Man hört und lernt doch wirklich die wunderbarsten Dinge auf Reisen,

wenn man nur die richtigen Leute trifft, die einem ihre Erfahrungen

mitteilen.

Der deutsche Portier.

Der persische Prophet und Dichter Omar Khayam schrieb vor mehr als

achthundert Jahren:

»In den vier Weltteilen giebt es viele, die gelehrte Bücher

schreiben können, viele, die Armeen zu führen verstehen, auch

viele, die imstande sind, große Reiche zu regieren, aber nur

wenige, die wissen, wie man ein Gasthaus halten muß.«

[Illustration]

Der Portier in den deutschen Hotels ist eine wunderbare Erfindung,

eine höchst wertvolle Annehmlichkeit. Man erkennt ihn stets an seiner

Uniform und wenn man ihn braucht ist er immer da, weil er seinen

Posten an der Eingangsthür nicht verläßt. Er ist höflich wie ein

Herzog; er spricht vier bis zehn Sprachen; er ist die sicherste Hilfe

und Zuflucht in Zeiten der Not und Gefahr. Statt sich wie bei uns mit

allem an den Hotel-Clerk zu wenden, geht man hier zum Portier. Bei

uns setzt der Clerk seinen Stolz darein, alles zu wissen, hier thut

es der Portier. Man fragt ihn, wenn der Zug abgeht -- sofort erhält

man die Antwort; man erkundigt sich bei ihm nach dem besten Arzt in

der Stadt oder nach dem Droschkentarif; fragt ihn, wie viele Kinder

der Major hat oder an welchen Tagen die Galerien geöffnet sind; ob man

Eintrittskarten braucht, wo man sie erhält und was man dafür bezahlt;

wann die Theater anfangen und wann sie aus sind, was für Stücke

gespielt werden, wie hoch die Preise der Plätze sind; aber auch, was

für Hüte man trägt, wie groß die Sterblichkeitsziffer im Durchschnitt

ist oder wer Billy Paterson besiegt hat. Man mag ihn fragen was man

will, in neun Fällen von zehn weiß er es und über den zehnten Fall

verschafft er die gewünschte Auskunft im Handumkehren. Er schreckt

vor keiner Schwierigkeit zurück. Wenn ihm jemand sagt, er wolle von

Hamburg über Jericho nach Peking reisen, sei aber über die Routen und

Preise im unklaren, so überreicht der Portier ihm tags darauf ein Blatt

Papier, auf dem die ganze Reise bis ins kleinste verzeichnet steht.

Wer sich längere Zeit in Europa aufhält, wird zwar noch immer _sagen_,

er verlasse sich auf die Vorsehung, aber bei näherer Betrachtung

wird er bald die Entdeckung machen, daß er sich eigentlich auf den

Portier verläßt. Diesem ist nichts verborgen was uns quält und bange

macht; er weiß schon, was wir bedürfen, wenn wir es noch auf der Zunge

haben, und sein Wort: »Ich werde es besorgen,« beruhigt uns schnell.

Wer sich an einen amerikanischen Hotel-Clerk wendet, empfindet dabei

eine gewisse Verlegenheit, er zaudert und fürchtet sich vor einer

abschlägigen Antwort; beim Verkehr mit dem Portier ist davon keine

Rede, die freudige Bereitwilligkeit, die er uns entgegenbringt, wirkt

ermutigend und die Schnelligkeit, mit der er an die Ausführung unserer

Wünsche geht, hat etwas wahrhaft Berauschendes. Je mehr Besorgungen

man ihm aufbürdet, desto zufriedener zeigt er sich. Die natürliche

Folge ist, daß man selber überhaupt nichts mehr thut. Der Portier

holt die Droschke für uns, hilft uns einsteigen, sagt dem Kutscher,

wohin er fahren soll, empfängt uns bei der Rückkehr wie einen lang

und schmerzlich vermißten Sohn, bittet nur, daß wir uns um gar nichts

kümmern, übernimmt es, sich mit dem Droschkenkutscher herumzuzanken und

bezahlt ihn aus seiner eigenen Tasche. Er läßt uns Theaterbillets holen

und alles was wir möglicherweise wünschen können, es mag nun ein Arzt,

ein Elefant oder eine Briefmarke sein. Schließlich giebt er uns noch

bei der Abfahrt einen Untergebenen mit, der vom Kutscherbock steigt,

uns an das Coupé bringt, die Fahrkarten kauft, die Koffer wiegen läßt,

uns den Gepäckzettel übergiebt und versichert, daß alles schon auf der

Rechnung steht und vorausbezahlt ist. In Amerika findet man nur in den

besten Hotels der großen Städte solche vorzügliche, freundliche und

bereitwillige Bedienung, aber in Europa hat man sie gerade so gut in

den kleinsten Landstädtchen.

* * * * *

Wie läßt sich denn aber die rührende Hingebung des Portiers erklären?

Auf sehr einfache Weise: _er bekommt nur Trinkgelder und kein Gehalt_.

Die großen Hotels auf dem Kontinent stellen für geringen Lohn einen

Kassierer an, aber der Portier muß dem Hotel eine Abgabe bezahlen.

Diese Einrichtung ist sowohl für den Wirt als für das Publikum eine

Ersparnis und sichert ihnen bessere Dienste, als wir nach unserem

System erhalten. Ein amerikanischer Konsul hat mir erzählt, daß der

Portier in einem großen Berliner Hotel jährlich fünftausend Dollars für

seine Stelle bezahlt und trotzdem einen Reingewinn von sechstausend

Dollars erzielt. Vielleicht würde das Amt des Portiers in einem unserer

besuchtesten Hotels in Saratoga, Long Branch, New York und anderen

Hauptverkehrsplätzen noch einträglicher sein.

Als wir vor etwa zwölf Jahren das Trinkgeldersystem nach europäischem

Muster bei uns einführten, hätten wir natürlich aufhören müssen, Gehalt

zu bezahlen. Ich dächte, das ließe sich jetzt auch noch nachholen und

dabei könnte zugleich der Portier eingeführt werden. Seit ich zuerst

anfing, mich eingehend mit ihm zu beschäftigen, habe ich Gelegenheit

gehabt, ihn in den größten Städten von Deutschland, der Schweiz und

Italien zu beobachten. Je mehr ich aber von ihm gesehen habe, um so

größer ist mein Wunsch geworden, ihm in Amerika zu begegnen, damit er

auch bei uns ein Schutzengel für die Fremden werde, wie er es in Europa

ist.

Was vor achthundert Jahren als wahr galt, bestätigt sich noch heute:

»Nur wenige wissen, wie man ein Gasthaus halten muß!«

Duelle.

I.

Das deutsche Studentenduell.

[Illustration]

Eines Tages erhielt mein Geschäftsträger im Interesse der Wissenschaft

die Erlaubnis, mich in das Pauklokal an der Hirschgasse mitzunehmen,

wo die Heidelberger Korps ihre Mensuren ausfechten: ein heller,

hoher, geräumiger Saal im ersten Stockwerk des idyllisch gelegenen

altberühmten Wirtshauses ›Zum Hirschen‹.

Wir trafen daselbst etwa 50--75 Musensöhne, die sich an den langen

längs der Wände aufgestellten Tischen die Zeit bis zum Beginn der

Paukerei mit Kneipen, Karten- oder Schachspiel, Schwatzen und Rauchen

vertrieben. Man sah fast nur farbige Mützen: weiße, grüne, blaue,

rote und hellgelbe; es waren mithin sämtliche fünf Korps stattlich

vertreten. Am einen Ende des Saales war für die Paukerei ein Stück frei

gelassen, und hier standen an den Fenstern 6--8 lange schmale Schläger

mit mächtigen Körben zum Schutz der Hände, während draußen ein Mann

damit beschäftigt war, noch eine Anzahl solcher an einem Schleifstein

zu schärfen. Er verstand seine Sache, denn jeder Schläger, der aus

seiner Hand kam, konnte es mit dem schärfsten Rasiermesser aufnehmen.

Der Verkehr zwischen den Angehörigen der verschiedenen Korps

beschränkte sich auf die kalten, förmlichen Verhandlungen der

Chargierten behufs Vorbereitung der Mensuren. Kameradschaftlicher

Umgang zwischen Angehörigen verschiedener Korps wird nicht geduldet,

weil man glaubt, die Beteiligten würden dadurch die rechte Schneide und

den Eifer für die Mensur verlieren. Kurz vor dem Tage, an dem ein Korps

die Reihe trifft loszugehen, ruft dessen Präses Freiwillige zur Mensur

auf, worauf sich denn auch eine Anzahl meldet, die jedoch nicht unter

drei betragen darf. Die Namen der Betreffenden werden den Vorständen

der anderen Korps mitgeteilt, und diese sind dann bald in der Lage, die

entsprechende Anzahl von Mitgliedern ihrer Korps zu bezeichnen, welche

sich bereit erklären, die Forderungen anzunehmen. Heute war gerade die

Reihe zur Forderung an den Rotmützen; die Gegner, die sich gemeldet

hatten, gehörten verschiedenen anderen Korps an. Seit 250 Jahren

spielen sich nunmehr in diesem Raum in der hier beschriebenen Weise

die Mensuren zweimal in jeder Woche während sieben bis acht Monaten im

Jahre ab.

Wir waren eben mit den Weißmützen, von denen wir unsere Einladung

erhalten hatten, im Gespräch begriffen, als die beiden, die zuerst an

die Reihe kommen sollten, in ihrem -- deutschen Lesern wohlbekannten

-- abenteuerlichen Paukwichs von Kommilitonen aus einem Nebenzimmer

hereingeführt wurden. Nun drängte alles nach dem leeren Ende des

Saales, wo wir uns ebenfalls einen guten Platz verschafften. Die

Kämpfer traten einander gegenüber; um jeden derselben scharten sich

eine Anzahl Kameraden, um ihm nötigenfalls Beistand zu leisten; die

Sekundanten, gleichfalls bandagiert und den Schläger in der Hand,

traten ihnen zur Seite; der Unparteiische, der den Kampf zu überwachen

hatte, nahm seinen Platz ein; endlich trat noch ein Student mit der Uhr

und einem Notizbuch in der Hand, das die erforderlichen Einträge über

die Zeitdauer und die Zahl der Beschaffenheit der Schmisse aufnehmen

sollte, sowie der grauhaarige Paukarzt mit seinem Verbandzeug und

seinen Instrumenten auf den Plan. Für einen Augenblick herrschte jetzt

Ruhe, und sämtliche bei der Mensur Beteiligten traten der Reihe nach

auf den Unparteiischen zu, um demselben ihren achtungsvollen Gruß

darzubringen, worauf sie ihre Plätze wieder einnahmen. Nun war alles

bereit; den Vordergrund füllte dicht gedrängt die Schar der Zuschauer,

zum Teil auf Tischen und Stühlen stehend, die Blicke voll Spannung auf

den Kampfplatz gerichtet.

Mit blitzenden Augen maßen die Gegner einander; rings herrschte

atemlose Stille; ich erwartete nun, es werde recht bedächtig bei der

Sache zugehen. Aber ganz und gar nicht. Auf den Ruf ›los‹ sprangen die

beiden gegeneinander vor und ließen die Hiebe hageldicht und mit solch

blitzartiger Geschwindigkeit aufeinander niederregnen, daß ich die

Klingen in der Luft nicht mehr deutlich zu unterscheiden vermochte.

Das rasselnde Geräusch, das die Hiebe verursachten, wenn sie die

Waffe oder die Bandage des Gegners trafen, hatte etwas merkwürdig

Aufregendes, und es war mir ein Rätsel, daß die Waffe des Gegners unter

der Wucht derselben nicht abbrach. Plötzlich, mitten unter diesem

Hagel von Hieben, sah ich einen Büschel Haare von dem Kopf des einen

der beiden emporfliegen, als wären dieselben auf einmal losgegangen

und hätte der Wind sie weggeblasen. Die Sekundanten riefen ›Halt!‹ und

schlugen die Waffen der Kämpfer mit ihren eigenen zurück. Die letzteren

setzten sich, ein Kamerad besichtigte die Stelle und tupfte dieselbe

ein paarmal mit einem Schwamm ab; dann kam der Paukarzt, der das Haar

zurückstrich und eine blutige Schramme von zwei bis drei Zoll Länge

feststellte. Er befestigte einen Leinwandbausch und ein rundliches

Lederläppchen auf derselben, und der Schmiß wurde der betreffenden

Partei aufs Kerbholz geschrieben.

Jetzt stellten sich die Gegner wieder auf; dem Verletzten lief das Blut

in einem schmalen Streifen an dem ganzen Leib herunter bis auf den

Boden, allein er schien sich nichts daraus zu machen. Wieder hieß es

›Los!‹, und mit der gleichen Wucht wie zuvor regneten die Hiebe, so daß

die scharfäugigen Sekundanten den Kampf alle Augenblicke unterbrechen

mußten, weil ein Schläger verbogen war, der dann von einem Kameraden

wieder gerade gebogen wurde.

Das merkwürdige Kampfgetümmel nahm seinen Fortgang -- plötzlich stoben

die hellen Funken von einer der Klingen; dieselbe war in mehrere Stücke

zerhauen, von denen eines bis an die Decke flog. Wiederum wurde ein

frischer Schläger gebracht und der Kampf ging weiter. Natürlich war

dies eine furchtbare Anstrengung, und bald sah man den Kämpfenden

große Ermüdung an. Sie durften nun eine Weile ruhen, aber nur ganz

kurz; sie brauchten einander ja nur Schmisse zu geben, so hatten sie

allemal Zeit sich auszuruhen, bis der Doktor seinen Verband angelegt

hatte. Jede Mensur muß fünfzehn Minuten dauern, wofern die Kämpfer es

aushalten; die Pausen werden jedoch nicht mitgerechnet und so dauerte

die diesmalige nach meiner Schätzung reichlich zwanzig bis dreißig

Minuten. Schließlich wurde wegen Uebermüdung der Paukenden abgebrochen.

Blutbespritzt von Kopf bis zu Fuße führte man sie hinaus. Es war wacker

gefochten worden, und doch zählte die Mensur nicht, teils weil das

wirkliche Fechten keine volle fünfzehn Minuten gedauert, teils weil

keiner den Gegner vollständig abgeführt hatte. Sobald ihre Schmisse

geheilt waren, hatten die beiden der bestehenden Vorschrift gemäß

neuerdings loszugehen, bis die Sache endgültig ausgefochten war.

Während dieser Vorgänge hatte ich zeitweise ein paar Worte mit

einem jungen Mann von den Weißmützen gewechselt; dabei hatte er mir

mitgeteilt, daß er zunächst daran kommen werde und mir auch seinen

Gegner gezeigt, der ihn gefordert hatte und nun drüben an der andern

Wand lehnend mit einer Zigarette im Munde ruhig der Paukerei zuschaute.

Infolge der Bekanntschaft mit einem der Kämpfer sah ich der nächsten

Mensur mit einer Art von persönlichem Interesse entgegen. Ich wünschte

natürlich meinem Bekannten den Sieg und war sehr wenig erbaut, zu

hören, daß dazu keine Aussicht vorhanden sei, indem er zwar ganz gut

schlage, sein Gegner aber allgemein für entschieden überlegen gelte.

Sie gingen nun los und paukten nicht minder schneidig als ihre

Vorgänger. Obwohl ich ganz dicht dabei stand, war ich doch nicht

imstande zu sehen, ob ein Hieb saß oder nicht, so blitzschnell folgten

diese aufeinander. Sie schienen alle zu sitzen, der Schläger bog sich

jedesmal ganz von der Stirne aus über den Kopf des Gegners hin -- aber

es war Täuschung: jedesmal fing, ehe ich es zu sehen vermochte, dessen

Klinge den Hieb auf. Nach zehn Sekunden hatte jeder seinem Gegner zwölf

bis fünfzehn Hiebe beigebracht und ebensoviele davongetragen, von denen

jedoch keiner blutete. Dann wurde ein Schläger unbrauchbar, und es trat

eine kurze Ruhepause ein bis ein frischer zur Stelle war. Bald nach

Beginn des neuen Ganges hatte jeder einen schweren Kopfschmiß; beim

dritten Gang erhielt der Gegner meines Bekannten noch einen solchen,

während dem letzteren selbst die Unterlippe durchgehauen wurde; darauf

teilte derselbe noch mehrere schwere Schmisse aus, ohne seinerseits

einen nennenswerten zu erhalten. Nachdem die Mensur im ganzen fünf

Minuten gedauert hatte, wurde dieselbe vom Paukarzt unterbrochen;

die Verletzungen des Fordernden waren derart, daß jede weitere hätte

gefährlich werden können. Er sah schauerlich aus, und ich will auf

eine nähere Beschreibung lieber verzichten. So blieb wider Erwarten der

Sieg meinem Bekannten.

Die vierte und fünfte Mensur verliefen so blutig, daß der Paukarzt

beide nach ein paar Minuten unterbrechen mußte, um einer ernsten

Gefährdung von Leben und Gesundheit der Verletzten vorzubeugen. Beim

Anblick dieser klaffenden Wunden an Gesichtern und Köpfen überlief mich

jedesmal ein Schauder, und ich fühlte, wie mir das Blut aus den Wangen

wich; trotzdem mußte ich immer und immer wieder hinschauen. Bei der

letzten Mensur sah ich gerade mit an, wie dem einen die Nase aus dem

Gesicht gehauen wurde; nun denkt man vielleicht, hätte ich das vorher

gewußt, so würde ich nicht hingeblickt haben; aber nein -- der wilde,

aufregende Reiz des Kampfes wirkt unwiderstehlich. Es kommt öfters vor,

daß der Zuschauer ohnmächtig wird, und das ist auch wahrlich gar nicht

zu verwundern.

An den beiden letzten Paukenden hatte der Doktor so ungefähr eine

Stunde zu flicken -- dies sagt genug. Es war jetzt Mittag vorüber,

und so benutzte die übrige Gesellschaft diese Pause, um in größter

Munterkeit und Gemütlichkeit ihr Mittagsmahl an den Tischen ringsum

einzunehmen; dabei hörte und sah man durch die offene Thür, wie der

Doktor im Nebenzimmer drauf los schnitt, sägte und meiselte; es ließ

sich jedoch offenbar niemand den Appetit dadurch verderben. Ich sah ihm

eine Zeitlang dabei zu, hielt es aber nicht lange aus -- der fesselnde

Reiz des Kampfes fehlte hier zu sehr.

Endlich war der Doktor fertig, und die letzte Mensur des heutigen Tages

begann. Augenblicklich ließen alle ihr Essen stehen und drängten sich

um den Kampfplatz. Diesmal handelte es sich um eine Kontrahage, die

hier ausgefochten werden sollte. Die Gegner gehörten keinem Korps an,

hatten jedoch die Erlaubnis erhalten, deren Waffen zu belegen. Offenbar

waren dieselben mit der Führung des Schlägers besser vertraut als mit

dem Paukkomment; denn kaum hatte man ihnen die Plätze angewiesen, als

sie, ohne ein Kommando abzuwarten, wie wütend auf einander loshieben,

so daß unter ungeheurer Heiterkeit des ganzen Zuschauerkreises

die Sekundanten schleunigst dazwischen fahren mußten. Auch dieser

Mensur machte der Paukarzt bald ein Ende -- und damit war denn die

Tagesordnung erschöpft. Es war jetzt zwei Uhr nachmittags und ich war

seit 9½ Uhr morgens da. Der Kampfplatz hatte sich inzwischen völlig rot

gefärbt; doch mit etwas Sägmehl war dem bald abgeholfen. Vor meinem

Eintreffen hatte bereits eine Mensur stattgefunden, wobei der eine

zahlreiche Schmisse erhielt, während der andere ohne eine Schramme

davon kam.

Zehnmal hatte ich nun mit angesehen, wie einem der jungen Leute Kopf

und Gesicht kreuz und quer mit der scharfen zweischneidigen Klinge

zerhauen wurde, und dabei hatte keiner auch nur einmal gezuckt oder

den geringsten Laut oder ein sonstiges Zeichen des Schmerzes von sich

gegeben. Das hieß doch in der That echte und wahre Tapferkeit beweisen.

Von einem Wilden oder einem gewerbsmäßigen Preisfechter hätte man eine

solche Schmerzverachtung allenfalls erwarten können, aber bei diesen

unter sorgsamer Pflege aufwachsenden Jünglingen dieselbe in diesem

Maße zu finden, mußte doch wirklich überraschen; und nicht etwa nur

in der Aufregung des Kampfes legten sie diese Tapferkeit an den Tag;

nein, auch unter den Händen des Paukarztes in dessen totenstillen,

einsamen Zimmer zuckte keiner mit der Wimper, und auf der Mensur hieben

diese Bürschchen, nachdem sie einander mit blutenden Schmissen bedeckt

hatten, noch gerade so schneidig und mutig drauf los wie zuvor.

Man betrachtet im allgemeinen diese Studentenduelle als reines

Possenspiel: wohl wahr; faßt man aber ins Auge, daß es halbwüchsige

Knaben sind, die dieselben ausfechten, und zwar mit scharfgeschliffenen

Schlägern und mit ungeschütztem Kopf und Gesicht, so meine ich doch,

diese Posse habe auch ihre recht ernste Seite. Vielfach lacht man

darüber, weil man meint, die Studenten seien dabei so bepanzert, daß

sie keine ernstliche Verletzung bekommen können. Aber dem ist nicht

so: nur Augen und Ohren sind geschützt, im übrigen ist Kopf und

Gesicht völlig frei. Nicht selten muß der Paukarzt sich ins Mittel

legen, weil das Leben der Verletzten sonst allen Ernstes in Gefahr

käme. Beabsichtigt ist dieser Erfolg nicht, aber unglückliche Zufälle

sind nicht ausgeschlossen. So ist es schon manchmal vorgekommen,

daß ein Schläger abbrach und das abgebrochene Stück dem Gegner

hinters Ohr flog und dort eine Arterie durchschnitt, so daß der

Tod augenblicklich eintrat. Sodann waren früher die Achselhöhlen

ungeschützt, während zugleich die Schläger, die jetzt vorne stumpf

sind, damals spitz zugeschliffen wurden, so daß manchmal auch die

Verletzung einer Arterie in der Achselhöhle zum Tode führte. Ferner

fiel damals auch wohl gelegentlich einer der Umstehenden zum Opfer,

wenn ein Schläger absprang und ihn das wegfliegende Stück unglücklich

traf. Zur Zeit beträgt die Zahl der jährlichen Todesfälle infolge der

Studentenmensuren zwei bis drei, es lassen sich solche übrigens stets

auf verkehrtes Verhalten der Verletzten zurückführen. Nach allem dem

ist das Studentenduell doch so blutig und mit so viel Schmerz und

Gefahr verbunden, daß dasselbe eine nicht geringe Achtung beanspruchen

darf.

Die Gewohnheiten und Vorschriften, die für dasselbe gelten, beruhen

sämtlich auf einer edeln, sinnigen, natürlichen Ritterlichkeit, die

dieses würdige, kühne Kampfspiel mit einem gewissen altertümlichen Reiz

umgiebt und weit mehr an ein Turnier, als an ein Preisfechten gemahnt.

Die Vorschriften sind ebenso eigentümlich als strenge. Z. B. darf man

auf der Mensur von seinem Platze aus wohl vorgehen, wenn man will,

dagegen unter keinen Umständen ›kneifen‹, d. h. zurückweichen, oder

sich nur zurückbeugen, widrigenfalls der Betreffende unfehlbar wegen

Feigheit aus dem Korps ausgeschlossen wird. Sogar wer auf der Mensur

bei einem Schmiß nur einen Augenblick das Gesicht verzieht, wird als

›Hasenfuß‹ von sämtlichen Kommilitonen in Verruf gethan.

Wie überall, so spielt auch im Korpsleben die Gewohnheit neben dem

Gesetze eine wichtige Rolle und erweist sich oft noch mächtiger als das

letztere. So bestimmt der Präses aus der Zahl der Burschen, die sich

noch nicht freiwillig zu einer Mensur gemeldet haben, regelmäßig einige

zum Losgehen mit Angehörigen anderer Korps, und obwohl der allgemeinen

Versicherung zufolge keine Vorschrift besteht, wonach diese Bestimmung

angenommen werden müßte, ist mir doch von einer Ablehnung derselben

niemals etwas zu Ohren gekommen. In solchem Falle würde sich der

Betreffende einfach nicht länger im Korps halten können.

Ich hatte gedacht, die Verwundeten würden, nachdem sie verbunden seien,

sich zurückziehen, und war deshalb höchlich verwundert, zu sehen, wie

einer derselben um den andern wieder bei der übrigen Gesellschaft im

Pauklokal Platz nahm. Mein Bekannter blieb mit seiner frisch genähten

und über und über bepflasterten Unterlippe noch bei den drei übrigen

Mensuren zugegen und unterhielt sich in den Pausen mit uns, so schwer

ihm dies wurde; auch das Essen verursachte ihm die größte Mühe,

trotzdem verzehrte er während der Vorbereitung der letzten Mensur sein

Mittagsmahl bis auf den letzten Bissen, während derjenige, der die

schwersten Schmisse des ganzen heutigen Tages davongetragen hatte,

zur selben Zeit eine Partie Schach spielte, obgleich sein Gesicht und

Kopf unter Pflastern und Binden förmlich vergraben war. Offenbar sind

die jungen Leute im höchsten Grade stolz auf ihre Schmisse, denn man

begegnet ihnen überall in frisch verbundenem Zustand, unbekümmert um

die Folgen für ihre Gesundheit. Sollen doch manche unvernünftig genug

sein, ihre Schmisse im Gesicht von Zeit zu Zeit wieder aufzureißen

und mit Rotwein einzureiben, damit dieselben schlecht heilen und eine

möglichst sichtbare Narbe hinterlassen!

[Illustration]

Hat ein Korpsmitglied drei Mensuren ordnungsmäßig ausgefochten, so

erhält der Betreffende ein Band in den Korpsfarben, das er über der

Brust trägt. Von da an braucht er weder auf Bestimmung noch freiwillig

mehr loszugehen, sondern nur noch, falls er beleidigt wird. Allein

kein einziger macht von diesem Rechte Gebrauch. Man sieht fast nur

Korpsburschen, die das Band tragen, und dennoch kommen nach niedrigster

Berechnung auf jeden solchen im Durchschnitt sechs Mensuren im Jahre.

Dies zeigt am besten, welch geheimnisvollen Reiz dies kühne Kampfspiel

auf die akademische Jugend üben muß -- Bismarck soll, so berichtet man,

seinerzeit während eines einzigen Sommersemesters nicht weniger als

zweiunddreißig Mensuren ausgefochten haben! Kein Wunder auch, daß es

unter solchen Umständen einzelne zu einer wahren Berühmtheit in der

Führung des Schlägers bringen, und solche Leute werden dann oft weithin

auf fremde Universitäten eingeladen, um daselbst mit einem ebenbürtigen

Gegner in die Schranken zu treten.

Doch hinweg von diesen harmlosen Studentenscherzen! Wie so oft

im Leben heiterer Scherz und tragischer Ernst sich merkwürdig

nahe berühren, so trat auch an mich bald darauf die Notwendigkeit

heran, einem _echten_ Zweikampf beizuwohnen -- einem Zweikampf ohne

weibische Schutzvorkehrungen, auf Tod und Leben. Ich will denselben im

folgenden Kapitel beschreiben, und daraus wird der Leser inne werden,

welch himmelweiter Unterschied besteht zwischen einer possenhaften

studentischen Paukerei und einem ernsthaften Zweikampf zwischen

Männern! --

II.

Die wahre Geschichte des Duells zwischen Gambetta und Fourtou.

(1878.)

Reisebilder und verschiedene Skizzen · 第 8 / 20 段