Hause. Heute ist es wunderschön, finden Sie nicht auch?«
»Herrlich!«
»Das will ich meinen! Ich spaziere gern so frei herum, unterhalte mich
und mache Bekanntschaften. Die Amerikaner erkenne ich immer gleich
heraus, dann gehe ich auf sie zu und rede sie an. Deshalb langweile ich
mich nie auf solcher Fahrt, weil ich neue Bekanntschaften machen kann
und mich unterhalten; das thue ich sehr gern, wenn ich nur die richtige
Person finde, mit der sich sprechen läßt. Geht es Ihnen nicht auch so?«
»Ja, es giebt nichts Angenehmeres.«
»Das denke ich auch! Manche Leute nehmen ein Buch vor und lesen
immerzu, andere schwärmen die Natur an, den See und die Berge, -- aber
so mache ich’s nicht! Sie mögen’s thun, wenn sie wollen, nach meinem
Geschmack ist es aber nicht, -- ich muß mich unterhalten. -- Sind Sie
schon auf der Rigi gewesen?«
»Ja.«
»In welchem Hotel haben Sie gewohnt?« --
»Bei Schreiber.«
»Ja, da war ich auch. Lauter Amerikaner, nicht wahr? Sie kommen alle
hin, und sind immer da zu finden. Das sagt jeder! In welchem Schiff
sind Sie herübergekommen?«
»In der Ville de Paris.«
»Wahrscheinlich ein französisches Schiff! Was für eine Ueberfahrt haben
Sie -- -- ach, bitte, entschuldigen Sie, da kommen eben Amerikaner, die
ich noch nicht gesehen habe!«
Fort war er! -- und ich ließ ihn wirklich mit heiler Haut davon kommen!
-- Ich gestehe, daß ich zuerst die mörderische Absicht hatte, ihn von
hinten mit einem Alpenstock zu durchbohren, aber als ich eben die Waffe
erheben wollte, verging mir die Lust dazu. Ich konnte es nicht übers
Herz bringen, ihm das Leben zu nehmen -- er war ein so fröhlicher,
unschuldiger und gutmütiger Einfaltspinsel!
Eine halbe Stunde später betrachtete ich von meiner Bank aus mit dem
größten Interesse einen herrlichen Monolith, an dem wir vorbeifuhren.
Nicht Menschen hatten dieses Monument geformt, sondern die Hand der
Natur selbst hatte vor undenklichen Jahren diesen achtzig Fuß hohen
pyramidalen Felsen gebildet, im Hinblick auf den Tag, an welchem
er einem Menschen zum Denkmal dienen sollte, der seiner würdig
wäre! Endlich kam die Zeit -- und auf der Fläche des ehrwürdigen
Gedächtnissteines steht jetzt Schillers Name in Riesenbuchstaben.
Merkwürdigerweise ist dieser Felsen nirgends bekritzelt oder verunziert
worden! Vor zwei Jahren soll sich ein Fremder mit Stricken und einem
Flaschenzuge von oben herabgelassen haben, um quer über den Stein mit
blauer Farbe und mit Buchstaben, die größer waren als die von Schillers
Namen, die Worte zu malen:
Unübertrefflich!
-- Pears Seife für den Teint! --
Sozodont giebt Schönheit und Jugend!
-- Paillards Spieldosen! --
Wades Kopiertinte!
[Illustration]
Man ergriff ihn auf frischer That und es stellte sich heraus, daß er
ein Amerikaner war. Bei seinem Verhör sagte der Richter: »Sie sind aus
einem Lande, wo man um elenden Gewinnes willen die Natur ungestraft
und nach Belieben beleidigen und entweihen darf, und in ihr den
Schöpfer! Aber hier wird das nicht gestattet! -- Mit Rücksicht auf
Ihre Unwissenheit und weil Sie ein Fremder sind, will ich Ihnen ein
gnädiges Urteil sprechen; wären Sie ein Eingeborener, so würde Ihre
Strafe weit strenger ausfallen. Vernehmen Sie meinen Spruch: Sie werden
sofort jede Spur Ihrer abscheulichen That von dem Schillerdenkmal
entfernen und eine Geldstrafe von zehntausend Franken bezahlen. Ferner
sind Sie zu zwei Jahren Zwangsarbeit verurteilt, worauf Ihnen die Ohren
abgeschnitten und Sie bis zur Grenze des Kantons gepeitscht und für
immer verbannt werden! -- Die härteren Strafen werden Ihnen in diesem
Falle erlassen, -- nicht um Ihnen Gnade zu erweisen, sondern um der
großen Republik willen, die das Unglück gehabt hat, Ihnen das Leben zu
geben.«
* * * * *
Die Bänke auf dem Dampfboot stehen so, daß die Passagiere einander den
Rücken zukehren. Hinter mir saßen gerade einige Damen. Auf einmal
wurden sie von jemand angeredet und ich hörte folgendes Gespräch mit an:
»Sie sind wohl aus Amerika? Ich auch.«
»Ja, wir sind aus Amerika.«
»Das wußte ich -- ich erkenne die Amerikaner immer. In welchem Schiff
sind Sie herübergekommen?«
»In der City of Chester.«
»Von der Inman-Linie, nicht wahr? Wir in der Batavia, -- Cunard, wie
Sie wissen. Was für eine Ueberfahrt haben Sie gehabt?«
»Eine ziemlich ruhige.«
»Da können Sie von Glück sagen; unsere war schrecklich rauh. Der
Kapitän sagte, so rauh wäre es nur selten. Wo sind Sie her?«
»Von New Jersey.«
»Ich auch -- nicht doch, ich meine aus Neu-England, in Neu-Bloomfield
bin ich zu Hause. Gehören diese Kinder Ihnen beiden?«
»Nur mir, meine Freundin ist unverheiratet.«
»So! Ich auch. -- Reisen die beiden Damen allein?«
»Nein, mein Mann reist mit uns.«
»Unsere ganze Familie ist mit; allein zu reisen ist schrecklich
langweilig -- meinen Sie nicht auch?«
»Das ist wohl möglich.«
»Oho, da kommt der Pilatus wieder heraus. Er heißt nach Pontius
Pilatus, wie Sie wissen, welcher Wilhelm Tell den Apfel vom Kopf
geschossen hat; im Reisehandbuch steht die ganze Geschichte, aber ich
habe sie nicht gelesen -- ein Amerikaner hat es mir erzählt. Ich lese
nie, wenn ich so von einem Ort zum andern gehe und mich gut unterhalte.
Haben Sie schon die Kapelle gesehen, in der Wilhelm Tell gepredigt hat?«
»Gepredigt hat er da wohl nicht!«
»O doch, der Amerikaner hat es mir gesagt; er hat seinen Bädeker immer
offen und kennt den See besser als die Fische, die darin schwimmen.
Warum sollte sie denn auch sonst Tells Kapelle heißen?! Sind Sie schon
früher hier gewesen?«
»Ja.«
»Ich nicht; es ist meine erste Reise, aber wir waren allenthalben --
in Paris und überall. Nächstes Jahr soll ich in Harvard studieren und
ich lerne jetzt immerfort Deutsch; ehe ich nicht Deutsch kann, werde
ich nicht aufgenommen. Ich habe Ottos Grammatik immer bei mir und sehe
hinein, wenn ich Lust dazu bekomme; jetzt beim Herumreisen lerne ich
nicht ordentlich, sondern sage mir nur manchmal her: ›ich habe gehabt,
du hast gehabt, er hat gehabt, wir haben gehabt, ihr habet gehabt, sie
haben gehabt!‹ Das geht so wie im Schlaf, und dann bin ich’s wieder
für ein paar Tage los. Es strengt den Verstand ganz schauderhaft an,
Deutsch kann man nur in kleinen Dosen lernen; zuerst läuft alles in
einander, wie geschmolzene Butter. Mit dem Französischen ist’s etwas
ganz anderes, das wird mir ganz leicht, ich kann: ~j’ai, tu as, il a~
u. s. w. herunterrasseln wie das Abc! In Paris bin ich sehr gut damit
durchgekommen und überall, wo französisch gesprochen wird. In welchem
Hotel wohnen Sie?«
»Im Schweizerhof.«
»Was? wirklich? Ich habe Sie ja nicht im Salon gesehen! Ich gehe sehr
oft dahin, weil ich dort so viele Amerikaner treffe, und eine Menge
Bekanntschaften mache. Sind Sie schon auf der Rigi gewesen?«
»Nein.«
»Wollen Sie hin?«
»Ja, es ist unsere Absicht.«
»In welches Hotel gehen Sie?«
»Ich weiß nicht.«
»Dann gehen Sie zu Schreiber, es ist voll Amerikaner. In welchem Schiff
sind Sie herübergekommen?«
»In der City of Chester.«
»Ach ja, das habe ich Sie schon einmal gefragt, aber ich frage jeden,
in welchem Schiff er herübergekommen ist, und da passiert es mir
manchmal, daß ich die Frage wiederhole. Gehen Sie nach Genf?«
»Ja.«
»In welchem Hotel werden Sie wohnen?«
»Wahrscheinlich in einer Pension.«
»Das wird Ihnen nicht gefallen -- in den Pensionen sind wenig
Amerikaner. In welchem Hotel wohnen Sie hier?«
»Im Schweizerhof.«
»Ja so, das habe ich Sie auch schon gefragt; aber ich frage jeden
danach und da habe ich den ganzen Kopf voll Hotels; es dient aber doch
zum Gespräch, und ich unterhalte mich sehr gern, es ist eine rechte
Erholung auf solcher Fahrt -- finden Sie das nicht auch?«
»Ja -- zuweilen.«
»Mich erfrischt es förmlich. So lange ich im Gespräch bin, langweile
ich mich nie, -- geht es Ihnen nicht auch so?«
»Ja, -- gewöhnlich, aber es giebt Ausnahmen von der Regel.«
»O natürlich! -- ich spreche auch nicht gern mit jedermann. Manche
Leute fangen gleich ein Gewäsch an von Scenerieen und Geschichte und
Bildern und allerhand lästigen Dingen, die einem bald überdrüssig sind.
Dann sage ich immer: ›Jetzt muß ich mich empfehlen -- ich hoffe, wir
sehen uns noch,‹ -- und spaziere weiter. Wo sind Sie her?«
»Aus New Jersey.«
»Ja, potztausend, das habe ich Sie ja auch schon gefragt! Haben Sie
schon den Löwen von Luzern gesehen?«
»Noch nicht.«
»Ich auch nicht; aber der Mann, der mir vom Pilatus erzählt hat,
sagt, es sei eine der Sehenswürdigkeiten; er sei achtundzwanzig Fuß
lang -- ich kann mir das kaum denken, aber er behauptet es und hat ihn
erst gestern gesehen. Da war der Löwe im Sterben und jetzt wird er
wohl schon tot sein; das schadet aber nichts, natürlich wird er doch
ausgestopft! -- Sagten Sie, die Kinder gehören Ihnen oder der andern?«
»Mir nicht.«
»O ja, richtig! Gehen Sie nach ... nein, das habe ich Sie schon
gefragt. In welchem Schiff ... halt, das habe ich Sie auch schon
gefragt. In welchem Hotel ... nein, Sie haben mir das gesagt. Was
fehlt denn noch? -- hm -- ja so -- was für eine Ueberfahrt ... nein,
das haben wir auch schon besprochen. Hm -- hm -- ich glaube, das ist
wirklich alles -- ~Bon jour~ -- ich habe mich sehr gefreut, Ihre
Bekanntschaft zu machen, meine Damen. Leben Sie wohl!«
Noch ein Landsmann.
(Nummer 2.)
Ich saß mit Harris in einer Sennhütte, beschäftigt, meine Tagebücher zu
ordnen und verschiedene wissenschaftliche Beobachtungen zu Papier zu
bringen, als ein schlanker, junger Amerikaner zu uns eintrat. Er mochte
etwa dreiundzwanzig Jahre alt sein und näherte sich mir mit jener
ungekünstelten Selbstgefälligkeit, welche Jünglinge seines Alters für
feine, weltmännische Lebensart halten. Er trug das Haar in der Mitte
gescheitelt und lächelte so albern, wie ein Höfling auf der Bühne, als
er sich mir vorstellte. Während er mit seiner schöngepflegten Rechten
meine Hand umkrallte, verbeugte er sich dreimal mit dem Oberkörper bis
zu den Hüften nach Theatersitte und sagte in gnädig herablassendem
Beschützerton:
»Freue mich, Ihre Bekanntschaft zu machen, freue mich wirklich
außerordentlich. Habe alle Ihre kleinen Versuche gelesen und bewundere
sie sehr; hörte, Sie seien hier und wollte --«
Ich deutete auf einen Stuhl und er nahm Platz.
Dieser hohe Herr war der Enkel eines zu seiner Zeit sehr namhaften
Amerikaners, der auch heutigen Tages noch nicht vergessen ist und dem
nur noch so wenig fehlte, um ein großer Mann zu sein, daß er bei seinen
Lebzeiten allgemein dafür gehalten wurde.
[Illustration]
Ich ging langsam in dem Zimmer auf und ab, mit der Lösung
wissenschaftlicher Probleme beschäftigt und hörte dabei die folgende
Unterhaltung:
_Enkel._ Sie sind zum erstenmal in Europa?
_Harris._ Ich? -- Ja.
_Enkel_ (mit einem wehmütigen Seufzer zur Erinnerung an vergangene
Freuden, die man in ihrer Süßigkeit nur einmal genießt). Ach, ich weiß,
wie Ihnen zu Mute ist. Der erste Besuch ist so romantisch. Ich möchte
jene Gefühle wohl noch einmal durchleben.
_Harris._ Ja, ich finde, es übertrifft alle meine Träume. Es liegt ein
unbeschreiblicher Zauber darin. Ich muß gestehen ...
_Enkel_ (mit einer gezierten Handbewegung, als wollte er sagen:
›Verschonen Sie mich mit den rohen Ausbrüchen Ihrer Begeisterung, guter
Freund!‹) Ich weiß, ich weiß! Man besucht die Kirchen und staunt. Man
geht durch endlose Galerien und staunt wieder. Man steht hier und dort
und überall auf historischem Boden und staunt immerfort. Man sammelt
seine ersten unreifen Kunstbegriffe und fühlt sich stolz und glücklich.
Ja, stolz und glücklich -- das ist der richtige Ausdruck. Recht so,
genießen Sie es nur -- es ist ein unschuldiges Vergnügen.
_Harris._ Aber Sie? Freuen Sie sich denn nicht mehr daran?
_Enkel._ Ich? Sie spaßen wohl, bester Herr. Wenn Sie erst ein so
alter Reisender sind wie ich, werden Sie solche Frage nicht mehr
stellen. _Ich_ sollte noch die vorgeschriebenen Galerien besuchen, in
den vorgeschriebenen Kirchen herumstehen und alle die abgedroschenen
Sehenswürdigkeiten besichtigen? -- das fiele mir ein!
_Harris._ Aber was thun Sie denn sonst?
_Enkel._ Was ich thue? Ich bin bald hier, bald dort -- immer unterwegs;
aber ich folge nicht der großen Herde. Heute bin ich in Paris, morgen
in Berlin, dann wieder in Rom; vergebens würden Sie mich aber im Louvre
suchen oder an andern Orten, die der gewöhnliche Reisende in den
Hauptstädten aufsucht. Wer mich finden will, muß in verborgene Ecken
und Winkel gehen, wohin sich andere Leute nie verlieren. An einem Tage
quartiere ich mich vielleicht in einer entlegenen Bauernhütte ein, am
nächsten in einem längst verlassenen Schloß, das irgend ein Kleinod der
Kunst birgt, für welches der Unerfahrene kein Verständnis hat und an
dem ein weniger geübtes Auge flüchtig vorübergehen würde. Oft weile ich
auch als Gast in den geheiligten Wohngemächern von Palästen, in deren
unbenützte Räume die große Herde einen Blick werfen darf, wenn sie sich
dem Diener dafür erkenntlich erweist.
_Harris._ Sind Sie ein Gast an solchen Orten?
_Enkel._ Ja, ein hochwillkommener Gast.
_Harris._ Das überrascht mich. Wie geht das zu?
_Enkel._ Meines Großvaters Name verschafft mir Zutritt bei allen Höfen
Europas. Ich brauche ihn nur zu nennen und jede Thür steht mir offen.
Ich eile nach Belieben von einem Hof zum andern und bin stets gern
gesehen. In den europäischen Schlössern fühle ich mich so zu Hause,
wie Sie bei Ihren eigenen Verwandten. Es giebt, glaube ich, keine
hochstehende Persönlichkeit, die ich nicht kenne. Ich habe fortwährend
alle Taschen voll Einladungen; jetzt bin ich auf dem Wege nach Italien,
wo ich versprochen habe, in mehreren hohen Adelsfamilien als Gast
einzukehren. In Berlin mache ich im Kaiserpalast die glänzendsten
Gesellschaften mit. Und so geht es überall, wohin ich auch komme.
_Harris._ Wie angenehm. Doch muß Ihnen Boston ziemlich langweilig
erscheinen, wenn Sie wieder zu Hause sind.
_Enkel._ Natürlich; aber ich gehe nicht oft nach Hause. Dort ist
kein Leben -- man findet da wenig, was der höhern Natur des Menschen
Nahrung giebt. Der Horizont von Boston ist sehr beschränkt, wissen
Sie. Die Leute selbst ahnen das nicht, man könnte sie auch nicht
davon überzeugen, deshalb äußere ich auch nicht dergleichen, wenn
ich dort bin. Wozu könnte das auch führen? -- Boston würde es doch
nicht verstehen, es hat eine zu gute Meinung von sich; aber sein
Horizont ist sehr eng, das können Sie mir glauben. Wer so viel gereist
ist wie ich und so viel von der Welt gesehen hat, erkennt das klar
und deutlich, aber ändern läßt es sich nicht. Darum bleibe ich auch
nicht dort, sondern suche mir eine Sphäre, die meinem Geschmack und
Bildungsstandpunkt besser zusagt. Wenn ich gerade nichts Wichtigeres zu
thun habe, fahre ich vielleicht einmal im Jahr hinüber, aber ich komme
sehr bald wieder nach Europa zurück, wo ich meine meiste Zeit zubringe.
_Harris._ Ja so, Sie machen Ihre Pläne und dann -- --
_Enkel._ Nein, entschuldigen Sie, ich mache gar keine Pläne. Ich thue
jeden Tag nur, wonach mir zu Mute ist. Zu binden brauche ich mich
nicht, ich bin mein eigener Herr und lebe ganz nach Gefallen. Ein alter
Reisender wie ich braucht sich nicht zu beschränken, indem er sich
bestimmte Ziele steckt. Das Reisen ist mir zur zweiten Natur geworden,
zur fest eingewurzelten Gewohnheit. In einem Wort, ich bin ein Bürger
der Welt -- anders kann ich mich nicht bezeichnen. Ich sage nie: ich
will da oder dorthin gehen, ich verliere überhaupt kein Wort darüber,
sondern schreite gleich zur That. Vielleicht bin ich nächste Woche
bei einem spanischen Granden zu Besuch, oder nach Venedig abgereist,
wenn ich nicht etwa nach Dresden gehe. Wahrscheinlich werde ich mich
binnen kurzem nach Aegypten begeben. Während mich dann meine Freunde
aber noch an den Katarakten des Nil vermuten, erfahren sie zu ihrer
Ueberraschung, daß ich schon irgendwo in Indien bin. Ich setze die
Leute fortwährend in Erstaunen. ›Als wir zuletzt von ihm hörten,‹ sagen
sie wohl, ›war er in Jerusalem, aber der Himmel weiß, wo er jetzt ist.‹
* * * * *
Bald darauf erhob sich der Enkel, um fortzugehen; vielleicht hatte
er eine Verabredung, irgendwo mit einem Kaiser zusammenzutreffen. Er
wiederholte seine Höflichkeitsbezeugungen, streckte mir auf Armeslänge
seine weiße Rechte hin, drückte sich mit der andern Hand den Hut gegen
den Magen, knickte dreimal in der Mitte zusammen wie ein Taschenmesser
und murmelte:
»Sehr gefreut, sehr gefreut. Wünsche Ihnen besten Erfolg.«
Dann entzog er uns seine holde Gegenwart.
* * * * *
Einen Großvater zu haben, ist ein großes, ein erhabenes Glück.
Da ich das Bild des jungen Menschen möglichst naturwahr zeichnen
wollte, habe ich durchaus nicht zu stark aufgetragen. Meine anfängliche
Entrüstung über ihn verwandelte sich bald in inniges Mitleid. Wer
könnte auch Groll hegen gegen ein leeres Nichts? -- Ich habe das
Gespräch möglichst wortgetreu wiedergegeben, den Kern und Inhalt
jedenfalls ganz genau. Dieser Jüngling und der harmlose Schwätzer,
den ich auf dem Schweizer See traf, sind die kostbarsten und
interessantesten Vertreter des jungen Amerika, denen ich auf meinen
Reisen begegnet bin. Die Art, wie sich der dreiundzwanzigjährige Enkel
zu wiederholten Malen einen alten Reisenden und erfahrenen Weltmann
nannte, schien mir unbezahlbar, und daß er die Güte gehabt hat, seine
Vaterstadt Boston nicht über ihren engen Horizont aufzuklären, war
äußerst dankenswert.
Die Besteigung des Riffelbergs.
Kaum war ich auf meiner Schweizerreise in Zermatt angelangt, so
benützte ich gleich den ersten Abend, um mich gründlich darüber zu
unterrichten, wie man Alpenbesteigungen am besten bewerkstelligt.
Ich las alles darauf bezügliche in den Büchern, die ich auftreiben
konnte, und darin u. a. folgende Ratschläge:
Man schafft sich vor allem feste, mit spitzigen Nägeln beschlagene
Schuhe an und einen Alpenstock, der vom dauerhaftesten Holze sein
muß, denn, wenn er bricht, kann man leicht ums Leben kommen. Man muß
eine Axt mit sich führen, um Stufen in das Eis zu hacken, und eine
Leiter, die über die unwegsamsten Felsen forthilft. Mancher Tourist
ist schon stundenlang nach einem Uebergang umhergeirrt, bloß weil
er sich nicht mit einer Leiter versehen hatte. Ein dickes Seil von
150--500 Fuß Länge ist ganz unumgänglich nötig, um sich an steilen
und schlüpfrigen Abhängen hinunterzulassen. Sehr nützlich ist auch
ein starker, stählerner Haken zum Erklimmen derjenigen Felswände, für
welche die Leiter zu kurz ist. Der Tourist wirft den an einem Seil
befestigten Haken wie einen Lasso in die Höhe, bis derselbe an einer
Felsenspitze hängen bleibt, dann arbeitet er sich mit Händen und Füßen
an dem Seil hinauf. Hierbei darf er aber dem Gedanken nicht Raum
geben, daß -- sollte der Haken nicht halten -- er selbst ins Fallen
geraten und zuletzt in einer Gegend der Schweiz auf den Boden kommen
würde, wo kein Mensch ihn erwartet. Mit einem dritten Seil, -- und
das ist die Hauptsache -- müssen sich alle Bergsteiger an einander
binden, damit, wenn einer aus der Gesellschaft in einen Abgrund oder
eine Gletscherspalte hinabstürzt, die andern sich entgegen stemmen
und ihn am Seil wieder heraufziehen können. Ferner braucht man einen
Gazeschleier, um das Gesicht vor Schnee, Graupeln, Hagel und Wind zu
schützen, und eine blaue Reisebrille, um nicht schneeblind zu werden.
Endlich braucht man noch Träger, die mit Mundvorrat und Wein beladen
werden, sowie mit wissenschaftlichen Instrumenten und wollenen Decken.
[Illustration]
Zum Schluß meiner Studien las ich noch den Bericht über das
entsetzliche Abenteuer, das Herrn Whymper einmal auf dem Matterhorn
zugestoßen ist, als er allein 5000 Fuß über der Stadt Breil
herumkletterte. Er suchte seinen Weg an einem Abhang gefrorenen
Schnees. Derselbe war ein paar hundert Fuß lang und lief zunächst in
eine Spalte aus, an derem Ende ein Abgrund von 800 Fuß Tiefe gähnte,
gerade oberhalb eines Gletschers. Sein Fuß glitt aus und er stürzte
hinab. Hören wir ihn selbst: »Wegen meines Tornisters fiel ich mit
dem Kopf zu unterst und schlug zunächst etwa 12 Fuß tiefer auf
Felsengestein; ich prallte wieder ab und nun ging’s Hals über Kopf dem
Abgrund zu. Der Alpenstock flog mir aus der Hand und immer mächtigere
Sätze beförderten mich hinab, bald über Eis, bald über Gestein,
wobei ich meinen Kopf vier- bis fünfmal mit stets verstärkter Gewalt
aufschlug. Beim letzten Sprung flog ich 50--60 Fuß weit wie ein Kreisel
durch die Luft und quer über die Spalte. Glücklicherweise schlug ich
mit der ganzen linken Seite des Körpers am Rande derselben auf. Mein
Kopf lag zum Glück oben und nach ein paar krampfhaften Griffen mit den
Händen fand ich just über dem Abgrund einen Anhalt. Alpenstock, Hut und
Schleier wirbelten an mir vorbei und verschwanden, und das Krachen,
mit dem die durch meinen Fall losgebröckelten Steine auf die Gletscher
fielen, sagte mir vernehmlich, mit wie knapper Not ich dem Geschick
entronnen war, in der fürchterlichen Tiefe zerschmettert zu werden. In
sieben bis acht Absätzen war ich beinahe 200 Fuß hinabgestürzt, und
weitere zehn Fuß würden mich in einem Riesensprung bis zu dem Gletscher
hinunter befördert haben.
»Meine Lage war auch jetzt keineswegs gefahrlos, da ich den Felsen
nicht einen Augenblick loslassen durfte und mir das Blut aus zwanzig
offenen Wunden floß. Die schlimmsten am Kopfe versuchte ich zwar mit
der einen Hand zu schließen, während ich mich mit der andern festhielt,
aber bei jedem Pulsschlag schoß ein neuer Blutstrahl hervor. Plötzlich
kam mir ein glücklicher Einfall -- ich nahm einen großen Klumpen Schnee
und legte ihn mir als Pflaster auf den Kopf. Das Blut hörte allmählich
auf zu fließen. Nun arbeitete ich mich höher am Felsen hinauf und es
gelang mir noch, eine gesicherte Stelle zu erreichen -- dann verließen
mich die Sinne!
»Als ich wieder zum Bewußtsein erwachte, nahte sich die Sonne schon
dem Untergang, und es war stockfinster, ehe ich die ›Riesenleiter‹
hinabgestiegen war. Glück und Behutsamkeit im Vereine halfen mir die
4700 Fuß bis nach Breil hinab, ohne daß ich auch nur ein einzigesmal
ausglitt oder die Richtung verlor.«
Nach diesem Abenteuer mußte Whymper seiner Wunden wegen mehrere Tage
lang das Bett hüten; kaum war er aber wieder aufgestanden, so erklomm
er denselben Berg noch einmal.[2] Ein richtiger Alpenbesteiger thut es
nicht anders; er kann nicht genug Abenteuer bestehen!
[2] Die Chronik dieses Bergriesen erzählt von vielen traurigen
Katastrophen, denen Touristen zum Opfer gefallen. Die
bekannteste ist der Absturz einer aus vier Engländern
(der obengenannte Whymper, Lord Douglas, Hudson und
Hadow) bestehenden Gesellschaft, welche mit den Führern
Croz, Taugwalder (Vater und Sohn) und Javelle 1865 eine
Besteigung des Matterhorns unternahmen. Das Seil, mit
welchem die acht Personen unter einander verbunden waren,
riß und drei Engländer sowie der Führer Croz stürzten 1200
Meter tief hinab auf den Matterhorngletscher, während nur
Whymper und drei Führer sich auf dem Grat festhielten. Im
Jahre 1881 stürzte der Amerikaner Mosley ab, der sich bei
der sogenannten ›Schulter‹ des Seiles entledigte. 1886
starb der Engländer Burkardt, der bei der ›Schulter‹ von
einem Schneesturm überrascht wurde, vor Kälte.
Dieser und ähnliche Berichte von unglaublichen Gefahren, Abenteuern und
Triumphen unserer Alpenbesteiger hatten mich in die größte Aufregung
versetzt. Ich war ganz entzückt und berauscht davon. Nachdem ich eine
Weile schweigend dagesessen, fuhr ich plötzlich in die Höhe und rief
aus:
»Mein Entschluß steht fest!«