Ein allgemeines Schweigen herrschte. Ich versuchte einigemale, mit

meinem Freunde zu sprechen. Aber er bemerkte es nicht, so sehr war er

in sein Notizbuch vertieft, über welches gebeugt er von Zeit zu Zeit

die Worte murmelte: »Ich sterbe, damit Frankreich lebe!«

Als wir an der Wahlstatt angekommen waren, war mein erstes, daß

ich durch den jetzt völlig greifbar gewordenen Nebel auf eine

Entdeckungsreise nach dem andern Sekundanten ausging und nach seiner

glücklichen Auffindung mich mit ihm daran machte, die Entfernung von

fünfunddreißig Metern abzuschreiten. Daß dies bei dem herrschenden

Wetter zu einer ganz nichtssagenden Förmlichkeit herabsank, konnte uns

in dem Ernst, womit wir uns ihrer entledigten, nicht stören. Nachdem

wir mit dem Abmessen der Distanz fertig waren, begab ich mich zu Herrn

Gambetta und fragte ihn, ob er bereit sei. Er schien mich zuerst

durch den dicken Nebel hindurch nicht zu verstehen, dann, als er mich

verstand, dehnte er sich zu seiner vollen Weite aus und rief mit

starker, selbst den am fernsten Stehenden vernehmlicher Stimme:

»Fertig! Man lasse die Batterien laden!«

Das Laden wurde in der Gegenwart von zwei fachmännischen Zeugen,

nachdem sie sich mit ihren Augengläsern von der Existenz und

Beschaffenheit der beiden Patronen überzeugt hatten, besorgt. Wegen der

uns umgebenden Nebelnacht waren wir gezwungen, uns der Hilfe einer von

unserer Kutsche herbeigeholten Laterne zu bedienen. Als wir endlich

fertig geworden waren und eben an das blutige Werk schreiten wollten,

verursachte die Polizei eine Störung. Sie hatte die Entdeckung

gemacht, daß das Publikum von allen Seiten in den Bannkreis des

Kampfplatzes eingedrungen war und bat deshalb um Erlaubnis, vor Beginn

des Schießens diese guten und völlig unschuldigen Leute in Sicherheit

bringen zu dürfen. Es wurde bewilligt und die Sicherheitsbeamten

teilten die zahllose Menschenmenge in zwei Hälften, von denen sie die

eine dicht hinter Herrn Gambetta, die andere dicht hinter Herrn Fourtou

zusammentrieben.

Da es immer finsterer wurde, hatten mein Gegensekundant und ich

verabredet, unmittelbar vor dem verhängnisvollen Zeichen ein Hallo-Hoh

auszustoßen, damit jeder von den Duellanten ungefähr wisse, wo sich

sein Gegner befände. Nachdem dies geschehen, begaben wir uns zu unsern

beiderseitigen Kämpfern. Ich fand den meinigen, den ich so mutvoll

verlassen, im vollsten Kampf mit der ihn umgebenden Dunkelheit und

einer inneren Verfassung, welche kaum weniger finster war. Ich that

mein Bestes, ihn aufzurichten, indem ich ihm versicherte, daß trotz

dieses abscheulichen Nebels, in den wir uns verrannt hatten, doch ganz

Frankreich auf ihn blicke. »Und dann,« setzte ich tröstend hinzu, »die

Dinge sind gar nicht so schwarz, wie sie aussehn. Die Beschaffenheit

der Waffen, die verhältnismäßig beschränkte Zahl der Schüsse, die

rücksichtsvolle Entfernung und die Gediegenheit dieses sonst so

unzeitgemäßen Nebels lassen im Verein mit der weiteren Thatsache,

daß der eine Gegner einäugig ist,[6] während der andre schielt und

kurzsichtig ist, immerhin die Annahme zu, daß dieser Zweikampf nicht

absolut tödlich ausfallen muß. Es liegt sogar die Möglichkeit vor, daß

Sie beide das Duell überleben. Fort daher mit dieser letzten Anwandlung

von Schwäche, und seien Sie ganz wieder, was Sie sind!«

[6] Gambetta war auf einem Auge blind.

Diese Worte machten sichtlichen Eindruck. Wieder dehnte sich mein Mann

zu seiner ganzen Massenhaftigkeit aus und rief, die Hand ausstreckend:

»Ich bin wieder ich selbst! Man gebe mir das tödliche Geschoß!«

Ich legte es in die weite Innenfläche dieser fleischigen Riesenhand,

welche bestimmt war, einst die Zügel der republikanischen Regierung

Frankreichs zu führen. Er bückte sich darüber hin und schauderte.

»Ach,« murmelte er, »mein Freund, es ist nicht der Tod, den ich

fürchte, sondern die Verstümmlung!«

Aufs neue sprach ich ihm Mut ein und wieder mit solchem Erfolg, daß er

in die Worte ausbrach:

»So beginne denn die Tragödie! Stellen Sie sich hinter mich und stemmen

Sie sich gegen meinen Rücken. Der Boden ist hier von dem feuchten

Wetter so schlüpfrig, und wir stehen beide zusammen ungleich fester in

einer so feierlichen Stunde der Geschichte Frankreichs, mein Freund!«

Ich sagte ihm dies zu, dann richtete ich seinen Arm mit der erhobenen

Pistole auf die Stelle im Nebel, wo ich unsern Gegner vermutete. Ich

ermahnte ihn, genau auf das Hallo-Hoh des Gegensekundanten zu hören und

die Richtung seiner Pistole danach zu verändern, wenn es nicht von der

Stelle käme, wo wir hinhielten. Hierauf trat ich hinter ihn, stemmte

mich mit aller Kraft gegen seinen gigantischen Rücken und stieß mein

verabredetes Hallo-Hoh aus. Es wurde prompt von irgend woher im Nebel

beantwortet, und nun klang das Kommando:

»Eins -- zwei -- drei -- Feuer!«

Zwei Detonationen, welche genau so klangen, als habe einer unsrer

amerikanischen Hinterwäldler zweimal hintereinander seinen Tabakssaft

auf einen glühenden Ofen geschleudert, verloren sich im Nebel, und

gleich danach brach Herr Gambetta mit solcher Wucht zusammen und über

mich herein, daß mir Hören, Sehen und Atmen verging. Begraben und

regungslos, wie ich lag, hörte ich nur, wie sich aus dem über mir

zusammengeballten Fleischberg unverständliche Töne hervorarbeiteten,

welche endlich bestimmter wurden und schließlich wie die Worte klangen:

»Ich sterbe -- ich sterbe für das -- zum Teufel, wo ist mein Notizbuch?

ich -- sterbe -- ja für was nur? -- für Frankreich -- Frankreich, so

ist’s! -- ich sterbe, damit Frankreich lebe!«

[Illustration]

Im nächsten Augenblick umschwärmte uns eine ganze Wolke von Aerzten und

Totengräbern, von denen die ersteren mit zahllosen Händen, Instrumenten

und Augengläsern Herrn Gambettas ganze Oberfläche abjagten, um die

Wunde zu finden, welcher Frankreich das Leben verdanken sollte. Nur zu

bald überzeugten sie sich, daß nichts Derartiges vorhanden war, und

nachdem man mich unter meiner lebenden Last hervorgezogen und diese auf

ihre beiden Beine gestellt, folgte eine Scene, deren Schilderung einer

andern Dichterkraft würdig ist, als sie meiner schwachen und überdies

etwas pessimistischen Feder innewohnt.

Die beiden Duellanten fielen sich unter einer Flut von Thränen des

Stolzes und der Freude um die Hälse. Der andre Sekundant hatte

keine Augen und kein Erbarmen für meinen Zustand und umarmte mich

gleichfalls. Die Aerzte, die Totengräber, die Leichenredner, die

Polizisten, das ganze Publikum -- alles umarmte sich, und ein Jubel

erfüllte den Nebel, daß selbst dieser gerührt wurde, sich verzog und

die Sonne auf das herrliche Schauspiel, dessen tragischere Hälfte er

ihr so wohlmeinend entzogen hatte, ungehindert herabblicken ließ.

Obgleich ich eine Empfindung hatte, als ob während der kurz

vorhergegangenen Minuten alle Rippen und Knochen meines Leibes

gebrochen worden seien, konnte ich doch den beseligenden Gedanken nicht

unterdrücken, daß es schöner sein müsse, der Held eines französischen

Duells zu sein, als selbst ein gekrönter und bescepterter Monarch.

Nachdem die allgemeine Aufregung ein wenig nachgelassen hatte, hielten

die anwesenden Aerzte eine Massenversammlung ab, deren Zweck eine

Konsultation über die Verletzungen war, welche ich erlitten hatte.

Nach einer halben Stunde kamen sie zu dem Schluß, daß dieselben bei

guter Pflege und gewissenhafter Behandlung nicht unbedingt tödlich

seien. Am ernstlichsten waren die inneren Beschädigungen, welche ich

davongetragen hatte, was sich freilich erst herausstellte, als ich nach

Paris zurückgekehrt war und meinen eigenen Arzt hatte rufen lassen,

welcher die Entdeckung machte, daß eine von den drei gebrochenen

Rippen meinen linken Lungenflügel durchbohrt habe, während von meinen

übrigen Organen mehrere unter dem Drucke sich verschoben hätten,

so daß es sehr zweifelhaft sei, ob sie jemals lernen würden, ihre

natürlichen Funktionen an so ungewohnten Stellen auszuüben. Auf dem

Duellplatz selbst hatte man sich begnügt, mir den an zwei Stellen

gebrochenen rechten Arm in einen Notverband zu legen, das verrenkte

linke Knie wieder einzurichten, und die aus meiner Nase schießenden

Blutströme, von denen auch mein Gegensekundant bei seiner Umarmung

auf das reichlichste profitiert hatte, zu stillen. Obgleich mir dabei

einigemale das Bewußtsein verging, fühlte ich mich doch unwillkürlich

durch das allgemeine Interesse, welches ich einflößte, gerührt, und das

stolze Bewußtsein, der erste und einzige Mann zu sein, welcher seit

Jahren bei einem französischen Duell ordentlich verwundet worden war,

gab mir Kräfte, alle Schmerzen siegreich zu überstehen.

Seitdem gehe ich langsam der Genesung entgegen, obgleich ich noch heute

nicht so weit bin, diese harmlosen, aber wahrhaften Aufzeichnungen

niederzuschreiben. Ich muß sie diktieren. Im übrigen bin ich von

Aufmerksamkeiten erdrückt worden. Selbstredend ist das Kreuz der

Ehrenlegion nicht ausgeblieben; -- wer entgeht demselben im derzeitigen

republikanischen Frankreich?

Und doch habe ich mir eine Lehre aus meinem Anteil an dem großen

Gambetta-Fourtou-Duell gezogen. Ich werde nie zurückschrecken, _vor_

einem französischen Duellanten zu stehen, -- _hinter_ einen aber soll

mich keine Gewalt der Erde mehr bekommen!

Eine Beobachtung in Paris.

Der Pariser reist nur wenig, er versteht keine Sprache als die seinige,

liest nur einheimische Bücher und ist infolgedessen recht beschränkt

und selbstzufrieden. Doch seien wir gerecht; es giebt Franzosen, die

auch fremde Sprachen verstehen: die Kellner. Unter anderem verstehen

sie auch englisch; allerdings auf ihre Art -- sie können es sprechen,

aber nicht verstehen. Sie machen sich leicht verständlich, aber es ist

fast unmöglich, einen englischen Satz so auszudrücken, daß sie fähig

wären, ihn zu verstehen. Sie glauben und behaupten, ihn zu verstehen,

verstehen ihn aber nicht. Nachstehende Unterredung hatte ich mit

einem dieser Menschen; ich schrieb dieselbe seinerzeit nieder, um sie

aufzubewahren.

_Ich._ Das sind schöne Orangen. Wo sind sie her?

_Er._ Mehr? Ich werde gleich welche bringen.

_Ich._ Nein, bringen Sie keine mehr; ich möchte nur wissen, wo sie her

sind -- wo sie gewachsen sind.

_Er._ Ja? (mit unerschütterlich gleichgültiger Miene.)

_Ich._ Ja. Können Sie mir sagen, aus welchem Lande sie sind?

_Er._ Ja? (lächelnd, mit stärkerer Betonung.)

_Ich_ (entmutigt). Sie sind sehr erfrischend.

_Er._ Guten Abend. (Verbeugt sich und entfernt sich sehr befriedigt.)

Der junge Mann hätte ein guter ›Engländer‹ werden können, wenn er

sich ordentlich Mühe gegeben hätte; aber er war Franzose und wollte

das nicht. Wie ganz anders bei unsern Leuten! Sie benützten jede

Gelegenheit, um französisch zu lernen. Es giebt in Paris eine Anzahl

französischer Protestanten, welche sich ein hübsches Kirchlein an

einer der großen Avenuen, die vom Triumphbogen ausgehen, bauten. Sie

wollen dort die rechte Lehre auf die rechte Art in französischer

Sprache predigen hören. Aber ihre Freude wird ihnen verdorben: unsere

Landsleute kommen ihnen jeden Sonntag zuvor und füllen den ganzen

Raum. Wenn der Geistliche die Kanzel betritt, findet er das Gotteshaus

voll von andächtigen Fremden, von denen jeder ein kleines Buch in

der Hand hat -- anscheinend ein in Maroquin gebundenes Testament,

wenn man genauer hinsieht, erblickt man Bellows ausgezeichnetes und

erschöpfendes französisch-englisches Taschenwörterbuch, das in Ansehen,

Einband und Größe genau einem Testament gleicht. Diese Andächtigen

haben sich eingefunden, um Französisch zu lernen. Das Gebäude hat daher

den Spitznamen ›Die Kirche für französische Gratislektion‹ erhalten.

Diese Zuhörer eignen sich wahrscheinlich mehr Sprachkenntnis als

allgemeines Wissen an, denn eine französische Predigt gleicht ganz

einer französischen Rede; sie nennt nie ein geschichtliches Ereignis,

sondern giebt nur das Datum an; wenn man darin nicht gut beschlagen

ist, verliert man sich. Eine französische Rede aber lautet etwa wie

folgt: --

»Freunde, Bürger, Brüder, edle Glieder der einzig erhabenen

und vollkommenen Nation, lasset uns nicht vergessen, daß der

21. Januar unsere Ketten zerbrach, daß der 10. August uns von

der schimpflichen Gegenwart fremder Spione befreite, daß der

5. September seine eigene Rechtfertigung war vor Gott und

der Welt, daß der 18. Brumaire den Keim zu seiner eigenen

Bestrafung in sich trug, daß der 14. Juli die mächtige Stimme

der Freiheit war, welche die Auferstehung, den neuen Tag

verkündete und die unterdrückten Völker der Erde einlud, das

göttliche Antlitz Frankreichs zu beschauen und zu leben; und

lasset uns unsern ewigen Fluch aussprechen gegen den Mann

des 2. Dezember und mit Donnerstimme, der ureigenen Stimme

Frankreichs, erklären, daß es ohne ihn in der Geschichte keinen

17. März, keinen 12. Oktober, keinen 19. Januar, keinen 22.

April, keinen 16. November, keinen 30. September, keinen 2.

Juli, keinen 14. Februar, keinen 29. Juni, keinen 15. August,

keinen 31. Mai gegeben hätte -- daß ohne ihn Frankreich,

das Reine, das Große, das Unvergleichliche, heute einen

glücklicheren und reineren Kalender besäße.«

Ich habe von einer französischen Predigt gehört, die in dieser

wunderlichen, aber beredten Weise schloß: --

»Andächtige Zuhörer, wir haben eine traurige Veranlassung, des

Mannes vom 13. Januar zu gedenken. Die Folgen des ungeheuren

Verbrechens vom 13. Januar stehen im richtigen Verhältnis zu

der Größe der That selbst; ohne diese wäre uns das kummervolle

Schauspiel des 30. Novembers erspart geblieben. Die Greuelthat

des 16. Juni wäre ohne sie nie verübt worden, noch wäre der

Mann des 16. Juni je zum Dasein gelangt; sie war allein schuld

an dem 3. September, wie an dem verhängnisvollen 12. Oktober.

Sollen wir also dankbar sein für den 13. Januar mit seinem

Todesschrecken für euch und mich und alles, was atmet? Ja,

meine Freunde, denn er gab uns auch, was ohne ihn nie und

nimmermehr gekommen wäre -- den gesegneten 25. Dezember.«

Vielleicht ist hier eine Erklärung am Platze, obgleich eine solche für

viele meiner Leser kaum nötig sein wird. Der Mann des 13. Januar ist

Adam; das Verbrechen jenes Tages war das Essen des Apfels; das traurige

Schauspiel des 30. November war die Vertreibung aus dem Paradiese;

die Greuelthat des 16. Juni war die Ermordung Abels; am 3. September

begann die Reise nach dem Lande Nod[7]; am 12. Oktober verschwand die

letzte Bergspitze unter der Sündflut. Wenn man in Frankreich zur Kirche

geht, muß man einen Kalender, in dem die Gedenktage verzeichnet sind,

mitnehmen.

[7] Nach der Bibel: Land der Verbannung.

Anm. des Uebers.

Pariser Führer.

Im Jahre 1867 war ich mit einigen Freunden in Paris und zwar zum Besuch

der Weltausstellung. Am Morgen nach unserer Ankunft gingen wir zu dem

›~commissionaire~‹ des Hotels -- ich weiß nicht, was das bedeutet,

allein es war der Mensch, an den wir uns wandten -- und sagten ihm, wir

möchten einen Führer haben. Er bemerkte, daß es nahezu unmöglich sein

werde, einen guten Führer außer Beschäftigung zu finden. Für gewöhnlich

habe er ein bis zwei Dutzend an der Hand, augenblicklich aber nur

drei. Er rief dieselben herbei. Der eine sah so banditenmäßig aus, daß

wir ihn gleich wieder wegschickten. Der zweite redete uns in einer

peinlichen Aussprache an, welche recht deutlich sein sollte, also:

»Wenn die Gentlemen mick woll geben die Ehr, ßu behalten mick in ihre

Dienste, werd ik Sie ßeigen alle Ding das sein präktik in der schönen

Paris. Ik sprek die fremde Spracke parfaitement.«

Er würde am besten gethan haben, hier inne zu halten, weil er gerade

so viel auswendig gelernt hatte und ohne Verstoß hersagte. Aber seine

Selbstgefälligkeit verleitete ihn, sich in die höheren Regionen der

fremden Sprache zu versteigen und dieser tollkühne Versuch war sein

Verderben. Binnen zehn Sekunden hatte er sich in einen Haufen von

verstümmelten Wörtern und verhackten Sprachformen verfilzt, daß kein

menschlicher Scharfsinn mehr imstande war, ihn wieder mit heiler Haut

heraus zu kriegen. Wir überließen ihn seinem Schicksal.

[Illustration]

Der dritte Mann nahm uns gleich für sich ein. Er war einfach, aber

sauber und nett gekleidet. Er trug einen hohen Seidenhut, der

ein bißchen alt, aber sorgfältig gebürstet war, Handschuhe, die

schon gewaschen, aber gut ausgebessert waren und einen zierlichen

Spazierstock mit einem geschnitzten Griff -- einem Damenfuß aus

Elfenbein. Er schritt so subtil und zierlich einher wie eine Katze, die

über eine schmutzige Straße geht und oh! -- er war die Artigkeit, --

die ruhige und zurückhaltende Selbstbeherrschung -- die Ehrerbietung

selbst. Er sprach sanft und bedächtig und wenn er im Begriff war,

etwas auf seine eigene Verantwortlichkeit zu behaupten, oder eine

Andeutung zu machen, so erwog er es aufs bedächtigste, indem er seinen

Stock sinnend vor die Zähne hielt. Seine Eröffnungsrede war für einen

Franzosen wirklich recht gut -- im Satzbau, in den Redewendungen, in

der Grammatik, im Tonfall, in der Aussprache -- kurz in allem. Nachdem

sprach er wenig und zurückhaltend. Wir waren bezaubert, ja mehr als

bezaubert -- ganz außer uns vor Freude. Wir mieteten ihn auf der

Stelle und fragten gar nicht nach seinem Lohne. Dieser Mann war zwar

unser Lakai, unser Diener, unser unterwürfiger Sklave, aber dennoch

ein Gentleman, während von den andern beiden der eine linkisch und

ungehobelt, und der andere ein geborener Seeräuber war. Wir frugen

unseren Mann nach seinem Namen. Er zog aus seinem Taschenbuch eine

schneeweiße kleine Karte und überreichte sie uns mit einem tiefen

Bückling:

~A. Bilfinger~

~Führer durch Paris, Frankreich,

Deutschland, Spanien etc.~

~Grand Hôtel du Louvre.~

»Bilfinger! Mir wird sterbensübel!« sagte mein Freund Dan, indem er

sich wegwandte. Auch meinem Ohr that der abscheuliche Name furchtbar

weh. Wir können uns viel eher an ein Gesicht gewöhnen, oder sogar

es gern sehen, das uns anfänglich mißfällt, als uns mit einem

übelklingenden Namen aussöhnen. Ich ärgerte mich fast, daß wir den

Menschen, der wahrscheinlich ein Elsässer war, gemietet hatten, sein

Name war uns zu unausstehlich. Indes, es war zu spät und wir wollten

gern aufbrechen. Während Bilfinger hinaus ging, um einen Wagen

herbeizurufen, sagte unser Freund, der Doktor:

»Nun mit dem Führer geht es uns wie mit mancher anderen Illusion. Ich

versprach mir einen Führer Namens Henry de Montmorency oder Armand

de la Chartreuse oder dergleichen, was in den Briefen an unsere

Kleinstädter daheim recht großartig ausfallen würde; und nun denke

man sich einen Franzosen Namens -- Bilfinger. Nein, das klingt zu

abgeschmackt. Es geht unmöglich; es macht einem übel. Wir müssen ihn

umtaufen. Wie wäre es mit dem Namen Alexis du Caulaincourt?«

»Oder Alphonse Henri Gustave de Hauteville,« schlug ich vor.

»Heißt ihn Ferguson,« meinte Dan.

Das klang zwar unromantisch, aber verständig und praktisch. Ohne

weitere Debatte löschten wir Bilfinger als Bilfinger aus und nannten

ihn Ferguson.

Der Wagen -- ein offener Landauer -- stand bereit. Ferguson stieg

auf den Bock neben den Kutscher und fort gings zum Frühstück. Im

Restaurant angekommen, stellte sich Ferguson, wie sich’s gehörte, neben

uns, um unsere Bestellungen zu vermitteln und Fragen zu beantworten.

Ganz beiläufig bemerkte er -- der Schlaumeier -- er selbst würde sich

erlauben, sein bescheidenes Frühstück nach dem unsrigen einzunehmen.

Er wußte, daß wir auf ihn angewiesen waren und keine Lust hatten, auf

ihn zu warten. Wir luden ihn daher ein, sich zu uns zu setzen und

mitzuessen. Er lehnte mit hundert Verbeugungen ab; es sei zu viel Ehre

für ihn und er wolle lieber an einem andern Tisch sitzen. Wir befahlen

ihm hierauf energisch, sich hinzusetzen.

Das war unsere erste Lehre. Wir waren doch hereingefallen. Solange

wir den Burschen in unserem Dienst hatten, war er immer hungrig,

immer durstig. Er kam frühmorgens und blieb spät; er konnte an keinem

Restaurant vorbeigehen; er schaute mit dem Auge eines Blutegels nach

jeder Weinschenke. Alle Augenblicke hatte er einen Grund anzuhalten,

um uns zum Essen und Trinken zu veranlassen. Wir gaben uns die größte

Mühe, ihn so voll zu füllen, daß er vierzehn Tage lang keinen Platz

mehr für Speise und Trank hätte; allein es mißlang. Er faßte nicht

genug, um das Verlangen seines übermenschlichen Appetits eine Zeitlang

beschwichtigen zu können.

Er hatte noch eine andere Unart an sich. Er wollte uns beständig

veranlassen einzukaufen. Unter den gesuchtesten Vorwänden lotste er

uns in Weißzeugläden, Stiefelläden, Schneiderläden, Handschuhläden

-- kurzum, überall hin, wo die mindeste Aussicht war, daß wir etwas

kauften. Jedermann würde erraten haben, daß die Ladenbesitzer ihm einen

Prozentsatz von unseren Einkäufen bewilligten, aber wir in unserer

glücklichen Harmlosigkeit ahnten das nicht eher, bis Ferguson die Sache

etwas zu handgreiflich machte.

Eines Tages äußerte Dan zufällig, er gedenke drei bis vier seidene

Kleider zu Geschenken zu kaufen. Augenblicklich war Fergusons hungriges

Auge auf ihn gerichtet. Nach Verlauf von zwanzig Minuten blieb der

Wagen stehen.

»Wo sind wir?«

»Dies sein die feinste Seidenmagazin in Paris -- die berühmteste.«

»Weshalb sind Sie denn hierhergefahren? Sie sollten uns doch nach dem

Palais du Louvre bringen!«

»Ik dakt der Err wünschte seidenen Stoffe ßu kaufen.«

»Man verlangt von Ihnen nicht, daß Sie für uns ›denken‹ sollen. Dies

hieße Ihre Energie zu sehr in Anspruch nehmen. Wir wollen von des Tages

Last und Hitze selbst etwas tragen. Wir wollen versuchen, das ›Denken‹,

das wirklich vonnöten ist, selbst zu besorgen. Also weitergefahren!«

sagte der Doktor.

Binnen fünfzehn Minuten machte der Wagen abermals Halt und zwar vor

einem zweiten Seidenwarenlager.

Wir wurden ärgerlich; aber der Doktor bewahrte seine milde Ruhe und

sagte freundlich:

»Endlich! wie großartig der Louvre ist, und doch wie schmal. Wie

prächtig stilisiert, wie reizend gelegen. -- Ehrwürdiges Werk.« --

»Pardon, Err Doktor. Dies sein nicht das Louvre -- es sein --«

»Was ist es denn?«

»Es fiel mir ein -- ganz plötzlich -- daß die Seide in diese Magazin --«

»Ach Ferguson, wie gedankenlos ich doch bin. Ich wollte Ihnen ganz

bestimmt sagen, daß wir heute keine Seide kaufen wollten, daß wir

vielmehr erpicht darauf seien, zum Palais du Louvre zu gelangen; aber

ich muß es rein vergessen haben, es Ihnen zu sagen. Das Vergnügen,

Sie heute vormittag viermal frühstücken zu sehen, muß mir alle

anderen Gedanken verscheucht haben. Fahren wir also jetzt zum Louvre,

Ferguson!«

»Aber, Err Doktor!« (aufgeregt) »es kostet Ihnen keine Minute, --

höchstens eine kleine Minute. Der Err brauchen nix zu kaufen, wenn er

nicht wollen, -- nur _besehen_ -- nur ein Blick auf die prächtige Ware

werfen.« (Flehend:) »Mein Err, -- nur eine einzige Moment.«

Dan sagte: »Infamer Narr! Ich will heute durchaus keine Seidenstoffe

sehen, ich thue keinen Blick darauf. Weiterfahren!«

»Aber, Doktor! Es sein ja nur eine Augenblick, kleine Augenblick. Und

die Szeit wird nix verloren, gar nix verloren sein, weil es jetzt nix

mehr zu sehen giebt -- es ist ßu spät. Es fehlen noch ßehn Minuten zu

Vier und der Louvre wird um vier Uhr geschlossen -- nur einen kleinen

Augenblick, Doktor!«

Der verräterische Halunke! Uns nach vier Frühstücken und einer Gallone

Champagner einen solchen Streich zu spielen. So bekamen wir an diesem

Tag von den zahllosen Kunstschätzen des Louvre nichts zu sehen und

unsere einzige kümmerliche Genugthuung bestand in dem Gedanken, daß es

Ferguson nicht gelungen war, uns ein seidenes Kleid zu verkaufen.

* * * * *

Reisebilder und verschiedene Skizzen · 第 10 / 20 段