22. Kapitel.

Am anderen Morgen in der Dämmerung ritt der kleine Ritter nach Kniahin,

wo er ein Treffen mit den Spahis hatte, und Bulik-Pascha, einen

berühmten türkischen Krieger, gefangen nahm. Der ganze Tag ging ihm bei

der Arbeit auf dem Schlachtfeld hin, ein Teil der Nacht im Kriegsrat

bei Herrn Potozki, und erst, als die Hähne krähten, legte er sein Haupt

zum Schlummer nieder. Aber kaum war er in Schlaf gesunken, als ihn der

Donner der Geschütze weckte; gleichzeitig trat Pientka, ein Smudzer

Knecht und treuer Diener Wolodyjowskis, in das Gemach. »Herr,« rief er,

»der Feind ist vor der Stadt!«

Der Ritter sprang auf.

»Was für Geschütze sind das?«

»Die Unsrigen reizen die Heiden; ein bedeutender Vortrab ist da, der

das Vieh auf den Feldern raubt.«

»Janitscharen oder Reiterei?«

»Reiterei, Herr, lauter Schwarze; sie scheuchen sie mit dem Kreuze

fort, denn Gott weiß, ob es nicht Teufel sind.«

»Teufel oder nicht, wir müssen hin,« antwortete der kleine Ritter. »Du

laufe zur Herrin und sage ihr, daß ich im Felde bin. Wenn sie aufs

Schloß kommen will, um zuzusehen, so kann sie kommen, aber mit Herrn

Sagloba, denn ich baue auf seine Klugheit.«

Eine halbe Stunde später machte Michael einen Ausfall an der Spitze

der Dragoner und der adligen Freiwilligen, welche hofften, im

Zweikampf Ruhm zu ernten. Vom alten Schlosse sah man ganz genau die

Kavallerie. Es mochten zweitausend Mann sein, bestehend aus Spahis,

in überwiegender Zahl aber aus der ägyptischen Garde des Sultans. In

dieser letzteren dienten die reichen und tapferen Mamelucken vom Nil;

ihre blinkenden, hell leuchtenden Rüstungen, die goldgestickten Kepis

auf ihren Köpfen, die weißen Burnusse und die reich besetzte Waffe

machten sie zur glänzendsten Reiterei der Welt. Sie führten Speere,

deren Schaft aus Rohr bestand, krumme Damascener und Dolchmesser. Auf

ihren Rossen, die wie auf Flügeln des Windes dahinzueilen schienen,

flogen sie wie eine buntfarbige Wolke über das Feld, mit lautem Geheul,

die mörderischen Spieße in der Hand drehend. Vom Schlosse aus konnte

man sich gar nicht satt sehen an ihrem Anblick.

Herr Michael rückte ihnen mit seiner Reiterei entgegen. Indessen kam es

zu keiner Schlacht mit blanker Waffe, denn die Schloßkanonen hielten

die Türken zurück; sie waren zu groß an Zahl, als daß der kleine Ritter

es hätte wagen dürfen, ihnen entgegenzusprengen, um sich mit ihnen

außerhalb der Schußlinie seiner Kanonen auseinanderzusetzen. So blieben

sie eine Zeitlang fern voneinander, indem sie die Waffe drohend erhoben

und aus Leibeskräften schrieen. Endlich wurden die feurigen Söhne der

Wüste der leeren Drohungen überdrüssig, einzelne Reiter rissen sich von

der großen Masse los und näherten sich dem Feinde, indem sie ihn zum

Kampfe aufriefen. Sie zerstreuten sich über das Feld und tauchten hier

und da auf, wie Blumen, die der Wind nach allen Richtungen zerstreut

hat.

Herr Michael sah sich nach seinen Getreuen um.

»Sie fordern uns heraus, meine Herren, wer versucht den Zweikampf?«

Da sprengte zuerst Herr Wasilkowski, ein feuriger Kavalier hervor,

ihm folgte Muschalski, der unfehlbare Bogenschütze, der auch im

Handgemenge ein trefflicher Kämpe war; dann folgten Miasga, vom Wappen

Prus, der im schnellsten Ritt jeden Ring mit seinem Speere auffing,

Theodor Paderewski, und noch viele andere treffliche Kämpfer, auch von

den Dragonern ein Häuflein, denn die Hoffnung auf reiche Beute, und

besonders die vorzüglichen Pferde der Araber lockten sie. An der Spitze

der Dragoner ritt der furchtbare Luschnia; er kaute an seinen Bartenden

und suchte sich schon aus der Ferne den Reichsten aus.

Der Tag war schön, und man konnte den Feind deutlich sehen. Die Kanonen

auf den Wällen verstummten eine nach der anderen; endlich ward es ganz

still, denn die Schützen fürchteten, einen der ihrigen zu verletzen.

Sie wollten auch lieber der Schlacht zuschauen, als auf die zerstreuten

Kämpfer schießen. Diese ritten nun schrittweise gegen einander los,

dann schneller, aber nicht in grader Linie, sondern zerstreut, wie

der Zufall es fügte. Endlich, da sie sich um ein bedeutendes genähert

hatten, hielten sie die Pferde an und begannen aufeinander zu

schimpfen, um Zorn und Mut in ihren Herzen zu wecken.

»Ihr sollt an uns nicht fett werden, Heidenhunde!« riefen die

polnischen Kämpfer; »kommt nur heran, euer elender Prophet wird euch

nicht schützen!«

Die von drüben schrieen auf türkisch oder arabisch; viele von den

polnischen Reitern, die, wie der berühmte Bogenschütze, eine schwere

Gefangenschaft durchgemacht hatten, verstanden beide Sprachen. Als nun

die Heiden besonders schmachvoll die heilige Jungfrau lästerten, da

sträubte sich das Haar auf den Köpfen der getreuen Diener Marias, und

sie gaben den Pferden die Sporen, um die Schmach ihres Namens zu rächen.

Wer war es, der den ersten Feind fällte? Es war Muschalski, der den

jungen Bey mit dem Purpurkepi und der silbernen Rüstung, die wie

Mondschein erglänzte, mit dem Pfeile traf. Das schmerzbringende

Geschoß haftete unter dem linken Auge und war bis zur Hälfte in den

Kopf gedrungen. Er warf sein edles Haupt zurück, breitete die Arme aus

und sank vom Pferde. Der Bogenschütze aber nahm den Bogen zur Seite,

sprengte auf ihn zu und durchbohrte ihn noch mit dem Schwerte; dann

nahm er ihm die treffliche Waffe, trieb das Pferd zu den Seinigen und

sprach in arabischer Sprache:

»Wäre es des Sultans Sohn, er müßte hier faulen, ehe ihr ihm das letzte

Geleit spielet!«

Als die Türken und Ägypter das hörten, waren sie außerordentlich

gekränkt, und sogleich sprengten zwei Beys auf Muschalski zu. Luschnia

vertrat ihnen von der Seite den Weg, einem Wolfe gleich an Blutgier,

und traf einen von ihnen auf dem Flecke tödlich; erst hieb er ihm über

die Hand, und als jener sich nach dem gekrümmten Säbel neigte, trennte

er ihm mit einem gewaltigen Streich in den Nacken fast ganz den Kopf

vom Rumpfe. Als der zweite das sah, wandte er sein schnelles Roß zur

Flucht; inzwischen aber hatte Muschalski Zeit gehabt, seinen Bogen zu

spannen und dem Fliehenden einen Pfeil nachzusenden. Er traf ihn im

Laufe und fuhr ihm tief zwischen die Schulterblätter.

Der dritte, der seinen Gegner niederwarf, war Schmlud-Plozki, der

ihm mit scharfer Schneide über das Visier fuhr; das Silber und der

Sammet, von dem das Blech zusammengehalten wurde, lösten sich bei dem

Streiche, und das Ende des Säbels fuhr so tief in die Knochen, daß

Schmlud-Plozki es eine Zeitlang nicht herausziehen konnte. Andere

kämpften mit wechselndem Glück, aber der Sieg war zum größten Teil

auf der Seite des im Einzelkampf geübten Adels. Zwei Dragoner fielen

von der Hand des mächtigen Hamdi-Bey, der dann Owsian mit dem krummen

Damascener über das Maul hieb und zu Boden streckte. Der Fürst tränkte

seinen Heimatsboden mit seinem Blut, Hamdi aber wandte sich Herrn

Scheluta zu, dessen Pferd mit einem Fuße in einem Hamsterloche festsaß.

Scheluta sah den unfehlbaren Tod vor Augen und sprang vom Pferde, um

sich zu Fuß mit dem furchtbaren Reiter zu messen. Aber Hamdi warf ihn

mit der Brust seines Pferdes nieder und traf den Sinkenden mit dem

Ende seines Damasceners in den Arm. Die Hand erlahmte ihm; der Bey

aber sprengte davon und suchte neue Gegner. Nur wenige hatten den Mut,

sich ihm zu stellen, so sehr überragte er offenbar alle an Kraft. Der

Wind hob seinen weißen Burnus und entfaltete ihn weit wie Flügel eines

Raubvogels; seine goldige Rüstung warf einen prächtigen Abglanz auf

sein fast völlig schwarzes Gesicht mit den wilden, leuchtenden Augen,

der krumme Säbel blinkte über seinem Haupte, wie die Sichel des Mondes.

Der berühmte Bogenschütze hatte schon zwei Pfeile gegen ihn abgesandt,

aber beide waren mit stöhnendem Klirren von der Rüstung abgeprallt und

wirkungslos ins Gras gesunken. Muschalski erwog nun, ob er noch den

dritten Pfeil auf den Hals seines Pferdes abschicken, oder ob er mit

seinem Schwerte gegen den Bey losgehen solle. Aber während er darüber

nachdachte, hatte ihn jener bemerkt und war zuerst mit seinem schwarzen

Hengstfohlen auf ihn losgestürzt.

Sie trafen sich mitten im Felde; Muschalski wollte seine große Kraft

zeigen und Hamdi lebendig einfangen. Er schlug von unten her mit einem

mächtigen Streich den Damascener in die Höhe, ergriff ihn mit der einen

Hand an der Kehle, mit der anderen am Visier und zog ihn mit voller

Kraft an sich. Da sprang ihm der Riemen am Sattelholz auseinander,

und der unvergleichliche Bogenschütze glitt mit ihm zusammen ab und

stürzte zu Boden. Hamdi schlug mit dem Griffe seines Damasceners

nach seinem Kopfe und betäubte ihn auf der Stelle. Die Spahis und

Mamelucken schrieen vor Freude auf, denn sie waren schon in Sorge um

Hamdi gewesen; die Polen aber empfanden tiefes Leid, und die Kämpfer

sprengten in dichten Haufen gegeneinander los, die einen, um den

Bogenschützen fortzuschleppen, die anderen, um wenigstens seine Leiche

zu verteidigen.

Der kleine Ritter hatte bisher an den Einzelkämpfen keinen Anteil

genommen; die Würde eines Kommandanten gestattete ihm dies nicht. Da er

aber Muschalski unterliegen und Hamdi-Bey triumphieren sah, beschloß

er, den Bogenschützen zu rächen und zugleich den Mut der Seinigen zu

heben. Von diesem Gedanken belebt, gab er seinem Pferde die Sporen und

schoß so schnell dahin, wie der Sperber auf eine Schar Kibitze, die

im Roggenfelde nisten. Bärbchen hatte ihn durch das Glas bemerkt; sie

stand auf den Zinnen des alten Schlosses und rief sogleich Sagloba, der

neben ihr stand, zu:

»Michael, seht Michael!«

»Hier erkennst du ihn,« rief der alte Krieger. »Sieh' nur hin, wo er

zuerst losschlägt; fürchte nichts.« Das Glas zitterte in Bärbchens

Händen. Da auf dem Felde weder mit Bogen noch mit Büchsen geschossen

wurde, sorgte sie selbst wenig um das Leben ihres Gatten, vielmehr

hatte sie Eifer, Neugier und Unruhe ergriffen. Ihr Herz und ihre

Seele flogen in diesem Augenblick ihrem Gatten zu, ihre Brust atmete

schnell, helles Rot übergoß ihr Gesicht; einen Augenblick neigte sie

sich über die Zinnen, so daß Sagloba sie um die Hüfte fassen mußte,

damit sie nicht in den Graben falle, und schrie:

»Zweie kommen auf Michael los!«

»So gibt es zwei Menschenleben weniger,« sagte Sagloba trocken.

In der Tat, zwei hochgewachsene Spahis warfen sich auf den kleinen

Ritter; aus seiner Tracht schlossen sie, daß es ein Mann von Rang sein

müsse, und da sie die kleine Gestalt des Reiters sahen, hofften sie

leichten Ruhm zu erwerben. Die Törichten! Sie ritten in den sicheren

Tod, denn als sie in der Nähe der anderen Reiter sich aneinander

schlossen, hielt der kleine Ritter nicht einmal sein Pferd zurück,

sondern teilte wie beiläufig zwei Hiebe unter sie aus, scheinbar

leichte, wie eine Mutter ihren Kindern so nebenher einen Schlag

versetzt. Jene aber sanken zu Boden, krallten die Finger in die

Schollen und bebten wie ein paar Luchse, die in demselben Augenblick

von tödlichen Pfeilen erreicht werden. Der kleine Ritter aber stürmte

vorwärts, den Reitern entgegen, die auf dem Felde tummelten, und

richtete furchtbare Verheerungen an. Wie nach Beendigung der Messe der

Knabe in die Kirche tritt und mit dem blechernen Hütchen ein Licht nach

dem anderen vor dem Altar verlöscht und ihn in dichtes Dunkel hüllt -- so

verlöschte er rechts und links das Leben der glänzenden türkischen und

ägyptischen Reiter und tauchte sie in die Dämmerung des Todes. Die

Heiden erkannten den Meister aller Meister, und ihr Mut sank. Einer

nach dem anderen warf sein Pferd zurück, um mit dem furchtbaren Manne

nicht zusammenzutreffen; der kleine Ritter aber stürmte den Fliehenden

nach wie eine wütige Hornisse und traf mit seinem Stachel immer wieder

neue Reiter.

Die Soldaten an der Schloßkanone schrieen vor Freude auf, als sie das

sahen, einige eilten zu Bärbchen hin und küßten in ihrer Begeisterung

den Saum ihres Kleides; andere fluchten den Türken. »Bärbchen, mäßige

dich!« rief Sagloba ein über das anderemal, und hielt sie fest; sie

aber hatte Lust zu lachen und zu weinen, in die Hände zu klatschen und

aufzuschreien, zuzusehen und ihrem Gatten nachzueilen in die Schlacht.

Dieser aber riß die Spahis und die ägyptischen Beys mit sich fort, als

plötzlich der Ruf über das ganze Feld erscholl: »Hamdi!« Die Bekenner

des Propheten riefen mit lauter Stimme den tüchtigsten ihrer Krieger

heran, damit er sich endlich mit diesem furchtbaren kleinen Ritter

messe, welcher der verkörperte Tod zu sein schien.

Hamdi hatte schon längst den kleinen Ritter bemerkt, aber da er

seine Taten sah, erschrak er im ersten Augenblick. Er scheute sich,

den großen Ruhm und das junge Leben gegen diesen Feind aufs Spiel

zu setzen, und darum beachtete er ihn absichtlich nicht und ritt am

anderen Ende des Feldes umher. Dort hatte er gerade Herrn Jalbrik und

Herrn Kos ergriffen, als die verzweifelten Rufe »Hamdi, Hamdi!« an

sein Ohr schlugen. Er sah ein, daß es unmöglich war, sich länger zu

verbergen, daß er entweder unermeßlichen Ruhm zu gewinnen oder sein

Leben zu verlieren habe, und er erhob einen so furchtbaren Schrei, daß

alle Abhänge vom Echo widerhallten, und stürmte mit der Schnelligkeit

des Windes gegen den kleinen Ritter los.

Wolodyjowski hatte ihn aus der Ferne bemerkt und gab seinem braunen

Wallach die Sporen. Die anderen ließen die Waffen ruhen, und Bärbchen

hinter den Zinnen des Schlosses ward, da sie alle Siege des furchtbaren

Hamdi-Bey mit angesehen hatte, trotz des blinden Vertrauens in die

unbesiegbare Kraft des kleinen Ritters ein wenig bleich. Sagloba aber

war vollkommen ruhig.

»Ich möchte lieber der Erbe dieses Heiden sein, als er selber,« sagte

er zu Bärbchen. Pientka, der getreue Smudzer, war seines Herrn so

sicher, daß sein Antlitz auch nicht die geringste Sorge um ihn trübte.

Ja, er summte, als er den heranstürmenden Hamdi erblickte, eine

Volksweise vor sich hin:

Ei, du dummer, dummer Hund,

Kommt der Wolf aus Waldesgrund,

Und der Wolf ist fürchterlich,

Trolle dich, sonst frißt er dich.

Die beiden Kämpfer waren mitten im Felde unter den Augen der

zuschauenden Reihen zusammengetroffen. Aller Herzen standen für einen

Augenblick still, -- da leuchtete ein schlangenartiger Blitz im hellen

Sonnenschein über den Häuptern der Kämpfenden: der krumme Damascener

war wie ein von der Sehne geschnellter Pfeil Hamdis Händen entflogen,

er selbst neigte sich auf seiner Satteldecke, als sei er vom Schwerte

getroffen, und schloß die Augen. Michael aber faßte ihn mit der linken

Hand im Nacken und trieb ihn, die Spitze des Rapiers in die Seite

stemmend, zu den Seinigen. Hamdi leistete keinen Widerstand; er gab

vielmehr selbst dem Pferde die Sporen, denn er fühlte die Spitze

zwischen seinem Körper und der Rüstung -- und ritt wie betäubt dahin;

die Hände hingen ihm kraftlos herab, und aus den Augen traten ihm die

Tränen. Michael lieferte ihn in die Hände des schrecklichen Luschnia

und wandte sich selbst zum Schlachtfeld zurück.

In den Reihen der Türken ertönten Trompeten und Pfeifen; das war für

die Kämpfer das Zeichen, daß es Zeit sei, die Reihen zu schließen, und

so eilten sie zu den ihrigen zurück, mit Schmach bedeckt, voll Grames

und mit dem Andenken an den furchtbaren Reiter im Herzen.

»Das war der Satan!« sagten die Spahis und Mamelucken zueinander, »wer

mit ihm zusammentrifft, dem ist der Tod gewiß,« -- »der Satan, kein

anderer.« Die polnischen Reiter verweilten noch einen Augenblick, um

zu zeigen, daß sie das Feld behauptet hatten; dann erhoben sie ein

dreifaches Siegesgeschrei und zogen sich endlich unter dem Schutze der

Kanonen, die Potozki wiederum in Tätigkeit treten ließ, zurück. Auch

die Türken wichen weit zurück; einen Augenblick glänzten ihre Burnusse,

ihre farbigen Kepis und die schimmernden Visiere in der Sonne, dann

verdeckte sie der blaue Horizont. Auf dem Schlachtfeld blieben nur die

Türken und die Polen, die das Schwert getroffen hatte. Die Knechte

kamen aus dem Schlosse, um die Leichen zu sammeln und sie zu begraben,

und zuletzt flogen die Raben herbei, um auch den gefallenen Heiden

den letzten Dienst zu erweisen. Aber ihr Leichenschmaus währte nicht

lange, denn noch an demselben Abend scheuchten sie neue Heerscharen des

Propheten von ihrem Mahle auf. --

Am folgenden Tage ritt der Vezier selbst an die Mauern von Kamieniez

heran an der Spitze eines zahlreichen Heeres von Spahis, Janitscharen

und vom allgemeinen Aufgebot. Bei der großen Zahl seiner Truppen konnte

man anfangs meinen, er werde einen Sturm versuchen; er wollte indessen

nur die Mauern der Stadt in der Nähe besichtigen. Die Ingenieure,

die ihn begleiteten, untersuchten denn auch die Festung und die

Erdaufschüttungen. Diesmal trat dem Vezier Herr Myslischewski mit dem

Fußvolk und einer Abteilung freiwilliger Berittener entgegen, und

wieder kam es zu Einzelkämpfen, die für die Belagerten erfolgreich,

wenn auch nicht so glänzend endeten wie am vergangenen Tage. Endlich

befahl der Vezier den Janitscharen, zum Schein gegen die Mauern

vorzurücken. Der Donner der Geschütze erschütterte Stadt und Schlösser,

die Janitscharen kamen bis an das Quartier des Herrn Podtschaski heran

und gaben unter ungeheurem Lärm alle gleichzeitig eine Salve ab. Aber

da auch Herr Podtschaski von oben her mit wohlgezielten Schüssen

antwortete, und zu befürchten stand, daß die Reiterei die Janitscharen

seitwärts umgehen könne, so rückten diese ohne Zögern auf dem Wege von

Swaniez ab und kehrten zum Hauptheer zurück.

Am Abend schlich sich ein Böhme in die Stadt, der bei dem

Janitschar-Aga Pajuk diente und nach einer Geißelung entflohen war.

Man erfuhr von ihm, daß der Feind sich bereits in Swaniez befestigt

hatte und die weiten Felder vom Dorfe Dluschek ab in Besitz habe. Der

Überläufer wurde eingehend über die Ansicht, die unter den Türken

in bezug auf die Einnehmbarkeit von Kamieniez herrsche, ausgefragt.

Er antwortete, daß im Heere ein guter Geist walte, und daß die

Prophezeiungen günstig gewesen seien. Vor wenigen Tagen habe sich

vor dem Zelte des Sultans plötzlich eine Rauchsäule vom Erdboden

erhoben, unten dünn, oben immer breiter werdend, wie ein riesenhafter

Blumenstrauß. Die Muftis deuteten die Erscheinung so, daß der Ruhm des

Padischahs die Höhen des Himmels erreichen werde, und daß gerade er der

Herrscher sei, der die bisher uneinnehmbare Feste von Kamieniez fällen

werde. Dieses günstige Vorzeichen habe den Mut des Heeres sehr gehoben.

Die Türken -- fuhr der Überläufer fort -- fürchten den Hetman Sobieski und

seine Entsatzung; von alters her sei ihnen die Gefahr eines Kampfes

auf offenem Felde mit den Herren der Republik in Erinnerung, und sie

seien geneigter, mit den Venezianern, mit den Ungarn oder mit einem

anderen Volke zusammenzutreffen. Da sie aber Kunde davon hätten, daß

die Republik keine Heere besaß, so herrsche allgemein die Ansicht,

daß Kamieniez, wenn auch nicht ohne Mühen, fallen werde. Der Kaimakam

Kara-Mustapha habe geraten, die Mauern unverzüglich zu stürmen, aber

der besonnenere Vezier ziehe es jetzt vor, mit regulären Arbeiten die

Stadt zu umgeben und mit Geschossen zu überschütten. Der Sultan sei

nach den ersten Scharmützeln der Ansicht des Veziers beigetreten, und

darum sei eine ordnungsmäßige Belagerung zu erwarten.

Herrn Potozki schmerzte diese Mitteilung sehr; auch der Bischof, der

Kämmerer von Podolien, Michael und die anderen Offiziere waren betrübt

darüber. Sie hatten auf Stürmen gerechnet, und bei der Wehrhaftigkeit

des Ortes gehofft, den Feind mit großem Verlust zurückzuwerfen. Sie

wußten recht wohl, daß beim Stürmen der Belagerer empfindliche Verluste

erleidet, daß jeder zurückgeworfene Angriff seinen Mut erschüttert, und

die Zuversicht der Belagerten kräftigt. Ähnlich wie die von Sbarasch

würden sich die Ritter an Widerstand, an Schlachten, an Ausfälle

gewöhnt haben, und auch die Bürger von Kamieniez konnten Liebe zum

Kampfe gewinnen, besonders, wenn jeder Angriff mit einer Niederlage der

Türken, und mit einem Siege der Männer von Kamieniez geendet hätte.

Eine reguläre Belagerung indessen, bei welcher die Herstellung von

Gräben und Minen und die Aufstellung der Geschütze alles bedeutet,

konnte die Belagerten nur ermüden, ihren Mut sinken lassen und sie

zu Verhandlungen geneigter machen. Auf Ausfälle durfte man nicht

rechnen, denn man konnte unmöglich die Mauern von Soldaten entblößen.

Der Troß aber und die losen Truppen konnten außerhalb der Mauern den

Janitscharen keinesfalls standhalten.

Bei diesen Erwägungen fühlten die älteren Offiziere bitteren Gram, und

der Erfolg der Verteidigung schien ihnen zweifelhaft. Er war in der

Tat auch wenig wahrscheinlich, nicht nur im Hinblick auf die Übermacht

der türkischen Streitkräfte, sondern auch in bezug auf sie selber.

Herr Michael war ein unvergleichlicher und ruhmbedeckter Krieger, aber

ihm fehlte die Majestät der Größe; wer die Sonne in sich trägt, vermag

alle zu erwärmen, wer aber eine Flamme bedeutet, und sei sie auch die

glühendste, der erwärmt nur die allernächsten. Und so war es mit dem

kleinen Ritter; er verstand und vermochte es nicht, Fernstehenden

seinen hohen Mut einzuflößen, ebensowenig wie seine Gewandtheit im

Einzelkampf. Herr Potozki, der oberste Führer, war kein Krieger;

überdies fehlte ihm der Glaube an sich selbst, an andere und an die

Republik. Der Bischof baute hauptsächlich auf die Verhandlungen; sein

Bruder hatte eine schwere Hand und einen schwerfälligen Geist. Auf

Entsatz konnte nicht gerechnet werden, denn der Hetman Sobieski, so

bedeutend er war, war zurzeit ebenso machtlos wie der König und die

ganze Republik.

Am 16. August kam der Khan mit der Horde, und Doroschenko mit seinen

Kosaken heran; sie betrachteten die ungeheure Fläche der Felder von

Oryni. Sufankas-Aga berief am selben Tage Herrn Myslischewski zu einer

Unterredung und riet, die Stadt zu ergeben. Geschähe dies unverzüglich,

so könne er so günstige Bedingungen erwirken, wie sie in der Geschichte

der Belagerungen unerhört seien. Der Bischof hätte diese Bedingungen

gern erfahren, aber man schrie ihn im Rate an und sandte eine

abschlägige Antwort. Am 18. August begannen die Türken heranzuziehen,

mit ihnen der Kaiser selbst.

Sie wogten heran, das polachische Fußvolk, Janitscharen und Spahis,

wie das unermeßliche Meer. Jeder Pascha führte das Heer seines

Paschaliks, und so drängten sie heran, die Bewohner Europas, Asiens

und Afrikas. Ihnen folgte eine riesige Wagenburg mit Lastwagen, die

von Mauleseln und Büffeln gezogen wurden. Wie ein tausendfarbiger

Ameisenschwarm, in den mannigfaltigsten Rüstungen und Trachten, zog

es endlos daher. Von der Morgendämmerung bis zum Abend rückten ohne

Unterbrechung Heere heran, zogen von einem Ort zum anderen, schlugen

bald hier, bald dort Zelte auf, und bedeckten eine so ungeheure Fläche,

daß man von den Türmen und höchsten Orten in Kamieniez keine von

Zeltdächern freie Stelle erspähen konnte. Die Leute meinten, es sei

Schnee gefallen und habe die ganze Gegend bedeckt. Die Aufstellung der

Wagenburg erfolgte unter dem Knalle der Büchsen, denn die Abteilung

Janitscharen, welche den Arbeiten zur Deckung diente, hörte nicht auf

gegen die Mauern zu feuern. Von den Mauern her ward ihnen Antwort durch

ein ununterbrochenes Geschützfeuer; das Echo hallte die Felsen entlang,

Rauchsäulen stiegen zum Himmel auf und verdeckten das blaue Firmament.

Bis zum Abend war Kamieniez so eingeschlossen, daß höchstens die Tauben

heraus konnten; das Feuer verstummte erst, als die ersten Sterne am

Himmel erglänzten.

Die folgenden Tage hindurch dauerte das Feuer von und nach den Mauern

beständig mit großem Verlust für die Belagerer fort; sobald sich ein

größerer Haufe von Janitscharen in Schußweite angesammelt hatte, erhob

sich ein weißer Dampf auf den Mauern, die Kugeln fielen zwischen die

Janitscharen, und diese stoben auseinander wie eine Schar Sperlinge,

wenn jemand eine Handvoll Schrot unter sie schießt. Die Türken hatten,

da sie offenbar nicht wußten, daß in beiden Schlössern und in der Stadt

selbst weittragende Kanonen standen, ihre Zelte zu nahe aufgeschlagen;

auf den Rat des kleinen Ritters hatte man sie gewähren lassen, und

erst, als mit dem Herannahen der Rastzeit die Soldaten schutzsuchend

vor der Sonne sich in das Innere der Zelte zurückzogen, erdröhnten

die Mauern in ununterbrochenem Donner. Ein Schrecken entstand; die

Kugeln zerrissen die Stäbe, verwundeten die Soldaten, warfen scharfe

Felsstücke umher; die Janitscharen zogen sich in Verwirrung und

Unordnung, unter großem Lärm weiter zurück, warfen auf der Flucht die

entfernteren Zelte um und weckten überall Furcht und Sorge. Gegen

die so in Verwirrung Gebrachten wagte Michael einen Ausfall mit der

Reiterei und hieb unter sie, bis ihnen Hilfe von ihrer Reiterei ward.

Ketling war es hauptsächlich, der das Geschützfeuer leitete; neben ihm

hatte der lechische Schulze Cyprian die größten Verwüstungen unter den

Heiden angerichtet. Er selbst neigte sich über jede Kanone, er selbst

legte die Lunte an; dann hielt er die Hand über die Augen, sah nach dem

Erfolg seines Schusses und freute sich im Herzen, daß er so glücklich

wirke.

Die Türken legten Gräben an, errichteten Schanzen und besetzten

sie mit schweren Kanonen. Ehe sie aber zu schießen begannen, kam

ein Abgesandter der Türken an die Wälle herangeritten, steckte ein

kaiserliches Schreiben an die Rohrlanze und zeigte es den Belagerten;

die abgesandten Dragoner ergriffen sofort den Boten und brachten

ihn auf das Schloß. Der Kaiser forderte die Stadt zur Übergabe auf,

indem er seine Macht und seine Gnade in den Himmel erhob. -- Mein

Heer -- schrieb er -- kann mit dem Laub an den Bäumen, mit dem Sande am

Ufer des Meeres verglichen werden; schauet in den Himmel, und wenn Ihr

die unzählbaren Sterne seht, so erwecket Furcht in Euren Herzen und

saget einer zum anderen: Also ist die Macht der Gläubigen! Aber da ich

über alle Könige ein gnädiger König und ein Enkel des lebendigen Gottes

bin, darum beginne ich meine Handlungen mit Gott. Wisset denn, daß ich

den Trotzigen hasse; widerstrebt also meinem Willen nicht und übergebet

die Stadt. Wollt Ihr aber Trotz bieten, so kommt Ihr alle unter das

Schwert, und gegen mich wird keine menschliche Stimme sich zu erheben

wagen. --

Man pflog lange Rates, welche Antwort auf dieses Schreiben zu geben

war -- und man verwarf den unhöflichen Rat Saglobas, einem Hunde den

Schwanz abzuhacken und ihn als Antwort hinzusenden. Man schickte

endlich einen gewandten Mann, Inriza, der gut türkisch sprach, mit

einem Brief, der lautete wie folgt:

-- Wir wollen den Kaiser nicht kränken, aber auch ihm zu gehorchen ist

nicht unsere Pflicht, denn wir haben nicht ihm, sondern unserem Herrn

geschworen. Kamieniez geben wir nicht, denn uns bindet ein Eid, die

Festung und die Kirchen bis zum Tode zu verteidigen. --

Nachdem die Antwort gegeben war, zerstreuten sich die Offiziere auf

die Mauern; das benutzte der Bischof von Landskron und der General von

Podolien, und sie sandten einen neuen Brief an den Sultan, in welchem

sie um einen Waffenstillstand auf vier Wochen baten. Als die Nachricht

von diesem Briefe bekannt wurde, begann ein Lärm und ein Säbelrasseln.

»Ei, das wäre!« sagte der eine und der andere, »wir sollen uns hier bei

den Kanonen schinden, und jene schicken hinter unserem Rücken Briefe

ab, ganz ohne unser Wissen, obwohl wir zum Rate gehören?« -- Und nach der

Abendparole gingen die Offiziere vereint zum General, geführt von dem

kleinen Ritter und Herrn Makowiezki, die beide durch das Geschehene

schwer gekränkt waren.

»Wie,« rief der Truchseß, »denkt Ihr schon an Ergebung, daß Ihr

einen neuen Boten hingesandt habt? Warum ist dies ohne unser Wissen

geschehen?«

»Fürwahr,« fügte der kleine Ritter hinzu, »wenn wir zum Rate berufen

waren, ziemt es sich nicht, ohne unser Wissen Briefe abzuschicken; von

Ergebung gestatten wir nicht zu reden, wer aber Ergebung wünscht, der

trete ab von seinem Amte.« Drohend bewegten sich seine Lippen, denn er

war ein Krieger von strengster Disziplin, und es schmerzte ihn tief,

gegen die Vorgesetzten zu sprechen. Doch er hatte geschworen, das

Schloß bis in den Tod zu verteidigen und glaubte so sprechen zu müssen.

Der General von Podolien antwortete verwirrt:

»Ich war der Meinung, es geschähe dies mit allgemeiner Zustimmung.«

»Keine Zustimmung, hier wollen wir untergehen!« riefen viele Stimmen.

»Das höre ich gern, denn auch mir ist der Glaube teurer als das Leben,

und Feigheit ist mir fremd. Bleibet hier zum Abendbrot, Herren, so

werden wir schneller zur Einigkeit kommen.« Aber sie wollten nicht

bleiben. »An den Toren ist unser Platz, nicht am Tische,« versetzte der

kleine Ritter.

Inzwischen war der Bischof herangekommen, und da er hörte, worum es

sich handle, wandte er sich sogleich zu Herrn Makowiezki und an den

kleinen Ritter.

»Brave Männer,« sagte er; »ein jeder fühlt im Herzen wie Ihr, und

niemand hat von Ergebung gesprochen. Ich habe hingesandt, und um einen

Waffenstillstand auf vier Wochen nachgesucht. Ich habe geschrieben,

in dieser Zeit wollen wir zu unserem König senden und um Entsatz und

Instruktionen bitten; und dann komme, was Gott uns schickt.«

Als das der kleine Ritter hörte, verzog er wieder drohend den Mund,

diesmal aber, weil ihn gleichzeitig Wut und ein wüstes Lachen fortriß

über solche Auffassung des Kriegsdienstes. Er, der von Kindesbeinen

an Soldat war, traute seinen Ohren nicht, daß jemand dem Feinde einen

Waffenstillstand vorschlagen wolle, um Zeit zum Entsatze zu gewinnen.

Er blickte Herrn Makowiezki und die anderen Offiziere an, und diese

wiederum sahen ihn an. »Scherz oder Ernst?« fragten einige, dann

verstummten alle.

»Ehrwürden,« sagte endlich Herr Michael, »ich habe mit den Tataren,

mit den Kosaken, mit den Moskowitern, mit den Schweden gekämpft -- aber

von solchen Dingen habe ich nie gehört. Denn der Sultan ist

hierhergekommen, nicht um uns, sondern um sich zu nützen, und wie soll

er seine Zustimmung geben zu einem Waffenstillstand, wenn man ihm

schreibt, daß man in dieser Zeit hübsch bequem auf Entsatz warten will!«

»Wenn er nicht darauf eingeht, so wird es eben sein, wie es jetzt ist,«

antwortete der Bischof.

»Wer um Waffenstillstand bittet, der zeigt offenkundig seine Angst und

seine Schwäche, und wer auf Entsatz rechnet, der traut den eigenen

Kräften nicht; das hat der Heidenhund aus diesem Briefe ersehen, und

das ist ein unberechenbarer Schaden,« antwortete Michael.

Als der Bischof das hörte, ward er sehr betrübt.

»Ich konnte wo anders sein,« sagte er, »und da ich in der Not meine

Herde nicht verlassen habe, muß ich jetzt Vorwürfe ertragen.«

Dem kleinen Ritter tat es weh um den würdigen Prälaten, er umfaßte

seine Kniee, küßte seine Hand und antwortete:

»Das verhüte Gott, daß ich hier Vorwürfe machte, aber da wir _consilium_

halten, sage ich, was meine Erfahrung mir vorschreibt.«

»Was soll geschehen? _Mea culpa_ denn, gut, wie läßt sich die Sache

wieder gut machen?« fragte der Bischof.

»Gut machen?« wiederholte Michael.

Er sann ein wenig nach, dann hob er heiter den Kopf empor. »Nun es

geht, folgt mir, meine Herren.«

Er ging, die Offiziere folgten ihm; eine Viertelstunde später

erbebte Kamieniez von dem Donner der Kanonen. Michael machte mit

den Freiwilligen einen Ausfall gegen die in den Gräben schlafenden

Janitscharen und hieb unter sie, bis sie auseinanderstoben und nach der

Wagenburg flohen.

Dann kehrte er zum General zurück, bei dem er noch den Bischof von

Landskron traf.

»Ehrwürden,« sagte er freudig, »es ist gut gemacht!«

Die ganze Nacht hindurch wurde geschossen, wenn auch mit starken

Unterbrechungen. In der Morgendämmerung wurde gemeldet, einige

Türken ständen am Schlosse und wünschten, daß man ihnen jemand zu

Verhandlungen entgegenschicke; man mußte auf alle Fälle erfahren, was

sie wollten, und darum bestimmten die Oberen im Rate Herrn Makowiezki

und Herrn Myslischewski, sich mit den Heiden zu verständigen.

Einen Augenblick später schloß sich ihnen Kasimir Humiezki an, und

sie gingen hinaus. Drei Türken waren da: Muktar-Bey, Salomi, der

Pascha von Rustschuk und Kosra, der Dolmetsch, als dritter. Sie trafen

sich unter freiem Himmel hinter dem Schloßtor. Als die Türken die

Abgesandten erblickten, begannen sie zu grüßen, indem sie gleichzeitig

die Fingerspitzen an Herz, Mund und Stirn legten; die Polen begrüßten

sie höflich und fragten, was sie brächten. Salomi sagte: »Meine Teuren,

unserem Herrn ist ein großes Unrecht geschehen, das alle, welche

Gerechtigkeit lieben, beweinen müssen, und für welches der Ewige euch

bestrafen wird, wenn ihr es nicht bald gut macht. Habt ihr doch selbst

Juriza abgeschickt, der vor unserem Vezier das Knie beugte und ihn um

Waffenstillstand bat; und als wir dann, eurer Tugend vertrauend, die

Verschanzung verließen, habt ihr die Geschütze gegen uns gerichtet,

habt einen Ausfall aus den Mauern gemacht und den Weg mit Leichen

gesäet bis zu dem Zelte des Padischah. Dies Vergehen kann nicht ohne

Strafe bleiben, es sei denn, daß ihr sogleich Schloß und Stadt übergebt

und Reue und Schmerz zeiget.«

Darauf antwortete Makowiezki:

»Juriza ist ein Hund, der die Instruktionen überschritten hat. Er ließ

seine Knaben die weiße Fahne schwenken und wird dafür gerichtet werden.

Der Herr Bischof hat privatim angefragt, ob ein Waffenstillstand

möglich sei, da aber auch ihr nicht aufgehört habt, während jenes

Briefwechsels die Schanzen zu beschießen, was ich selbst bezeugen kann,

denn mich haben die herumfliegenden Steine ins Auge getroffen -- so

hattet ihr auch kein Recht, von uns eine Unterbrechung im Schießen

zu verlangen. Kommt ihr jetzt mit dem bewilligten Waffenstillstand,

gut, wo nicht, so sagt eurem Herrn, daß wir wie bisher Mauer und Stadt

verteidigen werden, bis wir zugrunde gehen, oder, was sicherer ist,

bis ihr an diesen Felsen zugrunde gehet. Weiter, meine Lieben, haben

wir euch nichts zu sagen, außer dem Wunsche, daß der Herr eure Tage

vermehre und euch ein hohes Alter erreichen lasse.«

Gleich nach dieser Unterredung gingen die Abgesandten auseinander. Die

Türken kehrten zum Vezier zurück, die polnischen Herren auf das Schloß,

wo man sie mit Fragen bestürmte, wie sie die Boten abgefertigt hätten.

Sie teilten den Bescheid der Türken mit.

»Ihr nehmt es nicht an, geliebte Brüder,« sagte Kasimir Humiezki, »in

kurzen Worten, diese Hunde wollen, daß wir vor dem Abend die Schlüssel

der Stadt ausliefern.«

Darauf antworteten zahlreiche Stimmen, eine beliebte Redewendung

wiederholend: »Der Heidenhund soll an unserem Fleische nicht fett

werden. Wir jagen ihn heim, wir wollen nicht!«

Nach diesem Beschluß gingen sie alle auseinander, und das Geschützfeuer

begann sogleich wieder. Den Türken war es schon gelungen, viele schwere

Geschütze aufzufahren, und ihre Kugeln fielen über die Brustwehr in die

Stadt. Die Kanoniere arbeiteten in der Stadt und in den Schlössern im

Schweiße ihres Angesichts den Rest des Tages und die ganze Nacht. Fiel

einer, so konnte niemand für ihn eintreten; es fehlte auch an solchen,

die Kugeln und Pulver herbeischafften. Erst vor der Abenddämmerung ließ

das Getöse etwas nach. Aber kaum begann der Tag zu grauen, kaum zeigte

sich am östlichen Himmel der rosige Goldstreif des Morgenrots, als in

beiden Schlössern Alarm geblasen wurde. Wer schlief, erwachte; die

schlaftrunkene Menge tummelte sich in den Straßen und horchte auf. »Der

Sturm bricht los!« sagten die einen zu den anderen und zeigten auf das

Schloß, und: »Ist Herr Michael dort?« fragten unruhige Stimmen. »Ja, er

ist dort,« antworteten andere.

In den Schlössern wurden die Kapellenglocken geläutet, die

Trommelwirbel ertönten von allen Seiten. Im Zwielicht, da die Nacht

sich vom Tage schied, und die Stadt verhältnismäßig ruhig war, klangen

diese Töne geheimnisvoll und feierlich. In demselben Augenblick

bliesen die Türken die Reveille. Von einer Kapelle sprang es zur

anderen über, und wie ein Echo durchflog es das ungeheure Lager. Der

heidnische Ameisenhaufen begann sich zwischen den Zelten zu regen.

Als der Tag anbrach, tauchten aus dem Dunkel die terrassenförmigen

Schanzen, die Aufschüttungen und Gräben auf, die sich in langer Zeile

um das Schloß herumzogen. Bald brüllten in der ganzen Länge die

schweren türkischen Kanonen, mit donnerndem Echo antworteten ihnen

die Felsen von Smotrytsch, und das Toben wuchs so entsetzlich an, daß

es schien, als hätten am Firmament alle Blitze, die dort lagerten,

gezündet und prasselten mitsamt dem Himmelsgewölbe zur Erde. Es war ein

Artilleriekampf. Die Stadt und die Schlösser gaben mächtig Antwort;

bald verdeckten die Rauchwolken die Sonne, man sah weder die türkischen

Befestigungen, noch Kamieniez, man sah nur noch eine riesige, graue

Wolke, in der es donnerte und krachte. Aber die Stimme der türkischen

Kanonen war dröhnender als die der städtischen. Bald begann der Tod

in der Stadt seine Ernte. Einige Kartaunen waren zerstört; von der

Bedienung beim groben Geschütz fielen sie zu zweien, zu dreien; dem

Franziskaner, der die Schanzen entlang ging und die Kanonen segnete,

wurde die Nase und ein Teil vom Munde fortgerissen, neben ihm sanken

zwei Juden, kühne Männer, die beim Richten halfen, tot zu Boden.

Aber hauptsächlich trafen die Kanonen in die Schanzen der Stadt. Dort

saß Kasimir Humiezki, einem Salamander gleich, im größten Feuer und

Rauch; die Hälfte seiner Leute war gefallen, die übrigen waren fast

alle verwundet. Er selbst hatte die Sprache und das Gehör verloren,

aber er hatte mit Hilfe des polnischen Schulzen die feindliche Batterie

wenigstens so lange zum Schweigen gezwungen, bis man an Stelle der

alten Kanonen neue gebracht hatte.

Ein Tag verging, ein zweiter, ein dritter, und das entsetzliche

»_Colloquium_« der Geschütze ruhte nicht einen Augenblick. Bei den

Türken wechselten die Kanoniere viermal am Tage; in der Stadt aber

mußten dieselben Männer ohne Schlaf, fast ohne Speise aushalten, vom

Rauch halb erstickt, viele von ihnen von den herumfliegenden Steinen

und den Splittern der Lafetten verwundet. Die Soldaten hielten aus,

aber den Bürgern sank der Mut; man mußte sie endlich mit Stöcken zu den

Kanonen treiben, bei welchen übrigens viele als Leichen niedersanken.

Zum Glück wandte sich am Abend und in der Nacht zum dritten Tage, von

Donnerstag auf Freitag, der Hauptangriff gegen die Schlösser.

Beide, besonders das alte, wurden mit einem Granatenregen aus den

Mörsern überschüttet, der indessen keinen Schaden anrichtete, da in

der Finsternis jede Granate sichtbar ist, und der Mensch ihr leicht

entrinnen kann. Erst am Morgen, als die Leute eine so große Ermattung

erfaßte, daß sie vor Müdigkeit nicht mehr stehen konnten, fielen sie in

dichten Haufen.

Der kleine Ritter, Ketling, Myslischewski und Kwasibrozki antworteten

auf das türkische Feuer von den Schlössern. Der General von Podolien

sah von Zeit zu Zeit nach ihnen und schritt mitten durch den Kugelregen

hin, vergrämt und der Gefahr nicht achtend.

Gegen Abend, als das Feuer noch ärger wurde, trat der General Potozki

an Michael heran.

»Herr Oberst,« sagte er, »wir werden uns hier nicht halten können.«

»Solange sie nur schießen,« antwortete der kleine Ritter, »werden wir

uns halten, aber sie werden uns durch Minen in die Luft sprengen, denn

sie graben rüstig.«

»Graben sie wirklich?« fragte der General beunruhigt.

Michael antwortete: »Siebenzig Kanonen sind in Tätigkeit, und der Lärm

wird kaum einen Augenblick unterbrochen; aber es gibt doch Momente der

Ruhe. Wenn ein solcher kommt, so spitzt nur recht das Ohr und Ihr

werdet hören.«

Sie brauchten auf einen solchen Augenblick nicht lange zu warten.

Ein Zufall kam ihnen zu Hilfe. Eine von den türkischen Sturmkanonen

platzte; das rief eine Verwirrung hervor. Von den anderen Schanzen

schickte man hin, um anzufragen, was geschehen sei, und so entstand

eine Unterbrechung im Schießen. Da traten Potozki und Michael an

das äußerste Ende einer der Ausbuchtungen und horchten. Nach kurzer

Zeit drang an ihre Ohren ziemlich deutlich der laute Widerhall von

Spitzhacken, die in die Felswand eindrangen. »Sie arbeiten,« sagte

Potozki. »Sie arbeiten,« wiederholte der kleine Ritter.

Dann verstummten sie beide. Auf dem Antlitz des Generals lag große

Sorge. Er erhob die Hände und umfaßte seine Schläfen. Michael aber

sagte:

»Das ist ein gewöhnliches Ding bei jeder Belagerung. Bei Sbarasch haben

sie Tag und Nacht unter uns gewühlt.« Der General erhob den Kopf: »Und

was hat Wischniowiezki getan?«

»Wir haben uns von den entfernteren Wällen auf die engeren

zurückgezogen.«

»Und was müssen wir tun?«

»Wir müssen die Kanonen und mit ihnen, was sonst möglich ist, nach dem

alten Schloß bringen, denn das alte ist auf solchen Felsen erbaut, die

nicht unterminiert werden können. Ich war immer der Ansicht, daß das

neue nur dazu dienen wird, dem Feinde den ersten Widerstand zu leisten,

dann werden wir es selbst von fernher in die Luft sprengen müssen, und

die rechte Verteidigung wird erst im alten beginnen.«

Ein kurzes Schweigen trat ein, und der General senkte wieder sorgenvoll

den Kopf.

»Wenn wir aus dem alten Schlosse werden weichen müssen -- wohin?« fragte

er mit gebrochener Stimme. Der kleine Ritter reckte seine winzige

Gestalt in die Höhe und wies mit dem Finger zu Boden.

»Ich nur dorthin!« sagte er.

In diesem Augenblick brüllten die Kanonen von neuem los, und ein Hagel

von Granaten flog in das Schloß. Da bereits Dämmerung eingetreten war,

sah man sie ganz deutlich. Michael reichte dem General die Hand zum

Abschied und ging die Mauern entlang von einer Batterie zur anderen,

überall anfeuernd und Rat erteilend. Endlich traf er Ketling und sagte:

»Nun?«

»Die Granaten erleuchten alles taghell,« erwiderte dieser, indem er die

Hand des kleinen Ritters drückte; »sie kargen nicht mit dem Feuern.«

»Eine mächtige Kanone ist drüben geplatzt, hast du sie in die Luft

gesprengt?«

»Ja, ich.«

»Mich schläfert furchtbar.«

»Mich auch, aber es ist jetzt nicht Zeit.«

»Bah,« sagte Wolodyjowski, »auch unsere armen Frauen müssen in Sorge

sein; bei solchen Gedanken flieht uns der Schlaf.«

»Sie beten für uns,« sagte Ketling und richtete die Augen auf die

vorüberfliegenden Granaten.

»Schenke Gott der meinen und der deinen Gesundheit! Unter allen

Frauen,« begann Ketling, »gibt es keine ...«

Er beendete seine Rede nicht, denn plötzlich wandte sich der kleine

Ritter dem Innern des Schlosses zu und schrie mit lauter Stimme: »Um

Gottes willen, was seh' ich!«

Und er tat einen weiten Satz. Ketling sah sich erstaunt um; in der

Entfernung von einigen Schritten sah er auf dem Schloßhofe Bärbchen in

Begleitung Saglobas und des Smudzers Pientka.

»An die Mauer, an die Mauer!« schrie der kleine Ritter und zog sie, so

schnell er konnte, unter die Turmzinnen. »Um des Himmels willen!...«

»Ha!« sagte Sagloba keuchend und in abgerissenen Worten, »werde du mal

fertig mit der! -- Ich bitte sie, ich rede ihr zu: du richtest mich und

dich zugrunde! -- ich kniee -- alles hilft nichts! Sollte ich sie allein

gehen lassen, wie?... Uff! Es hilft gar nichts --: Ich will hingehen

... was soll ich tun?«

Auf Bärbchens Antlitz lag die Angst, und ihre Lider bebten wie vor

dem Weinen. Nicht die Granaten fürchtete sie, nicht das Donnern der

Kanonen, nicht die umherfliegenden Steine, sondern den Zorn ihres

Gatten, und sie faltete ihre Hände wie ein Kind, das Strafe fürchtet,

und rief mit schluchzender Stimme:

»Ich konnte nicht anders, Michael, so wahr ich dich liebe, ich konnte

nicht anders; mein lieber Michael, zürne nicht! Ich kann doch nicht

still sitzen, während du hier in Gefahr schwebst, ich kann nicht, ich

kann nicht!«

Er zürnte tatsächlich und rief:

»Bärbchen, fürchte doch Gott!«

Aber bald ergriff ihn die Rührung, die Stimme stockte ihm in der Kehle,

und erst, als das teure, süße Köpfchen an seiner Brust ruhte, sagte er:

»Mein treuer Gefährte bis in den Tod ... mein Lieb!« Und er umfaßte sie

mit seinen Armen.

Sagloba hatte sich unterdessen in einen Vorsprung der Mauer gedrängt

und sagte hastig zu Ketling:

»Auch deine wollte mitkommen; wir haben ihr aber gesagt, daß wir nicht

hergingen, -- wie wär's auch möglich bei ihrem Zustand! Ein General der

Artillerie wird dir geboren, -- ein Schelm will ich sein, wenn's kein

General ist ... Auf der Brücke vor der Stadt zum Schloß fallen die

Granaten wie die reifen Birnen ... Ich dachte, ich müsse bersten vor

Wut, nicht vor Angst ... Ich bin auf die scharfen Scherben gepurzelt

und habe mir das Fell zerrissen; eine ganze Woche werde ich dran zu

leiden haben. Die Nonnen müssen mich mit Salbe schmieren und ihre

Keuschheit beiseite lassen ... Uff! Diese Schufte schießen, daß sie

das Donnerwetter hole ... Herr Potozki will mir das Kommando übergeben

... Gebt den Soldaten zu trinken, denn sie halten's nicht mehr aus

... seht die Granate da -- wahrhaftig, sie wird ganz in der Nähe

niederfallen, -- schützt Bärbchen! wahrhaftig, ganz nah!«

Doch die Granate fiel nicht in der Nähe nieder, sondern auf das Dach

der Lutherischen Kapelle im alten Schloß. Weil die Kuppel eine sehr

starke war, hatte man hier die Munition untergebracht; aber der Schuß

hatte jene durchbohrt, und das Pulver entzündet. Ein mächtiger Knall,

stärker als der Donner der Kanonen, erschütterte die Grundmauern beider

Schlösser. Auf den Zinnen ertönten Schreie des Entsetzens, und die

polnischen und die türkischen Kanonen verstummten.

Ketling ließ Sagloba, Michael Bärbchen stehen, und beide eilten, so

schnell sie laufen konnten, auf die Mauern. Einen Augenblick hörte man

beide mit keuchender Brust Befehle erteilen, aber ihr Kommando wurde

von den Trommeln auf den türkischen Verschanzungen übertönt.

»Sie werden zum Angriff schreiten,« sagte leise Sagloba.

Wirklich glaubten die Türken, da sie den Knall hörten, beide Schlösser

seien in Trümmer gegangen, und die Verteidiger zum Teil im Schutte

begraben, zum anderen Teile vom Schrecken gelähmt. Darum rüsteten

sie sich zum Sturm. Die Törichten! Sie wußten nicht, daß nur die

Lutherische Kapelle in die Luft geflogen war, und daß die Entzündung

des Pulvers außer der gewaltigen Erschütterung keinen Schaden

angerichtet hatte, ja daß nicht einmal eine einzige Kanone auf dem

neuen Schloß aus der Lafette gefallen war. Das Gerassel der Kanonen auf

den Schanzen wurde immer stärker, Haufen von Janitscharen stürmten die

Schanzen herab und liefen im Schnellschritt gegen das Schloß. Die Feuer

auf dem Schlosse und in den türkischen Gräben erloschen zwar, aber die

Nacht war hell, und bei dem Licht des Mondes konnte man die dichte

Masse der weißen Janitscharenmützen sehen, die im Laufe hin und her

wogten wie sturmbewegte Wellen. Einige tausend Janitscharen waren es,

und einige hundert »Dschamaken«. Viele von ihnen sollten nie mehr die

Minarets von Stambul, die hellen Gewässer des Bosporus und die dunklen

Cypressen seines Friedhofes sehen; aber jetzt stürmten sie wütend

dahin, die Hoffnung des sicheren Sieges im Herzen.

Michael lief, so schnell er konnte, die Mauern entlang.

»Nicht schießen, das Kommando abwarten!« rief er bei jeder Kanone.

Die Dragoner legten sich mit den Musketen platt auf die Zinnen und

keuchten vor Wut. Stille trat ein, nur der Widerhall des schnellen

Schrittes der Janitscharen tönte herauf wie gedämpfter Donner. Je

näher sie kamen, desto sicherer glaubten sie, mit einem Streiche beide

Schlösser zu nehmen. Viele meinten, die Überreste der Verteidiger

hätten sich schon in die Stadt zurückgezogen, und auf den Zinnen sei

alles menschenleer. Als sie an die Laufgräben gekommen waren, warfen

sie Strauchhölzer und Strohsäcke hinein, und im Augenblick waren sie

verschüttet. Auf den Mauern herrschte beständig vollkommene Ruhe. Aber

als die ersten Reihen in den Laufgraben traten, knallte an einer Stelle

der Turmzinne ein Pistolenschuß, und eine gellende Stimme rief:

»Feuer!«

Gleichzeitig erglänzten alle Scharten in einem langen, flammenden

Blitz. Kanonendonner erfüllte die Luft, Musketen und Feuergewehre

krachten, das Geschrei der Angreifer antwortete ihnen. Wie wenn ein

Speer, mit kräftiger Hand geworfen, bis zur Hälfte in den Leib des

Bären eindringt und das Tier sich zusammenballt, brüllt und tobt, dann

wieder sich reckt und von neuem sich zusammenballt -- so drängten sich

die Haufen der Janitscharen und Dschamaken zusammen. Nicht ein Schuß

der Gegner fehlte. Die Kanonen, die mit Kartätschen geladen waren,

streckten die Menschen wie die Ähren hin, die ein gewaltiger Sturmwind

mit einem Wehen niederlegt. Diejenigen, die auf die Ausbuchtungen

losgestürmt waren, welche die Forts miteinander verbanden, befanden

sich zwischen zwei Feuern. Von Entsetzen erfaßt, drängten sie sich

in der Mitte zu einem ungeordneten Haufen zusammen, sanken tödlich

getroffen nebeneinander nieder und bildeten so förmliche Leichenhügel.

Ketling ließ die Kartätschen aus zwei Kanonen kreuzweise in den Haufen

schießen, und als sie endlich zu fliehen begannen, verschloß er mit

einem Regen von Eisen und Blei den schmalen Ausgang zwischen den

Ausbuchtungen.

Der Angriff wurde auf der ganzen Linie zurückgeworfen. Als nun

die Janitscharen und Dschamaken, den Laufgraben verlassend, wie

wahnsinnig mit einem Gebrüll des Entsetzens flohen, begann man von den

türkischen Verschanzungen brennende Teerfässer zu werfen und künstliche

Pulverfeuer zu entzünden, so daß die Nacht zum Tage wurde, um den

Fliehenden den Weg zu beleuchten, und in dem erwarteten Ausfall die

Verfolgung zu erschweren.

Als Herr Wolodyjowski den in die Enge getriebenen Feind sah, rief

er seine Dragoner zusammen und stürmte auf ihn los. Noch einmal

versuchten die Unglücklichen, sich durch den Ausgang zu drängen, aber

Ketling überschüttete sie mit einem so furchtbaren Kugelregen, daß

er von einem Leichenhügel wie von einem hohen Walle verstopft ward.

Wer noch am Leben geblieben war, mußte sterben, denn die Verteidiger

wollten keine Gefangene machen; sie mußten sich also verzweifelt

wehren. Tüchtig, wie sie waren, verdichteten sie sich zu kleinen

Häufchen, zu zweien, dreien und fünfen, deckten sich mit den Schultern

und hieben mit Speeren, Yataganen, Säbeln und Streitäxten rasend um

sich. Die Angst, das Entsetzen, der sichere Tod, die Verzweiflung

hatten sich in ein Gefühl rasender Wut verwandelt. Eine mächtige

Kampfbegeisterung hatte sie ergriffen; manche warfen sich einzeln in

blinder Selbstvergessenheit auf die Dragoner, und im Augenblick waren

sie von den Schwertern zerrissen. Es war ein Kampf zweier Furien, denn

auch die Dragoner erfüllte vor Mühsalen, Schlaflosigkeit und Hunger

eine tierische Wut gegen diesen Feind. Da sie aber im Kampf mit blanker

Waffe den Gegner bedeutend übertrafen, richteten sie ein furchtbares

Blutbad an. Ketling, der das Schlachtfeld erleuchten wollte, befahl

gleichfalls Pechtonnen anzuzünden, und in ihrem Scheine sah man die

unbezähmbaren Masuren mit den Janitscharen einen Säbelkampf führen,

indem sie einander bei den Köpfen und bei den Bärten hielten. Besonders

wütete der furchtbare Luschnia, einem wilden Stiere ähnlich. Am Ende

des zweiten Flügels kämpfte Michael selber, und da er wußte, daß

Bärbchen von der Mauer ihm zuschaute, übertraf er sich selbst. Wie

das bissige Wiesel, wenn es in den Getreideschober eindringt, den ein

Rudel Mäuse bewohnt, ein fürchterliches Blutbad darin anrichtet, so

stürzte der kleine Ritter, dem Geiste des Verderbens gleich, unter die

Janitscharen. Sein Name war schon bekannt unter den Türken aus den

vorangegangenen Kämpfen und aus den Erzählungen der Türken von Chozim.

Schon war allgemein die Ansicht verbreitet, daß kein Mensch, der ihm

im Kampfe begegne, dem Tode entgehe -- darum versuchte, wenn er ihn vor

sich sah, mancher der Janitscharen, die jetzt zwischen die Vorsprünge

eingekeilt waren, gar nicht erst, sich zu verteidigen, sondern er

schloß die Augen und starb unter dem Streiche des Rapiers, das Wort

»Kismet« auf den Lippen. Endlich erlahmte der Widerstand; der Rest

warf sich dem Wall von Leichen entgegen, der den Ausgang hemmte, und

fand hier seinen Tod. Die Dragoner kehrten jetzt über die ausgefüllten

Laufgräben mit Gesang und Geschrei zurück; sie dampften, und der Hauch

des Blutes haftete an ihnen. Dann wurden noch einige Kanonenschüsse

von den türkischen Schanzen und vom Schlosse gegeben, und endlich

verstummte alles. So endete jener Kanonenkampf, der einige Tage

gedauert und den der Sturm der Janitscharen beschlossen hatte.

»Gott sei Dank!« sagte der kleine Ritter; »wenigstens bis zur Reveille

morgen früh werden wir Ruhe haben, -- sie kommt uns redlich zu.«

Aber diese Ruhe war nur bedingt, denn als noch tiefere Nacht eintrat,

hörte man durch die Stille den Klang der Spitzhämmer, die in die

Felswand eindrangen.

»Das ist schlimmer als die Kanonen,« sagte Ketling aufhorchend.

»Ja, könnte man einen Ausfall machen,« bemerkte der kleine Ritter,

» -- aber es ist unmöglich. Die Mannschaften sind zu ermüdet, sie haben

weder geschlafen noch gegessen, obwohl es an Essen nicht fehlte; aber

die Zeit war zu kurz, und überdies steht bei den Mineuren immer eine

Wache von gewöhnlich tausend Dschamaken und Spahis, damit sie von

unserer Seite nicht behindert werden. Wir können nichts anderes tun,

als selbst das neue Schloß in die Luft sprengen und in dem alten Schutz

suchen.«

»Heute noch nicht,« antwortete Ketling. »Sieh', die Leute sind wie die

Garben hingesunken und schlafen einen eisernen Schlaf. Die Dragoner

haben nicht einmal die Säbel abgewischt.«

»Bärbchen, geh' in die Stadt und schlafe!« sagte plötzlich der kleine

Ritter.

»Gut, lieber Michael,« antwortete Bärbchen demütig, »ich will

gehen, -- wie du befiehlst. Aber das Kloster dort ist schon

verschlossen, -- so möchte ich lieber hierbleiben und über deinem Schlafe

wachen.«

»Seltsam,« sagte der kleine Ritter; »nach solcher Mühe flieht mich der

Schlaf, -- ich habe gar keine Lust, mich hinzulegen.«

»Weil dein Blut in Wallung ist durch das Spiel mit den Janitscharen,«

sagte Sagloba. »So ging es mir auch immer, nach der Schlacht konnte ich

nie schlafen. Was aber Bärbchen betrifft, -- ehe sie in der Nacht zu der

verschlossenen Pforte gehen soll, -- so mag sie schon lieber hierbleiben

bis zum Morgen.«

Bärbchen umarmte Sagloba vor Freude. Der kleine Ritter aber sagte, als

er sah, wie sehr es ihr darum zu tun war:

»So laßt uns in die Kammern gehen!«

Sie gingen hinein; aber hier war alles voll Kalkstaub, den die Kugeln

aufgetrieben hatten. Es war unmöglich, darin zu verbleiben, und

Bärbchen kehrte mit ihrem Gatten nach einiger Zeit wieder auf die Mauer

zurück. Sie ließen sich in einer Nische nieder, die nach dem Zumauern

des alten Tores geblieben war.

Sie schmiegte sich an ihn, wie ein Kind an die Mutter. Die Augustnacht

war warm und mild, der Mond beleuchtete mit seinem Silberglanz die

Vertiefung, so daß das Gesicht des kleinen Ritters und Bärbchens in

Glanz gebadet war. Unten im Schloßhof erspähte man die schlafenden

Soldaten, und auch die Leichen der Gefallenen lagen noch da, denn man

hatte noch keine Zeit gefunden, sie zu bestatten. Das stille Licht des

Mondes glitt über die Leichenhaufen hin, als wollte der himmlische

Einsiedler erfahren, wer nur vor Ermüdung, und wer zur ewigen Ruhe

entschlummert sei. Weithin war die Mauer des Hauptgeländes sichtbar,

deren schwarzer Schatten über die Hälfte des Hofes fiel. Von außerhalb

der Mauer, wo zwischen den Vorsprüngen die vom Schwerte erschlagenen

Janitscharen lagen, drangen menschliche Stimmen herein. Die Knechte

und diejenigen von den Dragonern, welche den Raub dem Schlafe

vorzogen, plünderten die Leichen. Ihre Laternen schimmerten über das

Schlachtfeld wie Johanniskäfer. Manchmal riefen sie leise einander zu,

und einer sang mit halber Stimme ein liebliches Lied, das wenig zu der

Beschäftigung paßte, der sie im Augenblick oblagen:

Was frag' ich viel nach Gold und Tand,

Was gilt der Reichtum mir!

Und stürb' ich auch am Wiesenrand --

Bist du, Lieb', nur bei mir.

Aber nach einiger Zeit wurde es draußen ruhiger, und endlich trat

vollkommene Stille ein. Nur der entfernte Widerhall der Spitzhämmer,

die den Felsen brachen, und die Rufe der Wachen auf den Mauern störten

die Ruhe. Diese Stille, das Licht und die herrliche Nacht berauschten

den kleinen Ritter und Bärbchen. Es ward ihnen bang zumut; sie wußten

nicht warum: sie waren traurig in ihrer Seligkeit. Bärbchen erhob

zuerst ihre Augen zu ihrem Gatten, und da sie sah, daß er die Lider

nicht geschlossen hielt, fragte sie: »Michael, schläfst du nicht?«

»Seltsam, ich bin gar nicht schläfrig.«

»Und ist's dir hier wohl?«

»Gewiß! Und dir?«

Bärbchen wandte ihm ihr blondes Köpfchen zu.

»Ach, Michael, so wohl, ach, so wohl! Hast du gehört, was der dort

gesungen hat?«

Hier wiederholte sie die letzten Worte des Liedes:

Und stürb' ich auch am Wiesenrand --

Bist du, Lieb', nur bei mir.

Wieder trat eine Pause ein, die der kleine Ritter unterbrach.

»Bärbchen, höre nur!«

»Was, Michael?«

»Nicht wahr, uns beiden ist sehr wohl miteinander; ich denke, wenn

eines von uns fiele, das andere müßte über die Maßen bangen.«

Bärbchen begriff sehr wohl, daß der kleine Ritter, da er, »wenn eines

von uns fiele« sagte, statt »stürbe«, nur sich meinte. Ihr kam der

Gedanke, daß er vielleicht nicht hoffe, lebendig dieser Belagerung zu

entkommen, daß er sie mit dem schweren Gedanken vertraut machen wolle;

eine entsetzliche Ahnung schnürte ihr Herz zusammen, sie faltete die

Hände und sagte:

»Michael, habe Erbarmen mit mir und mit dir!«

Die Stimme des kleinen Ritters klang ein wenig bewegt, wenn auch ruhig.

»Siehst du, Bärbchen, daß du nicht recht hast,« sagte er, »denn

wenn man's recht erwägt -- was bedeutet dieses Leben? Wem könnte hier

Glückseligkeit und Liebe zur Genüge werden, wenn alles morsch ist wie

ein welker Zweig?«

Aber Bärbchen schüttelte sich vor Weinen und rief ein über das andere

Mal:

»Ich will nicht -- ich will nicht -- ich will nicht!«

»So wahr ich Gott liebe, du hast nicht recht,« wiederholte der kleine

Ritter. » -- Sieh, dort in der Höhe hinter dem stillen Mond, dort ist das

Land der ewigen Glückseligkeit. Von solchem Glück wollen wir sprechen.

Wer an jenen Rastort gelangt, erst der ruht aus, wie nach einer langen

Reise und weidet friedlich. Wenn meine Zeit kommt -- und die kommt bei

einem Krieger schnell -- so mußt du dir sagen: Michael ist fortgereist,

gewiß weit, sehr weit, weiter als von hier nach Litauen, -- aber das

tut nichts, denn ich reise ihm nach. Nicht doch, Bärbchen, still,

weine nicht, wer zuerst abreist, der wird dem anderen ein Quartier

bereiten -- das ist alles.«

Es kam über ihn wie ein Schauen der Zukunft, er hob die Augen zum

glänzenden Mond und sprach weiter: »Was ist alles Irdische! Denken wir,

ich sei schon dort und es klopft jemand an die Himmelstür; der heilige

Petrus öffnet, ich blicke hin -- wer ist's? Mein Bärbchen! Ums Himmels

willen! Ich eile auf sie zu, ich schreie auf ... lieber Gott, die Worte

versagen mir, es gibt kein Weinen, sondern ewige Freude, und es gibt

keine Heiden und keine Kanonen, und keine Mine unter den Mauern, -- nur

Friede, nur Glückseligkeit! Hörst du, Bärbchen?«

»Michael, Michael!« wiederholte Bärbchen, und wieder herrschte Stille,

nur unterbrochen von dem fernen, eintönigen Klang der Spitzhacken.

Endlich sagte Michael: »Bärbchen, sprechen wir ein Paternoster!«

Und diese beiden Seelen, rein wie Gold, begannen zu beten, und mit

jedem Worte des Gebetes ergoß sich neuer Friede in ihre Herzen.

Dann überwand sie der Schlummer, und sie schliefen bis zum ersten

Morgengrauen.

Vor der ersten Morgenandacht führte Wolodyjowski Bärbchen bis zur

Brücke, welche das alte Schloß mit der Stadt verband und sagte ihr beim

Abschied:

»Denke daran, Bärbchen -- es tut nichts!«

[Illustration: Dekoration/Kapitelende]

[Illustration: Dekoration/Kapitelanfang]

Der kleine Ritter (Herr Wolodyjowski): Historischer Roman · 第 40 / 43 题