Noch am selben Abend rückten sie alle nach Kamieniez aus.
Bärbchen sah lange, nachdem sie über die Wassermühle hinausgelangt
waren, nach dem Blockhaus zurück, das im Lichte des Abendrots strahlte,
und sagte endlich, indem sie ein Kreuz über der Brust schlug: »O,
kehrten wir noch einmal mit Michael zu dir zurück, liebes Chreptiow!
Gebe Gott, daß unser nichts Schlimmeres harre!«
Und zwei Tränen fielen über ihre rosigen Wangen. Eine seltsame
Betrübnis bedrückte aller Herzen -- und sie ritten schweigend weiter.
Inzwischen war es dunkel geworden.
Langsam rückten sie vorwärts, denn die Wagenburg bewegte sich
schwerfällig; die Wagen, die Herden der Pferde, Rinder, Büffel, Kamele
und das Gesinde, das die Herden bewachte, folgten nach. Viele aus dem
Gesinde und von den Soldaten hatten sich in Chreptiow beweibt, und so
fehlte es auch an Frauen nicht in der Wagenburg. Die Zahl der Soldaten
war so groß wie die Nowowiejskis, außer zweihundert ungarischen
Fußsoldaten, die Abteilung, die der kleine Ritter auf eigene Kosten
ausgerüstet und kriegstüchtig gemacht hatte. Ihre Protektorin war
Bärbchen, ihr Führer ein tüchtiger Offizier, Kaluschewski. Echte
Ungarn waren in dieser Abteilung gar nicht; sie hieß nur deshalb
die ungarische, weil sie magyarische Uniform führte. Unteroffiziere
waren »gediente« Dragoner; die Gemeinen rekrutierten sich aus den
früheren »Räubern« und Fahrenden, die von den beutemachenden Banden
eingefangen und zum Strange verurteilt waren. Man hatte ihnen das
Leben geschenkt unter der Bedingung, daß sie zu Fuß dienten und durch
Treue und Tapferkeit ihre alten Verbrechen vergessen machten. Auch an
Freiwilligen fehlte es unter ihnen nicht, die die Schluchten und Felsen
und ähnliche Räuberunterschlupfe aufgegeben hatten und vorzogen, in den
Dienst des »kleinen Falken von Chreptiow« zu treten, statt sein Schwert
über ihrem Haupte zu wissen. Es war ein Völkchen mit geringer Zucht
und geringer Kriegstüchtigkeit, aber tapfer, an Mühsale, Gefahren
und Blutvergießen gewöhnt. Bärbchen liebte diese Abteilung sehr, weil
sie ein Werk Michaels war, und in den wilden Herzen dieser Männer
war schnell die Anhänglichkeit an die wunderschöne, gute »Herrin«
erwachsen. Jetzt gingen sie rings um ihren Wagen, die Gewehre auf der
Schulter, die Säbel an der Seite, stolz darauf, die Herrin zu bewachen,
bereit, sie wütend zu verteidigen, wenn eine Tatarenschar ihnen den Weg
verlegen sollte.
Aber der Weg war noch frei, denn Wolodyjowski war vorsichtiger als
alle anderen, und er liebte überdies seine Frau zu sehr, als daß er
sie durch Verzögerung unnütz einer Gefahr hätte aussetzen sollen. Die
Reise ging also ruhig von statten. Sie waren um Mittag aus Chreptiow
abgereist, waren bis zum Abend unterwegs, dann die ganze Nacht, und am
Nachmittag des folgenden Tages erblickten sie schon die ragenden Felsen
von Kamieniez.
Bei ihrem Anblick und angesichts der Bollwerke und Türme der Festung,
welche die Spitzen der Felsen krönten, erfüllte Mut die Herzen; es
schien unmöglich, daß eine andere Hand als die Gottes diesen Adlerhorst
zerstören könne, der hier auf der Felsspitze, rings umgeben von
den Abhängen des Flusses, eingenistet war. Es war ein wunderbarer
Sommertag; die Spitzen der Kirchen leuchteten wie Riesenlichter,
Friede, Ruhe und Heiterkeit lagerte über den hellen Fluren.
»Bärbchen,« sagte Sagloba, »schon oft haben die Horden sich an diesen
Mauern die Schädel eingerannt, -- ha, wieviel Male habe ich selbst
gesehen, wie sie sich davonmachten und sich die Köpfe hielten, weil sie
ihnen weh taten; gäbe Gott, daß auch diesmal also geschehe!«
»Ja gewiß!« antwortete Bärbchen strahlend.
»Ist doch schon einer von ihren Sultanen hier gewesen: Osman. Ich
erinnere mich, als ob es heute wäre. Es war im Jahre 1621, da kommt er,
der Bube, von Chozim her, jenseits Smotrytsch; er sperrt die Glotzaugen
auf, reißt das Maul auf und glotzt, und glotzt. Endlich sagt er: ›Wer
hat die Festung so aufgebaut?‹ -- ›Gott!‹ antwortet ihm der Vezier. -- ›So
mag sie Gott erobern, ich bin kein Narr,‹ sprach's und wandte sein
Pferd.«
»Ja, sie hatten's sogar eilig, ihre Pferde umzudrehen,« warf Muschalski
ein.
»Weil wir sie mit unseren Lanzen in den Weichen kitzelten,« fügte
Sagloba hinzu, »und mich trug die Ritterschaft damals auf ihren Händen
zu Lubomirski.«
»So, wart Ihr bei Chozim?« fragte der unvergleichliche Bogenschütze;
»man sollte gar nicht glauben, wo Ihr überall dabei gewesen seid, und
was Ihr nicht alles getan habt!«
Sagloba war ein wenig gekränkt und antwortete:
»Nicht bloß dort gewesen bin ich, ich habe auch eine Wunde empfangen,
die ich Euch _ad oculos_ vorführen kann, wenn Ihr neugierig seid, aber
ein wenig abseits, denn in Gegenwart der Frau Hauptmann ziemt es mir
nicht, mich damit hervorzutun.«
Der berühmte Bogenschütze sah bald ein, daß er gefoppt wurde. Da er
sich aber nicht kräftig genug fühlte, mit Saglobas Witz zu wetteifern,
hörte er auf zu fragen und wandte das Gespräch anderen Dingen zu.
»Es ist wahr, was Ihr sagt. Wenn man so in der Ferne hört, wie die
Leute schwatzen, Kamieniez sei nicht gerüstet, Kamieniez müsse fallen,
so erfaßt einen ein Schrecken. Wenn man aber Kamieniez sieht, so ist
man gleich mit Mut erfüllt.«
»Und wenn erst Michael in Kamieniez sein wird!« rief Bärbchen.
»Herr Sobieski muß Hilfe schicken.«
»Gott sei Dank, es steht nicht so schlimm! Ja, es stand schon
schlimmer, und wir gaben nicht nach.«
»Und wäre es noch so schlimm, die Hauptsache ist, nicht den Mut
verlieren! Sie haben uns nicht gefressen und werden uns nicht fressen,
solange der Geist der Tapferkeit in uns ist,« schloß Sagloba.
Unter dem Eindruck dieser ermutigenden Gedanken verstummten sie. Aber
das Schweigen wurde auf schmerzliche Weise unterbrochen. Plötzlich war
Nowowiejski mit seinem Pferde dicht an Bärbchens Wagen herangekommen;
sein Gesicht, das sonst furchtbar und düster war, lächelte und blickte
heiter. Er richtete die Augen unverwandt auf das im Sonnenglanz
gebadete Kamieniez und lachte unaufhörlich. Die beiden Ritter und
Bärbchen sahen ihn erstaunt an, denn sie konnten nicht begreifen,
wie der Anblick der Festung so plötzlich alle Last von seiner Seele
genommen habe; er aber sagte:
»Gelobt sei der Herr! Groß war das Leid, aber auch die Freude ist
uns bereitet.« Hier wandte er sich zu Bärbchen: »Sie sind beide bei
dem polnischen Dorfschulzen Tomaschewitsch; es ist gut, daß sie sich
dorthin geflüchtet haben, denn in einer solchen Festung wird ihnen der
Mörder nichts tun können.«
»Von wem sprecht Ihr?« fragte Bärbchen beklommen.
»Von Sophie und Evchen.«
»Gott steh' dir bei!« rief Sagloba, »laß dich nicht vom Bösen umgarnen!«
Nowowiejski aber sprach weiter: »Was sie von meinem Vater sagen, daß
ihn Asya abgeschlachtet, ist auch nicht wahr.«
»Er hat den Verstand verloren,« flüsterte Muschalski.
»Gestattet Ihr mir, Herrin,« sagte Nowowiejski, »vorauszureiten? Ich
habe sie so lange nicht gesehen, und mir ist so bange. O, man sehnt
sich, wenn man liebt!« Er nickte mit seinem riesigen Kopfe nach beiden
Seiten, gab dem Pferde die Sporen und sprengte voraus.
Muschalski winkte einigen Dragonern und folgte ihm, um den Wahnsinnigen
im Auge zu behalten. Bärbchen aber verbarg ihr rosiges Gesicht in den
Händen, und heiße Tränen flossen durch ihre Finger. Da sagte Sagloba:
»Ein Bursch', so lauter wie Gold! Aber dies Unglück geht über
menschliche Kraft ... und die Rache wird sein Herz nicht zur Ruhe
bringen ...«
In Kamieniez rüstete man sich eifrig zur Verteidigung. An den Mauern
des alten Schlosses und an den Toren, besonders am reußischen,
arbeiteten die »Nationen«, welche die Stadt bewohnten, unter ihren
Schulzen; unter diesen nahm der polnische Schulze Tomaschewitsch den
ersten Platz ein, wegen seines unerschütterlichen Mutes und seiner
Tüchtigkeit im Kanonenschießen. Man arbeitete mit Schaufel und Karre;
Lechen, Reußen, Armenier, Juden und Zigeuner wetteiferten miteinander.
Die Offiziere der verschiedenen Regimenter hatten die Aufsicht über
die Arbeiten; die Wachtmeister und die Soldaten halfen den Einwohnern,
selbst der Adel arbeitete mit und vergaß, daß Gott seine Hände nur für
das Schwert geschaffen und jegliche andere Arbeit den Leuten »gemeinen«
Standes überlassen habe. Herr Laurentius Humiezki, der Fahnenträger von
Podolien, gab selbst das Beispiel und entlockte so den anderen Tränen,
wenn er mit eigenen Händen den Karren mit Steinen schob. In der Stadt
und im Schloß wogten die Arbeitenden. Zwischen den Gruppen gingen
Dominikaner, Jesuiten, Franziskaner und Karmeliter umher und segneten
das menschliche Bemühen. Frauen trugen den Arbeitern Speise und Trank
zu, die schönen Armenierinnen, die Frauen und Töchter der reichen
Kaufleute, und die noch schöneren Jüdinnen aus Karwasseri, Swanek,
Sinkowiez und Dünaburg zogen die Augen der Soldaten auf sich.
Am lebhaftesten aber wandte sich die Aufmerksamkeit der Menge dem
Einzuge Bärbchens zu. Es gab gewiß viele höher gestellte Frauen in
Kamieniez, aber es gab keine, deren Gatten ein größerer Kriegsruhm
umstrahlte. Man hatte in Kamieniez von der Gattin Wolodyjowskis als
von einer tapferen Frau gehört, die sich nicht gescheut hatte, in der
Würstenwarte inmitten einer verwilderten Bevölkerung zu wohnen, die mit
ihrem Gatten Kriegszüge unternahm, die von dem Tataren entführt, ihn zu
Boden geschlagen und heil aus seinen räuberischen Händen entkommen war.
Auch ihr Ruhm war groß; aber diejenigen, die sie bisher nicht gekannt
und gesehen hatten, stellten sich vor, sie müsse eine Riesin sein,
die Hufe zerbrechen und Panzer zerreißen könne. Wie groß war daher
ihr Erstaunen, als sie ihr vorgeneigtes, zierliches, halb kindliches
Gesichtchen erblickten. »Ist das die Frau Oberst selber oder nur ihre
Tochter?« ging es von Mund zu Mund fragend durch die Menge. »Sie ist
es selbst!« antworteten diejenigen, die sie kannten, und verwundert
blickten die Bürger, die Frauen, die Geistlichen, die Soldaten. Mit
nicht geringerer Verwunderung betrachtete man das unüberwindliche
Kommando von Chreptiow, die Dragoner, an deren Spitze ruhig lächelnd,
mit abwesendem Blick, Nowowiejski ritt, und die furchtbaren Gesichter
der Banditen, die in die ungarische Infanterie umgewandelt waren.
Es geleiteten Bärbchen aber auch etliche hundert vortreffliche
Krieger von Beruf, so daß bei ihrem Anblick der Mut wuchs. »Das ist
eine ungewöhnliche Macht, die können den Türken dreist in die Augen
sehen!« rief man in der Menge. Einige von den Bürgern, ja auch von den
Soldaten, besonders vom Regiment des Bischofs Trebizki, das soeben
nach Kamieniez gekommen war, dachten, Herr Michael selbst befinde sich
im Zuge, und sogleich erhoben sich Rufe:
»Es lebe Herr Michael Wolodyjowski!« »Es lebe unser Verteidiger, der
Ruhm der Ritterschaft!« »Vivat Wolodyjowski, vivat!«
Bärbchen hörte es, und ihr Herz schwoll, denn nichts schmeichelt einer
Frau mehr, als der Ruhm ihres Mannes, besonders wenn der Mund des
Volkes in einer großen Stadt von ihm widerklingt. »So viele Ritter
sind hier, -- dachte Bärbchen -- und keinem gelten die Rufe als meinem
Michael!« Am liebsten hätte sie selbst mit im Chor geschrieen: Vivat
Michael Wolodyjowski! -- aber Sagloba hielt sie zurück; sie müsse sich
würdevoll benehmen, wie es einer Person ihrer Bedeutung zieme, und nach
beiden Seiten grüßen, wie die Königinnen tun, wenn sie in die Residenz
einziehen. Er selbst grüßte auch, bald mit der Mütze, bald mit der
Hand, und wenn die guten Bekannten auch in einen Vivatruf zu seiner
Ehre ausbrachen, wandte er sich sprechend zur Menge.
»Meine Herren, wer Sbarasch überstanden hat, wird auch Kamieniez
überstehen!«
Nach Herrn Michaels Instruktion hielt der Zug vor dem neuerbauten
Kloster der Dominikanerinnen. Der kleine Ritter hatte ein eigenes
Häuschen in Kamieniez; weil aber das Kloster an einem steilen Orte
lag, wo die Kanonenkugeln nicht leicht hinschlagen konnten, zog er es
vor, hier sein liebes Bärbchen unterzubringen, um so mehr, als er, ein
Wohltäter des Klosters, gute Aufnahme erwarten durfte. Die Oberin,
Mutter Viktoria, die Tochter Stephan Potozkis, des Wojewoden von
Brazlaw, empfing denn auch Bärbchen mit offenen Armen; ebenso Tantchen
Makowiezka, die sie schon seit vielen Jahren nicht gesehen hatte.
Beide weinten, auch der Truchseß von Latytschow, dessen Liebling
Bärbchen immer gewesen war, weinte. Kaum hatten sie die Tränen der
Rührung getrocknet, da eilte Christine Ketling herbei, und es begannen
neue Begrüßungen; dann umringten Bärbchen die Schwestern und die
Adelsfräuleins, Bekannte wie Unbekannte. Die einen, wie Frau Bogusch,
fragten nach den Männern, andere, was Bärbchen von dem türkischen
Riesenheer denke, und ob Kamieniez nach ihrer Meinung sich werde
halten können. Bärbchen nahm mit großer Freude wahr, daß man sie für
eine Art Autorität in Kriegssachen hielt und aus ihrem Munde Trost
erwarte. Darum war sie auch nicht karg damit: »Es ist gar nicht daran
zu denken,« sagte sie -- »daß wir den Türken nicht standhalten sollten;
Michael kommt ja her, heute, morgen, spätestens in einigen Tagen; wenn
er die Verteidigung übernimmt, dann könnt ihr ruhig schlafen, denn auch
die Festung ist tüchtig, ich versteh' mich darauf, Gott sei Dank.«
Bärbchens Zuversicht erfüllte die Herzen der Frauen mit Trost,
besonders beruhigte sie die Zusage von Michaels Ankunft. Sein Name war
so hochgeehrt, daß sogleich, obwohl es Abend war, die Offiziere des
Ortes mit dem üblichen Ehrengruß zu Bärbchen kamen; und alle fragten
gleich nach der ersten Begrüßung, wann der kleine Ritter zurückkehre,
und ob er sich wirklich in Kamieniez einzuschließen denke. Bärbchen
empfing nur den Major Kwasibrozki, der das Fußvolk des Bischofs von
Krakau führte, den Herrn Schreiber Rschewuski, der jetzt an Stelle des
Herrn Lontschynski an der Spitze des Regiments stand, und Ketling. Vor
den anderen öffnete sich an diesem Tage die Tür nicht mehr, denn die
Herrin war müde vom Wege und mußte sich überdies Herrn Nowowiejski
widmen. Dieser unglückselige Jüngling war unmittelbar vor dem Kloster
vom Pferde gestürzt und bewußtlos in eine Zelle gebracht worden. Man
holte sofort den Medikus herbei, denselben, der Bärbchen in Chreptiow
behandelt hatte; er sagte eine schwere Krankheit des Gehirns voraus und
gab wenig Hoffnung auf Leben. Bis zum späten Abend sprachen Bärbchen,
Muschalski und Sagloba über dieses Ereignis und erwogen das Schicksal
des unglücklichen Ritters.
»Der Medikus hat mir gesagt,« sprach Sagloba, »wenn er es überlebt, so
werde nach wirksamen Aderlässen sein Verstand klar sein, und er werde
dann mit leichterem Herzen das Unglück tragen.«
»Für ihn gibt es keinen Trost mehr,« antwortete Bärbchen.
»Oft würde es für den Menschen besser sein, er besäße kein Bewußtsein,«
bemerkte Muschalski, »aber die Tiere sind auch davon nicht frei.«
Der Alte aber schalt den berühmten Bogenschützen ob dieser Bemerkung:
»Wenn Ihr kein Bewußtsein hättet, dann könntet Ihr nicht zur Beichte
gehen, dann wäret Ihr den Lutherischen gleich und des höllischen
Feuers wert. Euch hat auch schon Priester Kaminski ob Eurer Lästerung
gerügt, -- aber lehr' den Wolf das _pater_, er will doch lieber die _mater_,
besonders wenn es eine Ziegenmutter ist.«
»Ich -- ein Wolf?« entgegnete der treffliche Bogenschütze, »Asya, das war
der Wolf.«
»Habe ich das nicht gleich gesagt?« fragte Sagloba. »Wer hat zuerst
gesagt, er ist ein Wolf? Nowowiejski hat mir erzählt,« sagte Bärbchen,
»er höre Tag und Nacht, wie Evchen und Sophie ihm zurufen: »Rettung!«
Ja, wo gibt es hier Rettung! Es hat so enden müssen, denn solchen
Schmerz hätte niemand ertragen. Ihren Tod hätte er überlebt, ihre
Schmach wird er nicht überleben.«
»Nun liegt er da, wie ein Stück Holz, und weiß von Gottes Welt
nichts,« sagte Muschalski, »und das ist schade, denn er ist ein so
vortrefflicher Krieger.«
Das Gespräch wurde durch einen Burschen unterbrochen, der mit der
Nachricht kam, daß in der Stadt ein ungeheurer Lärm herrsche; die
Menschen laufen zusammen, um den General von Podolien zu sehen, der
soeben mit einem bedeutenden Gefolge und mit dem Fußvolk eingezogen ist.
»Das Kommando ist sein,« sagte Sagloba. »Es ist recht von Herrn
Nikolaus Potozki, daß er es vorzieht, hier zu sein, als wo anders, aber
ich sähe lieber, er wäre nicht hier. Ha, er war ein Gegner des Hetmans
und glaubte nicht an den Krieg, und nun, weiß Gott, ob es ihm nicht den
Kopf kosten wird.«
»Vielleicht kommen auch die anderen Herren Potozki ihm nach,« sagte
Muschalski.
»Dann sind auch die Türken nicht mehr weit,« antwortete Sagloba, -- »im
Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes! O, wäre der
General ein zweiter Jeremias, und Kamieniez ein zweites Sbarasch!«
»So muß es sein, sonst sterben wir,« sagte eine Stimme an der Schwelle.
Bärbchen sprang bei dem Klang dieser Stimme auf, rief: »Michael!« und
stürzte dem kleinen Ritter in die Arme.
Michael brachte viele wichtige Nachrichten mit, die er erst, ehe er sie
im Kriegsrat kundgab, seiner Gattin in der stillen Zelle mitteilte. Er
selbst hatte einige kleinere Tatarenscharen bis auf den letzten Mann
aufgerieben und war mit großem Ruhm bis ganz in die Nähe des Krimschen
und Doroschenkos Lager herangeschlichen. Er hatte auch eine Anzahl
Gefangener mitgebracht, von welchen man Nachricht über die Streitkräfte
des Khans und Doroschs erlangen konnte.
Die anderen Streifzügler hatten weniger Glück gehabt; der Herr von
Podlachien, der an der Spitze bedeutender Streitkräfte stand, war in
einer mörderischen Schlacht aufgerieben worden; Herrn Motowidlo, der
die Walachische Heerstraße gezogen war, hatte Krytschynski mit Hilfe
der Horde von Bialogrod und des Restes der Lipker, die sich nach der
Niederlage bei Tykitsch geflüchtet hatten, geschlagen. Michael hatte,
ehe er nach Kamieniez gekommen war, einen Umweg über Chreptiow gemacht;
noch einmal wollte er, wie er sagte, diesen Ort seiner Glückseligkeit
schauen.
»Ich war dort,« sagte er, »unmittelbar nach Eurer Abreise. Noch war
Euer Platz warm, und ich hätte Euch leicht erreichen können, aber ich
setzte in Uschyz ans Moldauische Ufer hinüber, um dort in der Steppe
Kundschaft einzuziehen. Einige Scharen waren bereits vorüber, und sie
fürchteten bei Pokuta auf »Unerwartete« zu stoßen; andere gehen in der
Vorhut des türkischen Heeres und werden bald hier sein. Es wird eine
Belagerung geben, mein süßes Täubchen, da hilft nichts, aber wir werden
standhalten, denn hier verteidigt man nicht nur sein Vaterland, sondern
auch sein eigenes Gut.« Dabei schloß er sein Weib in die Arme und küßte
sie auf die Wangen.
An diesem Tage sprachen sie nicht mehr. Am anderen Morgen wiederholte
Michael seine Neuigkeiten bei dem Bischof von Landskron vor dem
Kriegsrat, zu welchem außer dem Bischof noch der General von Podolien,
der Kämmerer von Podolien, der podolische Schreiber Rschewuski, der
Fahnenträger Humiezki, Ketling, Makowiezki, der Major Kwasibrozki und
einige Militärs gehörten. Zunächst mißfiel Herrn Michael, daß der
General von Podolien erklärte, er wolle das Kommando nicht übernehmen,
sondern vertraue es dem Rate an. »In unvorhergesehenen Fällen muß
ein Kopf und ein Wille sein,« hielt ihm der kleine Ritter entgegen;
»bei Sbarasch waren drei Regimentarier, welchen von Amts wegen die
Macht zustand; und doch legten sie dieselbe in die Hände des Fürsten
Jeremias, weil sie mit Recht sagten, in der Gefahr sei es besser, einem
zu gehorchen.«
Aber diese Worte fruchteten nichts. Vergeblich wies der gelehrte
Ketling auf die Römer als Muster hin, die als die größten Krieger
der Welt die Diktatur ersonnen haben, -- der Bischof von Landskron,
der Ketling nicht sonderlich leiden mochte, weil er sich, Gott weiß
warum, einbildete, er müsse als Schotte im Grunde seiner Seele
ein Ketzer sein, erwiderte: »Die Polen brauchen nicht von Fremden
Geschichte zu lernen; sie brauchen aber auch nicht, da sie ihren
eigenen Verstand haben, den Römern nachzuahmen, denen sie übrigens an
Mut und Beredsamkeit in nichts oder doch nur wenig nachstehen.« »Wie
ein ganzes Bündel Holz,« sagte er, »eine größere Flamme gibt, als
ein Scheit, so sind auch viele Köpfe klüger als einer«, und er lobte
die ›Bescheidenheit‹ des Generals von Podolien -- zwar meinten andere,
es sei dies nur Scheu vor der Verantwortung -- und riet seinerseits zu
Verhandlungen. Als dies Wort gefallen war, sprangen die Soldaten,
wie von der Tarantel gestochen, von ihren Sitzen auf; Wolodyjowski,
Ketling, Makowiezki, Kwasibrozki, Humiezki, Rschewuski begannen mit
den Zähnen zu knirschen und mit den Schwertern zu rasseln. »Meiner
Treu!« ließen sich Stimmen vernehmen, »nicht zum Verhandeln sind wir
hergekommen!« -- »Den Vermittler schützt sein geistliches Gewand.«
Kwasibrozki schrie sogar: »In die Kirche, nicht in den Rat!« und ein
ungeheurer Lärm entstand. Da erhob sich der Bischof und sagte mit
mächtiger Stimme: »Ich wäre der erste, der bereit ist, sein Leben
hinzugeben für die Kirche und für meine Herde, und wenn ich von
Verhandlungen spreche und Verzögerung wünsche, so geschieht es, Gott
ist mein Zeuge, nicht, um die Festung zu übergeben, sondern um dem
Hetman Zeit zur Heranziehung von Hilfstruppen zu gewähren. Sobieskis
Name ist den Heiden ein Schrecken, und wenn er auch die nötigen
Streitkräfte nicht hätte, wenn nur das Gerücht umläuft, daß er kommt,
so werden die Türken Kamieniez meiden.« Als er dies mit mächtiger
Stimme gesagt hatte, schwiegen alle, manche freuten sich sogar, da sie
hörten, daß der Bischof an Übergabe nicht gedacht hatte.
Da sprach Michael: »Ehe der Feind Kamieniez belagert, muß er erst
Swaniez niederwerfen oder in Trümmer legen, denn unmöglich kann er das
befestigte Schloß im Rücken liegen lassen. Nun denn, mit Erlaubnis des
Herrn Kämmerers von Podolien erkläre ich mich bereit, mich in Swaniez
einzuschließen und mich genau so lange Zeit dort zu halten, als der
Herr Bischof mit Hilfe von Verhandlungen zu gewinnen denkt. Ich nehme
sichere Leute mit, und, solange ich am Leben bin, so lange wird auch
Swaniez stehen.«
Da riefen alle: »Das darf nicht sein, du bist hier nötig. Ohne dich
läßt der Bürger den Mut sinken, ohne dich werden die Soldaten nicht
mit gleicher Lust kämpfen, das darf keineswegs geschehen. Wer hat hier
die größte Kriegserfahrung, wer hat Sbarasch mitgemacht? Wer soll
die Führerschaft haben, wenn es zu einem Ausfall kommt? Du wirst für
Swaniez untergehen, und wir werden ohne dich hier untergehen.«
»Das Kommando hat mir zu gebieten,« antwortete Michael.
»Nach Swaniez könnte man irgend einen jungen, kecken Ritter schicken,
der mir zur Seite stände,« versetzte der Kämmerer von Podolien.
»So mag Nowowiejski hingehen,« riefen einige Stimmen.
»Nowowiejski kann nicht fort, sein Kopf brennt,« erwiderte Herr
Michael; »er liegt zu Bett und weiß von Gott und der Welt nichts.«
»Indessen laßt uns beraten, an welchen Platz ein jeder stehe, und
welches Tor er verteidigen soll,« sagte der Bischof.
Aller Augen wandten sich auf den General von Podolien; der aber sprach:
»Ehe ich Befehle erteile, höre ich gern die Ansichten erfahrener
Krieger, und da Herr Michael Wolodyjowski an Kriegserfahrung allen hier
voransteht, so rufe ich ihn zuerst zum Worte auf.«
Wolodyjowski riet zunächst, die Schlösser, die vor der Stadt lagen,
zu besetzen, weil er glaubte, daß gerade gegen diese Schlösser sich
der Hauptangriff der Feinde richten werde. Auch andere traten seiner
Meinung bei; man verfügte über zehntausend Mann Fußvolk, die man so
verteilte, daß Myslischewski die rechte Seite des Schlosses, Humiezki,
berühmt durch seine Taten bei Chozim, die linke Seite besetzte; in der
Richtung auf Chozim, am gefährlichsten Punkte, sollte Wolodyjowski
selbst Stellung nehmen, weiter unten wurde die Abteilung der Serdjuken
aufgestellt, die Sinkowiezer Seite schützte Major Kwasibrozki, den
Süden Herr Wonsowitsch und die Schloßseite Kapitän Bukar mit den Leuten
des Herrn Krasinski. Es waren dies alles nicht etwa Freiwillige,
sondern Soldaten von Beruf, treffliche, ausdauernde Krieger, die das
Kanonenfeuer leichter ertrugen, als mancher andere den Brand der
Sonnenstrahlen. Sie hatten überdies im Dienste der Republik, deren
Heere immer gering an Zahl waren, von Jugend auf gelernt, zehnfach
überlegenen Feinden Widerstand zu leisten, und hielten dies für etwas
Selbstverständliches. Die Oberaufsicht über die Artillerie des
Schlosses hatte der schöne Ketling, der in der Kunst, die Kanonen
zu richten, alle anderen übertraf. Das Oberkommando im Schlosse
sollte in den Händen des kleinen Ritters liegen, dem der General von
Podolien sogleich volle Freiheit gab, Ausfälle zu unternehmen, so oft
die Notwendigkeit oder Gelegenheit sich darbieten würde. Die anderen
freuten sich, da sie erfuhren, wie einem jeden sein Platz angewiesen
war; sie erhoben ein lautes Geschrei, schlugen mit Getöse an die
Rapiere, um so ihre Zustimmung und Kampfeslust zu bezeigen. Als der
General von Podolien das hörte, sagte er zu sich selber:
-- Ich habe nicht geglaubt, daß wir imstande sein werden, uns zu
verteidigen; ohne Hoffnung kam ich hierher, nur meinem Gewissen
folgend, -- und doch, wer weiß, ob es uns mit solchen Kriegern nicht
gelingen wird, den Feind zurückzuschlagen. Großer Ruhm wird mir werden;
als einen zweiten Jeremias wird man mich begrüßen; wer weiß, ob mich
nicht ein glücklicher Stern hierher geführt hat. -- Und wie er bisher
an der Verteidigung gezweifelt, so begann er nun an der Einnahme von
Kamieniez zu zweifeln; sein Mut wuchs, und er begann schon eifriger
über die Besetzung der Stadt Rat zu pflegen.
Es wurde also beschlossen, daß in der Stadt selbst, am reußischen
Tore, Makowiezki stehen sollte, mit einem Häuflein adliger polnischer
Bürger, die in der Schlacht standhafter waren als andere, ferner
mit einer Anzahl Armenier und Juden. Das Tor von Luzk wurde Herrn
Grodezki überwiesen, den Befehl über die Kanonen übernahmen Schuk und
Matschynski. Die Platzwache vor dem Rathaus bekam Lukas Dsiewanowski,
und Chozimirski übernahm jenseits des reußischen Tores die Führerschaft
über das lärmende Volk der Zigeuner. Von der Brücke bis zum Schlosse
des Herrn Sinizki führte die Wache Herr Kasimir Humiezki, der Bruder
des tapferen Laurentius; weiter hinauf sollten Stanischewski am
lechischen Tore, Martin Bogusch an der Bastei von Spisch, Georg
Skarschynski und Jazkowski unmittelbar am Bialoblodsker Loch ihre
Quartiere einnehmen. Dubrowski und Pietraschewski erhielten die
Bastei von Rscheschnik, die große Stadtschanze ward Tomaschewitsch,
dem Schulzen polnischer Gerichtsbarkeit, übertragen, die kleinere
Jazkowski. Es erging noch der Befehl, eine dritte aufzuschütten, von
der aus später ein Jude, ein geübter Bogenschütze, den Türken viel zu
schaffen machte.
Nachdem dies festgestellt war, kamen alle freudig zur Abendmahlzeit
bei dem Herrn Hetman von Podolien zusammen. Dieser ehrte besonders
während der Festlichkeit Herrn Michael sowohl durch den Platz, den er
ihm anwies, als durch Wein, Gerichte und durch eine Rede, in der er
voraussagte, daß die Nachwelt dem Beinamen des kleinen Ritters nach der
Belagerung den Titel eines Hektors von Kamieniez hinzufügen werde. Herr
Michael aber erklärte, er hoffe, ehrlichen Ritterdienst zu leisten,
und wolle sich zu diesem Zwecke mit einem bestimmten Gelübde im Dome
binden; darum bat er den Bischof, es möge ihm gestattet sein, dies
morgen zu tun. Der Bischof, welcher einsah, daß dieses Gelübde dem
Gemeinwohl Nutzen bringen werde, sagte gern zu.
Am anderen Tage war großer Gottesdienst im Dome. Mit Andacht und
Begeisterung lauschten die Ritter, der Adel, die Soldaten und das Volk.
Michael und Ketling lagen knieend vor dem Altar, Christine und Bärbchen
knieten am Gitter und weinten, denn sie wußten, daß dieses Gelübde das
Leben ihres Gatten in Gefahr bringen mußte. Nach Beendigung der Messe
wandte sich der Bischof mit der Monstranz zum Volke. Da erhob sich der
kleine Ritter, kniete auf den Stufen des Altars nieder und sagte mit
gerührter, wenn auch ruhiger Stimme:
»Für die besondere Güte und die ungewöhnliche Huld, die ich von Gott
dem Herrn und seinem eingeborenen Sohne empfangen habe, fühle ich mich
zu besonderer Dankbarkeit verpflichtet und gelobe und schwöre, daß, wie
er und sein Sohn mir beigestanden, auch ich bis zum letzten Atemzuge
das heilige Kreuz verteidigen werde und, da mir das Kommando des alten
Schlosses übertragen ist, daß ich, solange ich lebe und Hände und Füße
rühren kann, keinen heidnischen Feind in das Schloß einlassen werde,
daß ich von den Mauern nicht weichen, daß ich die weiße Fahne nicht
aufstecken werde, und sollte ich unter den Trümmern des Schlosses
begraben werden. So helfe mir Gott und das heilige Kreuz -- Amen!«
Eine feierliche Stille herrschte in der Kirche; dann ertönte Ketlings
Stimme:
»Für die besondere Güte,« sagte er, »die ich in diesem Vaterland
erfahren habe, gelobe ich, bis zum letzten Blutstropfen das Schloß zu
verteidigen und mich unter seinen Trümmern begraben zu lassen, ehe
der Feind den Fuß über seine Schwelle setzt. Und so wahr, wie ich aus
reinem Herzen und aus reiner Dankbarkeit diesen Eid schwöre, so wahr
helfe mir Gott und das heilige Kreuz -- Amen!«
Hier neigte der Priester die Monstranz und reichte sie erst Michael,
dann Ketling zum Kusse dar. Bei diesem Anblick erhoben die anwesenden
Ritter Lärm in der Kirche, es ertönten die Rufe: »Wir schwören alle!«,
»Wir sterben einer nach dem anderen!«, »Die Feste wird nicht fallen!«,
»Wir schwören -- wir schwören!« »...Amen, amen, amen!« Die Säbel und
Rapiere flogen mit Geklirr aus den Scheiden, und die Kirche erglänzte
vom Widerschein der gezückten Schwerter. Der Schimmer fiel auf die
drohenden Gesichter, auf die glühenden Augen, und ein gewaltiger,
unbeschreiblicher Feuereifer erfaßte den Adel, die Krieger, das Volk.
Alle Glocken läuteten, die Töne der Orgel schwollen mächtig, und der
Geistliche intonierte: »_Sub tuum praesidium_.« Hundert Stimmen fielen
machtvoll ein, und so betete man für die Feste, welche die Schutzwarte
der Christenheit, der Schlüssel der Republik war.
Nach Beendigung des Gebets gingen Ketling und Michael Arm in Arm aus
der Kirche. Man sandte ihnen Segenswünsche nach, denn niemand zweifelte
daran, daß sie eher sterben als das Schloß ausliefern würden. Und doch,
nicht der Tod schien über ihnen zu schweben, sondern Sieg und Ruhm, und
unter der ganzen großen Menge wußten wohl nur sie allein, mit welchem
furchtbaren Eidschwur sie sich gebunden. Vielleicht ahnten auch zwei
liebende Herzen die große Gefahr, die über ihren Häuptern schwebte,
denn weder Bärbchen noch Christine konnten sich beruhigen, und als
Michael sich endlich im Kloster bei seiner Frau einfand, flüchtete sie
schluchzend und weinend wie ein kleines Kind an seinen Busen und sagte
in abgerissenen Worten:
»Michael ... Michael! ... wenn ... Gott behüte! ... ein Unglück dich
trifft ... so ... so ... weiß ich nicht ... was ... mit mir ...
geschieht!«
Ihr ganzer Körper schüttelte sich vor Schluchzen. Auch der kleine
Ritter war tief bewegt; endlich sagte er:
»Bärbchen, ... es mußte sein.«
»Ich möchte lieber sterben,« sagte Bärbchen.
»Still, Bärbchen, still!« wiederholte der kleine Ritter immer wieder,
um sein über alles geliebtes Weib zu beruhigen.
»Denkst du noch, als dich mir der liebe Gott zurückgegeben hatte, was
ich da dachte? Ich sagte: ›Was du, Herrgott, auch von mir forderst, ich
will es geben. Nach dem Kriege, wenn ich ihn überlebe, will ich eine
Kapelle erbauen, aber während des Krieges muß ich etwas Großes tun, um
dir nicht mit Undank zu lohnen.‹ Was bedeutet das Schloß! Wenig genug
für so große Wohltaten. Nun ist die Zeit gekommen; ziemt es sich, daß
der Erlöser sage: ›Versprochen und nicht gehalten?‹ Eher mögen mich
die Mauern des Schlosses begraben, ehe ich das Ehrenwort, das ich Gott
gegeben, breche. Es muß sein, Bärbchen; und damit genug. Vertrauen wir
auf Gott!«
Noch an demselben Tage machte sich Herr Wolodyjowski mit der Fahne
auf, um Herrn Wasilkowski zu Hilfe zu eilen, der gen Hryntschuk
geeilt war, weil, einer Nachricht zufolge, die Tataren dort plötzlich
hereingebrochen waren, die Einwohner in Fesseln gelegt, das Vieh
fortgetrieben und die Dörfer in Brand gesteckt hatten, um alle Spuren
ihrer Anwesenheit zu tilgen. Der Herr von Wasilkowski hatte sie
sogleich geschlagen, ihnen Beute und Gefangene abgenommen. Letztere
brachte Michael nach Swaniez und trug Herrn Makowiezki auf, sie auf die
Folter zu spannen und ihre Aussagen sorgfältig niederzuschreiben, damit
diese dem Hetman und dem König übersandt werden könnten. Die Tataren
sagten aus, daß sie auf Perkulabischen Befehl die Grenzen überschritten
und Hilfskräfte unter der Führung des walachischen Hauptmanns Stingan
gehabt hätten. Sie vermochten aber trotz aller Qualen nichts darüber
auszusagen, in welcher Entfernung sich gegenwärtig der Sultan mit
seiner ganzen Macht befinde, da sie, in losen Abteilungen marschierend,
keine Verbindung mit dem Hauptlager unterhalten hatten. Alle aber
sagten übereinstimmend aus, daß der Sultan mit Macht gegen die Republik
heranziehe, und wahrscheinlich in kürzester Zeit bei Chozim Halt machen
werde. Es lag in diesen Aussagen nichts Neues für die zukünftigen
Verteidiger von Kamieniez; da man aber in Warschau am Hofe des Königs
an den Krieg nicht glaubte, beschloß der Kämmerer von Podolien, die
Gefangenen samt ihren Neuigkeiten nach Warschau zu senden.
Die vorausgeschickten Streifzügler kehrten befriedigt von ihrer ersten
Unternehmung zurück. Inzwischen war am Abend der Sekretär seines
Bruderschafters Habareskul, des ältesten Perkulaben von Chozim, zu
Herrn Michael gekommen; er brachte keinen Brief, denn der Perkulab
fürchtete, etwas Schriftliches von sich zu geben; er hatte aber
aufgetragen, seinem Bruderschafter Michael, seinem Augapfel und
Herzensbruder, mündlich zu sagen, er möge sich wohl in acht nehmen,
und, wenn Kamieniez nicht genügend Soldaten zur Verteidigung habe,
unter irgend einem Vorwand die Stadt verlassen, denn der Kaiser werde
schon am folgenden Tage in Chozim mit der ganzen Kriegsmacht erwartet.
Herr Michael ließ Perkulab Dank sagen, belohnte den Sekretär und
schickte ihn zurück. Er selbst aber setzte sogleich den Kommandanten
von der herannahenden Gefahr in Kenntnis.
Die Nachricht machte, obgleich man sie jede Stunde erwartet hatte,
einen großen Eindruck. Der Eifer bei den städtischen Arbeiten wurde
verdoppelt; Hieronymus von Landskron aber rückte unverzüglich nach
seinem Swaniez ab, um dort ein Auge auf Chozim zu haben.
Eine Zeit ging in Erwartung hin; endlich, am frühen Morgen des zweiten
August, erschien der Sultan bei Chozim. Die Regimenter breiteten sich
aus wie ein uferloses Meer, und bei dem Anblick der letzten Stadt,
die in den Grenzen des Herrschaftsgebiets des Padischahs lag, ertönte
aus Hunderttausenden von Kehlen der Ruf: Allah, Allah! Jenseits des
Dniestr lag die wehrlose Republik, welche die ungezählten Heere wie
eine Sintflut überströmen, wie eine Flamme verzehren sollten. Die
Kriegerscharen, die in der Stadt nicht Raum finden konnten, lagerten
auf den Feldern, auf denselben Feldern, wo vor etlichen Jahren eine
gleich große Armee des Propheten von den polnischen Schwertern
zerschmettert worden war. Nun schien die Zeit der Rache gekommen, und
unter den wilden Heerscharen ahnte niemand, vom Sultan bis hinab zum
Lagerknecht, daß diese Felder zweimal unheilbringend für den Halbmond
sein sollten. Die Hoffnung, ja die Gewißheit des Sieges belebte aller
Herzen, die Janitscharen und die Spahis, die Scharen vom Balkan, von
Rodope, von Rumelien, vom Ossa und Pelion, vom Karmel und Libanon, aus
den Wüsten Arabiens, von den Ufern des Tigris, aus den Niederungen des
Nil und den glühenden Sandmeeren Afrikas -- sie alle erhoben ein wildes
Geschrei und begehrten, daß man sie sofort nach dem »ungläubigen Ufer«
hinüberführe. Da begannen die Mu'ezzins auf den Minaretten von Chozim
zum Gebet zu rufen, und still ward es ringsumher. Ein Meer von Köpfen,
in Turbanen, Kapuzen, Fez', in Burnussen, Kepis und Stahlhelmen neigte
sich zur Erde, und über die Felder ging ein dumpfes Murmeln des Gebets,
dem Gesurre eines unermeßlichen Bienenschwarmes vergleichbar -- und flog,
vom Winde getragen, hinüber über den Dniestr in die Republik hinein.
Dann ertönten die Trommeln, die Krummhörner, die Pfeifen und gaben das
Zeichen der Ruhe. Obgleich die Heere langsam und bequem marschiert
waren, wollte ihnen der Padischah doch nach dem langen Wege von
Adrianopel bis hierher die gewohnte Ruhe geben. Er selbst nahm
Waschungen vor in dem hellen Quell, der unweit der Stadt floß, und
fuhr in den Konak von Chozim. Auf den Feldern wurden die Zelte der
Regimenter aufgeschlagen, die bald wie der Schnee des Winters die
unabsehbare Fläche bedeckten.
Der Tag war schön gewesen, und der Abend war heiter. Nach den letzten
Abendgebeten begann das Lager zu ruhen; Tausende, Hunderttausende
von Feuern erglänzten, und ihr Flackern wurde vom gegenüberliegenden
Schlößchen von Swaniez mit Sorge bemerkt, denn sie nahmen einen so
ungeheuren Raum ein, daß die Soldaten, die auf Kundschaft ausgegangen
waren, sagten, als sie Rechenschaft gaben von dem, was sie gesehen,
die ganze Moldau scheine im Feuer zu liegen. Aber je höher der helle
Mond an dem gestirnten Himmel emporstieg, desto mehr erbleichten die
Lagerfeuer; endlich brannten nur noch die Feuer der Wachen, das Lager
wurde still, und durch die Ruhe der Nacht ertönte nur das Wiehern der
Pferde und das Brüllen der Büffel, die auf den Fluren von Taraban
weideten.
Am anderen Morgen. -- es dämmerte kaum -- sandte der Sultan Janitscharen,
Tataren und Lipker aus; sie sollten den Dniestr überschreiten und
Swaniez nehmen, das Städtchen und das Schloß. Der tapfere Hieronymus
von Landskron erwartete sie nicht hinter den Mauern, sondern griff
mit vierzig von seinen Tataren, achtzig Kijanern und einigen
Genossenschaftsfahnen die Janitscharen beim Übergang über den Fluß
an und brachte dies treffliche Fußvolk in solche Verwirrung, daß
es sich in wilder Unordnung zurückzog. Inzwischen aber war eine
Tatarenschar, von Lipkern unterstützt, seitwärts über den Fluß gesetzt
und in die Stadt gedrungen. Der aufsteigende Rauch und lärmende Rufe
kündigten dem tapferen Kämmerer an, daß die Stadt bereits in den
Händen der Feinde war. Er gab also Befehl, sich zurückzuziehen, um
den unglücklichen Einwohnern zu Hilfe zu kommen. Die Janitscharen
konnten ihn nicht verfolgen, da sie zu Fuß dienten, er aber sprengte
in vollem Galopp zu Hilfe. Schon war er angelangt, als plötzlich seine
Leibtataren ihre Fahnen hinwarfen und zum Feinde übergingen, ein
höchst gefahrdrohender Augenblick. Die Tatarenschar, von den Lipkern
unterstützt, fiel, in der Voraussetzung, daß der Verrat Verwirrung
erzeugt habe, mit großer Wucht über den Kämmerer her; zum Glück
leisteten die Kijaner, durch das Beispiel ihres Führers ermutigt,
tüchtigen Widerstand. Die Genossenschaftsfahne brach bald den Angriff
des Feindes, der übrigens nicht imstande war, der regulären polnischen
Reiterei Widerstand zu leisten. Der Boden vor der Brücke bedeckte sich
bald mit Leichen, besonders mit Lipkern, denn diese hielten dauernder
stand als die von der Horde. Noch viele von ihnen wurden in den Straßen
niedergemetzelt; dann suchte Herr von Landskron, als er sah, daß
Janitscharen vom Wasser herkamen, Schutz hinter den Mauern und schickte
einen Boten nach Kamieniez um Hilfe aus.
Der Padischah gedachte anfangs an diesem Tage das Schloß von Swaniez
nicht einzunehmen, denn er war mit Recht der Ansicht, daß er es
bei dem allgemeinen Übergang des Heeres über den Fluß in einem
Augenblick niederwerfen werde. Er wollte nur die Stadt einnehmen, und
da er voraussetzte, daß die Abteilungen, die er ausgeschickt hatte,
vollkommen ausreichend seien, sandte er weder Janitscharen noch Kosaken
nach. Die aber, welche schon diesseits des Flusses waren, nahmen, als
der Kämmerer sich hinter die Mauer zurückzog, von neuem die Stadt
ein. Sie steckten diese nicht in Brand, damit sie ihnen und den
anderen Abteilungen in Zukunft als Schutz diene, und begannen darin
zu wirtschaften mit Schwert und Dolch. Die Janitscharen ergriffen die
jungen Weiber zu soldatischer Wollust, die Männer und die Kinder wurden
mit Beilen niedergehauen. Die Tataren waren mit Beutemachen beschäftigt.
Da bemerkte man von der Bastei des Schlößchens, daß von Kamieniez her
Reiterei herankomme. Als der Herr von Landskron das hörte, trat er
hinaus auf die Bastei mit einigen Genossen, legte das Perspektiv durch
die Schießscharte und sah lange und aufmerksam hinaus; endlich sagte
er: das ist die leichte Reiterei aus der Besatzung von Chreptiow,
dieselbe, an deren Spitze Wasilkowski nach Hryntschuk gegangen ist;
sicher hat man ihn nun selbst hergeschickt.
Dann blickte er wieder durch das Perspektiv. »Ich sehe Freiwillige,
gewiß Laurentius Humiezki.« Und nach einer Weile: »Gott sei Dank, auch
Michael ist dabei; ich sehe Dragoner. Meine Herren, machen wir einen
Ausfall aus den Mauern, mit Gottes Hilfe werden wir den Feind nicht nur
aus der Stadt, sondern über das Wasser hinauswerfen.«
Mit diesen Worten lief er eiligst hinunter, um seine Kijaner und seine
Genossen zu ordnen. Inzwischen waren die heranziehenden Fahnen von
Tataren in der Stadt bemerkt worden; sie riefen entsetzt Allah an und
begannen sich zu scharen. Durch alle Straßen ertönten die Trommeln und
Pfeifen, die Janitscharen standen sofort in bester Ordnung da, mit
einer Schnelligkeit, in der keine Infanterie der Welt ihnen gleichkam.
Die Schar stürmte wie ein Orkan zur Stadt hinaus und fiel über die
leichte Reiterei her. Die Tataren allein, außer den Lipkern, welchen
der Herr von Landskron vielen Schaden zugefügt hatte, waren dreifach
zahlreicher als die Besatzung von Swaniez und die heranziehenden
Hilfsfahnen. Darum zögerten sie auch nicht, Herrn Wasilkowski
anzugreifen; aber dieser, ein ungezügelter Jüngling, der ebenso
kampfbegierig wie blind, sich jeglicher Gefahr entgegenwarf, befahl
den Leuten, sofort mit größter Wut anzugreifen, und flog wie eine
Windhose, die Übermacht des Feindes nicht achtend, der Schar entgegen.
Diese Kühnheit machte die Tataren, die im allgemeinen ein plötzliches
Treffen nicht gern sahen, völlig verdutzt. Sie brachten auch sogleich,
trotz des Geschreis der hinter ihnen herreitenden Massen, trotz des
entsetzlichen Lärmens der Pfeifen und Trommeln, welche zum »Kensim«,
d. h. zum Morden der Ungläubigen anfeuerten, die Pferde zum Stehen;
Mut und Kriegslust schien nachzulassen, und endlich stoben sie in
der Entfernung eines Bogenschusses von der Fahne nach beiden Seiten
auseinander, indem sie den heraneilenden Reitern eine Wolke von Pfeilen
entgegensandten.
Herr Wasilkowski, der von der Anwesenheit der Janitscharen, die
sich jenseits der Häuser in Schlachtordnung aufgestellt hatten,
nichts wußte, eilte mit gleicher Wucht hinter den Tataren her, oder
richtiger, hinter der Hälfte der Schar; er hatte sie bald eingeholt
und metzelte diejenigen nieder, die nicht schnell genug entfliehen
konnten, weil sie schlechtere Pferde hatten. Da wandte sich die andere
Hälfte der Tatarenschar zurück, um ihn zu umzingeln; aber in diesem
Augenblick kamen die Freiwilligen heran, und gleichzeitig machte der
Unterkämmerer mit den Kijanern einen Ausfall. Die Tataren, von vielen
Seiten gedrängt, stoben in einem Augenblick wie Spreu auseinander, und
es begann ein Handgemenge, die Verfolgung eines Häufleins durch das
andere, eines Mannes durch den anderen, bei dem die Horde viele Leichen
zurückließ, besonders unter dem Schwerte Wasilkowskis, der blindlings
auf ganze Scharen niederfuhr wie der Falke auf eine Schar Sperlinge.
Wolodyjowski aber, der vorsichtige, kühle Soldat, ließ die Dragoner
nicht aus der Hand. Wie der Jäger, der die Meute an festen Riemen
hält, sie nicht auf jedes beliebige Wild hetzt, sondern erst dann von
der Koppel befreit, wenn er der glühenden Augen und der weißen Hauer
des wilden Ebers ansichtig wird, so schaute auch der kleine Ritter,
die flüchtigen Horden verachtend, aus, ob hinter ihnen nicht Spahis,
Janitscharen oder ein anderes diszipliniertes Heer anrücke.
Da kam Hieronymus von Landskron mit seinen Kijanern auf ihn zu.
»Freund!« rief er, »die Janitscharen stehen am Flusse, hauen wir sie
nieder!«
Herr Michael zog das Rapier aus der Scheide und kommandierte:
»Vorwärts!«
Die Dragoner zogen die Zügel an, um die Pferde sicher in der Gewalt zu
haben, dann bog die Reihe ein und rückte in solcher Ordnung vorwärts,
wie auf dem Übungsplatz. Erst ritten sie im Trab, dann im Galopp, aber
sie spornten die Pferde noch nicht zu schnellstem Laufe. Erst als sie
an den Wirtschaften vorüber waren, die östlich vom Schlosse am Wasser
lagen, sahen sie die weißen Filzmützen der Janitscharen und erkannten,
daß sie es nicht mit Dschamaken, sondern mit regulären Truppen zu tun
hatten.
»Drauf!« schrie Michael.
Und die Pferde griffen aus; den Leib fast am Boden, warfen sie mit den
Hufen die Schollen des harten Erdreichs in die Luft.
Die Janitscharen, welche nicht wußten, wie groß die Streitmacht war,
die Swaniez zu Hilfe eilte, wandten sich wirklich dem Flusse zu. Eine
Abteilung, die über zweihundert Mann zählte, war schon am Ufer, und
ihre ersten Reihen betraten gerade die Prahme; die zweite Abteilung,
in gleicher Stärke, kam im schnellsten Lauf, aber in vortrefflicher
Ordnung heran; als sie die Reiterei erblickte, machte sie Halt und
bot im Augenblick dem Feinde die Stirn. Die Gewehre neigten sich, und
eine Salve erdröhnte wie bei der Musterung; ja mehr noch, die wütenden
Krieger, welche darauf bauten, daß die Genossen vom Ufer her sie
mit Gewehrfeuer unterstützen würden, wichen nicht nur nicht vor dem
Kugelregen zurück, sondern stürmten mit lautem Schrei nach der Richtung
des Kampfes zu, stürzten mit gewaltigem Anprall, die Säbel schwingend,
auf die Reiterei, die beim besten Willen die Pferde nicht zu halten
vermochte, und durchbrachen ihre Reihen mit Blitzesschnelle, Schreck
und Verderben unter sie tragend.
Unter der Wucht des Reiterangriffes fiel die erste Reihe wie die Ähren
unter der Sense des Schnitters. Viele sanken nur durch die Gewalt des
Angriffs zu Boden und sprangen wieder auf, um zerstreut an das Ufer
des Flusses zu rennen, von wo aus die zweite Abteilung immer wieder
Feuer gab, indem sie hoch zielte, um über die Köpfe der Kampfgenossen
hinweg die Dragoner zu treffen. Einen Augenblick herrschte unter den
Janitscharen, die an den Prahmen standen, sichtlich ein Zögern, eine
Unschlüssigkeit darüber, ob die Prahme bestiegen werden sollten oder
ob, dem Beispiel der zweiten Abteilung folgend, sofort die Reiterei
anzugreifen sei. Von diesem letzten Schritt hielt sie jedoch der
Anblick der fliehenden Haufen zurück, welche die Reiterei vorwärts
drängte, und so furchtbar niedermetzelte, daß ihre Wut nur mit ihrer
Gewandtheit verglichen werden konnte. Bisweilen wandte sich ein solcher
Haufe, wenn er zu sehr in die Enge getrieben war, in der Verzweiflung
zurück und begann zu beißen, wie ein in die Enge getriebenes Wild, wenn
es sieht, daß es kein Entrinnen mehr gibt. Aber gerade in solchen
Augenblicken konnten die am Ufer Stehenden deutlich erkennen, daß
dieser Reiterei mit blanker Waffe nicht stand zu halten war, so sehr
war sie in ihrem Gebrauch überlegen. Die Widerstandleistenden wurden
mit solcher Geschicklichkeit und Schnelligkeit niedergehauen, daß das
Auge kaum die Bewegung des Säbels wahrnahm. Wie wenn das Gesinde, in
einer reichen Wirtschaft das trockene Getreide dreschend, eifrig und
schnell den Flegel in Bewegung setzt, so daß die ganze Scheuer vom
Echo der Schläge widerhallt, und das befreite Korn nach allen Seiten
spritzt -- so tönte auch von den Schwertstreichen das ganze Ufer wider,
und die Haufen der Janitscharen stoben unter mitleidslosen Hieben nach
allen Seiten hin.
Herr Wasilkowski stürmte an der Spitze seiner leichten Reiterei einher,
unbekümmert um die eigene Sicherheit. Aber wie der gewandte Schnitter
den stärkeren, aber minder geübten Knecht übertrifft, der leicht müde
wird und von Schweiß überströmt, während jener langsam schreitend
vorwärts geht, gleichmäßig die Ähren vor sich niedermähend, so übertraf
Michael den tollkühnen Jüngling. Unmittelbar vor dem Zusammenstoß mit
den Janitscharen hatte er die Dragoner vorangeschickt; er selbst blieb
ein wenig zurück, um die ganze Schlacht zu beobachten, und so in der
Entfernung stehend, schaute er sorgenvoll hin und stürzte sich auch
unter die Menge, schlug, richtete, dann blieb er wieder ein wenig
zurück, beobachtete und schlug wieder dazwischen. Wie gewöhnlich im
Kampfe mit dem Fußvolk, geschah es auch diesmal, daß die Reiterei
im Sturmlauf die Fliehenden umging. Viele von ihnen wandten sich,
da ihnen der Weg zum Flusse abgeschnitten war, auf der Flucht der
Stadt zu, um sich unter den Sonnenblumen zu verbergen, welche vor den
Wirtschaften wuchsen. Aber Michael hatte sie bemerkt, die ersten
beiden erreicht, durch zwei leichte Streiche stürzten sie zu Boden und
hauchten ihren Geist aus. Da dies ein dritter sah, schoß er aus seiner
Janitscharenbüchse auf den kleinen Ritter, dieser aber fuhr ihm mit der
Schneide zwischen Nase und Mund, und nahm ihm so das liebe Leben. Dann
sprengte er unverzüglich den anderen nach. Nicht schneller macht der
Dorfjunge die Pilze nieder, die in Haufen wachsen, als er die Feinde,
ehe sie die Sonnenblumen erreichten. Nur die beiden letzten ergriffen
die Leute von Swaniez, und der kleine Ritter befahl ihnen, sie in
sicheren Gewahrsam zu bringen.
Er selbst war warm geworden, und als er bemerkte, daß die Janitscharen
kräftig an den Fluß gedrängt wurden, mischte er sich in das Gewirr der
Schlacht und begann in gleicher Linie mit den Dragonern zu arbeiten.
Bald schlug er vor sich hin, bald wandte er sich nach rechts oder
links, gab einen flachen Streich, ohne hinzusehen, wo er traf, und bei
jedem Schlage taumelte eine weiße Kapuze zu Boden. Die Janitscharen
begannen in ihrer Angst mit lärmendem Geschrei zu drängen; er aber
verdoppelte die Schnelligkeit der Hiebe, und obgleich er selbst ruhig
blieb, konnte doch kein Auge den Bewegungen seines Rapiers folgen und
erkennen, wann er Hieb oder Stich anwandte, denn der Degen schien nur
einen leichten Kreis um ihn herum zu beschreiben.
Herr von Landskron, der zwar lange von ihm als von einem Meister aller
Meister gehört, der ihn aber noch nicht in der Schlacht gesehen hatte,
hörte auf zu kämpfen und schaute verwundert zu; er wollte seinen Augen
nicht trauen, daß ein Mensch, sei er auch ein Meister, sei er auch
berühmt als der beste Ritter, soviel wirken und schaffen könne. Er
griff sich an die Stirn, und die Genossen um ihn her hörten, wie er
beständig wiederholte: »Es war noch zu wenig, was ich gehört, bei
Gott!« und andere schrieen: »Schaut hin, denn das seht ihr in der Welt
nicht wieder!« Michael aber hieb fort und fort.
Jetzt hatte man die Janitscharen an den Fluß gedrängt, und sie stürmten
in wilder Unordnung auf die Prahme. Da es an Prahmen nicht fehlte, und
von der Besatzung weniger zurückkehrten, als gekommen waren, so fanden
sie schnell und bequem Platz. Die schweren Ruder setzten sich bald in
Bewegung; zwischen den Janitscharen und den Dragonern lag eine große
Wasserfläche, die sich mit jedem Augenblick erweiterte. Von den Prahmen
ertönten nun die Janitscharengewehre, und die Dragoner antworteten
mit kräftigen Schüssen. Wie eine Wolke erhob sich der Rauch über dem
Wasser, dann bildete er lange, schmale Streifen. Die Prahme mit den
Janitscharen entfernte sich immer mehr. Die Dragoner, die das Feld
behauptet hatten, erhoben einen furchtbaren Schrei und riefen, die
Fäuste drohend erhoben, den Abfahrenden nach: »Schert euch, Hunde,
schert euch!« Herr von Landskron nahm, obgleich die Kugeln noch fielen,
Michael in seine Arme.
»Ich habe meinen Augen nicht getraut,« sagte er, »Wunderwerke sind das,
lieber Freund, einer goldenen Feder würdig!«
Michael antwortete: »Angeborene Gewandtheit und Übung, nichts weiter;
wieviel Kriege hat man nicht schon mitgemacht!« Damit erwiderte er die
Umarmung des Herrn von Landskron, entzog sich seiner Freundlichkeit,
blickte nach dem Ufer hin und rief:
»Seht dorthin, Ew. Liebden, so werdet Ihr eine neue Merkwürdigkeit
erblicken.«
Der Kämmerer wandte sich um und sah einen Offizier, der am Ufer den
Bogen spannte. Es war Muschalski.
Der berühmte Bogenschütze hatte bisher unter den anderen gekämpft und
im Handgemenge den Feind niedergemacht. Jetzt, als die Janitscharen
sich schon so weit entfernt hatten, daß die Kugeln sie nicht mehr
erreichten, nahm er den Bogen von seiner Seite, suchte sich ein
Plätzchen, wo das Ufer ein wenig erhöht war, versuchte mit den Fingern
die Sehne, und als sie vernehmlich erklang, legte er den geflügelten
Pfeil auf und zielte.
Gerade in diesem Augenblick sahen Michael und Herr von Landskron ihm
zu. Ein wunderbares Bild! Der Bogenschütze saß zu Pferde; er hatte
die linke Hand vor sich hingestreckt und hielt mit ihr den Bogen wie
mit Klammern fest; die rechte zog er immer stärker bis in die Gegend
der Brustwarze heran, daß ihm die Adern an der Stirn hervortraten,
und zielte ruhig. In der Ferne sah man, in eine Rauchwolke gehüllt,
zahlreiche Prahme, die den Fluß hinanglitten, der infolge der
Schneeschmelzen in den Bergen angeschwollen war, und an diesem Tage so
durchsichtig schimmerte, daß die Prahme und die Janitscharen-Besatzung
sich in ihm widerspiegelten. Die Büchsen am Ufer waren verstummt,
aller Augen waren auf Muschalski geheftet oder schauten nach der
Richtung, die der tödliche Pfeil nehmen sollte. Da plötzlich ertönte
laut die Sehne, und der geflügelte Todesbote schwirrte durch die Luft.
Kein Auge konnte seinem Fluge folgen, aber alle bemerkten deutlich,
wie der am Ruder stehende kräftige Janitschar plötzlich die Arme
auseinanderstreckte, sich auf dem Flecke umdrehte, und platschend ins
Wasser fiel. Die helle Flut spritzte unter seiner Last auf.
Muschalski aber sagte: »Für dich, Dydiuk!« Dann griff er nach einem
anderen Pfeil. »Dem Herrn Hetman zu Ehren!« wandte er sich an die
Genossen. Sie hielten den Atem inne, und wieder schwirrte es durch die
Luft, und ein zweiter Janitschar stürzte auf den Boden des Prahms.
Auf allen Prahmen begannen nun die Ruder sich lebhafter zu bewegen,
mächtig warfen sie die helle Woge zurück. Der unvergleichliche
Bogenschütze aber wandte sich jetzt lächelnd an den kleinen Ritter:
»Zu Ehren der würdigen Gattin Euer Gnaden!«
Zum dritten Male zog er die Sehne an, zum dritten Male schoß er
den bitteren Pfeil ab, und zum dritten Male senkte dieser sich tief
in einen menschlichen Körper. Ein Triumphgeschrei ertönte am Ufer,
ein Wutgeheul von den Prahmen; dann zog sich Muschalski zurück und
hinter ihm die anderen Sieger des Tages -- und eilten in die Stadt.
Zufrieden schauten sie auf die Ernte des heutigen Tages zurück. Von
der Horde waren nur wenige gefallen, denn sie hatten sich kaum einmal
gehalten, -- schnell aufgescheucht hatten sie sich schnell über den
Fluß zurückgezogen; aber die Janitscharen lagen in großer Zahl auf
dem Schlachtfelde wie schön zusammengebundene Garben. Manche zeigten
noch Leben, aber alle waren bereits durch das Gesinde des Kämmerers
ausgeplündert.
Michael betrachtete sie und sagte:
»Ein tüchtiges Fußvolk; das stürmt gegen das Feuer wie ein
Wildschwein! -- aber doch nicht halb so tüchtig wie die Schweden.«
»Und doch haben sie eine Salve abgefeuert, als ob es Nußknacken wäre,«
versetzte der Kämmerer.
»Das geschah zufällig, nicht durch ihre Disziplin, denn in der Regel
halten sie keine Übungen ab. Das war die Garde des Sultans, diese
exerziert noch ein wenig; außer ihnen gibt es aber noch irreguläre
Janitscharen, die sind weit schlimmer.«
»Wir haben ihnen ein _pro memoria_ gegeben. Gelobt sei Gott, daß wir
mit einem so schönen Siege diesen Krieg eröffnen!«
Aber der erfahrene Herr Michael war anderer Ansicht.
»Das ist ein unbedeutender Sieg, kein schöner,« antwortete er. »Gut ist
er zur Hebung des Mutes bei den weniger erfahrenen Leuten und bei den
Einwohnern, andere Folgen aber wird er nicht haben.«
»Glaubt Ihr nicht, daß dies den Mut der Heiden schwächen wird?«
»Nein,« sagte Michael.
Unter solchem Gespräche waren sie in die Stadt gelangt, wo ihnen
die beiden gefangenen Janitscharen, die Michaels Schwert unter den
Sonnenblumen zu entrinnen hofften, vorgeführt wurden. Der eine war
leicht verwundet, der zweite ganz heiter und voll hohen Mutes. Der
kleine Ritter befahl Makowiezki, ihn auszuforschen, denn obwohl er
selbst das Türkische gut verstand, sprach er es doch nicht geläufig.
Makowiezki befragte ihn also, ob der Sultan in eigener Person schon in
Chozim sei, und in welcher Zeit er nach Kamieniez zu kommen gedenke.
Der Türke machte seine Aussagen klar, aber trotzig.
»Der Padischah ist in eigener Person da,« sagte er; »im Lager hieß es,
die Paschas Halil und Murad sollen morgen mit den Mehentis ans andere
Ufer übersetzen und sogleich Gräben ziehen; morgen oder übermorgen
kommt über Euch das Verderben.«
Der Gefangene stemmte die Hände in die Seiten und brüstete sich mit der
Macht des Sultans.
»Wahnsinnige Lechen, wie konntet ihr wagen, in unmittelbarer Nähe
des Herrn seine Leute zu überfallen? Glaubt ihr, ihr werdet der
furchtbaren Strafe entgehen? Soll dieses Schlößchen euch schützen? Was
andere werdet ihr in wenigen Tagen sein, als Sklaven, -- was seid ihr
heute? -- Hunde, die dem Herrn ins Angesicht kläffen.«
Makowiezki schrieb sorgfältig alles nieder; Michael aber, den die
Kühnheit des Gefangenen reizte, schlug ihm bei den letzten Worten ins
Gesicht. Der Türke war verdutzt und bekam Respekt vor dem kleinen
Ritter; er begann auch bald sich ziemlicher auszudrücken. Als man ihn
nach der Beendigung des Verhörs aus dem Saal führte, sagte Michael:
»Man muß die Gefangenen und ihre Aussagen unverzüglich nach Warschau
senden, denn dort am Hofe des Königs glauben sie noch immer nicht an
den Krieg.«
»Was sind diese Mehentis, mit welchen Halil und Murad übersetzen
sollen?« fragte Herr von Landskron.
»Mehentis sind Ingenieure, welche die Verschanzungen und Aufschüttungen
für die Kanonen vorbereiten,« versetzte Makowiezki.
»Und was denkt Ihr, Herren, hat dieser Gefangene die Wahrheit gesagt
oder war alles erlogen?«
»Wenn's Euch beliebt,« antwortete Herr Michael, »kann man ihm die
Fußsohlen einheizen; ich habe einen Wachtmeister, der an Asya eine
Exekution vollzogen hat, und der in solchen Dingen vorzüglich ist.
Aber nach meiner Ansicht spricht der Janitschar in allem die Wahrheit.
Der Übergang über den Fluß wird sogleich beginnen, und wir könnten ihn
nicht hinhalten, wenn wir auch hundertmal zahlreicher wären. Es bleibt
uns nichts übrig, als uns aufzumachen und die Nachricht nach Kamieniez
zu bringen.«
»Es ist mir so gut bei Swaniez ergangen, daß ich gern im Schlößchen
bliebe,« sagte der Kämmerer, »wenn ich nur die Gewißheit hätte, daß Ihr
mir von Zeit zu Zeit von Kamieniez her beispringt. Geschehe dann, was
da wolle.«
»Sie haben zweihundert Kanonen,« antwortete Michael, »und wenn sie zwei
schwere Geschütze herbeibringen, hält das Schlößchen nicht einen Tag
aus. Ich wollte selbst drin bleiben, aber jetzt, wo ich es untersucht
habe, sehe ich, daß es zwecklos ist.«
Die anderen schlossen sich der Ansicht des kleinen Ritters an. Herr von
Landskron widersprach noch eine Weile; er wollte durchaus in Swaniez
bleiben; aber er war doch schließlich ein allzu erfahrener Soldat, um
Michael nicht recht zu geben. Da stürzte Herr Wasilkowski eilig ins
Schloß und unterbrach alle seine Erwägungen.
»Meine Herren,« rief er, »man sieht den Fluß nicht mehr, der ganze
Dniestr ist von Flößen bedeckt!«
»Setzen sie über?« fragten alle.
»Bei Gott, die Türken sind auf den Flößen, und die Tataren die Furten
entlang.«
Herr von Landskron zögerte nicht mehr, sondern befahl sofort die alten
Schloßhaubitzen einzuschmelzen; die übrigen Sachen ließ er, so gut es
ging, verbergen oder nach Kamieniez bringen. Michael bestieg sein Pferd
und ritt an der Spitze seiner Leute voraus, um von einer entfernten
Anhöhe den Übergang zu beobachten.
Halil und Murad setzten wirklich über den Fluß; so weit das Auge
reichte, sah man Prahme und Flöße, deren Ruder mit regelmäßigen
Schlägen das helle Wasser zurückwarfen. Die Janitscharen und Spahis
kamen gleich in großer Zahl an, denn die Kähne zum Übersetzen hatte
man seit langer Zeit in Chozim ausgerüstet. Außerdem standen am Ufer
in der Nähe ungeheure Heeresmassen. Michael vermutete, daß sie einen
Brückenbau vornähmen, aber der Sultan hatte die Hauptmacht noch nicht
in Bewegung gesetzt. Inzwischen war Herr von Landskron mit seinen
Leuten herangekommen, und nun ritten beide nach Kamieniez. In der
Stadt erwartete sie Potozki. In seinem Quartier waren die höheren
Offiziere versammelt, vor dem Hause standen Haufen von Menschen
beiderlei Geschlechts in Unruhe, Sorge und Neugier. »Der Feind setzt
über den Fluß, und Swaniez ist genommen,« sagte der kleine Ritter.
»Die Arbeiten sind fertig, wir warten,« antwortete Potozki.
Die Nachricht ging durch die Menge, und sie begann zu wogen wie eine
Wasserflut. »An die Tore, an die Tore!« schallte es durch die Stadt,
»der Feind ist in Swaniez!«
Bürger und Bürgerinnen liefen zu den Festungstürmen, weil sie glaubten,
von hier aus den Feind zu sehen, aber die Soldaten verwehrten ihnen den
Zutritt zu den für den Kriegsdienst bestimmten Orten. »Geht in eure
Häuser!« riefen sie der Menge zu; »wenn ihr unser Verteidigungswerk
stören wollt, so werden eure Frauen gar bald die Türken aus nächster
Nähe kennen lernen.«
Im übrigen herrschte keine Furcht in der Stadt, denn schon war die
Kunde von dem heutigen Siege überall verbreitet und dieser natürlich
vergrößert worden. Die Übertreibung war das Werk der Soldaten, die
Wunderdinge von dem Treffen erzählten.
»Herr Michael hat die Janitscharen aufs Haupt geschlagen, -- die Garde
des Sultans!« wiederholte aller Mund. »Die Heiden können sich nicht
messen mit Herrn Michael, den Pascha selbst hat er niedergehauen! Der
Teufel ist nicht so schwarz, wie man ihn malt; sie haben doch unserem
Heer nicht standhalten können. Recht so, euch Hundesöhnen! Ein Pereat
euch und euerm Sultan!«
Noch einmal erschienen die Bürgersfrauen bei den Schanzen auf den
Basteien und Türmchen, jetzt aber beladen mit Flaschen Weins,
Branntwein und Met. Diesmal begrüßte man sie freudig, und die Soldaten
ließen sich's wohlschmecken. Herr Potozki hatte nichts gegen ihre
Fröhlichkeit, denn er wollte die Soldaten bei guter Laune erhalten,
und da in der Stadt und auf dem Schlosse an Munition Überfluß war,
gestattete er auch, Salven abzugeben, in der Hoffnung, daß ihr Schall
den Feind nicht wenig verwirren werde, wenn er ihn überhaupt hörte.
Herr Michael, der das Herannahen des Abends im Quartier des Generals
von Podolien erwartet hatte, bestieg nun ein Pferd und schlich sich in
Begleitung eines Burschen nach dem Kloster, um so schnell als möglich
seine Gattin zu begrüßen. Aber die List half nichts; man erkannte ihn,
und sogleich umringten zahlreiche Haufen sein Pferd. Rufe und Vivats
erschallten, die Mütter hoben ihre Kinder in die Höhe. »Seht, das ist
er, seht und merkt es euch!« wiederholten viele Stimmen. Man bewunderte
ihn außerordentlich; am meisten aber setzte die Leute, die des Krieges
unkundig waren, seine winzige Gestalt in Erstaunen. Es wollte dem
Völkchen nicht in den Kopf, wie ein so kleiner Mann mit so heiterem
Gesicht der gefürchtetste Soldat der Republik sein könne, mit dem sich
niemand zu messen wagte. Er aber ritt ruhig durch die Menge und verzog
von Zeit zu Zeit lächelnd den Mund, denn es schmeichelte ihm doch.
Endlich gelangte er ans Kloster und stürzte in Bärbchens geöffnete Arme.
Sie hatte schon von seinen heutigen Taten und von all' den
Meisterhieben gehört, denn soeben war der Herr Kämmerer von Podolien
bei ihr gewesen und hatte ihr als Augenzeuge ausführlichen Bericht
erstattet. Bärbchen aber hatte gleich zu Beginn der Erzählung alle
Frauen im Kloster zusammengerufen, die Fürstin Potozki, die Frauen
Makowiezka, Humiezka, Christine Ketling, Chozimirska, Bogusch, und
je weiter der Kämmerer in seiner Erzählung fortschritt, desto mehr
brüstete sie sich vor ihnen. Michael kam gerade in dem Augenblick, da
die Frauen sich getrennt hatten.
Nachdem sie sich lange genug umfangen gehalten, setzte sich der kleine
Ritter abgemattet zur Abendmahlzeit nieder. Bärbchen rückte an seine
Seite, legte ihm das Essen auf den Teller und goß ihm Bier in den
Becher; er aß und trank eifrig, denn er hatte den ganzen Tag fast
nichts genossen. Zwischendurch erzählte er auch ein wenig, und Bärbchen
hörte mit funkelnden Augen zu, schüttelte nach ihrer Gewohnheit das
Köpfchen und fragte wißbegierig:
»Aha! Und dann, und dann?«
»Es sind tüchtige Kerle unter ihnen, aber einen Türken, der fechten
kann, trifft man kaum,« sagte der kleine Ritter.
»So könnte auch ich mich mit jedem messen?«
»Ei gewiß, aber du wirst dich nicht messen, denn ich nehme dich nicht
mit!«
»Wenigstens mit einem im Leben! Weißt du, Michael, wenn du hinausgehst
vor die Mauern, habe ich gar keine Furcht; ich weiß, daß dir niemand
etwas anhaben kann ...«
»Aber können sie mich nicht totschießen?«
»O, sprich nicht so, -- lebt denn der liebe Gott nicht? Niederstechen
wirst du dich nicht lassen, das ist die Hauptsache.«
»Wenn einer oder zweie kommen, gewiß nicht.«
»Auch dreie nicht, Michael, auch vier nicht.«
»Auch viertausend nicht,« sagte Sagloba ironisch. »Wenn du wüßtest,
Michael, was sie angegeben hat während der ganzen Erzählung des
Kämmerers. Ich habe geglaubt, ich müsse bersten vor Lachen. Wahrhaftig,
mit der Nase arbeitete sie wie eine Ziege, und den Weibern sah sie ins
Gesicht, einer nach der anderen, ob sie auch genügend entzückt seien.«
Der kleine Ritter streckte sich nach dem Essen ein wenig hin, denn er
war übermüde. Plötzlich rief er seine Gattin zu sich und sagte:
»Meine Wohnung im Schloß ist schon hergerichtet, aber ich mag nicht
gern dahin zurück ... Bärbchen, ich bleibe lieber hier ...«
»Wie es dir lieber ist, Michael,« antwortete Bärbchen und senkte die
Augen zu Boden.
»Ha!« rief Sagloba, »mich hält man hier für einen Pilz, nicht für
einen Mann, denn die Fürstin gestattet mir, im Kloster zu wohnen; aber
sie wird's bedauern, meinen Kopf darauf! Habt Ihr gesehen, wie Frau
Chozimirska mit mir liebäugelt?... eine junge Witwe ... das laß ich mir
gefallen ... na, ich will weiter nichts sagen!«
»Wahrhaftig, ich bleibe lieber,« sagte der kleine Ritter.
Bärbchen antwortete:
»Wenn du dich nur gut ausruhest.«
»Warum sollte er sich nicht gut ausruhen?« fragte Sagloba.
»Weil wir schwatzen werden, schwatzen, ohne Ende schwatzen!«
Sagloba suchte nach seiner Mütze herum, um sich auch zur Ruhe zu
begeben; als er sie endlich fand, drückte er sie auf den Kopf und sagte:
»Ihr werdet nicht schwatzen, nicht schwatzen, nicht schwatzen!« und
damit ging er.
[Illustration: Dekoration/Kapitelende]
[Illustration: Dekoration/Kapitelanfang]