23. Kapitel.

Kanonendonner erschütterte gleich am frühen Morgen Schloß und Stadt.

Schon hatten die Türken das Schloß entlang einen Graben von fünfhundert

Ellen Länge ausgehöhlt, an einer Stelle waren sie sogar schon an der

Mauer selbst in die Tiefe gelangt. Von dem Graben aus richteten sie

ein ununterbrochenes Feuer aus den Janitscharenbüchsen gegen die

Mauern. Die Belagerten deckten sich durch Lederbeutel, die mit Wolle

gefüllt waren; aber von den Schanzen wurden ununterbrochen Granaten

geschleudert. Die Mannschaft bei den Kanonen lichtete sich unheimlich

schnell; bei einer Kanone tötete eine Granate sechs Mann von Michaels

Fußtruppen mit einem Schlage, bei anderen fielen die Kanoniere einer

nach dem anderen. Am Abend sahen die Führer ein, daß sie sich unmöglich

zu halten vermochten, um so weniger, als die Mine jeden Augenblick

losspringen konnte. Nun versammelten sich in der Nacht die Rottenführer

mit ihren Mannschaften und brachten unter beständigem Gewehrfeuer

alle Kanonen, Pulver und Lebensmittel in das alte Schloß. Dieses

konnte sich, weil es auf Felsen gebaut war, länger halten, und es war

besonders schwierig, es zu unterminieren. Michael, der darüber im

Rate befragt wurde, sagte, wenn niemand Verhandlungen anknüpfe, sei

er bereit, ein ganzes Jahr sich zu verteidigen. Seine Worte gelangten

in die Stadt und gossen neuen Mut in die Herzen der Bürger, denn man

wußte, daß der kleine Ritter sein Wort halten werde, und sollte er es

auch mit dem eigenen Leben bezahlen.

Als sie das neue Schloß verließen, legten sie tüchtige Minen unter

beide Seitenflügel und die Front. Die Minen sprangen mit großem

Getöse um die Mittagsstunde in die Luft, aber sie fügten den Türken

wenig Schaden zu; die Lehre von gestern hatte sie klug gemacht,

und sie hatten deshalb noch nicht gewagt, den verlassenen Ort zu

besetzen. Indessen aber bildeten die beiden Seitenflügel, die Front,

der Hauptteil des neuen Schlosses, einen riesigen Wall von Schutt.

Die Schutthaufen erschwerten zwar den Zutritt zu dem alten Schloß,

aber sie gaben den Schützen und, was schlimmer war, den Mineuren eine

vortreffliche Deckung. Diese letzteren begannen sofort, vor dem Anblick

des mächtigen Felsens nicht zurückschreckend, eine neue Mine zu graben.

Die Arbeiten leiteten erfahrene italienische und ungarische Ingenieure,

die im Dienste des Sultans standen, und die Arbeit ging rüstig fort.

Die Belagerten konnten den Feind weder mit Kanonen noch mit Musketen

»beunruhigen«, denn man sah ihn nicht. Herr Wolodyjowski dachte an

einen Ausfall, aber man konnte ihn nicht sogleich ins Werk setzen; die

Soldaten waren allzusehr ermüdet. Die Dragoner hatten an den rechten

Armen von dem beständigen Drücken der Kolben blaue Anschwellungen, so

groß, wie ein Laib Brot, manche von ihnen konnten den Arm kaum bewegen,

und indessen ward es immer deutlicher, daß, wenn das Minenlegen noch

eine Weile ununterbrochen fortdauerte, das Haupttor des Schlosses

unzweifelhaft in die Luft gesprengt werden würde. Michael sah dies

voraus; er ließ hinter dem Tor einen hohen Wall aufschütten und sagte,

ohne den Mut zu verlieren:

»Was tut's; fliegt das Tor in die Luft, so werden wir uns hinter dem

Wall verteidigen. Fliegt der Wall in die Luft, so schütten wir einen

zweiten auf -- und so fort, solange wir noch Grund unter den Füßen

spüren.«

Aber der General von Podolien, der alle Hoffnung verloren hatte, sagte:

»Und wenn auch diese Stelle nicht mehr da ist?«

»Dann sind auch wir nicht mehr da.«

Indessen ließ er den Feind mit Handgranaten überschütten, die große

Verluste anrichteten. Am tüchtigsten bei dieser Arbeit erwies sich der

Hauptmann Dembinski, der zahllose Türken hinmähte, bis ihm endlich eine

allzufrüh entzündete Granate in der Hand platzte und diese mit sich

riß. Auf ähnliche Weise fand Kapitän Schmidt den Tod. Viele sanken

hin, von Kanonenkugeln getroffen, viele von der Handwaffe, welche die

Janitscharen gebrauchten, die hinter dem Schutt des neuen Schlosses

aus dem Verborgenen schossen. Während dieser Zeit wurde aus den

Schloßkanonen wenig geschossen, was die Herren vom Rat sehr verdutzt

machte. Sie schießen nicht mehr, offenbar verzweifelt auch Wolodyjowski

an der Möglichkeit der Verteidigung -- dies war die allgemeine Stimme.

Von den Soldaten wagte niemand zuerst auszusprechen, daß nichts anderes

übrig bleibe, als möglichst feste Bedingungen zu erlangen; aber der

Bischof, der alles ritterlichen Ehrgeizes bar war, sprach es laut aus.

Vorher aber schickte man noch Herrn Wasilkowski zu dem General, um

Nachrichten aus dem Schlosse einzuholen. Jener schrieb: -- Nach meiner

Ansicht hält sich das Schloß nicht bis zum Abend, aber hier denkt man

anders. --

Nachdem sie diese Worte gelesen hatten, sagten auch die Soldaten:

»Wir haben getan, was in unserer Macht lag, niemand von uns hat

sich geschont, aber was unmöglich ist, ist unmöglich -- wir müssen

um die Bedingungen verhandeln.« Diese Worte drangen in die Stadt und

verursachten eine große Zusammenrottung; die Menge stand vor dem

Rathaus, unruhig, stumm; sie war Unterhandlungen eher ab- als zugeneigt.

Einige reiche armenische Kaufleute freuten sich im geheimen, daß die

Belagerung ein Ende habe, daß der Handel wieder beginnen werde; andere

Armenier aber, die seit uralten Zeiten in der Republik ansässig waren

und sie sehr liebten, ferner die Lechen, die Ruthenen wollten die

Verteidigung fortsetzen. -- Wenn wir uns ergeben wollen, so hätten wir

es lieber gleich getan -- murrte man hier und da -- da hätte sich viel

gewinnen lassen; jetzt werden die Bedingungen keine günstigen sein, und

so lassen wir uns lieber unter den Trümmern begraben.

Das Murren der Mißvergnügten wurde immer lauter, bis es sich plötzlich

und unerwartet in Rufe der Begeisterung und in Vivats umwandelte.

Was war geschehen? Herr Michael war auf dem Markte in Begleitung

des Herrn Humiezki erschienen. Der General hatte sie absichtlich

hinausgeschickt, damit sie selbst Rechenschaft von den Vorgängen im

Schlosse gäben. Die Menge ergriff eine feurige Begeisterung. Die einen

schrieen, als seien die Türken schon in die Stadt gedrungen, anderen

traten Tränen in die Augen bei dem Anblick des vergötterten Ritters,

dem man die außerordentlichen Anstrengungen anmerkte. Sein Gesicht

war vom Pulverdampf geschwärzt und abgemagert, seine Augen gerötet

und eingefallen, aber er blickte heiter drein. Als Herr Michael und

Humiezki endlich durch den Menschenandrang hindurchgekommen waren

und in den Rat eintraten, begrüßte man sie auch hier freudig. Der

Erzbischof aber begann sogleich:

»Geliebte Brüder! _Nec Hercules contra plures!_ Der Herr General hat

uns schon geschrieben, daß ihr euch ergeben müßt.«

Darauf antwortete Humiezki, der sehr lebhaften Temperaments und

überdies von hervorragender Familie war und sich wenig um das Urteil

der Menge kümmerte, heftig:

»Der Herr General hat den Kopf verloren; er besitzt nur die Tugend, daß

er ihn preisgibt. Was die Verteidigung betrifft, so trete ich das Wort

Herrn Michael Wolodyjowski ab, weil er das besser zu sagen weiß.«

Aller Augen richteten sich auf den kleinen Ritter.

»Bei Gott, wer spricht hier von Ergebung! Haben wir nicht dem

lebendigen Gotte geschworen, daß wir einer über des anderen Leiche

fallen wollen?«

»Wir haben geschworen, daß wir tun werden, was in unserer Macht steht,

und wir haben alles getan,« antwortete der Bischof.

»Wer etwas versprochen hat, soll auch dafür einstehen. Ich und Ketling,

wir haben geschworen, daß wir das Schloß bis in den Tod verteidigen

werden, und wir werden es verteidigen; denn wenn ich die Pflicht habe,

jedem Menschen mein Ritterwort zu halten, um wie viel eher Gott, der

alle an Majestät überragt.«

»Nun, und wie steht's mit dem Schlosse? Wir haben gehört, daß unter dem

Tore eine Mine liegt. Wie lange haltet Ihr's aus?« fragten zahlreiche

Stimmen.

»Die Mine ist unter dem Tore oder sie wird bald dort sein; aber auch

ein artiger Wall erhebt sich schon vor dem Tore, und ich habe auch

Kanonen auffahren lassen. Geliebte Brüder, um des Himmels willen

bedenkt, wenn wir uns ergeben, müssen wir die Kirchen in die Hände der

Heiden liefern, die sie in Moscheen umwandeln werden, um Gräuel darin

zu verüben. Wie könnt ihr so leichten Herzens von Ergebung sprechen?

Mit welchem Gewissen wollt ihr dem Feind die Pforte zu dem Herzen des

Vaterlandes öffnen? Seht, ich sitze im Schlosse und fürchte die Mine

nicht, -- und ihr fürchtet sie in der Stadt, fern von dort? Bei Gott,

ergeben wir uns nicht, solange Leben in uns ist! Laßt die Erinnerung

an diese Verteidigung fortleben unter unseren Nachkommen, wie die von

Sbarasch in unserem Gedächtnis lebt.«

»Das Schloß werden die Türken in einen Trümmerhaufen verwandeln,«

antwortete eine Stimme.

»Mögen sie es verwandeln -- auch von einem Trümmerhaufen kann man sich

verteidigen.« Hier verließ den kleinen Ritter die Geduld. »Ich werde

mich auf diesem Trümmerhaufen verteidigen, so wahr mir Gott helfe!

Und nun mein letztes Wort: Ich übergebe das Schloß nicht! Habt ihr's

gehört?«

»Du willst die Stadt ins Verderben stürzen?« fragte der Bischof.

»Ehe sie den Türken in die Hände fällt, will ich sie lieber

verderben -- ich hab's geschworen. Ich will kein Wort mehr verlieren, und

ich gehe zurück unter die Kanonen, denn die verteidigen die Republik,

sie verkaufen sie nicht.«

Er sprach's und ging hinaus; Humiezki folgte ihm und warf die Türe

gellend ins Schloß. Eilig gingen sie beide dahin, denn sie fühlten

sich in der Tat wohler unter Trümmerhaufen, Leichen und Kugeln, als

unter den kleingläubigen Menschen. Auf dem Wege hatte sie Makowiezki

eingeholt.

»Michael,« sagte er, »sag' mir die Wahrheit: hast du vom Widerstand nur

gesprochen, um den Leuten Mut zu machen, oder hoffst du dich wirklich

im Schlosse halten zu können?«

Der kleine Ritter zuckte die Achseln.

»So wahr ich Gott liebe, wenn sie die Stadt nicht übergeben, -- ich will

mich ein Jahr lang verteidigen.«

»Warum schießt Ihr nicht? Das hat die Leute erschreckt und darum

sprechen sie von Übergabe.«

»Wir schießen nicht, weil wir damit beschäftigt sind, Handgranaten

unter den Feind zu werfen, die den Mineuren große Verluste bringen.«

»Hör' Michael, habt Ihr im Schlosse solche Verteidigungsmittel, daß

Ihr auch hinter das Reußentor schießen könnt? Wenn nämlich, was Gott

verhüte, die Türken den Damm durchbrechen, so gelangen sie ins Tor. Ich

bewache es aus allen Kräften, aber mit Bürgern allein, ohne Soldaten,

bring' ich's nicht fertig.«

Da versetzte der kleine Ritter:

»Gräme dich nicht, teurer Bruder, ich habe schon fünfzehn Kanonen nach

dieser Seite gerichtet; auch um das Schloß seid beruhigt. Wir werden

nicht bloß uns verteidigen, sondern, wenn nötig, auch Euch Hilfe an die

Tore schicken.«

Als Makowiezki das hörte, freute er sich sehr und wollte schon

davongehen, als der kleine Ritter ihn zurückhielt und noch fragte:

»Höre, du bist doch häufiger dort bei den Beratungen: wollen sie uns

nur auf die Probe stellen, oder denken sie wirklich daran, Kamieniez in

die Hände des Sultans zu liefern?«

Makowiezki senkte den Kopf.

»Michael,« sagte er, »so sage doch aufrichtig: muß es nicht so enden?

Eine Zeitlang werden wir uns halten, eine Woche, zwei, einen Monat,

zwei Monate, -- aber das Ende wird stets dasselbe sein.«

Michael blickte ihn finster an; dann erhob er die Hände und rief aus:

»Brutus, auch du gegen mich? Ha, so werdet Ihr allein Eure Schmach

tragen, für mich ist diese Bürde nicht.« Und sie schieden mit Groll im

Herzen.

Die Mine unter dem Haupttor des alten Schlosses explodierte kurz

nach Herrn Michaels Ankunft. Ziegelsteine flogen durch die Bresche,

wie eine Schafherde durch die offene Tür in die Hürde flutet, wenn

der Hirt und die Futterknaben ihnen mit Peitschen folgen. Ketling

aber pfiff unter die Menge mit Kartätschen aus sechs Geschützen, die

er vorher auf dem Walle in Bereitschaft gestellt hatte; er pfiff

ein über das andere Mal und fegte den Hof rein. Michael, Humiezki,

Myslischewski waren mit dem Fußvolk und den Dragonern herangeeilt und

sie besetzten den Wall so dicht, wie Fliegen an heißen Sommertagen

das Aas eines Rindes oder Pferdes besetzen. Es begann ein Kampf aus

Musketen und Büchsen, die Kugeln fielen so dicht auf den Wall, wie

Regen oder Getreidekörner, die der rüstige Bauer mit der Schaufel in

die Höhe wirft. Die Türken wimmelten zwischen den Trümmern des neuen

Schlosses; in jeder Vertiefung, hinter jedem Bruch, hinter jedem Stein,

hinter jeder Trümmergrube saßen sie zu zweien, zu dreien, zu fünfen,

zu zehnen und feuerten ohne Unterlaß. Von Chozim her strömten ihnen

immer neue Hilfskräfte zu, Regiment auf Regiment kam heran, stürmte

auf die Trümmer los und eröffnete sofort das Feuer. Das ganze neue

Schloß war wie mit Turbanen gepflastert. Manchmal erhoben sich diese

Massen von Turbanen plötzlich mit entsetzlichem Geschrei und stürmten

gegen die Breschen; aber da ergriff Ketling das Wort, -- der dröhnende

Baß der Kanonen überdröhnte das Krachen der Feuergewehre, und Heere

von Kartätschen flogen pfeifend und surrend durch die Luft unter die

Menge, streckten sie zu Boden und füllten die Bresche mit Haufen von

zuckenden Menschenkörpern. Viermal stürmten die Janitscharen vorwärts,

viermal warf Ketling sie zurück und streute sie in alle Winde, wie der

Sturm das Laub zerstreut. Er selbst stand mitten im Feuer, im Rauch,

umherflatternden Erdschollen und platzenden Granaten da, dem Engel des

Krieges vergleichbar. Seine Augen waren auf die Bresche geheftet, und

auf seiner lichten Stirn sah man nicht die geringste Besorgnis. Bald

entriß er einem Kanonier die Lunte und hielt sie an die Kanone, dann

die Hand über die Augen, um nach dem Erfolg des Schusses zu spähen, und

von Zeit zu Zeit wandte er sich lächelnd zu den polnischen Offizieren

und sagte:

»Sie kommen nicht herein.«

Nie war die Wut eines Angriffes an einer solchen Furie der Verteidigung

zerschellt. Offiziere und Soldaten wetteiferten; die Aufmerksamkeit

dieser Menschen schien auf alles gerichtet, nur nicht auf den Tod.

Der Tod aber streckte Mann auf Mann danieder, Humiezki Mokoschyzki,

der Kommandant der Kijaner, fiel. Endlich griff auch der blonde

Kaluschewski stöhnend an seine Brust, Michaels alter Freund, ein

Soldat, mild wie ein Lämmchen und furchtbar wie ein Löwe. Michael fing

den Fallenden auf, er aber sagte: »Gib mir die Hand, schnell, gib mir

die Hand«; dann fügte er hinzu: »Gott sei Dank!« und sein Gesicht wurde

so weiß wie sein Bart. Es war vor dem vierten Angriff. Eine Bande der

Janitscharen war gerade durch die Bresche gelangt oder vielmehr, sie

konnte wegen des dichten Kugelregens nicht wieder heraus. Michael

sprang ihnen an der Spitze des Fußvolkes entgegen und schlug sie im

Augenblick mit Kolben und Messer.

Stunde um Stunde verrann, das Feuer ließ nicht nach. Inzwischen

gelangte in die Stadt das Gerücht von der heldenhaften Verteidigung

und erregte Begeisterung und Kampfesmut. Die lechische Bürgerschaft,

besonders die jugendliche, lief in der Stadt zusammen und feuerte

einander an. Eilen wir denen im Schloß zu Hilfe! Kommt hin, lassen wir

die Brüder nicht, vorwärts Burschen! -- so tönte es über den Markt, an

den Toren, und bald rückten einige hundert Leute, schlecht ausgerüstet,

aber mit Mut im Herzen, nach der Brücke. Sofort richteten die Türken

auf sie ein furchtbares Feuer, so daß sie mit Leichen wie übersät war,

aber ein Teil drang hinüber und begann vom Wall aus mit frischem Mute

den Kampf gegen die Türken.

Endlich wurde auch der vierte Angriff mit so schwerem Verlust für die

Türken zurückgeschlagen, daß ein Augenblick der Erschöpfung einzutreten

schien. Vergebliche Hoffnung! Das Geknatter der Janitscharenbüchsen

hörte nicht auf; erst am späten Abend verstummten die Kanonen, und die

Türken verließen die Trümmer des neuen Schlosses. Die übriggebliebenen

Offiziere kamen nach der anderen Seite vom Schlosse herab; der kleine

Ritter befahl ohne einen Augenblick Zeitverlust die Bresche zu

verbauen; was nur irgend vorhanden war, sollte vorgeschüttet werden,

Holz, Kloben, Faschinen, Schutt, Erde. Das Fußvolk, die Genossen, die

Dragoner, die Linie, die Offiziere -- alles arbeitete um die Wette ohne

Unterschied des Ranges. Man erwartete, daß die türkischen Kanonen jeden

Augenblick wieder aufblitzen würden; aber schließlich war dieser Tag

ein Tag großen Sieges der Belagerten über die Belagerer, und darum

strahlten alle Gesichter, glühten alle Herzen von Hoffnung und Lust

nach ferneren Siegen.

Nach Beendigung der Arbeit gingen Ketling und Michael Arm in Arm um den

Maidan und um die Mauern, sie lugten über die Zinnen, um nach dem Hofe

des neuen Schlosses zu spähen, und freuten sich über die reichliche

Ernte.

»Leiche auf Leiche,« sagte der kleine Ritter, indem er auf die

Trümmerhaufen wies, »und an der Bresche Haufen, daß man mit den Leitern

hinauf muß. Ketling, das ist das Werk deiner Kanonen.«

»Das beste,« antwortete der Ritter, »ist, daß wir die Bresche so

verbaut haben, daß den Türken der Zutritt wieder verschlossen ist, und

sie viele neue Minen legen müssen. Ihre Macht ist unerschöpflich wie

das Meer, aber eine Belagerung wie diese müssen sie in einem oder zwei

Monaten satt bekommen.«

»Während dieser Zeit kommt der Hetman, -- und schließlich, was auch

kommen mag, wir sind durch einen Eid gebunden,« sagte der kleine Ritter.

In diesem Augenblick sahen sie einander in die Augen, und Michael

fragte mit gedämpfter Stimme:

»Hast du getan, was ich dir auftrug?«

»Alles ist vorbereitet,« antwortete ebenfalls flüsternd Ketling. »Aber

ich denke, es kommt nicht dazu, denn wir können wirklich hier noch sehr

viele solcher Tage wie den heutigen haben.«

»Gebe Gott ein solches Morgen.«

»Amen!« antwortete Ketling und richtete die Augen zum Himmel empor.

Ihr Gespräch wurde von Kanonendonner unterbrochen. Wieder fielen

Granaten in das Schloß. Viele von ihnen platzten in der Luft und

erloschen sofort wie Wetterleuchten. Ketling sah mit dem Auge des

Kenners hin.

»Auf der Schanze dort, von der die Schüsse kommen,« sagte er, »sind die

Zünder bei den Granaten zu stark geschwefelt.«

»Auch auf den anderen beginnt's zu dampfen,« antwortete Michael.

Es war wirklich so. Wie, wenn ein Hund durch die nächtliche Stille

anschlägt, sogleich die anderen mitkläffen und schließlich das

ganze Dorf vom Bellen widerhallt, so weckte die eine Kanone auf den

türkischen Schanzen alle benachbarten, und die belagerte Stadt umgab

ein Kranz von Granatschüssen. Dieses Mal beschoß man hauptsächlich

die Stadt, nicht das Schloß. Dafür aber hörte man von drei Seiten das

Graben von Minen; obwohl der mächtige Fels den Arbeiten der Mineure

fast unüberwindlichen Widerstand entgegensetzte, hatten die Türken

offenbar beschlossen, dieses Felsennest durchaus in die Luft zu

sprengen.

Auf Ketlings und Michaels Befehl begann man wieder Granaten zu

werfen, und zwar dorthin, woher der Widerhall der Spitzhacken drang.

Aber im Dunkel der Nacht ließ sich schwer erkennen, ob diese Art der

Verteidigung den Belagerten irgend einen Verlust bringe. Zudem hatten

alle ihre Augen und ihre Aufmerksamkeit auf die Stadt gerichtet, die

von einer ganzen Schar flammender Vögel umflattert wurde. Manche

Geschosse platzten in der Luft, andere umschrieben einen feurigen Bogen

am Firmament und fielen mitten in die Häuserreihen der Stadt. Plötzlich

zerriß ein blutiger Feuerschein an mehreren Stellen das nächtliche

Dunkel. Die Katharinenkirche stand in Flammen, die griechische

Georgskirche in dem reußischen Stadtteil, und gleich darauf ging auch

die armenische Kathedrale in Feuer auf, die übrigens schon am Tage

gebrannt hatte und jetzt, unter dem Granatenregen, sich von neuem

entzündete. Der Brand wuchs mit jedem Augenblick und erhellte die ganze

Gegend. Das Geschrei aus der Stadt drang bis an das alte Schloß, man

konnte glauben, die ganze Stadt stehe in Flammen.

»Schlimm,« sagte Ketling, »die Bürger werden den Mut sinken lassen.«

»Und wenn alles in Flammen aufgeht,« antwortete der kleine Ritter,

»wenn nur der Fels nicht birst, von dem wir uns verteidigen können.«

Das Geschrei schwoll immer mächtiger; von der Kathedrale sprang das

Feuer auf die armenischen Warenlager über, die auf dem armenischen

Markte standen; große Reichtümer in Gold-, Silberteppichen, Fellen und

kostbaren Stoffen gingen in Flammen auf. Nach kurzer Zeit züngelten die

Flammen über den Häusern.

Michael erschrak aufs äußerste.

»Ketling,« sagte er, »beobachte das Granatenwerfen und störe soviel du

kannst die Mienenarbeiten; ich will in die Stadt sprengen, denn mir

gerinnt das Blut, wenn ich an die Dominikanerinnen denke. Gott sei

gedankt, daß sie das Schloß in Ruhe lassen, und daß ich mich entfernen

kann ...«

Im Schloß war in diesem Augenblick wirklich nicht viel zu tun, und so

bestieg der kleine Ritter sein Pferd und sprengte davon. Erst nach zwei

Stunden kehrte er wieder. Muschalski begleitete ihn; er war von der

Verletzung, die ihm Hamdis Faust beigebracht hatte, schon genesen und

kam jetzt aufs Schloß, weil er glaubte, bei dem Stürmen den Heiden mit

seinem Bogen Verluste bereiten zu können.

»Ich grüße Euch,« sagte Ketling, »ich war schon beunruhigt. Was gibt's

dort bei den Dominikanerinnen?«

»Alles steht gut,« antwortete der kleine Ritter, »nicht eine Granate

ist dort geplatzt; der Ort ist abgelegen und sicher.«

»Gelobt sei Gott! Ängstigt sich Christine nicht?«

»Sie ist ruhig, als sei sie daheim. Sie sitzt mit Bärbchen in einer

Zelle; Sagloba ist bei ihnen, auch Muschalski ist dort; er hat sein

klares Bewußtsein wieder erlangt und bat mich, ihn mit aufs Schloß zu

nehmen; aber er steht kaum fest auf seinen Füßen. Ketling, reite du

jetzt hin, ich will dich hier vertreten.«

Ketling hatte Michael erwartet, denn sein Herz zog ihn zu seiner

geliebten Christine, und er ließ sofort sein Pferd bringen. Aber ehe es

kam, fragte er noch den kleinen Ritter aus, was es in der Stadt gäbe.

»Die Bürger löschen das Feuer mit großem Mut,« antwortete der kleine

Ritter; »aber die weisen armenischen Kaufleute haben, als sie ihre

Waren in Flammen aufgehen sahen, eine Deputation an den Bischof

geschickt und drängen ihn, die Stadt zu übergeben. Da ich das hörte,

ging ich in den Rat, obgleich ich mir versprochen hatte, nie wieder

hinzugehen. Dort schlug ich einem, der am dringendsten die Übergabe

forderte, ins Gesicht; der Bischof sah mich dafür schief an. Schlimm,

Bruder; den Leuten sinkt der Mut immer mehr, und immer wohlfeiler

erscheint ihnen unser Verteidigungswerk. Sie tadeln uns, sie loben

uns beileibe nicht, sie sagen, wir setzen die Stadt unnütz der Gefahr

aus. Ich habe auch gehört, daß sie über Makowiezki hergefallen sind,

weil er sich den Verhandlungen widersetzt hat. Der Bischof selbst hat

gesagt: »Wir verraten weder den Glauben, noch den König, was kann uns

der Widerstand noch nützen?« Du siehst, die Tempel sind geschändet,

ehrliche Mädchen der Schande preisgegeben, unschuldige Kinder in die

Sklaverei geführt, durch Unterhandlung aber -- sagte er -- können wir

noch ihr Schicksal wenden und uns freien Abzug sichern.« So sagte der

Bischof, und der General schüttelte den Kopf und wiederholte: »O, fände

ich lieber den Tod -- aber es ist wahr!«

»Gottes Wille geschehe!« antwortete Ketling.

Michael rang die Hände. »Wenn es noch wahr wäre!« schrie er auf, »aber

Gott ist unser Zeuge, daß wir uns wohl verteidigen können.«

Inzwischen war das Pferd gebracht. Ketling saß eilig auf, Michael aber

rief ihm noch auf den Weg nach:

»Vorsicht! Auf der Brücke dort fallen die Granaten in dichten Haufen!«

»In einer Stunde bin ich zurück,« sagte Ketling und sprengte davon.

Herr Michael und Muschalski machten nun einen Gang um die Mauer.

An drei Stellen wurden Granaten geworfen, und an drei Stellen hörte man

die Minenarbeiten. Auf der linken Seite des Schlosses leitete Luschnia

die Arbeit.

»Wie geht es hier?« fragte Michael.

»Schlimm, Herr Kommandant,« antwortete der Wachtmeister, »die Hunde

sitzen schon im Felsen, und kaum, daß mal einem beim Eingang das Fell

gestreift wird. Wir haben nicht viel ausgerichtet ...«

An den anderen Stellen stand es noch schlimmer, um so schlimmer, als

der Himmel umwölkt war, und ein Regen niederging, der die Zünder der

Granaten feucht machte, auch hinderte die Dunkelheit die Arbeiten.

Herr Michael führte Muschalski ein wenig auf die Seite, plötzlich blieb

er stehen und sagte:

»Was meint Ihr, wenn wir versuchten, diese Maulwürfe in ihren Höhlen zu

erwürgen.«

»Das ist, glaube ich, der sichere Tod, denn ganze Regimenter von

Janitscharen decken sie. Doch -- versuchen wir's!«

»Wohl wahr, die Regimenter decken sie, aber die Nacht ist sehr dunkel,

und sie sind leicht in Verwirrung zu bringen. Überlegt nur, in der

Stadt denken sie an Übergabe, -- weshalb? Sie sagen: die Minen sind unter

unseren Füßen, ihr werdet euch nicht halten. So würden wir ihnen die

Mäuler stopfen, wenn wir noch heute nacht hinmeldeten: Es gibt keine

Mine mehr. Das lohnt wohl, sein Leben aufs Spiel zu setzen, -- oder etwa

nicht?«

Muschalski sann eine Weile nach, dann rief er aus: »Wohl, bei Gott, es

verlohnt!«

»An der einen Stelle haben sie erst unlängst zu graben begonnen; die

wollen wir in Ruhe lassen. Aber von dieser und von der anderen Seite

sind sie schon sehr tief eingedrungen. Ihr nehmt fünfzig Dragoner, ich

nehme ebensoviel; wir wollen versuchen, ihnen den Garaus zu machen.

Habt Ihr Lust?«

»O gewiß, und welche Lust! Ich stecke ein paar Nägel in den Gurt, die

Geschütze zu vernageln, wenn wir vielleicht unterwegs auf Geschütze

stoßen.«

»Ich zweifle daran, obwohl in der Nähe Kanonen stehen; aber nehmt nur

die Nägel mit. Wir wollen auf Ketling warten, denn er weiß besser als

die anderen, wie er uns im Falle der Not zu Hilfe kommen kann.«

Ketling kam, wie er versprochen hatte. Auch nicht eine Minute hatte er

versäumt, und eine halbe Stunde später kamen zwei Abteilungen Dragoner

von je fünfzig Mann an die Bresche herangerückt und schlichen auf die

andere Seite hinüber. Sie verschwanden in der Finsternis. Ketling ließ

noch eine Zeit hindurch Granaten werfen, aber bald unterbrach er die

Arbeit und wartete. Sein Herz schlug unruhig, denn er war sich der

Kühnheit des Unternehmens voll bewußt. Eine Viertelstunde verging,

eine halbe, eine ganze Stunde; es schien, als müßten sie schon den Ort

erreicht haben und beginnen; und doch konnte man, wenn man das Ohr auf

den Boden hielt, deutlich die ruhige Minenarbeit hören.

Plötzlich ertönte am Fuße des Schlosses ein Pistolenschuß, der übrigens

infolge der herrschenden Feuchtigkeit der Luft und des ununterbrochenen

Kugelwechsels von den Schanzen her nicht allzu laut knallte und

vielleicht verpufft wäre, ohne die Aufmerksamkeit der Besatzung zu

erregen, wäre nicht sofort ein entsetzlicher Lärm entstanden. Sie sind

am Ziel, dachte Ketling, aber ob sie wiederkehren? -- Drüben ertönte das

Geschrei von Menschen, das Getöse der Kanonen, die Stimmen der Pfeifen

und endlich das Geknatter der Janitscharenbüchsen, eilig, ungeordnet.

Von allen Seiten wurde geschossen; offenbar waren ganze Abteilungen den

Mineuren zu Hilfe geeilt. Aber wie Michael vorausgesehen, hatte sich

der Janitscharen eine große Verwirrung bemächtigt; sie fürchteten, sich

gegenseitig zu verwunden, und riefen sich mit lauter Stimme an, indem

sie blindlings, ja zum Teil in die Luft feuerten. Mit jedem Augenblick

wuchs der Lärm der Stimmen und der Geschosse. Wie wenn der blutdürstige

Marder im Frieden der Nacht unter das schlafende Federvieh dringt,

plötzlich in dem stillen Hühnerhaus eine entsetzliche Verwirrung und

angstvolles Gackern entsteht -- so brach auch um das Schloß herum ein

furchtbarer Wirrwarr los. Von den Verschanzungen wurden Granaten

auf die Mauer geworfen, um die Dunkelheit zu lichten; Ketling ließ

die Kanonen auf die türkischen Vorposten richten und antwortete mit

Kartätschen. Die türkischen Gräben, die Mauern leuchteten auf, in der

Stadt wurde Lärm geschlagen, denn man glaubte allgemein, die Türken

seien in die Festung eingedrungen. Auf den Schanzen glaubte man gerade

das Gegenteil, daß ein gegen die Arbeiten gerichteter wütender Ausfall

der Belagerten geplant sei, und so entstand ein allgemeiner Alarm.

Die Nacht begünstigte das kühne Unternehmen Michaels und Muschalskis,

denn es war sehr finster geworden. Die Kanonenschüsse und die Granaten

erhellten nur auf Augenblicke den dunklen Schleier, der dann um so

schwärzer wurde; endlich öffneten sich plötzlich die Schleusen des

Himmels und gossen strömenden Regen herab. Donnerschläge übertönten

das Geschützfeuer und hallten heulend in entsetzlichem Echo von den

Felsen wieder. Ketling sprang von dem Wall hinab, eilte an der Spitze

einer kleinen Mannschaft an die Bresche und wartete.

Es dauerte nicht lange, so wimmelte es von dunklen Gestalten zwischen

den Balken, welche die Öffnung schützten.

»Wer da?« rief Ketling.

»Michael Wolodyjowski!« ertönte die Antwort, und die beiden Ritter

stürzten sich in die Arme.

»Was ... wie steht's dort?« fragten die Offiziere, die immer

zahlreicher zur Bresche geeilt kamen.

»Gott sei Dank! Die Mineure sind bis auf den letzten Mann aufgerieben,

die Werkzeuge zerbrochen und in alle Winde gestreut; ihre ganze Arbeit

war vergeblich!«

»Gott sei Dank, Gott sei Dank!«

»Ist Muschalski mit den Seinigen zur Stelle?«

»Er ist noch nicht zurück!«

»Sollen wir ihm zu Hilfe eilen? Wem beliebt's, meine Herren?«

In diesem Augenblick tauchten neue Gestalten in der Bresche auf.

Muschalskis Leute kamen eiligst zurück, wenn auch in bedeutend

verringerter Zahl; es waren viele von ihnen unter den Kugeln geblieben;

aber die Freude über den günstigen Erfolg glänzte auf ihren Gesichtern.

Einige von den Soldaten brachten Spitzhacken, Bohrer, Keilhauen als

Beweisstücke, daß sie wirklich in den Minen gewesen waren, mit.

»Wo ist Muschalski?« fragte Michael.

»Ja, wo ist Muschalski?« wiederholten mehrere Stimmen.

Die Leute vom Kommando des berühmten Bogenschützen sahen sich einander

an; da meldete sich einer von den Dragonern, der schwer verwundet war,

und sagte mit schwacher Stimme:

»Muschalski ist gefallen; ich sah, wie er fiel; ich sank neben ihm

nieder, aber ich erhob mich wieder, -- er blieb ...«

Die Ritter waren tief bewegt durch den Tod des Bogenschützen, denn er

war einer der ersten Krieger in dem Heere der Republik. Man fragte den

Dragoner noch aus, wie das gekommen sei, aber er konnte nicht Rede

stehen, denn sein Blut floß in Strömen, und endlich sank er wie eine

Garbe zu Boden.

Die Ritter klagten über den Tod Muschalskis.

»Sein Gedächtnis wird fortleben im Heere,« sagte Kwasibrozki; »wer

diese Belagerung überlebt, der wird seinen Namen rühmen.«

»Ein solcher Bogenschütze wird nicht mehr geboren,« sagte eine andere

Stimme.

»Er war der Stärkste in ganz Chreptiow,« ließ sich der kleine Ritter

vernehmen; »einen Taler drückte er mit einem Finger tief in ein breites

Brett hinein. Nur der eine Longinus, der Litauer, übertraf ihn an

Kraft, aber der fiel bei Sbarasch, und von den Lebenden gleicht ihm

höchstens Nowowiejski an Stärke der Arme.«

»Ein großer, großer Verlust,« sagten andere; »nur in alten Zeiten

wurden solche Krieger geboren.«

Nachdem sie so das Andenken des Bogenschützen geehrt hatten, bestiegen

sie den Wall. Michael schickte sofort einen Berittenen mit der

Nachricht an den General und den Bischof, daß die Mine zerstört und die

Mineure durch einen Überfall aufgerieben seien. Mit großem Erstaunen

nahm man diese Nachricht in der Stadt auf, aber -- wer hätte es für

möglich gehalten -- mit verhohlenem Unwillen. Sowohl der General wie

der Bischof waren der Ansicht, daß diese augenblicklichen Triumphe

die Stadt nicht retten und den grausamen Löwen nur noch mehr reizen

würden. Sie hätten nur in dem einen Falle nützen können, wenn man trotz

ihrer der Übergabe zustimmte, und so beschlossen denn auch die beiden

obersten Führer, die Verhandlungen fortzusetzen.

Aber weder Ketling noch Michael glaubten, daß die glücklichen

Nachrichten, die sie hinsandten, keinen Erfolg haben sollten; sie waren

der Überzeugung, daß jetzt auch die verzagtesten Herzen Mut erfüllen,

und daß alle in neuer Lust zu hartnäckigem Widerstand entbrennen

würden, denn die Stadt konnte nicht eingenommen werden, solange das

Schloß standhielt. Solange also das Schloß nicht nur Widerstand

leistete, sondern sogar dem Feinde noch Schaden zuzufügen vermochte,

befanden sich die Belagerer noch keineswegs in der Zwangslage, zu

Verträgen ihre Zuflucht zu nehmen. An Vorräten war Überfluß, ebenso an

Pulver; man brauchte nur die Tore zu bewachen und die Brände in der

Stadt zu löschen.

Während der ganzen Belagerung war dies die freudigste Nachricht für den

kleinen Ritter und für Ketling. Sie hatten große Hoffnung, selbst heil

aus dieser türkischen Umklammerung hervorzugehen und die teuren Häupter

ihrer Lieben heimzuführen.

»Noch ein paar Stürme,« sagte der kleine Ritter, »und so wahr Gott

lebt, die Türken werden müde werden und uns durch Hunger zwingen

wollen. Es fehlt uns an Lebensmitteln nicht; der September steht vor

der Tür, in zwei Monaten beginnen die Regen und der Winter, und ihr

Heer ist wenig abgehärtet; wenn sie einmal ordentlich frieren, gehen

sie drauf.«

»Viele von ihnen stammen aus den äthiopischen Ländern,« antwortete

Ketling, »oder aus anderen, wo der Pfeffer wächst, und die frißt jeder

Frost auf; zwei Monate halten wir im schlimmsten Falle sogar unter

Stürmen aus. Es ist auch unmöglich, daß kein Ersatz komme; endlich muß

die Republik erwachen, und wenn auch der Hetman keine große Heeresmacht

sammelt, so wird er die Türken im Kleinkrieg reizen.«

»Ketling, ich glaube, unsere Stunde ist noch nicht gekommen.«

»Das steht in Gottes Hand; aber auch ich glaube, dazu kommt es noch

nicht.«

»Es müßte denn einer von uns fallen, wie Muschalski, -- ja, was kann man

dagegen tun? ... Schmerzt mich sehr, Muschalskis Tod, wenn er auch wie

ein Held gefallen ist.«

»Gebe uns Gott keinen schlechteren Tod, nur jetzt noch nicht, denn ich

sage dir, Michael, es wäre mir leid um ... Christine.«

»Ja, und mir um Bärbchen ... Nun, wir tun, was in unseren Kräften

steht, die göttliche Barmherzigkeit waltet über uns. Ich bin

hocherfreut im Herzen, ich muß auch morgen etwas Bedeutendes

unternehmen.«

»Die Türken haben hölzerne Schutzwehren aus Bohlen auf den Schanzen

errichtet; ich habe mir ein Mittel erdacht, wie es zum Anzünden der

Schiffe benutzt wird. Die Lappen werden schon mit Pech getränkt, und

ich trage Hoffnung, daß morgen bis zum Mittag all ihre Arbeiten in

Flammen aufgegangen sind.«

»Ha,« sagte der kleine Ritter, »so wage ich einen Ausfall; bei dem

Brande entsteht ohnehin Verwirrung, und es wird ihnen gar nicht in den

Sinn kommen, daß ein Ausfall am hellen, lichten Tage unternommen werden

könnte. Es kann morgen noch besser kommen als heute, Ketling.«

So sprachen sie, das Herz von Freude erfüllt; dann begaben sie sich

zur Ruhe, denn sie waren sehr müde. Aber der kleine Ritter hatte noch

nicht drei Stunden geschlafen, als ihn der Wachtmeister Luschnia weckte.

»Herr Kommandant, es gibt Neuigkeiten,« sagte er.

»Was gibt's?« rief der wachsame Krieger und sprang mit einem Satz in

die Höhe.

»Herr Muschalski ist da.«

»Bei Gott, was sagst du?«

»Er ist da; ich stand an der Bresche, da hörte ich, wie einer von

drüben in unserer Sprache ruft: »Nicht schießen, ich bin's!« Ich höre

hin, -- da kommt Muschalski, als Janitschar verkleidet, an.«

»Gott sei gedankt,« sagte der kleine Ritter.

Er eilte hinaus, den Schützen zu begrüßen. Der Tag dämmerte schon;

Muschalski stand diesseits des Walles in weißer Kapuze und Rüstung,

so völlig einem Janitscharen ähnlich, daß man den eigenen Augen nicht

traute. Als er den kleinen Ritter erblickte, sprang er auf ihn zu, und

sie begrüßten sich freudig.

»Wir haben Euch schon beweint,« rief Herr Michael.

Inzwischen waren einige andere Offiziere herbeigekommen, unter ihnen

auch Ketling. Alle waren sehr erstaunt und fragten den Bogenschützen um

die Wette aus, wie er zu der türkischen Verkleidung gekommen sei: er

ergriff das Wort und erzählte:

»Ich purzelte rückwärts taumelnd über die Leiche eines Janitscharen

und schlug mit dem Kopf an eine Kugel, die am Boden lag, und obwohl

meine Mütze mit Draht versehen ist, ward es mir doch neblig um die

Sinne, da mein Gehirn von dem Schlage, den mir Hamdi versetzt hatte,

noch sehr empfindlich ist. Dann später erwache ich -- sieh' da, ich

liege auf einem toten Janitscharen, weich wie im Bette. Ich fühle nach

meinem Kopfe: er tut ein wenig weh, aber nicht einmal eine Beule ist

zu spüren; ich nehme die Mütze ab, der Regen kühlt mir den Kopf, ich

denke bei mir: Gut so. Da fällt mir ein: wenn ich dem Janitscharen so

den ganzen Plunder abnähme und unter die Türken ginge? Ich spreche

ja türkisch wie meine Muttersprache, niemand wird mich erkennen,

und mein Gesicht verrät mich auch nicht. Ich will hingehen und sie

belauschen. -- Wohl packte mich auch die Angst; ich dachte an die

alte Gefangenschaft, aber ich ging doch hin. Die Nacht war dunkel,

nur an einigen Stellen war Licht; und so ging ich, sag' ich euch,

unter ihnen einher wie unter den eigenen Landsleuten. Viele von ihnen

lagen in den Gräben unter Decken; ich ging auch zu ihnen. Einer und

der andere fragte mich: Was schlenderst du umher? -- Ich mag nicht

schlafen, antwortete ich. Andere schwatzten über die Belagerung. Es

herrscht große Verwunderung unter ihnen, ich habe es mit eigenen Ohren

gehört, wie sie unsere Kommandanten hier geschmäht haben« -- bei diesen

Worten verneigte sich Muschalski vor Michael. »Ich wiederhole ihre

_ipsissima verba_, denn Feindes Tadel ist das größte Lob. -- Solange

dieser kleine Hund -- so nannten die Hundsfötter Ew. Gnaden -- solange

dieser kleine Hund das Schloß verteidigt, kriegen wir es nimmermehr.

-- Er ist kugel- und eisenfest, sagte ein anderer, und der Tod weht vor

ihm die Menschen an wie die Pest. -- Da begannen sie alle zu klagen:

Wir allein müssen in den Kampf, und die anderen Heere tun gar nichts,

die Dschamaken liegen auf dem Rücken, die Tataren plündern, die Spahis

schlendern im Bazar umher, -- und zu uns sagt der Padischah: Meine

lieben Schäfchen; aber wir scheinen ihm doch nicht gar so sehr ans Herz

gewachsen zu sein, wenn man uns hier wie zur Schlachtbank führt. Wir

halten's aus -- sagten sie --, aber nicht lange; dann gehen wir nach

Chozim zurück, und wenn wir den Urlaub nicht bekommen, so kann manches

große Haupt fallen.«

»Hört ihr's, Herren?« rief Michael. »Wenn die Janitscharen sich

empören, wird dem Sultan der Schreck in die Glieder fahren, und er gibt

die Belagerung auf.«

»So wahr Gott lebt, ich sage die volle Wahrheit,« sprach Muschalski.

»Bei den Janitscharen ist eine Rebellion leicht gemacht, und sie sind

schon mißvergnügt. Ich meine, sie halten's noch ein oder zwei Stürme

aus, dann werden sie die Zähne fletschen gegen die Janitschar-Aga und

den Kaimakam, ja, gegen den Sultan selber.«

»So ist's,« riefen die Offiziere, »mögen sie noch zwanzigmal den Sturm

versuchen, -- wir sind bereit.«

Sie schlugen an die Säbel und blickten mit glühenden Augen zu den

Verschanzungen hinüber; der kleine Ritter aber flüsterte Ketling

begeistert zu: »Ein zweites Sbarasch, ein zweites Sbarasch!«

Muschalski fuhr fort:

»Das habe ich gehört; ich ging ungern fort, denn ich hätte noch mehr

hören mögen, aber ich fürchtete, der Tag werde mich überraschen. Ich

ging also zu den Verschanzungen, von denen nicht geschossen wurde, um

in der Dämmerung durchschleichen zu können. Da sah ich eine Stelle, wo

keine ordentliche Bewachung war. Die Janitscharen schlichen in Haufen

herum. Ich ging an eine mächtige Kanone heran; niemand rief mich an ...

der Herr Kommandant weiß, daß ich beim Überfall Nägel zur Vernagelung

der Kanonen mitgenommen habe. Schnell schob ich einen in die Öffnung,

-- er wollte ohne Hammer nicht hinein; da mir aber der liebe Herrgott

Kraft in der Faust gegeben hat -- die Herren haben meine Experimente

ja oft gesehen --, so drückte ich ihn mit der bloßen Hand hinein. Es

knarrte ein wenig, aber der Nagel drang bis an den Kopf in die Öffnung

... Ich hatte eine höllische Freude daran!«

»Bei Gott, das habt Ihr getan? Ihr habt die große Kanone vernagelt?«

fragte es von allen Seiten.

»Das habe ich getan und noch mehr. Denn als alles glatt abging, war es

mir wieder leid, fortzugehen, und ich schlich zur zweiten Kanone ...

Die Hand tut mir weh, -- aber die Nägel sind richtig drin.«

»Werte Herren!« rief Michael, »niemand hat Größeres vollbracht, niemand

sich mit solchem Ruhme bedeckt -- Vivat Muschalski!«

»Vivat, vivat!« fielen die Offiziere ein, und in den Ruf der Offiziere

die Soldaten. Die Türken hörten es in den Verschanzungen und

erschraken, und immer tiefer sank ihnen der Mut. Der Bogenschütze aber

verneigte sich voll Freude vor den Offizieren; er erhob seine mächtige,

einem Spaten ähnliche Hand, an der zwei blaue Flecken sichtbar waren,

und sagte:

»Bei Gott, ich habe die Wahrheit gesprochen -- hier das Zeugnis!«

»Wir glauben's!« riefen alle, »danke dem Höchsten, daß du glücklich

zurückgekehrt bist.«

»Ich schlich durch die Gerüste hindurch,« versetzte der Bogenschütze;

»und hätte gern die Arbeiten in Brand gesteckt, aber mir fehlte der

Zündstoff.«

»Weißt du wohl, Michael,« rief Ketling, »meine Lappen sind fertig, ich

muß anfangen an die Gerüste zu denken; sie sollen erfahren, daß wir sie

zuerst angreifen.«

»Recht so, recht so!« rief Michael.

Er selbst eilte zum Zeughaus und sandte eine neue Nachricht in die

Stadt: »Muschalski ist beim Ausfall nicht getötet worden; er ist

zurückgekommen, ja, er hat zwei große Kanonen vernagelt. Er war mitten

unter den Janitscharen, die von Rebellion sprachen. In einer Stunde

stecken wir die Holzbauten in Brand, und wenn es möglich ist, machen

wir einen zweiten Ausfall.«

Noch war der berittene Bote nicht über die Brücke gekommen, als die

Mauern von Kanonendonner erdröhnten. Diesmal begann das Schloß die

brüllende Zwiesprache. Im blassen Lichte des Morgens flogen die

flackernden Fetzen wie brennende Fahnen und fielen auf dem Gerüst

nieder; die Feuchtigkeit, mit der der Nachtregen das Holz genetzt

hatte, erwies sich als zu schwach, bald fingen die Bohlen Feuer und

brannten in hellen Flammen. Den brennenden Lappen schickte Ketling

Granaten nach. Die abgematteten Janitscharenhaufen verließen im ersten

Augenblick die Schanzen. Man hörte keine Musik, der Vezier selbst kam

herangeritten an der Spitze neuer Heerscharen; aber auch in sein Herz

schien Verzweiflung sich eingeschlichen zu haben, denn die Paschas

hörten, wie er murmelte:

»Der Kampf ist ihnen lieber als die Ruhe; -- was sind das für Menschen,

die in diesem Schlosse hausen!«

Unter den Soldaten aber hörte man von allen Seiten angstvoll

wiederholen:

»Der kleine Hund beginnt zu beißen, der kleine Hund beißt um sich!«

[Illustration: Dekoration/Kapitelende]

[Illustration: Dekoration/Kapitelanfang]

Der kleine Ritter (Herr Wolodyjowski): Historischer Roman · 第 41 / 43 题