21. Kapitel.

Drei Wochen später, um die Mittagsstunde, hatte Nowowiejski Chreptiow

erreicht. Der Weg von Raschkow hatte darum so lange gedauert, weil er

noch häufig auf die andere Seite des Dniestr hinübersetzte, um die

Tataren und Perkulaben, die den Fluß entlang in den verschiedenen

Grenzwarten standen, zu überraschen. Diese erzählten dann den

heranrückenden Heeren des Sultans, daß sie überall polnische Trupps

gesehen, und daß sie von großen Heeren gehört, die sicherlich, ohne

den Anmarsch der Türken gegen Kamieniez abzuwarten, ihnen in den Weg

treten und sich in einer Hauptschlacht mit ihnen messen würden. Der

Sultan, dem man immer wieder die Ohnmacht der Republik geschildert

hatte, war sehr erstaunt und rückte, die Lipker, die Walachen und die

Donauhorden vor sich hersendend, langsam vorwärts, denn trotz seiner

ungeheuren Macht scheute er doch eine Schlacht mit den regulären Heeren

der Republik sehr.

In Chreptiow traf Nowowiejski Herrn Wolodyjowski nicht an, denn der

kleine Ritter war Motowidlo gefolgt und mit dem Heere von Podlachien

gegen die krimschen Horden und gegen Doroschenko ausgezogen. Dort

fügte er immer neuen Ruhm zu dem alten und vollbrachte große Taten.

Den grausamen Korpan demütigte er und ließ seinen Leichnam dem

wilden Getier zum Fraße auf dem Felde, ebenso den drohenden Drost,

den tapferen Malyschka, die beiden Brüder Siny, berühmte kosakische

Streifzügler, und viele kleinere Banden und Scharen.

Frau Wolodyjowska machte sich gerade in dem Augenblicke, als

Nowowiejski eintraf, mit dem Rest der Leute und der Wagenburg auf

den Weg nach Kamieniez, denn Chreptiow mußte aufgegeben werden. Nur

ungern verließ sie das Blockhaus, in dem sie zwar manches Schwere

durchgemacht, in dem sie aber auch die glücklichsten Tage ihres Lebens

verbracht hatte, -- an der Seite ihres Mannes mitten unter berühmten

Kriegern, die ihr herzlich ergeben waren. Nun sollte sie auf ihre

eigene Bitte nach Kamieniez reisen, einem unbekannten Schicksal und

Gefahren entgegen, wie sie die Belagerung mit sich brachte. Ihr mutiges

Herz ergab sich der Wehmut nicht; sie wachte über allen Vorbereitungen,

über den Soldaten und dem Gesinde. Sagloba, der in jeder Fährlichkeit

alle anderen an Verstand übertraf, war ihr bei alledem behilflich,

auch Muschalski, der unvergleichliche Bogenschütze, der tapfere und

erfahrene Krieger.

Sie alle waren hocherfreut über Nowowiejskis Ankunft, obwohl sie gleich

aus dem Gesichte lasen, daß er weder Evchen noch die anmutige Sophie

aus der Gefangenschaft befreit habe. Bärbchen vergoß bittere Tränen

über das Schicksal der beiden Mädchen, denn nun mußte sie diese schon

für verloren halten; verkauft an einen Unbekannten, mochten sie schon

vom Markte in Stambul nach Kleinasien fortgeschleppt sein, nach den

Inseln, die unter türkischer Herrschaft standen, oder nach Ägypten,

und dort im verschlossenen Harem leben. In diesem Falle aber konnte

man sie nicht auslösen, ja, es war unmöglich, überhaupt etwas über sie

zu erfahren, und Bärbchen weinte, es weinte der besonnene Sagloba, es

weinte Muschalski, der unvergleichliche Schütze, -- nur Nowowiejski

hatte trockene Augen, denn er hatte keine Tränen mehr.

Als er zu erzählen begann, wie er hinausgezogen sei, zur Donau hin bis

nach Tykitsch, wie er dort die Lipker in unmittelbarer Nähe der Horde

und des Sultans auseinandergesprengt, wie er den furchtbaren Asya

gefangen, da schlugen die alten Ritter an die Säbel und riefen:

»Bring' ihn her, hier in Chreptiow soll er sein Ende finden!«

Nowowiejski erwiderte: »Nicht in Chreptiow, in Raschkow hat er den Tod

gefunden, denn dort kam es ihm zu; und Qualen hat ihm der Wachtmeister

ersonnen, die wahrlich nicht leicht waren.«

Nun erzählte er, welchen Todes Asya, Tuhaj-Beys Sohn, gestorben war,

und sie hörten voll Entsetzen, aber ohne Mitleid zu.

»Daß Gott die Verbrechen verfolgt, weiß jeder,« sagte Sagloba, »aber

wunderbar ist es, daß der Teufel seine Diener so schlecht behütet.«

Bärbchen seufzte fromm auf, hob die Augen gen Himmel und sagte nach

kurzer Überlegung:

»Weil ihm die Macht fehlt, der Kraft Gottes standzuhalten.«

»O, Ihr habt das Richtige getroffen, Herrin!« rief Muschalski,

»denn wenn der Teufel, was Gott verhüte, stärker wäre als der liebe

Herrgott, so würde alle Justiz, und mit ihr die Republik, in ein Nichts

versinken.«

»Darum fürchte ich auch die Türken nicht; erstens sind sie

Teufelskinder, und zweitens Kinder Belials,« versetzte Sagloba.

Alle schwiegen. Nowowiejski saß auf einer Bank mit gefalteten Händen

und sah gläsernen Auges auf den Boden. Da wandte sich Muschalski zu ihm:

»Es hat doch wohl Erleichterung gebracht,« sagte er, »denn es gewährt

unendlichen Trost, eine derartige Rache zu vollführen.«

»Sagt, hat es Euch wirklich Trost gebracht, ist Euch jetzt besser?«

fragte Bärbchen in mitleidigem Tone.

Der Riese schwieg noch eine Weile, als ränge er mit seinen eigenen

Gedanken; endlich sagte er, gleichsam mit großer Verwunderung und so

leise, daß man ihn kaum hörte:

»Denkt Euch, bei Gott, ich habe selbst geglaubt, es werde mir besser

sein, wenn ich ihn erst vernichtet habe, und ich habe ihn selbst am

Pfahl stecken sehen, ich habe es mit angesehen, wie ihm das Auge

ausgebohrt wurde, ich habe mir selbst eingeredet, daß mir besser

sei, -- aber es ist nicht wahr, es ist nicht wahr ...«

Hier faßte Nowowiejski seinen Kopf mit beiden Händen und sprach durch

die zusammengebissenen Zähne:

»Leichter war ihm auf dem Pfahle, leichter mit dem Bohrer im Auge,

leichter mit dem Feuer an den Händen, als mir mit dem, was in mir ist,

was in mir sinnt und grübelt. Nur der Tod bringt mir Trost, nur der

Tod, der Tod!«

Als Bärbchen das hörte, erhob sie sich plötzlich, legte dem

Unglückseligen ihre Hand aufs Haupt und sagte:

»O, gäbe Gott dir doch den Tod -- bei Kamieniez, denn du hast recht, er

ist der einzige Trost.«

Der kleine Ritter (Herr Wolodyjowski): Historischer Roman · 第 38 / 43 题