Der Ton dieser Worte fiel meinem Reisebegleiter Harris auf; er blickte

mich an, und als er sah, was in meinen Augen geschrieben stand,

wurde er sichtlich bleich und stammelte: »Rede!« -- worauf ich mit

erkünstelter Ruhe erwiderte: »Ich will den Riffelberg ersteigen!«

-- Mein armer Freund fiel vor Schreck jählings vom Stuhl, als hätte

ich ihn totgeschossen. Er beschwor mich, meine Absicht aufzugeben,

-- inniger kann kein Sohn seinen Vater bitten, -- ich aber blieb

taub gegen sein Flehen. Als er endlich sah, daß mein Entschluß

unerschütterlich war, gab er sein Drängen auf, und nur das bitterliche

Schluchzen, das sich seiner Brust entrang, unterbrach eine zeitlang

unser tiefes Schweigen. Unbeweglich wie ein Marmorbild saß ich da und

starrte ins Leere. -- Im Geiste kämpfte ich schon mit allen Gefahren

des wilden Gebirges, während mein Freund mit von Thränen umflorten

Augen voll staunender Bewunderung nach mir hinblickte. Endlich fiel

er mir gerührt um den Hals und rief mit überströmendem Gefühl: »Dein

Harris wird dich nie verlassen, laß uns zusammen sterben!« -- Laut

pries ich hierauf die standhafte Treue meines Freundes und am Ende

hatte er bald alle Furcht vergessen und brannte vor Begierde, sich in

das Abenteuer zu stürzen. Er wollte sogleich die Führer zum Aufbruch

um 2 Uhr morgens bestellen; ich aber machte ihm klar, daß wir ja um

diese Zeit keine Zuschauer haben würden und daß der Aufbruch bei

Nacht in der Regel nicht im Dorfe stattfindet, sondern erst nach dem

ersten Nachtquartier im Gebirge. Ich sagte ihm, wir wollten Zermatt

am nächsten Tage zwischen 3 und 4 Uhr nachmittags verlassen; bis

dahin hätten wir Zeit, mit den Führern alles zu besprechen und die

Aufmerksamkeit des Publikums auf unser Unternehmen zu lenken. Dann

ging ich zu Bett, aber ohne Ruhe zu finden! Wer eine dieser großen

Alpenbesteigungen vorhat, kann niemals schlafen, und so warf ich mich

denn wie im Fieber die ganze Nacht auf meinem Lager hin und her. Ich

war daher herzlich froh, als ich die Uhr halb zwölf schlagen hörte. Es

war hohe Zeit aufzustehen und sich zum Mittagessen anzukleiden. Ganz

ermattet und wie zerschlagen trat ich um zwölf Uhr in den Speisesaal.

Die große Nachricht mußte sich herumgesprochen haben, denn ich bildete

bald den Mittelpunkt für die Neugier und das Interesse der Gäste. Es

ist sehr schmeichelhaft, als Löwe des Tages zu gelten, -- wenn man

dabei seine Mahlzeit in Ruhe verzehren könnte!

Wie es in Zermatt üblich, wenn eine große Besteigung von dort aus

unternommen wird, lassen Einheimische und Fremde ihre eigenen Pläne

für den Augenblick fallen, um von einem guten Platz aus den Aufbruch

der Expedition beobachten zu können. Dieselbe bestand aus 198 Personen

mit Einschluß der Maulesel, und aus 205 mit Einschluß der Kühe. Es

wurde 4 Uhr nachmittags, bis der ganze Zug in Ordnung war und sich

in Bewegung setzen konnte, dann bot er aber auch das großartigste

Schauspiel, das Zermatt je gesehen.

Ich befahl dem ersten Führer, Menschen und Tiere hintereinander in

Zwischenräumen von zwölf Fuß in einer Reihe aufzustellen und sie alle

zusammen durch ein starkes Seil zu verbinden. Seine Einwendung, daß

die zwei ersten Meilen des Weges ganz eben seien und man das Seil nur

an gefährlichen Stellen brauche, ließ mich kalt; denn meine Bücher

hatten mich gelehrt, daß viele der schlimmsten Unfälle in den Alpen nur

aus dem Umstand entspringen, daß sich die Leute nicht rechtzeitig an

einander binden. Durch meine Schuld sollte die Liste der Verunglückten

nicht vergrößert werden.

Als der Zug nun fertig dastand, durch das Seil verknüpft und

marschbereit, war der Anblick ganz prächtig!

Er nahm eine Länge von 3122 Fuß ein, -- mehr als eine halbe Meile

-- außer mir und Harris waren alle zu Fuß; jeder trug einen grünen

Schleier, eine blaue Brille, einen weißen Mullstreifen um den Hut, das

zusammengewickelte Seil über der Schulter und die Eishacke im Gürtel.

Die linke Hand umschloß den Alpenstock, die rechte den zugemachten

Regenschirm, und hinten waren die Krücken aufgeschnallt; Edelweiß und

Alpenrosen schmückten die Hörner der Kühe und das Gepäck auf dem Rücken

der Lasttiere.

[Illustration]

Wir nahmen den gefährlichsten Posten ein, ganz hinten, und jeder von

uns war mit fünf Führern verbunden. Unsere Träger hatten sich mit

unseren Eishacken, Alpenstöcken und der übrigen Ausrüstung beladen,

während wir selbst auf unseren kleinen Eseln saßen. Wir hatten sehr

kleine gewählt, damit wir, wenn Gefahr drohte, die Beine ausstrecken,

uns auf den Boden stellen und den Esel unter uns weglaufen lassen

konnten. Ich kann jedoch dieses Tier nicht empfehlen, wenigstens

nicht zu derartigen Ausflügen, weil es einem mit seinen Ohren die

Aussicht versperrt. Obgleich wir beide, ich und mein Begleiter, das

vorschriftsmäßige Bergsteigerkostüm besaßen, hatten wir es doch zu

Hause gelassen, und aus Hochachtung für die zahlreichen Touristen

beiderlei Geschlechts, die uns abmarschieren sahen, sowie aus Rücksicht

für alle diejenigen, welchen wir unterwegs begegnen könnten, Fräcke

angezogen. Um ein viertel auf fünf Uhr gab ich den Befehl zum Abmarsch,

und meine Untergebenen trugen ihn schnell die ganze Linie entlang.

Da brach die Zuschauermenge, die vor dem Monte Rosa-Hotel Spalier

stand, in lautes Hurra aus, worauf ich zum Gegengruß kommandierte:

»Stillgestanden, -- Achtung -- Hoch!« -- Bei letzterem Wort flogen

alle Regenschirme auf der ganzen halben Meile mit einemmale in die

Höhe! -- Es war ein herrliches Schauspiel, wie solches in den Alpen nie

zuvor gesehen worden war, und eine vollständige Ueberraschung für die

Zuschauer, die nun in einen wahren Beifallssturm ausbrachen. Ich ritt

mit abgezogenem Hut an ihnen vorbei, um meinen Gefühlen Ausdruck zu

geben; es auf andere Weise zu thun, war ich außer stande, da ich vor

Rührung nicht sprechen konnte.

Wir tränkten die Karawane an dem kalten Strom, der am Ende des Dorfes

durch eine Röhrenleitung floß, und ließen bald darauf die Stätten

der Zivilisation hinter uns. Gegen halb sechs Uhr erreichten wir die

Brücke, welche sich über den Vispfluß wölbt, und schickten zuerst

eine Abteilung hinüber, um ihre Sicherheit zu prüfen, dann folgte

die ganze Karawane ohne Unfall. Der Weg führte nun in allmählicher

Steigung über grüne Matten bis zur Kirche von Winkelmatten. Ohne dieses

Gebäude näher in Augenschein zu nehmen, machte ich eine Schwenkung nach

rechts und überschritt die Brücke über den Findelenbach, nachdem ihre

Tragfähigkeit untersucht worden war. Dann wendete ich mich abermals zur

Rechten, und erreichte bald eine zweite Strecke Wiesenland, an dessen

äußerstem Ende einige verfallene Hütten standen.

Der Platz war wie geschaffen zum Bivouakieren; wir schlugen daher

unsere Zelte auf, speisten zu Abend und stellten die nötigen Wachen

aus. Nachdem wir noch die Ereignisse des Tages verzeichnet hatten,

legten wir uns schlafen. Um 2 Uhr morgens standen wir wieder auf und

zogen uns bei Licht an, wobei uns recht frostig und unbehaglich zu

Mute war. Nur wenige Sterne leuchteten am dunkeln Himmel und der große

Kegel des Matterhorns war in schwarze Wolkenmassen gehüllt. Da unser

Hauptführer fürchtete, daß wir Regen bekämen und zum Aufschub riet,

warteten wir. Gegen neun Uhr brachen wir bei ziemlich klarem Wetter

auf.

Der Weg führte nun zu schrecklich steilen Höhen hinauf, die dicht mit

Lärchen- und Arvenbäumen bedeckt waren. Das Erdreich war vom Regen

ganz aufgeweicht, auch lagen viele lose Steine umher. Die Gefahr

und Unbequemlichkeit der Wanderung wurde überdies noch durch die

zahlreichen Touristen vermehrt, die uns auf ihrem Rückweg zu Pferd

oder zu Fuß entgegen kamen, während andere Touristen, im Hinaufsteigen

begriffen, rasch an uns vorbei wollten und uns überall drängten und

stießen.

Aber es sollte noch schlimmer kommen: eine Stunde später riefen alle

siebzehn Führer plötzlich Halt! und traten zu einer Beratung zusammen.

Nachdem diese eine geraume Zeit gedauert hatte, erklärten sie, daß wir

uns aller Wahrscheinlichkeit nach verirrt hätten. Ich fragte, ob sie

es denn nicht bestimmt wüßten, worauf sie erwiderten, sie könnten das

nicht mit vollständiger Gewißheit behaupten, da noch keiner von ihnen

je zuvor in dieser Gegend gewesen sei. Wenn sie es aber auch nicht

beweisen könnten, so sage ihnen doch ihr Gefühl, daß sie sich verirrt

hätten; auch hielten sie es für ein verdächtiges Zeichen, daß uns so

lange keine Touristen begegnet seien.

Da saßen wir schön in der Patsche.

Der besseren Sicherheit wegen bewegten wir uns nur langsam und

bedächtig vorwärts, da der Wald sehr dicht war; auch stiegen wir

nicht in die Höhe, sondern zogen um den Berg herum, in der Hoffnung

unsere alte Spur wieder aufzufinden. Mit Einbruch der Nacht kamen

wir, todmüde, vor einem haushohen Felsen an, bei dessen Anblick den

Leuten vollends der Mut sank, und Furcht und Verzweiflung die Oberhand

gewannen. Sie schluchzten, weinten und klagten, daß sie ihre Heimat und

ihre Lieben nie wiedersehen würden, und ergingen sich in Verwünschungen

gegen mich, den Urheber dieses verhängnisvollen Unternehmens, ja

einzelne brachen sogar in Drohungen aus!

Nun galt es keine Schwäche zu zeigen! Ich hielt eine Rede, in der ich

bewies, daß schon vor uns andere Alpenbesteiger in ähnlich gefahrvolle

Lage geraten seien, sich aber durch Mut und Ausdauer glücklich daraus

befreit hätten. Ich versprach ihnen Beistand und Rettung aus der Not,

stellte ihnen vor, daß wir auf lange hinaus mit Lebensmitteln versehen

seien, und schloß mit dem Ausdruck der zuversichtlichen Hoffnung,

daß die Bewohner von Zermatt nicht eine ganze Schar von Menschen

verschwinden lassen würden, ohne in kürzester Frist eine Expedition zu

ihrer Hilfe auszurüsten.

Die Rede verfehlte ihre Wirkung nicht; die Leute schlugen willig ihre

Zelte auf und lagen bald in süßem Schlummer. Nur Harris und ich blieben

wach; denn ich hätte mir nie gestattet, bei so drohender Gefahr zu

schlafen -- ich fühlte mich verantwortlich für die vielen Menschenleben

und wollte zur Hand sein, wenn die Lawinen heruntergestürzt kämen.

Jetzt weiß ich allerdings, daß in jener Gegend keine Lawinen vorkommen,

aber damals war ich noch im Dunkel darüber.

Die ganze Nacht hindurch machten wir Wetterbeobachtungen und ich

verwandte kein Auge von dem Barometer, um jede auch noch so geringe

Veränderung zu bemerken; aber ich nahm die ganze Zeit über auch nicht

den leisesten Wechsel wahr. Welchen Trost mir das freundliche und

ermutigend beständige Instrument in dieser Zeit der Not gewährte,

läßt sich nicht in Worte fassen! Daß der Barometer schadhaft war und

nur noch seinen unbeweglichen Metallzeiger besaß, entdeckte ich erst

später; aber wenn ich je wieder in eine ähnliche Lage gerate, wünsche

ich mir keinen anderen Barometer als diesen.

Am nächsten Morgen war die ganze Gesellschaft um zwei Uhr beim

Frühstück, und sobald es hell genug war, banden wir uns wieder mit dem

Seil zusammen und begannen den Angriff auf den Felsen. Zuerst warfen

wir das Hakenseil aus, und Harris versuchte daran in die Höhe zu

klimmen, aber der Haken hielt nicht fest! Mein Begleiter hätte sich

beim Fallen sicherlich zum Krüppel geschlagen, wenn nicht ein Mann

zufällig gerade unter ihm gestanden hätte. So war es der letztere,

der von dem Unglück betroffen wurde. Hierauf befahl ich das Hakenseil

beiseite zu legen. Es war zu gefährlich, wo so viele Leute herumstanden.

[Illustration]

Nun wußten wir nicht aus noch ein, bis zum Glück jemand an die Leitern

dachte. Wir lehnten eine derselben an den Felsen, die Leute stiegen

paarweise hinauf und vermittelst einer zweiten Leiter, die sie mit

sich in die Höhe zogen, auf der andern Seite wieder hinunter. Nach

Verlauf einer halben Stunde waren alle jenseits wieder auf ebener Erde

und der Fels war bezwungen, worüber wir in ein lautes Triumphgeschrei

ausbrachen! -- Die Freude war jedoch nicht von langer Dauer, denn nun

entstand die Frage, wie wir die Tiere hinüberschaffen sollten!

Bei dieser neuen Schwierigkeit, ja Unmöglichkeit, verloren alle

sogleich wieder den Mut und abermals drohte eine Panik auszubrechen.

Im Augenblick höchster Gefahr wurden wir jedoch auf die wunderbarste

Weise gerettet: ein Maulesel, der von Anfang an große Neigung zu

Experimenten gezeigt hatte, versuchte ein Gefäß mit fünf Pfund

Nitroglycerin zu verschlucken und zwar in nächster Nähe des Felsens.

Eine entsetzliche Explosion erfolgte; alle wurden zu Boden geworfen und

mit Erde und Felstrümmern bedeckt. Als wir aufstanden war zu unserer

großen Freude der Felsen verschwunden. Wo er gestanden hatte, öffnete

sich ein Loch von dreißig Fuß Breite und ungefähr fünfzehn Fuß Tiefe,

das wir nur zu überbrücken brauchten, um unsern Weg fortsetzen zu

können. Mit kräftigem Hurraruf machten sich die Leute ans Werk. Ich

beaufsichtigte die Ingenieurarbeit selbst. Es galt, Bäume zu fällen

und Brückenpfeiler daraus zu machen, was gar kein leichtes Geschäft

war, da die Eishacken nur schlechte Dienste beim Holzhauen leisteten.

Die Pfeiler wurden dann reihenweise in die Grube eingerammt, sechs

von meinen vierzig Fuß langen Leitern darüber gelegt und sechs andere

quer über diese. Auf das Ganze breiteten wir eine dichte Lage von

Baumzweigen und schütteten eine sechs Zoll hohe Schicht Erde darüber.

Statt des Geländers wurde an jeder Seite ein Seil gespannt. Die nun

vollendete Brücke erwies sich als so haltbar, daß ein Zug Elefanten sie

bequem und sicher hätte passieren können.

Vor Einbruch der Nacht war die ganze Karawane drüben.

Am nächsten Morgen waren anfangs alle guten Mutes, trotz des steilen

und steinichten Weges, der durch dichten Wald führte und auf dem wir

nur langsam und mühsam vorwärts kamen. Bald aber malte sich tiefe

Niedergeschlagenheit in allen Mienen, und niemand, nicht einmal die

Führer, waren länger in Ungewißheit darüber, daß wir fortgesetzt in

der Irre gingen. Der vollständige Mangel an vorbeiwandernden Touristen

sprach nur zu deutlich; und vollends ein untrügliches Zeichen, auf

wie schlimmen Irrwegen wir uns befanden, war es, daß wir auf keine

der Expeditionen stießen, die längst aufgebrochen sein mußten, um uns

aufzusuchen.

Um dem Geist gänzlicher Entmutigung, der immer mehr um sich griff,

entgegen zu wirken, galt es zu handeln, und zwar ohne Zögern. Um

Auskunftsmittel bin ich selten verlegen und auch jetzt verfiel ich

auf eines, das allen einleuchtete und den besten Erfolg versprach:

ich nahm ein dreiviertel Meilen langes Seil, band ein Ende desselben

einem Führer um den Leib und befahl ihm, den richtigen Weg aufzusuchen,

während die Karawane an Ort und Stelle wartete. Mißlang es ihm,

so konnte er sich am Seil wieder zu uns zurückfinden; glückte es

ihm aber, so sollte er tüchtig an dem Seil zerren, worauf wir uns

sogleich aufmachen würden, um ihm zu folgen. Der Führer verließ uns

und verschwand bald im Schatten der Bäume. Ich wickelte das Seil ab,

während die andern dessen Windungen aufmerksam beobachteten -- bald

kroch es langsam dahin -- bald schneller; zwei- oder dreimal glaubten

wir schon das Zeichen zu sehen, aber immer hatten wir uns geirrt und

das Triumphgeschrei blieb den Leuten in der Kehle stecken. Endlich,

als schon über eine halbe Meile von dem Seil abgewickelt war, hörte

es plötzlich auf, sich zu bewegen -- es lag ganz still -- eine Minute

verging, zwei -- drei Minuten -- wir hielten den Atem an! Machte der

Führer vielleicht eine Ruhepause? Suchte er sich von einem hohen Punkt

aus in der Gegend zu orientieren? Zog er Erkundigungen bei einem

Bergbewohner ein, der ihm zufällig begegnete? Oder -- war er am Ende

gar vor Angst und Ermattung zusammengesunken? --

Diese letzte Möglichkeit erschütterte mich tief; ich war eben im

Begriff, ihm eine Abteilung zu Hilfe nachzuschicken, als plötzlich mit

so heftigem Ruck an dem Seil gezerrt wurde, daß es mir fast aus der

Hand flog!

Das laute ›Hurrah‹, das ertönte, that meinem Herzen wohl, und:

»Gerettet, gerettet!« klang es von einem Ende der Karawane bis zum

andern.

Wir brachen sofort auf; eine Zeitlang war der Weg ganz leidlich, dann

wurde er jedoch immer schwieriger. Nachdem wir ungefähr eine halbe

Meile zurückgelegt hatten, erwarteten wir jeden Augenblick, den Führer

zu Gesicht zu bekommen, doch zeigte sich keine Spur von ihm und es ließ

sich nicht einmal annehmen, daß er irgendwo auf uns warte, da sich das

Seil noch immer fortbewegte. Hieraus schlossen wir, daß er den Weg doch

noch nicht gefunden habe, aber vermutlich von irgend einem Landmann

dahingeführt werde. Uns blieb nichts übrig, als weiter zu schreiten.

Nach Verlauf von drei Stunden schritten wir noch eben so weiter. Es war

nicht bloß rätselhaft, es war zum verzweifeln. Obendrein wurden unsere

Kräfte vollständig erschöpft, zumal wir anfangs uns ganz unnütz beeilt

hatten, den Führer einzuholen.

Um drei Uhr nachmittags waren wir halb tot vor Erschöpfung, und noch

immer glitt das Seil dahin! -- Das Murren gegen den Führer wurde

lauter und lauter und brach zuletzt in wilde Verwünschungen aus! Die

Leute weigerten sich, einen Schritt weiterzugehen und behaupteten,

wir seien den ganzen Tag immer in der Runde marschiert, ohne von der

Stelle zu kommen. Zuletzt verlangten sie, ich solle das Ende des Seils

an einem Baum festbinden, damit der Führer stillstehen müsse, und sie

ihn umbringen könnten! Dies schien mir recht und billig und ich gab

sogleich den nötigen Befehl. --

Kaum war das Seil angebunden, als die Expedition sich mit einem

Eifer in Bewegung setzte, wie ihn nur der Rachedurst einflößen kann.

Wir waren wohl eine halbe Meile marschiert, als wir einen Hügel

erreichten, der ganz mit Steingeröll bedeckt und so steil war, daß

kein einziger mehr die Kraft hatte, ihn zu erklimmen. Jeder derartige

Versuch wurde teuer bezahlt. Nach Verlauf von zwanzig Minuten hinkten

bereits fünf Leute an Krücken! So oft sich einer beim Klettern an

dem Seil festhalten wollte, gab es nach und er stürzte rücklings

wieder hinunter. Diese Wahrnehmung brachte mich auf den Gedanken, die

Karawane eine Rückwärtsbewegung machen zu lassen. Ich stellte sie in

Marschordnung auf, band das Schlepptau an den hintersten Maulesel fest

und kommandierte nun:

»Kehrt euch, -- vorwärts -- marsch!«

[Illustration]

Unter den Klängen eines Schlachtgesanges setzte sich der Zug in

Bewegung. »Das muß den Führer zu uns zurückbefördern,« dachte ich im

stillen, »wenn nicht etwa das Seil dabei zerreißt.« Ich beobachtete,

wie das Seil langsam den Hügel hinabglitt, aber im Moment der

freudigsten Erregung wurde ich aufs bitterste enttäuscht. Nicht der

erwartete Führer kam am Ende zum Vorschein, sondern -- ein alter

schwarzer Bock, der sich wie wahnsinnig gebärdete! --

Wer beschreibt die Entrüstung der so schmählich betrogenen Expedition?

In rasender Wut wollten sie ihren Rachedurst in dem Blut des

unschuldigen, vernunftlosen Tieres kühlen. Ich aber warf mich zwischen

sie und ihr Opfer, obgleich hundert spitze Eishacken und Alpenstöcke

sich gegen mich erhoben, und schwur, daß sie nur über meine Leiche

hinweg ihren Mordanschlag ausführen sollten. Nur ein Wunder, das wußte

ich, konnte die Reisenden von ihrem verruchten Vorhaben abbringen

und mich erretten. Noch heute, wie damals, sehe ich die schrecklichen

Waffen mir entgegenstarren und das feindliche Heer mit haßerfüllten

Blicken auf mich anstürmen! Schon senkte ich das Haupt und ergab mich

in mein Schicksal, als ich plötzlich eine gewaltige, erdbebenartige

Erschütterung empfand. Und wer war der Urheber derselben? Der Bock,

für dessen Rettung ich mich eben opfern wollte! Ich flog durch die

dichte Schar der Angreifer, wie von einer Schleuder geworfen. Ein

donnerähnliches Gelächter durchlief die Reihen und erschütterte

die Luft -- ich war gerettet, -- gerettet durch den Instinkt der

Undankbarkeit, welchen eine gütige Natur dem schändlichen Tier ins

Herz gepflanzt hatte. Was all meiner Beredsamkeit nicht gelungen war,

bewirkte bei den Leuten der komische Zwischenfall; sie setzten den Bock

in Freiheit und schonten mein Leben.

Jetzt ging uns auch ein Licht auf über die Verräterei des Führers.

Sobald er uns aus dem Gesicht war, hatte er uns unserm Schicksal

überlassen. Damit jedoch kein Argwohn erregt würde, durfte das Seil

nicht aufhören, sich zu bewegen. Deshalb fing der Schändliche den Bock,

warf ihn zu Boden und band ihm das Seil um, während wir dachten, daß

er, von Schmerz und Müdigkeit übermannt, auf die Erde gesunken sei.

Die wilden Sprünge, die der Bock machte, um sich von dem Seile zu

befreien, hatten wir für das verabredete Zeichen gehalten, dem wir mit

Jubelgeschrei gefolgt waren.

Den ganzen Tag über waren wir von dem Bock im Kreise herumgeführt

worden, was sich dadurch beweisen ließ, daß wir die Karawane in Zeit

von sieben Stunden siebenmal an ein und derselben Quelle getränkt

hatten. Dies war mir trotz meiner Aufmerksamkeit ganz entgangen,

bis ich zufällig durch ein Schwein darauf aufmerksam gemacht wurde.

Jedesmal wälzte sich ein Schwein an der Quelle, an die wir kamen, und

da mir am Ende die Aehnlichkeit zwischen diesen Schweinen auffiel, kam

ich auf den Gedanken, ob es nicht ein und dasselbe sei. Hieraus ergab

sich dann die weitere Frage, ob es nicht auch die nämliche Quelle sei

-- was sich richtig so verhielt.

Von dem treulosen Führer, der den Bock an das Seil gebunden hatte,

will ich nur noch erwähnen, daß er eine Weile aufs Geratewohl

umherschweifte, bis er auf eine Kuh stieß. In der Meinung, daß eine Kuh

natürlicherweise besser Bescheid wissen müsse als ein Führer, hielt er

sich an ihrem Schwanz fest und der Erfolg gab ihm recht. Die Kuh ging

gemächlich grasend den Hügel hinunter, bis es Zeit zum Melken war, dann

trabte sie nach Hause und brachte den Führer im Schlepptau nach Zermatt

zurück.

* * * * *

Wir schlugen unsere Zelte mitten in der Wildnis auf, in die uns

der Bock geführt hatte. Die müden, hungrigen Leute ließen sich das

Abendessen so vortrefflich schmecken, daß sie darüber ganz vergaßen,

daß wir verirrt waren, und noch ehe sie sich darauf besannen, hatte ich

ihnen Schlafpulver eingegeben und sie zur Ruhe gebracht.

Am nächsten Morgen überdachte ich unsere verzweifelte Lage und sah

mich vergebens nach einem Rettungsweg um. Da erschien Harris mit einer

Karte aus dem Bädeker, breitete sie vor mir aus und bewies mir klar

und deutlich, daß der Berg, auf dem wir uns befanden, noch in der

Schweiz liege und in keinem andern Lande. -- So waren wir wenigstens

nicht ganz verloren. Sofort machte ich die Nachricht öffentlich bekannt

und stellte die Karte aus. Das hatte eine ganz wunderbare Wirkung, --

denn kaum sahen die Leute mit eigenen Augen, an welcher Stelle wir uns

befanden, und daß nur der Gipfel verloren gegangen sei, nicht wir, --

so wurden sie wieder guten Mutes.

Ich ließ die Karawane einen Ruhetag im Lager halten und erst am

folgenden Morgen setzten wir neu gestärkt und erfrischt unsere

Wanderung weiter fort.

Dieser Tag wird mir ewig unvergeßlich sein, da wir an ihm unseren

verlorenen Weg wieder fanden, und zwar auf höchst merkwürdige Weise:

drittehalb Stunden hatten wir uns schon mühsam weitergearbeitet,

als wir auf einen fast zwanzig Fuß hohen Felskegel stießen. Diesmal

wartete ich nicht erst die Hilfe eines Maulesels ab. Ich war inzwischen

durch Erfahrung klüger geworden als alle Esel der Expedition zusammen

genommen. Durch Anwendung von Dynamit räumte ich den Felsen sofort

aus dem Wege, -- wie groß war jedoch meine Bestürzung, als sich

herausstellte, daß oben auf dem Gipfel eine Sennhütte gestanden

hatte. --

Alle Familienglieder, die in meiner Nähe zur Erde kamen, hob ich

sorgfältig auf, den Rest sammelten meine Gefährten. Zum Glück war von

den armen Leuten niemand verletzt, aber sie klagten bitterlich über die

gewaltsame Störung. Ich entschuldigte mich bei dem obersten Sennhirten

damit, daß ich nicht gewußt habe, daß er oben sei, sonst würde ich ihn

rechtzeitig von meiner Absicht in Kenntnis gesetzt haben.

Als ich ihm schließlich anbot, ihm allen Schaden zu vergüten und seine

Sennhütte wieder aufzubauen, noch dazu mit einem Keller, der ihm bisher

gefehlt hatte, da war er besänftigt und erklärte sich zufriedengestellt.

Der Keller mußte ihn für die schöne Aussicht entschädigen, von der er

freilich viel eingebüßt hatte.

Reisebilder und verschiedene Skizzen · 第 3 / 20 段