Wie sehr man sich auch von allen Seiten über die Einrichtung des

französischen Duells lustig machen mag, es ist und bleibt in

Wirklichkeit eines der ungesundesten Dinge der Welt. Da es unter allen

Umständen im Freien ausgefochten wird, so können die jedesmaligen

Gegner darauf schwören, daß sie sich aufs Gründlichste erkälten. Paul

von Cassagnac, der eingefleischteste Gewohnheitspaukant des derzeitigen

Frankreichs, hat auf diese Weise so häufig zu leiden gehabt, daß er

nachgerade ein ausgesprochener Invalide ist. Die besten Aerzte von

Paris sind sich vollständig einig darin, daß, wenn er sich nur noch

fünfzehn oder zwanzig Jahre so fort duelliert, ohne den Schauplatz

seiner Mensuren von allerlei Wäldern und Sümpfen nach einem eigens

dazu hergerichteten, behaglichen, geschlossenen Raum zu verlegen, er

leicht sein Leben gefährden könne. Diese Thatsache sollte genügen, um

allen den Mund zu stopfen, welche das französische Duell deswegen für

einen besonders gesunden Sport halten, weil es stets unter offenem

Himmel stattfindet und den Genuß der freien Luft mit allen Vorteilen

körperlicher Bewegung vereinigt. Die andere unsinnige Behauptung, daß

die französischen Duellanten infolgedessen unsterblich seien, würde

dann von selbst verstummen.

Doch zur Sache! Vom ersten Augenblick an, da ich von dem jüngsten

Aufeinanderplatzen der Herren Gambetta und Fourtou in der französischen

Kammer hörte, waren mir die ernstlichen Folgen klar. Eine lange

intime Bekanntschaft mit Herrn Gambetta hatte mir das unversöhnliche

und verzweifelte Wesen dieses Mannes enthüllt. Ich wußte, daß das

Verlangen nach Rache ihn bis zu den äußersten Spitzen und Ausläufern

seiner Persönlichkeit, welche bekanntlich von bedeutendem Umfang ist,

durchdringen würde.

Ich wartete nicht, bis er zu mir kam, sondern suchte ihn sofort in

seiner Wohnung auf. Wie ich erwartet hatte, fand ich den ritterlichen

Staatsmann im unerschütterlichsten französischen Gleichmut. Er raste

zwischen den zu Trümmern geschlagenen Möbeln seines Zimmers hin und

her, und ab und zu hielt er inne, um solche Stücke, die ihm noch nicht

klein genug erschienen, mit dem Fuße emporzuschleudern. Zwischen seinen

Zähnen knirschte ein Sprühregen von fragmentarischen Flüchen und

Verwünschungen hervor. Gelegentlich fuhr er sich auch mit beiden Händen

in die Haare, um eine Faust voll davon auszureißen und sie auf den

Tisch zu legen, wo sich bereits eine ganze Pyramide davon auftürmte.

Er schleuderte seine ausgebreiteten Arme um meinen Hals, riß mich über

seinen Bauch hinweg an sein Herz, küßte mich auf jede Wange, hob mich

fünf- oder sechsmal vom Fußboden empor und trug mich dann in ein andres

Zimmer, wo sich noch ganze Möbel befanden, um mich dort in seinen

eigenen Armsessel halb niederzusetzen, halb fallen zu lassen. Sobald

ich meinen Atem wiedergewonnen, kam ich sofort zum Geschäft.

[Illustration]

Ich sagte ihm, ich hätte vorausgesetzt, daß er mich zum Sekundanten

zu haben wünsche; worauf er sich abwendete und mit einer Stimme, die

teils vor freundschaftlicher Bewegung, teils vor Kampfeslust zitterte,

entgegnete: »Ich wußte es wohl!« Dann erklärte ich ihm, daß ich

ihm diesen Dienst nur unter einem angenommenen französischen Namen

leisten könne, um im Falle eines für ihn tödlichen Ausganges vor den

Verwünschungen meiner Landsleute gesichert zu sein. Bei diesen letzten

Worten zuckte er zusammen -- wahrscheinlich weil er aus denselben

entnahm, daß man in Amerika das Duell verwerfe. Er ließ mich jedoch

diese Unritterlichkeit meines Vaterlandes nicht entgelten und gab sich

mit meiner Bedingung zufrieden. Es wird jetzt jedermann erklärlich

sein, daß es in den Zeitungsberichten allgemein hieß, Herrn Gambettas

Sekundant sei anscheinend ein Franzose gewesen.

Hierauf schlug ich ihm vor, sein Testament aufzusetzen. Ich bestand

umsomehr darauf, als er in seinem blinden Kampfeseifer gar nicht

zu wissen schien, daß ein Duell, außer der tödlichen Haupthandlung

selbst, auch noch allerlei unerläßliche Nebensachen bedinge. Nachdem

ich nach längerem Streiten meinen ersten und seinen letzten Willen

endlich durchgesetzt hatte, wünschte er verschiedene ›Abschiedsworte‹

niederzuschreiben, um das passendste davon für seinen letzten

Augenblick auszuwählen.

»Wie würde sich,« fragte er, »vom rein deklamatorischen Standpunkt aus

der nachstehende Satz zu diesem Zweck eignen: ›Ich sterbe für meinen

Gott, für mein Land, für die Freiheit der Rede, für den Fortschritt und

für die allgemeine Verbrüderung der Menschen‹?«

Ich entgegnete, daß diese Phrase einen sehr langsamen Tod erfordern

würde; daß sie für einen an der Auszehrung Erlöschenden vortrefflich

sei; daß sie aber dem Bedürfnis eines von jäher Kugel Hingestreckten

durchaus nicht entspräche. Nachdem wir in ähnlicher Weise noch über

eine ganze Anzahl weiterer ~Antemortem~-Ausbrüche verhandelt hatten,

brachte ich ihn endlich dazu, sein ›Letztes Wort‹ auf den Satz: »Ich

sterbe, damit Frankreich lebe!« zusammenzustreichen, den er auch

sofort, um ihn auswendig zu lernen, in sein Notizbuch schrieb. So gut

mir der Satz auch an sich gefiel, so konnte ich doch die Bemerkung

nicht unterdrücken, daß er eigentlich keine Beziehungen zu den

vorliegenden Thatsachen habe, worauf er mich mit den Worten beruhigte,

daß es darauf bei ›Letzten Worten‹ gar nicht ankomme, sondern daß es

sich dabei lediglich um eine packende Phrase handle.

Sodann kamen wir zur Waffenfrage. Kaum war das Wort ›Waffen‹

meinerseits gefallen, als auch mein Freund die Hand auf den Leib

legte und mir sagte, er fühle sich nicht ganz wohl und überlasse

sowohl diese, wie alle noch zu erledigenden Einzelheiten ganz mir.

Ich wußte diese Gleichgültigkeit gegen Dinge von möglicherweise so

verhängnisvoller Tragweite nach Gebühr zu schätzen und zu bewundern,

und machte mich sofort an die Abfassung der nachstehenden, an die

Adresse von Herrn Fourtous Vertrauensmann gerichteten Zuschrift:

»_Mein Herr!_ Herr Gambetta nimmt Herrn Fourtous Forderung

an und beauftragt mich, Plessis le Piquet als Platz des

Zusammentreffens vorzuschlagen. Zeit: Morgen früh bei

Tagesgrauen. Waffen: Aexte. Ich bin mit Hochachtung der Ihrige

_Mark Twain_.«

Der größeren Sicherheit halber trug ich diesen Brief selbst zu Herrn

Fourtous Freund. Er las und schauderte. Dann wendete er sich zu mir und

sagte mit strengem Ton:

»Und haben Sie auch in Erwägung gezogen, was das unvermeidliche

Ergebnis eines derartigen Zusammentreffens sein würde?«

»Zum Beispiel was?«

»Blutvergießen!«

»Das sollte es wohl sein! Was, wenn ich fragen darf, wäre Ihre Absicht,

zu vergießen, wenn nicht Blut?«

Damit hatte ich ihn fest. Er sah, daß er sich verrannt hatte, und

beeilte sich, seinen Mißgriff hinwegzuerklären. Er habe nur im Scherz

gesprochen, und setzte hinzu, sein Auftraggeber würde über Aexte

entzückt sein und sie jeder anderen Waffe vorziehen, wenn dieselben

nicht unglücklicherweise durch den französischen Ehrenkodex ein für

allemal ausgeschlossen seien. Ich müsse mich deshalb zu einem andern

Vorschlag entschließen.

Ich ging ein paarmal auf und nieder und überlegte, wozu ich mich

entschließen sollte. Es war das angesichts der Wucht des vorliegenden

Falles keine Kleinigkeit. Plötzlich schoß mir der rettende Gedanke

durch den Kopf, daß Gatling-Kanonen sehr wohl dazu angethan seien, auf

fünfzehn Schritt selbst eine so gewichtige und verwickelte Ehrenfrage

für immer zu lösen, und formulierte diesen Gedanken sofort zu einem

neuen Vorschlag. Aber auch damit sah ich mich zurückgewiesen, und

wieder war es der französische Ehrenkodex, welcher mir im Wege stand.

Hierauf sprach ich mich für Chassepotgewehre, sodann für doppelläufige

Flinten und schließlich für Kavallerierevolver aus. Eins nach dem

andern wurde zurückgewiesen, und nachdem ich halb erschöpft eine

weitere halbe Stunde nachgedacht hatte, schlug ich, von plötzlichem

sarkastischem Mutwillen übermannt, Ziegelsteine auf dreiviertel Meilen

vor.

Von jeher ist mir nichts widerwärtiger gewesen, als einen guten oder

schlechten Witz an einen Menschen zu verschleudern, der für keines

von beiden das leiseste Verständnis hat. Ich bin daher noch heute

außer stande, den Ingrimm zu beschreiben, welcher mich erfaßte, als

ich den Mann im vollsten Ernst mit dem Kopf nicken und hinweggehen

sah, um meinen letzten Vorschlag Herrn Fourtou zu unterbreiten. Nach

einigen Minuten erschien er wieder und meldete mir, ohne mit einer

Wimper zu zucken und in der geschäftsmäßigsten Weise der Welt, daß

sein Duellant von der Idee mit den Ziegelsteinen auf dreiviertel Meilen

ganz begeistert sei, und daher um so mehr bedaure, darauf verzichten

zu müssen aus Rücksicht für die ganz und gar unschuldigen und an der

Sache unbeteiligten Personen, welche zur Zeit des Duells nicht umhin

könnten, zwischen den beiden Kämpfern hindurch zu gehen. Ich mußte ihm

recht geben, ohne jedoch fähig zu sein, noch einen weiteren Vorschlag

zu machen.

»Ich bin jetzt mit meiner Weisheit zu Ende,« sagte ich

zusammenknickend. »Vielleicht würden Sie so gut sein und mir irgend

eine Waffe namhaft machen, welche der Würde dieses historischen

Vorgangs ebenso entspräche, wie dem unverkennbaren Wunsch der beiden

Gegner, einander zu töten. Vielleicht fällt Ihnen eine solche ein --

oder haben wohl Sie schon die ganze Zeit über eine im Auge gehabt?«

Sein Antlitz verklärte sich und er rief mit aufatmender

Bereitwilligkeit:

»Gewiß, mein Herr! Bei der großen Rolle, die der Ehrenpunkt im

öffentlichen französischen Leben spielt, sind wir stets für solche

Fälle gerüstet.« Und er begann mit Fingern und Händen, welche vor

Aufregung zitterten, eine Jagd durch seine Taschen -- eine Hetze von

Tasche zu Tasche, welche ihn über das ganze Revier seines Anzuges

führte, deren Erfolglosigkeit jedoch in den mehrfach gemurmelten

Worten: »Was habe ich nur damit angefangen?« ihren Ausdruck fand.

Aber er ließ sich durch diese ersten verfehlten Versuche nicht

einschüchtern, und so gelangte er schließlich in einen inneren

weltentlegenen Schlupfwinkel von Westentäschchen, aus dem er

triumphierend ein paar kleine Dinge herauszog, die ich ans Fenster trug

und in der dort herrschenden besseren Beleuchtung als dem Geschlecht

der Pistolen angehörend erkannte. Es waren einläufige Terzerole, ganz

und gar mit Silber beschlagen und wirklich die niedlichsten und

zierlichsten Spielzeuge dieser Art, welche ich je gesehen. Ich war vor

Erstaunen sprachlos. Da ich aber doch eine Meinung äußern mußte, so

nahm ich die eine der beiden angeblichen Pistolen und befestigte sie an

meiner Uhrkette. Die andere gab ich dem Sekundanten des Herrn Fourtou

zurück, welcher sie in seinem Portemonnaie in Sicherheit brachte.

Gleichzeitig entnahm er demselben eine zusammengelegte Briefmarke,

faltete sie auseinander und brachte ein paar kleine, pillenartige

Gebilde zu Tage, von denen er eines mit dem Bemerken, daß dies die dazu

gehörende Patrone sei, im Innern meiner hohlen Hand verschwinden ließ.

Ich fragte meinen Verbrechensgenossen, ob er gesonnen sei, unseren

Duellanten nur je einen Schuß zu erlauben, worauf er mir erwiderte, daß

der französische Ehrenkodex nicht mehr gestatte. Hierauf ersuchte ich

ihn, die Entfernung zu bestimmen, drückte mich jedoch, da unter dem

Eindruck unsrer Verhandlungen meine geistige Klarheit getrübt zu werden

begann, so dunkel aus, daß ich von ›Schritten‹ sprach und Zahlen, wie

›drei‹ und ›fünf‹, fallen ließ. Erst als ich ihn ohne jede vorgreifende

Bestimmung meinerseits einfach bat, seine Distanz zu nennen, verstand

er mich und sagte mit dem Tone eines Mannes, welcher die ungeheure

Verantwortlichkeit, die er damit auf sich nahm, voll empfand:

»Fünfundsechzig Meter!«

Das brachte mich insofern wieder zu mir, als ich die Geduld verlor. Ich

rief:

»Fünfundsechzig Meter -- mit diesen Säuglingspistolen da? Geladene

Zahnstocher würden auf fünfzig Meter tödlicher sein. Vergessen Sie denn

ganz, mein Herr, daß Sie und ich dazu berufen sind, den gegenseitigen

Mord unsrer Auftraggeber zu vermitteln, oder doch wenigstens denjenigen

des einen mit allen Kräften sicher zu stellen, -- und nicht dazu, beide

mit Gewalt unsterblich zu machen!«

Aber mit aller Ueberredungskunst und selbst aller Heftigkeit vermochte

ich nicht, mehr von ihm zu erreichen, als eine Verminderung der

Entfernung auf fünfunddreißig Meter, und selbst dieses Zugeständnis

wurde mit höchstem Widerstreben und einem Gesicht gemacht, als sei

es der Mord in seiner hoffnungslosesten Gestalt, der durch dieses

Nachgeben besiegelt würde.

»Ich wasche meine Hände in Unschuld -- _die_ Schlächterei komme auf Ihr

Haupt!«

Damit waren wir fertig und ich konnte zu meinem Löwen in dessen Höhle

zurückkehren, um ihm das demütigende Ergebnis meiner Verhandlungen

mitzuteilen. Als ich eintrat, schleuderte Herr Gambetta eben seine

letzte Locke auf die zur Höhe von anderthalb Fuß von ihm emporgeraufte

Haarpyramide, von welcher ich bereits gesprochen. Mit einem Satz sprang

er mir bis zur Schwelle entgegen:

»Sie haben die Todesveranstaltungen getroffen -- ich lese es in Ihren

Blicken!«

»Ich habe mein Bestes versucht --«

Er erblaßte, als ob er die ganze Beschämung ahne, welche ich für ihn

in Bereitschaft hatte, und lehnte sich, um seiner bevorstehenden

Entrüstung besser Herr werden zu können, gegen den Tisch. Nach ein paar

schweren Atemzügen flüsterte er heiseren Tones:

»Die Waffen, die Waffen! Schnell! Was für Waffen hat man gewählt?«

»Diese hier,« rief ich, indem ich mich aufraffte und allen weiteren

Umschweifen dadurch aus dem Wege ging, daß ich ihm meine Uhrkette mit

ihrem kleinen silberbeschlagenen Anhängsel hinhielt. Er warf nur einen

Blick darauf, dann stürzte er schwer und massiv zu Boden. Das ganze

Zimmer teilte seine Erschütterung. Ich wollte eben Hilfe herbeiholen,

als er zum Glück auch schon wieder zu sich kam und die Worte ausstieß:

»Die unnatürliche Ruhe, welche ich mir bisher aufgezwungen habe, hat

meine Nerven erschöpft. Jetzt fort mit aller Schwäche! Ich will meinem

Schicksal die Stirn bieten, wie ein Mann und Franzose!«

Er erhob sich und nahm, nachdem er nicht ohne Kampf das Gleichgewicht

gewonnen, eine Stellung an, deren Erhabenheit nie von einem andern

Menschen erreicht und nur in ein paar Ausnahmsfällen von Statuen

übertroffen worden ist. Dann sagte er in einem tiefen Ton, der ihm, so

oft er desselben bedarf, so wunderbar zu Gebot steht:

»Sie sehen, ich bin ruhig, ich bin bereit. Nennen Sie mir die

Entfernung!«

»Fünfunddreißig Meter!« sagte ich halblaut und die Augen

niederschlagend.

[Illustration]

Selbst in dieser beschwichtigenden Weise vorgebracht, traf ihn meine

Enthüllung auf das Fürchterlichste. Diesmal blieb er länger liegen.

Da ich mit meiner einfachen Menschenkraft außer stande war, den

gestürzten Herkules aufzuheben, rollte ich den Halbgott derartig herum,

daß er auf den Bauch zu liegen kam, worauf ich ihm Wasser zwischen Hals

und Rockkragen goß, welches bald das ganze Gebiet seines Rückens nebst

den dazu gehörigen Hinterländern überrieselte und ihn wieder zu sich

brachte.

»Fünfunddreißig Meter!« stöhnte er. »Und ohne jede Zugabe, wie sie bei

jedem ordentlichen Ellengeschäft selbstverständlich ist!? Doch wozu

fragen? Da einmal Mord die eingestandene Absicht des Mannes ist --

warum sollte er sich mit solchen Kleinigkeiten abgeben? Aber merken Sie

sich eins: Die Welt wird in meinem Fall ein Beispiel von dem erleben,

was französische Ritterlichkeit unter Sterben versteht.«

Nach einem längeren und peinlichen Stillschweigen fragte er:

»Kam denn nicht wenigstens der Umstand zur Sprache, daß jener Mann zwar

Familienvater ist, wogegen ich eine ganz andere Körpermasse in die

Wagschale lege? Meinetwegen, es kann nicht meine Sache sein, auf diesen

Vorteil hinzuweisen, den er vor mir voraus hat. Wenn er nicht selbst

so viel Anstand hat, wohlan, so möge er sich einen Umstand zu nutze

machen, von welchem kein Ehrenmann profitieren sollte, ohne zu erröten!«

Er sprach es mit unbeschreiblicher Bitterkeit. Dann versank er in

eine Art dumpfen Brütens, welches ihn trefflich kleidete und das

mehrere Minuten dauerte. Nach Ablauf desselben machte er eine erneute

Anstrengung, etwas Unerhörtes mit der Fassung eines Helden hinzunehmen,

indem er fragte:

»Und die Stunde? Welche Stunde ist bestimmt, das Zusammentreffen noch

verhängnisvoller zu machen, als es an sich schon ist?«

»Morgen früh, beim Tagesgrauen.«

»Ich war darauf gefaßt,« rief er. »Aber ich sage Ihnen, es ist ein

Wahnsinn. In meinem ganzen Leben habe ich mich zu einer solchen

Tageszeit noch nicht töten lassen. Es ist eine Stunde, zu welcher ja

noch nicht ein einziger Mensch draußen ist!«

»Eben deswegen wählte ich sie. Oder -- verstehe ich Sie recht --

wünschen Sie eine Zuschauerschaft zu haben?«

»Es ist keine Zeit zu müßigen Fragen. Ich begreife nicht, wie Herr

Fourtou sich bereit finden lassen konnte, einer solchen Neuerung

seine Zustimmung zu geben. Gehen Sie augenblicklich zurück zu ihm und

bestehen Sie auf einer späteren Stunde!«

Ich eilte die Treppe hinunter und öffnete eben die Hausthüre, um auf

die Straße zu treten, als ich dem Vertrauensmann des Herrn Fourtou fast

in die Arme stürzte. Er sagte:

»Ich komme, um Ihnen mitzuteilen, daß mein Freund auf das

allerentschiedenste gegen die gewählte Stunde Einsprache erhebt und um

Ihre Zustimmung ersucht, daß dieselbe auf halb zehn verlegt werde.«

Ich machte unwillkürlich ein Gesicht, als zwänge man mich, in einen

Apfel von unberechenbarer Säure zu beißen. Nachdem ich jedoch Herrn

Fourtous Sekundanten etwa fünf Minuten mit steigender Aengstlichkeit an

meinen Mienen hatte hängen lassen, verbeugte ich mich und sagte:

»Eine jede Gefälligkeit, welche wir Ihnen erweisen können, sei hiermit

Ihnen und Ihrem ausgezeichneten Freunde zugestanden. Wir stimmen der

gewünschten Verlegung der Stunde um so lieber zu, als dieselbe ja mit

dem unvermeidlichen Schlußergebnis des Zusammentreffens nichts zu thun

hat.«

»Darf ich Sie bitten, den Dank meines Auftraggebers entgegenzunehmen?«

Er wartete keine Antwort ab, sondern kehrte sich um und rief einem

dicht hinter ihm stehenden Herrn zu: »Liebster Noir, haben Sie es

gehört, die Zeit ist auf halb zehn festgesetzt -- auf halb zehn!«

Worauf Herr Noir sich mit ein paar gemurmelten Dankesworten verneigte

und davonschoß. Mein Mitsekundant wendete sich wieder mir zu.

»Wenn es Ihnen genehm ist, können sich Ihre Hauptärzte und die unsrigen

in einer und derselben Kutsche nach der Kampfstätte begeben. Eine alte

Sitte will es so.«

»Auch ohne die alte Sitte würde mir das vollkommen passen. Es

ist genug, daß die beiden Gegner einander als tödliche Feinde

gegenüberstehen; warum sollte auch noch zwischen den nur indirekt

Beteiligten ein Abgrund des Mordes aufgähnen? Aber wenn ich recht

hörte, sprachen Sie von Hauptärzten auf beiden Seiten. Darf ich fragen,

wie viele davon ich für uns zu besorgen habe? Werden zwei oder drei

genügen?«

»Zwei für jede Partie ist die übliche Anzahl. Ich meinte jedoch damit

nur die ›Hauptärzte‹. Was die bei der hohen Stellung der Duellanten

unerläßlichen konsultierenden Aerzte anlangt, so wünsche ich Sie in

betreff der Zahl derselben durchaus nicht zu beschränken, sondern

möchte nur den Wunsch aussprechen, daß Sie aus den höchsten Zierden der

Pariser Wissenschaft auswählen. Dieselben haben nicht in gemeinsamen

Wagen zu fahren, sondern pflegen sich ihrer eigenen Equipagen zu

bedienen. Und nun noch eine wichtige Frage -- haben Sie bereits den

Leichenwagen engagiert?«

»Der Himmel erleuchte meinen vergeßlichen Kopf!« rief ich beschämt

aus. »Aber ich habe wahrhaftig nicht daran gedacht. Dafür soll es

auch jetzt das Allernächste sein, was ich besorge. Sie müssen schon

Nachsicht mit mir haben, und ich fürchte allen Ernstes, daß meine

Unwissenheit und Vergeßlichkeit Ihnen bereits mehr als ein innerliches

Lächeln entlockt hat. Versuchen Sie den Mantel christlicher Liebe und

den Schild französischer Ritterlichkeit darüber zu decken. Es ist das

erstemal, daß ich etwas mit dem hochzivilisierten Duell im Herzen der

modernen Kultur zu thun habe. Ich habe reiche Duellerfahrungen an der

pazifischen Küste, in Kalifornien und Nevada gesammelt, aber ich sehe

erst jetzt, wie roh und primitiv die Menschen dort in der Erledigung

ihrer Ehrenhändel sind. Ein Leichenwagen -- pah! Wir waren gewohnt,

die Toten, welche dort bei keinem Zweikampf ausbleiben, zerstreut,

wie sie gefallen waren, liegen zu lassen und ihre Fortschaffung denen

anheimzugeben, die gerade ein Interesse daran hatten. Haben Sie mich

noch auf etwas aufmerksam zu machen?«

»Auf nichts; es sei denn, daß auch die beiden Haupttotengräber, wie

die beiden Hauptärzte, in einem Wagen sich dem Zuge nach der Wahlstatt

anzuschließen haben. Deren Gehilfen können gehen und die Prozession zu

Fuß beschließen. Ich selbst werde Sie morgen um 8 Uhr abholen und mit

Ihnen die Reihenfolge des Zuges anordnen. Bis dahin habe ich die Ehre,

mich Ihnen zu empfehlen.«

* * * * *

Nachdem ich meine Geister, von welchen ich fühlte, daß sie mir mehr

und mehr entschlüpften, ein wenig gesammelt hatte, stieg ich zu Herrn

Gambetta empor. Er schien sich in den Gedanken an alle möglichen

weiteren Zumutungen demütigender Natur ergeben zu haben und fragte nur:

»Wann hat die Tragödie zu beginnen?«

»Um halb zehn!«

Er atmete auf, offenbar, weil ich nicht ›um zwölf Uhr‹ geantwortet

hatte, zu welcher Zeit eine Störung durch das alsdann noch zahlreicher

ausgerückte Publikum ganz unvermeidlich gewesen wäre. Um so

befremdender war es mir, daß er im selben Atem hinzusetzte:

»Haben Sie die Zeitungen benachrichtigt?«

»Herr!« rief ich mit unwillkürlicher, nicht zurückzudrängender

Indignation. »Wie können Sie mich nach unserer langen und herzlichen

Freundschaft einer solchen Verräterei für fähig halten?«

»Pst, Pst!« machte er beschwichtigend. »Habe ich Sie verletzt? Ach,

ich sehe es wohl, ich überbürde Sie mit Aufträgen. Vergessen Sie, was

ich da eben sagte, und begnügen Sie sich mit den übrigen Punkten Ihrer

Liste. Uebrigens wird der Bluthund von Fourtou schon dafür gesorgt

haben. Im Notfalle könnte ich es auch allein -- ja ich will es sogleich

selbst thun -- eine Zeile an Herrn Noir genügt --«

»Noir?« unterbrach ich ihn. »Die Mühe können Sie sich ersparen.

Herr Noir ist soeben von dem andern Sekundanten unterrichtet worden

und befindet sich mit der Neuigkeit bereits auf dem Wege zu allen

Redaktionen.«

»Hm, -- das hätte ich wissen können. Es sieht diesem Fourtou ganz und

gar ähnlich, aus einem Ehrenhandel eine öffentliche Komödie zu machen.«

* * * * *

Wenige Minuten vor halb zehn Uhr näherte sich am andern Tage ein

feierlicher Zug in der nachstehenden Ordnung dem Felde von Plessis le

Piquet. Zuerst unser Wagen mit dunkeln Vorhängen, welche sorgfältig

so weit zugezogen waren, daß man Herrn Gambetta noch recht gut von

außen erkennen konnte. Er hatte niemanden bei sich, als mich und

eine weiße Rosenknospe im Knopfloch. Nach uns eine ähnliche Kutsche

mit Herrn Fourtou und seinem Sekundanten. Hierauf ein Wagen mit zwei

dichterischen Rednern aus der Schule Viktor Hugos, welche dicke

Manuskripte für den Fall einer auf offenem Felde zu improvisierenden

Leichenrede bei sich hatten. Dann der Wagen mit den Hauptärzten und

mächtigen Kasten voll chirurgischer Instrumente. Ferner acht Kutschen

mit konsultierenden Aerzten und Wundärzten. Hierauf die beiden

Leichenwagen mit sechs Pferden bespannt, denen die Kutsche mit den

Totengräbern folgte. Und endlich die lange Reihe der Gehilfen der

letzteren, welchen sich eine unabsehbare und stets wachsende Menge

von Bummlern, anständigen Spaziergängern, persönlichen Freunden der

Duellanten, Berichterstattern und Polizisten angeschlossen hatte.

Leider lag ein brettdichter Nebel über der Landschaft, welcher von dem

Zug nie mehr als ein paar Meter auf einmal erkennen ließ. Bei etwas

reinerem Wetter wäre es ein wahrhaft großes und erhebendes Schauspiel

gewesen.

Reisebilder und verschiedene Skizzen · 第 9 / 20 段