glaubt mir, Jungens, ich meinte es wirklich gut, und wenn ich --‹

»›Sei nur ruhig -- wir kennen ja dein gutes Herz; aber thue uns die

Liebe an und sei ein andermal kein solcher Dummkopf.‹

»›Verlaßt euch drauf, das geschieht nicht wieder. Ich wünschte nur, es

käme einer und böte mir einen Kohlkopf dafür -- ihr solltet sehen --‹

»›Einen Kohlkopf? O, sprich nicht davon -- das Wasser läuft mir bei dem

bloßen Gedanken im Munde zusammen.‹

»›Jungens,‹ sagte Charles, ›seid einmal vernünftig und antwortet mir:

haben diese Bilder etwa keinen Wert?‹

»›Doch, versteht sich!‹

»›Sogar großen und hohen Wert, nicht wahr?‹

»›Ohne alle Frage!‹

»›Sind sie nicht so vorzüglich, daß man sie zu unsinnigen Preisen

verkaufen würde, wenn ein berühmter Name darauf geklext wäre?‹

»›Natürlich! Darüber besteht kein Zweifel!‹

»›Nun gut! So hört mir zu. Aber, nicht wahr, ihr wißt, ich meine es

nicht im Scherz?‹

»›Versteht sich! Uns ist es auch bitterer Ernst. Also, heraus mit der

Sprache. Was hast du ausgeheckt? Laß hören!‹

»›Nämlich ... was meint ihr, Kameraden -- wißt ihr was? -- wir klexen

eben einen berühmten Namen auf die Bilder.‹

»Das Gespräch stockte. Alle Blicke richteten sich fragend auf Charles.

Wollte er uns ein Rätsel aufgeben? Wo sollten wir einen berühmten Namen

hernehmen? Wer würde ihn uns leihen? --

»Charles nahm jetzt Platz und sagte:

»›Mein Vorschlag ist vollkommen ernst gemeint. Ich weiß kein anderes

Mittel uns aus dieser Klemme zu befreien, doch halte ich es für

untrüglich. Eine Menge Thatsachen, welche uns die Geschichte lehrt,

bestärken mich in dieser Ansicht. Ich hoffe, mein Plan wird uns alle

reich machen.‹

»›Reich? Du hast wohl den Verstand verloren.‹

»›Durchaus nicht.‹

»›Doch; ich glaube, du bist übergeschnappt. Was nennst du reich?‹

»›Hunderttausend Franken für jeden.‹

»›O weh, er ist wirklich verrückt geworden!‹

»›Armer Charles! Mangel und Not waren zu hart für dich!‹

»›Nimm ein niederschlagendes Pulver und gehe sofort zu Bette.‹

»›Macht ihm erst einen kalten Umschlag.‹

»›Nein, holt lieber eine Zwangsjacke. Jeden Augenblick kann die

Tobsucht bei ihm ausbrechen.‹

»›Still,‹ rief Millet ungeduldig, ›laßt ihn doch erst ausreden.‹

»›Auch gut -- so sprich, Charles! Was ist’s mit deinem Plan?‹

»›Ihr sollt ihn hören. Doch muß ich euch zuvor etwas fragen. Habe ich

recht oder nicht, daß das Verdienst vieler großer Künstler nicht früher

erkannt worden ist, als bis sie im Elend verkommen waren? Ihr wißt,

dies hat sich in der Geschichte der Menschheit so oft zugetragen, daß

ich glaube getrost ein Gesetz darauf gründen zu können, welches dahin

lautet, daß das Verdienst eines jeden großen Künstlers, der namenlos

und verkannt war, ans Licht kommt und seine Bilder hohe Preise erzielen

-- sobald der Mann tot ist. Mein Plan ist folgender: Wir wollen losen

-- einer von uns muß sterben.‹

Reisebilder und verschiedene Skizzen · 第 11 / 20 段