abzugeben, sie bringen einen unfehlbar bald um die Gemütsruhe, und wenn
man sich nicht warnen läßt und sich darein vertieft, so bekommt man
entweder Gehirnerweichung oder Gehirnversteinerung davon.
Die persönlichen Fürwörter und Adjektiva dieser Sprache sind eine
fruchtbare Quelle von Aerger aller Art. Das Wort ›Sie‹ bedeutet ~you~
und ~the~ zugleich, es heißt ~her~ und heißt ~it~, es meint ~they~ und
es meint ~them~. Man stelle sich die klägliche Armut einer Sprache vor,
die ein einziges Wort nötigt, den Dienst von sechs zu versehen, noch
dazu solch ein armes kleines Würmchen mit nur drei Buchstaben am Leib.
Aber erst die Verzweiflung, wenn man niemals weiß, in welchem Sinne der
Sprechende das Wort gemeint hat! Grund genug für mich, um einer Person,
welche ›Sie‹ zu mir sagt, wenn ich irgend kann, den Garaus zu machen.
Sodann fasse man einmal die Adjektivformen ins Auge. Wenn irgendwo,
wäre hier Einfachheit am Platz gewesen. Grund genug für die Erfinder
dieser Sprache, die Sache erst recht zu erschweren. Wenn wir in unserer
deutlichen englischen Sprache von ›~our good friend or friends~‹
sprechen, so gebrauchen wir eine und dieselbe Adjektivform und das
genügt vollauf; nicht so in der deutschen Sprache. Kommt ein Adjektiv
unter die Zunge eines Deutschen, so dekliniert er es und dekliniert
es fort und fort, bis er endlich allen gesunden Sinn herausdekliniert
hat. Er dekliniert z. B. ›mein guter Freund, meines guten Freundes,
meinem guten Freunde u. s. w.‹ Diese beständigen Aenderungen möge ein
Irrenhausaspirant auswendig lernen! Man thut wahrhaftig in Deutschland
besser daran, sich ohne Freunde zu behelfen, als diese Plackerei mit
ihnen in den Kauf zu nehmen. Ich habe nun gezeigt, welche Mühsal
es ist, einen guten Freund zu deklinieren, das ist aber nur ein
kleiner Vorgeschmack von der Schwierigkeit, denn es giebt noch eine
Menge neuer Adjektivverrenkungen, wenn es sich um einen weiblichen
beziehungsweise um einen sächlichen Gegenstand handelt.
Sodann giebt es in dieser Sprache mehr Adjektive als schwarze Katzen
und diese müssen alle nach obigem Beispiel sorgfältigst abgewandelt
werden. Schwierig? -- Mühselig? -- Diese Ausdrücke sind viel zu
schwach. Ein Heidelberger Student aus Kalifornien hat mir allen
Ernstes versichert, er mache sich weniger daraus, zwei Kneipereien
auszuschlagen, als ein deutsches Adjektivum zu deklinieren.
Der Erfinder dieser Sprache scheint ein besonderes Vergnügen daran
gefunden zu haben, dieselbe so verwickelt zu machen, als nur irgend
möglich. So heißen z. B. ~house~, ~horse~, ~dog~ für gewöhnlich Haus,
Pferd, Hund, im Dativ aber hängt man ein ganz thörichtes überflüssiges
e daran und schreibt Hause, Pferde, Hunde. Da nun ein e am Schluß
häufig die Mehrzahl bezeichnet, so kann der Anfänger einen ganzen Monat
lang aus einem Hund im Dativ ein Pärchen machen, ehe er seinen Irrtum
gewahr wird; und wiederum hat mancher junge Musensohn, der kein Geld
hinauszuwerfen hatte, zwei Hunde bezahlt und nur einen bekommen, weil
er unwissentlich diesen Hund im Dativ Singularis kaufte, während er
glaubte, im Plural zu sprechen. -- Das Recht hatte natürlich unter
solchen Umständen angesichts der strengen grammatischen Regeln der
Verkäufer auf seiner Seite, und eine Ersatzklage mußte erfolglos
bleiben.
Im Deutschen werden alle Hauptwörter mit einem großen Anfangsbuchstaben
geschrieben. Das ist ein guter Einfall, weil man so auf den ersten
Blick ein Hauptwort erkennt. Aber bisweilen giebt es zu Täuschungen
Anlaß, indem man einen Personennamen für einen Sachnamen ansieht, und
umgekehrt. Dann geht bei dem Versuch, Sinn in den Satz zu bringen, viel
Zeit verloren; und man wird um so leichter in die Irre geführt, da die
deutschen Personennamen meistens eine Bedeutung haben. Ich übersetzte
einmal einen Text, welcher lautete: »Die wütende Tigerin brach los und
fraß den unglücklichen Tannenwald völlig auf.« Nach langem Besinnen kam
ich endlich dahinter, daß Tannenwald in diesem Falle der Name eines
Mannes war.
Jedes Hauptwort hat einen Artikel; aber da ist kein System und Sinn
in der Anwendung desselben, so daß nichts übrig bleibt, als jeden
Artikel zu jedem Wort besonders auswendig zu lernen. So hat z. B. in
der deutschen Sprache ein junges Mädchen kein Geschlecht, während eine
Steckrübe ein solches hat. Welche maßlose Hochachtung zeigt das einer
Rübe gegenüber, welche Geringschätzung vor einem Mädchen! Man sehe sich
einmal an, wie sich dies gedruckt ausnimmt. Ich übersetze aus meinem
Lesebuch:
_Gretchen._ Wilhelm, wo ist die gelbe Rübe?
_Wilhelm._ _Sie_ ist in der Küche.
_Gretchen._ Wo ist das hübsche und wohlerzogene Mädchen?
_Wilhelm._ _Es_ ist in die Oper gegangen.
Aber weiter mit diesen Artikeln. Ein Baum ist männlich, seine Knospen
sind weiblich, seine Blätter sind sächlich. Pferde sind geschlechtslos,
Hunde sind männlich, Katzen sind weiblich; des Menschen Mund, Nacken,
Busen, Ellbogen, Finger, Nägel, Füße und Leib sind männlichen
Geschlechts; Kopf oder Haupt ist männlich oder sächlich, je nachdem
man eines dieser Wörter gebraucht, nicht also je nachdem ein Mann oder
eine Frau das Ding trägt; eines Menschen Nase, Lippe, Schulter, Brust,
Hüfte und Zehe sind weiblich; seine Ohren, Augen, Kinn, Beine, Knie,
Herz und Gewissen haben gar kein Geschlecht. (Der Erfinder dieser
Sprache kannte vermutlich das Gewissen nur vom Hörensagen.) Aus dieser
Zergliederung geht deutlich hervor, daß ein deutscher Mann sich zwar
einbilden mag, er sei ein Mann, wenn er aber näher zusieht, muß er
wohl daran zweifeln; er muß entdecken, daß er eine ganz lächerliche
Zusammensetzung aller möglichen Geschlechter bildet.
Es giebt in dieser Sprache einige ungemein nützliche Wörter; z. B.
Schlag und Zug. Im Wörterbuch nehmen diese Schlagwörter mehrere Spalten
und die Zugwörter noch einmal so viel ein. Das Wort Schlag bedeutet
so ziemlich alles; es bedeutet unser ~blow~, ~stroke~, ~dash~, ~hit~,
~shock~, ~clip~, ~clap~, ~time~, ~bar~, ~coin~, ~stamp~, ~kind~,
~sort~, ~manner~, ~way~, ~apoplexy~, ~woodcutting~, ~enclosure~,
~field~, ~forest-clearing~. Das alles bedeutet Schlag im engeren
beschränkten Sinn; wenn aber das Wort einmal losgelassen wird, dann
nimmt es Flügel der Morgenröte und fliegt, wohin es mag. An seinen
Schwanz kann sich jedes beliebige Wort anhängen, wodurch der Sinn ins
Unglaubliche vervielfältigt wird. Man kann anfangen mit Schlag-Ader,
auf englisch ~artery~, und so fort das ganze Wörterbuch daranhängen,
Wort für Wort, ganz durch bis Schlag-Wasser, auf englisch ~Bilge-water~
und Schlag-Mutter, ~mother-in-law~. Ebenso ist es mit dem Wort ›Zug‹.
Nimmt man zu den Wörtern Schlag und Zug noch das Wörtchen ›Also!‹
hinzu, so verfügt man über einen hübschen Wortschatz, mit dem man schon
ziemlich gut durchkommt. ›Also‹ ist gleichbedeutend mit der englischen
Redensart ~you know~ und besagt eigentlich gar nichts -- wenigstens in
der Unterhaltungssprache. So oft ein Deutscher seinen Mund aufthut,
fällt ein ›Also‹ heraus, und so oft er ihn wieder zumacht, beißt er
sicher ein ›Also‹, das gerade zwischen seinen Zähnen herauskommen
wollte, entzwei. Diese häufige zwecklose Anwendung des Wortes ›Also‹
ist eine spezifisch süddeutsche, besonders weibliche _schwäbische_
Untugend. Nichts verleiht einer deutschen oder englischen Unterhaltung
so viel Anmut und Zwanglosigkeit, als wenn man sie voll mit Alsos und
~you knows~ spickt.
In meinem Tagebuch finde ich folgenden Eintrag: »Juli 1. Gestern wurde
ein Kranker mit Erfolg von einem Wort mit _13_ Silben Länge befreit;
der Kranke war ein Norddeutscher von Hamburg. Da aber die Chirurgen den
Kranken unglücklicherweise an der falschen Stelle aufschnitten, in der
Meinung, er habe ein Panorama verschluckt, so starb er. Das Ergebnis
hat die Stadt in Trauer versetzt.«
An diese Notiz möchte ich einige Bemerkungen über eine der
sonderbarsten Erscheinungen unseres Gegenstandes knüpfen; nämlich über
die Länge deutscher Wörter. Einige davon sind so lang, daß sie einen
Schatten werfen und perspektivisch wirken, z. B.:
_Freundschaftsbezeugungen_,
_Dilettantenaufdringlichkeiten_,
_Stadtverordnetenversammlungen_.
Das sind keine Wörter mehr; das sind alphabetische Prozessionen. Man
sieht sie in jeder Nummer einer Zeitung majestätisch einherschreiten
und mit einiger Einbildungskraft kann man die zur Prozession
gehörigen Banner fliegen sehen und die Musik hören. Sie verleihen
dem schmächtigsten Begriff etwas ungemein Großartiges. So oft ich
ein gelungenes Exemplar von einem solchen Worte finde, verleibe ich
es meinem Museum ein. Ich habe bereits eine Sammlung beieinander.
Meine Duplikate tausche ich mit andern Sammlern aus. Anbei einige
Prachtexemplare, welche ich neulich auf der Auktion erstand:
_Generalstaatenverordnetenversammlung_,
_Altertumsforschungswissenschaften_,
_Kleinkinderbewahrungsanstalten_,
_Wiederherstellungsbestrebungen_,
_Waffenstillstandsverhandlungen_.
Wenn solch eine Alpenkette sich stolz hinzieht über eine Druckseite,
so muß dadurch die litterarische Landschaft bedeutend verschönert
werden; aber für den Anfänger in der Sprache sind diese Gebirge ein
großes Hindernis; sie versperren ihm den Weg, er kann weder unten
durch, noch darüber weg, höchstens per Tunnel, wo einer ist. Nimmt er
seine Zuflucht zum Wörterbuch, so läßt ihn das im Stich. Mit solchen
zusammengesetzten Wörtern befaßt es sich nicht. Man muß zuvor das Wort
durch den Chemiker in seine Bestandteile auflösen lassen und dann die
einzelnen Brocken im Wörterbuch aufsuchen.
Also jetzt habe ich gezeigt, wie schwierig die deutsche Sprache ist,
oder zum wenigsten habe ich mich bemüht, es zu zeigen.
Ein Student aus Amerika soll auf die Frage, wie er mit seinem Deutsch
zurechtkomme, ohne Zögern erwidert haben: »Ich komme gar nicht damit
zurecht. Drei volle Monate habe ich es mir sauer werden lassen und kann
nur den einen Satz aufweisen: ›Zwei Glas‹! (~two glasses of beer~).«
Nach einem Augenblick stummen Nachsinnens setzte er mit Emphase hinzu:
»Aber das habe ich auch fest im Kopf!«
Die englische Sprache, will mir scheinen, verfügt in der Beschreibung
lärmender, erhaben-schrecklicher Dinge über kräftigere, klangvollere,
bezeichnendere Worte als die deutsche. Klänge wie: ~boom~, ~burst~,
~crash~, ~roar~, ~bellow~, ~blow~, ~thunder~, ~explosion~, ~howl~,
~cry~, ~shout~, ~yell~, ~battle~, ~hell~, sind von prächtiger Wirkung,
voll Kraft und Großartigkeit. Die entsprechenden deutschen Worte kommen
mir viel schwächer vor; einzelne klingen so sanft, daß man Kinder damit
in Schlaf bringen könnte; wie zahm klingt z. B. Schlacht, Gewitter!
Als stärksten Ausdruck für unser ~explosion~ hat man im Deutschen
-- Ausbruch! Da liegt in unserm ~toothbrush~ (Zahnbürste) etwas
Fürchterliches im Vergleich.
Nach dieser Erörterung der Gebrechen der deutschen Sprache gehe ich
jetzt an die kurze angenehme Aufgabe, deren Vorzüge hervorzuheben.
Das Großschreiben der Hauptwörter habe ich bereits erwähnt. Aber noch
weit über diesem steht ein anderer, -- nämlich der, die Wörter zu
schreiben, wie man sie ausspricht. Nach kurzer Unterweisung weiß der
Anfänger von jedem deutschen Wort, wie es ausgesprochen wird, während
in unserer Sprache der Schüler damit die größten Schwierigkeiten hat.
Ferner ist die deutsche Sprache ungemein reich an Ausdrücken für
das friedliche, heimelige, trauliche, häusliche Dasein; für alles,
was mit Liebe, kindlichem Gefühl und Freundlichkeit gegen Fremde
zusammenhängt; endlich für das mannigfaltige Leben und Weben in der
Natur. Es giebt deutsche Lieder, welche selbst den der Sprache Fremden
zu Thränen rühren; das beweist, wie treffend der Klang der Worte ist.
Er bringt deren Bedeutung so treu und wahr zum Ausdruck, daß sie, auch
unverstanden, dem Fremden durchs Ohr zu Herzen dringen.
Deutsche Frauen rufen häufig aus: Ach Gott, mein Gott, Gott im Himmel,
Herr Gott. Sie scheinen zu glauben, die Amerikanerinnen haben dieselbe
Gewohnheit; denn ich hörte einmal ein ältliches deutsches Fräulein zu
einer jungen Landsmännin von mir sagen: »Die beiden Sprachen sind sich
so ähnlich -- wie hübsch das ist. Wir sagen ›ach Gott‹ und ihr sagt
›~Goddam~‹!«
* * * * *
Aus dem Gesagten geht hervor, daß die deutsche Sprache einer Reform
bedarf. Ich erlaube mir einige Vorschläge zu diesem Zwecke zu machen.
[Illustration]
1) Man gebe dem Zeitwort einen Platz weiter oben, so daß man es mit dem
bloßen Auge deutlich erkennen kann.
2) Man organisiere den Artikel und verteile ihn nach den
Geschlechtsverhältnissen, wie es Gottes Wille ist.
3) Man schaffe die endlos langen zusammengesetzten Wörter ab oder
man schreibe vor, daß sie stückweise geschrieben werden, mit
Erholungspausen dazwischen. Geistige Speise ist wie andere auch; man
genießt sie angenehmer mit dem Löffel als mit der Schaufel.
4) Es soll darauf gehalten werden, daß der Schreiber aufhört, wenn
er mit seinem Satz und Vortrag zu Ende ist und daß er nicht noch ein
unnötiges ›gewesen zu sein haben würden‹ und dergleichen anhängt.
5) Auf die Anwendung von Parenthesen ist die Todesstrafe zu setzen.
6) Für die Beschreibung aller Arten von geräuschvollen Dingen müssen
einige kraftvolle englische Wörter eingeführt werden.
Am besten wäre es vielleicht, von der ganzen Sprache nur die Wörter
Schlag, Zug und Also, nebst den an die ersten beiden anzuhängenden
Wörtern beizubehalten; das würde die Sprache wesentlich vereinfachen.
Nach meiner Erfahrung braucht man zum Erlernen des Englischen 30
Stunden, des Französischen 30 Tage, des Deutschen 30 Jahre. Entweder
reformiere man also diese Sprache, oder man lege sie zu den toten
Sprachen, denn nur die Toten haben heutzutage noch Zeit genug, sie zu
erlernen.
Berliner Eindrücke.
Berlin hat mich im höchsten Grade überrascht. Keine Beschreibung, die
ich früher in Büchern gelesen habe, trifft mehr zu. Das Berlin, wie
es im vorigen Jahrhundert und noch in der ersten Hälfte des jetzigen
war, die schmutzige, einförmige, häßliche Stadt, ist wie vom Erdboden
verschwunden. Nur der Grund auf dem sie stand hat noch eine Geschichte
und alte Ueberlieferungen, -- Berlin selbst ist ganz neu, die neueste
Stadt, die mir jemals vorgekommen ist.
Sogar Chicago würde altersgrau daneben aussehen. Im übrigen gleichen
sich diese beiden Städte, was die flache Umgebung, das rasche Wachstum
und die Einwohnerzahl betrifft. Mit Bestimmtheit behaupten kann ich
das freilich nicht, da ich nicht weiß, wie viele Einwohner Chicago
heute hat, vorletzte Woche waren es etwa anderthalb Millionen. Auch
wegen der vielen geraden Straßen und der ungeheuern Raumverschwendung
kann man Berlin das europäische Chicago nennen; die Straßen sind fast
durchgängig so breit angelegt, wie ich es noch in keiner Stadt irgend
eines andern Landes gefunden habe. ›Unter den Linden‹ sind drei Straßen
in einer; die Potsdamerstraße ist auf beiden Seiten von Bürgersteigen
eingefaßt, die breiter sind als die berühmten Hauptstraßen der
größten Städte Europas; auch hat Berlin einen Park von ungewöhnlicher
Ausdehnung.
Für die Bauordnung bestehen die sonderbarsten Vorschriften. Die Stadt
ist aus lauter Steinriesen aufgetürmt, man darf in Berlin keine
unsichern und unansehnlichen Häuser bauen, und so sind denn diese
auffallend schönen und großartigen Gebäude entstanden, die weder mit
Einsturz drohen, noch bei der geringsten Feuersbrunst ein Raub der
Flammen werden. Die Baukommissäre nehmen ihre Besichtigung während
des Baues vor; man hat gefunden, daß dies besser ist, als zu warten,
bis das fertige Haus wieder einfällt. Bricht ein Brand aus, so
herrscht dabei die größte Ordnung und Ruhe, die uniformierte Feuerwehr
marschiert in Reih und Glied, so ernst und gemessen in Miene und
Haltung, als ginge es zu einem Begräbnis, man glaubt die Heilsarmee
einherkommen zu sehen, in tiefer Zerknirschung über ihre Sünden. Da
das Feuer sich in den steinernen Gebäuden immer nur auf ein Stockwerk
beschränkt, brauchen die übrigen Bewohner des Hauses sich nicht weiter
darum zu kümmern.
Allabendlich findet eine wahrhaft verschwenderische Beleuchtung mit Gas
und elektrischem Licht statt, Berlin bietet daher zur Nachtzeit einen
entzückenden Anblick. Ueberall hat man eine Doppelreihe glänzender
Lichter vor sich, die nach allen Seiten in gerader Linie weit in
die Nacht hinaus läuft. Die dazwischen liegenden Plätze leuchten im
Strahlenglanz, und zahllose Droschkenlaternen schießen wimmelnd in
allen Richtungen hin und her, wie Schwärme von Leuchtkäfern an einem
Sommerabend.
In keiner Stadt wird wohl so viel regiert wie in Berlin, aber ich wüßte
auch keine, die besser regiert wäre. Methode und System machen sich
allenthalben geltend, in großen wie in kleinen Dingen und selbst bei
den geringfügigsten Einzelheiten. Die Verordnungen stehen aber nicht
etwa bloß auf dem Papier, so daß es dabei sein Bewenden hat, nein, sie
treten wirklich in Kraft und werden bei Armen und Reichen ohne Gunst
und Ungunst auf gleiche Weise durchgeführt. Der mühevolle, emsige
Fleiß, die Ausdauer und Pflichttreue, welche die Behörde bei jeder
Gelegenheit entfaltet, erregt Bewunderung -- zuweilen auch Leidwesen.
Das Erstaunlichste, was ich diesseits des Ozeans gefunden habe, ist die
höfliche, unerschütterliche, verfluchte Beharrlichkeit, mit welcher
die Polizei ihren Willen durchsetzt und die Ordnung aufrecht erhält.
Sie duldet keine Ansammlung von Menschen, weil daraus Ungehörigkeiten
entstehen könnten; ja, träte plötzlich ein Erdbeben ein, so würde es
die Berliner Polizei beaufsichtigen und ordnungsmäßig zu Ende führen.
Die Straßen werden sehr rein gehalten, aber nicht, wie es in New York
Sitte ist, mit schönen Worten und frommen Reden, sondern durch tägliche
und stündliche Arbeit mit Kratzbürste und Besen. Kurz, man hat den
Eindruck, daß hier eine Stadtverwaltung am Ruder ist, die vor keinen
Kosten zurückscheut, wo die öffentliche Bequemlichkeit, Behaglichkeit
und Gesundheit in Betracht kommt.
Nur _eine_ Ausnahme muß ich erwähnen; das ist die Benennung der
Straßen und die Nummerierung der Häuser. Zuweilen ändert sich der
Straßenname mitten in der Häuserreihe; man merkt dies erst bei der
nächsten Ecke und weiß natürlich nicht, wo der Wechsel angefangen hat.
In betreff der Hausnummern herrscht ein Chaos wie vor Erschaffung der
Welt. Unmöglich kann die weise Berliner Stadtregierung eine derartige
Einrichtung getroffen haben. Sie ist eines Blödsinnigen würdig; allein,
so mannigfaltige Arten Verwirrung und Unheil anzurichten, wäre ein
Blödsinniger nicht imstande sich auszudenken. Oft dient eine Nummer für
drei bis vier Häuser, und doch steht sie nur auf einem derselben; dann
wieder wird ein Haus z. B. mit Nummer 4 bezeichnet und die folgenden
mit 4~a~, 4~b~, 4~c~, so daß man alt und schwach geworden ist, bis
man bei Nummer 5 anlangt. Die Folge dieses systemlosen Systems ist
die, daß man bei Nr. 1 keine Ahnung hat, ob Nr. 150 ein paar Meilen
oder hundert Schritte weit sein mag. Obendrein steigen oder fallen
die Zahlen ganz willkürlich; von 50 oder 60 gelangt man vielleicht
plötzlich zu 140, 139 u. s. w. und nur ein Pfeil giebt durch seinen
Flug die veränderte Richtung an. Es ist um den Verstand zu verlieren,
und bis hier nicht Abhilfe geschafft wird, muß man auf das Schlimmste
gefaßt sein.
Als ich in Berlin war, fand eine Feier zu Ehren der berühmten Gelehrten
Virchow und Helmholtz statt, welche beide fast zu gleicher Zeit
ihr siebzigstes Lebensjahr erreichten. Schon seit Wochen war eine
Deputation nach der andern eingetroffen, um den beiden Geistesheroen
Glückwünsche, Ehrungen und Huldigungen aus allen Orten und Enden der
Welt darzubringen. Die fernsten Städte, die berühmtesten Hochschulen
beteiligten sich an diesen Kundgebungen.
Den Schluß derselben bildete der große Studentenkommers, der in
einem mit Fahnen und Standarten geschmückten, glänzend erleuchteten
Riesensaal gehalten wurde. An jedem der zahllosen Tische, die den
ganzen Raum erfüllten, hatten vierundzwanzig Personen Platz. Ich war
hocherfreut, einen Sitz an der Mitteltafel zu erhalten, an welcher auch
die beiden Helden des Abends saßen, obwohl ich durchaus nicht gelehrt
genug bin, um eine derartige Ehre zu verdienen. Es bereitete mir ein
seltsam angenehmes Gefühl, mich in solcher Gesellschaft zu befinden,
mit dreiundzwanzig Männern zusammen zu sein, welche an einem Tage mehr
vergessen, als ich je gewußt habe. In Verlegenheit geriet ich nicht;
die Gelehrsamkeit steht dem Menschen selten im Gesicht geschrieben
und ich konnte mit leichter Mühe Haltung und Gebärden der Herren so
nachahmen, daß mich die Menge auch für einen Professor hielt.
In kurzer Zeit war der ganze Saal voll, es hieß, es seien gegen
viertausend Personen anwesend; auch alle Zwischengänge waren dicht
besetzt. An jeder Tafel stand ein Student im Wichs seiner Verbindung.
Diese Trachten sind alle von reichem Stoff in glänzenden Farben und
außerordentlich malerisch.
So weit mein Auge reichte, sahen alle die frischen, jugendlichen
Gesichter nach einer Richtung hin; unverwandt hingen die Blicke
sämtlicher Studenten an dem Platz, wo Virchow und Helmholtz saßen. Sie
verschlangen die beiden Geistesriesen förmlich mit den Augen und die
Verehrung der Herzen strahlte aus allen Mienen.
Mancher ausgezeichnete Gast war schon durch die Ehrengarde an seinen
Platz geleitet worden, da erklangen noch einmal die drei Trompetenstöße
und wieder fuhren die Rappiere aus den Scheiden. Vom fernen Eingang her
blitzten die erhobenen Schläger -- ›Mommsen!‹ ging es flüsternd durch
die Reihen. Der ganze Saal erhob sich, rief, stampfte mit den Füßen,
klatschte mit den Händen, rasselte mit den Biergläsern. Es war ein
wirklicher Sturm. Dann drängte sich der kleine Mann mit dem langen Haar
an uns vorbei und nahm seinen Sitz ein. Denkt euch meine Ueberraschung!
Ich hatte ja nicht im Traum daran gedacht, daß ich den Mann leibhaftig
vor mir haben würde, der die ganze römische Welt und alle Cäsaren in
seinem lichtvollen Haupte trug. Meilenweit wäre ich gewandert, um ihn
zu sehen, und hier saß er, ohne daß es mir die kleinste Mühe oder Reise
oder sonst etwas gekostet hätte.
Die Musik spielte einen kriegerischen Marsch; es folgte der Toast auf
den Kaiser, bei dessen Schluß alle Gläser auf einmal geleert und mit
einem Schlage auf den Tisch gestoßen wurden. Es klang täuschend wie
Donnergetöse. Mächtige Weisen ertönten, immer höher schwoll die Lust,
die Schläger krachten, die Biergläser rasselten, die Begeisterung wuchs
und ließ sich bald nicht mehr überbieten. Ich wenigstens fühlte mich
außer stande, noch mehr darin zu leisten.
Die Feier des Abends schloß mit zwei von Studenten gehaltenen Reden und
der Erwiderung von Virchow und Helmholtz.
Virchow ist seit langer Zeit Mitglied der Berliner Stadtverwaltung.
Er arbeitet ebenso eifrig für das Wohl der Stadt wie jeder andere
Stadtrat und für den nämlichen Sold: für nichts. Ich weiß nicht, ob
wir in Amerika es unserm berühmtesten Mitbürger zumuten könnten,
sich an der städtischen Verwaltung zu beteiligen und ob, falls wir
es wagten, wir seine Wahl durchsetzen würden. Aber hier ist das
Munizipalsystem so vorzüglich, daß die besten Männer es sich zur Ehre
rechnen, unentgeltlich als Stadträte dienen zu dürfen und das Volk
ist vernünftig genug, diese Männer zu bevorzugen und immer wieder
zu wählen. Darum ist Berlin auch eine in jeder Beziehung gut und
zweckmäßig verwaltete Stadt.
Eine schlaflose Nacht.