Drei Wochen später, um die Mittagsstunde, hatte Nowowiejski Chreptiow
erreicht. Der Weg von Raschkow hatte darum so lange gedauert, weil er
noch häufig auf die andere Seite des Dniestr hinübersetzte, um die
Tataren und Perkulaben, die den Fluß entlang in den verschiedenen
Grenzwarten standen, zu überraschen. Diese erzählten dann den
heranrückenden Heeren des Sultans, daß sie überall polnische Trupps
gesehen, und daß sie von großen Heeren gehört, die sicherlich, ohne
den Anmarsch der Türken gegen Kamieniez abzuwarten, ihnen in den Weg
treten und sich in einer Hauptschlacht mit ihnen messen würden. Der
Sultan, dem man immer wieder die Ohnmacht der Republik geschildert
hatte, war sehr erstaunt und rückte, die Lipker, die Walachen und die
Donauhorden vor sich hersendend, langsam vorwärts, denn trotz seiner
ungeheuren Macht scheute er doch eine Schlacht mit den regulären Heeren
der Republik sehr.
In Chreptiow traf Nowowiejski Herrn Wolodyjowski nicht an, denn der
kleine Ritter war Motowidlo gefolgt und mit dem Heere von Podlachien
gegen die krimschen Horden und gegen Doroschenko ausgezogen. Dort
fügte er immer neuen Ruhm zu dem alten und vollbrachte große Taten.
Den grausamen Korpan demütigte er und ließ seinen Leichnam dem
wilden Getier zum Fraße auf dem Felde, ebenso den drohenden Drost,
den tapferen Malyschka, die beiden Brüder Siny, berühmte kosakische
Streifzügler, und viele kleinere Banden und Scharen.
Frau Wolodyjowska machte sich gerade in dem Augenblicke, als
Nowowiejski eintraf, mit dem Rest der Leute und der Wagenburg auf
den Weg nach Kamieniez, denn Chreptiow mußte aufgegeben werden. Nur
ungern verließ sie das Blockhaus, in dem sie zwar manches Schwere
durchgemacht, in dem sie aber auch die glücklichsten Tage ihres Lebens
verbracht hatte, -- an der Seite ihres Mannes mitten unter berühmten
Kriegern, die ihr herzlich ergeben waren. Nun sollte sie auf ihre
eigene Bitte nach Kamieniez reisen, einem unbekannten Schicksal und
Gefahren entgegen, wie sie die Belagerung mit sich brachte. Ihr mutiges
Herz ergab sich der Wehmut nicht; sie wachte über allen Vorbereitungen,
über den Soldaten und dem Gesinde. Sagloba, der in jeder Fährlichkeit
alle anderen an Verstand übertraf, war ihr bei alledem behilflich,
auch Muschalski, der unvergleichliche Bogenschütze, der tapfere und
erfahrene Krieger.
Sie alle waren hocherfreut über Nowowiejskis Ankunft, obwohl sie gleich
aus dem Gesichte lasen, daß er weder Evchen noch die anmutige Sophie
aus der Gefangenschaft befreit habe. Bärbchen vergoß bittere Tränen
über das Schicksal der beiden Mädchen, denn nun mußte sie diese schon
für verloren halten; verkauft an einen Unbekannten, mochten sie schon
vom Markte in Stambul nach Kleinasien fortgeschleppt sein, nach den
Inseln, die unter türkischer Herrschaft standen, oder nach Ägypten,
und dort im verschlossenen Harem leben. In diesem Falle aber konnte
man sie nicht auslösen, ja, es war unmöglich, überhaupt etwas über sie
zu erfahren, und Bärbchen weinte, es weinte der besonnene Sagloba, es
weinte Muschalski, der unvergleichliche Schütze, -- nur Nowowiejski
hatte trockene Augen, denn er hatte keine Tränen mehr.
Als er zu erzählen begann, wie er hinausgezogen sei, zur Donau hin bis
nach Tykitsch, wie er dort die Lipker in unmittelbarer Nähe der Horde
und des Sultans auseinandergesprengt, wie er den furchtbaren Asya
gefangen, da schlugen die alten Ritter an die Säbel und riefen:
»Bring' ihn her, hier in Chreptiow soll er sein Ende finden!«
Nowowiejski erwiderte: »Nicht in Chreptiow, in Raschkow hat er den Tod
gefunden, denn dort kam es ihm zu; und Qualen hat ihm der Wachtmeister
ersonnen, die wahrlich nicht leicht waren.«
Nun erzählte er, welchen Todes Asya, Tuhaj-Beys Sohn, gestorben war,
und sie hörten voll Entsetzen, aber ohne Mitleid zu.
»Daß Gott die Verbrechen verfolgt, weiß jeder,« sagte Sagloba, »aber
wunderbar ist es, daß der Teufel seine Diener so schlecht behütet.«
Bärbchen seufzte fromm auf, hob die Augen gen Himmel und sagte nach
kurzer Überlegung:
»Weil ihm die Macht fehlt, der Kraft Gottes standzuhalten.«
»O, Ihr habt das Richtige getroffen, Herrin!« rief Muschalski,
»denn wenn der Teufel, was Gott verhüte, stärker wäre als der liebe
Herrgott, so würde alle Justiz, und mit ihr die Republik, in ein Nichts
versinken.«
»Darum fürchte ich auch die Türken nicht; erstens sind sie
Teufelskinder, und zweitens Kinder Belials,« versetzte Sagloba.
Alle schwiegen. Nowowiejski saß auf einer Bank mit gefalteten Händen
und sah gläsernen Auges auf den Boden. Da wandte sich Muschalski zu ihm:
»Es hat doch wohl Erleichterung gebracht,« sagte er, »denn es gewährt
unendlichen Trost, eine derartige Rache zu vollführen.«
»Sagt, hat es Euch wirklich Trost gebracht, ist Euch jetzt besser?«
fragte Bärbchen in mitleidigem Tone.
Der Riese schwieg noch eine Weile, als ränge er mit seinen eigenen
Gedanken; endlich sagte er, gleichsam mit großer Verwunderung und so
leise, daß man ihn kaum hörte:
»Denkt Euch, bei Gott, ich habe selbst geglaubt, es werde mir besser
sein, wenn ich ihn erst vernichtet habe, und ich habe ihn selbst am
Pfahl stecken sehen, ich habe es mit angesehen, wie ihm das Auge
ausgebohrt wurde, ich habe mir selbst eingeredet, daß mir besser
sei, -- aber es ist nicht wahr, es ist nicht wahr ...«
Hier faßte Nowowiejski seinen Kopf mit beiden Händen und sprach durch
die zusammengebissenen Zähne:
»Leichter war ihm auf dem Pfahle, leichter mit dem Bohrer im Auge,
leichter mit dem Feuer an den Händen, als mir mit dem, was in mir ist,
was in mir sinnt und grübelt. Nur der Tod bringt mir Trost, nur der
Tod, der Tod!«
Als Bärbchen das hörte, erhob sie sich plötzlich, legte dem
Unglückseligen ihre Hand aufs Haupt und sagte:
»O, gäbe Gott dir doch den Tod -- bei Kamieniez, denn du hast recht, er
ist der einzige Trost.«