Arbeit anstellte, die Sennhütte aus den Trümmern wieder aufgebaut und
sie sah malerischer aus als zuvor. Der Senne sagte mir, daß wir uns
auf dem Feli-Stutz über der Schwegmatt befänden, und ich war nach
allen Zweifeln der letzten Tage nicht übel froh, über Ort und Stelle
so genau Bescheid zu erhalten. Wir erfuhren überdies, daß wir am Fuß
des eigentlichen Riffelbergs waren und somit die ersten Schwierigkeiten
unseres Unternehmens hinter uns lagen.
Einen prächtigen Anblick bot uns von hier aus der wilde Vispfluß, der
aus einer hohen Wölbung hervorstürzt, die er sich durch die feste
Eismauer des großen Gornergletschers gebrochen hat; auch sahen wir den
Furggenbach, den Abfluß des Furggengletschers.
Wir wurden bald inne, daß der Saumpfad auf den Gipfel des Riffelbergs
dicht an der Sennhütte vorbeiführt, denn die ganze Zeit über war er
von Touristenschwärmen belebt. In der Sennhütte nahmen die Wanderer
gewöhnlich Erfrischungen ein; da ich dieselbe aber in die Luft
gesprengt hatte, wobei alle Flaschen entzwei gegangen waren, so war der
Handel des Sennhirten etwas ins Stocken geraten. Ich gab ihm jedoch
ein Quantum Branntwein, um ihn als Alpenchampagner zu verkaufen, sowie
ein Quantum Essig, der für Rheinwein gelten konnte, und so kam sein
Geschäft bald wieder lebhaft in Gang.
Nach kurzer Rast stellte ich die Karawane in Marschordnung auf, ritt
die Linie entlang, um zu sehen, ob alle ordentlich aneinander gebunden
waren, und gab dann Befehl zum Aufbruch. Bald schritten wir auf grünen
Matten dahin, der Wald mit seinen beschwerlichen Pfaden lag hinter
uns, und unser Gipfel -- der Gipfel des Riffelbergs -- ragte weithin
sichtbar in die Luft.
Auf dem Saumpfad, der sich im Zickzack bald nach rechts, bald
nach links in die Höhe schlängelte, stiegen die Touristen in
ununterbrochener Reihe hinauf und herab. Sie engten uns ein und fielen
uns sehr lästig; Gesellschaften, die aneinander gebunden waren,
bemerkte ich nicht unter ihnen. An manchen Stellen war der Weg kaum
zwei Meter breit und fiel an den Seiten mehrere Fuß tief steil ab, so
daß wir mit der äußersten Vorsicht aufwärts klimmen mußten. Ich sprach
meinen Leuten fortwährend Mut ein, damit sie sich nicht unmännlicher
Furcht überließen.
Wir hätten den Gipfel wohl noch vor einbrechender Nacht erreicht, wäre
nicht wegen eines verlorenen Regenschirmes Aufenthalt entstanden. Bei
meinem Vorschlag, den Regenschirm aufzugeben, entstand ein allgemeines
Murren. Die Leute hatten eigentlich recht, -- in unserer ausgesetzten
Lage konnten wir einen Schutz gegen Lawinen jetzt weniger denn je
entbehren! So bezogen wir denn unser Lager und ich sandte eine
Abteilung aus, um den verlorenen Gegenstand zu suchen.
Wie harte Arbeit uns auch der nächste Morgen noch brachte, so schwand
uns doch der Mut nicht wieder im Angesicht des nahen Zieles! Gegen
Mittag war endlich das letzte Hindernis überwunden und der Gipfel
erklommen. --
Die große That war gethan, -- was für unmöglich galt, war zur Thatsache
geworden, und außer dem Maulesel, der das Nitroglycerin verschlungen,
hatten wir bei dem ganzen Unternehmen keinen Mann verloren! Harris und
ich schritten stolz in den großen Speisesaal des Riffelberghotels, wo
wir unsere Alpenstöcke an die Wand lehnten.
Ja, die Bergbesteigung war vollendet -- aber im Gesellschaftsanzug
hätte ich sie doch nicht unternehmen sollen! Unsere Frackschöße
flatterten in Fetzen herab, die hohen Hüte hatten viele Knicke und der
Schmutz, mit dem wir von oben bis unten bespritzt waren, trug nicht
dazu bei, unsere Erscheinung wohlgefälliger zu machen.
Der freudige Willkommen, den uns die fünfundsiebzig Touristen im Hotel
entgegenbrachten -- es befanden sich eine Menge Damen und kleine Kinder
darunter -- entschädigte uns reichlich für alle ausgestandenen Leiden
und Entbehrungen. Jetzt trägt ein steinernes Denkmal die Jahreszahl der
Bergbesteigung, sowie die Namen der Teilnehmer, zur Erinnerung für alle
Touristen späterer Zeiten.
Noch höher als das Hotel erhebt sich der Gorner Grat, ein Felskamm,
der in schwindelnder Höhe über einem gewaltigen Gletscher hängt. Der
Aufstieg ist nicht ohne Gefahr, aber ich beschloß, ihn doch zu wagen!
Unter Aufsicht zweier Oberkellner ließ ich von meinen Leuten den ganzen
Weg entlang Stufen in den Felsboden hauen; auf diesen klomm ich dann,
an die Führer gebunden, zu der Höhe empor. Ein zweites Denkmal verewigt
mein tollkühnes Wagnis.
[Illustration]
Meine Aussicht auf den Monte-Rosa und die ganze übrige Alpenwelt war
wunderbar schön. Die großartigste Rundsicht eröffnete sich meinen
Blicken und zahllose Gletscher und Schneeberge türmten ihre Häupter
übereinander, als hätten dort Riesen ihre Zelte aufgeschlagen. Stolz
und einsam ragte nur der mächtige Felszahn des Matterhorns empor. Die
steilabfallenden Seiten waren mit Schnee bedeckt und der Gipfel in
dichte Wolken gehüllt, die sich dann und wann verzogen, so daß die
dunkle Masse wie durch einen dünnen Schleier hindurchschimmerte. Bald
darauf veränderte sich das Schauspiel und das Matterhorn sah einem
Vulkan nicht unähnlich; die ganze Spitze trat klar hervor und ungeheure
Massen weißen Gewölks schienen langsam herauszuquellen und sich
kräuselnd in schräger Richtung nach der Sonne emporzuwälzen, wie Berge
von Dampf und Dunst, die aus einem Krater aufsteigen. Kurz nachher
erschien die eine Seite des Felskegels unverhüllt und auf der andern
zogen dunkle Rauchwolken um die scharfen Felskanten herum, wie der
Qualm aus einem brennenden Gebäude. Das Matterhorn versteht sich auf
die Wirkung von Licht und Farben, und versucht fortwährend bald diese
bald jene malerische Zusammenstellung. Bei Sonnenuntergang scheint es
aus dem Dunkel, das die ganze niedere Welt einhüllt, wie ein feuriger
Finger gen Himmel zu deuten. Bei Sonnenaufgang -- ja, da soll es
wunderschön sein, wie ich mir habe sagen lassen.
Es ist erwiesen, daß man auf keinem zugänglichen Punkt der
Gletscherwelt eine solche Fülle von riesigen Bergformen und
schneebedeckten Alpenspitzen zu sehen bekommt, wie vom Gipfel des
Riffelbergs aus. Nachdem ich nun gezeigt habe, daß man bei gehöriger
Seelenstärke und verständiger Umsicht an dieses Ziel gelangen kann,
ist es Sache der Touristen, sich aneinander zu binden und die
Bergbesteigung zu wagen. --
Kinderspiele.
Bei meinen Alpenwanderungen traf ich einmal auf einen Trupp kleiner
Kinder, die sich ein höchst eigenartiges, sonderbares Spiel ausgedacht
hatten; das schien mir aber nur so, denn sie amüsierten sich auf eine
ganz natürliche und sehr bezeichnende Weise. Sie waren durch ein Seil
mit einander verbunden, trugen kleine Alpenstöcke und Eishacken und
erklommen einen niedrigen, bescheidenen Düngerhaufen unter Anwendung
aller erdenklichen Vorsicht und Sorgfalt. Der ›Führer‹ an der Spitze
des Zuges hackte zum Schein mit dem größten Fleiß Stufen in den Eisberg
ihrer Phantasie, und keiner der kleinen Affen rührte sich, bevor ihm
sein Vordermann nicht auf der höheren Stufe Platz gemacht hatte.
Wären wir länger stehen geblieben, wir hätten ohne Zweifel auch einen
schauerlichen Absturz mit angeschaut, hätten die kühnen Wanderer auf
dem Gipfel ihr lautes Hurra rufen hören, während sie die ›herrliche
Aussicht‹ bewunderten, und gesehen, wie sie sich mit Gebärden völliger
Erschöpfung auf der erhabenen Höhe niederwarfen, um auszuruhen.
In Nevada habe ich die Kinder oft ›Silbergraben‹ spielen sehen. Die
Hauptsache war dabei natürlich ein Unglücksfall im Bergwerk, bei dem
es zwei wichtige Rollen darzustellen gab: erstens, den Verunglückten,
der in den Schacht gestürzt ist, und zweitens, den kühnen Helden,
welcher in die Tiefe hinabgelassen wird, um jenen wieder ans Tageslicht
zu befördern. Ein kleiner Knirps, den ich kannte, bestand regelmäßig
darauf, beide Rollen zu spielen. Erst fiel er in den Schacht und
kam ums Leben, dann erschien er wieder auf der Oberfläche und stieg
abermals hinunter, um seine eigene Leiche zu holen.
Ueberall ist es der klügste Junge, der die Heldenrolle spielt. In
der Schweiz ist er der erste Führer, in Nevada der Obersteiger, in
Spanien der berühmteste Stierkämpfer u. s. w. Aber keine dieser
Rollen kommt doch an Würde und Größe derjenigen gleich, die sich
einmal ein siebenjähriger Pfarrerssohn meiner Bekanntschaft, Namens
Jimmy, ausgesucht hatte. Sein Vater verbot ihm an einem Sonntag,
Pferdebahnkutscher zu spielen, am nächsten Sonntag durfte er nicht
Kapitän eines Dampfboots sein, den folgenden Sonntag wurde ihm
untersagt, sein Kriegsheer in die Schlacht zu führen -- und so ging es
weiter. Endlich sagte das Söhnchen:
»Nun habe ich alles versucht, aber nichts war recht. Was _darf_ ich
denn spielen?«
»Das weiß ich nicht, Jimmy, aber du darfst nur etwas spielen, was für
den Tag des Herrn paßt.«
Am folgenden Sonntag trat der Pfarrer leise in die Kinderstube, um
zu sehen, ob die Kleinen auch nichts Ungehöriges trieben. Auf einem
Stuhl mitten im Zimmer hing Jimmys Mütze; eine der kleinen Schwestern
nahm die Mütze herunter, knabberte daran, reichte sie dann dem andern
Schwesterchen und sagte:
»_Iß von dieser Frucht, denn sie ist gut._«
Ach, die Kinder spielten die Vertreibung aus dem Paradiese -- das ward
dem würdigen Herrn mit Schrecken klar; ein Umstand beruhigte ihn aber
gewissermaßen: »Ich habe Jimmy doch unrecht gethan,« sagte er bei sich,
»solche Bescheidenheit hätte ich ihm nicht zugetraut; er hat sich
diesmal keine der Hauptrollen ausgesucht, weder Adam noch Eva.« Allein
auch dieser Trost wurde dem Vater bald genommen; er sah sich um und
entdeckte Jimmy, der mit ehrfurchtgebietender Haltung in einer Ecke
stand, die Stirn in finster drohende Falten gelegt. Was das zu bedeuten
hatte, ließ sich leicht erkennen -- _er stellte die Gottheit dar_.
* * * * *
Die erhabene Einfalt dieses Gedankens kann durch nichts übertroffen
werden.
Peinliche Ohrenmusik.
In den Gebirgsdörfern der Schweiz und sonst auf Weg und Steg schlägt
einem fortwährend das Rauschen der Wasserbäche ans Ohr. Man bildete
sich ein, es sei Musik und fühlt sich poetisch gestimmt; legt man sich
ins Bett, so wird man davon in Schlaf gelullt. Aber allmählich wird
es einem doch zu viel, man kann das Geräusch nicht mehr los werden;
selbst in Einöden, wo die tiefste Stille herrscht, summt einem ein
dumpfes, fernes Geräusch in den Ohren, ähnlich dem Gefühl, das man beim
Anlegen einer großen Seemuschel ans Ohr empfindet. Man weiß anfangs
gar nicht, wie es kommt, daß man so schläfrig und zerstreut ist, warum
die Gedanken unfähig sind, einen Gegenstand festzuhalten oder zu
verfolgen; setzt man sich zum Schreiben hin, so fallen einem die Wörter
nicht ein; man vergißt, was man schreiben wollte, und sitzt da mit der
Feder in der Hand, den Kopf zurückgebeugt, mit geschlossenen Augen
und horcht peinlich auf ein dumpfes Brausen, wie das eines entfernten
Eisenbahnzuges. Im festesten Schlaf läßt diese Spannung nicht nach, man
horcht immer, horcht fortwährend, horcht mit ängstlicher Genauigkeit
und endlich wacht man auf, gepeinigt, gereizt und unerfrischt.
Man kann sich diese Zustände gar nicht erklären. Tag für Tag ist es
einem zu Mut, als wenn man die Nächte in einem Schlafwagen zugebracht
hätte. Es dauert in der That wochenlang, bis man dahinterkommt, daß die
ewigen Gießbäche und Gebirgsquellen an dieser Qual schuld sind. Jetzt
ist es aber hohe Zeit, die Schweiz zu verlassen; denn sobald man die
Ursache kennt, steigert sich die Qual ums zehnfache. Das Rauschen ist
zum wahnsinnig werden, sobald die Phantasie mitwirkt; man leidet dann
die empfindlichsten physischen Schmerzen. Sobald man sich einem dieser
rauschenden Bäche nur nähert, möchte man vor Angst schleunigst Reißaus
nehmen und wie vor einem Feinde fliehen.
* * * * *
Acht oder neun Monate, nachdem ich die Qual jener Sturzbäche
losgeworden war, wurde ich infolge des brausenden und donnernden Lärms
in den Straßen von Paris von neuem davon ergriffen. Ich zog daher in
den obersten Stock des Hotels, um Ruhe zu suchen. Gegen Mitternacht
ließ das Getöse etwas nach und ich war schon im Begriff einzuschlafen,
als ich ein neues sonderbares Geräusch vernahm. Ich horchte: offenbar
führte irgend ein verrückter Mensch einen Matrosentanz in dem Zimmer
über dem meinigen auf. Ich mußte natürlich warten, bis er fertig war.
Während fünf langen, langen Minuten fuhr er mit dem schleifenden,
walzenden Tanz fort, -- dann erfolgte eine Pause, und dann fiel etwas
mit einem schweren Plumps auf den Boden. Ich sagte mir: »Jetzt zieht er
die Stiefel aus, jetzt ist er -- gottlob! -- fertig!«
Wieder eine kleine Pause, und er setzte von neuem das Tanzen fort!
Da sagte ich mir: »Wahrscheinlich probiert er, ob es auch mit einem
Stiefel am Fuß geht!« Bald kam wieder eine Pause, und wieder ein
Plumps auf den Boden. Ich sagte mir: »Gut; er hat den zweiten Stiefel
ausgezogen, jetzt ist er fertig.« Im nächsten Augenblick fing das
Schleifen und Walzen wieder an.
»Hol’ ihn der Kuckuck! jetzt geht es in den Pantoffeln weiter!« Nach
einiger Zeit trat wieder die alte Pause ein, und gleich darauf erfolgte
der besagte Plumps auf den Boden noch einmal. »Hol’ ihn der Henker!«
sagte ich, »der hat zwei Paar Stiefel angehabt!«
[Illustration]
Während einer ganzen Stunde fuhr dieser Hexenmeister fort zu tanzen und
Stiefel auszuziehen, bis er mindestens fünfundzwanzig Paar abgeworfen
hatte, und mein Zustand schon an die äußersten Grenzen des Wahnsinns
streifte.
Ich nahm mein Gewehr und schlich mich die Treppe hinauf. Der Kerl
stand da, inmitten eines ganz mit Stiefeln besäten Zimmers, er hatte
noch einen Stiefel in der Hand, und er walzte -- nein: -- er _wichste_
den Stiefel, wollte ich sagen. Er hatte nicht getanzt. -- Er war der
_Hausknecht_ des _Hotels_ und ging seinem Geschäfte nach.
Die Schrecken der deutschen Sprache.
Ich war oft im Heidelberger Schloß, um die daselbst befindliche
Kuriositätensammlung zu besichtigen und eines Tages überraschte ich
den Besitzer derselben mit meinem _Deutsch_, das ziemlich seltsam
lauten mochte. Er war sehr aufmerksam, und nachdem ich eine Zeitlang
gesprochen hatte, äußerte er, mein Deutsch sei ganz seltener Art,
vielleicht ein ›Unikum‹, er möchte es gerne seinem Museum einverleiben.
Hätte er gewußt, was die Erwerbung meiner Fertigkeit mich gekostet
hatte, so würde er auch gewußt haben, daß deren Anschaffung einen
jeden Sammler zu Grunde richten müßte. Mein Freund Harris und ich
hatten damals mehrere Wochen lang tüchtig an unserm Deutsch gearbeitet,
und obwohl wir gute Fortschritte machten, hatten wir doch unser Ziel
nur unter großen Schwierigkeiten und Plackereien erreicht, denn drei
von unsern Lehrern waren darüber gestorben. Wer nicht selbst deutsch
gelernt hat, kann sich keine Vorstellung davon machen, was das für eine
verzwickte Sprache ist.
[Illustration]
Es giebt gewiß keine andere Sprache auf der Welt, die so systemlos
ist, so schlüpfrig und aalglatt, wenn man sie fassen will. Man
treibt darin umher wie in einem brandenden Meer, bald hierhin, bald
dorthin, in der elendesten Hilflosigkeit, und wenn man einmal glaubt,
eine Regel gefunden zu haben, welche festen Grund bietet, um einen
Augenblick in dem allgemeinen Wirrwarr und Tumult der zehn Redeteile
auszuruhen, so vernimmt man in der Grammatik: »Der Schüler gebe acht
auf folgende Ausnahmen.« Ein Blick auf diese zeigt ihm, daß deren mehr
sind, als Beispiele für die Regel selbst. So wird er hoffnungslos
wieder über Bord geschleudert, um nach einem neuen Berg Ararat zu
jagen und statt dessen eine neue Sandbank zu finden. Dies sind die
Erfahrungen, die ich gemacht habe und noch fortwährend mache. So oft
ich glaube, ich habe einen von den vier vertrakten ›Kasus‹ richtig
gepackt, schleicht sich eine anscheinend bedeutungslose Präposition
in meinen Satz hinein, die mit einer furchtbaren ungeahnten Macht
ausgerüstet ist, und zerbröckelt mir den Boden unter den Füßen. Z.
B. fragt mein Lesebuch nach einem Vogel (es fragt immer nach Dingen,
die für keinen Menschen irgend welchen Wert haben): »~Where is the
bird?~«[3] -- Die Antwort auf die Frage lautet nach dem Buch: »~The
bird is waiting in the blacksmith shop on account of the rain.~«[4]
Selbstverständlich würde das keinem Vogel einfallen, allein das mußt
du mit dem Buch ausmachen. Also, ich mache mich daran, die deutsche
Uebersetzung dieser Antwort herauszuklauben. Ich muß dabei notwendig
am verkehrten Ende anfangen, so will es der deutsche Gedankengang.
Ich sage mir: Regen ist männlichen Geschlechts -- oder vielleicht auch
weiblich oder möglicherweise sächlich -- darnach zu schauen, ist mir
jetzt zu umständlich. Je nach dem Geschlecht nun, das sich schließlich
herausstellt, heißt ~the rain~ entweder _der_ Regen oder _die_ Regen
oder _das_ Regen. Im Interesse der Wissenschaft will ich die Annahme
zu Grunde legen, das Wort sei männlichen Geschlechts. Gut! Dann heißt
~the rain~ ›_der_ Regen‹, falls derselbe einfach in ruhendem Zustand
erwähnt wird ohne nähere Erörterung, also _Nominativ_; ist jedoch
dieser Regen überall rings auf dem Boden angelangt, dann ist er an eine
bestimmte Oertlichkeit gebunden, er _thut_ etwas, nämlich _ruhen_ (in
der deutschen Grammatik wird dies unter die Thätigkeiten gerechnet)
und dies versetzt den Regen in den _Dativ_, so daß er zu ›_dem_ Regen‹
wird. Allein dieser Regen hat noch keine Ruhe, sondern entwickelt eine
_aktive_ Thätigkeit -- er fällt nieder -- vermutlich dem Vogel zum
Aerger -- dies zeigt Bewegung an und hat die Folge, daß das Wort in den
_Accusativ_ geschoben und dadurch aus _dem_ Regen ›_den_ Regen‹ wird.
[3] »Wo ist der Vogel?«
[4] »Der Vogel wartet in der Hufschmiede wegen des Regens.«
Nachdem ich mit der Befragung des Schicksals über diesen Punkt zu Ende
bin, antworte ich keck darauf los und sage auf deutsch: »Der Vogel
wartet in der Hufschmiede _wegen den_ Regen.« Der Lehrer dämpft darauf
sanft meine Freude mit der Bemerkung, daß, wo das Wörtchen _wegen_ in
einem Satz vorkommt, es das abhängige Wort in den _Genitiv_ versetze,
möge daraus entstehen, was da wolle -- und daß deshalb dieser Vogel in
der Schmiede gewartet habe ›wegen _des_ Regens‹.
~NB.~ Später erfuhr ich von einer höheren Autorität, daß es
eine ›Ausnahme‹ gäbe, die einem unter gewissen, besonderen,
verwickelten Umständen gestatte, zu sagen, wegen _den_ Regen,
es komme jedoch diese Ausnahme ganz allein bei diesem Wort vor.
* * * * *
Von der Schwierigkeit dieser Sprache kann die nächste beste
Zeitung überzeugen. Ein Normalsatz in einer deutschen Zeitung ist
eine überraschende Merkwürdigkeit; er nimmt eine Viertelseite ein
und enthält sämtliche Redeteile dieser Sprache, nicht in einer
geregelten Ordnung, sondern durcheinander. Er besteht hauptsächlich
aus zusammengesetzten Wörtern, von dem Verfasser eigens für seinen
Zweck gebaut und nirgends im Wörterbuch zu finden; oft sechs bis
sieben Worte an einem Stücke ohne Nähte und Einschnitte; der Satz
handelt von 14 bis 15 verschiedenen Gegenständen, von denen jeder
einen Zwischensatz bildet, bisweilen schließt ein Hauptzwischensatz
mehrere kleinere ein und damit sie nicht auseinander fallen, werden
sie zum Teil mit Klammern zusammengehalten; -- _nach alledem_ kommt
endlich das Zeitwort, woraus man erst klug wird, was der Verfasser
eigentlich sagen wollte; nach dem Zeitwort schließt der Verfasser --
wie mir scheint, lediglich aus dekorativer Spielerei -- mit den Wörtern
›haben zu sein‹, ›gewesen sein dürften‹, oder ähnlich. Vermutlich ist
dieser Schlußknalleffekt so etwas wie der Schnörkel, den man unter
seine Unterschrift zu machen pflegt; was nicht gerade nötig ist, aber
hübsch aussieht. Ich rate zum bessern Verständnis, deutsche Bücher so
zu lesen, daß man sie vor den Spiegel hält oder auf den Kopf stellt,
damit die Konstruktion umgekehrt erscheint; aber deutsche Zeitungen zu
lesen, wird dem Fremden stets eine unerreichbare Kunst bleiben. Ich
will mich zum Beweis des Gesagten auf ein Beispiel aus einem deutschen
Buche, einer anerkannt guten Novelle, beschränken. »Wenn er aber auf
der Straße der in Sammt und Seide gehüllten, jetzt sehr ungeniert nach
der neuesten Mode gekleideten Regierungsrätin begegnete?« So steht es
in Marlitts ›Geheimnis einer alten Mamsell‹. Man wird bemerkt haben,
wie weit das Zeitwort von der Operationsbasis des Lesers entfernt ist.
In den Zeitungen ist das noch weit schlimmer, da steht das Zeitwort
immer erst auf der nächsten Spalte, und mir wurde gesagt, es käme oft
vor, daß der Verfasser eines Artikels, der sich ein bis zwei Spalten
lang mit Einreihungen und Zwischensätzen aufgehalten hat, sich am Ende
so beeilen muß, daß der Satz ohne Zeitworte in die Druckpresse geht.
Dann sind natürlich die Leser übel dran.
In unserer Litteratur spukt diese Einschachtelungsmanie ebenfalls
und es lassen sich jeden Tag Beispiele dafür in unsern Büchern und
Zeitungen finden; allein bei uns ist dieselbe ein Kennzeichen davon,
daß es dem Schriftsteller an Gewandtheit oder an klarem Verstande
fehlt, während sie bei den Deutschen schriftstellerische Uebung und
das Vorhandensein einer Art von lichtvollem Verstandsnebel verrät,
der bei diesen Leuten für Klarheit gilt. Denn Klarheit ist dies ganz
gewiß nicht, das kann schlechterdings nicht sein. Es muß vielmehr
recht wirr, recht vertrakt und verkehrt in eines Schriftstellers Kopfe
aussehen, wenn er einen Anlauf nimmt, um zu sagen, daß jemand einer
Regierungsrätin auf der Straße begegnet, und dann gerade mitten in
diesem so einfachen Unternehmen die beiden Begegnenden anhält und
stehen läßt, bis er den Anzug der Dame bis ins kleinste ausgemalt hat.
Dies ist handgreiflicher Unsinn.
Man denkt dabei unwillkürlich an jene Zahnärzte, die, nachdem sie
den Zahn mit der Zange gefaßt und einen dadurch in den höchsten Grad
atemloser Spannung versetzt haben, sich hinstellen und einem in aller
Behaglichkeit eine langweilige Geschichte vorkauen, ehe sie den
gefürchteten Ruck thun. In der Litteratur und beim Zahnausziehen sind
Einschaltungen gleich übel angebracht.
Einer der deutschen Klassiker ist G. E. Lessing, und in einem seiner
Hauptwerke, dem ›Laokoon‹, habe ich folgenden Satz gefunden, der in
der That von der geradezu klassischen Art und Weise, wie hier die
Einschaltungen angebracht sind, ein beredtes Zeugnis ablegt. Der Satz
findet sich im 12. Band der Lessingausgabe und lautet:
»Wenn also der Graf Caylus die Gemälde der unsichtbaren
Handlungen in unzertrennter Folge mit den sichtbaren fortlaufen
läßt; wenn er in den Gemälden der vermischten Handlungen, an
welchen sichtbare und unsichtbare Wesen teil nehmen, nicht
angiebt und vielleicht nicht angeben kann, wie die letztern,
welche nur wir, die wir das Gemälde betrachten, darin entdecken
sollten, so anzubringen sind, daß die Personen des Gemäldes sie
nicht sehen, wenigstens sie nicht notwendig sehen zu müssen
scheinen können: so muß notwendig sowohl die ganze Folge,
als auch manches einzelne Stück dadurch äußerst verwirrt,
unbegreiflich und widersprechend werden.«
Es wurde mir versichert, daß solche Sätze das Entzücken der deutschen
Juristen sind, welche sich mit Eifer und Erfolg bemühen, in ihren
Urteilsbegründungen es der Klassicität Lessings gleich zu thun oder sie
noch zu übertreffen.
* * * * *
Die Deutschen haben in ihrer Sprache eine Art von Parenthese, welche
sie durch das Auseinanderreißen eines Zeitworts in zwei Teile erzielen,
wovon der eine am Anfang eines spannenden Kapitels steht, der andre
am Schluß desselben. Kann man sich etwas Verwirrenderes denken? Die
deutsche Sprache wimmelt von solchen trennbaren Zeitwörtern und je
weiter die beiden Teile in einem Schriftstück auseinander kommen, desto
mehr freut sich der Urheber eines solchen Verbrechens seiner That. Ein
Lieblingsspiel dieser Art wird mit dem Wort ›reiste ab‹ getrieben. Hier
ein Beispiel aus einer Novelle:
»Er _reiste_, als die Koffer fertig waren und nachdem er Mutter und
Schwester geküßt und nochmals sein angebetetes, einfach in weißen
Muslin gekleidetes, mit einer frischen Rose in den sanften Wellen ihres
reichen braunen Haares geschmücktes Gretchen, das mit bebenden Gliedern
die Treppe herabgewankt war, um noch einmal sein armes gequältes Haupt
an die Brust desjenigen zu legen, den es mehr liebte, als das Leben
selber, ans Herz gedrückt hatte, -- _ab_.«