Oefters versuchten wir zu erraten, zu welcher Nation die Leu

Anmerkungen zur Transkription

Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter oder

unterstrichener Text ist _so ausgezeichnet_. Im Original in Antiqua

gesetzter Text ist ~so markiert~. Im Original fetter Text ist =so

dargestellt=.

Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des

Buches.

Mark Twains

Ausgewählte

Humoristische Schriften

Illustriert von =H. Schrödter= und =Albert Richter=

Sechster Band:

Reisebilder

[Illustration]

Stuttgart

Verlag von Robert Lutz

1908

Reisebilder

und verschiedene Skizzen

Von

Mark Twain

(S. L. Clemens)

Übersetzt von _Marg. Jacobi_, _Henny Koch_ und _L. Ottmann_.

Illustriert von =H. Schrödter=

Anhang: _Mark Twains Lebensgeschichte_

[Illustration]

Stuttgart

Verlag von Robert Lutz

1908

Alle Rechte vorbehalten.

Druck von A. Bonz’ Erben in Stuttgart.

Inhalt.

Seite

Eine Rigibesteigung 7

Ein Tischgespräch 21

Ein Landsmann 33

Noch ein Landsmann 45

Die Besteigung des Riffelbergs 51

Kinderspiele 73

Peinliche Ohrenmusik 76

Die Schrecken der deutschen Sprache 79

Berliner Eindrücke 93

Eine schlaflose Nacht 99

Rezept für Schwarzwäldergeschichten 107

Die Ameise 112

Eine Episode in Baden-Baden 118

Wagnermusik 122

Sonntagsheiligung in Deutschland 129

Trauben- und Molkenkur 131

Der deutsche Portier 133

Duelle:

I. Das deutsche Studentenduell 137

II. Die wahre Geschichte des Duells

zwischen Gambetta und Fourtou 147

Eine Beobachtung in Paris 168

Pariser Führer 172

Die alten Meister 178

Tot oder lebendig 187

Michel Angelo 200

Ein türkisches Bad 208

Die Hunde von Konstantinopel 214

Des Kapitäns Bibel-Erklärung 218

Was mir der Professor erzählte 225

Ein Besuch des Niagara 235

Britische Festlichkeiten 246

Tischrede bei einem Festessen der Amerikaner

in London zur Feier des 4. Juli 250

Ein Zwiegespräch 254

Ein Miniaturreich 259

Anhang:

Die Lebensgeschichte Mark Twains 273

Eine Rigibesteigung.

Der Rigi kann per Eisenbahn, zu Pferde oder zu Fuß erstiegen werden,

je nach Belieben des Reisenden. Ich und mein Freund warfen uns in

Touristenanzüge und fuhren an einem herrlichen Morgen per Dampfboot den

See hinauf. In Wäggis, einem Dorfe am Fuße des Berges, ¾ Stunden von

Luzern, gingen wir ans Land.

Bald ging’s behaglich und stetig den schattigen Fußweg hinauf und

unsere Zungen waren, wie gewöhnlich, bald in schönster Bewegung. Alles

ließ sich herrlich an, und wir versprachen uns nicht wenig, sollten wir

doch zum erstenmal den Genuß eines Sonnenaufgangs in den Alpen erleben;

das war ja der Zweck unserer Tour. Wir hatten anscheinend keinen

triftigen Grund zu eilen, unser Reisehandbuch hatte den Weg von Wäggis

bis zum Gipfel als nur 3¼ Stunden weit angegeben. Anscheinend sage ich,

weil uns Bädeker schon einmal angeführt hatte.

Als wir etwa eine halbe Stunde gegangen waren, kamen wir in die

richtige Stimmung für das Unternehmen und trafen Anstalt zum Steigen,

das heißt, wir mieteten einen Burschen zum Tragen der Alpenstöcke,

Reisetaschen und Ueberzieher, wodurch wir die Hände frei bekamen.

Wahrscheinlich haben wir häufiger im schönen, schattigen Gras geruht,

um ein paar Züge aus unseren Pfeifen zu thun, als unser Führer gewohnt

war, denn plötzlich fuhr er uns mit der Frage an, ob wir ihn nach dem

Tarif oder fürs Jahr mieten wollten. Wir sagten, er möge immer voran

gehen, wenn er Eile habe. Er erwiderte, Eile habe er eigentlich nicht,

doch möchte er den Berg hinauf kommen, so lange er noch jung sei. Wir

sagten ihm, er möge nur vorausgehen, das Gepäck im obersten Hotel

abgeben und unsere baldige Ankunft melden. Er meinte, Zimmer wolle

er für uns schon bestellen; wenn aber alles voll sei, wolle er ein

neues Hotel bauen lassen und dafür sorgen, daß Maler- und Gipserarbeit

trocken wären, bis wir ankämen. Unter solchen spöttischen Bemerkungen

verließ er uns und war bald unsern Augen entschwunden.

Um 6 Uhr waren wir schon ein gutes Stück in der Höhe und die Aussicht

hatte an Reiz und Umfang bedeutend zugenommen. Bei einem kleinen

Wirtshause machten wir Halt, genossen im Freien Brot, Käse und ein oder

zwei Liter frischer Milch, und dazu das großartige Panorama; -- dann

setzten wir uns wieder in Bewegung.

Nach 10 Minuten begegneten wir einem Engländer mit heißem, kupferrotem

Gesicht, der in mächtigen Sätzen den Berg herabstürmte, indem er sich

an seinem Alpstock immer eine tüchtige Strecke vorwärts schwang.

Atemlos und schweißtriefend hielt er bei uns an und fragte, wie weit es

bis Wäggis drunten am See sei. --

»Drei Stunden!«

»Was? der See scheint ja so nahe, als ob man einen Kieselstein

hineinwerfen könnte. Ist das ein Wirtshaus?«

»Ja.«

»Das ist recht! Ich kann es nicht noch einmal drei Stunden aushalten.«

Auf meine Frage, ob wir wohl nahe am Gipfel seien, rief er: »Meiner

Treu! Ihr habt ja eben erst angefangen zu steigen!«

Ich schlug deshalb meinem Reisegenossen Harris vor, auch in besagtem

Wirtshaus zu bleiben. Wir drehten um, ließen uns ein warmes Nachtessen

bereiten und verlebten mit dem Engländer einen lustigen Abend.

[Illustration]

Die deutsche Wirtin gab uns hübsche Zimmer und gute Betten, und ich

und mein Freund legten uns nieder mit dem Entschluß, früh genug

aufzustehen, um unsern ersten Sonnenaufgang in den Alpen nicht zu

versäumen. Aber wir waren todmüde und schliefen wie Nachtwächter;

folglich war es, als wir am Morgen erwachten und ans Fenster stürzten,

für den Sonnenaufgang schon zu spät: -- es war halb 12 Uhr. Das war

ein harter Schlag, doch trösteten wir uns mit der Aussicht auf ein

gutes Frühstück und beauftragten die Wirtin, den Engländer zu rufen;

aber sie erzählte uns, daß dieser unter allerlei Verwünschungen schon

bei Tagesanbruch auf und davon gegangen sei. Wir konnten nicht auf

den Grund seiner Erregung kommen. Er hatte die Wirtin nach der Höhe

des Wirtshauses über dem See genau gefragt und sie hatte 1495 Fuß

angegeben; diese Zahl mußte ihn ganz außer Rand und Band gebracht

haben, denn er habe hinzugefügt: »In einem Lande, wie diesem, können

Narren und Reisehandbücher einem in 24 Stunden mehr Bären aufbinden als

sonstwo in einem Jahre.«

Gegen Mittag nahmen wir den Weg wieder unter die Füße und strebten

frischen gewaltigen Schrittes dem Gipfel zu. Als wir etwa 200 Meter

marschiert waren und anhielten, um zu rasten, blickte ich beim Anzünden

meiner Pfeife von ungefähr nach links und entdeckte in einiger

Entfernung eine Rauchsäule, die wie ein langer schwarzer Wurm lässig

den Berg hinaufkroch. Das konnte nur der Rauch einer Lokomotive sein.

Auf unsere Ellbogen gestützt, stierten wir das uns völlig neue Mirakel

dieser Bergbahn an. Es erschien unglaublich, daß das Ding schnurgerade

aufwärts kriechen konnte auf einer schiefen Ebene, steil wie ein Dach;

es geschah aber vor unsern Augen: ein leibhaftiges Wunder. --

Noch ein paar Stunden, und wir erreichten ein schönes zephyrumsäuseltes

Hochthal, wo die Dächer der kleinen Sennhütten mit großen Steinen

belegt waren, um sie am Grund und Boden festzuhalten, wenn die großen

Stürme toben. Weit weg am andern Ufer des Sees konnten wir einige

Dörfer erblicken und jetzt zum erstenmal ihre zwerghaften Häuser mit

den Bergriesen vergleichen, an deren Fuße sie schliefen.

Wenn man sich inmitten eines solchen Dorfes befindet, kommt es einem

ziemlich ausgedehnt vor und die Häuser erscheinen stattlich, selbst

im Verhältnis zu den hereinragenden Bergen; aber von unserm hohen

Platze aus, welch eine Veränderung! Die Berge erschienen massenhafter

und großartiger, dagegen waren die Dörfer so klein geworden, beinahe

unsichtbar und lagen so dicht am Boden, daß ich sie nur vergleichen

kann mit winzigen Erdarbeiten von Ameisen, überschattet von dem

himmelanstrebenden Bau eines Münsters. Die Dampfboote, welche drunten

den See durchschnitten, erschienen in der Entfernung nur noch so groß

wie Kinderspielzeug und vollends die Segel- und Ruderboote wie winzige

Fahrzeuge, bestimmt für die Elfen, die in Lilienkelchen haushalten und

auf Brummhummeln zu Hofe reiten.

Wir gingen weiter und stießen bald auf ein halbes Dutzend weidender

Schafe unter dem Gischt eines Gießbaches, der wohl hundert Fuß hoch

sich am Felsen herabstürzte. Doch horch! Ein melodisches ›Lal ... l

... l ... lal ... loil-lahi-o-o-o!‹ trifft unser Ohr. Wir hören zum

erstenmal das berühmte Alpenjodeln inmitten der wilden Gebirgsgegend,

in der es heimisch ist. Es ist jenes seltsame Gemisch von Bariton und

Falsett, das wir zu Hause Tiroler Triller nennen.

Das Gejodel war hübsch und munter anzuhören und bald erschien der

Jodler -- ein Sennbub von 16 Jahren. In unserer Freude und Dankbarkeit

gaben wir ihm einen Franken, damit er weiter jodle. Er jodelte und

wir lauschten. Beim Weitergehen jodelte er uns großmütig außer Sicht.

Ebenso der zweite, auf den wir eine Viertelstunde später stießen, und

dem wir seine Kunst mit einem halben Franken bezahlten.

Von nun an begegneten wir alle zehn Minuten einem Jodler; dem ersten

gaben wir 8 Cts., dem zweiten 6, dem dritten 4, dem vierten 1 Cts.,

Nummer 5, 6, 7 erhielten gar nichts! Für den Rest des Tages erkauften

wir das Stillschweigen der übrigen Jodler mit 1 Fr. per Kopf. Man

bekommt es unter solchen Umständen doch schließlich satt.

Zehn Minuten nach 6 Uhr erreichten wir die Kaltbadstation, wo ein

geräumiges Hotel mit Verandas steht, die einen weiten Umblick auf

Berge und Seen gestatten. Wir waren nicht so sehr ermüdet, aber, um

am andern Morgen ja den Sonnenaufgang nicht zu verschlafen, machten

wir unsere Mahlzeit so kurz als möglich und eilten zu Bett. Es war

unaussprechlich angenehm, unsere steifen Glieder in den kühlfeuchten

Betten auszustrecken. Und wie fest wir schliefen! Kein Schlaftrunk

wirkt so trefflich, wie eine solche Alpenfußtour.

Morgens erwacht, waren wir beide mit einem Sprung aus den Federn und

an den Fenstern; wir zerrten die Vorhänge zurück, erfuhren aber leider

eine neue herbe Enttäuschung: Es war nämlich schon halb 4 Uhr mittags.

In sehr mürrischer Laune kleideten wir uns an, wobei jeder dem andern

die Schuld in die Schuhe schob. Harris meinte, wenn ich ihm gefolgt

wäre und wir den Reisediener mitgenommen hätten, wäre uns dieser

Sonnenaufgang nicht entgangen. Ich behauptete dagegen, daß dann einer

von uns hätte aufbleiben müssen, um den Diener zu wecken, außerdem

hätten wir Mühe genug mit uns selbst auf dieser Klettertour, auch ohne

die Sorge für den Reisediener.

Das Frühstück regte unsere Lebensgeister wieder etwas an, besonders

auch die beruhigende Versicherung im Bädeker, oben auf dem Rigi

brauche der Reisende nicht besorgt zu sein, daß er den Sonnenaufgang

verschlafe, er werde vielmehr beizeiten von einem Mann geweckt, der mit

einem großen Alphorn von Zimmer zu Zimmer gehe und seinem Instrumente

Töne entlocke, die Tote zu erwecken imstande seien; und noch eine

andere Bemerkung des Reisehandbuches tröstete uns, die Versicherung

nämlich, daß oben in den Rigi-Hotels die Gäste sich morgens nicht ganz

anzukleiden brauchen, sondern sich einfach ihrer roten Bettteppiche

bemächtigen und mit diesen, wie Indianer drapiert, ins Freie stürmen.

O, das muß schön und romantisch sein! -- 250 Personen auf dem

windigen Gipfel gruppiert, mit fliegenden Haaren und wehenden roten

Bettteppichen, in der feierlich ernsten Gegenwart der schneeigen

Bergspitzen, beleuchtet von den ersten Strahlen der aufgehenden Sonne,

das muß ein herrlicher und denkwürdiger Anblick sein! Unter diesen

Umständen war es fast ein Glück, kein Unglück, daß wir die frühern

Sonnenaufgänge verfehlt hatten.

Nach dem Reisehandbuch waren wir nun 3228 Fuß über dem Spiegel des Sees

und konnten somit volle Zweidrittel unserer Wanderung als vollendet

betrachten. Wir brachen ¼ nach 4 Uhr nachmittags von neuem auf; etwa

hundert Schritte über dem Hotel verzweigte sich die Bahnlinie, der eine

Arm ging gerade aufwärts den steilen Berg hinan, der andere bog nach

rechts ab in ziemlich sanfter Steigung; wir folgten dem letzteren über

eine Meile, bogen um eine Felsenecke und kamen in Sicht eines neuen

hübschen Hotels. Wären wir gleich weitergegangen, so hätten wir den

Gipfel erreicht, aber Harris wollte allerhand Erkundigungen einziehen.

Er wurde belehrt -- und zwar falsch, wie gewöhnlich, -- daß wir

umkehren und den andern Weg gehen müßten. Dies kostete uns eine schwere

Menge Zeit.

Wir kletterten und kletterten; wir kamen wohl über vierzig Hügel, aber

immer erschien ein neuer so groß wie die frühern. Es begann zu regnen;

wir wurden durch und durch naß und es war bitter kalt. Dampfende

Nebelwolken deckten bald den ganzen Abgrund zu; der Eisenbahndamm, auf

welchen wir stießen, war unser einziger Wegweiser! Manchmal krochen wir

längs desselben ein Stück weit fort, allein als sich der Nebel etwas

zerteilte, bemerkten wir mit Schrecken, daß wir uns mit dem linken

Ellbogen über einem bodenlosen Abgrund befanden, weshalb wir eiligst

wieder den Bahndamm zu erreichen trachteten.

Die Nacht brach ein, rabenschwarz, nebelig und kalt. Etwa um 8

Uhr abends hob sich der Nebel etwas und ließ uns einen ziemlich

undeutlichen Pfad erblicken, der links aufwärts führte. Diesen Weg

einschlagend, waren wir eben weit genug weg vom Eisenbahndamm, um

denselben nicht wieder finden zu können, als auch schon wieder eine

Nebelwolke herabschoß und alles in undurchdringliches Dunkel hüllte.

Wir befanden uns an einem rauhen, dem Unwetter vollkommen

preisgegebenen Ort, und waren genötigt, auf- und abzugehen, um uns warm

zu machen, obgleich wir dadurch Gefahr liefen, gelegentlich in einem

Abgrund zu verschwinden.

Um 9 Uhr machten wir die wichtige Entdeckung, daß wir jeden Pfad

verloren hatten. Wir krochen auf Händen und Knieen umher, konnten ihn

aber nicht mehr finden; somit setzten wir uns wieder in das nasse

Gras und warteten das Weitere ab. Plötzlich jagte uns eine ungeheure

dunkle Masse, die vor uns auftauchte, nicht geringen Schrecken ein;

sie verschwand aber alsbald wieder im Nebel, es war, wie wir später

erfuhren, das längst ersehnte Rigi-Kulm-Hotel, aber die nebelhafte

Vergrößerung ließ es uns als den gähnenden Rachen eines tödlichen

Abgrundes erscheinen.

Da saßen wir nun eine lange Stunde mit klappernden Zähnen und

zitternden Knieen, den Rücken gegen den vermeintlichen Abgrund gekehrt,

weil von dorther etwas Zugluft zu verspüren war. Dabei ereiferten wir

uns leidenschaftlich, denn jeder wollte dem andern die Dummheit in die

Schuhe schieben, den Bahnkörper verlassen zu haben. Nach und nach wurde

der Nebel dünner und als Harris zufällig um sich blickte, stand das

große, hell erleuchtete Hotel da, wo vorher der Abgrund gewesen war.

Man konnte beinahe Fenster und Kamine zählen.

Unser erstes Gefühl war tiefer, unaussprechlicher Dank, unser zweites

rasende Wut, weil das Hotel wahrscheinlich schon seit dreiviertel

Stunden sichtbar gewesen war, während wir pudelnaß dasaßen und uns

zankten.

Ja, es war das Rigi-Kulm-Hotel auf dem Gipfel des Rigi, und wir

fanden dort die Zimmer, die unser Bursche für uns bestellt hatte, --

allerdings bekamen wir zuvor die hochmütige Ungefälligkeit des Portiers

und des sonstigen Dienstpersonals gründlich zu kosten.

[Illustration]

Wir verschafften uns trockene Kleider, und während unser Abendbrot

bereitet wurde, irrten wir einsam durch eine Anzahl höhlengleicher

Wohnräume, von denen eines einen Ofen besaß. Dieser Ofen in einer Ecke

des Zimmers war von einer lebendigen Wand der allerverschiedensten

Menschenkinder umgeben. Da wir nun nicht ans Feuer herankommen konnten,

wandelten wir in den arktischen Regionen der weiten Säle umher,

unter einer Menge Menschen, die schweigend, in sich verloren und wie

versteinert das Problem zu ergründen suchten, warum sie wohl solche

Narren gewesen waren, hierher zu kommen. Einige davon waren Amerikaner,

einige Deutsche, die weitaus überwiegende Mehrzahl aber waren

Engländer. In einem der Räume drängte sich alles um die ›~Souvenirs

du Righi~‹, die dort feilgeboten werden. Ich wollte zuerst auch ein

geschnitztes Falzbein mit Gemshorngriff mitnehmen; ich sagte mir

jedoch, daß mir der Rigi mit seinen Annehmlichkeiten wohl auch ohnedies

in guter Erinnerung bleiben würde, -- und erstickte deshalb das Gelüste.

Das Abendessen erwärmte uns, und wir gingen sofort zu Bette -- d. h.

nachdem ich an Bädeker noch einige Zeilen geschrieben hatte. Derselbe

ersucht nämlich die Touristen, ihn auf etwaige Irrtümer in seinem

Reisehandbuch aufmerksam zu machen. Ich schrieb ihm, daß er sich, indem

er den Weg von Wäggis bis zum Gipfel nur zu 3¼ Stunden angebe, just um

drei _Tage_ geirrt habe. Eine Antwort habe ich nie erhalten, auch ist

im Buche nichts geändert worden -- mein Brief muß also wohl verloren

gegangen sein.

Wir waren so todmüde, daß wir sofort einschliefen und uns nicht regten

noch bewegten, bis die herrlichen Töne des Alphorns uns weckten.

Man kann sich denken, daß wir keine Zeit verloren, sondern schnell

ein paar Kleidungsstücke überwarfen, uns in die praktischen roten

Teppiche wickelten und unbedeckten Hauptes in den pfeifenden Wind

hinausstürzten. Wir erblickten ein großes hölzernes Gerüste, gerade

am höchsten Punkte der Spitze. Dorthin lenkten wir unsere Schritte,

krochen die Stufen hinauf und standen da, erhaben über der weiten Welt,

mit fliegenden Haaren und im Wind flatternden roten Teppichen.

»Mindestens fünfzehn Minuten zu spät!« sagte Harris mit trauriger

Stimme, »die Sonne steht schon über dem Horizont.«

»Schadet nichts,« erwiderte ich, »es ist dennoch ein großartiger

Anblick und wir wollen ihn noch weiter genießen, bis die Sonne höher

steht.«

Einige Minuten waren wir tief ergriffen von dem wunderbaren Anblick

und für alles andere tot. Die große, klare Sonnenscheibe stand jetzt

dicht über einer unendlichen Anzahl weißer Zipfelmützen -- bildlich

gesprochen. Es war ein wogendes Chaos riesiger Bergmassen, die Spitzen

geschmückt mit unvergänglichem Schnee und umflutet von der goldenen

Pracht des zitternden Lichtes, während die glänzenden Sonnenstrahlen

durch die Risse einer der Sonne vorgelagerten schwarzen Wolkenmasse,

gleich Schwertern und Lanzen aufschossen zum Zenith.

[Illustration]

Wir konnten nicht sprechen, ja kaum atmen; wir standen in trunkener

Verzückung und sogen diese Schönheit ein, als Harris plötzlich schrie:

»_Verd -- sie geht ja unter!_«

Wahrhaftig, wir hatten das Morgenhornblasen überhört, hatten den ganzen

Tag geschlafen und waren erst am Blasen des Abendhorns aufgewacht: das

war niederschmetternd.

Auf einmal sagte Harris: »Allem Anschein nach ist nicht die Sonne der

Gegenstand der Aufmerksamkeit der unter uns versammelten Menschen,

sondern wir, hier oben auf diesem Gerüst, in diesen eselhaften

Teppichen. 250 fein gekleidete Herren und Damen starren uns an und

kümmern sich kein Haar um Sonnenauf- oder Niedergang, so lange wir

ihnen ein derartiges lächerliches Schauspiel bieten. Die ganze

Gesellschaft will ja vor Lachen bersten und das junge Mädchen dort

wird nächstens platzen. In meinem Leben ist mir kein solcher Mensch

vorgekommen wie Sie!«

»Was habe ich denn gethan?« erwiderte ich erregt.

»Sie sind um halb 8 Uhr abends aufgestanden, um den Sonnenaufgang zu

sehen, ist das nicht genug!?«

»Und haben Sie nicht dasselbe gethan? möchte ich wissen; ich bin immer

mit der Lerche aufgestanden, bis ich unter den versteinernden Einfluß

Ihres ausgetrockneten Gehirns kam.«

»Schämen Sie sich nicht, in diesem Aufzug auf einem vierzig Fuß

hohen Schaffot auf dem Gipfel der Alpen zu stehen, unter Ihnen

eine endlose Zuschauermenge? Ist das der Schauplatz für derartige

Expektorationen?!« So ging der Streit in diesem Maskenanzug fort. Als

die Sonne untergegangen war, schlichen wir uns ins Hotel zurück und

wieder zu Bett. Wir begegneten dem Hornbläser auf dem Wege dahin, und

er versprach, uns morgen sicher zu wecken.

Er hielt Wort, wir hörten das Alphorn und standen sofort auf; es war

finster und kalt. Als ich nach dem Zündhölzchen umhertappend mit

schlotternden Händen eine Anzahl Dinge zerbrach und zu Boden warf,

wünschte ich, die Sonne möchte bei Tag aufgehen, wo es hell, warm und

angenehm ist.

Es gelang uns endlich, uns bei dem zweifelhaften Licht zweier Kerzen

anzukleiden; doch konnten wir mit unsern zitternden Händen nichts

zuknöpfen; ich überlegte, wie viel glückliche Menschen in Europa,

Asien, Amerika etc. jetzt friedlich in ihren Betten ruhten und nicht

aufzustehen brauchten, um den Rigi-Sonnenaufgang zu sehen. In diesen

Gedanken versunken, hatte ich etwas zu ausgiebig gegähnt, so daß ich

mit einem meiner Zähne an einem Nagel über der Thür hängen blieb.

Während ich auf einen Stuhl stieg um mich loszumachen, zog Harris die

Vorhänge zurück und sagte: -- »O! welches Glück! wir brauchen ja nicht

einmal das Zimmer zu verlassen -- da unten liegen die Berge in ihrer

ganzen Ausdehnung.«

Das war erfreulich; in der That, man konnte die großen Alpenmassen

sich in unsichern Umrissen gegen das schwarze Firmament abheben und

einen oder zwei Sterne durch das Morgengrauen schimmern sehen. Gut

angekleidet und warm versorgt in den wollenen Teppichen stellten

wir uns am Fenster auf mit brennenden Pfeifen und in unterhaltendem

Geplauder, in behaglicher Erwartung eines Sonnenaufgangs bei

Kerzenbeleuchtung. Nach und nach verbreitete sich ein leichtes

ätherisches Licht in unmerklicher Zunahme über die luftigen Spitzen der

Schneewüste, -- doch auf einmal schien ein Stillstand eingetreten zu

sein; ich sagte:

»Mit diesem Sonnenaufgang scheint es einen Haken zu haben. Es will

nicht recht gehen. Was meinen Sie, daß schuld sei?«

»Ich weiß nicht, es macht den Eindruck, wie wenn irgendwo Feuer wäre.

Ich sah nie solch einen Sonnenaufgang.«

»Nun, was mag wohl der Grund sein?«

Harris sprang jetzt mit einemmal auf und rief: -- »Ich hab’s! Ich

hab’s! wir sehen ja dorthin, wo gestern abend die Sonne _unterging_!«

»Vollkommen richtig! Warum haben Sie das nicht früher gemerkt? Jetzt

haben wir wieder einen verfehlt; und alles durch Ihre Dummheit. Ja! Das

sieht nur Ihnen gleich, eine Pfeife anzuzünden und den Sonnenaufgang

im _Westen_ zu erwarten.«

»Es sieht mir auch gleich, den Irrtum entdeckt zu haben; Sie hätten das

doch nie gemerkt! Ich muß alle diese Dummheiten entdecken!«

»Sie machen sie alle! Aber wir wollen die Zeit nicht mit Streiten

verlieren, vielleicht kommen wir doch noch rechtzeitig!« Allein es war

zu spät, die Sonne war schon weit oben, als wir auf den Platz kamen.

Wir begegneten der heimkehrenden Menge -- Herren und Damen in allerlei

komischer Bekleidung und mit frierenden Gesichtern.

Etwa ein Dutzend waren noch auf dem Platze. Sie suchten mit

Reisehandbuch und Panorama jeden Berg zu bestimmen und die

verschiedenen Namen und Formen ihrem Gedächtnis einzuprägen.

Es war ein betrübender Anblick.

Nach meiner Schätzung brauchten wir einen Tag, um zu Fuße nach Wäggis

oder Vitznau zu kommen; soviel war aber sicher, daß wir mit der Bahn

etwa eine Stunde brauchen würden und deshalb wählte ich das letztere.

Eine herrliche Thalfahrt auf der schwindelnden Bergbahn, die uns eine

Wunderwelt gleich einer Reliefkarte zu unsern Füßen ausgebreitet

sehen ließ, bildete den würdigen Schluß unserer ereignisreichen

Rigibesteigung mit ihrem verunglückten Sonnenaufgang.

Ein Tischgespräch.

Auf unserer Schweizerreise waren wir, ich und mein Reisebegleiter

Harris, einmal im ›Schweizerhof‹ in Luzern abgestiegen, wo wir ein

Tischgespräch hatten, an das ich zeitlebens denken werde.

Man ging um 7½ zur Tafel, an der sich eine Menge Angehöriger der

verschiedensten Nationalitäten zusammenfanden; doch ließen sich an

den ungeheuer langen Tischen besser Kleider als Menschen beobachten,

da man die Gesichter meist nur in der Perspektive zu sehen bekam. Das

Frühstück dagegen wurde an kleinen runden Tischen eingenommen, und wenn

man das Glück hatte, einen Platz in der Mitte des Saales zu erhalten,

konnte man so viele Gesichter studieren, als man wünschte.

Oefters versuchten wir zu erraten, zu welcher Nation die Leute

gehörten, und dies gelang uns ziemlich gut, aber mit den Namen

der Personen glückte es uns weniger; um _diese_ zu raten, ist

wahrscheinlich viele Uebung nötig. So gaben wir dies denn auf und

begnügten uns mit weniger schwierigen Versuchen.

Eines Morgens sagte ich: »Da sitzt eine Gesellschaft Amerikaner!«

»Ja,« meinte Harris -- »aber aus welchem Staat?«

Ich nannte einen Staat, Harris einen andern! Daß das junge Mädchen,

welches zu der Gesellschaft gehörte, sehr schön sei und sehr

geschmackvoll gekleidet, darin waren wir einer Meinung, über ihr Alter

jedoch konnten wir uns nicht einigen: ich meinte, sie sei achtzehn,

Harris hielt sie für zwanzig. Wir ereiferten uns darüber und ich sagte

schließlich, als ob es mein Ernst wäre: »Die Sache läßt sich ja sehr

leicht entscheiden, -- ich will hingehen und sie fragen.«

Harris erwiderte in spöttischem Ton: »Ja, das wird wohl das beste sein.

Du brauchst ja nur hinüberzugehen und mit der hier gebräuchlichen

Formel zu sagen: ›Ich bin Amerikaner!‹ dann wird sie sich natürlich

sehr freuen, dich zu sehen.« Dabei gab er mir zu verstehen, daß ich es

wohl schwerlich wagen würde, sie anzureden.

»Ich habe nur so gedacht,« versetzte ich, »und es nicht im Ernst

gemeint, aber du traust mir doch zu wenig Courage zu; ein Frauenzimmer

macht mir nicht so leicht bange, und jetzt gehe ich hin und spreche mit

dem Fräulein.«

Mein Vorhaben war sehr einfach: ich wollte sie höchst ehrerbietig

anreden und um Entschuldigung bitten, wenn ihre große Aehnlichkeit

mit einer früheren Bekannten mich getäuscht hätte. Wenn sie mir dann

antwortete, der Name, den ich genannt habe, sei nicht der ihrige,

so wollte ich mich abermals aufs höflichste entschuldigen, meine

Verbeugung machen und mich wieder zurückziehen. Daraus konnte doch kein

Unglück entstehen. -- Ich ging also an den Tisch, verbeugte mich vor

dem Herrn und wollte mich eben mit meiner Rede an sie wenden, als sie

ausrief:

»Also habe ich mich doch nicht geirrt! -- Ich sagte gleich zu John,

daß Sie es wären; er wollte mir nicht glauben, aber ich wußte, daß ich

recht hatte und sagte, Sie würden mich sehr bald erkennen und zu uns

herüberkommen! Es freut mich sehr, daß Sie es gethan haben, denn wenn

Sie fortgegangen wären, ohne mich zu erkennen, hätte ich das nicht

für sehr schmeichelhaft gefunden. Bitte, setzen Sie sich doch! -- Wie

merkwürdig! -- Sie sind wirklich der letzte Mensch, den ich erwartet

hätte jemals wieder zu sehen!«

[Illustration]

Das war eine Ueberraschung, die mich förmlich betäubte und mir einen

Augenblick die Besinnung raubte. Indessen schüttelten wir uns herzlich

die Hände und ich nahm neben ihr Platz; aber in einer solchen Klemme

war ich wirklich noch nie gewesen. Mir dämmerte es dunkel, als ob ich

die Züge des Mädchens schon einmal gesehen hätte, aber wo das gewesen

war und welcher Name ihr gehörte, war mir gänzlich entfallen. Daher

begann ich sogleich die Rede auf schweizer Landschaften zu bringen, um

mich nicht zu verraten; allein es half nichts, sie ging ohne Umschweife

auf die Dinge los, die sie näher interessierten.

»Nein, was das für eine Nacht war, als der Sturm die vorderen Boote mit

wegriß! Wissen Sie noch?«

»Wie sollte ich nicht!« sagte ich, aber ich hatte keine Ahnung. Ich

wollte, der Sturm hätte auch das Steuer, den Schornstein und den

Kapitän selbst mit weggerissen, dann wäre mir vielleicht ein Licht

aufgegangen, wo ich die Fragerin hinthun sollte.

»Und erinnern Sie sich, wie bange die arme Marie war?«

»Jawohl,« sagte ich, »nein, wie einem alles wieder gegenwärtig wird.«

Das wünschte ich zwar aufs innigste, aber es war wie aus meinem

Gedächtnis weggeblasen! Das Klügste wäre gewesen, offen die Wahrheit

zu gestehen, aber das konnte ich nicht übers Herz bringen, nachdem das

junge Mädchen mir solches Lob gespendet, weil ich sie wieder erkannt

hatte. So geriet ich denn immer tiefer hinein und hoffte vergebens auf

einen rettenden Faden, um aus dem Labyrinth zu kommen.

Die Unerkennbare fuhr lebhaft fort: »Denken Sie, Georg hat doch noch

Marie geheiratet!«

»Wirklich? Ist es möglich!« --

»Jawohl; er sagte, er glaube, daß ihr Vater viel mehr schuld gewesen

sei, als sie selbst; und ich glaube, er hatte recht, meinen Sie nicht

auch?«

»Natürlich, es war ja ganz klar, ich habe es doch immer gesagt.«

»O nein, Sie waren ja anderer Meinung, wenigstens in jenem Sommer.«

»Im Sommer, da haben Sie ganz recht, aber im folgenden Winter sagte

ich’s.«

»Nun, es stellte sich heraus, daß Marie gar nicht schuld war, sondern

nur ihr Vater und der alte Darley.«

Um doch etwas zu erwidern, sagte ich:

»Ja, Darley habe ich immer als ein lästiges altes Geschöpf angesehen!«

»Das war er auch, aber trotz seiner Sonderbarkeiten waren Sie ihm

zärtlich zugethan; -- wissen Sie noch, wie er immer versuchte, ins Haus

zu kommen, sobald es nur im geringsten kalt war?«

Ich getraute mir nicht, weiter zu gehen. Offenbar war dieser Darley

kein Zweifüßler, sondern irgend ein Vierfüßler, vielleicht ein Hund,

möglicherweise ein Elefant. Da nun jedes Tier eine Haut hat, so fiel

ich im Anschluß an ihre Frage mit der Bemerkung ein:

»Und was er für ein Fell hatte!«

Diese Bemerkung mußte passen, denn sie sagte zustimmend:

»Ja, ein sehr dickes -- und erst seine Wolle!«

Das verblüffte mich, ich wußte nicht recht weiter und sagte nur:

»Ja, an Wolle fehlte es ihm nicht!«

»Einen Neger mit solchem Wollhaar könnte man lange suchen,« meinte sie.

Das war ein Lichtblick, denn mir fing an schwül zu werden, und ich war

froh, als sie fortfuhr:

»Er war doch selbst bequem genug einquartiert, aber wenn es kalt wurde,

fand er sich stets bei der Familie ein und war nicht wieder aus dem

Hause zu bringen. Man sah ihm manches nach, weil er vor Jahren Tom das

Leben gerettet hatte. Erinnern Sie sich noch an Tom?«

»Ganz deutlich, er war ein so hübscher Mensch!«

»Jawohl, und das Kind ein so niedliches Ding.«

»Ein hübscheres Kind habe ich nie gesehen.«

»Ich that nichts lieber, als mit ihm tändeln und spielen.«

»Und ich schaukelte es so gern auf den Knieen.«

»Sie haben ihm auch den Namen ausgesucht, -- wie war es doch?«

Jetzt kam ich aufs Glatteis! Hätte ich nur des Kindes Geschlecht

gewußt. Zum guten Glück fiel mir ein Name ein, der für alle Fälle

paßte. Ich sagte:

»Es wurde Fränzchen genannt.«

»Nach einem Verwandten vermutlich. Aber dem verstorbenen, das ich nie

gesehen habe, gaben Sie auch den Namen; wie hieß denn das?«

Da das Kind tot war und sie es nie gesehen hatte, dachte ich, man

könnte auf gut Glück einen Namen wagen und so antwortete ich:

»Es hieß Thomas Heinrich!«

Sie wurde nachdenklich und sagte: »Das ist doch sonderbar -- sehr

sonderbar!«

Ich saß ganz still und der kalte Schweiß lief an mir herunter. Aber, so

arg meine Verlegenheit war, so hoffte ich doch, mich aus der Klemme zu

ziehen, wenn sie nur nicht noch mehr Namen von Kindern wissen wollte.

-- Ich war begierig, wo der nächste Blitz einschlug. Sie war noch mit

dem Namen des letzten Kindes beschäftigt, sagte aber plötzlich:

»Es war recht schade, daß Sie gerade fort waren als mein Kind geboren

wurde, sonst hätten Sie seinen Namen auch wählen müssen.«

»Ihr Kind? Sind Sie denn verheiratet?«

»Ich bin seit dreizehn Jahren verheiratet.«

»Getauft, meinen Sie wohl.«

»Nein, verheiratet, -- dieser Knabe hier ist mein Sohn.«

»Das scheint ja ganz unglaublich, -- fast unmöglich! Wenn Sie es nicht

für unhöflich halten, möchte ich mir wirklich erlauben zu fragen, ob

Sie älter als achtzehn sind?«

»Am Tag des Sturmes, von dem wir sprachen, war ich gerade neunzehn, das

war mein Geburtstag.«

Dadurch wurde ich wenig klüger, da ich das Datum des Sturmes nicht

wußte.

Ich dachte nach, was ich wohl Unverfängliches sagen könnte, um

meinen Anteil an der Unterhaltung beizutragen und meinen Mangel an

Erinnerungen weniger bemerklich zu machen. Aber nichts Unverfängliches

wollte mir einfallen. Wenn ich sagte: ›Sie haben sich seitdem nicht im

geringsten verändert!‹ so war das riskiert; meinte ich dagegen: ›Sie

sehen jetzt viel besser aus‹ so ging das auch nicht. Eben wollte ich

einen Ausfall auf das Wetter machen, als meine Landsmännin mir zuvorkam

und rief:

»Wie habe ich mich gefreut, einmal wieder von den lieben alten Zeiten

zu sprechen! Sie nicht auch?«

»Gewiß, eine solche halbe Stunde habe ich noch nie erlebt,« versetzte

ich voll Gefühl und hätte mit Wahrheit hinzufügen können: ›Lieber

wollte ich mir bei lebendigem Leibe die Haut abziehen lassen, als

sie noch einmal durchzumachen.‹ Ich war von Herzen dankbar, mit der

Feuerprobe fertig zu sein und wollte mich eben verabschieden, als sie

fortfuhr:

»Nur eins geht mir im Kopf herum!«

»Was denn?«

»Der Name des verstorbenen Kindes. Wie sagten Sie doch, daß es hieß?«

Jetzt war ich übel daran; ich hatte des Kindes Namen ganz vergessen,

wie konnte ich ahnen, daß ich ihn noch einmal brauchen würde. Ich ließ

mir nichts anmerken und sagte kühn:

»Joseph Wilhelm.«

Aber der Knabe neben mir verbesserte meinen Irrtum:

»Nein; Thomas Heinrich.«

Ich bedankte mich bei ihm und sagte: »Ach ja, ich habe es mit einem

andern Kind verwechselt, richtig, Thomas Heinrich hieß das arme Kind;

Thomas, hm -- nach dem großen Thomas Carlyle, und Heinrich -- hm --

nach Heinrich VIII., die Eltern waren sehr zufrieden mit den Namen.«

»Dadurch wird es nur noch sonderbarer,« murmelte meine schöne Freundin.

»Warum denn?«

»Weil die Eltern es immer Amalie Susanne nennen, wenn sie von ihm

sprechen.«

Jetzt war meine Weisheit zu Ende; ich war wie auf den Mund geschlagen

und wußte weder aus noch ein. Um die Sache fortzusetzen, hätte ich

lügen müssen, und das wollte ich nicht. So saß ich denn stumm und

ergeben da, und ließ mich von dem Feuer meiner eigenen Beschämung

langsam zu Tode braten. Plötzlich aber lachte meine Gegnerin hell auf

und sagte:

»Mir haben die Erinnerungen an alte Zeiten mehr Spaß gemacht als Ihnen.

Ich merkte bald, daß Sie sich nur stellten, als ob Sie mich kennten,

und nachdem ich mein Lob an Sie verschwendet hatte, beschloß ich, Sie

zu strafen, was mir auch gelungen ist. Es war mir sehr angenehm, durch

Sie Georg und Tom und Darley kennen zu lernen; denn ich hatte vorher

nie etwas von ihnen gehört. Wenn man es nur richtig anzufangen weiß,

kann man von Ihnen wirklich eine ganze Menge Neuigkeiten erfahren.

Marie, und der Sturm, der die vorderen Boote wegriß, sind wahre

Thatsachen, alles andere ist Dichtung. Marie war meine Schwester, ihr

ganzer Name ist Marie X.; wissen Sie _nun_, wer ich bin?«

»Ja, jetzt erinnere ich mich Ihrer, -- Sie sind gerade noch so

hartherzig wie vor dreizehn Jahren auf dem Schiff, sonst würden Sie

mich nicht so bestraft haben. Sie sind noch ganz wie Sie waren, von

innen und von außen. Sie sehen ebenso jung aus wie damals, Ihre

Schönheit ist unverändert und findet ihr Abbild in Ihrem prächtigen

Knaben! -- Und nun -- wenn diese Worte Sie gerührt haben, lassen

Sie uns Frieden schließen, denn ich bekenne mich für besiegt und

überwunden.«

Dies wurde zum Beschluß erhoben und auf der Stelle ausgeführt.

* * * * *

Als ich zu Harris zurückkam, sagte ich: »Nun siehst du, was Talent und

Geschicklichkeit ausrichten können!«

»Bitte sehr, ich sehe, was riesige Unwissenheit und Einfalt zu thun

imstande sind! Daß ein Mensch, der seine fünf Sinne bei sich hat, sich

auf diese Weise fremden Leuten aufdrängt und eine halbe Stunde in sie

hineinredet, so etwas ist noch nicht dagewesen! Was hast du ihnen nur

gesagt?«

»Gar nichts Schlimmes! Ich habe das Mädchen gefragt, wie es hieße!«

»Meiner Treu, das sieht dir ähnlich! Du bist imstande, so etwas zu

thun! Es war dumm von mir, -- ich hätte nicht zugeben sollen, daß

du hingehst, um dich zum Narren zu machen. Aber wie konnte ich mir

vorstellen, daß du dich so weit vergessen würdest! Was werden die Leute

von uns denken? Aber, wie hast du es gesagt? auf welche Weise? Ich

hoffe, nicht ganz ohne Einleitung!«

»O nein, ich sagte: Mein Freund und ich, wir möchten gern wissen, wie

Sie heißen, -- wenn Sie nichts dagegen haben!«

»Nein, das war wirklich nicht mit der Thür ins Haus gefallen! -- Du

warst in der That von einer Höflichkeit, die dir Ehre macht, und ich

danke dir noch besonders, daß du mich auch hineingemischt hast! Was

that sie aber?«

»Gar nichts Ungewöhnliches! Sie nannte mir einfach ihren Namen.«

»Ist es möglich! -- und zeigte auch gar keine Ueberraschung?«

»Doch -- etwas hat sie gezeigt -- vielleicht war es Ueberraschung --

mir kam es aber vor, als sei es Freude.«

»Sehr wahrscheinlich ... es muß natürlich Freude gewesen sein -- wie

hätte sie sich auch nicht freuen sollen, von einem Fremden mit einer

solchen Frage angefallen zu werden. -- Was thatest du weiter?«

»Ich reichte ihr die Hand und sie schüttelte sie.«

»Das habe ich gesehen -- ich traute meinen Augen kaum! Hat der Herr

denn nicht gesagt, er würde dir den Hals umdrehen?«

»Nein, mir schien es, als ob sie sich alle freuten, meine Bekanntschaft

zu machen.«

»Das wird auch wohl der Fall gewesen sein; sie werden bei sich gedacht

haben: dieser Ausstellungsgegenstand muß seinem Wärter entlaufen sein,

wir wollen uns einen Spaß mit ihm machen! Das ist die einzige Erklärung

für ihre Sanftmütigkeit. -- Du nahmst Platz -- haben sie dich dazu

aufgefordert?«

»Nein, ich dachte, sie hätten es vergessen.«

»Welchen sicheren Instinkt du hast! Was hast du noch gethan? Wovon hast

du denn gesprochen?«

»Ich fragte das Mädchen, wie alt es wäre.«

»Nein, wirklich, dein Zartgefühl ist über alles Lob erhaben! Weiter --

weiter -- kümmere dich nicht um meine traurige Miene, -- so sehe ich

immer aus, wenn ich eine tiefe innere Freude empfinde. Sprich weiter!

Sie gab dir ihr Alter an?«

»Ja, und dann erzählte sie mir von ihrer Mutter, ihrer Großmutter, den

übrigen Verwandten und von ihren eigenen Angelegenheiten.«

»Alles von selbst?«

»Nein, das nicht gerade. Ich stellte die Fragen und sie gab mir die

Antworten.«

»Das ist ja himmlisch! Hast du nicht auch nach ihren politischen

Ansichten gefragt?«

»Freilich -- sie ist Demokratin und ihr Mann Republikaner.«

»Ihr Mann? Das Kind ist doch nicht verheiratet?«

»Sie ist kein Kind; sie ist verheiratet, und der Herr, der neben ihr

sitzt, ist ihr Mann!«

»Hat sie auch Kinder?«

»Ja, sieben und ein halbes.«

»Das ist unmöglich!«

»Nein, es ist die reine Wahrheit. Sie hat es mir selbst gesagt.«

»Aber -- sieben und ein halbes? -- Was soll das halbe bedeuten?«

»Das ist aus einer anderen Ehe -- solch ein Stiefkind wird nur halb

gerechnet.«

»Aus einer anderen Ehe? So hat sie schon einmal einen Mann gehabt?«

»Ja, vier; dies ist der vierte.«

»Ich glaube kein Wort davon, die Unmöglichkeit liegt ja auf der Hand.

Ist der Knabe ihr Bruder?«

»Nein, ihr Sohn und zwar der jüngste. Er ist nicht so alt wie er

aussieht, erst elf und ein halbes Jahr.«

»Das ist alles vollständig unmöglich! Die Sache scheint mir ganz

klar: sie haben gesehen, wen sie vor sich hatten, und dich zum Narren

gehalten. Ich bin froh, daß ich nichts damit zu schaffen habe;

hoffentlich denken sie nicht, wir zwei seien Leute vom gleichen

Schlage. Wollen sie denn lange hier bleiben?«

»Nein, sie reisen noch vor Mittag ab.«

»Ich kenne jemand, der herzlich froh darüber ist. Wo hast du es

erfahren? Du hast sie wahrscheinlich gefragt?«

»Nein, zuerst fragte ich im allgemeinen nach ihren Plänen, und sie

sagten, sie würden eine Woche hier bleiben und Ausflüge in die Umgegend

machen. Gegen das Ende der Unterhaltung äußerte ich dann, wir würden

sie gern auf ihren Touren begleiten und schlug vor, dich zu holen und

ihnen vorzustellen. Dann zögerten sie ein wenig und fragten, ob du aus

derselben Anstalt seiest wie ich. Ich sagte ja, worauf sie bemerkten,

sie hätten sich anders besonnen und wollten sofort nach Sibirien

abreisen, um einen kranken Verwandten zu besuchen.«

[Illustration]

»Das setzt deiner Dummheit die Krone auf! So weit hat es noch niemand

gebracht. Wenn du vor mir stirbst, setze ich dir ein Denkmal von

Eselsköpfen, so hoch wie der Straßburger Kirchturm! Sie wollten

wirklich wissen, ob ich aus derselben Anstalt wäre wie du? -- Was für

eine Anstalt meinten sie denn?«

»Ich weiß nicht, es fiel mir nicht ein, danach zu fragen.«

»Aber _ich_ weiß es! -- Sie meinten ein Irrenhaus, eine Anstalt für

Blödsinnige. Und jetzt halten sie uns doch für zwei gleiche Narren. --

Siehst du nun, was du angerichtet hast? Schämst du dich gar nicht?« --

»Weshalb auch? -- Meine Seele dachte an nichts Böses; was schadet es

denn? Es waren sehr nette Leute und ich schien ihnen zu gefallen.«

Harris machte einige grobe Bemerkungen und begab sich in sein

Schlafzimmer -- um Tische und Stühle kurz und klein zu schlagen, wie

er sagte. Er ist ein merkwürdig cholerischer Mensch und die geringste

Kleinigkeit bringt ihn ganz außer sich. --

Die junge Dame hatte mich schön in die Klemme gebracht, aber an Harris

habe ich mich wieder schadlos gehalten. Man muß sein Mütchen immer auf

eine oder die andere Weise kühlen, sonst schmerzt die wunde Stelle noch

lange.

Ein Landsmann.

(Nummer 1.)

Von Luzern aus machte ich eines Tages einen Ausflug auf dem Dampfer

nach Flüelen. Es war ein prächtiger, sonniger Tag, und unter dem Dach

von Segeltuch saßen die Passagiere plaudernd und lachend auf den Bänken

des oberen Verdecks und ließen ihr Entzücken über die wunderbare

Scenerie von Zeit zu Zeit laut werden. Man kann sich auch wirklich kein

herrlicheres Vergnügen denken, als eine Fahrt auf diesem See! Die Berge

waren ein immer neues Wunder und stiegen manchmal so gerade aus dem See

auf und ragten so gewaltig in die blaue Luft empor, daß unser winziges

Dampfboot zu ihren Füßen ganz zu verschwinden schien.

Es sind dies keine Schneeberge, aber doch umhüllen die Wolken ihre

Häupter, sie starren nicht als nackte Felsen in die Höhe, sondern sind

in Grün gekleidet, das dem Auge wohlthuend ist und auf dem es gerne

weilt; ihre Abhänge sind so steil, daß man sich nicht vorstellen kann,

wie sich auf ihnen Fuß fassen läßt; aber es führen Pfade hinauf und

herunter, welche die Schweizer täglich benutzen.

Manchmal hingen die Gipfel der mächtigen Riesenberge weit nach vorn

über, wie ein vorstehendes Mansardendach, und auf der äußersten Spitze

desselben, dem Auge kaum sichtbar, klebten winzige Dingerchen wie

Schwalbennester, -- die Hütten der Bauern, die sich wahrlich einen

luftigen Wohnort aufgesucht hatten! Wenn nun aber ein Bauer dort oben

nachtwandelt, -- oder sein Kind aus dem Vordergarten hinunterstürzt,

-- was für eine lange Reise für die Verwandten aus ihren Wolkenhöhen

herab, ehe sie die Gebeine des Verunglückten auffinden können! Und

doch sehen diese Heimstätten da oben so verlockend aus, so fern von

der unruhigen Welt, und in einer Atmosphäre von so süßem, traumseligem

Frieden, daß, wer einmal gelernt hat, dort oben zu wohnen, gewiß nicht

wieder in niedere Regionen herabsteigen mag!

Zwischen den ungeheuren grünen Mauern wand sich der See in reizenden

Krümmungen dahin, und wir sahen mit stets wachsendem Entzücken das

großartige Panorama sich hinter uns zusammenrollen und verschwinden

und sich vor unsern Blicken in neuer Schönheit entfalten! Dann und

wann durchzuckte uns ein wonnevoller Schauer der Ueberraschung, wenn

sich plötzlich als glänzend weiße Masse die ferne, alles beherrschende

Jungfrau vor uns erhob, oder ein anderer ähnlicher Schneeriese,

der mit Haupt und Schultern über die Spitzen der mittelhohen Alpen

hervorschaute.

Während ich einen solchen Anblick mit den Augen verschlang und mir

Herz und Sinn daran weidete, so lange er zu genießen war, hörte ich

plötzlich eine junge und harmlose Stimme neben mir die Worte sagen:

»Sie sind wohl ein Amerikaner? Ich auch!« --

Er war zwischen 18 und 19 Jahre, schlank, von mittlerer Größe, das

Gesicht offen, frei und froh, der Blick unstät, aber selbstbewußt,

die Nase leicht nach oben gerichtet, als suche sie der Begegnung mit

dem ersten Flaum des jungen Bartes auszuweichen, die Kinnbacken lose

hängend und äußerst beweglich. Er trug einen niedrigen Schlapphut

mit schmaler Krempe und blauem Band, auf dem vorn ein weißer Anker

gestickt war; sein kurzer Rock, die Beinkleider, die Weste, alles saß

sauber und nett nach der Mode; die rotgestreiften Strümpfe steckten

in vorschriftsmäßigen, mit schwarzen Bändern gebundenen Lederschuhen;

ein blauer Schlips unter dem weit offenen Kragen, kleine Diamantknöpfe

im Hemd, tadellos sitzende Handschuhe, vorstehende Manschetten mit

großen Knöpfen von oxydiertem Silber und einem Hundekopf darauf --

einem englischen Mops; auch auf seinem Spazierstöckchen war der Kopf

eines Mopshundes mit roten Glasaugen. Unter dem Arm trug er Ottos

deutsche Grammatik, sein Haar war kurz geschnitten, glatt und -- wie

ich bemerkte, als er sich umwandte -- hinten sorgfältig gescheitelt.

Er nahm eine Zigarette aus einer zierlichen Schachtel heraus, steckte

sie in eine Meerschaumspitze, die er in einem Futteral von Marokkoleder

bewahrte, langte nach meiner Zigarre, und während er sich Feuer machte,

sagte ich:

»Ja, ich bin Amerikaner!« --

»Das wußte ich, -- ich erkenne die Amerikaner immer. In welchem Schiff

sind Sie herübergekommen?«

»In der Holsatia.«

»Wir in der Batavia, -- Cunard,[1] -- wissen Sie. Was für eine

Ueberfahrt hatten Sie?«

[1] Bekannte Linie dieses Namens.

[Illustration]

»Ziemlich rauh.«

»Wir auch. Der Kapitän sagte, so rauh wäre es nur selten. Wo sind Sie

her?«

»Von Neu-England.«

»Ich auch, aus Neu-Bloomfield. Mit wem reisen Sie?«

»Mit einem Freunde.«

»Meine ganze Familie ist mit; allein zu reisen ist schrecklich

langweilig, meinen Sie nicht auch?«

»Jawohl!«

»Waren Sie schon früher hier?«

»Ja.«

»Ich nicht. Es ist meine erste Reise, aber wir waren allenthalben --

in Paris und überall. Nächstes Jahr soll ich in Harvard studieren und

ich lerne hier Deutsch; ehe ich nicht Deutsch kann, werde ich nicht

aufgenommen. Französisch ist mir ganz geläufig; in Paris bin ich sehr

gut damit durchgekommen. In welchem Hotel wohnen Sie?«

»Im Schweizerhof.«

»Was? wirklich? Ich habe Sie ja nicht im Salon gesehen! Ich gehe

sehr viel in den Salon, weil da so viele Amerikaner sind, und mache

Bekanntschaften. Ich finde die Amerikaner immer gleich heraus, dann

spreche ich sie an und werde mit ihnen bekannt. Ich mache sehr gern

neue Bekanntschaften. Sie nicht auch?«

»Ja, freilich!«

»Das macht eine Fahrt wie diese viel unterhaltender; man langweilt

sich nie, wenn man neue Bekanntschaften macht und mit jemand sprechen

kann; wenn man niemand fände und keine Bekanntschaften machte, müßte

solch eine Fahrt sehr langweilig sein. Ich unterhalte mich sehr gern,

Sie nicht auch?«

»Leidenschaftlich gern!«

»Haben Sie sich heute auf der Fahrt gelangweilt?«

»Nur eine Zeit lang, nicht immer.«

»Da sehen Sie es, -- man muß herumgehen, sprechen und bekannt werden,

-- so mache ich es, ich gehe immerfort herum und spreche in einem zu,

dabei langweile ich mich nie. Sind Sie schon auf der Rigi gewesen?«

»Nein.«

»Wollen Sie hin?«

»Ich denke.«

»In welches Hotel gehen Sie?«

»Ich weiß nicht. Giebt es denn mehrere?«

»Drei. Gehen Sie zu Schreiber; da finden Sie Amerikaner die Menge. In

welchem Schiff sagten Sie, daß Sie herübergekommen sind?«

»In der City of Antwerp.«

»Deutsche Linie, nicht wahr? -- Gehen Sie nach Genf?«

»Ja.«

»In welchem Hotel wollen Sie wohnen?«

»Im ›Ecu de Genève‹.«

»Thun Sie das ja nicht! Da sind keine Amerikaner. Gehen Sie in eins der

großen Hotels an der Brücke, da sind immer viele.«

»Aber ich will mich im Arabischen üben!«

»Gerechter Himmel, können Sie arabisch?«

»Ja, genug, um mich verständlich zu machen.«

»Aber in Genf können Sie sich damit nicht verständlich machen, da

spricht man nicht arabisch -- man spricht französisch. In welchem Hotel

wohnen Sie hier?«

»In der Pension Beau-Rivage.«

»O, Sie sollten im Schweizerhof wohnen! Wissen Sie nicht, daß der

Schweizerhof das beste Hotel in der Schweiz ist? Sehen Sie nur im

Bädeker nach.«

»Ja, aber ich dachte, da wären keine Amerikaner.«

»Keine Amerikaner! Du meine Güte! Es wimmelt von ihnen! Ich halte mich

meistens im großen Salon auf und mache Bekanntschaften, allerdings

nicht mehr so viele wie im Anfang, weil augenblicklich weniger Gäste da

sind. -- Wo sind Sie her?«

»Aus Arkansas.«

Reisebilder und verschiedene Skizzen · 第 1 / 20 段