Noch ehe die Türken von Adrianopel ausgerückt waren, herrschte ein
lebhaftes Treiben in allen Grenzwarten am Dniestr; besonders nach
Chreptiow, das Kamieniez am nächsten lag, kamen häufig Berittene vom
Hetman und brachten allerlei Befehle, die der kleine Ritter entweder
selbst ausführte oder, wenn sie ihn nicht betrafen, durch zuverlässige
Leute vermitteln ließ. Die Folge war, daß die Besatzung von Chreptiow
sich stark verminderte; Motowidlo zog mit den Seinen bis nach Human,
Hanenko zu Hilfe, der mit einer Handvoll Kosaken, die der Republik treu
geblieben waren, Doroschenko und der mit ihm verbündeten krimschen
Horde trotzte, so gut es ging. Muschalski, der unvergleichliche
Bogenschütze, Snitko, Nienaschyniez und Hromyka führten die
genossenschaftliche Fahne und die Linkhausenschen Dragoner nach Batoh
unseligen Angedenkens, wo Luschezki stand, der in Gemeinschaft mit
Hanenko Doroschenkos Bewegungen beobachten sollte. Bogusch erhielt
den Befehl, so lange in Mohylow auszuhalten, bis er mit bloßem
Auge die herannahenden Tatarenscharen erblicke; auch den berühmten
Ruschtschyz suchten die Befehle des Hetmans auf, ihn, der nur von
Michael Wolodyjowski im Scharmützel übertroffen wurde. Aber Ruschtschyz
war an der Spitze von hundert Mann in die Steppe gezogen und spurlos
verschwunden. Erst später hörte man von ihm; es verbreiteten sich
seltsame Gerüchte, daß um Doroschs Wagenburg und die Horde ein
böser Geist kreise, der täglich einzelne Krieger und kleinere Banden
wegraffe. Man vermutete, es sei Ruschtschyz, der den Feind überliste,
denn kein anderer, mit Ausnahme des kleinen Ritters, hätte ihn so zu
hintergehen vermocht. Wirklich war es auch so.
Herr Michael sollte, wie schon früher bestimmt war, nach Kamieniez
gehen, denn dort brauchte ihn der Hetman, der wohl wußte, er gehöre
zu denjenigen Kriegern, deren Anblick Mut in die Herzen goß und
die Begeisterung der Einwohner wie der Besatzung mit sich riß. Der
Hetman war überzeugt, daß Kamieniez sich nicht halten werde, aber
es war ihm darum zu tun, es solange wie möglich zu verteidigen, so
lange besonders, bis die Republik Kräfte zu seinem Entsatz gesammelt
hatte. In dieser Überzeugung schickte er den berühmtesten Ritter der
Republik und zugleich den beliebtesten Krieger in den sicheren Tod.
In den Tod schickte er den bewährtesten Krieger, und es tat ihm nicht
wehe. Der Hetman dachte immer so, wie er später in Wien sagte, daß die
Kriegsgöttin wohl Männer gebären, der Krieg aber sie nur töten könne.
Er selbst war bereit zu sterben und hielt die Todesbereitschaft für die
einfachste Pflicht des Kriegers. Wenn er durch den Tod einen großen
Dienst leisten kann, so ist dieser Tod eine Gunst und ein besonderer
Lohn. Der Hetman wußte auch, daß der kleine Ritter ebenso denke wie er
selber.
Zudem war es nicht an der Zeit, an die Schonung des einzelnen zu
denken, da die Gefahr Kirchen, Städte, Länder, die ganze Republik
bedrohte, und der Osten sich mit nie erlebter Machtentfaltung gegen
Europa erhob, um die ganze Christenheit zu unterwerfen, die, gedeckt
von der Brust der Republik, nicht daran dachte, ihr zu Hilfe zu eilen.
Darum wollte der Hetman, daß erst Kamieniez die Republik schütze, und
diese dann den Rest der Christenheit.
Das hätte auch geschehen können, wenn sie Kraft gehabt, wenn nicht
die Mißwirtschaft sie zerfressen hätte. Der Hetman besaß nicht einmal
genügende Streitkräfte zur Vorpostenaussendung, geschweige denn zu
einem Kriege. Hatte er eine Anzahl Soldaten an einen Ort geworfen,
so entstand alsbald an einem anderen eine Bresche, durch welche der
Strom der Übermacht sich ohne Behinderung ergießen konnte. Die Wachen,
welche der Sultan zur Nachtzeit in seinem Lager aufstellte, waren
zahlreicher als die Fahnen des Hetmans; die Flut kam von zwei Seiten;
vom Dniestr und von der Donau, und da Dorosch mit der ganzen krimschen
Horde näher war, die schon das Land sengend und mordend überflutete, so
zogen die Hauptfahnen gegen ihn; für die andere Richtung fehlte es an
Mannschaften selbst zur Auskundschaftung.
In dieser schweren Bedrängnis schrieb der Hetman an Herrn Wolodyjowski
folgende wenige Zeilen:
»Ich habe es schon hin und her erwogen, ob ich Dich nicht von Raschkow
aus dem Feind entgegenschicken soll; aber ich fürchte, wenn die Horde
in sieben Armeen sich vom Moldauischen Ufer her ergießt und das
Land überströmt, so wird es Dir nicht gelingen, Dich nach Kamieniez
durchzuschlagen, und dort bist Du durchaus nötig. Erst gestern fiel mir
Nowowiejski ein; er ist ein erfahrener Soldat und ein entschlossener
Mann, und da der Mensch in seiner Verzweiflung alles wagt, so hoffe
ich, er wird mir gute Dienste leisten. Was Du an leichter Reiterei
entbehren kannst, schicke ihm hin, er aber rücke soweit wie möglich
vor, zeige sich überall, verbreite das Gerücht von unserem großen
Heere, und wenn der Feind in Sicht ist, soll er ihm hier und da
vorüberhuschen, ohne sich fassen zu lassen. Es ist bekannt, welchen
Weg sie nehmen, wenn er aber etwas Neues bemerkt, soll er Dir sofort
Mitteilung machen, und Du schickst die Nachricht unverzüglich zu mir
und nach Kamieniez. Nowowiejski soll bald ausrücken, und auch Du halte
Dich bereit, nach Kamieniez aufzubrechen; warte aber noch, bis von
Nowowiejski die Mitteilungen von der Moldau kommen.«
Da Nowowiejski augenblicklich in Mohylow weilte, und da es hieß, er
werde ohnehin nach Chreptiow kommen, ließ ihm der kleine Ritter nur
melden, er solle seine Reise beschleunigen, da seiner in Chreptiow ein
Auftrag von seiten des Hetmans harre.
Nowowiejski kam zwei Tage darauf. Seine Freunde erkannten ihn kaum und
dachten, Bialoglowski habe ihn nicht mit Unrecht ein Gerippe genannt.
Das war nicht mehr der prächtige Junge, der übergroße und heitere,
der einst dem Feinde mit einem Lachen entgegenstürzen konnte, das dem
Wiehern des Pferdes glich, und der mit einem Schwunge um sich hieb,
als ob sich Windmühlenflügel bewegten. Er war hager, gelblich, düster
geworden, und in dieser Hagerkeit erschien er noch riesenhafter; er
blinzelte die Menschen an, als ob er seine besten Bekannten nicht
wiedererkenne; man mußte ihm auch zwei-, dreimal dasselbe wiederholen,
denn er schien nicht zu begreifen. In seinen Adern schien Gram statt
Blut zu rinnen; offenbar bemühte er sich, an gewisse Dinge nicht zu
denken, und zog vor, zu vergessen, um nicht wahnsinnig zu werden.
Zwar gab es in diesen Gegenden kaum einen Menschen, kaum eine Familie,
kaum einen Offizier im Heere, den nicht ein Unglück von heidnischer
Hand betroffen hätte, der nicht irgend einen seiner Bekannten, seiner
Freunde, den eigenen Teuren beweinte; aber über Nowowiejski war
geradezu ein Wolkenbruch von Unglück niedergegangen. An einem Tage
hatte er den Vater, die Schwester, die Braut verloren, die er mit allen
Fasern eines reichen Herzens liebte. Wäre doch die Schwester und das
süße, geliebte Mädchen lieber gestorben, wäre sie lieber vom Schwerte
oder von der Flamme vernichtet! Aber ihr Schicksal war ein solches, daß
der Gedanke an sie die furchtbarste Pein für Nowowiejski bedeutete. Er
gab sich die erdenklichste Mühe ihn abzuwehren, denn er empfand, daß
die Erinnerung an Wahnsinn grenze; -- aber er konnte nicht, wie er wollte.
So war seine Ruhe nur eine scheinbare. In seinem Herzen fand
Ergebenheit durchaus keinen Raum, und auf den ersten Blick konnte man
leicht erraten, daß unter dieser Starrheit etwas Unheildrohendes,
Entsetzliches sich verberge, und daß dieser Riese, wenn es zum Ausbruch
kam, furchtbare Taten vollbringen werde, wie das entfesselte Element.
Das stand so deutlich auf seiner Stirn geschrieben, daß selbst die
Freunde sich ihm nur mit einer gewissen Scheu näherten, und in der
Unterhaltung mit ihm jede Erwähnung dessen, was geschehen war,
vermieden.
Der Anblick Bärbchens in Chreptiow weckte in ihm den leicht
verharschten Schmerz; da er zum Willkommen ihre Hände küßte, begann er
zu stöhnen, wie ein verwundeter Auerochs; seine Augen überzogen sich
blutigrot, und die Adern an seinem Hals schwollen wie Stricke an. Und
als Bärbchen in Tränen ausbrach und mit der Innigkeit einer Mutter
mit ihren Händen seinen Kopf umfaßte, fiel er ihr zu Füßen, und man
konnte ihn lange nicht von ihr reißen. Als er aber vernahm, welchen
Auftrag der Hetman ihm gegeben, belebte er sich sichtlich, ein Strahl
furchtbarer Freude blitzte in seinen Zügen auf, und er sagte:
»Das will ich tun, das will ich und noch mehr!«
»Und wenn du den tollen Hund dort triffst, so zieh' ihm das Fell über
die Ohren,« warf Sagloba ein.
Nowowiejski sagte kein Wort, er blickte nur Sagloba an; plötzlich
leuchtete der Wahnsinn in seinen Augen auf, er erhob sich und ging auf
den alten Edelmann zu, als wolle er sich über ihn stürzen.
»Und glaubt Ihr's wohl, daß ich diesem Menschen in meinem Leben nichts
Böses zugefügt habe, daß ich ihm immer freundlich begegnet bin?«
»Ich glaube, ich glaub's,« antwortete Sagloba hastig und zog sich
klüglich hinter den kleinen Ritter zurück. »Ich selbst ginge mit dir,
aber das Podagra kneift mich in den Füßen.«
»Nowowiejski,« sagte der kleine Ritter, »wann willst du ausrücken?«
»Heute nacht.«
»Ich gebe dir hundert Dragoner; ich selbst bleibe mit dem zweiten
Hundert und dem Fußvolk hier. Komm' auf den Maidan.«
Und sie gingen hinaus, um die Befehle zu erteilen. An der Schwelle
stand, schnurstracks aufgerichtet, Sydor Luschnia. Das Gerücht von der
Expedition hatte sich schon verbreitet, darum bat der Wachtmeister in
seinem und seiner Kompagnie Namen den kleinen Hauptmann, er möge ihm
gestatten, mit Nowowiejski zu gehen.
»So, also du willst mich verlassen?« fragte Michael verwundert.
»Herr Kommandant, wir haben es diesem Schurken geschworen, vielleicht
fällt er in unsere Hände.«
»Ja, Ihr habt recht, Sagloba hat mir davon erzählt,« antwortete der
kleine Ritter. Luschnia wandte sich an Nowowiejski.
»Herr Kommandant!«
»Was willst du?«
»Wenn wir ihn bekommen, überlaßt ihn mir.«
In dem Gesicht des Masuren malte sich eine so furchtbare, tierische
Wut, daß Nowowiejski sich sogleich vor Michael verbeugte und bittend
sagte:
»Gebt mir diesen Mann.«
Michael erhob keinen Widerspruch, und an demselben Abend, gegen Anbruch
der Nacht, rückten hundert Berittene unter Nowowiejskis Führung ab.
Sie benutzten die bekannte Heerstraße über Mohylow und Jampol. In
Mohylow stießen sie auf die alte Besatzung von Raschkow, von der sich
zweihundert Mann auf Grund eines Befehls vom Hetman mit Nowowiejski
verbanden; der Rest sollte unter Führung Bialoglowskis nach Mohylow
gehen, wo Bogusch stand. Nowowiejski zog nach Raschkow hinab.
Die Umgegend von Raschkow war schon eine völlige Wüste; das Städtchen
selbst hatte sich in einen Aschenhaufen verwandelt, den die Winde in
alle vier Himmelsrichtungen trieben. Die wenigen Einwohner waren vor
dem Schrecken des Unwetters geflohen. Es war zu Anfang Mai, und die
Horde konnte jeden Tag in Sicht kommen, darum war es gefährlich am
Orte zu bleiben. In Wirklichkeit standen die Horden mit den Türken
noch in der Ebene von Kantschukar, aber davon wußte man nichts in
den Schluchten von Raschkow, und deshalb brachte ein jeder Einwohner
dieses Ortes, welcher der letzten Metzelei entgangen war, sein Haupt in
Sicherheit, wo er sie finden konnte.
Luschnia überdachte den ganzen Weg die Mittel und Kniffe, deren nach
seiner Meinung Nowowiejski sich bedienen mußte, wenn er mit Erfolg
seine Überlistung ins Werk setzen wollte. Diese seine Gedanken teilte
er gnädig den Gemeinen mit.
»Ihr Pferdeköpfe,« sagte er zu ihnen, »ihr versteht das freilich nicht,
aber ich alter Bursch verstehe mich darauf. Wir kommen nach Raschkow;
dort verbergen wir uns in den Schluchten und warten. Die Horde kommt
an die Furt; erst werden sie einige Streifzüglerscharen übersetzen,
wie das bei ihnen Brauch ist, und die ganze Schar steht und wartet,
bis jene ihnen melden, daß keine Gefahr vorhanden. Dann schleichen wir
hinter ihnen einher und jagen sie bis nach Kamieniez.«
»So werden wir den Schurken nicht bekommen können,« bemerkte einer von
den Soldaten.
»Halts Maul!« versetzte Luschnia. »Wer soll sonst in der Vorhut gehen,
wenn nicht die Lipker?«
Des Wachtmeisters Vermutung schien sich zu bewahrheiten. Nowowiejski
ließ die Soldaten, sobald Raschkow erreicht war, ausruhen. Sie waren
schon alle fest überzeugt, daß sie dann zu den Höhlen ziehen, an denen
die ganze Gegend so reich war, und daß sie dort die Ankunft der ersten
feindlichen Streifzügler erwarten würden.
Aber am zweiten Tage der Rast rief der Kommandant die Fahne schon auf
und führte sie bis hinter Raschkow.
»Bis nach Jahorlik gehen wir also,« sagte sich der Wachtmeister.
Inzwischen hatten sie sich unmittelbar hinter Raschkow dem Flusse
genähert, und wenige Minuten darauf standen sie an der sogenannten
»blutigen Furt«. Nowowiejski sprach kein Wort; er trieb sein Pferd ins
Wasser und setzte an das andere Ufer über. Die Soldaten sahen sich
verwundert an. -- »Wie, gehen wir ins Türkenlager?« -- fragte einer den
anderen; aber sie waren nicht die »Herren« vom allgemeinen Aufgebot,
die stets zu Beratungen und Protesten bereit waren, es waren schlichte
Soldaten, gewöhnt an die eiserne Zucht der Grenzwachten. So trieben
sie denn ihre Pferde ins Wasser dem Kommandanten nach, erst die erste
Reihe, dann die zweite und dritte; es gab auch nicht das geringste
Zögern. Sie wunderten sich, daß sie mit ihren dreihundert Pferden ins
türkische Reich gehen sollten, dem die ganze Welt nicht beikommen
konnte, aber sie gingen. Bald begann das aufgerührte Wasser die Seiten
der Pferde zu schlagen, und sie hörten auf, sich zu wundern und dachten
nur daran, daß die Speise- und Futterbeutel nicht naß wurden.
Erst am anderen Ufer sahen sie einander von neuem an. -- »Bei Gott,
so sind wir im Moldauischen!« -- ging es leise von Mund zu Mund. Sie
blickten hinter sich über den Dniestr, der in der untergehenden Sonne
funkelte wie ein goldiges, rotes Band. Die höhlenreichen Felsen am
Ufer badeten sich ebenfalls im hellen Schein; sie erhoben sich wie
eine Mauer, die in diesem Augenblick eine Handvoll Menschen von ihrem
Vaterland trennte. Für alle von ihnen bedeutete dies gewiß den letzten
Gruß.
Luschnias Kopf durchschwirrte der Gedanke, der Kommandant sei
vielleicht von Sinnen; aber des Kommandanten Sache war es, zu befehlen,
die seine, zu gehorchen.
Die Pferde hatten das Wasser durchschritten und begannen heftig zu
wiehern. -- »Glückauf!« riefen alsbald die Soldaten, denn man betrachtete
es als ein günstiges Vorzeichen, und ihre Herzen erfüllte Tapferkeit.
»Vorwärts!« kommandierte Nowowiejski.
Die Reihen rückten vor; sie zogen der untergehenden Sonne entgegen,
jenen Tausenden, jenem Menschengewimmel, jenen Völkerschaften, die auf
der Ebene von Kantschukar standen.
Nowowiejskis Übergang über den Dniestr und der Zug seiner dreihundert
Degen gegen die Macht des Sultans, die Hunderttausende von Kriegern
zählte, waren Taten, die ein Mensch, der des Krieges unkundig ist,
für Taten des Wahnsinns halten könnte. Und doch war es nur ein kühn
unternommener Kriegszug, der zudem Aussicht auf Erfolg hatte. Denn
es begegnete den Streifzüglern jener Zeit öfter, gegen hundertfach
zahlreichere Scharen von Tataren zu kämpfen, ihnen die Stirn zu bieten,
um dann zu fliehen, und den Verfolgern ein Blutbad zu bereiten, wie
der Wolf oft die Hunde hinter sich herlockt, um sich im gegebenen
Augenblick umzuwenden und den gefährlichsten Kläffer abzuschlachten.
Das Wild ward im Augenblick zum Jäger; es floh, es verbarg sich,
aber eben noch verfolgt, ward es selbst zum Verfolger, machte einen
unvermuteten Überfall und biß mit tödlicher Wunde. Das war die
sogenannte »Tatarenlist«; es kam darauf an, einander an Schlauheit und
Verwegenheit zu übertreffen. Den größten Ruhm in solcher Tatarenlist
hatte Herr Wolodyjowski erworben, dann Ruschtschyz, Piwo und Motowidlo;
aber auch Nowowiejski, der von Jugend auf in der Steppe lebte, gehörte
zu denen, die man unter den Berühmtesten nannte. So war es auch höchst
wahrscheinlich, daß er der Horde die Spitze bieten und sich nicht werde
umzingeln lassen.
Sein Zug hatte auch darum Aussicht auf Erfolg, weil jenseits des
Dniestr wüste Länder sich hinzogen, in denen man leicht ein Versteck
fand. Hier und da nur erhoben sich an den Flußufern menschliche
Ansiedelungen; im allgemeinen aber war das Land wenig bewohnt, in
der Nähe der Ufer felsig und hügelig, weiterhin steppenreich und von
Wäldern bedeckt, in denen sich zahlreiche Herden von Wild aufhielten,
von dem wilden Büffel bis zu Hirschen, Rehen und wilden Schweinen. Da
der Sultan vor dem großen Heereszug »seine Kräfte messen wollte«, zogen
auch die an der Dniestr-Niederung lebenden Horden von Bialogrod und die
noch weiter wohnenden der Dobrudscha auf Befehl des Padischahs weit
über den Balkan hin; ihnen folgten die Kalaraschen der Moldau, so daß
das Land noch öder ward, und daß man ganze Wochen wandern konnte, ohne
von einem Menschen erblickt zu werden.
Nowowiejski kannte indessen zu gut die Gebräuche der Tataren, um nicht
zu wissen, daß, wenn ihre Scharen einmal die Grenze der Republik
überschritten hatten, sie vorsichtig eindringen und sorgsam nach allen
Seiten Ausschau halten würden. Hier aber, in ihrem eigenen Bereiche,
pflegten sie in breiten Gliedern zu marschieren, ohne jegliche
Vorsicht. Dem Tode zu begegnen, wäre den Tataren wahrscheinlicher
gewesen, als mitten in Bessarabien, an der äußersten Grenze der
tatarischen Lande auf Heere derselben Republik zu stoßen, die Mangel an
Kriegern zur Verteidigung der eigenen Grenzen litt.
Nowowiejski hoffte daher, daß sein Streifzug zunächst den Feind in
Erstaunen setzen und daher noch größeren Nutzen bringen werde, als der
Hetman erwartete, dann, daß er für Asya und die Lipker verderblich
sein könne. Der junge Hauptmann konnte leicht erraten, daß die Lipker
und Tscheremissen, welche die Republik vortrefflich kannten, in der
Vorhut gehen würden, und auf diese sichere Vermutung baute er seine
Hoffnung. Den verhaßten Asya plötzlich zu überfallen und zu fassen,
ihm vielleicht die Schwester und Sophie zu entreißen, sie aus der
Sklaverei zu entführen, seine Rache zu nehmen und dann selbst im Kampfe
unterzugehen -- das war alles, was sein zerrissenes Herz begehrte.
Unter dem Eindruck dieser Gedanken und Hoffnungen ward Nowowiejski
allmählich von seiner Starrheit befreit, er lebte wieder auf. Der
Marsch durch die unbekannten Landstriche, die großen Mühsale, der
frische Wind, der durch die Steppen strich, der Zauber der letzteren,
und die Gefahren des kühnen Unternehmens kräftigten seine Gesundheit
und gaben ihm die alte Stärke wieder. Der Streifzügler in ihm
triumphierte über den gebrochenen Menschen. Bisher hatte nichts in ihm
Raum als Erinnerung und Pein, -- nun waren seine Gedanken den ganzen Tag
darauf gerichtet, wie der Feind zu hintergehen und zu dezimieren sei.
Als sie den Dniestr durchschritten hatten, gingen sie seitwärts in
der Richtung des Pruth hinab, den Tag häufig in Wäldern und Schilf
verborgen, die Nacht in geheimnisvollen Eilmärschen. Das Land, das
jetzt noch wenig bewohnt ist, und das zu jenen Zeiten hauptsächlich
von Nomaden bevölkert wurde, war zum größten Teil wüst. Sehr selten
stieß man auf Kukuruzfelder, an die sich Ansiedelungen anlehnten.
Auf ihren geheimen Wegen bemühten sie sich, größere Ansiedelungen zu
umgehen, doch kehrten sie auch kühn in kleinere ein, die aus einer,
zwei, drei oder selbst einigen zehn Hütten bestanden, denn sie wußten,
daß es keinem der Einwohner einfallen würde, ihnen vorauszueilen nach
Budschiak, um die Tataren zu warnen. Luschnia achtete übrigens darauf,
daß dies nicht geschehe; bald aber gab er auch diese Vorsicht auf,
denn er überzeugte sich, daß die wenigen Ansiedler, die allerdings
Untertanen des Sultans waren, selbst in Angst das Herannahen der
türkischen Heere erwarteten, daß sie ferner gar keine Ahnung hatten,
welcher Herkunft die Leute waren, die zu ihnen kamen, und die ganze
Abteilung für Karalaschen hielten, die mit anderen auf Befehl des
Sultans vorüberkamen.
Es wurden ihnen auch ohne Widerstand Kukuruzkuchen, gedörrtes
Büffelfleisch und getrocknete Kornelkirschen gereicht. Jeder Ansiedler
hatte sein Häuflein Schafe, Büffel und Pferde, die an den Flüssen
versteckt gehalten wurden. Von Zeit zu Zeit stießen sie auch auf sehr
zahlreiche Herden halbwilder Büffel, die von Hirten gehütet wurden.
Letztere zogen in der Steppe umher und blieben am Orte in Zelten nur
so lange, als Futter reichlich vorhanden war. Oft stießen sie auf
alte Tataren. Nowowiejski umzingelte diese »Büffelhüter« mit solcher
Vorsicht, als handelte es sich um Tatarenbanden. Den Umzingelten
entzog er die Nahrung, damit sie nicht nach Budschiak das Gerücht
von ihrem Anmarsch verbreiteten. Besonders gegen die Tataren war er
erbarmungslos. Erst fragte er sie nach allen Wegen aus, oder richtiger
nach den unwegsamsten Richtungen, dann ließ er sie ohne Mitleid
niedermetzeln, damit auch nicht einer entkomme; sodann nahm er aus
der Herde soviel Stück, als er brauchte, und setzte seinen Weg fort.
Je weiter sie nach dem Süden vordrangen, um so häufiger begegneten
sie zahlreichen Herden, die fast stets von Tataren gehütet waren. Im
Laufe eines zweiwöchentlichen Marsches umzingelte Nowowiejski drei
Hirtenbanden und rieb sie gänzlich auf. Die Dragoner nahmen ihnen
ihre von Ungeziefer starrenden Schafpelze ab, reinigten sie über dem
Feuer und legten sie selbst an, um so den wilden »Tschabantschuken«[P]
und Schafhirten ähnlich zu werden. In der zweiten Woche waren sie
fast alle schon tatarisch gekleidet und sahen ganz aus wie eine Bande
Tataren. Nur die gleichmäßige Waffe der regulären Reiterei war ihnen
geblieben; die Reitkoller verbargen sie unter den Gerätschaften, um sie
auf dem Rückweg wieder anzulegen. In der Nähe hätte man an den hellen,
masurischen Schnurrbärten und den blauen Augen ihre Herkunft erkennen
können, aber aus der Entfernung mußte das geübteste Auge bei ihrem
Anblick sich irren, um so mehr, als sie auch noch die Herden vor sich
hertrieben, deren sie zu ihrer Ernährung bedurften.
Als sie in die Nähe des Pruth kamen, gingen sie am linken Ufer des
Flusses stromabwärts. Da die Heerstraßen von Kutschmin völlig verwüstet
waren, konnte man leicht vorhersehen, daß die Scharen des Sultans und
ihnen voraus die Horden über Falesi, Husch, Kotimore und dann die
walachische Heerstraße ziehen würden, um entweder auf den Dniestr
zu einzubiegen oder schnurstracks durch ganz Bessarabien und in der
Gegend von Uschyz sich über die Grenzen der Republik zu ergießen.
Nowowiejski war dessen so sicher, daß er immer langsamer vorrückte, der
Zeit nicht achtend, und immer vorsichtiger, um nicht allzu plötzlich
auf die Tataren zu stoßen. Als er endlich in das Flußdelta gelangte,
das von der Sarata und dem Tektisch gebildet wird, blieb er dort lange
liegen, erstens um Pferden und Menschen Ruhe zu gönnen, und zweitens,
um an diesem gut geschützten Orte die Vorhut der Horde abzuwarten.
Der Ort war wirklich gut gewählt, denn das ganze Flußdelta und die
äußeren Ufer waren teils mit gemeiner Kornelkirsche bepflanzt, teils
von Hundsbeere bewachsen. Das Wäldchen zog sich hin, so weit das Auge
reichte, und bedeckte den Boden hier mit undurchsichtigem Dickicht,
dort mit Gestrüpp, durch welches öde Flächen grau hindurchschimmerten,
die sich zur Anlegung des Maidans eigneten. Um diese Zeit standen die
Bäume und Sträucher schon in grünem Schmuck; zu Beginn des Frühlings
aber mußte hier ein Meer von gelben und weißen Blüten sich ausbreiten.
Der Hain war vollkommen menschenleer, dafür wimmelte er von allerlei
Getier: Hirschen, Rehen, Hasen und Geflügel. Hier und da am Saume von
Quellen entdeckten die Soldaten auch Spuren von Bären; ein solcher
hatte bald nach der Ankunft der Vorposten-Abteilungen mehrere Schafe
getötet. Deshalb nahm sich Luschnia vor, Jagd auf ihn zu machen; da
aber Nowowiejski, der ganz im geheimen lagern wollte, die Anwendung der
Muskete nicht gestattete, machten sich die Soldaten gegen den Räuber
mit Knüppeln und Äxten auf.
Später fand man am Wasser auch Spuren von Herdfeuern, aber sie waren
alt, vermutlich aus dem vergangenen Jahre. Offenbar kamen die Nomaden
mit ihren Herden des öfteren hierher, vielleicht auch waren es Tataren,
die hier die Kirschbäume fällten, um Schäfte daraus zu machen. Aber
selbst die sorgfältigsten Nachforschungen vermochten nicht zur
Entdeckung eines lebenden menschlichen Wesens zu führen.
Nowowiejski beschloß, nicht weiter zu gehen und hier die Ankunft der
türkischen Heere abzuwarten.
Man legte also eine Art Maidan an, es wurden Hütten gebaut, und das
Warten begann. An den Rändern des Hains standen nun Wachen, von welchen
die einen Tag und Nacht nach Budschiak ausschauten, die anderen nach
dem Pruth in der Richtung von Falesi. Nowowiejski wußte, daß er an
gewissen Anzeichen das Herannahen der türkischen Heere erraten werde;
er schickte überdies kleine Vorposten-Abteilungen aus, an deren Spitze
er meist selbst stand. Das Wetter war der Rast in diesem trockenen
Lande sehr günstig; die Tage waren glühend, aber in dem Schatten des
Dickichts konnte man sich leicht vor der Hitze bergen; die Nächte waren
hell, still, vom Monde erleuchtet und vom Gesang der Nachtigallen
erfüllt. In solchen Nächten litt Nowowiejski am meisten, denn er konnte
nicht schlafen und dachte an das alte Glück und an die trübe Gegenwart.
Er lebte nur in dem einen Gedanken, daß, wenn erst das Herz sich an der
Rache gesättigt haben würde, er glücklicher, zufriedener sein werde.
Und immer näher kam der Zeitpunkt, da er seine Rache ausüben oder
untergehen sollte.
So ging Woche um Woche hin, während sie in der Wüste hausten und
wachten. In dieser Zeit durchforschten sie alle Wege, alle Schluchten,
alle Felder, alle Flüsse und Ströme, raubten sie wieder zahlreiche
Herden, metzelten kleinere Haufen von Nomaden nieder und lauerten
beständig in diesem Dickicht, wie das wilde Tier auf Beute. Endlich
kam der erwartete Augenblick. Eines Morgens sahen sie Scharen von
Vögeln, die hoch oben, in den Wolken, und unten über der Erde hinzogen.
Trappen, Schneehühner, blaufüßige Wachteln schlichen durch das Gras in
das Dickicht; hoch oben flogen Krähen, Raben, selbst Sumpfvögel, die
offenbar an den Ufern der Donau oder aus den Sümpfen der Dobrudscha
aufgescheucht waren. Bei diesem Anblick sahen die Dragoner sich an,
und -- »Sie kommen, sie kommen!« ging es von Mund zu Mund. Die Gesichter
belebten sich, die Augen erglänzten, aber in dieser Erregung lag
keine Unruhe, denn es waren alles Leute, denen ein Menschenleben in
»Tatarengängen« verflossen war; sie hatten ungefähr die Empfindung
der Jagdhunde, wenn sie das Wild wittern. Die Wachtfeuer wurden in
derselben Minute ausgelöscht, damit der Rauch die Anwesenheit der
Menschen nicht verrate, die Pferde gesattelt, und die ganze Abteilung
stand marschbereit.
Nun galt es, die rechte Zeit zu finden, um in dem Augenblick über den
Feind herzufallen, da er Halt machen würde. Nowowiejski begriff wohl,
daß die Heere des Sultans gewiß nicht in kompakter Masse marschierten,
besonders, da sie sich im eigenen Lande befanden, wo die Gefahr einer
Überrumpelung unwahrscheinlich war. Er wußte auch, daß die Vorhut
immer eine oder gar zwei Meilen der Hauptmacht voraus war, und er
erwartete mit Recht, daß an der Spitze die Lipker marschierten.
Eine Zeitlang schwankte er, ob er ihnen auf dem geheimen, ihm
wohlbekannten Wege entgegengehen, oder ob er ihre Ankunft im Kirschwald
erwarten solle. Er entschloß sich zu dem letzteren, da man aus dem
Walde leichter in jedem Augenblick einen unerwarteten Überfall wagen
konnte. Es verging noch ein Tag, dann eine Nacht, während welcher nicht
nur Vögel, sondern auch Landtiere scharenweise ins Dickicht flohen. Am
folgenden Morgen kam der Feind schon in Sicht.
Vom südlichen Rande des Kirschwäldchens zogen sich breite, hüglige Auen
hin, die am fernen Horizont verschwanden; auf diesem Felde zeigte sich
der Feind und näherte sich dem Tekitsch mit ziemlicher Schnelligkeit.
Die Dragoner sahen aus dem Dickicht auf die dunkle Masse hin, die bald
den Augen entschwand, bald wieder in ihrer ganzen Ausdehnung auftauchte.
Luschnia, der ein vorzügliches Auge hatte, beobachtete lange
Zeit angestrengt die heranziehenden Massen; dann näherte er sich
Nowowiejski. »Herr Kommandant,« sagte er, »Menschen sind dort nicht
viele, nur Herden werden auf die Weide geführt.«
Nowowiejski überzeugte sich bald, daß Luschnia recht hatte, und sein
Gesicht leuchtete freudig auf.
»Das heißt, sie machen eine oder zwei Meilen von hier Rast,« sagte er.
»So ist's,« versetzte Luschnia, »sie marschieren offenbar in der Nacht,
um die Hitze zu vermeiden, und ruhen am Tage. Ihre Pferde schicken sie
bis zum Abend auf die Weide.«
»Siehst du viel Bewachung bei den Pferden?«
Luschnia ging wieder an den Waldsaum und kam erst nach einiger Zeit
zurück.
»Anderthalbtausend Pferde können es sein und fünfundzwanzig Menschen
sind bei ihnen. Sie fühlen sich im eigenen Lande und fürchten nichts,
darum stellen sie keine Wachen aus.«
»Kannst du die Menschen unterscheiden?«
»Sie sind noch fern, aber es sind Lipker. Sie sind unser.«
»So ist's,« sagte Nowowiejski.
Er war überzeugt, daß ihm keiner dieser Leute entgehen werde. Für einen
Scharmützler, wie er war, und für solche Soldaten, wie er sie führte,
war die Aufgabe nur allzu leicht.
Inzwischen hatten die Pferdehüter ihre Herden immer näher an das
Kirschwäldchen herangetrieben. Luschnia ging noch einmal an den
Waldsaum; als er zurückkam, leuchtete sein Gesicht vor Freude und
Grausamkeit.
»Herr, Lipker sind's, ganz gewiß,« sagte er leise.
Nowowiejski schrie nach Art des Habichts auf, und sofort zog sich die
Abteilung Dragoner in das tiefe Dickicht zurück. Dort teilte er seine
Mannschaften in zwei Abteilungen; die eine stürzte in den Engpaß, um
von dort hinterrücks die Herden und die Lipker zu überfallen, die
zweite bildete einen Halbkreis und wartete. Alles das geschah in
solcher Stille, daß auch das geübteste Ohr keinen Laut vernommen hätte.
Kein Schwert, kein Sporn klirrte, kein Pferd wieherte; die dichten
Gräser, die auf dem Boden des Wäldchens wuchsen, dämpften das Getrappel
der Hufe. Auch die Pferde schienen zu begreifen, daß der Erfolg des
Überfalles von der Stille abhänge, denn sie verrichteten nicht zum
ersten Male solchen Dienst. Aus den Engpässen und Dickichten erhoben
sich nur die Stimmen der Habichte, immer seltener, immer vereinzelter.
Die Lipkische Herde machte vor dem Wäldchen Halt und verteilte sich in
größeren und kleineren Haufen über das Feld. Jetzt stand Nowowiejski
selber am Waldsaum und folgte allen Bewegungen der Hirten. Der Tag war
schön, es war um die Zeit vor dem Mittag; die Sonne stand hoch und
strahlte glühend auf den Boden herab. Die Pferde näherten sich dem
Dickicht, und die Hirten kamen an den Wald heran; sie saßen ab und
ließen ihre Pferde an der Schlinge grasen; sie selbst gingen Schatten
und Kühlung suchend in den Wald hinein und nahmen unter einem größeren
Strauche Platz.
Ein Wachtfeuer wurde angezündet, und als die trockenen Reiser Kohlen
und Asche ablagerten, legten die Hirten ein halbes Füllen auf die
Kohlen; sie selbst setzten sich ein wenig abseits von der Glut. Die
einen streckten sich auf den Rasen, andere schwatzten, die Füße in
türkischer Art untereinanderschlagend. Ein Pferdehüter blies auf einer
Flöte. Im Dickicht herrschte vollkommene Stille, von Zeit zu Zeit
schrie ein Habicht auf.
Der Duft des röstenden Fleisches kündigte endlich an, daß der Braten
fertig sei, und so zogen zwei Mann ihn aus der Asche und schleppten
ihn an das schattige Gebüsch. Dort setzten sie sich im Kreise herum,
zerfetzten ihn mit ihren Messern und verschlangen mit tierischer
Gefräßigkeit die halbrohen Streifen, deren Blut an ihren Fingern
haften blieb und an ihren Bärten herabsickerte. Nachdem sie dann
saure Stutenmilch aus Lederbechern getrunken hatten, fühlten sie sich
gesättigt; sie plauderten noch eine kurze Weile, dann wurden ihnen Kopf
und Glieder schwer. Der Mittag kam und mit ihm eine furchtbare Glut.
Der Boden des Waldes schillerte bunt in lichten, zitternden Fleckchen,
welche die Sonnenstrahlen bildeten, die durch das dichte Laub fielen.
Die Natur war verstummt, selbst die Habichte hatten aufgehört zu
schreien.
Einige von den Lipkern erhoben sich und schlichen träge dem Waldsaum
zu, um nach den Pferden zu schauen; die anderen lagen hingestreckt wie
Leichen, und bald hatte sie die Müdigkeit übermannt. Aber der Schlaf
nach dem Fraß mußte schwer und erregend sein, denn bald hörte man es
tief aufseufzen, bald sah man einen und den anderen die Augen öffnen
und wiederholen: Allah Bismillah!
Plötzlich ließ sich vom Waldsaum her ein leises, aber entsetzliches
Echo vernehmen, wie das kurze Röcheln eines erwürgten Menschen, der
nicht mehr Zeit gehabt hatte aufzuschreien. Waren die Ohren der
Pferdehüter so wachsam oder warnte sie eine Art tierischer Instinkt vor
der Gefahr, oder schwebte endlich der Tod über ihnen in eisigem Wehen,
-- sie sprangen alle in einem Augenblick aus dem Schlummer auf.
»Was ist das, -- wo sind die von den Pferden?« fragte einer den anderen.
Da sagte eine Stimme, die von den Kirschbäumen herkam:
»Die kehren nicht mehr wieder.«
In demselben Augenblick stürzten hundertfünfzig Mann über die
Pferdehirten, die vor Entsetzen so starr waren, daß sie keinen Laut
von sich geben konnten. Kaum, daß der eine oder der andere nach dem
Handschar griff; der Kreis der Angreifer umzingelte sie, das Gebüsch
erbebte von dem Andrang der menschlichen Körper, die in ungeordneten
Haufen sich hin und her wälzten; man hörte ein scharfes Pfeifen,
ein Schnarchen, ein Stöhnen oder Röcheln, aber es dauerte nur einen
Augenblick, dann ward alles wieder stumm.
»Wieviel sind am Leben?« fragte eine Stimme aus der Mitte der Angreifer.
»Fünf, Herr Kommandant.«
»Die Körper untersuchen, damit sich keiner noch lebend verberge,
und jedem zur Vorsicht mit dem Messer über die Gurgel fahren. Die
Gefangenen zum Wachtfeuer!«
Der Befehl wurde sofort ausgeführt, die Leichen wurden am Boden mit
ihren eigenen Dolchmessern festgenagelt. Den Gefangenen band man
Stöcke an die Füße und legte sie um das Wachtfeuer herum; Luschnia
schürte dasselbe, so daß die unter der Asche verborgenen Kohlen an die
Oberfläche kamen. Die Gefangenen sahen auf diese Vorbereitungen und
auf Luschnia mit stieren Blicken. Es waren unter ihnen drei Lipker
aus Chreptiow, und diese kannten den Wachtmeister sehr gut. Auch er
erkannte sie und sagte: Nun, Kameraden, nun sollt ihr pfeifen lernen;
auf gebratenen Sohlen werdet ihr in das Jenseits einziehen. Aus alter
Freundschaft will ich die Kohlen nicht sparen. Bei diesen Worten warf
er trockene Reiser in das Feuer, das bald lichterloh brannte.
Aber Nowowiejski kam heran und begann sie auszuforschen. Die Aussage
der Gefangenen bestätigte, was der junge Hauptmann zum Teil erraten
hatte. Die Lipker und Tscheremissen waren in der Vorhut der Horde und
aller Heere des Sultans. Ihr Führer war Asya, Tuhaj-Beys Sohn, dessen
Kommando sie alle unterstanden. Sie marschierten wegen der großen
Hitze, wie das ganze Heer, in der Nacht; am Tage führten sie ihre
Herden auf die Weide. Sie übten keine Vorsicht, weil niemand vermutete,
daß irgend ein Heer sie überfallen könne und in der Nähe des Dniestr,
geschweige denn am Pruth in unmittelbarer Nähe, sich verborgen halte.
Sie marschierten sorglos mit Herden und Kamelen, welche die Zelte der
Oberen trugen. Das Zelt des Mirzen Asya sei leicht zu erkennen, an
seiner Spitze sei ein Roßschweif befestigt, und die Häscher pflanzten
während der Rastzeit Fahnen auf. Das Lipkische Regiment sei eine kleine
Meile zurück, es zähle zwanzig Köpfe, aber ein Teil der Leute sei bei
der Horde von Bialogrod zurückgeblieben, die wiederum auf eine Meile
Entfernung von der Lipkischen Schar heranziehe.
Nowowiejski fragte sie noch nach dem Wege aus, welcher am leichtesten
zu dem Regiment führe, ferner wie die Zelte aufgestellt seien, und
endlich begann er nach dem zu forschen, was ihm am meisten nahe ging.
»Sind Frauen im Zelte?« fragte er.
Die Lipker zitterten für ihr Leben. Diejenigen von ihnen, die einst in
Chreptiow gedient hatten, wußten sehr wohl, daß Nowowiejski der Bruder
der einen dieser Frauen und der Verlobte der anderen sei. Sie begriffen
also auch, welche Wut ihn erfassen mußte, wenn er die ganze Wahrheit
erführe. Diese Wut konnte sich zunächst gegen sie richten: sie zögerten
also erst, aber Luschnia sagte:
»Herr Kommandant, heizen wir diesen Hunden die Sohlen, so werden sie
schon sprechen.«
»Rücke ihnen die Füße ins Feuer,« sagte Nowowiejski.
»Erbarmen!« rief Eliasewitsch, ein alter Lipker aus Chreptiow. »Ich
will Euch alles sagen, was meine Augen gesehen haben.«
Luschnia sah den Kommandanten fragend an, ob er trotz dieses
Versprechens seine Drohung ausführen solle; aber dieser winkte mit der
Hand und sagte zu Eliasewitsch:
»Sprich, was hast du gesehen?«
»Wir sind unschuldig, Herr,« antwortete Eliasewitsch, »wir gingen
auf Kommando. Unser Mirza hat Ew. Liebden Schwester Herrn Adurowitsch
geschenkt, der sie bei sich im Zelte hatte; ich habe sie auf dem
Kantschukarischen Felde gesehen, wie sie mit dem Eimer nach Wasser
ging, und ich half ihr tragen, denn sie war schwanger ...«
»Wehe!« flüsterte Nowowiejski.
»Das andere Fräulein hat unser Mirza selbst im Zelte gehabt; wir haben
sie nicht so oft gesehen, wir haben sie aber manchmal schreien hören,
denn der Mirza schlug sie, wenn er sie auch zur Wollust bei sich hatte,
täglich mit dem Ochsenziemer und stieß sie mit den Füßen ...«
Nowowiejskis Lippe bebte, Eliasewitsch hörte kaum seine Frage:
»Wo sind sie jetzt,«
»Nach Stambul verkauft.«
»An wen?«
»Das weiß der Mirza selbst gewiß nicht. Es kam der Befehl vom
Padischah, daß im Lager keine Frauen gehalten werden sollten; da
verkauften sie alle in die Bazare, und der Mirza verkaufte auch.«
Die Nachforschungen waren beendet, und um das Feuer herum herrschte
Stille. Von Zeit zu Zeit nur erhob sich ein warmer Südwind und spielte
mit den Kirschzweigen, die immer lauter rauschten. Die Luft wurde
drückend, am Horizont zeigten sich Wolken, die in der Mitte dunkel
waren und an den Rändern kupferfarben glänzten. Nowowiejski entfernte
sich vom Feuer und ging wie ein Irrsinniger, ohne zu wissen wohin.
Endlich warf er sich mit dem Gesicht auf die Erde und begann den Boden
mit den Nägeln zu kratzen, dann biß er sich in die Hände und röchelte,
als liege er im Todeskampf. Ein Krampf schüttelte seinen Riesenkörper,
und so lag er stundenlang. Die Dragoner sahen ihm aus der Ferne zu,
aber selbst Luschnia wagte nicht, sich zu nähern.
Der furchtbare Wachtmeister aber sagte sich, der Kommandant werde nicht
zürnen, wenn er die Lipker nicht verschone; er steckte ihnen bloß aus
angeborener Grausamkeit Rasen in den Mund, um ihr Schreien zu verhüten,
und schlachtete sie ab wie Rinder. Nur den einen, Eliasewitsch,
verschonte er, weil er glaubte, er werde ihnen als Führer notwendig
sein. Als er mit der blutigen Arbeit fertig war, zog er die noch
zitternden Körper vom Feuer fort und legte sie der Reihe nach hin; dann
ging er, um nach dem Kommandanten zu sehen.
»Und wenn er wahnsinnig geworden wäre,« brummte er vor sich hin, »wir
müssen doch den da bekommen.«
Die Mittagsstunde ging vorüber, der Nachmittag ebenfalls -- der Tag
neigte sich dem Ende zu. Jene anfänglich kleinen Wolken nahmen das
ganze Firmament ein, sie wurden immer dichter und dunkler, ohne den
kupferfarbenen Glanz an den Säumen zu verlieren. Sie bewegten sich
schwerfällig wie Mühlsteine um ihre eigene Achse; bald gingen sie
ineinander über, bald stießen sie eine die andere und kamen in dichten
Haufen immer tiefer zur Erde herab. Der Wind fuhr von Zeit zu Zeit mit
einem mächtigen Stoße vorüber, wie der Flügelschlag eines Raubvogels,
und beugte die Kirschbäume und Hundsbeerensträucher zu Boden, wirbelte
eine Staubwolke von Blättern auf und warf sie rasend umher; bald hielt
er wieder ein, als sei er in die Erde versunken. In diesem Augenblicke
der Stille hörte man in den geballten Wolken ein unheilverkündendes
Zischen, Pfeifen und Rauschen. Es war, als sammelten sich die
Heerscharen des Donners, als stellten sie sich in einer Schlachtreihe
auf, als wollten sie mit dumpfem Knurren ihre eigene Wut und Raserei
anstacheln, ehe sie ausbrachen und gegen den verzagten Erdball ihre
Keile schleuderten.
»Ein Sturm naht,« flüsterten sich die Dragoner einander zu.
Der Sturm kam, es wurde immer dunkler. Da erhob sich im Osten, von der
Dniestrseite her, ein Donner und fuhr mit furchtbarem Getöse über den
Himmel weithin gegen den Pruth; dort verstummte er eine Weile, aber
bald erhob er sich wieder, dröhnte über die Steppen des Budschiak und
verbreitete sich endlich über den ganzen Horizont. Die ersten großen
Regentropfen fielen auf den versengten Rasen.
In diesem Augenblick erschien Nowowiejski vor den Dragonern.
»Aufs Pferd!« schrie er mit Donnerstimme.
Kurz darauf rückte er an der Spitze von hundertfünfzig Reitern ab;
am Ende des Wäldchens verband er sich mit der anderen Hälfte seiner
Leute, welche bei der Herde darauf geachtet hatten, daß keiner der
Pferdehirten sich zum Lager stehle. Die Dragoner umritten in einem
Augenblick die Herde, indem sie den wilden, den tatarischen Hirten
eigenen Schrei ausstießen, und stürmten vorwärts, die aufgeschreckten
Pferde vor sich herjagend.
Der Wachtmeister führte Eliasewitsch an der Schlinge und schrie ihm ins
Ohr, so laut, daß er das Getöse des Donners übertönte:
»Führe uns, Hundeblut, den ganzen Weg, sonst stoße ich dir das Messer
in die Kehle.«
Inzwischen hatten sich die Wolken so tief gesenkt, daß sie fast die
Erde berührten. Plötzlich brach es hervor wie Glut aus dem Ofen,
und ein entsetzlicher Orkan erhob sich. Blendende Helligkeit zerriß
das Dunkel, der Donner krachte, in der Luft verbreitete sich ein
Schwefelgeruch. Wieder herrschte Dunkelheit. Entsetzen erfaßte
die Pferde; von hinten her durch die wilden Ausrufe der Dragoner
aufgescheucht, trieben sie mit offenen Nüstern und fliegender Mähne
dahin, ohne die Erde im Laufe zu berühren; der Donner ruhte nicht einen
Augenblick, der Wind heulte, und die Reiter jagten rasend dahin in
diesem Sturm, in dieser Finsternis, in diesem drohenden Gepolter, von
dem die Erde zu bersten schien, getrieben von der Rache, und glichen
in dieser öden Steppe dem entsetzlichen Reigen der Vampire oder bösen
Geistern.
Der Raum schwand vor ihnen hin, sie brauchten keinen Führer, denn die
Herde lief schnurstracks in das Lager der Lipker, das immer näher und
näher kam. Noch ehe sie es erreichten, war der Sturm so entfesselt, als
wäre Himmel und Erde in Raserei. Der ganze Horizont stand in Feuer.
Bei dem Glanze dieser Helligkeit erblickten sie schon aus der Ferne
die Zelte in der Steppe. Die Welt bebte vom Donnergepolter. Es schien,
als müßten die Wolkenballen jeden Augenblick bersten und über der Erde
zusammenstürzen; alle Schleusen des Himmels öffneten sich, und der
Regen ergoß sich in Strömen über die Steppe. Eine Meereswoge hüllte die
Welt ein, so daß man auf wenig Schritte Entfernung nichts sehen konnte;
von der glühenden, versengten Erde erhob sich dichter Dunst.
Einen Augenblick noch, und die Herde und die Dragoner sind im Lager.
Aber unmittelbar vor dem Zelte stoben die Pferde in wilder Scheu nach
beiden Seiten auseinander. Dreihundert Menschen entrang sich ein
furchtbarer Schrei, dreihundert Schwerter erglänzten im Feuerschein der
Blitze, und die Dragoner stürzten in die Zelte.
Die Lipker hatten vor dem Ausbruch des Regens beim Schein der Blitze
die heranreitende Herde wahrgenommen, aber niemand hatte vermutet,
welch furchtbare Hirten sie vor sich hertrieben. Verwunderung und
Unruhe ergriff sie darüber, daß die Pferde in gerade Linie auf die
Zelte zueilten; sie begannen zu schreien, um die Pferde zu erschrecken.
Asya selbst schob den Linnen-Vorhang zur Seite und trat trotz des
Regens drohenden Antlitzes hinaus. Aber gerade in diesem Augenblick war
die Herde auseinandergestoben, und unter den Strömen des Regens und
den Ausdünstungen des Bodens tauchten dunkle, entsetzliche Gestalten
in weit größerer Anzahl als die Pferdehirten auf, und ein dröhnender
Schrei erklang:
»Schlagt, mordet!«
Es war keine Zeit zu verlieren, ja, es war weder Zeit dazu,
nachzudenken, was geschehen war, noch zum Erschrecken. Ein Orkan von
Menschen, schrecklicher und wütender als der Sturm, fuhr über das
Lager her; ehe Tuhaj-Beys Sohn vermochte, mit einem Schritt in das
Zelt zurückzutreten -- man hätte glauben können, eine übermenschliche
Kraft habe ihn vom Boden erhoben -- empfand er plötzlich, daß ihn zwei
eiserne Arme umklammert hielten, daß sich seine Knochen unter dieser
Umarmung bogen, daß seine Rippen brachen. Einen Augenblick sah er im
Nebelscheine ein Gesicht, das furchtbarer als das Antlitz des Teufels
anzuschauen war, und ihn verließ das Bewußtsein.
Unterdessen hatte die Schlacht, oder richtiger ein blutiges Schlachten
begonnen. Der Sturm, die Dunkelheit, die unbekannte Zahl der Angreifer,
die Plötzlichkeit des Überfalles, das Auseinanderstieben der Pferde
hatten verursacht, daß sich die Lipker fast gar nicht wehrten; es
hatte sie geradezu eine Raserei der Angst ergriffen; niemand wußte,
wohin er entfliehen, niemand, womit er sich schützen solle. Viele
hatten gar keine Waffen bei sich, viele hatte der Überfall im Schlafe
überrascht, und so drängten sie sich betäubt, irre vor Entsetzen,
in dichten Haufen zusammen, wälzten sich fort, indem sie einander zu
Boden warfen und mit Füßen traten. Die Pferde drängten sie zusammen
und warfen sie mit der Brust zu Boden, die Säbel hieben auf sie ein,
die Hufe traten sie in den Staub. Der Sturm bricht und verwüstet die
junge Waldanpflanzung nicht in gleicher Weise, die Wölfe wüten nicht
so in der Herde aufgescheuchter Schafe, wie die Dragoner die Lipker
niedertraten und niederhieben. Verwirrung von der einen Seite, Wut und
Rachedurst von der anderen machten das Maß der Niederlage voll. Ströme
Blutes vermischten sich mit dem Regen; den Lipkern war, als stürze der
Himmel über sie ein, als tue sich die Erde zu ihren Füßen auf. Das
Krachen der Donner, das Leuchten der Blitze, das Rauschen des Regens,
die Finsternis, das Entsetzen des Sturmes begleiteten das furchtbare
Echo der Metzelei. Die Pferde der Dragoner, gleichfalls von Schrecken
erfaßt, stürzten sich wie wahnsinnig in das Menschengewühl und mähten
die Feinde nieder. Endlich begannen kleinere Haufen zu entweichen, aber
sie hatten in so hohem Grade die Kenntnis des Ortes verloren, daß sie
im Kreise auf das Schlachtfeld wieder zurückritten, anstatt geradeaus
zu fliehen, -- sie prallten oft aufeinander, wie zwei entgegengesetzte
Wogen, rieben sich gegenseitig auf und kamen unter das eigene Schwert.
Endlich hatte man die Reste völlig zerstreut, nach allen Seiten gejagt,
auf der Flucht während der Verfolgung ohne Gnade niedergemacht, und
auch nicht einen lebendig eingefangen, bis endlich die Trompeten im
Lager die Verfolger zurückriefen.
Nie war ein Überfall unerwarteter, nie eine Niederlage furchtbarer.
Dreihundert Mann hatten nahezu zweitausend trefflicher Krieger der
Reiterei, die unendlich die gewöhnlichen Tatarenscharen an Gewandtheit
übertrafen, in alle vier Winde zerstreut. Der größere Teil lag
hingestreckt inmitten der roten Pfützen, die der Regen, vermischt mit
dem Blute, bildete; der Rest hatte zerstreut Schutz gefunden, dank der
Dunkelheit, und war zu Fuß geflohen, blindlings, ohne zu wissen, ob er
nicht wieder dem feindlichen Schwerte begegne. Den Siegern hatte der
Sturm und der Nebel geholfen, als ob der Zorn Gottes auf ihrer Seite
gekämpft hätte gegen den Verräter.
Schon war die Nacht hereingebrochen, als Nowowiejski an der Spitze der
Dragoner zu den Grenzen der Republik zurückritt. Zwischen dem jungen
Hauptmann und dem Wachtmeister Luschnia ging ein Tatarenpferd, auf
dessen Rücken, mit Stricken gebunden, bewußtlos und mit gebrochenen
Rippen, aber lebendig, der Führer aller Lipker, Asya, Tuhaj-Beys Sohn,
lag.
Sie blickten unverwandt nach ihm, als ob sie einen Schatz mit sich
führten, den sie zu verlieren fürchteten.
Der Sturm ging allmählich vorüber, am Himmel eilten in schnellem Zuge
noch die Wolken dahin, aber zwischen ihnen begannen die Sterne zu
schimmern, und sie spiegelten sich in den Teichen, die der Wolkenbruch
in den Steppen gebildet hatte.
In der Ferne, dort, wo die Grenzen der Republik waren, grollte noch von
Zeit zu Zeit der Donner.
Die Lipkischen Flüchtlinge brachten die Kunde von der Niederlage zur
Horde von Bialogrod, und hier vermittelten Boten sie nach Orduihamajun,
an das kaiserliche Lager, wo sie einen außerordentlichen Eindruck
machte.
Nowowiejski hätte eigentlich nicht gar so schnell mit seiner Beute nach
der Republik zu eilen brauchen, denn nicht nur im ersten Augenblick,
sondern auch die folgenden Tage setzte ihm niemand nach. Der Sultan war
so bestürzt, daß er nicht wußte, was er beginnen sollte; er schickte
zunächst Scharen von der Bialogroder und Dobrudscha-Horde aus, um
festzustellen, welche Heere in der Umgegend seien. Sie gingen ungern,
denn sie waren um die eigene Haut besorgt. Diejenigen der Bewohner des
inneren Asiens oder Afrikas, die nie einen Feldzug gegen Lechistan
mitgemacht hatten, und die aus Erzählungen von der furchtbaren
Reiterei der Ungläubigen gehört hatten, erfaßte ein Schrecken bei dem
Gedanken, daß sie sich schon angesichts dieses Feindes befänden, der
nicht im eigenen Lande auf sie wartete, sondern sie sogar im Reiche
des Padischahs aufsuchte. Der Großvezier selbst und die »zukünftige
Sonne des Krieges«, der Kaimakam Kara-Mustapha, wußten auch nicht, was
sie von dem Überfall denken sollten. Wie konnte diese Republik, von
deren Ohnmacht sie so genaue und zuverlässige Mitteilungen hatten,
als Angreiferin auftreten? Das konnte kein türkischer Kopf erraten;
kurz, der Anmarsch schien ihnen von jetzt ab schon weniger sicher,
schon weniger einem leichten Triumphzug ähnlich. Der Sultan empfing im
Kriegsrat den Vezier und den Kaimakam mit drohendem Antlitz.
»Ihr habt mich getäuscht,« sagte er, »die Lechen können nicht so
schwach sein, wenn sie uns hier in unserem eigenen Lande aufsuchen. Ihr
waret der Meinung, daß Sobieski Kamieniez nicht verteidigen werde, und
nun steht er uns wohl gar mit einem ganzen Heere gegenüber ...«
Der Vezier und der Kaimakam bemühten sich, dem Herrn zu erklären, daß
es irgend eine lose Räuberbande gewesen sein könne; aber angesichts
der vorgefundenen Musketen und Gerätschaften, unter welchen sich auch
Dragonerkoller befanden, glaubten sie selbst nicht daran. Der über alle
Maßen kühne und siegreiche Zug, den Sobieski jüngst in der Ukraine
unternommen hatte, ließ vermuten, daß der drohende Feldherr auch jetzt
darauf ausging, den Feind zu überraschen.
»Er hat kein Heer,« sagte nach Beendigung des Kriegsrats der Großvezier
zu dem Kaimakam, »aber es wohnt ein Löwe in ihm, der keine Furcht
kennt. Wenn er nur einige Zehntausend bei sich hat und zur Stelle ist,
so werden wir nur im Blute watend nach Chozim vordringen.«
»Ich würde mich gern mit ihm messen,« sagte der junge Kara-Mustapha.
»Daß Gott dann das Unheil von dir wende!« gab der Großvezier zurück.
Bald aber hatten sich die Scharen von Bialogrod und der Dobrudscha
überzeugt, daß nicht nur keine größeren Trupps in der Nähe waren,
sondern daß überhaupt kein Heer hier lag. Man hatte aber die Spuren
einer Abteilung entdeckt, die ungefähr dreihundert Pferde zählen
mochte, und die eilig nach dem Dniestr geritten war. Die Tataren,
welchen das Schicksal der Lipker in der Erinnerung stand, folgten ihnen
nicht, aus Furcht vor einem Hinterhalt; der Überfall der Lipker blieb
etwas Erstaunliches und Unerklärliches, aber allmählich war die Ruhe
in Orduihamajun wieder eingekehrt -- und die Heerscharen des Padischahs
begannen wieder ihren Vormarsch wie eine große Flut.
Inzwischen war Nowowiejski glücklich mit seiner lebendigen Beute
nach Raschkow zurückgekehrt. Er war erst schnell geritten, aber die
erfahrenen Streifzügler erkannten schon am zweiten Tage, daß sie nicht
verfolgt wurden, und ritten also trotz der Eile so, daß sie ihre Pferde
nicht allzusehr ermüdeten. Asya ritt stets zwischen Nowowiejski und
Luschnia, mit Stricken an den Rücken des Pferdes festgebunden. Da ihm
zwei Rippen gebrochen und seine Kräfte sehr geschwächt waren, da ferner
die Wunde, die ihm Bärbchen im Gesicht beigebracht, sich während des
Ringens mit Nowowiejski und infolge des Rittes mit herabhängendem Kopfe
wieder geöffnet und verschlimmert hatte, bemühte sich der furchtbare
Wachtmeister um ihn, damit er vor der Ankunft in Raschkow nicht sterbe
und die Rache vereitle. Der junge Tatar wollte aber sterben, denn er
wußte, was seiner harrte. Endlich beschloß er, sich durch Hunger den
Tod zu geben, und wollte keinerlei Nahrung zu sich nehmen; Luschnia
aber riß ihm die zusammengebissenen Zähne mit dem Dolch auseinander und
flößte ihm mit Gewalt Branntwein und moldauischen Wein ein, in den er
geriebenen Zwieback aufgelöst hatte. An den Raststellen übergoß er ihm
das Gesicht mit Wasser, damit die Wunden in Aug' und Nase, in die sich
während des Rittes Fliegen und Bremsen festsetzten, nicht in Eiterung
übergingen und dem unglücklichen Kriegsmann zu früh den Tod gäben.
Nowowiejski sprach auf dem Wege kein Wort zu ihm. Einmal nur, gleich
bei Beginn des Rückzuges, als Asya um den Preis seiner Freiheit und
seines Lebens versprach, Sophie und Evchen zurückzugeben, rief ihm der
Hauptmann zu: »Du lügst, Hund! Du hast beide nach Stambul verkauft an
einen Händler, der sie im Bazar losschlagen will.«
Man stellte Asya Eliasewitsch gegenüber, der in aller Gegenwart
wiederholte:
»So ist's, Effendi, du hast sie verkauft; du weißt selbst nicht an wen,
und Adurowitsch hat die Schwester des Herrn verkauft, obwohl sie schon
schwanger von ihm war.«
Bei diesen Worten schien es Asya einen Augenblick, als werde
Nowowiejski ihn auf der Stelle mit seinen entsetzlichen Händen in
Stücke reißen; darum beschloß er später, als er schon jede Hoffnung
aufgegeben hatte, den jungen Riesen dahin zu bringen, daß er ihn im
Zorn töte, um den ihm bevorstehenden Qualen zu entgehen. Da Nowowiejski
aber beständig neben ihm ritt, um ihn nicht einen Moment aus den
Augen zu verlieren, begann er sich zu brüsten und schamlos zu prahlen
mit dem, was er vollbracht. Er erzählte, wie er den alten Nowowiejski
abgeschlachtet, wie er Sophie Boska bei sich im Zelte gehabt, wie er
sich an ihrer Unschuld satt genossen, wie er endlich ihren Leib mit dem
Ziemer geschlagen, und wie er sie mit Füßen gestoßen habe. Nowowiejski
floß der Schweiß in großen Tropfen über das blasse Antlitz; er hörte
zu und hatte nicht die Kraft, nicht den Willen, sich zu entfernen;
er hörte gierig zu, seine Hände bebten, seinen Körper ergriff ein
krampfhaftes Schütteln -- aber er beherrschte sich und schlug ihn nicht
tot.
Übrigens peinigte Asya, indem er den Feind peinigte, auch sich selbst,
denn seine Erzählungen ließen ihm den Jammer der Gegenwart doppelt
qualvoll erscheinen. Vor kurzem war er noch der Befehlende, lebte er
in Wollust, war er Mirza, der Liebling des jungen Kaimakam -- und nun
ritt er, an den Rücken des Pferdes gefesselt, und bei lebendigem Leibe
von den Fliegen zerfressen, einem entsetzlichen Tode entgegen. Am
wohlsten war ihm jetzt, wenn er von dem Schmerz, den ihm die Wunden
verursachten, und durch die Ermüdung das Bewußtsein verlor; und das
geschah immer häufiger, so daß Luschnia zu fürchten anfing, er werde
ihn nicht lebendig heimbringen. Aber sie ritten Tag und Nacht und
ließen die Pferde nur so lange ruhen, als durchaus nötig war, und so
kam Raschkow immer näher. Die zähe Tatarenseele wollte den zerstörten
Körper nicht verlassen. Indessen fieberte Asya in den letzten Tagen
beständig; von Zeit zu Zeit verfiel er in tiefen Schlaf. Bisweilen
träumte ihm in diesem Fieber oder im Schlaf, er sei noch in Chreptiow,
er solle mit Wolodyjowski gemeinsam in den großen Krieg ziehen; dann
wieder, daß er Bärbchen nach Raschkow geleite, daß er sie entführt
und in seinem Zelte habe. Oft durchlebte er in seinen Fieberträumen
Schlachten und Metzeleien, bei welchen er als Hetman der polnischen
Tataren unter dem Roßschweif Befehle erteilte. Aber bald kam das
Erwachen, und mit ihm das Bewußtsein; dann öffnete er die Augen und sah
in das Gesicht Nowowiejskis und Luschnias, sah die Helme der Dragoner,
die nunmehr die Widdermützen der Pferdehirten weggeworfen hatten -- und
diese ganze Wirklichkeit, die so entsetzlich war, daß sie ihm wie ein
Gespenst erschien. Bei jeder Bewegung des Pferdes durchzuckte ihn ein
Schmerz; seine Wunden brannten immer heftiger, und wieder verlor er das
Bewußtsein. Dann brachten sie ihn zu sich, aber er verfiel bald wieder
in Fieber, vom Fieber in schweren Schlaf -- um dann wieder zu erwachen.
Es gab Augenblicke, in welchen er nicht glauben mochte, daß er dieser
unselige Asya sein solle, der Sohn Tuhaj-Beys, und daß sein Leben,
so reich an unerhörten Ereignissen, die ihm eine große Bestimmung
zu verheißen schienen, so schnell, so elendiglich enden sollte. Oft
wieder ging es ihm durch den Kopf, daß er gleich nach Qual und Tod ins
Paradies kommen werde; da er aber einst den Glauben Christi bekannt und
lange unter Christen gelebt hatte, erfaßte ihn ein Schrecken bei dem
Gedanken an Christus. Er dachte, daß er kein Erbarmen mit ihm haben
werde; wäre aber der Prophet stärker als Christus, so würde er ihn
nicht in Nowowiejskis Hände geliefert haben. Doch könnte der Prophet
sich noch seiner erbarmen und die Seele zu sich nehmen, ehe sie ihn zu
Tode peinigten.
Inzwischen waren sie ganz in die Nähe von Raschkow gekommen; sie
betraten das felsige Land, das die Nähe des Dniestr ankündigte. Asya
war gegen Abend in einen fiebernden Zustand bei halbem Bewußtsein
verfallen, in dem sich Phantasie und Wirklichkeit vermischten. Es war
ihm, als seien sie am Ziel, als machten sie Halt, als hörte er, wie sie
zu einander sagten: »Raschkow, Raschkow!« Dann wieder hörte er dumpf
den Widerhall von Äxten, die Bäume fällten.
Plötzlich fühlte er, daß man ihm den Kopf mit kaltem Wasser spüle, dann
goß man ihm lange, sehr lange, Branntwein in den Mund. Er kam zu vollem
Bewußtsein. Über ihm breitete sich die sternenhelle Nacht aus, um ihn
schimmerten zahlreiche Fackeln. An sein Ohr schlugen die Worte:
»Bei Bewußtsein?«
»Bei Bewußtsein; er sieht klar ...«
In diesem Augenblick bemerkte er über sich Luschnias Gesicht.
»Nun, Brüderchen,« sagte der Wachtmeister mit ruhiger Stimme, »deine
Zeit ist gekommen.«
Asya lag auf dem Rücken und atmete regelmäßig, denn seine Arme waren
zu beiden Seiten des Kopfes ausgestreckt, so daß seine mächtige Brust
freieren Spielraum hatte, als da er auf den Rücken des Pferdes gebunden
war. Die Hände konnte er nicht bewegen, sie waren hinter seinem
Haupte an einen mit beteertem Stroh umwundenen Baumstamm gebunden,
auf dem er selbst ausgestreckt lag. Asya begriff sofort, weshalb dies
geschehen war, und bemerkte zugleich noch andere Vorbereitungen, die
ihm verkündeten, daß seine Qualen lang und furchtbar sein würden. Von
der Mitte seines Körpers bis zu den Füßen war er entkleidet, und da
er ein wenig seinen Kopf aufrichtete, nahm er zwischen seinen Knieen
eine frisch bearbeitete Pfahlspitze wahr; das stärkere Ende dieses
Pfahles war gegen den Baumstamm gestützt. An jeden seiner Füße war
ein Strick mit einem Wagholz befestigt, und vor jedes Wagholz war ein
Pferd gespannt. Asya sah beim Scheine der Fackeln nur den Hinterteil
der Pferde und die beiden Männer an ihrer Seite, die sie offenbar am
Halfter hielten. Der unglückselige Recke erfaßte mit einem Blick all'
die Vorbereitungen, dann schaute er, Gott weiß warum, gen Himmel und
erblickte über sich die Sterne und die glänzende Sichel des Mondes.
-- Sie werden mich pfählen -- dachte er.
Er biß die Zähne so kräftig zusammen, daß ein Krampf seine Kinnladen
erfaßte. Schweiß trat auf seine Stirn, und zugleich fühlte er eine
eisige Kälte im Kopf, denn alles Blut war daraus gewichen. Dann war es
ihm, als entzöge sich ihm der Halt unter dem Rücken, als sinke sein
Körper endlos in eine unergründliche Tiefe. Einen Augenblick verließ
ihn das Bewußtsein von Zeit und Raum und allem, was um ihn her vorging;
der Wachtmeister sperrte wieder seine Zähne mit dem Dolch auseinander
und goß ihm Branntwein in den Schlund.
Asya hustete und spie die brennende Flüssigkeit aus; aber zum Teil
mußte er sie verschlucken. Da verfiel er in einen seltsamen Zustand: er
war nicht betrunken, im Gegenteil, nie war sein Unterscheidungsvermögen
klarer, sein Denken geschärfter; er sah, was um ihn her vorging, er
begriff alles, und es erfaßte ihn eine unwiderstehliche Erregung,
eine qualvolle Ungeduld, daß dies alles so lange währe und nicht in
Tätigkeit treten wolle.
Da wurden schwere Schritte vernehmbar, und Nowowiejski stand neben ihm.
Bei diesem Anblick pochten dem Tataren alle Adern. Luschnia fürchtete
er nicht, er verachtete ihn zu sehr; aber Nowowiejski konnte er nicht
verachten, vielmehr erfüllte jeder Blick in sein Gesicht Asyas Seele
mit abergläubischer Angst, mit Widerwillen und Entsetzen. Der Gedanke:
»Ich bin in seiner Gewalt«, bemächtigte sich seiner ganz, er fürchtete
ihn, und das war ein so schreckliches Gefühl, daß Asyas Haare sich
sträubten.
Nowowiejski sagte: »Für das, was du getan hast, sollst du in Qualen
enden.«
Der Lipker antwortete nichts, er keuchte nur laut.
Nowowiejski trat zurück, es wurde still rings umher, nur Luschnia brach
das Schweigen.
»Gegen die Herrin hast du deine Hand erhoben,« sagte er mit ruhiger
Stimme, »aber die Herrin ist jetzt schon bei dem Herrn in der Kammer;
du aber bist in unserer Hand, deine Zeit ist gekommen.«
Bei diesen Worten begann für Asya die Pein. Dieser entsetzliche
Mensch erfuhr in der Stunde des Todes, daß sein Verrat und alle seine
Verbrechen fruchtlos gewesen waren; wenn wenigstens Bärbchen auf dem
Wege gestorben wäre, so hätte er den Trost gehabt, daß sie, wenn nicht
sein, so doch keines anderen war. Nein, auch diesen Trost hatte man ihm
jetzt genommen, da der Pfahl eine Elle von ihm entfernt war; alles war
vergeblich gewesen, soviel Blutvergießen, Rachehoffnungen -- um nichts,
um gar nichts ... Hätte Luschnia geahnt, um wieviel schwerer diese
Worte den Tod für Asya machten, er hätte sie während des ganzen Weges
wiederholt. Aber jetzt war keine Zeit mehr zu Seelenqualen, denn alles
mußte weichen angesichts der Exekution. Luschnia neigte sich herab,
erfaßte mit beiden Händen Asyas Hüften und rief den Leuten zu, welche
die Pferde hielten:
»Vorwärts, langsam, beide zugleich!«
Die Pferde zogen an; die gespannten Stricke zerrten an Asyas
Füßen, sein Körper ward einen Augenblick gehoben und traf auf den
spitzigen Holzpfahl; die Spitze drang in den Leib, und nun geschah
etwas Entsetzliches, der Natur und allen menschlichen Empfindungen
Zuwiderlaufendes. Die Knochen des Unglückseligen dehnten sich
auseinander, sein Körper wurde nach zwei Seiten gezerrt, und ein
unsäglicher Schmerz, so entsetzlich, daß er an ungeheuerliche Wollust
grenzte, durchschauerte seinen Körper. Der Pfahl drang tiefer und
tiefer. Asya biß die Kinnbacken zusammen, aber endlich verließ ihn
seine Kraft; die Zähne traten hervor, und röchelnd schrie er »Ah ... ah
... ah!« dem Krächzen eines Raben ähnlich.
»Langsam!« kommandierte der Wachtmeister.
Asya wiederholte seinen entsetzlichen Schrei immer schneller.
»Krächzest du?« fragte der Wachtmeister, dann rief er den Leuten zu:
»Halt! -- da hast du's,« fügte er, zu Asya gewandt, hinzu; aber dieser
war plötzlich verstummt, und atmete nur noch röchelnd.
Schnell spannte man die Pferde aus; dann richtete man den Pfahl auf,
ließ sein dickes Ende in eine Grube hinab und begann sie mit Erde zu
füllen. Asya sah von der Höhe herab dieser Tätigkeit zu, er war bei
Bewußtsein. Diese entsetzliche Art der Strafe war um so grauenhafter,
weil die Opfer, die auf dem Pfahle steckten, bisweilen noch drei Tage
hindurch lebten. Asyas Kopf hing auf die Brust herab, seine Kiefer
bewegten sich lallend, als kaue er etwas. Er fühlte eine namenlose
Schwäche, und sah einen endlosen, weißlichen Nebel vor sich, der ihm
entsetzlich schien, ohne daß ihm klar war weshalb. Aber durch den Nebel
unterschied er die Gesichter des Wachtmeisters und der Dragoner, wußte
er, daß er auf dem Pfahle stecke, fühlte er, wie er durch die Last des
Körpers immer tiefer in den Pfahl sank. Endlich begannen seine Füße zu
erstarren, und er wurde wieder unempfindlich gegen den Schmerz.
Auf Augenblicke hüllte Dunkelheit den entsetzlichen weißen Nebel ein;
dann blinzelte Asya mit seinem einen Auge, um alles zu beobachten und
zu sehen bis zum Moment des Todes. Sein Blick schweifte mit sonderbarer
Hartnäckigkeit von Fackel zu Fackel, es war ihm, als bilde sich um
diese Flammen ein siebenfarbiger Lichtkreis.
Aber noch waren die Qualen für ihn nicht erschöpft. Bald trat der
Wachtmeister an den Pfahl heran mit einem Bohrer in der Hand und rief
den Umstehenden zu:
»Hebt mich in die Höhe!«
Zwei stämmige Burschen hoben ihn auf; Asya sah ihn ganz nahe, blinzelte
beständig mit dem Auge, als wollte er erkennen, wer der Mensch sei, der
zu seiner Höhe hinaufklettere. Der Wachtmeister aber sagte:
»Unsere Herrin hat dir ein Auge ausgeschlagen, ich habe gelobt, dir das
andere auszubohren.«
Bei diesen Worten senkte er die Spitze des Bohrers in den Augapfel,
drehte ihn ein und das andere Mal, und als das Lid und die zarte
Bindehaut sich um die Windungen des Bohrers legten, riß er ihn zurück.
Da drangen aus beiden Augenhöhlen Asyas zwei Quellen Blutes hervor und
flossen über seine Wangen herab.
Sein Gesicht wurde bleich und immer bleicher. Die Dragoner löschten
schweigend die Fackeln, als erfasse sie Scham, daß das Licht so
entsetzliche Taten beleuchte, und nur von der Mondsichel fielen
silberne, nicht allzu helle Strahlen auf Asyas Leib. Sein Kopf war ganz
über die Brust herabgesunken; nur die Hände, die an das Holz gebunden
und mit beteertem Stroh umwunden waren, starrten in die Höhe, als rufe
dieser Sohn des Ostens die Rache des türkischen Halbmondes auf seine
Häscher herab.
»Aufs Pferd!« ertönte Nowowiejskis Stimme.
In dem Augenblick, da sie aufsaßen, zündete der Wachtmeister als letzte
Fackel die erhobenen Hände des Tataren an; dann ritt die Abteilung auf
Jampol zu, und mitten unter den Schutthaufen Raschkows, in Nacht und
Wüste, blieb allein auf hohem Pfahle Asya, der Sohn des Tuhaj-Bey,
-- und leuchtete, leuchtete.....
[Illustration: Dekoration/Kapitelende]
[Illustration: Dekoration/Kapitelanfang]