der nämlichen Herberge ab, wo vor drei- bis vierhundert Jahren der
alte Haudegen, Götz von Berlichingen, nach seiner Befreiung aus
der Gefangenschaft im Turm, gewohnt hat. Wir, mein Reisegefährte
Harris und ich, wurden sogar in dem Zimmer des tapfern Ritters
einquartiert. Reste der damaligen Tapeten klebten noch an den Wänden,
die vierhundertjährigen Möbel waren mit wunderlich verschnörkeltem
Schnitzwerk bedeckt, und einige Gerüche in dem Zimmer mochten wohl
tausendjährig sein. Der Wirt zeigte uns auch den Haken in der Mauer,
an dem der grimme alte Götz beim Zubettgehen seine eiserne Hand
aufzuhängen pflegte. --
Nach einem Abendspaziergang durch die altertümliche Stadt begaben wir
uns früh zur Ruhe, da wir bei Tagesanbruch unsere Wanderung fortsetzen
wollten.
Ich wälzte mich im Bett umher, während Harris sofort eingeschlafen
war. Daß es geradezu eine Unverschämtheit ist, wenn jemand gleich
einschläft, ist vielleicht zu viel gesagt, aber rücksichtslos ist
es gewiß. Ich lag brütend über dieser Unbill wach und bemühte mich
vergebens, in Schlaf zu kommen. Ohne jegliche Ansprache fühlte ich mich
anfangs im Dunkeln sehr einsam und verlassen; bald begannen jedoch
tausenderlei Gedanken mir durch den Kopf zu schwirren, von denen einer
den andern in rasender Eile verdrängte. Nach Verlauf einer Stunde war
ich von dieser Gedankenjagd ganz schwindelig und fühlte mich todmüde
und abgehetzt.
[Illustration]
Meine Ermüdung war so groß, daß sie momentan über meine nervöse
Erregung siegte; denn, während ich mir einbildete, völlig wach zu sein,
mußte ich dennoch vorübergehend, auf Augenblicke, der Bewußtlosigkeit
verfallen sein. Ich bemerkte dies, indem ich wiederholt durch das
Gefühl, rücklings in einen Abgrund zu sinken, jählings aufgeschreckt
wurde. Dies wiederholte sich sechs- bis achtmal, worauf die
Bewußtlosigkeit das Uebergewicht über meinen Geist soweit bekam, daß
ich in einen Schlummer verfiel, der tiefer und tiefer wurde und sich
gewiß zum solidesten und genußreichsten Schlaf entwickelt hätte, wenn
-- -- doch, _was war das_? Ich rief alle meine Lebensgeister wieder
wach und begann zu lauschen: Mir war’s, als ob ich aus unermeßlicher
Ferne einen Ton vernähme, der näher kam, -- war es das Heulen des
Sturms? -- jetzt wurde es deutlicher -- war es das Knarren und Raspeln
irgend einer Maschine? Nun klang es noch vernehmlicher -- war es der
gemessene Tritt eines heranziehenden Heeres? Immer kleiner wurde die
Entfernung, und jetzt war es mitten im Zimmer: -- es war nur eine
Maus, die am Holzwerk nagte. Und um solcher Kleinigkeit willen hatte
ich die ganze Zeit über den Atem angehalten! --
So ärgerlich mir das war, es ließ sich nicht mehr ändern, -- aber
nun wollte ich auch gleich einschlafen, um die verlorene Zeit wieder
einzubringen. Das war jedoch leichter gedacht als gethan. Ohne es zu
wissen und zu wollen, begann ich auf das Geräusch zu horchen, das
die Maus mit ihren Nagezähnen machte, und bald verursachte mir diese
Beschäftigung die gräßlichsten Qualen. Wäre nur das Tier wenigstens bei
seiner Arbeit geblieben! -- aber es setzte von Zeit zu Zeit aus, und
ich wartete und lauschte gespannt, bis es anfing weiter zu nagen -- ein
unerträglicher Zustand!
Wer mir die Maus umbrächte, dem setzte ich innerlich zur Belohnung
zuerst 5, 6, 7--10 Dollars aus und verstieg mich endlich zu Summen,
die weit über meine Mittel gingen! Ich klappte das Ohrläppchen über
das Ohr und preßte die Hände dagegen, ich steckte die Finger hinein --
alles vergebens! -- durch die Hindernisse hindurch schien ich nur noch
schärfer zu hören.
In rasender Wut griff ich zuletzt zu dem Auskunftsmittel, auf das
von Adam her schon jeder Mensch verfallen ist -- ich beschloß einen
Wurf zu wagen! Ich griff nach meinen Wanderschuhen und erhob mich im
Bette, um zu horchen, wo das Geräusch herkäme. Ich konnte es aber nicht
herausbringen; die Stelle, woher das Geräusch kam, war so undefinierbar
wie bei einer im Grase zirpenden Grille. So schleuderte ich denn
meinen Schuh mit kräftiger Hand auf gut Glück hinaus. Er schlug gerade
über Harris’ Kopf an die Wand und fiel auf ihn herunter, -- ich war
erstaunt, daß ich so weit werfen konnte, denn das Bett stand am
entgegengesetzten Ende des großen Zimmers.
Harris wachte auf und das freute mich; da er aber nicht ärgerlich
wurde, that es mir wieder leid. Er blieb nicht lange wach und das war
gut; aber nun begann die Maus von neuem, was mich ganz in Harnisch
brachte. Ich wollte Harris nicht noch einmal wecken, da aber das
Nagen fortdauerte, konnte ich es nicht mehr aushalten und benutzte
den zweiten Schuh als Wurfgeschoß. Diesmal flog er gegen den Spiegel;
-- es waren zwei im Zimmer, natürlich zerbrach der größere. Harris
erwachte abermals, ließ aber keinen Laut der Klage hören, was mir sehr
leid that. Ich beschloß, lieber alle Qualen zu erdulden, als ihn zum
drittenmal im Schlaf zu stören.
Schließlich zog sich die Maus vom Schauplatz zurück, und ich war im
Begriff einzuschlummern, als ich eine Uhr schlagen hörte. Ich zählte
die Schläge und wollte mich eben wieder aufs Ohr legen, da schlug die
zweite Uhr, und während ich zählte, begannen die beiden großen Engel an
der Rathausuhr auf ihren Posaunen wunderbar melodische reiche und volle
Töne zu blasen. Etwas so überirdisch Zartes und Geheimnisvolles hatte
ich nie gehört! Als sie dann aber auch die Viertelstunden bliesen,
dachte ich, das sei des Guten zu viel. Kaum schlummerte ich einen
Moment, so weckte mich ein neuer Lärm und beim jedesmaligen Erwachen
vermißte ich mein Deckbett und mußte es erst vom Boden aufheben, wie
das bei den schmalen deutschen Betten nicht gut anders möglich ist.
Kein Wunder, daß sich meine Schläfrigkeit endlich ganz verlor, und
ich zu der Ueberzeugung kam, daß in dieser Nacht an Schlaf für mich
nicht mehr zu denken war. Dabei schüttelte ich mich wie im Fieber und
litt den brennendsten Durst. -- So ging es wirklich nicht länger; ich
beschloß aufzustehen, mich anzuziehen, am Brunnen auf dem großen Platz
Kühlung zu suchen und meinen Durst zu löschen. Dann wollte ich bei
einer Zigarre im Freien den Morgen erwarten.
Ich konnte mich sehr gut im Dunkeln ankleiden, ohne Harris zu wecken;
meine Schuhe hatte ich zwar nach der Maus geschleudert, aber für die
Sommernacht genügten auch die Pantoffeln. Leise stand ich auf und kam
allmählich in die Kleider; nur eine Socke war verloren gegangen, -- ich
konnte sie nirgends entdecken, und doch mußte ich sie haben.
Ich kniete nieder, und den einen Pantoffel am Fuß, den andern in der
Hand, suchte ich nun rund auf dem Boden umher; -- vergebens. Ich suchte
weiter und weiter, indem ich fortrutschte. Dabei krachten die Dielen
und so oft ich an einen Gegenstand stieß, entstand ein Lärm, zehnfach
größer, als er bei Tage gewesen wäre. Ich wartete jedesmal erst mit
angehaltenem Atem, um mich zu überzeugen, daß Harris weiter schlief,
ehe ich vorwärts kroch. Trotz alles Suchens fand ich die Socke nicht,
sondern stieß nur von einem Möbel ans andere. War das Zimmer wirklich
so reich möbliert gewesen, als ich zu Bette ging, oder waren vielleicht
seitdem einige Familien eingezogen? Ueberall standen mir Stühle im
Wege, und statt sie im Vorbeikriechen nur zu streifen, stieß ich
jedesmal mit dem Kopf dagegen.
Langsam aber sicher begann mir die Geduld zu reißen, und ich glaube
wirklich, daß ich von Zeit zu Zeit einen leisen Fluch ausstieß, um mir
das Herz zu erleichtern. Endlich schwur ich im höchsten Zorn, ohne die
Socke auszugehen, stand auf und schritt, wie ich meinte, geradeswegs
zur Thüre -- statt dessen starrte mir plötzlich mein gespenstisches
Ebenbild aus dem unzerbrochenen Spiegel entgegen. Ich schrak zusammen,
und erkannte zugleich, daß ich verirrt sei und die Richtung gänzlich
verloren habe. Ich geriet darüber in einen solchen Zorn, daß ich mich
auf den Boden setzen und etwas packen mußte, um einen fürchterlichen
Ausbruch explodierender Leidenschaft hintanzuhalten.
Wenn im Zimmer nur _ein_ Spiegel gewesen wäre, so hätte ich mich daran
vielleicht zurechtfinden können; aber es waren zwei da und zwei waren
ebenso schlimm wie hundert; abgesehen davon, daß die beiden sich an
den entgegengesetzten Enden des Zimmers befanden. Ich konnte an einem
schwachen Schimmer die Fenster erkennen, aber da ich dieselben in
meiner Verdrehtheit ganz wo anders vermutete, so wurde ich nur um so
verwirrter.
Beim Aufstehen stieß ich einen Regenschirm um; der Fall auf den harten
teppichlosen Boden klang wie ein Pistolenschuß. Ich hielt den Atem
an und biß auf die Lippen -- Harris rührte sich nicht. Ich versuchte
mehreremale den Regenschirm an die Wand zu stellen, -- aber plumps, lag
er jedesmal wieder unten, sobald ich die Hand losließ.
Ich bin von guter Erziehung, aber wäre es nicht so schwarz, feierlich
und unheimlich in dem riesigen Zimmer gewesen, so würde ich -- glaube
ich -- etwas gesagt haben, das man nicht in ein Sonntagsschulbuch
hätte setzen dürfen, ohne den Verkauf desselben zu schädigen. Wären
meine Verstandeskräfte nicht bereits durch die ausgestandenen Qualen
erschöpft gewesen, so hätte ich etwas Gescheiteres gethan, als zu
versuchen, einen Regenschirm bei Nacht auf einen gewichsten deutschen
Stubenboden zu stellen. Das eine tröstete mich noch -- Harris rührte
sich nicht.
Der Regenschirm konnte mich auch nicht orientieren, da mehrere ganz
gleiche herumstanden. So tastete ich mich denn an der Wand hin, um zur
Thüre zu gelangen. Dabei stieß ich ein Bild herunter -- kein großes,
aber es machte einen Höllenlärm! -- Harris rührte sich nicht, wenn
ich aber noch mehr Angriffe auf Bilder ausführte, mußte er sicherlich
wach werden. Ich beschloß mein Vorhaben aufzugeben und statt nach
dem Ausweg zu suchen, zu dem Tisch in der Mitte zurückzukehren, mit
dem ich schon mehrmals zusammengestoßen war. Von dort wollte ich
dann eine Entdeckungsreise nach meinem Bett antreten; hatte ich das
erst gefunden, so war der Wasserkrug nicht weit, ich konnte meinen
verzehrenden Durst löschen und mich wieder hinlegen. Ich kroch auf
allen Vieren, weil das schneller ging und ich dabei weniger umzuwerfen
hoffte. Bald fand ich den Tisch -- das heißt, ich stieß mit dem
Kopf dagegen -- rieb mir die Beule etwas, richtete mich in die Höhe,
streckte die Hände aus und tastete umher, bis ich an einen Stuhl kam;
dann berührte ich die Wand, wieder einen Stuhl, dann ein Sofa, einen
Alpenstock und wieder ein Sofa. Das brachte mich in Verwirrung -- es
war doch nur ein Sofa im Zimmer gewesen! Ich suchte abermals den Tisch
auf, begann meine Wallfahrt von neuem und fand mehrere Stühle.
Nun erst fiel mir ein, woran ich schon längst hätte denken sollen,
daß der große Tisch ja so rund war wie der vom König Artus und
seiner Tafelrunde, mir also in Bezug auf die Richtung durchaus nicht
behilflich sein konnte. So wanderte ich denn aufs Geratewohl durch
unbekannte Regionen, bis ich einen Leuchter vom Kaminsims stieß; ich
wollte den Leuchter festhalten und brachte eine Lampe zum Fallen; ich
wollte die Lampe halten und stieß den Wasserkrug um, der krachend zu
Boden stürzte, während ich zu mir sagte: »So, habe ich dich endlich;
ich wußte wohl, du könntest nicht weit sein!«
Gleich darauf schrie Harris: »Räuber, Diebe, -- das Wasser geht mir bis
an den Hals!« Er war ganz außer sich.
Auf den Krach hin wurde das ganze Haus lebendig. Mit Lichtern und im
Nachtgewand stürzten die Gäste von allen Seiten ins Zimmer, auch der
Wirt und die Dienstmagd drängten sich mit herein.
Ich stand vor Harris’ Bett, eine Meile von dem meinigen entfernt. Das
Zimmer hatte nur ein _einziges_ Sofa, das an der Wand stand, und einen
_einzigen_ Stuhl, der frei umherstand, und -- um diesen hatte ich mich
die halbe Nacht herumgedreht, wie ein Planet um die Sonne, und war auf
meiner Kometenbahn nur allzuoft mit ihm zusammengestoßen.
Meine Thaten in der schlaflosen Nacht waren bald erzählt; Wirt und
Gäste zogen sich hierauf wieder in ihre Gemächer zurück, während wir
unsere Vorbereitungen zum Frühstück trafen, da der Morgen schon zu
dämmern anfing. Wie ich einen verstohlenen Blick auf meine Schrittuhr
warf, fand ich, daß ich fünfzehn Kilometer zurückgelegt hatte, was mich
indessen nicht verdroß, da ich ja zum Zweck einer Fußwanderung die
Reise unternommen hatte.
Als der Wirt am andern Tage erfuhr, daß wir auf einer Fußtour durch
Europa begriffen seien, behandelte er uns sehr rücksichtsvoll. Er ließ
sich die Sachen, die ich während der Nacht zerschlagen hatte, nur
zum Selbstkostenpreis bezahlen, stärkte uns reichlich mit Speise und
Trank, und um uns zum Abschied die größte Ehre zu erweisen, ließ er
uns mit Götz von Berlichingens Pferd und Wagen zum Thor von Heilbronn
hinausfahren.
Rezept für Schwarzwäldergeschichten.
[Illustration]
Auf meiner Reise im Schwarzwald fand ich die Bauernhöfe und Dörfer
ganz wie sie in den Schwarzwälder Dorfgeschichten beschrieben werden.
Das erste echte Exemplar, das mir aufstieß, war die Behausung eines
reichen Bauern und Mitglieds des Gemeinderats. Er war eine gewichtige
Persönlichkeit im Lande und seine Frau natürlich nicht minder. Wer
seine Tochter bekam, that den besten Fang weit in der Runde; vielleicht
hat sie schon als Heldin eines Romans von Auerbach Unsterblichkeit
erworben. Wenn sie in seinen Dorfgeschichten vorkommt, so würde ich
sie gewiß leicht wiedererkennen an ihrem Schwarzwaldkostüm, ihrem
sonnverbrannten Gesicht, der rundlichen Figur, den fetten Händen, dem
schläfrigen Ausdruck, dem friedlichen Gemüt, den gar zu vollkommenen
Füßen, dem bloßen Kopf und den flachsfarbenen Haarzöpfen, die am Rücken
hinunterhängen. Das Haus wäre geräumig genug gewesen für ein Hotel,
hundert Fuß lang, fünfzig breit, und vom Boden bis zur Dachrinne zehn
Fuß hoch, aber von der Dachrinne bis zum Firste des mächtigen Daches
waren gewiß noch vierzig Fuß, wenn nicht mehr. Dieses Dach, aus altem
lehmgelbem und fußdickem Dachstroh, war bis auf wenige Stellen über und
über mit üppig reicher grüner Vegetation bedeckt, die meist aus Moos
bestand. Wo es ausgebessert war, hatte man dicke Lagen neuen goldgelben
Strohs eingefügt; die weit vorspringenden Dachtraufen schienen das Haus
unter ihren schirmenden Schutz zu nehmen. An der Giebelseite, nach der
Straße zu, ungefähr zehn Fuß über dem Boden, lief ein schmaler Altan
mit hölzernem Geländer am Hause entlang, auf den eine Reihe kleiner
Fenster mit winzigen Scheiben hinausging. Darüber waren noch zwei oder
drei andere kleine Fenster, eins dicht unter dem spitzen Giebel. Vor
der Thür im Erdgeschoß lag ein riesiger Düngerhaufen, und durch eine
offene Seitenthür im zweiten Stock erblickte man eine Kuh von hinten.
Die ganze vordere Hälfte des Hauses schienen die Menschen, die Kühe und
die Hühner zu bewohnen, während die hintere Hälfte durch das Zugvieh
und das Heu eingenommen wurde. Aber was den Blick am meisten anzog,
waren die großen Düngerhaufen rings um das Haus.
Ich wurde mit dieser Quelle der Fruchtbarkeit im Schwarzwald bald
vertraut, und, ohne es zu wissen, verfiel ich bald in die Gewohnheit,
die Lebensstellung eines Menschen nach diesem äußeren und sehr
bedeutsamen Merkmal zu beurteilen. Manchmal dachte ich: Wer hier wohnt,
ist ein armer Teufel, das ist klar! -- Sah ich aber einen stattlichen
Haufen, so sagte ich: Hier wohnt ein Bankier! und bei einem Landsitz,
der von einem Alpengebirge von Dünger umgeben war, behauptete ich gar:
Hier muß wohl ein Herzog wohnen.
In den Schwarzwaldgeschichten tritt dieser charakteristische Zug
durchaus nicht genügend hervor. Der Dünger ist augenscheinlich der
größte Schatz des Schwarzwälders, sein Geld und Gut, sein Juwel, sein
Stolz, sein Schoßkind, das liebste Kunstwerk, das er besitzt; er trägt
ihm Ehre und Ansehen, Neid und Hochachtung ein, und ist seine erste
Sorge, wenn er sich anschickt, sein Testament zu machen.
Wenn die wahre Schwarzwaldgeschichte je geschrieben wird, muß das
Rezept dazu etwa folgendermaßen lauten:
* * * * *
_Mast_, ein reicher alter Bauer. Er hat große Reichtümer an Dünger
geerbt, und sie durch eigenen Fleiß vermehrt. Im Bädeker stehen
zwei Sternchen ** bei seinem Düngerhaufen[5]. Das Bild, das ein
Schwarzwaldmaler davon macht, ist ein Meisterstück. Sogar der König
kommt, ihn zu sehen. --
[5] Zwei Sternchen bei Bädeker bedeuten, daß etwas besonders
sehenswert ist.
~M. T.~
_Gretchen Mast_, seine Tochter und Erbin.
_Paul Hoch_, ein Nachbarsohn, wirbt scheinbar um Gretchens Hand --
eigentlich begehrt er den Dünger. Hoch hat selbst mehrere Wagenladungen
der Schwarzwaldmünze und ist daher eine schätzbare Partie, er ist
jedoch niedrig gesinnt, habgierig und gefühllos, während Gretchen ganz
Gefühl und Poesie ist. Sobald sein Düngerhaufen eine gewisse Größe
erreicht hat, will ihm der Alte seine Tochter geben.
_Hans Schmidt_, Nachbarssohn, voll Gefühl und Poesie, liebt Gretchen,
und Gretchen liebt ihn; aber er hat keinen Dünger! Der alte Mast
verbietet ihm sein Haus. Er geht gebrochenen Herzens fort, um im
Walde zu sterben, fern von der grausamen Welt -- denn, sagt er voll
Bitterkeit: Was ist der Mensch ohne Dünger? --
(Es vergehen sechs Monate.)
_Paul Hoch_ kommt zum alten Mast und sagt: »Endlich bin ich so reich,
wie du verlangst, komm’ und sieh den Haufen!«
Der alte _Mast_ beschaut ihn und ruft aus: »Es genügt -- nimm sie und
seid glücklich!« --
(Es vergehen zwei Wochen.)
Die Hochzeitsgesellschaft versammelt sich im Wohnzimmer des alten
Mast. -- Paul Hoch ist gelassen und ruhig, Gretchen beweint ihr hartes
Geschick. -- Der Verwalter des alten Mast tritt ein.
[Illustration]
_Mast_ sagt zornig: »Ich ließ dir drei Wochen Zeit, um zu entdecken,
warum unsere Bücher nicht stimmen und zu beweisen, daß du mir nichts
veruntreut hast. Die Zeit ist um -- verschaffe mir das fehlende Gut,
oder ich lasse dich als Dieb ins Gefängnis werfen!«
_Verwalter._ »Ich hab’s gefunden!« --
Der _alte Mast_. »Wo steckt’s?« --
_Verwalter_ (mit tragischem Ernst): »Im Düngerhaufen des Bräutigams!
-- Da steht der Dieb -- -- sieh, wie er bleich wird und zittert!« --
(Aufregung.)
_Paul Hoch._ »Alles verloren!« -- (fällt ohnmächtig über eine Kuh und
wird gefesselt.)
_Gretchen._ »Ich bin gerettet!« -- (fällt vor Freude in Ohnmacht über
ein Kalb. Hans Schmidt, der gerade hereinstürzt, fängt sie in seinen
Armen auf.)
Der _alte Mast_. »Was, du hier? -- Schurke, laß das Mädchen los, und
geh’ mir aus den Augen!«
_Hans_ (der fortfährt, das bewußtlose Mädchen zu stützen.) »Niemals,
grausamer alter Mann! Wisse, daß selbst du meine gerechten Ansprüche
jetzt anerkennen mußt!«
Der _alte Mast_. »Was? Ansprüche! nenne sie!«
_Hans._ »So höre denn: die Welt hatte mich verstoßen; ich verließ die
Welt, und suchte in der Waldeseinsamkeit den Tod, ohne ihn zu finden.
Ich nährte mich von Wurzeln; und in der Bitterkeit meines Herzens
verschmähte ich die süßen und grub nur nach den bittersten. -- Drei
Tage ist es her, da stieß ich beim Graben auf eine Düngergrube! --
ich fand ein Golconda, einen unerschöpflichen Vorrat des köstlichsten
Düngers. Ich habe so viel wie ihr alle zusammen, und noch ganze Berge
voll darüber. Haha! jetzt lacht dir wohl das Herz im Leibe!« (Ungeheure
Aufregung. Es werden Proben aus der Grube vorgezeigt.)
Der _alte Mast_. (voll Begeisterung:) »Wecke sie auf, schüttle sie
tüchtig, edler junger Mann, sie ist dein!«
Die Hochzeit findet sogleich statt. Der Verwalter wird wieder in sein
Amt und Gehalt eingesetzt; Paul Hoch aber ins Gefängnis geworfen.
* * * * *
Der Düngerkönig des Schwarzwalds erfreut sich bis in sein hohes Alter
der Liebe seines Weibes und seiner siebenundzwanzig Kinder, sowie der
noch größeren Wonne, von allen umher nach Kräften beneidet zu werden.
Die Ameise.
Auf einer Wanderung im badischen Schwarzwald verfolgte ich einmal mit
Aufmerksamkeit die Ameise bei ihrer emsigen Arbeit. Ich entdeckte
jedoch nichts Neues an ihr, und besonders nichts, was mir eine höhere
Meinung von ihr beigebracht hätte.
Mir scheint, daß die Ameise außerordentlich überschätzt wird, besonders
was ihren Verstand betrifft. Ich habe sie nun schon manchen Sommer
hindurch beobachtet, während ich etwas Besseres hätte thun können, und
bis jetzt habe ich noch keine einzige gesehen, die bei ihrer Arbeit
auch nur den geringsten Sinn und Verstand gezeigt hätte.
Ich meine natürlich nur die gemeine Ameise, denn mit den merkwürdigen
afrikanischen Arten, welche Abgeordnete wählen, stehende Heere haben,
Sklaven halten und über Religion streiten, habe ich keinen Verkehr
gehabt. Was der Naturforscher von ihnen erzählt, mag alles wahr sein,
aber in Bezug auf die gewöhnliche Ameise bin ich fest überzeugt, daß
uns vieles aufgebunden wird.
[Illustration]
Ihren Fleiß will ich durchaus nicht bestreiten: in der ganzen Welt
arbeitet niemand so angestrengt als sie, nur ihre Hohlköpfigkeit habe
ich an ihr auszusetzen. Betrachten wir sie einmal, wenn sie auf Beute
ausgeht. Sie hat einen Fang gethan; aber was macht sie dann? Geht sie
etwa nach Hause? Durchaus nicht, gerade im Gegenteil; sie weiß nicht
mehr, wo ihre Wohnung ist und kann sie nicht finden, wenn sie auch kaum
drei Fuß davon entfernt ist. Sie thut einen Fang, habe ich gesagt; aber
es ist gewöhnlich etwas, das weder ihr noch sonst jemand vom geringsten
Nutzen sein kann; gewöhnlich ist das Ding zehnmal so groß, als es sein
sollte, sie faßt es gerade am unbequemsten Ende an und hebt es mit
aller Gewalt in die Höhe, -- dann trägt sie es fort, nicht nach Hause,
sondern in entgegengesetzter Richtung, nicht ruhig und bedächtig,
sondern mit rasender Eile, bei der sie ihre Kräfte unnütz vergeudet.
Sie rennt gegen einen Kieselstein und anstatt ihn zu umgehen, klettert
sie rückwärts hinauf, zerrt ihre Beute hinter sich her, kugelt auf der
andern Seite hinunter, springt wütend auf, schüttelt sich den Staub aus
den Kleidern, wischt sich die Hände ab und greift gierig nach ihrem
Eigentum, stößt es hierhin und dorthin, schiebt es jetzt vor sich her,
dreht sich dann um und zerrt es weiter, mit immer wilderer Gebärde, bis
sie es plötzlich wieder hoch in die Luft hebt und nach einer ganz neuen
Richtung fortrennt. Nun stößt sie auf eine Pflanze, es fällt ihr aber
gar nicht ein herumzugehen -- nein, sie muß hinaufklettern, bis oben
in die Spitze und noch dazu ihren ganz wertlosen Besitz hinter sich
dreinziehen, was ungefähr ebenso klug ist, als wenn ich einen Sack Mehl
von Heidelberg nach Paris über den Straßburger Kirchturm schleppen
wollte. Wenn sie hinaufkommt, sieht sie, daß sie nicht am rechten Ort
ist, wirft einen flüchtigen Blick auf die Gegend, klettert oder kugelt
hinunter und nimmt einen neuen Anlauf -- wie gewöhnlich in einer andern
Richtung.
[Illustration]