Nach Verlauf einer halben Stunde, kaum sechs Zoll von ihrem

Ausgangspunkt entfernt, hält sie plötzlich still und legt ihre Last

nieder; sie hat in dieser Zeit die ganze Umgegend zwei Meter in der

Runde durchlaufen und ist über alle Steine und Pflanzen geklettert, die

ihr in den Weg kamen. Jetzt wischt sie sich den Schweiß von der Stirn,

streckt die Glieder und eilt dann ebenso ziellos und in so wahnsinniger

Hast davon wie zuvor. Während sie im Zickzack umherläuft, stößt sie

abermals auf ihre frühere Beute; sie erinnert sich nicht, sie je

vorher erblickt zu haben, sieht sich nach dem Wege um, der nicht nach

Hause führt, packt ihren Fund an und trägt ihn fort. Sie macht genau

dieselben Abenteuer noch einmal durch und als sie endlich still hält,

um auszuruhen, kommt eine Freundin des Weges. Diese findet offenbar,

daß das vorjährige Heuschreckenbein -- das ist nämlich die Beute --

eine sehr wertvolle Eroberung ist und sie bietet nun ihre Hilfe an,

um die Fracht nach Hause zu schaffen. Mit höchst weisem Entschluß

ergreifen sie jetzt die beiden äußersten Enden des Heuschreckenbeins

und beginnen es aus Leibeskräften nach den zwei entgegengesetzten

Richtungen zu zerren. Nun ruhen sie aus und halten Rat: etwas muß

nicht in der Ordnung sein, aber sie können nicht begreifen, was es

ist. Von neuem machen sie sich daran, gerade wie zuvor und mit

demselben Ergebnis; nun schiebt eine die Schuld des Mißerfolgs auf die

andere, sie werden hitzig und es kommt zu Thätlichkeiten; sie ringen

zusammen und verbeißen sich ineinander, dann rollen und wälzen sie

sich auf dem Boden umher, bis eine ein Horn oder ein Bein verliert.

Hierauf versöhnen sie sich und machen sich auf dieselbe unsinnige

Weise wiederum ans Werk; aber die verkrüppelte Ameise befindet sich im

Nachteil, wie sehr sie auch zerrt, die andere schleppt die Beute weg

und sie obendrein. Anstatt loszulassen, bleibt sie hängen, so daß ihr

die Haut geschunden wird, so oft ein Hindernis im Wege liegt. So wird

denn das Heuschreckenbein noch einmal auf demselben Platz herumgezerrt,

um endlich an dem nämlichen Punkt zu landen, wo es zuerst gelegen hat.

Die zwei keuchenden Ameisen betrachten es nachdenklich und kommen zu

dem Schluß, daß dürre Heuschreckenbeine eigentlich ein schlechter

Besitz sind, worauf denn jede nach einer anderen Richtung läuft, um zu

sehen, ob sie nicht einen alten Nagel finden kann oder sonst etwas,

was schwer genug ist, um einen Zeitvertreib zu gewähren und zugleich

wertlos genug, um die Begierde einer Ameise zu reizen.

Auf einem Bergabhang im Schwarzwald sah ich eine Ameise, die diese

ganze Arbeit mit einer toten Spinne durchmachte, welche mehr als

zehnmal so schwer war wie sie.

Die Spinne war nicht ganz tot, hatte aber keine Widerstandskraft mehr,

ihr runder Körper war etwa so groß wie eine Erbse. Die kleine Ameise,

welche bemerkte, daß ich ihr zusah, nahm die Spinne auf den Rücken,

krallte sich an ihrer Kehle fest, hob sie in die Höhe und trug sie

gewaltsam fort; sie stolperte über kleine Steine, raffte sich wieder

auf, trat auf die Beine der Spinne, zog sie rückwärts weiter, schob sie

vor sich her, schleppte sie sechs Zoll hohe Steine hinauf, statt diese

zu umgehen, erkletterte Pflanzen, die zwanzigmal so hoch waren wie sie

und sprang von oben herunter; dann ließ sie die Spinne endlich auf dem

Wege liegen, wo sich jede andere Ameise ihrer bemächtigen konnte, die

thöricht genug war, sie zu begehren. Ich habe die Strecke ausgemessen,

welche das einfältige Ding zurückgelegt hat, und bin zu dem Schluß

gekommen, daß, was diese Ameise innerhalb zwanzig Minuten verrichtet

hat, verhältnismäßig dasselbe ist, als wenn ein Mensch zwei achthundert

Pfund schwere Pferde zusammenkoppelt und sie achtzehnhundert Fuß weit

trägt, meist über hohe Steinblöcke, unterwegs mit ihnen Höhen erklimmt,

wie 300 Fuß hohe Kirchtürme, und sich in Abgründe stürzt, wie der

Niagara, bis er die Pferde zuletzt auf einem offenen Platz niedersetzt

und sie ohne Wächter zurückläßt, während er irgend ein anderes

unsinniges Kraftstück probiert, um seiner Eitelkeit zu fröhnen.

Die Wissenschaft hat neuerdings entdeckt, daß die Ameise keinen

Wintervorrat anlegt; dies wird sie um einen großen Teil ihres

litterarischen Ruhmes bringen. Sie arbeitet nur, wenn jemand zusieht,

besonders jemand, der ein naturforscherähnliches Ansehen hat und

Notizen zu machen scheint. Der sprichwörtliche Fleiß der Ameise

läuft also beinahe auf Betrügerei heraus, so daß sie als Beispiel

für Sonntagsschulen hinfort nicht mehr zu gebrauchen ist. Sie hat

nicht einmal Verstand genug, um gesunde Nahrung von schädlicher zu

unterscheiden; bei solcher Unwissenheit wird sie die Achtung der Welt

gänzlich verscherzen. Sie kann nicht um einen Baumstumpf herumgehen und

sich dann wieder nach Hause finden; das streift an Blödsinn, und sobald

diese Thatsache feststeht, werden verständige Leute die Ameise nicht

länger bewundern. Ihr vielgepriesener Fleiß ist nichts als Eitelkeit

und hat keinerlei Zweck, da sie nie etwas nach Hause trägt, was sie

herumschleppt. Damit geht auch noch der letzte Rest ihres guten Rufes

und ihr Hauptnutzen als sittliches Beispiel verloren. Es übersteigt

doch wirklich alle Begriffe, daß so viele Nationen Jahrhunderte lang

nicht hinter die Schliche der Ameise gekommen sind, während es doch

ganz auf der Hand liegt, daß sie die Leute nur zum besten hat!

Die Ameise ist stark, aber ich habe an demselben Tag noch etwas

Stärkeres gesehen, und zwar in der Pflanzenwelt. Ein Fliegenschwamm --

jener Pilz, der in einer Nacht aufschießt -- hatte eine feste Lage von

Tannennadeln und Erdreich, die etwa doppelt so viel Umfang hatte als

er, in die Höhe gehoben, und trug sie, wie die Säule das Wetterdach!

Demnach hätten zehntausend Fliegenschwämme Kraft genug, um einen Mann

zu heben, -- aber, wozu sollte das nützen? --

Eine Episode in Baden-Baden.

Kein Land der Welt besitzt wohl eine solche Menge von Heilquellen

wie Deutschland! Manche dieser Brunnen sind für _ein_ Leiden gut,

manche für ein anderes; ja, es giebt besondere Leiden, die man durch

die vereinten Kräfte und Tugenden der verschiedenen Heilquellen zu

bekämpfen vermag. So trinkt z. B. der Patient gegen eine gewisse

Krankheitserscheinung das naturwarme Wasser von Baden-Baden, in welchem

er einen Theelöffel voll Karlsbader Salz auflöst. -- Eine solche Dosis

vergißt man nicht allzuschnell! --

Dieses heiße Wasser wird aber nicht etwa verkauft! o nein, man geht in

die große Trinkhalle und steht da herum, zuerst auf einem Bein, dann

auf dem andern, während zwei oder drei Mädchen dicht daneben mit irgend

einer Näharbeit sitzen, ohne die geringste Notiz von der Anwesenheit

des Patienten zu nehmen, den sie als Luft betrachten.

Allmählich erhebt sich eins von diesen Brunnenmädchen mühsam und

beginnt sich zu recken, -- sie reckt ihre Fäuste und ihren ganzen

Körper gen Himmel, bis ihre Fersen den Boden nicht mehr berühren, und

gähnt dabei zu ihrer Erholung auf so herzhafte Weise, daß ihr ganzes

Gesicht hinter ihrer Oberlippe verschwindet, und man beobachten kann,

wie sie inwendig beschaffen ist; -- endlich schließt sich ihr Schlund

langsam, Fäuste und Fersen kommen wieder herunter und sie selbst thut

einige matte Schritte vorwärts. Sie wirft nun einen verächtlichen Blick

auf den Patienten, holt ein Glas heißes Wasser herauf und setzt es so

fern wie möglich von ihm hin. Fragt er dann:

»Was bin ich schuldig?« so giebt sie ihm mit ausstudierter

Gleichgültigkeit die bettelhafte Antwort:

»Nach Beliebe!«

[Illustration]

Durch diesen bettelhaften Kunstgriff, womit sie sich an die Großmut

des Fremden wendet, der sich auf ein einfaches kaufmännisches Geschäft

gefaßt gemacht hat, gießt sie Oel in die Flamme seines erwachenden

Aergers. Er thut, als hätte er ihre Antwort nicht gehört und fragt

wieder:

»Was bin ich schuldig?« und sie erwidert ebenso ruhig und gleichgültig:

»Nach Beliebe!«

Jetzt würde der Aerger losbrechen, wenn der Fremde nicht den Entschluß

faßte, sich zu bezwingen und mit äußerlicher Ruhe die Frage so lange

zu wiederholen, bis das Mädchen eine andere Antwort giebt, oder

mindestens ein weniger gleichgültiges Wesen annimmt. Wenn daher sein

Fall dem meinigen gleicht, so stehen die beiden wie die Narren einander

gegenüber und führen mit scheinbarer Kälte, indem sie sich sanftmütig

anschauen, die folgende höchst eintönige Unterhaltung:

»Was bin ich schuldig?«

»Nach Beliebe!«

»Was bin ich schuldig?«

»Nach Beliebe!«

»Was bin ich schuldig?«

»Nach Beliebe!«

»Was bin ich schuldig?«

»Nach Beliebe!«

»Was bin ich schuldig?«

»Nach Beliebe!«

»Was bin ich schuldig?«

»Nach Beliebe!«

»Was bin ich schuldig?«

»Nach Beliebe!«

Was ein anderer an meiner Stelle gethan haben würde, weiß ich nicht,

aber an diesem Punkt angelangt, gab ich es auf! Ihr steinerner

Ausdruck, ihr hochmütiges und gleichgültiges Wesen trugen den Sieg

davon, und ich streckte mein Gewehr! Da ich wußte, daß sie gewöhnlich

von selbständigen Charakteren, die sich nicht um die Meinung einer

Spülmagd kümmern, zehn Pfennige erhält, und zwanzig Pfennige von

moralischen Feiglingen, so legte ich ein silbernes Markstück vor sie

hin und versuchte sie mit folgender sarkastischer Rede zu Boden zu

schmettern:

»Wenn das nicht genug ist, so begeben Sie sich gefälligst Ihrer

erhabenen Würde, um es mir zu sagen!«

Es gelang mir nicht! Sie würdigte mich keines Blickes, hob nur langsam

die Münze auf und ließ sie auf den Tisch niederfallen -- um zu prüfen,

ob es gutes Geld wäre. Dann wandte sie mir den Rücken und wackelte

zu ihrem früheren Sitz zurück, nachdem sie zuvor das Geldstück in

eine offene Schublade hatte gleiten lassen. So blieb sie Siegerin bis

zuletzt!

Ich habe die Art und Weise dieses Brunnenmädchens genau beschrieben,

weil sie viele ihresgleichen hat.

Wagnermusik.

Eines Abends fuhr ich in Begleitung eines Freundes von Heidelberg nach

Mannheim, um ein Scharivari zu hören -- oder vielleicht eine Oper --

sie heißt ›Lohengrin‹. Das Hämmern und Klopfen, das Sausen und Krachen

war über alle Beschreibung. Es erregte mir einen unerträglich quälenden

Schmerz, ganz ähnlich wie das Plombieren der Zähne beim Zahnarzt. Zwar

hielt ich die vier Stunden bis zum Schluß aus, die Umstände nötigten

mich dazu, aber die Erinnerung an dies endlos lange, erbarmungslose

Leiden hat sich mir unauslöschlich eingeprägt. Daß ich es schweigend

ertragen mußte und mich dabei nicht vom Fleck rühren konnte, machte die

Sache noch ärger. Ich war mit acht bis zehn fremden Personen beiderlei

Geschlechts in einem umhegten Raum eingeschlossen und versuchte

natürlich mich so viel wie möglich zu beherrschen, doch überkam mich

dann und wann ein so namenloses Weh, daß ich kaum imstande war, die

Thränen zurückzuhalten. Wenn das Geheul, das Geschrei und Klagegestöhn

der Sänger und das rasende Toben und Donnergetöse des ungeheuern

Orchesters noch wilder und grimmiger wurde und sich zu immer höheren

Höhen verstieg, hätte ich laut aufschluchzen mögen. Aber ich war nicht

allein und die Fremden neben mir hätte ein solches Benehmen sicherlich

überrascht; sie würden allerlei Bemerkungen darüber gemacht haben.

Freilich mit Unrecht; denn, einen Menschen weinen zu sehen, dem man

-- um bildlich zu sprechen -- bei lebendigem Leibe die Haut abzieht,

sollte niemanden in Erstaunen setzen.

In der halbstündigen Pause am Ende des ersten Akts hätte ich

hinausgehen und mich etwas erholen können, aber ich wagte es nicht, aus

Furcht, fahnenflüchtig zu werden, was ich meinem Reisegefährten nicht

anthun wollte. Als dann gegen neun Uhr abermals eine Pause eintrat,

hatte ich schon so viel durchgemacht, daß ich keine Widerstandskraft

mehr besaß. In Ruhe gelassen zu werden, war mein einziges Verlangen.

Ich will nicht behaupten, daß die übrigen Zuhörer meine Gefühle

teilten, das war keineswegs der Fall. Ob sie für den Lärm von Natur

eine besondere Vorliebe besaßen, oder ob sie sich mit der Zeit daran

gewöhnt hatten, ihn schön zu finden, weiß ich nicht -- jedenfalls

gefiel er ihnen, das unterlag keinem Zweifel. Während das Getöse in

vollem Gange war, saßen sie mit verzückten und wohlgefälligen Mienen

da, wie Katzen, denen man den Rücken streichelt; kaum aber fiel der

Vorhang, so stand die ganze ungeheure Menge wie ein Mann auf, und ein

wahres Schneegestöber von wehenden Taschentüchern sauste durch die

Luft, von Beifallsstürmen begleitet. Dies ging über mein Verständnis.

Zudem waren die Logen und Ränge bis zum Schluß so voll wie sie es zu

Anfang gewesen, und da sich nicht annehmen ließ, daß die Zuhörer alle

nur gezwungen dablieben, mußte es ihnen wohl Vergnügen machen.

Was das Stück selbst betraf, so zeichnete es sich zwar durch prächtige

Kostüme und Scenerien aus, aber es enthielt merkwürdig wenig Handlung.

Das heißt, es geschah in Wirklichkeit nichts, doch wurde viel über

die Begebenheiten hin und her geredet und immer mit großer Aufregung.

Man könnte es eine dramatisierte Erzählung nennen. Jeder Mitspieler

trug eine Geschichte und eine Beschwerde vor, aber nicht ruhig und

vernünftig, sondern auf eine höchst beleidigende, unbotmäßige Art

und Weise. Ferner fiel mir auf, daß Tenor und Sopran sich nur selten

in ihrer gewöhnlichen Manier dicht an die Rampen stellten, um mit

vereinten Kräften und Stimmen zu trillern, die Arme nach einander

auszustrecken, sie wieder zurückzuziehen, erst die rechte, dann die

linke Hand auf die Brust zu drücken und sich dabei zu schütteln.

Nein, jeder Lärmmacher besorgte seine Sache für sich allein; nach

einander sangen sie ihre verschiedenen Anschuldigungen mit Begleitung

des ganzen großen Orchesters. Wenn dies eine Weile gedauert hatte und

man sich gerade mit der Hoffnung schmeichelte, sie würden sich nun

verständigen und etwas weniger Spektakel machen, dann begann plötzlich

ein Riesenchor, der aus lauter Tollhäuslern zusammengesetzt war,

loszukreischen, und ich mußte zwei, oft auch drei Minuten lang alle

Qualen noch einmal durchleben, die ich vor Jahren erlitten habe, als

das Waisenhaus in N. in Brand geriet.

Diese lange und mit größter Anschaulichkeit durchgeführte Wiedergabe

der gräßlichen Höllenpein ward nur durch einen einzigen kurzen

Beigeschmack von Himmelsfrieden und Seligkeit unterbrochen -- nämlich

im dritten Akt, während ein prachtvoller Festzug auf der Bühne fort

und fort rund um ging und der Hochzeitsmarsch ertönte. Dies war Musik

für mein ungeschultes Ohr -- göttliche Musik. Während der heilende

Balsam jener lieblichen Töne meine wunde Seele überflutete, hätte ich

fast alle vergangenen Qualen wieder erdulden mögen, um noch einmal

diese süße Erquickung zu durchleben. Dabei wurde mir klar, mit welcher

Schlauheit die Oper ihre Wirkung berechnet. Sie erregt so viele und

schreckliche Leiden, daß die wenigen dazwischen gestreuten Freuden

durch den Gegensatz aufs wunderbarste erhöht werden.

Nichts lieben die Deutschen so von ganzem Herzen wie die Oper. Sie

werden durch Gewohnheit und Erziehung dahin geleitet. Auch wir

Amerikaner können es ohne Zweifel eines Tages noch zu solcher Liebe

bringen. Bis jetzt findet aber vielleicht unter fünfzig Besuchern der

Oper _einer_ wirklich Gefallen daran; von den übrigen neunundvierzig

gehen viele, glaube ich, hin, weil sie sich daran gewöhnen möchten,

und die andern, um mit Sachkenntnis davon reden zu können. Letztere

summen gewöhnlich die Melodien vor sich hin, während sie auf der

Bühne gesungen werden, um ihren Nachbarn zu zeigen, daß sie nicht zum

erstenmal in der Oper sind. Sie verdienten dafür gehängt zu werden.

Drei bis vier Stunden auf einem Fleck zu bleiben, ist keine

Kleinigkeit; einige von Wagners Opern zerschmettern aber das

Trommelfell der Zuhörer sechs Stunden hintereinander. Die Leute sitzen

da, freuen sich und wünschen, es dauerte noch länger. Mir sagte einmal

eine deutsche Dame in München, Wagner gefiele keinem gleich bei der

ersten Aufführung, man müsse ihn erst lieben lernen; dazu gehöre ein

förmlicher Kursus, habe man den aber durchgemacht, so dürfe man auch

sicher auf den Lohn rechnen; wer die Musik einmal lieben gelernt,

verspüre einen solchen Hunger danach, daß er nie genug bekommen könne;

sechs Stunden Wagner sei gar nicht zu viel. Dieser Komponist, sagte

sie, habe in der Musik eine völlige Umwälzung hervorgebracht, die alten

Meister müßten sich einer nach dem andern von ihm begraben lassen. Nach

ihrer Ansicht bestand der Unterschied zwischen Wagners Opern und allen

übrigen hauptsächlich darin, daß sie nicht nur hie und da eingestreute

Melodien enthielten, sondern, vom ersten Tone an, aus einer einzigen

Melodie beständen. Das war mir überraschend und ich erwiderte, ich

hätte der Aufführung einer seiner Schöpfungen beigewohnt und außer dem

Hochzeitsmarsch wäre mir nichts darin wie Musik vorgekommen. Darauf

riet sie mir, Lohengrin noch recht oft zu hören, dann würde ich mit der

Zeit die endlose Melodie gewiß herausfühlen. Ich hatte schon auf der

Zunge, sie zu fragen, ob sie einem Menschen wohl zureden würde, sich

jahrelang darin zu üben, Zahnschmerzen zu haben, um schließlich einen

Genuß daran zu finden. Aber ich unterdrückte die Bemerkung.

Die Dame sprach auch von dem ersten Tenor, den sie am vergangenen Abend

in einer Wagnerschen Oper gehört hatte. Sie war seines Lobes voll,

pries seinen altbewährten Ruhm und zählte die Auszeichnungen auf,

welche ihm von sämtlichen Fürstenhäusern Deutschlands zu teil geworden

waren. Das setzte mich abermals in Erstaunen. Ich war nämlich bei jener

Aufführung zugegen gewesen -- vertreten durch meinen Reisebegleiter --

und hatte die genauesten Beobachtungen angestellt.

»Aber, gnädige Frau,« erwiderte ich daher, »mein Vertreter hat sich mit

eigenen Ohren überzeugt, daß jener Tenor gar nicht singt, sondern nur

kreischt und heult -- wie eine Hyäne.«

»Das ist wahr,« versetzte sie, »jetzt kann er nicht mehr singen;

seit vielen Jahren hat er schon die Stimme verloren; aber früher

sang er wahrhaft himmlisch. Deshalb kann auch das Theater kaum die

Zuhörer fassen, wenn er auftritt. Jawohl, bei Gott, seine Stimme klang

wunderschön -- in jener alten Zeit.«

Dies offenbarte mir einen freundlichen Charakterzug der Deutschen,

welcher alle Anerkennung verdient. Jenseits des Ozeans sind wir weniger

hochherzig. Wenn bei uns ein Sänger die Stimme verloren hat, oder

ein Springer seine Beine, so ist es mit der Gunst des Publikums für

ihn vorbei. Nach meiner Erfahrung zu urteilen, -- ich bin dreimal in

der Oper gewesen, einmal in Hannover, einmal in Mannheim und einmal

in München, wo ich mich vertreten ließ -- scheinen die Deutschen

diejenigen Sänger am liebsten zu hören, welche nicht mehr singen können.

Das ist durchaus keine Uebertreibung. In Heidelberg war die ganze Stadt

schon eine Woche lang im voraus außer sich vor Entzücken über den

dicken Tenor gewesen, der in Mannheim auftrat. Seine Stimme klang aber

täuschend, als kratze man mit einem Nagel auf einer Fensterscheibe. Das

gaben die Heidelberger auch zu, aber in früherer Zeit, meinten sie,

sei sein Gesang so herrlich gewesen wie kein anderer. Aehnlich ging es

mir in Hannover. Der Herr, mit dem ich dort in der Oper war, strahlte

förmlich vor Begeisterung.

[Illustration]

»Sie werden den großen Mann sehen,« rief er, »in ganz Deutschland ist

sein Ruhm verbreitet. Er bezieht eine Pension von der Regierung und

braucht nur noch zweimal jährlich zu singen. Thut er das aber nicht, so

wird ihm die Pension entzogen.«

Als der bejahrte Tenor nun wirklich auftrat, war ich sehr enttäuscht.

Wenn er hinter einem Schirm gestanden hätte, würde ich geglaubt haben,

man schneide ihm gerade die Gurgel ab. Ich warf meinem Bekannten

einen Blick zu, aber der schwelgte in Wonne, seine Augen funkelten

vor Vergnügen. Als der Vorhang endlich fiel, erhob sich ein wahrer

Beifallssturm, welcher kein Ende nehmen wollte, bis der gewesene Tenor

dreimal wieder zum Vorschein gekommen war und seine Verbeugungen

gemacht hatte. Mein Freund klatschte aus Leibeskräften mit, dann

wischte er sich den Schweiß von der Stirn.

»Entschuldigen Sie,« sagte ich, »aber nennen Sie das Gesang?«

»Nein, Gott im Himmel, das nicht -- aber vor fünfundzwanzig Jahren, da

konnte er singen! Jetzt singt er nicht mehr, er schreit nur. Wenn man

einer Katze auf den Schwanz tritt, klingt es gerade so.«

* * * * *

Wir halten die Deutschen im allgemeinen für ein ruhiges, phlegmatisches

Volk, aber das ist weit gefehlt. Sie sind warmherzig, heißblütig und

folgen der Eingebung des Augenblicks. Man kann sie ebenso leicht zu

Thränen rühren wie zum Lachen bringen. Ihre Treue ist unerschütterlich

und wen sie einmal ins Herz geschlossen haben, von dessen Lobe fließt

ihr Mund über und sie werden nicht müde, ihm zuzujubeln. Wir Amerikaner

sind kalt und zurückhaltend im Vergleich mit ihnen.

Sonntagsheiligung in Deutschland.

Der schönste Tag auf dem Festland ist der Sonntag, ein freier, ein

glücklicher Tag. Man kann dort den Sonntag auf hunderterlei Weise

entheiligen, ohne eine Sünde zu begehen.

Wir arbeiten am Sonntag nicht, weil es gegen Gottes Gebot ist, die

Deutschen ebensowenig. Wir ruhen am Sonntag, weil das Gebot es

befiehlt. Die Deutschen ruhen auch. Aber in der Erklärung des Wortes

_ruhen_ liegt der ganze Unterschied. Bei den Deutschen bedeutet es

am Sonntag genau dasselbe wie am Wochentag, nämlich: gieb _dem_ Teil

des Körpers Ruhe, der sie braucht und laß den übrigen Menschen thun,

was er will. Der ermüdete Teil soll ausruhen -- das muß durch alle

Mittel gefördert werden. Wen also seine Pflichten die ganze Woche über

ans Haus gefesselt haben, der ruht aus, wenn er am Sonntag spazieren

geht; wer in der Woche nur ernste, inhaltschwere Dinge studiert hat,

der erholt sich am Sonntag bei einer leichten Lektüre; wer sich in

seinem Alltagsberuf meist mit Tod und Grab beschäftigen muß, der ruht

am Sonntag, wenn er ins Theater geht und ein paar Stunden lang über

eine Komödie lacht; wer die Woche hindurch Bäume gefällt oder Gräben

gezogen hat, der legt sich am Sonntag zu Hause ruhig hin. Ist deine

Hand, dein Arm, dein Hirn, deine Zunge oder irgend ein anderes Glied

unthätig gewesen, so ist es für dasselbe keine Erholung, noch einen

Tag länger nichts zu thun; war dagegen ein Glied durch Arbeit besonders

angestrengt, so ist Ruhe seine rechte Feier.

Bei den Deutschen bedeutet also die Ruhe eine Erholung, Erneuerung,

Wiederbelebung der erschöpften Kräfte. Wir schränken den Begriff viel

zu sehr ein, indem wir allesamt auf gleiche Weise ruhen, nämlich uns

still verhalten und zurückziehen, einerlei, ob das für die meisten

eine Erholung ist oder nicht. Bei den Deutschen müssen Schauspieler,

Pfarrer, und manche andere Leute am Sonntag arbeiten. Auch wir lassen

unsere Prediger, Journalisten, Drucker etc. am Sonntag nicht ruhen und

glauben, daß uns keine Schuld trifft. Ist es aber für den Drucker eine

Sünde am Sonntag zu arbeiten, warum sollte es keine für den Pfarrer

sein? Ich habe wenigstens nirgends gefunden, daß das Gebot zu seinen

Gunsten eine Ausnahme macht. Wir kaufen und lesen die Morgenzeitung am

Montag, die doch Sonntags gedruckt werden muß, und unterstützen dadurch

die Sonntagsarbeit. Ich werde das aber nie mehr thun.

Die Deutschen heiligen den Sonntag damit, daß sie sich der Arbeit

enthalten, wie das Gebot es befiehlt; wir thun das auch, aber wir

enthalten uns zugleich des Vergnügens, was nicht geboten ist.

Vielleicht übertreten wir das Gebot der Sonntagsruhe im eigentlichen

Sinn, weil wir in den meisten Fällen nicht in Wahrheit ausruhen,

sondern nur dem Namen nach.

Trauben- und Molkenkur.

Am Kursaal in Interlaken finden regelmäßig Konzerte im Freien statt;

man geht dabei in den Gartenanlagen spazieren und hat Wein, Bier,

Milch, Molken und Trauben zur Auswahl. Für gewisse Kranke, welche die

Aerzte nicht wieder zurechtstutzen können, sind Molken und Trauben die

nötigsten Bedürfnisse, um ihr Leben weiter zu fristen. Einer dieser

abgestorbenen Geister machte mir mit trauriger, tonloser Stimme die

Mitteilung, daß er sich überhaupt nur noch von Molken ernähre und

dies Getränk über alles liebe, weshalb wisse er nicht. Ein anderer,

den nur noch die Traubenkur vor dem Tode bewahrte, erzählte mir, es

würden dazu nur Trauben verwandt, die einen bedeutenden medizinischen

Gehalt hätten, so daß die Traubenärzte sie wie Pillen verschreiben

und einnehmen ließen. Zu Anfang der Kur, wenn der Patient sich noch

sehr schwach fühlt, beginnt er mit einer Traube vor dem Frühstück,

drei während desselben, zwei zwischen den Mahlzeiten, fünf zum zweiten

Frühstück, drei im Laufe des Nachmittags, sieben zum Mittagessen, vier

zum Abendbrod und vor dem Schlafengehen ißt er dann noch als Zugabe

eine halbe Traube. Allmählich steigert sich dann die Zahl, je nach

Bedürfnis und Fähigkeit des Patienten, bis er nach und nach so weit

kommt, daß er jede Sekunde eine Traube und den Tag über ein Stückfaß

voll verzehrt.

Wer auf solche Weise geheilt wird, sagte mir der Kranke, verliere nie

wieder die Gewohnheit so zu sprechen, als diktiere er einem langsamen

Schreiber, weil er zwischen jedem Wort eine Pause macht, um in Gedanken

eine Weintraube auszusaugen. Sich mit solchen Menschen zu unterhalten,

erfordere viel Geduld. Wer dagegen auf die andere Methode gesund

geworden sei, den unterscheide man leicht von der übrigen Menschheit,

weil er immer beim zweiten Wort den Kopf in den Nacken wirft, um

in Gedanken ein Glas Molken zu schlürfen. Fangen nun zwei solche

Leute zusammen ein Gespräch an, so könne man beobachten, mit welcher

Regelmäßigkeit und Ausdauer sie immer dieselben Pausen und Bewegungen

machten. Ein Fremder würde sicherlich meinen, er habe zwei Automaten

vor sich.

Reisebilder und verschiedene Skizzen · 第 7 / 20 段