Den Sprößling des Tuhaj-Bey zu suchen, fiel niemandem ein. Er aber
setzte sich auf, schaute sich in der Gegend um und suchte zu begreifen,
was mit ihm vorgehe. Er sah nur wie durch einen Nebel und erkannte,
daß er nur mit einem Auge sehe, und auch mit diesem nur unklar; das
andere war herausgeschlagen oder mit Blut angefüllt. Asya erhob die
Hände zu seinem Gesicht, seine Finger trafen auf Blutstückchen, die
geronnen in seinem Barte hingen. Auch der Mund war mit Blut angefüllt,
das ihn zu ersticken drohte, so daß er aufhusten und ausspeien
mußte. Ein entsetzlicher Schmerz durchzuckte sein Gesicht bei diesem
Speien, er hob die Finger zum Gesicht empor, aber bald zog er sie mit
schmerzlichem Stöhnen zurück. Bärbchens Schlag hatte ihm den oberen
Teil der Nase zertrümmert und den Backenknochen verwundet.
Eine Weile saß er unbeweglich da; dann begann er mit dem Auge, in dem
noch ein Lichtschimmer geblieben war, umherzuschauen, und da er in der
Bergritze einen Streifen Schnee erblickte, so kroch er hin, ergriff
eine Handvoll davon und legte ihn an sein zerfetztes Gesicht.
Das brachte ihm sofort große Linderung. Als sich der Schnee löste und
in roten Tropfen in seinen Bart hinabfloß, nahm er wieder eine Faust
voll und legte ihn von neuem auf sein glühendes Gesicht; auch zu essen
begann er ihn, denn das brachte ihm Linderung. Nach einiger Zeit wurde
die ungeheure Last, die er auf seinem Kopfe fühlte, bedeutend leichter,
und es trat ihm alles in Erinnerung, was geschehen war. Aber im ersten
Augenblick empfand er weder Wut, noch Zorn, noch Verzweiflung. Der
körperliche Schmerz betäubte alle anderen Gefühle und ließ nur das
Begehren nach schneller Rettung zurück.
Asya schlang noch einige Hände voll Schnee hinunter und begann sich
nach seinem Pferde umzusehen, aber das Pferd war nicht da. Da begriff
er, daß, wenn er nicht warten wollte, bis die Tataren ihn holten, er
zu Fuß gehen müsse. Er stützte sich also mit den beiden Händen auf den
Boden und versuchte aufzustehen; doch er heulte auf vor Schmerz und
sank wieder zurück.
So saß er wohl eine Stunde, dann begann er von neuem seine Bemühungen.
Dieses Mal gelang es ihm insoweit, als er sich zu erheben und, mit dem
Rücken an den Fels gelehnt, auf den Beinen zu stehen vermochte. Aber
wenn er daran dachte, daß er die Stütze aufgeben und einen Schritt
vorwärts tun müsse, erst einen, dann den zweiten und dritten, in die
große, weite Wüste hinaus, so ergriff ihn das Gefühl der Ohnmacht und
des Entsetzens so mächtig, daß er beinahe wieder zurücksank. Doch er
überwand sich, zog seinen Säbel, stützte sich auf ihn und schleppte
sich langsam vorwärts; es ging. Nach einigen Schritten empfand er, daß
seine Füße und sein ganzer Körper Kraft besäßen, daß er vollkommen
ihrer Herr sei, und daß nur sein Kopf von einer Dumpfheit befangen,
wie eine riesige Woge bald nach rechts, bald nach links, bald nach
vorn, bald nach hinten hin und her schwanke. Er hatte auch das Gefühl,
als trüge er diesen schweren, schwankenden Kopf mit ungewöhnlicher
Vorsicht und mit ungewöhnlicher Angst, daß er ihm nicht zu Boden falle
und am Stein zerschelle. Bisweilen schien der Kopf sich ganz mit ihm
zu drehen, als habe er den Willen, ihn im Kreise herumzuführen, bald
wieder umnachtete sich sein einziges Auge. Dann stützte er sich mit
beiden Händen auf das Schwert.
Aber der Schwindel ging allmählich vorüber -- der Schmerz dagegen wuchs
beständig und bohrte in der Stirn, in den Augen, im ganzen Kopfe, so
daß sich Asyas Brust ein winselndes Geheul entrang. Das Echo der Felsen
gab sein Stöhnen zurück, und so schritt er durch die Wüste, blutig,
entsetzenerregend, eher einem Vampir ähnlich, denn einem Menschen.
Schon dämmerte es, als ihm Pferdegetrappel entgegentönte. Ein Führer
der Tataren war es, der herangeritten kam, um Befehle zu empfangen.
An diesem Abend fand Asya noch soviel Kraft, daß er die Verfolgung
anbefahl. Gleich darauf aber legte er sich auf die Felle und konnte die
drei folgenden Tage niemanden sehen als den Griechen, seinen Wundarzt,
der seine Wunden verband, und Halim, der dem Wundarzt zur Seite stand;
erst am vierten Tage gewann er die Sprache wieder, und mit ihr das
Bewußtsein der jüngsten Ereignisse.
Alsbald eilten seine fieberhaften Gedanken Bärbchen nach. Er sah sie,
wie sie durch die Felsen, durch die Wüste dahineilte; sie erschien ihm
wie ein Vogel, der dahingeflogen war, um nicht wiederzukehren; er sah
sie in den Umarmungen ihres Gatten, und bei diesem Anblick packte ihn
der Schmerz, grausamer als die Wunde, und mit diesem ein Sehnen, und
mit dem Sehnen die Schmach der erlittenen Niederlage.
»Entflohen, entflohen!« wiederholte er unaufhörlich; die Wut drohte ihn
zu ersticken, und das Bewußtsein ihm zu schwinden. »Wehe!« antwortete
er Halim, als dieser ihn beruhigen wollte und versicherte, daß Bärbchen
der Verfolgung nicht entgehen könne; er stieß mit den Füßen gegen die
Felle, mit welchen der alte Tatar ihn zudeckte, drohte ihm und dem
Griechen mit dem Messer und heulte wie ein wildes Tier, sprang auf, um
selbst ihr nachzueilen, sie zu ergreifen und sie dann im Zorn und in
seiner wilden Liebe mit eigenen Händen zu erdrosseln.
Bald wieder phantasierte er im Fieber; er rief Halim zu, ihm sobald
als möglich das Haupt des kleinen Ritters zu bringen und seine Gattin
gebunden nebenan in der Kammer einzuschließen. Bald wieder sprach
er mit ihr, bat, drohte, bald streckte er ihr im Fieberwahn die
Hände entgegen, um sie an sich zu ziehen. Endlich fiel er in tiefen
Schlaf und erwachte Tag und Nacht nicht. Dann, als der Schlaf von ihm
gewichen war, hatte ihn auch das Fieber ganz verlassen, und er konnte
Krytschynski und Adurowitsch sprechen.
Diese hatten es eilig, ihren Führer zu sehen, denn sie wußten nicht,
was sie beginnen sollten. Die Truppen, welche unter der Führung des
jungen Nowowiejski ausgezogen waren, sollten zwar vor zwei Wochen
nicht zurückkehren; aber Asya leitete die ganze Bewegung; er allein
konnte ihnen Fingerzeige geben, was sie in jedem Falle zu tun hatten;
er allein konnte ihnen erklären, auf welcher Seite der größte Vorteil
sei, ob sie gleich in das Land des Sultans zurückkehren, oder ob sie
Verstellung üben sollten, und wie lange sie den Schein, als dienten sie
der Republik, zu wahren hatten.
Sie wußten beide wohl, daß schließlich auch Asya die Republik verraten
wolle, aber sie vermuteten, daß er ihnen befehlen werde, ihren Verrat
erst mit Beginn des Krieges offenkundig werden zu lassen, damit er
desto erfolgreicher sei. Seine Weisungen sollten überdies für sie
Befehl sein, denn er hatte sich ihnen zum Führer aufgeworfen, als das
Haupt der ganzen Sache, als der Hinterlistigste, der Einflußreichste,
endlich als der Sohn des Tuhaj-Bey, des einst unter allen Horden
weithin berühmten Kriegsfürsten.
So standen sie besorgt an seinem Bette in tiefster Untertänigkeit, und
er begrüßte sie, zwar noch schwach, mit verbundenem Gesicht, und mit
einem Auge, aber schon gänzlich gesund. Und gleich zu Anfang sagte er
ihnen:
»Ich bin krank; das Weib, welches ich entführen und für mich behalten
wollte, hat sich meiner Gewalt entrissen und mich mit dem Schaft meines
Pistols verwundet. Es war die Frau des Kommandanten Wolodyjowski ...
daß die Pest ihn treffe, ihn und sein ganzes Gezücht!«
»Es sei, wie du sagst,« gaben die beiden Hauptleute zur Antwort.
»Gebe Gott euch Getreuen Heil und Glück!«
»Auch dir, o Herr!«
Nun begannen sie über das zu verhandeln, was jetzt zu tun sei.
»Wir dürfen nicht zögern und dürfen den Dienst des Sultans nicht bis
zum Kriege hinausschieben,« sagte Asya, »denn nach dem, was mit diesem
Weib geschehen ist, werden sie uns nicht mehr trauen, sondern mit
dem Schwerte gegen uns losgehen. Aber ehe sie das tun, greifen wir
die Stadt an und lassen sie in Feuer aufgehen zu Gottes Ehre. Jenes
Häuflein Soldaten, das hier geblieben, und die Einwohner, welche
Untertanen der Republik sind, nehmen wir in Gefangenschaft, und in das
Gut der Walachen, der Armenier und Griechen teilen wir uns und ziehen
jenseits des Dniestr in die Lande des Sultans.«
In den Augen Krytschynskis und Adurowitsch, die schon seit längerer
Zeit mit der wildesten Horde räubernd hin und her zogen und gänzlich
verwildert waren, leuchtete es auf.
»Danke dir, o Herr,« sagte Krytschynski. »Man hat uns hier in Raschkow
eingelassen, das Gott uns nun in die Hände liefert ...«
»Nowowiejski hat euch keinen Widerstand geleistet?« fragte Asya.
»Nowowiejski wußte, daß wir zur Republik übergehen, er wußte auch, daß
du im Anzuge bist, um dich mit uns zu verbinden, darum betrachtete er
uns als Freunde, wie er dich als Freund betrachtet.«
»Wir standen auf der Moldauischen Seite,« warf Adurowitsch ein, »aber
wir ritten zu ihm als Gäste, und er empfing uns wie Männer von Adel,
denn er sprach:
›-- Durch diese Tat habt ihr die alten Sünden getilgt, und da der Hetman
euch auf Asyas Bürgschaft hin verzeiht, ziemt es auch mir nicht, euch
zu zürnen. -- Er wollte sogar, daß wir in der Stadt Quartier nähmen, aber
wir sagten: Das tun wir nicht, ehe Asya, Sohn des Tuhaj-Bey, uns des
Hetmans Erlaubnis bringt ... Und als er fortging, gab er uns noch ein
Mahl und bat, über der Stadt zu wachen ...‹«
»Bei jenem Fest,« fügte Krytschynski hinzu, »haben wir seinen Vater
gesehen, auch die Alte, die die Heimkehr ihres Gatten aus der
Gefangenschaft erwartet, und das Fräulein, welches Nowowiejski zu
heiraten gedenkt.«
»Ah,« sagte Asya, »noch habe ich nicht daran gedacht, daß sie alle hier
sind ... und Fräulein Nowowiejski habe ich mitgebracht.«
Er schlug in die Hände, und als Halim sofort erschien, sagte er ihm:
»Meine Tataren sollen, sobald sie die Flammen in der Stadt
emporsteigen sehen, sofort die Soldaten, die in dem Blockhause sind,
angreifen oder niedermetzeln, die Weiber und den alten Edelmann binden
und gut beobachten, bis ich weitere Befehle gebe.«
Dann wandte er sich an Krytschynski und Adurowitsch:
»Ich selbst werde nicht mit helfen können, denn ich bin schwach; aber
ich will zu Pferde sitzen und zuschauen. Jetzt aber, liebe Genossen,
beginnt das Werk.«
Krytschynski und Adurowitsch stürzten sofort der Tür zu, er folgte
ihnen, ließ sich ein Pferd geben und ritt zum Pfahlwerk hin, um von dem
hohen Tore der Zitadelle hinunterzublicken auf das, was in der Stadt
geschehen würde.
Eine Schar Lipker kletterte auch den Wall hinauf über das Pfahlwerk, um
sich an dem Anblick des Blutbades zu weiden.
Als die Soldaten Nowowiejskis, welche nicht in die Steppe hinausgezogen
waren, sahen, wie die Tataren sich sammelten, glaubten sie, es gäbe
in der Stadt etwas zu sehen, und mengten sich unter sie ohne einen
Schatten von Furcht oder Verdacht. Übrigens waren von diesem Fußvolk
kaum zwanzig vorhanden, der Rest war in der Stadt, in den Schenken.
Inzwischen hatten sich die Häscher Adurowitschs und Krytschynskis in
einem Augenblick über das Städtchen zerstreut. Es befanden sich unter
ihnen fast ausschließlich Lipker und Tscheremissen, also frühere
Bewohner der Republik, teils von Adel; aber da sie schon lange das
Gebiet der Krone verlassen hatten, waren sie in der Zeit ihres
Wanderlebens den wilden Tataren ähnlich geworden. Ihre alten Oberröcke
waren zerrissen, sie kleideten sich daher allgemein in Widderpelze,
die Wolle nach außen, die sie auf den nackten, von den Stürmen der
Steppe und von dem Rauch der Feldfeuer welken Körpern trugen; aber
ihre Waffen waren besser als die der wilden Tataren. Alle hatten
Säbel, alle im Feuer gehärtete Bogen, viele Feuergewehre. Aber ihre
Gesichter trugen dieselbe Grausamkeit, denselben Blutdurst zur Schau,
wie die Gesichter ihrer Brüder in der Dobrudscha oder der Krim. Diese
hatten sich über das ganze Städtchen zerstreut und durchschweiften
es in den verschiedensten Richtungen mit entsetzlichem Geschrei, als
wollten sie sich gegenseitig durch die Rufe anfeuern zu Mord und Raub.
Aber trotzdem viele von ihnen schon nach Tatarensitte das Messer
zwischen die Zähne genommen hatten, betrachtete die Einwohnerschaft,
die wie in Jampol aus Walachen, Armeniern, Griechen, und zum Teil aus
tatarischen Kaufleuten bestand, sie noch immer ohne jedes Mißtrauen.
Die Verkaufsbuden waren geöffnet, die Kaufleute saßen vor ihren Läden
nach türkischer Art auf den Bänken und leierten den Rosenkranz ab. Das
Geschrei der Tataren bewirkte nur, daß man ihnen neugieriger nachsah in
der Vermutung, daß sie Kampfspiele veranstalteten.
Plötzlich erhoben sich an den Ecken des Marktes Rauchsäulen, und
aus dem Munde der Tataren ertönte ein so entsetzliches Geheul, daß
der bleiche Schrecken die Walachen, Armenier und Griechen, Weiber
und Kinder erfaßte. Nun ergoß sich auch ein Hagel von Pfeilen auf
die ruhige Bürgerschaft. Ihr Wehegeschrei, das Gepolter der schnell
geschlossenen Türen und Fensterläden vermischte sich mit dem Getrappel
der Pferde und dem Gebrüll der Räuber. Der Markt überzog sich mit
Rauch, von allen Seiten tönte es »Feuer -- Feuer!« Läden, Häuser wurden
aufgebrochen, erschreckte Weiber an den Haaren herausgezerrt; Geräte,
Saffiane, Verkaufswaren, Betten flogen auf die Straße, und die Federn
erhoben sich Wolken gleich empor; das Stöhnen hingeschlachteter
Männer, Klagelaute und Heulen der Hunde, das Brüllen des Viehes,
das vom Feuer in den hinteren Gebäuden ergriffen wurde, das Züngeln
der Flammen, die selbst am Tage auf dem Hintergrund der dunklen
Rauchsäulen sichtbar waren, und immer höher zum Himmel emporschossen;
in dem Blockhause aber hatten sich Asyas Räuber gleich beim Beginn des
Gemetzels auf die zum größten Teil waffenlosen Soldaten gestürzt.
Einen Kampf gab es kaum; unzählige Messer stießen unerwartet in jede
polnische Brust; dann schnitt man den Unglücklichen die Köpfe ab und
legte sie zu Füßen von Asyas Pferde nieder.
Der Sohn des Tuhaj-Bey gestattete dem größten Teil der Lipker,
hinabzugehen und sich der blutigen Arbeit der Brüder anzuschließen. Er
selbst stand da und schaute zu.
Der Rauch verschleierte Krytschynskis und Adurowitschs Werk. Der Dunst
der Brände drang bis zum Blockhaus, die Stadt loderte auf wie ein
riesiger Scheiterhaufen, und der Rauch verdeckte ihren Anblick. Von
Zeit zu Zeit nur drang durch den Rauch der Schuß eines Gewehrs, wie ein
Blitz in der Wolke, von Zeit zu Zeit blitzte es auf: ein fliehender
Mann oder eine Schar Lipker in der Verfolgung begriffen.
Asya stand unbeweglich da und schaute zu; sein Herz war von Freude
erfüllt. Ein grausames Lächeln verzerrte seine Lippen, und die weißen
Zähne starrten daraus hervor, ein Lächeln, das um so furchtbarer war,
als es sich mit dem Schmerz der trockenen Wunde vermischte. Und neben
der Freude wogte Stolz in dem Herzen Asyas. Hatte er doch jene Bürde
der Verstellung von sich geworfen, hatte er doch zum ersten Male dem
Haß, den er jahrelang verborgen trug, freien Lauf gelassen. Jetzt
fühlte er sich wieder als der wahre Asya, als der Sohn Tuhaj-Beys. Aber
gleichzeitig erhob sich in ihm ein wilder Schmerz, daß Bärbchen diesen
Brand, diese Metzelei nicht sehe, daß sie ihn nicht sehen könne in
seinem neuen Berufe. Er liebte sie, und doch tobte in seinem Herzen die
wilde Begier der Rache an ihr.
Stände sie hier neben meinem Pferde -- dachte er bei sich -- ich würde
sie bei den Haaren festhalten, und meine Füße müßten sie berühren,
und dann wurde ich sie nehmen und würde sie küssen und sie wäre mein,
meine -- Sklavin.
Vor der Verzweiflung schützte ihn nur die Hoffnung, daß die
Abteilung, die zur Verfolgung ausgeschickt, oder die, die unterwegs
zurückgeblieben waren, sie wiederbringen würden. Diese Hoffnung ergriff
er wie ein Ertrinkender das Brett, und sie gab ihm Kraft. Er vermochte
den Gedanken endgültiger Verzichtleistung nicht auszudenken, sondern
gedachte lebhaft des Augenblicks, da er sie wiedergewinnen und sich zu
eigen machen werde.
Er stand am Tor, bis die hingeschlachtete Stadt ruhig war; das war
schnell geschehen, denn Adurowitschs und Krytschynskis Scharen zählten
fast so viele Köpfe, wie das ganze Städtchen -- und nur das Feuer
überdauerte das Stöhnen der Menschen und wütete noch bis zum Abend.
Asya war vom Pferde herabgeglitten und ging langsamen Schrittes in
das geräumige Zimmer. In der Mitte hatte man Widderfelle für ihn
ausgebreitet; er ließ sich nieder und erwartete die Ankunft der beiden
Heerführer.
Sie kamen bald, mit ihnen die Hauptleute. Aller Gesichter waren
von Freude erfüllt, denn die Beute überstieg ihre Erwartungen. Das
Städtchen hatte sich seit der Zeit des Bauerneinfalls sehr gehoben und
war wohlhabend. Man hatte auch etwa hundert junge Weiber und eine Schar
Kinder von zehn Jahren an erbeutet, die man günstig in den Bazaren des
Orients verkaufen konnte. Die Männer, alte Weiber und Kinder, die
nicht fähig waren, weite Wege zu machen, hatte man hingemordet. Die
Hände der Lipker dampften von Menschenblut, und an ihren Widderfellen
haftete der Brandgeruch. Alle setzten sich um Asya herum, und
Krytschynski begann:
»Nur ein Häufchen Asche bleibt nach uns zurück. Ehe die Kommandos
zurückkehren, könnten wir noch nach Jampol ausrücken, dort ist an
Gütern ebensoviel vorhanden wie in Raschkow.«
»Nein,« antwortete der Sohn des Tuhaj-Bey, »in Jampol sind meine Leute,
die die Stadt in Brand setzen werden. Wir müssen jetzt in die Lande des
Khans und des Sultans.«
»Wie du befiehlst. Wir kehren mit Ruhm und Beute heim,« sagten die
Hauptleute und Führer.
»Hier im Blockhaus sind noch Weiber und jener Edelmann, der mich
gepflegt hat,« sagte Asya; »ihm geziemt eine Belohnung.«
Bei diesen Worten schlug er in die Hände und befahl, die Gefangenen
vorzuführen.
Man brachte sie sofort, Frau Boska, von Tränen überströmt, Sophie,
bleich wie Linnen, Evchen und den alten Herrn Nowowiejski. Ihm waren
Hände und Füße mit Bast geknebelt. Alle waren entsetzt, mehr aber
noch erstaunt über das, was geschehen, und was ihnen vollkommen
unverständlich war. Evchen allein hatte die dumpfe Empfindung -- obwohl
sie sich in Vermutungen verlor über das Schicksal Bärbchens, weshalb
Asya sich bisher nicht hatte sehen lassen, warum man in der Stadt ein
Gemetzel angerichtet und sie als Sklaven gebunden hatte -- daß es sich um
ihre Entführung handle, daß Asya geradezu rase aus Liebe zu ihr und,
da er in seinem Hochmut ihren Vater um ihre Hand nicht bitten wolle,
beschlossen habe, sie mit Gewalt zu entführen. All' das war an sich
entsetzlich, aber Evchen zitterte wenigstens nicht um das eigene Leben.
Die Gefangenen, die man hergeführt hatte, erkannten Asya nicht, denn
sein Gesicht war ganz verbunden. Aber die Angst ergriff die Weiber um
so stärker, da sie im ersten Augenblick meinten, daß wilde Tataren auf
irgend eine unerklärliche Weise die Lipker aufgerieben und Raschkow
genommen hätten. Erst der Anblick Krytschynskis und Adurowitschs
überzeugte sie, daß sie sich in der Hand von Asyas Leuten befanden.
Eine Zeitlang sahen sie einander schweigend an. Endlich sprach der alte
Nowowiejski mit unsicherer, aber kräftiger Stimme:
»In wessen Händen sind wir?«
Asya löste die Binden von seinem Haupte, und sein Gesicht, das trotz
seiner Wildheit einst schön gewesen, erschien, für immer entstellt, mit
gebrochenem Nasenbein, und mit einem schwarzblauen Fleck auf der Stelle
des einen Auges -- ein entsetzliches Gesicht, von kalter Rachgier und
einem krampfhaften Zuckungen ähnlichen Lachen gezeichnet. Eine Weile
noch schwieg er, dann heftete er sein glühendes Auge auf den alten
Edelmann und antwortete:
»In meinen, in den Händen des Sohnes Tuhaj-Beys.«
Aber der alte Nowowiejski hatte ihn erkannt, ehe er sich genannt hatte;
auch Evchen hatte ihn erkannt, obwohl ihr Herz sich zusammenzog in
Entsetzen und Abscheu bei dem Anblick dieses gräßlichen Kopfes.
Das Mädchen verdeckte ihre Augen mit den Händen. Der Edelmann öffnete
die Lippen, begann vor Verwunderung mit den Augen zu blinzeln und
auszurufen: »Asya, Asya!«
»Den Ihr aufgezogen, dem Ihr Vater waret, und der unter Eurer
väterlichen Hand in Strömen Blutes ...«
Dem Edelmann stieg das Blut zu Kopfe: »Verräter,« sagte er, »vor dem
Gericht wirst du für deine Taten Rede stehen ... Natter!... ich habe
noch einen Sohn --«
»Und eine Tochter,« antwortete Asya, »um deretwillen du mich mit dem
Ochsenziemer tödlich geißeln ließest; und diese Tochter schenke ich
jetzt dem letzten meiner Knechte, damit sie ihm Dienerin zur Wollust
sei.«
»Feldherr, schenke sie mir!« rief plötzlich Adurowitsch.
»Asya, Asya, ich habe dich immer ...« schrie Evchen auf und stürzte zu
seinen Füßen nieder.
Aber er stieß sie von sich, und Adurowitsch faßte sie in seine Arme und
zog sie auf dem Fußboden zu sich hin. Herr Nowowiejski wechselte die
Farbe, und sein rotes Gesicht lief bläulich an. Die Fesseln knarrten an
seinen Händen, und seinen Lippen entrangen sich unverständliche Worte.
Asya erhob sich von seinen Fellen und schritt auf ihn zu, erst langsam,
dann immer schneller, wie ein wildes Tier, das sich auf seine Beute
stürzen will; endlich, als er ganz nahe herangekommen war, faßte er ihn
mit den zusammengekrallten Fingern seiner mageren Hand am Barte, mit
der anderen Hand schlug er ihn erbarmungslos auf Gesicht und Kopf.
Ein heiseres Gekrächz drang aus seiner Kehle. Endlich, als der Edelmann
zu Boden sank, kniete Asya auf seiner Brust nieder, und der helle Glanz
seines Messers durchzuckte plötzlich das Dämmerlicht des Zimmers.
»Erbarmung! Rettung!« schrie Evchen.
Aber Adurowitsch schlug sie auf den Kopf und legte dann seine breite
Hand auf ihren Mund; inzwischen hatte Asya Nowowiejski hingemordet.
Der Anblick war so entsetzlich, daß selbst den Tataren das Blut in den
Adern erstarrte; denn Asya hatte mit berechneter Grausamkeit das Messer
ganz langsam über die Kehle des unglücklichen Edelmannes geführt,
und dieser gurgelte und röchelte entsetzlich. Aus den offenen Adern
tröpfelte das Blut immer mächtiger auf die Hände des Mörders und floß
in Strömen auf den Fußboden. Endlich wurde das Röcheln und das Gurgeln
allmählich still, nur der Atem pfiff in der durchschnittenen Kehle, und
die Füße des Sterbenden schlugen in krampfhaften Zuckungen gegen den
Boden.
Asya stand auf. Sein Gesicht fiel jetzt auf das bleiche und süße
Gesichtchen Sophies, die tot zu sein schien, denn sie hing ohnmächtig
über den Armen des Tataren, -- und er sagte:
»Dieses Mädchen behalte ich für mich, bis ich es verschenke oder
verkaufe.« Dann wandte er sich an die Tataren:
»Und jetzt, sobald die Verfolger zurückkehren, geht's in die Lande des
Sultans.«
Die Verfolger kamen zwei Tage später zurück, aber mit leeren Händen,
und so zog denn der Sohn Tuhaj-Beys in die Lande des Sultans,
Verzweiflung und rasende Wut im Herzen, hinter sich einen grauen,
bläulichen Aschenhaufen zurücklassend.
Zehn bis zwölf ukrainische Meilen trennten jene Städte, durch welche
Bärbchen ihren Weg von Chreptiow nach Raschkow nahm, oder die ganze
Reise betrug, wenn man dem Dniestr folgte, etwa dreißig Meilen. Zwar
war man von dem Nachtlager noch vor Tag aufgebrochen und hatte nicht
Halt gemacht, ehe die Nacht eingetreten war -- und doch hatte der ganze
Marsch mit der Rastzeit, trotz der Schwierigkeiten, Übergänge und
Überfähren drei Tage gedauert. Da Bärbchen dies überdachte, rechnete
sie sich aus, daß der Rückweg, der Weg nach Chreptiow, ihr noch weniger
Zeit rauben müsse, besonders da sie ihn zu Pferde zurücklegte, und
da er doch eine Flucht bedeutete, in welcher die Rettung von der
Schnelligkeit abhing.
Aber schon am ersten Tage bemerkte sie, daß sie sich täusche, denn da
sie nicht den Dniestr entlang fliehen konnte, sondern Umwege durch die
Steppen machte, war sie genötigt, ungeheure Strecken zuzugeben, und
überdies konnte sie sich noch verirren; es war sogar wahrscheinlich,
daß sie sich verirrte.
Sie konnte auf versumpfte Flüsse stoßen, auf undurchdringliche
Waldesdickichte, auf Brüche, die selbst im Winter nicht froren,
auf Hindernisse von Mensch und Tier; und wenn sie auch die Absicht
hatte, die Nächte hindurch weiter zu reiten, so befestigte sich
doch unwillkürlich in ihr die Überzeugung, daß sie selbst bei einem
glücklichen Ausgang Gott weiß wann in Chreptiow ankommen werde.
Es war ihr gelungen, sich den Armen Asyas zu entreißen, aber was nun?
Gewiß war alles besser als diese schmachvollen Arme, und doch erstarrte
das Blut in ihren Adern zu Eis, wenn sie an das dachte, was sie jetzt
erwartete. Schonte sie das Pferd, so konnte sie eingeholt werden.
Die Lipker kannten diese Steppe wie ihre Tasche, und sich vor ihren
Augen, vor ihrer Verfolgung verbergen, war fast eine Unmöglichkeit.
Verfolgten sie doch sogar im Frühling und im Sommer ganze Tage hindurch
die Tataren, wenn die Pferdehufe nicht die geringsten Spuren im Schnee
oder in der weichen Erde zurückließen; sie lasen in der Steppe wie
in einem offenen Buche. Sie schweiften über diese Ebenen hin wie
Adler, sie verstanden in ihnen zu wittern wie Jagdhunde, das ganze
Leben ging ihnen hin unter Streifzügen. Vergeblich nahmen die Tataren
häufig ihren Weg zu Wasser, um keine Spur zurückzulassen -- die Kosaken,
die Lipker und Tscheremissen verstanden gerade so wie die polnischen
Steppenkämpfer sie aufzufinden, ihrer List mit List zu begegnen,
und so plötzlich hereinzubrechen, als seien sie aus dem Boden
herausgewachsen. Wie sollte man vor einem solchen Volke fliehen? Man
konnte sie nur so weit hinter sich lassen, daß die Entfernung selbst
die Verfolgung unmöglich machte. Aber in diesem Falle mußten die Pferde
zusammenbrechen.
Sicher mußten sie zusammenbrechen, wenn sie beständig wie bisher
angestrengt werden würden, dachte Bärbchen mit Entsetzen, wenn sie ihre
feuchten, dampfenden Seiten sah, und den Schaum, der in Bällen zu Boden
fiel.
Sie hemmte also von Zeit zu Zeit ihren Lauf und horchte auf; da vernahm
sie in jedem Wehen des Windes, in jedem Rauschen des Laubes, das auf
den Felsengraten wuchs, in dem trockenen Geräusch, mit welchem die
welken Stengel der Steppennesseln aneinanderschlugen, im Rauschen der
Flügel der vorübereilenden Vögel, selbst in der Stille der Wüste,
die in die Ohren klang, den Widerhall verfolgender Rosse. In ihrem
Schrecken gab sie wieder den Pferden die Sporen und eilte in rasendem
Laufe dahin, bis das Keuchen der Tiere ihr anzeigte, daß sie nicht
weiter konnten.
Die Bürde der Einsamkeit und der Ohnmacht lastete immer schwerer
auf ihr. Ach, wie fühlte sie sich verwaist, welch ein Leid, so groß
wie ungerecht, wuchs in ihrem Herzen gegen alle Menschen, gegen die
Nächsten und Teuersten, die sie so verlassen hatten!
Dann dachte sie wieder, daß Gott sie wohl strafe für ihre Begier
nach Abenteuern, für ihre Sucht, an allen Jagden, allen Kriegszügen
teilzunehmen gegen den Wunsch ihres Gatten, für ihre Ausgelassenheit
und Leichtfertigkeit, und bei diesen Gedanken weinte sie bitterlich,
hob das Auge zum Himmel, und wiederholte weinend:
»Strafe, aber verlaß' mich nicht, straf' Michael nicht, Michael ist
unschuldig!«
Inzwischen war die Nacht hereingebrochen, und mit ihr die Kühle
und Dämmerung, die Unsicherheit des Weges und erneute Unruhe. Die
Gegenstände begannen zu verschwimmen, sich gleichsam geheimnisvoll zu
beleben und gespensterhaft zu lauern. Die Unebenheiten an den Spitzen
der hohen Felsen sahen wie Köpfe aus, die spitze oder runde Mützen
trugen und die über Riesenmauern hinweg sich verneigten und schweigsam
und unhold ausschauten, wer wohl dort unten vorüberreite. Die Zweige
der Bäume, die der Wind hin und her schaukelte, nahmen menschliche
Bewegungen an; die einen nickten Bärbchen lockend zu, als wollten
sie ihr ein furchtbares Geheimnis anvertrauen, andere schienen zu
sprechen und zu warnen: Komm nicht heran! Die Bäume auf den Abhängen
sahen wie sprungbereite Ungeheuer aus. Bärbchen war mutig, sehr mutig,
aber wie alle Menschen jener Zeit abergläubisch; darum stand ihr, als
völlige Dunkelheit eingebrochen war, das Haar zu Berge, ein Schauer
durchrieselte ihren Körper bei dem Gedanken an die unreinen Mächte, die
diese Gegenden bewohnen konnten. Besonders fürchtete sie die Vampire.
Der Glaube an diese war in den Dniestrländern wegen der Nähe der Moldau
sehr verbreitet, und gerade diese Gegenden um Jampol und Raschkow herum
hatten einen schlechten Ruf. So viele Menschen schieden hier durch
unerwarteten Tod von der Welt, ohne Beichte, ohne Sündenvergebung.
Bärbchen rief sich alle Erzählungen ins Gedächtnis, die an den Abenden
in Chreptiow die Ritter zum besten gaben: von den Talschluchten, aus
welchen bei Windeswehen plötzlich Stöhnen erklang: Jesus, Jesus!, von
den neckenden Flammen, aus denen es schnarchte, -- von den lachenden
Felsen, von den blassen Kindern mit grünen Augen und ungeheuerlichen
Köpfen, welche baten, sie mit aufs Pferd zu nehmen, und die dann dem
Reiter das Blut aussogen, endlich von den Köpfen ohne Rumpf, die auf
Spinnenfüßen einhergingen, und von den schrecklichsten all' dieser
Schrecknisse, den ausgewachsenen Vampiren, oder den im Welschen
sogenannten Brukolaken, die ohne weiteres die Menschen anfielen.
Sie machte das Zeichen des Kreuzes so lange, bis ihre Hand müde war,
und dann sprach sie die Litanei, denn durch keine andere Waffe konnte
man die unreinen Mächte abwehren. Mut gaben ihr die Pferde, die keine
Furcht verrieten und fröhlich wieherten. Von Zeit zu Zeit klopfte sie
mit der Hand den Nacken ihres Apfelschimmels, als wollte sie sich auf
diese Weise überzeugen, daß sie sich in der wirklichen Welt befinde.
Die Nacht, die anfangs sehr finster gewesen war, wurde allmählich
heller, und endlich schimmerten die Sterne durch die dünnen Nebel. Für
Bärbchen war dies ein ungewöhnlich günstiger Umstand, denn erstens
nahm ihre Angst ab, und dann konnte sie, wenn sie den Großen Wagen im
Auge behielt, auf den Norden zureiten, in der Richtung nach Chreptiow.
Sie schaute sich in der Gegend um und berechnete, daß sie sich schon
bedeutend vom Dniestr entfernt haben müsse, denn es gab hier weniger
Felsen, das Land hatte eine größere Ausbreitung, es waren mehr mit
Eichen bestandene Hügel und weit ausgedehnte Ebenen vorhanden.
Doch mußte sie immer wieder durch Schluchten, und jedesmal entstand
neue Angst in ihrem Herzen, denn in der Tiefe war es dunkel, und eine
strenge, durchdringende Kälte lagerte unten. Manche Täler waren so
abschüssig, daß sie umgangen werden mußten, und das verursachte großen
Verlust an Zeit und eine Erschwerung des Weges.
Schlimmer noch war es mit den Strömen und Flüßchen, die ein ganzes
Netz bildeten vom Osten zum Dniestr hin. Alle waren vom Eise frei, und
die Pferde wieherten furchtsam, wenn sie in der Dunkelheit durch ein
Wasser wateten, dessen Tiefe sie nicht kannten. Bärbchen setzte nur
an den Stellen über, wo ein ausgedehntes Ufer vermuten ließ, daß das
breite Wasser flach sei; in den meisten Fällen war es auch so, zuweilen
aber reichte das Wasser bis zur Hälfte der Pferdeleiber; dann kniete
Bärbchen nach Soldatenart auf der Satteldecke, hielt sich mit den
Händen an dem Vorderknauf und bemühte sich, die Füße nicht ins Wasser
tauchen zu lassen. Aber dies gelang ihr nicht vollkommen, und bald
erfaßte sie von Fuß bis Kopf eine empfindliche Kälte.
»Wenn mit Gottes Hilfe der Tag kommt, reite ich schneller vorwärts,«
wiederholte sie immer wieder.
Endlich gelangte sie auf eine große Ebene, die von einem dünnen Walde
bestanden war, und da sie sah, daß die Pferde kaum noch vorwärts
konnten, machte sie Halt und rastete. Beide Renner streckten alsbald
die Hälse gegen den Boden, setzten einen der Vorderfüße vor und
begannen begierig das Moos und welke Gras aufzukratzen. Im Walde
herrschte vollkommene Ruhe, die nur das hörbare Schnaufen der Pferde
und das Knistern des Grases in ihren Mäulern unterbrach.
Nachdem sie den ersten Hunger gestillt oder richtiger getäuscht hatten,
zeigten beide Pferde offenbar Lust, sich hinzustrecken; aber Bärbchen
konnte dem nicht willfahren, sie wagte nicht einmal, die Zügel aus der
Hand zu lassen und selbst abzusitzen, denn sie wollte jeden Augenblick
zur weiteren Flucht bereit sein.
Sie bestieg aber Asyas Pferd, denn ihr Apfelschimmel trug sie schon
seit der letzten Rast, und obwohl er tüchtiges, edles Blut in den
Adern hatte, war er doch zarter als Asyas Tatarenpferd. Nachdem sie
dies getan, empfand sie Hunger; ihren Durst hatte sie wiederholt bei
den Übergängen über die Flüsse löschen können. Sie begann nun von
dem Samen zu essen, von dem sie ein Beutelchen voll an Tuhaj-Beys
Satteldecke gefunden hatte. Er schmeckte ihr sehr gut, wenn auch
ein wenig bitter, sie aß also und dankte Gott für diese unerwartete
Stärkung. Aber sie aß sparsam, damit er bis Chreptiow ausreiche.
Dann schloß der Schlaf mit unüberwindlicher Macht ihre Lider; aber
gleichzeitig ging, als die Bewegung des Pferdes sie nicht mehr
erwärmte, eine empfindliche Kälte durch ihren ganzen Körper. Ihre
Füße waren vollkommen erstarrt, sie fühlte eine unendliche Ermattung,
besonders im Kreuz und in den Armen, welche durch das Ringen mit Asya
überangestrengt waren. Eine große Schwäche erfaßte sie, und ihre Augen
schlossen sich. Nach einer Weile öffnete sie dieselben mit großer
Kraftanstrengung.
»Nein, am Tage, während des Reitens will ich schlafen,« dachte sie,
»denn wenn ich jetzt einschlafe, so erfriere ich.«
Aber ihre Gedanken wurden immer unklarer, gingen immer mehr einer
in den anderen über und führten ihr wirre Bilder vor die Seele, in
welchen die Wüste, die Flucht und die Verfolgung, Asya, der kleine
Ritter, Evchen und die letzten Ereignisse sich vermischten, -- es war
ein Traum im halben Wachen. Alles das floh gleichsam vorwärts wie eine
Woge, die der Wind peitscht, und sie, Bärbchen, eilte mit, ohne Angst,
ohne Freude, als müsse sie mit. Asya schien sie zu verfolgen, und
gleichzeitig sprach er mit ihr und machte sich Sorge um die Pferde;
Sagloba zürnte, daß das Abendbrot kalt werde, Michael zeigte ihr den
Weg, und Evchen fuhr hinter ihnen her im Schlitten und aß Datteln.
Dann vermischten sich die Bilder dieser Personen immer mehr, als
umschleiere sie ein nebliger Vorhang oder die Dämmerung, und allmählich
schwanden sie ganz. Es blieb nur eine seltsame Finsternis, die der
Blick nicht durchdrang, und die ins Unendliche zu gehen schien; überall
drang sie hinein, selbst bis in Bärbchens Köpfchen und verlöschte alle
Gesichte, alle Gedanken, wie das Wehen des Windes die Fackeln löscht,
die in der Nacht in freier Luft brennen.
Bärbchen schlief ein; aber zum Glück erweckte sie, noch ehe die Kälte
das Blut in ihren Adern erstarren ließ, ein ungewöhnlicher Lärm. Die
Pferde rissen sich plötzlich los, -- es war offenbar in der Wüste
etwas Außerordentliches geschehen. Bärbchen gewann im Augenblick die
Geistesgegenwart wieder, ergriff Asyas Muskete und horchte über das
Pferd geneigt mit gespannter Aufmerksamkeit. Sie war eine so geartete
Natur, daß jede Gefahr im ersten Augenblick Wachsamkeit, Mut und
Kampfbereitschaft in ihr weckte.
Diesmal beruhigte sie sich sogleich wieder; die Stimmen, die sie
erweckt hatten, waren nichts anderes als das Grunzen von Wildschweinen.
Mochten die Wölfe die Frischlinge überschleichen, oder die Schweine
sich um die Bachen[L] streiten -- die ganze Wüste hallte plötzlich von
dem Lärm wieder. Das Getöse war sicherlich in weiter Ferne, aber in
der nächtlichen Stille und dem allgemeinen Frieden schien es so nah,
daß Bärbchen nicht nur das Grunzen und Quieken hörte, sondern auch
das laute Pfeifen der mächtig atmenden Rüssel. Plötzlich ertönte ein
Knattern, ein Knistern durchbrochener Sträucher, und ein ganzes Rudel
jagte, wenn auch für Bärbchen unsichtbar, in der Nähe vorüber und
tauchte in das Dunkel der Wüste.
In dem unverbesserlichen Bärbchen schlug, trotz ihrer trostlosen Lage,
auf einen Augenblick die Ader des Jägers, und es tat ihr leid, daß sie
dies vorübereilende Rudel nicht gesehen hatte.
»Ich hätte doch ein wenig zuschauen können,« sagte sie zu sich, »von
hier aber ist nichts zu sehen. Wenn ich in den Wald hineinreite, werde
ich vielleicht noch etwas erspähen können.«
Erst nach dieser Erwägung fiel es ihr ein, daß es besser sei, nichts zu
sehen und so schnell als möglich davonzukommen, und so setzte sie ihren
Weg fort. Sie konnte auch nicht länger auf der Stelle stehen, schon
darum nicht, weil die Kälte immer empfindlicher wurde, und die Bewegung
der Pferde sie stark erwärmte, ohne sie verhältnismäßig zu ermüden.
Die Pferde aber, die nur ein wenig Moos und erfrorenes Gras erwischt
hatten, gingen unwillkürlich und mit gesenktem Kopf vorwärts. Der Reif
hatte ihnen die Seiten bedeckt, als sie standen, und sie schienen kaum
die Füße vorwärts zubringen; trotzdem ging es seit der Mittagsrast fast
ohne Unterbrechung weiter.
Bärbchen ritt über die Heide hin, die Augen auf den Großen Wagen
geheftet, immer tiefer in die Wüste hinein, die nicht allzu dicht
war, aber hügelig und von engen Rissen durchschnitten. Es wurde auch
immer finsterer, nicht nur infolge des Schattens, den die laubreichen
Bäume warfen, sondern auch, weil Ausdünstungen dem Boden entstiegen
und die Sterne verdeckten. Sie mußte auf gut Glück weiter reiten. Nur
die Felsenrisse gaben Bärbchen einen Fingerzeig dafür, daß sie in der
gewünschten Richtung vorwärts komme, denn das wußte sie, daß sie alle
von Osten nach dem Dniestr zu verliefen, daß sie also, indem sie einen
nach dem anderen überwand, in der Richtung nach Norden reite. Und
doch dachte sie, daß trotz dieses Wegweisers ihr immer die zu große
Entfernung oder eine allzu große Annäherung zu ihm drohe; eines wie
das andere konnte gefährlich werden, denn im ersten Falle hätte sie
ein ungeheures Stück Weges zuviel gemacht, im entgegengesetzten konnte
sie nach Jampol gelangen und dort in die Hände des Feindes fallen. Ob
sie sich aber noch vor Jampol befand, ob sie gerade auf seiner Anhöhe
stand, ob es schon hinter ihr lag -- davon hatte sie nicht die geringste
Vorstellung.
»Eher schon werde ich wissen, wenn ich Mohylow hinter mir habe,« sagte
sie sich, »denn dies liegt in einer großen, breiten Schlucht, die ich
vielleicht erkennen werde.«
Dann blickte sie zum Himmel empor und dachte:
»Hilft mir Gott nur erst über Mohylow hinaus, dort beginnt Michaels
Herrschaft, dort schreckt mich nichts mehr.«
Die Nacht wurde immer dunkler; zum Glück lag hier auf dem Boden des
Waldes schon Schnee, auf dessen weißem Grunde man die dunklen Stämme
der Bäume, die niedrigen Äste erkennen konnte, um sie zu vermeiden;
aber Bärbchen mußte langsamer reiten, und wieder fiel ihre Seele die
Furcht vor den unreinen Mächten an, die zu Beginn der Nacht ihr Blut zu
Eis hatten gerinnen lassen.
»Wenn ich unten Augen leuchten sehe,« sagte sie zu ihrem erschreckten
Herzen, »so bedeutet das nichts, das ist ein Wolf; sehe ich sie aber in
Menschenhöhe ...«
In diesem Augenblick schrie sie laut auf.
»Im Namen des Vaters und des Sohnes!«
War es Täuschung oder war es eine wilde Katze, die auf einem Äste saß,
genug, Bärbchen sah deutlich ein Paar glänzender Augen in der Höhe
eines Menschen.
Vor Angst gingen ihr die Augen über. Als sie wieder klar sehen konnte,
war nichts mehr da; nur ein Geräusch ließ sich zwischen den Zweigen
hören, ihr Herz pochte so laut in der Brust, als wollte es seine Wände
sprengen. Und so ritt sie weiter ohne Ende, ohne Ziel, und sehnte das
Tageslicht herbei. Die Nacht zog sich unendlich in die Länge. Bald
verlegte ihr wieder ein Fluß den Weg. Bärbchen war schon ziemlich
weit hinter Jampol am Ufer der Rosawa; aber sie wußte nicht, wo sie
sich befand und vermutete nur, daß sie sich beständig nach Norden
fortbewege, da sie wieder auf einen neuen Fluß gestoßen war. Die Nacht
mußte bald ihr Ende erreicht haben, denn die Kühle nahm beständig zu;
es trat offenbar Frost ein, der Nebel senkte sich, und die Sterne
zeigten sich wieder, nur blasser und in einem unsicheren Lichte
flimmernd.
Endlich begann die Dunkelheit allmählich zu bleichen, die Stämme, die
Äste und Zweige traten immer deutlicher aus dem Dunkel hervor, im Walde
herrschte vollkommene Stille -- es war Tag.
Nach kurzer Zeit konnte Bärbchen schon die Farbe der Pferde
unterscheiden. Endlich zeigte sich im Osten ein lichter Streifen, ein
schöner, heller Tag war angebrochen.
Bärbchen empfand eine unendliche Müdigkeit; ihre Lippen öffneten sich
zu unterbrochenem Gähnen, und ihre Augen fielen zu. Bald schlief sie
fest ein, aber nur auf kurze Zeit, denn ein Zweig, an den sie ihren
Kopf stieß, weckte sie wieder auf. Zum Glück gingen die Pferde sehr
langsam, während des Schreitens nach Moos suchend, darum war der Schlag
ein so leichter, daß er ihr keinen Schaden zufügte. Die Sonne war schon
emporgestiegen, und ihre blassen, freundlichen Strahlen fielen durch
die blattlosen Zweige. Bei ihrem Anblick erfüllte Bärbchens Herz neuer
Mut; schon lag zwischen ihr und ihren Verfolgern eine große Strecke,
so viele Berge, Schluchten, die ganze Nacht. »Wenn mich nur die Leute
hinter Jampol oder Mohylow nicht fassen, jene dort holen mich gewiß
nicht mehr ein,« sagte sie sich. Sie rechnete auch damit, daß sie im
Anfang ihrer Flucht über felsigen Boden geritten war, auf dem die Hufe
keine Spuren zurückließen. Aber bald erfaßte sie wieder Verzweiflung.
Die Lipker finden die Spur auch auf Felsen und Steinen, und es lag
nahe, daß sie diese wütend verfolgen würden, wenn ihnen nicht etwa
die Pferde fielen. Diese letztere Vermutung war sehr wahrscheinlich;
Bärbchen brauchte ja nur ihre Pferde anzusehen, der Apfelschimmel
wie das Tatarenpferd hatten eingefallene Seiten, gesenkte Häupter,
einen erloschenen Blick. Während sie dahinschritten, hielten sie
beständig die Köpfe zu Boden geneigt, um etwas Moos zu erhaschen, oder
sie erfaßten im Vorübergehen das rötliche Laub, das hier und da auf
niedrigen Eichensträuchern welkte. Sie wurden wohl auch vom Fieber
gequält, denn bei allen Flußübergängen tranken sie begierig.
Trotzdem trieb Bärbchen, da sie wieder auf das freie Feld zwischen zwei
Wäldchen gelangt war, die müden Rosse an und jagte so einem anderen
Wäldchen entgegen.
Als sie auch dieses durchritten hatte, kam sie auf eine zweite Heide,
die noch größer, noch hügeliger war. Hinter den Hügeln, in einer
Entfernung von etwa einer Viertelmeile, sah sie Rauch, der wie eine
Fichte schnurstracks gen Himmel stieg. Es war der erste bewohnte Ort,
den Bärbchen antraf, denn im übrigen war dieses Land, mit Ausnahme des
Uferstrichs, eine Wüste, oder vielmehr es war in eine Wüste verwandelt
worden, nicht bloß infolge der Tatareneinfälle, sondern auch durch
die ununterbrochenen polnisch-kosakischen Kriege. Nach dem letzten
Kriegszug Tscharniezkis, dem Buscha zum Opfer gefallen war, waren die
Städtchen zu elenden Flecken herabgesunken, die Dörfer mit jungem
Wald bewachsen, und seit diesen Zeiten hatte es noch so viele Kriege,
so viele Schlachten, so viele Metzeleien gegeben bis in die letzten
Tage, in welchen der große Sobieski diese Lande dem Feinde entrissen
hatte. Schon begann sich wieder Leben anzusiedeln, aber die Strecke,
welche Bärbchen ritt, war besonders öde, nur Räuber hausten hier; aber
auch diese hatten die Kommandos, die in Raschkow, Jampol, Mohylow und
Chreptiow standen, schon beinahe ganz aufgerieben.
Bärbchens erster Gedanke beim Anblick dieser Rauchsäule war, auf sie
zuzureiten, eine Ansiedelung, eine Hütte oder auch nur einen einfachen
Herd zu finden, sich zu erwärmen und zu stärken. Aber bald schoß es ihr
durch den Kopf, daß es in dieser Gegend besser sei, einer Herde Wölfe
als Menschen zu begegnen; die Menschen waren hier wilder, furchtbarer
als die Tiere, es war ratsamer, die Pferde anzutreiben und die
Niederlassung zu umgehen, denn hier konnte sie nur der Tod erwarten.
Am äußersten Saume des gegenüberliegenden Waldes bemerkte Bärbchen
einen kleinen Heuschober; sie machte Halt, um die Pferde zu füttern.
Diese fraßen begierig, indem sie die Köpfe bis über die Ohren in den
Schober hineintauchten und ganze Strähnen Heu herauszogen. Zwar störten
sie die Zügel sehr, aber Bärbchen wollte sie nicht davon befreien, da
sie ganz richtig erwog:
»Dort, wo der Rauch aufsteigt, muß eine Ansiedelung sein, und da hier
ein Heuschober steht, müssen in der Ansiedelung Pferde gehalten werden,
mit denen man mich verfolgen könnte; darum heißt es, bereit sein.«
Sie brachte bei dem Heuschober eine Stunde zu, so daß die Pferde sich
tüchtig stärkten; sie selbst aß von ihren Samenkörnern. Dann ritt
sie weiter. Sie war kaum eine Strecke Wegs vorwärts gelangt, als sie
plötzlich zwei Menschen vor sich gewahrte, die auf ihren Schultern
Bündel von Reisig trugen.
Der eine war ein Mann in mittleren Jahren, pockennarbig und schielend,
ein häßlicher, entsetzlicher Mensch mit einem furchtbaren, tierischen
Gesichtsausdruck. Der andere, ein junger Bursche, war gestörten
Geistes. Man konnte das auf den ersten Blick an seinem blöden Lachen
und seinem irrenden Blick erkennen.
Beide erschraken bei dem Anblick der Reiterin und der Waffen und warfen
ihre Reisigbündel zu Boden; aber das Zusammentreffen war so plötzlich,
und sie standen einander so nahe, daß sie nicht fliehen konnten.
»Gelobt sei Gott,« rief Bärbchen, »in alle Ewigkeit, Amen! -- Wie heißt
die Ansiedelung dort?«
»Wie sollte sie heißen? Eine Hütte ist es.«
»Ist es weit nach Mohylow?«
»Wir wissen nicht.« Hier blickte der Alte aufmerksam Bärbchen ins
Gesicht; da sie männliche Kleidung trug, hielt er sie für einen Knaben,
und alsbald zeigte sein Gesicht an Stelle des ersten Schreckens
Frechheit und Wildheit.
»Was seid Ihr so jung, Herr Ritter!« sagte er in kleinrussischer
Mundart.
»Was geht das Euch an!«
»Und Ihr reitet so allein?« fragte der Bauer und näherte sich um einen
Schritt.
»Das Heer folgt mir.«
Der Bauer blieb stehen, warf einen Blick über die weite Ebene und sagte:
»Das ist nicht wahr, man sieht niemand.«
Und er kam noch ein paar Schritte näher heran. Seine schielenden Augen
blitzten auf, zugleich verzog er die Lippen und begann den Ruf der
Wachtel nachzuahmen, offenbar, um auf diese Weise jemand heranzurufen.
All' dies schien Bärbchen gefahrdrohend; sie hielt ihm unverzüglich das
Terzerol vor die Brust.
»Schweig, sonst stirbst du!«
Der Bauer verstummte, ja noch mehr, er warf sich sofort seiner ganzen
Länge nach auf den Boden, dasselbe tat der blödsinnige Knabe und heulte
dabei vor Schrecken wie ein Wolf. Vielleicht war vor Zeiten sein Geist
durch einen Schrecken umnachtet worden, denn sein Heulen klang jetzt
furchtbar und entsetzlich.
Bärbchen gab den Pferden die Sporen und schoß dahin wie ein Pfeil.
Zum Glück war der Wald frei von Jungholz, und die Bäume standen nicht
dicht; bald zeigte sich ihr auch eine neue schmale, aber sehr lange
Ebene. Die Pferde hatten durch die Rast am Heuschober neue Kräfte
gewonnen und jagten wie der Wind dahin.
»Sie werden auf das Haus zueilen, die Pferde besteigen und mich
verfolgen,« dachte Bärbchen.
Nur das tröstete sie, daß die Pferde rüstig vorwärts gingen, und daß
von der Stelle, an der sie die Menschen getroffen hatte, bis zur
Ansiedelung eine ziemliche Entfernung war.
»Ehe sie zur Hütte gelangen und die Pferde heraus führen, habe ich,
wenn ich so weiter reite, eine oder zwei Meilen Vorsprung.«
Wirklich war es so, und als einige Stunden verflossen waren, und
Bärbchen sich überzeugt hatte, daß sie nicht verfolgt werde, ritt
sie langsamer. Ein großer Schrecken, eine große Niedergeschlagenheit
überkam ihr Herz, und in die Augen traten ihr gewaltsam Tränen.
Diese Begegnung hatte ihr gezeigt, wie die Menschen in diesen
Gegenden waren, und was man von ihnen erwarten dürfe. Zwar war ihr
das nicht überraschend, sie wußte aus eigener Erfahrung, und aus den
Erzählungen in Chreptiow, daß die früheren ruhigen Ansiedler diese
Wüsten verlassen oder daß sie der Krieg aufgerieben hatte, und daß die,
welche zurückgeblieben waren, in beständiger Furcht vor dem Kriege
inmitten der furchtbaren Stürme im Innern und der Tatareneinfälle in
Verhältnissen lebten, in welchen der Mensch für den Nebenmenschen ein
Wolf war, ohne Kirche, ohne Glauben, ohne andere Beispiele als Mord
und Brand, kein anderes Gesetz kennend, als das Recht der Faust, der
alle menschlichen Empfindungen abgestreift hatte, und wie das Getier
des Waldes verwildert war. Bärbchen wußte das wohl, und doch sucht der
einsame Mensch, der in der Wüste verirrt ist, unter dem Drucke von
Hunger und Kälte unwillkürlich zunächst Hilfe bei den ihm verwandten
Wesen. So war es auch ihr ergangen. Da sie Rauch erblickte, der ihr die
Wohnstatt von Menschen ankündigte, wollte sie, der ersten Empfindung
des Herzens folgend, unwillkürlich dorthin eilen, die Bewohner mit dem
Namen Gottes begrüßen, und unter ihrem Dache das müde Haupt bergen.
Indessen hatte die entsetzliche Wirklichkeit ihr gleich die Zähne
gezeigt wie ein toller Hund, darum floß ihr das Herz von Bitterkeit
über, und Tränen des Leids und der Enttäuschung drängten sich in ihre
Augen.
»Von nirgends Hilfe als von Gott,« dachte sie, »wenn ich doch keine
Menschen mehr träfe!«
Dann überlegte sie, warum der Bauer wohl der Wachtel habe nachahmen
wollen. Sicher waren in der Nähe noch andere Menschen, und er wollte
sie heranrufen. Es kam ihr in den Sinn, daß sie auf dem Schleichwege
von Räubern sei, die sich offenbar, nachdem sie aus den Uferschluchten
verjagt waren, in die Wüste geflüchtet, die tiefer im Lande lag, wo
ihnen die Nachbarschaft der breiten Steppen größere Sicherheit und eine
leichtere Flucht in der Not gewährte.
»Was nun,« fragte sich Bärbchen, »wenn ich auf Räuber in größerer Zahl
stoße? Die Muskete -- das ist einer, die beiden Terzerole -- zwei, der
Säbel vielleicht noch zwei; wenn ihrer aber noch mehr sind, so sterbe
ich eines jämmerlichen Todes.«
Wie sie vorher in den Schrecknissen der Nacht gewünscht hatte, daß es
so schnell als möglich Tag werde, schaute sie jetzt sehnsüchtig nach
der Dämmerung aus, die sie leichter vor bösen Blicken verbergen konnte.
Noch zweimal kam sie während ihres langen Rittes in der Nähe von
Menschen vorüber, einmal erblickte sie am Saume einer Hochebene eine
Anzahl Hütten; vielleicht wohnten darin gar nicht Räuber von Handwerk,
aber sie zog es vor, sie in Eile zu umgehen, denn sie wußte, daß auch
die Landleute nicht um vieles besser waren als die Räuber. Das andere
Mal schlug an ihr Ohr der Widerhall von Äxten, die Holz bearbeiteten.
Endlich bedeckte die ersehnte Nacht die Erde. Bärbchen war schon so
ermattet, daß sie sich sagte, als sie auf die freie, waldlose Steppe
hinausgelangte: »Hier werde ich mich nicht an Bäumen stoßen, ich will
also einschlafen, wenn ich auch erfrieren sollte.«
Als sie die Augen geschlossen hatte, schien ihr, als sähe sie in
weiter, weiter Ferne auf dem weißen Schnee schwarze Punkte, die sich
nach verschiedenen Richtungen hin bewegten. Noch überwand sie eine
Weile den Schlaf. »Das sind gewiß Wölfe,« sagte sie leise.
Als sie aber einige Schritte vorwärts gekommen war, verschwanden die
Punkte, und sie schlief bald so fest ein, daß sie erst erwachte, als
Asyas Tatarenpferd, auf dem sie saß, laut aufwieherte.
Sie sah sich rings um. Sie befand sich am Saume eines Waldes und war
zur rechten Zeit erwacht, sonst hätte sie einen Schlag gegen den Kopf
erhalten.
Plötzlich bemerkte sie, daß das zweite Pferd nicht bei ihr war.
»Was ist geschehen?« rief sie in großer Angst aus.
Es war etwas sehr einfaches geschehen. Bärbchen hatte zwar den Zaum
des Schimmels an die Satteldecke gebunden auf der sie saß, aber ihre
erstarrten Hände hatten den Dienst versagt und nicht vermocht, den
Knoten fest zu schlingen; so hatte sich der Zaum gelöst, und das
erschöpfte Tier war zurückgeblieben, um unter dem Schnee Nahrung zu
suchen oder sich niederzulegen.
Zum Glück hatte Bärbchen ihre Terzerole nicht in den Holftern, sondern
im Gurt; auch das Pulverhorn und das Beutelchen mit dem Rest der
Samenkörner hatte sie bei sich, und am Ende war das Unglück nicht allzu
groß, denn wenn auch Asyas Pferd in der Schnelligkeit dem Apfelschimmel
nachstand, so übertraf es ihn doch an Ausdauer. Bärbchen war es leid um
das Pferd, und im ersten Augenblick beschloß sie, es zu suchen.
Nur das eine verwunderte sie, als sie sich in der Steppe umsah, daß sie
es überhaupt nicht erblicken konnte, obwohl die Nacht sehr hell war.
»Nun,« dachte sie, »es ist gewiß nicht weiter gegangen und hat sich in
eine Vertiefung gelegt, darum sehe ich es nicht.«
Das Tatarenpferd wieherte von neuem, schüttelte sich dabei und ließ die
Ohren über den Nacken hängen; aber von der Steppe her ward ihm keine
Antwort.
»Ich will zurückreiten und es suchen,« sagte Bärbchen.
Schon hatte sie das Pferd umgewandt, als eine plötzliche Angst sie
erfaßte; es war ihr, als riefe eine menschliche Stimme: Kehre nicht um,
Bärbchen!
Und in diesem Augenblick wurde die Stille durch andere, unheilvolle
Stimmen unterbrochen, die ganz in der Nähe gleichsam aus dem
Boden drangen. Heulen, Schnarchen, Stöhnen, Seufzen, endlich ein
entsetzlicher, kurzer, abgerissener Aufschrei ... Alles das war um so
grauenerregender, als man in der Wüste nichts sah. Bärbchen lief ein
kalter Schweiß über den ganzen Körper, und ihren erfrorenen Lippen
entrang sich der Schrei:
»Was ist das, was ist geschehen!«
Sie erriet zwar bald, daß die Wölfe über ihr Pferd hergefallen seien,
aber sie konnte nicht begreifen, warum sie das nicht sehe, da es doch,
nach den Stimmen zu schließen, in einer Entfernung von nicht mehr als
fünfhundert Schritten geschehen sein mußte.
Aber es war bereits zu spät, zu Hilfe zu eilen, denn das Pferd war
gewiß schon zerfleischt, und dann mußte sie auch an die eigene Rettung
denken. Sie feuerte einen Schuß aus dem Terzerol ab, um die Tiere
zu erschrecken und machte sich weiter auf den Weg. Nun kam ihr der
Gedanke, daß es vielleicht nicht Wölfe gewesen seien, die ihr Pferd
überfallen hatten, da die Stimmen wie unterirdisch klangen. Es überlief
sie eiskalt; als sie aber noch nachsann, erinnerte sie sich, daß es
ihr im Schlafe gewesen sei, als ritte sie erst einen Berg hinab, dann
wieder hinauf.
-- Ja, so war es, sagte sie, so war es. Ich bin schlafend quer durch
eine mäßig abschüssige Schlucht geritten; dort ist mein Schimmel
geblieben, und dort haben ihn die Wölfe überfallen.
Der Rest der Nacht ging ohne Abenteuer hin. Das Tatarenpferd, das am
vergangenen Morgen Heu gefressen hatte, ging sehr ausdauernd, so daß
Bärbchen seine Rüstigkeit bewunderte. Es war ein sogenannter »Wolf« von
großer Schönheit und fast grenzenloser Ausdauer. Während der kurzen
Ruhepause, die Bärbchen machen mußte, fraß es alles ohne Wahl, Moos,
Blätter und selbst die Rinde von den Bäumen, und ging ruhig seinen Weg.
In der freien Ebene ließ Bärbchen es schneller laufen; dann keuchte es
ein wenig und atmete lauter, blieb stehen, schöpfte Luft, schüttelte
sich, ließ den Kopf vor Müdigkeit sinken -- aber es fiel nicht. Der
Apfelschimmel hätte, wenn er auch nicht unter den Zähnen der Wölfe sein
Ende gefunden, einen solchen Ritt nicht ausgehalten.
Am anderen Morgen berechnete Bärbchen, nachdem sie ihr Gebet
gesprochen, die Zeit.
-- Asyas Armen habe ich mich am Donnerstag Mittag entrissen -- sagte
sie -- und bin ohne Aufenthalt bis in die Nacht geritten, dann ist
unterwegs eine Nacht vergangen, dann der ganze Tag, dann wieder eine
Nacht, und heute hat der dritte Tag begonnen. Die Verfolger müssen
längst umgekehrt sein, und Chreptiow kann nicht mehr fern sein, denn
ich habe doch die Pferde nicht geschont.
Und nach einer Weile fügte sie hinzu:
-- O, es ist Zeit, schon lange Zeit, Herr Gott, erbarme dich meiner! --
Manchmal erfaßte sie der Wunsch, in die Nähe des Flusses zu reiten,
denn am Ufer hätte sie eher erkannt, wo sie war; aber die Furcht hielt
sie davon ab, denn sie wußte, daß fünfzig Lipker von Asyas Leuten bei
Herrn Gorschenski in Mohylow zurückgeblieben waren, und sie konnten
vielleicht, da sie im weiten Bogen herumgeritten waren, noch nicht bei
Mohylow vorbeigekommen sein. Unterwegs hatte sie, soweit der Schlaf
ihre Augen nicht geschlossen hielt, sorgfältig darauf geachtet, ob sie
nicht auf eine ausgedehnte Talschlucht stoße, ähnlich der, in welcher
Mohylow lag, aber sie hatte nichts derartiges bemerkt. Die Schlucht
konnte auch enger erscheinen und ganz anders bei Mohylow beschaffen
sein, als tiefer im Lande, genug, Bärbchen hatte nicht die geringste
Vorstellung davon, wo sie sich befinde.
Sie bat nur unaufhörlich Gott, es möchte schon in der Nähe sein,
denn sie empfand, daß sie nicht länger die Mühe, die Kälte, die
Schlaflosigkeit und den Hunger ertragen könne. Seit drei Tagen
lebte sie nur von Samenkörnern, und obgleich sie sehr sparsam damit
umgegangen war, war doch das letzte Körnchen heute morgen verzehrt, und
der Beutel leer.
Nun konnte sie sich nur durch die Hoffnung stärken und erwärmen, daß
Chreptiow in der Nähe sei. Sonst erhielt sie nur ein beständiges Fieber
warm. Bärbchen fühlte, daß sie fiebere, denn obgleich es immer kälter
wurde, ja sogar Frost herrschte, glühten ihre Hände und Füße, die zu
Anfang ihrer einsamen Reise starr gewesen waren, und ein furchtbarer
Durst plagte sie.
-- Wenn ich nur nicht das Bewußtsein verliere, sprach sie zu sich, wenn
ich wenigstens mit dem letzten Atemzug nach Chreptiow gelange und
Michael sehe, dann geschehe Gottes Wille ...
Immer wieder mußte sie über zahlreiche Ströme und Bäche setzen; aber
sie waren entweder flach oder zugefroren. In manchen floß oberhalb
Wasser, und unten war hartes, festes Eis. Am meisten aber fürchtete sie
die Übergänge deshalb, weil auch ihr Tatarenpferd, so unerschrocken es
sonst war, eine sichtliche Angst zeigte. Wenn es in das Wasser oder
auf das Eis trat, schnob es, senkte die Ohren, blieb oft stehen und
schritt dann, wenn es angetrieben wurde, vorsichtig, langsam Fuß vor
Fuß setzend, und mit aufgeblähten Nüstern witternd.
Es war schon weit gegen Mittag, als Bärbchen durch einen dicht
bestandenen Wald ritt und an einem Fluße Halt machte, der um ein
bedeutendes breiter als die anderen war. Nach ihrer Annahme konnte
dies die Latwa oder der Kaluschik sein. Bei diesem Anblick pochte ihr
Herz freudig, denn Chreptiow konnte nicht mehr fern sein. Und selbst
wenn Bärbchen es umging, konnte sie sich als gerettet betrachten,
denn dort war das Land bewohnt, und die Menschen nicht mehr so zu
fürchten. Der Fluß hatte, soweit Bärbchens Auge reichte, abschüssige
Ufer; nur an einer Stelle war eine Furt. Das vom Eise gebannte Wasser
war übergetreten und ergoß sich flach wie in einem breiten Gefäß; die
Ufer waren vollkommen gefroren. In der Mitte zog sich ein breiter
Wasserstreifen hin; Bärbchen hoffte aber, unter ihm, wie gewöhnlich,
Eis zu finden.
Das Pferd schritt widerstrebend wie bei jedem Flußübergang mit
vorgeneigtem Nacken vorwärts und beroch den Schnee, der vor ihm lag.
Als Bärbchen an den Wasserstreifen gelangte, kniete sie nach ihrer
Gewohnheit auf der Satteldecke und hielt sich mit beiden Händen an dem
Vorderknauf.
Das Wasser plätscherte unter den Hufen, und wirklich lag hartes Eis
darunter; die Hufe schlugen hinein wie in Gestein, aber die Eisen waren
durch den langen, an vielen Stellen felsigen Weg stumpf geworden,
das Pferd glitt aus, die Kräfte versagten, und plötzlich stürzte es
nach vorn, so daß sein Maul unter das Wasser kam. Es raffte sich auf,
fiel wieder zurück, machte noch einen Versuch, sich aufzurichten, und
warf sich endlich geängstigt hin und her, verzweifelt mit den Hufen
schlagend. Bärbchen riß am Zügel, aber zugleich vernahm sie ein dumpfes
Krachen, und die Vorderfüße des Tieres versanken in die Tiefe.
-- Jesus, Jesus! rief Bärbchen aus.
Das Pferd, das mit den Hinterfüßen noch auf festem Grunde stand, machte
die äußersten Anstrengungen, aber die Eisschollen, auf welche es sich
stützte, begannen allmählich unter seinen Hufen fortzurücken, denn es
sank keuchend und schwer atmend immer tiefer ein.
Bärbchen hatte noch soviel Zeit und Geistesgegenwart, daß sie das Pferd
an der Mähne ergriff und über seinen Nacken auf das ungebrochene Eis
vor ihm gelangen konnte. Dort fiel sie ins Wasser. Aber sie erhob sich,
und da sie festen Grund unter den Füßen spürte, ward ihr klar, daß
sie gerettet sei. Noch wollte sie das Pferd befreien; sie neigte sich
hinüber, ergriff die Zügel und zog, indem sie auf das jenseitige Ufer
zustrebte, aus Leibeskräften an.
Aber das Pferd versank nur immer tiefer und vermochte die Vorderfüße
nicht mehr frei zu bekommen, um sich auf das bisher unbeweglich
gebliebene Eis zu stützen. Die Zügel spannten sich immer straffer,
und endlich versank das Tier im Wasser, so daß nur Hals und Kopf
darüber hervorragte. Dann begann es mit fast menschlicher Stimme
zu stöhnen, und zeigte knirschend die Zähne. Seine Augen waren mit
unbeschreiblichem Ausdruck auf Bärbchen gerichtet, als wollte es ihr
zurufen: -- Für mich gibt es keine Rettung mehr, laß' die Zügel fahren,
sonst reiße ich dich noch mit! --
Und es gab wirklich für das Pferd keine Rettung, Bärbchen mußte die
Zügel loslassen.
Als es ganz vom Eise bedeckt war, ging sie an das andere Ufer, setzte
sich dort an einen laublosen Strauch und begann wie ein Kind zu
schluchzen.
Ihre Energie war auf einen Augenblick ganz gebrochen, und auch die
Bitterkeit und das Leid, das nach der Begegnung mit den Menschen ihr
Herz erfüllt hatte, schlug jetzt in Wogen über sie zusammen. Alles war
wider sie: die Unsicherheit der Wege, die Dunkelheit, die Elemente,
Menschen und Tiere, nur die Hand Gottes schien bisher schützend über
ihr ausgestreckt zu sein; in diese gute, milde, väterliche Hut hatte
sie ihr ganzes kindliches Vertrauen gesetzt, und nun hatte auch diese
sie getäuscht. Es war eine Empfindung, der Bärbchen nicht Worte zu
leihen wagte, die sie aber desto klarer in ihrem Herzen empfand.
Was blieb ihr? -- Klagen und Tränen, und doch hatte sie noch soviel Mut,
soviel Tatkraft, soviel Ausdauer, wie ein armes, schwaches Geschöpf in
solcher Lage haben kann. Ihr Pferd war ertrunken, die letzte Hoffnung
auf Rettung, der letzte Strohhalm, den sie ergreifen konnte -- das
einzige lebende Wesen, das die Gefahren mit ihr teilte. Ohne dieses
Pferd fühlte sie sich kraftlos in dieser Wildnis, die sie von Chreptiow
trennte, in diesen Wäldern, Schluchten und Steppen, nicht bloß wehrlos
gegen Nachstellung von Mensch und Tier, sondern mehr noch einsam, mehr
noch verlassen.
Sie weinte, bis ihr die Tränen versiegten; dann kam die Erschöpfung
und Ermüdung, das Gefühl der Ratlosigkeit so mächtig über sie, daß es
beinahe der Ruhe glich. Sie seufzte ein über das andere Mal tief auf
und sagte zu sich: »Gegen den Willen Gottes vermag ich nichts ... hier
will ich sterben.«
Und sie schloß die Augen, die früher so hell und heiter gewesen, heute
waren sie eingefallen, umrändert.
Und doch, obgleich ihr Körper mit jeder Minute hinfälliger wurde,
waren ihre Gedanken lebendig, und ihr Herz pochte wie das eines
aufgescheuchten Vogels. Wenn niemand in der Welt sie geliebt hätte,
würde der Tod sie nicht so erschreckt haben, aber es liebten sie doch
alle so sehr ... Und sie malte sich aus, was geschehen werde, wenn
Asyas Verrat und ihre Flucht bekannt würden, wie man sie suchen, wie
man sie endlich finden würde, blau und erfroren, den ewigen Schlaf
schlafend unter dem Gesträuch am Fluß. Und plötzlich sagte sie laut:
»O, wie wird Michael verzweifeln, ach ... ach!«
Und dann bat sie ihn um Verzeihung, es sei nicht ihre Schuld.
»Ich, Michael, habe alles getan,« sagte sie, indem sie ihn im Geiste
umarmte, »was in meiner Macht stand, aber Gott wollte nicht, mein
Geliebter!«
Und eine so innige Liebe zu dem teuren Manne erfaßte sie, eine solche
Sehnsucht, wenigstens in der Nähe dieses geliebten Hauptes zu sterben,
daß sie alle Kräfte zusammennahm, sich aufraffte und weiter ging.
Anfangs ward es ihr sehr beschwerlich; ihre Füße waren durch den
andauernden Ritt des Gehens entwöhnt, und sie hatte die Empfindung, als
ginge sie auf fremden Füßen. Zum Glück fühlte sie keine Kälte, ja es
war ihr eigentlich warm, denn das Fieber verließ sie keinen Augenblick.
Sie kam tief in den Wald hinein und ging ausdauernd vorwärts, indem
sie darauf achtete, die Sonne zur Linken zu behalten. Sie mußte schon
auf die Moldauische Seite hinübergegangen sein, denn es war die zweite
Hälfte des Tages gekommen, wohl die vierte Stunde. Bärbchen achtete
nun schon weniger darauf, dem Dniestr fernzubleiben, denn sie glaubte
immer, sie sei schon über Mohylow hinaus.
»O, wenn man das sicher wissen könnte,« wiederholte sie, indem sie ihr
bläuliches und zugleich glühendes Gesichtchen zum Himmel wandte. »Wenn
ein Tier, ein Baum sprechen könnte, um mir zu sagen: bis Chreptiow ist
eine Meile oder zwei, dann erreiche ich es noch.«
Aber die Bäume schwiegen, ja sie schienen ihr sogar feindlich gesinnt
und verlegten ihr den Weg mit ihren Wurzeln; alle Augenblicke stieß
Bärbchen gegen schneebedeckte Knorren derselben. Nach einiger Zeit ward
sie unerträglich matt; sie warf den warmen Übermantel von den Schultern
und blieb nur im Jäckchen. Nachdem sie sich so erleichtert hatte,
ging sie immer hastiger, bald über die Wurzeln strauchelnd, bald in
den tiefen Schnee fallend. Die pelzgefütterten Stiefelchen aus dünnem
Saffian, ohne besondere Sohlen und vortrefflich für die Schlittenfahrt
oder die Reise zu Pferde, schützten ihre Füße nicht genügend vor
Steinen oder Erdschollen; sie waren überdies durch die vielfachen
Flußübergänge naß geworden, und in dieser Feuchtigkeit und bei der
Wärme der fieberheißen Füße konnten sie leicht zerreißen.
»Ich gelange barfuß entweder nach Chreptiow oder in den Tod,« dachte
Bärbchen. Ein trübes Lächeln erhellte ihr Gesichtchen, denn sie empfand
doch Freude darüber, daß sie so ausdauernd vorwärts schreite, und daß
Michael, wenn sie unterwegs sterben sollte, ihrem Andenken nichts würde
vorwerfen können.
Da sie jetzt unaufhörlich in Gedanken mit ihrem Gatten sprach, sagte
sie:
»O Michael, eine andere hätte das nicht zustande gebracht, Evchen zum
Beispiel.«
An Evchen hatte sie manchmal während dieser Flucht gedacht, sie hatte
wohl auch für sie gebetet, denn das war ihr klar: wenn Asya das Mädchen
nicht liebte, dann war ihr Los, wie das aller Gefangenen in Raschkow,
ein entsetzliches.
»Ihr ist schlimmer als mir,« wiederholte sie, und bei diesem Gedanken
wuchsen ihre Kräfte.
Aber jetzt, als eine, die zweite und die dritte Stunde vergangen war,
nahmen ihre Kräfte mit jedem Schritte ab. Langsam war die Sonne hinter
dem Dniestr versunken, sie übergoß den Himmel mit glänzendem Abendrot
und verlosch. Der Schnee nahm einen violetten Glanz an, dann wurde der
goldige Streifen am Himmel immer dunkler, immer schmaler, der Ozean,
der zwischen Himmel und Erde ergossen schien, wandelte sich in einen
See, der See wurde zum Fluß, der Fluß zum Bach, endlich glänzte nur
noch ein lichter Streifen am Himmel -- und wich der Finsternis. Die Nacht
brach an.
Wieder verging eine Stunde, der Wald wurde schwarz und geheimnisvoll,
er schwieg, von keinem Lüftchen bewegt, als habe er sich gesammelt,
um zu erwägen, was er mit dem armen, verirrten Wesen beginnen solle.
Aber es lag nichts Gutes in seiner Totenstille, es war vielmehr
Fühllosigkeit und Starrheit. Bärbchen ging immer weiter, immer
schneller, mit ihren glühenden Lippen nach Luft haschend. In der
Finsternis und bei ihrer Übermüdung fiel sie immer häufiger hin.
Ihren Kopf hielt sie gewaltsam emporgerichtet, aber sie blickte nicht
mehr nach dem führenden Großen Wagen, denn sie hatte schon ganz das
Gefühl der Richtung verloren. Sie ging, um zu gehen, sie ging, weil
über ihr Gesichte des Todes schwebten, hell und lieblich.
Die vier Seiten des Waldes laufen eilig zusammen, verbinden sich zu
vier Wänden und bilden das Gastzimmer in Chreptiow. Bärbchen ist darin
und sieht alles ganz deutlich: im Kamin brennt ein großes Feuer, auf
den Bänken sitzen wie immer die Offiziere; Sagloba neckt Herrn Snitko,
Motowidlo sitzt schweigend da, schaut in die Flammen, und wenn sie
knistern, sagt er mit gedehnter Stimme: »Seele im Fegefeuer, was ist
dir not?« Muschalski und Hromyka spielen mit Michael Würfel, Bärbchen
tritt an sie heran und spricht: »Michael, ich will auf der Bank
niedersitzen und mich, ein wenig an dich lehnen, mir ist so seltsam.«
Michael umfaßt sie: »Was ist dir, Kätzchen, vielleicht ...« Und sie
nähert sich seinem Ohr, flüstert ihm etwas zu, und er antwortet: »O,
wie ist mir seltsam!« Wie licht, wie friedlich ist diesem Gastzimmer,
wie lieb ist Michael, -- aber Bärbchen ist so seltsam, o, so seltsam
zumute, daß eine große Angst sie befällt ...
Bärbchen ist so seltsam, daß das Fieber plötzlich nachläßt, denn schon
hat sie eine Schwäche ergriffen wie vor dem Tode.
Die Gesichte schwinden, das Bewußtsein und mit ihm die Erinnerung
kehren zurück.
»Ich bin auf der Flucht vor Asya« -- sagte Bärbchen zu sich -- »ich bin im
Walde in tiefer Nacht, ich kann nicht mehr nach Chreptiow gelangen und
muß sterben ...«
Kälte erfaßt ihren ganzen Körper und dringt bis ins Mark. Die Füße
wanken, und sie kniet im Schnee unter einem Baume nieder.
Kein Wölkchen umschleiert jetzt ihren Geist; namenloses Leid erfaßt
sie, aber sie weiß genau, daß sie stirbt, und beginnt in abgerissenen
Worten ihre Seele Gott zu empfehlen.
»Im Namen des Vaters und des Sohnes ...«
* * * * *
Plötzlich wird ihr Gebet durch seltsame, schrille, knarrende Töne
unterbrochen; sie dringen weithin und vernehmlich durch die nächtliche
Stille.
Bärbchen öffnet den Mund, die Frage: »Was ist das?« erstirbt auf ihren
Lippen, sie legt die zitternden Finger ans Gesicht, als könne sie's
nicht glauben, und ihrem Munde entringt sich plötzlich der Schrei:
»O Gott, das sind die Kräne am Brunnen von Chreptiow -- das ist
Chreptiow, o Gott!«
Da springt sie auf, sie, die vor einem Augenblick zum Tode bereit war,
rennt keuchend, bebend, tränenüberströmt, mit wogender Brust durch den
Wald. Sie sinkt hin und erhebt sich wieder und wiederholt immer für
sich hin:
»Dort tränkt man die Pferde ... das ist Chreptiow ... das sind unsere
Brunnen. Nur bis ans Tor -- o Gott ... Chreptiow, Chreptiow!«
Der Wald lichtet sich, das schneeweiße Feld tut sich auf, und der
Hügel, von dem viele leuchtende Augen auf das eilende Bärbchen
herunterschauen. Aber das sind nicht Wolfsaugen, ach, es sind die
Fenster von Chreptiow, die so lieblich, so hell in ihrem erlösenden
Lichte schimmern, das ist das Blockhaus dort auf dem Hügel, mit seiner
Ostseite gegen den Wald gekehrt.
Es war noch eine gute Strecke bis dahin; Bärbchen wußte gar nicht, wie
sie dieselbe zurückgelegt hatte. Die Soldaten, die am Tore nach der
Seite des Dorfes standen, erkannten sie im Finstern nicht und ließen
sie ein, weil sie glaubten, es sei ein Knabe, der ausgeschickt war und
zum Kommandanten zurückkehre. Sie raffte die letzten Kräfte zusammen,
stürzte hinein, rannte über den Maidan[M] an dem Brunnen vorüber, an
welchem die eben von einem Ausritt zurückgekehrten Dragoner die Pferde
tränkten -- und hielt in der Tür des Hauses.
Der kleine Ritter und Sagloba saßen gerade rittlings auf der Bank vor
dem Feuer, aßen ihre Suppe und sprachen von Bärbchen. Sie sei dort in
Raschkow, meinten sie, und lasse es sich gut gehen. Sie waren beide
mißgestimmt, denn sie sehnten sich sehr nach ihr und stritten jeden Tag
um den Zeitpunkt ihrer Rückkehr.
»Behüte uns Gott vor plötzlichem Tauwetter, vor Regen und
Schneeschmelzen, denn sonst kehrt sie, weiß Gott wann, zurück,« sagte
Sagloba grämlich.
»Der Winter hält noch vor,« antwortete der kleine Ritter, »und in acht
oder zehn Tagen werde ich schon einen Blick nach Mohylow hineintun.«
»Ich wollte, sie wäre nicht gereist. Was bin ich hier in Chreptiow ohne
sie?«
»Und warum habt Ihr zur Reise geraten?«
»Schilt nicht, Michael, dein Kopf war's ...«
»Wenn sie nur gesund zurückkommt.« Hier seufzte der kleine Ritter und
fügte hinzu: »Gesund und so schnell als möglich.«
Da knarrte die Tür, und ein kleines, dürftiges, zerlumptes, mit
Schnee bedecktes Geschöpf begann kläglich an der Schwelle zu wimmern:
»Michael, Michael!«
Der kleine Ritter sprang auf, aber im ersten Augenblick war er so
erstaunt, daß er wie versteinert auf der Schwelle stehen blieb, die
Arme ausbreitete, mit den Augen zwinkerte -- und sich nicht rührte.
»Michael ... Asya ist ein Verräter ... Er hat mich entführen wollen ...
ich bin entflohen ... Hilfe!«
Sie schwankte und fiel wie tot zu Boden; da sprang er hinzu, erfaßte
sie, hob sie wie eine Feder mit seinen Armen empor und schrie:
»Allmächtiger Gott, hab' Erbarmen!«
Aber ihr armes, blau gefrorenes Köpfchen hing leblos über seinem Arm
herab; er glaubte eine Tote zu halten und schrie mit entsetzlicher
Stimme:
»Bärbchen ist tot ... tot -- Hilfe!«
Das Gerücht von Bärbchens Ankunft verbreitete sich mit Windeseile in
Chreptiow, aber niemand außer dem kleinen Ritter, Sagloba und den
bedienenden Frauen sah sie am Abend nach ihrer Ankunft noch an den
folgenden Tagen. Nach der Ohnmacht an der Schwelle des Zimmers hatte
sie noch soviel Bewußtsein wiedergewonnen, um wenigstens in einigen
Worten erzählen zu können, was vorgefallen war. Aber bald traten neue
Ohnmachten ein, und eine Stunde darauf erkannte sie sogar ihren Mann
nicht mehr, obgleich man durch alle möglichen Mittel versuchte, sie
ins Leben zurückzurufen, obgleich man sie wärmte, ihr Wein einflößte
und ihr Nahrung zuzuführen bemüht war; es konnte kein Zweifel darüber
bestehen, daß für sie eine lange, schwere Krankheit beginne.
In ganz Chreptiow herrschte große Aufregung. Die Soldaten stürzten,
nachdem sie erfahren hatten, daß die »Herrin« halb tot heimgekehrt sei,
auf den Maidan hinaus wie eine Schar Bienen, die Offiziere versammelten
sich alle im Gastzimmer, flüsterten halblaut und harrten ungeduldig
auf neue Nachrichten aus dem Alkoven, in den man Bärbchen gebettet
hatte. Lange Zeit war nichts zu erfahren; die Dienstfrauen liefen
eilig hin und her, bald aus der Küche warmes Wasser zu holen, bald
in die Apotheke nach Pflaster, Salben und Arzeneien. Aber sie ließen
sich in ihrer Eile nicht aufhalten. Die Ungewißheit lag wie Blei auf
aller Herzen; auf dem Maidan versammelte sich eine immer größere Menge,
auch aus den Dörfern liefen sie herbei, und Fragen gingen von Mund zu
Mund. Bald verbreitete sich das Gerücht von Asyas Verrat und von der
Rettung der »Herrin« durch die Flucht; man wußte auch, daß sie eine
ganze Woche auf der Flucht gewesen war ohne Speise, ohne Schlaf. Bei
diesen Nachrichten schwoll der Zorn der Hörer; die Schar der Krieger
erfaßte eine seltsame, fürchterliche Unruhe, fürchterlich darum, weil
man besorgt war, durch einen lauten Ausbruch die Gesundheit der Herrin
zu gefährden.
Endlich, nach langem Harren, trat Sagloba zu den Offizieren heraus;
seine Augen waren gerötet, der Rest seiner Haare stand ihm zu Berge;
die Offiziere stürzten ihm entgegen, und fieberhaft kreuzten einander
die Fragen:
»Lebt sie? Lebt sie?«
»Sie lebt,« versetzte der Alte, »aber Gott allein weiß, ob sie in einer
Stunde ...« hier erstarb ihm das Wort im Munde, seine Unterlippe begann
zu beben, er griff plötzlich mit der Hand nach dem Kopfe und sank
schwer auf die Bank nieder.
Dann schüttelte unterdrücktes Schluchzen seine Brust.
Bei diesem Anblick umarmte Muschalski Herrn Nienaschyniez, obgleich
er ihn sonst nicht besonders liebte, und beide weinten leise. Herr
Motowidlo riß die Augen auf, als wollte er etwas hinunterwürgen, ohne
es zu können, Snitko knöpfte mit zitternden Händen seinen Überrock auf,
und Hromyka hob die Hände gen Himmel und ging so im Zimmer auf und
nieder.
Die Soldaten bemerkten durch die Fenster diese Zeichen der
Verzweiflung, und da sie glaubten, die Herrin sei schon gestorben,
erhoben sie lautes Klagen. Als Sagloba den Lärm vernahm, verfiel er
plötzlich in Wut und stürzte auf den Maidan hinaus.
»Still, Schelme, daß euch das Donnerwetter hole!« rief er mit
unterdrückter Stimme.
Sie schwiegen sogleich und begriffen, daß die Klage verfrüht war, aber
sie verließen den Maidan nicht. Sagloba kehrte ein wenig beruhigt in
das Gastzimmer zurück und ließ sich wieder auf die Bank nieder. In
diesem Augenblick erschien eine der bedienenden Frauen auf der Schwelle
des Alkovens.
Sagloba sprang auf sie zu.
»Wie steht's?«
»Sie schläft.«
»Schläft? Gott sei Dank!«
»Vielleicht gibt Gott ...«
»Was macht der Herr Kommandant?«
»Der Herr Kommandant ist am Bette.«
»Gut. Hole, wonach man dich geschickt hat.«
Sagloba wandte sich zu den Offizieren und sagte, die Worte der Frau
wiederholend:
»Vielleicht hat der Allmächtige Erbarmen. Sie schläft -- so habe ich
noch Hoffnung ... uff!«
Alle atmeten tief auf. Dann drängten sie sich in engem Kreis um Sagloba
und fragten von allen Seiten:
»Ums Himmels willen, wie ist das geschehen? Was war das? Wieso ist sie
zu Fuß entflohen?«
»Anfangs ist sie nicht zu Fuß entflohen,« versetzte Sagloba leise,
»sondern mit zwei Pferden, denn sie hat diesen Hund -- die Pest soll ihn
holen -- aus dem Sattel geworfen.«
»Wir trauen unseren Ohren nicht!«
»Mit dem Schaft der Pistole hat sie ihm einen Schlag auf die Stirn
versetzt, und da sie weit zurückgeblieben waren, hat es niemand bemerkt
und sie verfolgt. Das eine Pferd haben ihr die Wölfe zerrissen, das
andere ist unterm Eise ertrunken. O Jesus, All-Erbarmer! So ist das
arme Kind allein durch die Wälder gegangen, ohne Nahrung!«
Wieder weinte Sagloba laut auf und unterbrach seine Erzählung, und auch
die Offiziere wußten sich nicht zu lassen vor Bewunderung, Entsetzen
und Schmerz über die von allen geliebte Frau.
»Als sie sich Chreptiow näherte,« fuhr Sagloba nach einer Weile fort,
»erkannte sie den Ort nicht mehr und bereitete sich zum Tode. Erst als
sie das Knarren der Brunnen hörte, merkte sie, daß sie in der Nähe war,
und schlich heran mit den letzten Kräften.«
»Gott hat sie in solcher Not geschützt,« sagte Motowidlo und rieb
seinen Bart, »er wird sie auch fernerhin schützen!«
»Ja, so ist's, Ihr habt das rechte getroffen,« sagten einige Stimmen.
Da tönte wieder von dem Maidan lauter Lärm herein: sofort sprang
Sagloba wütend auf und stürzte vor die Tür.
Kopf an Kopf standen sie hier. Die Soldaten zogen sich, da sie Sagloba
und zwei andere Offiziere erblickten, langsam im Halbkreis zurück.
»Still sollt ihr mir sein, Hundeseelen!« begann Sagloba, »sonst lasse
ich ...«
Da trat aus dem Halbkreis Sydor Luschnia hervor, der
Dragonerwachtmeister, ein echter Masur und ein Lieblingssoldat
Michaels. Nachdem er einige Schritte vorwärts getan hatte, stellte er
sich stramm hin und sagte mit fester Stimme:
»Ich bitte Ew. Liebden, nichts anderes darf geschehen, als daß wir
gegen diesen Kerl, der unsere Herrin hat kränken wollen, losziehen,
um unsere Rache zu nehmen. Was ich sage, das wünschen alle; wenn der
Herr Kommandant nicht kann, so werden wir unter einem anderen Kommando
hinziehen, um ihn zu fassen, und müßte es bis in die Krim sein.«
In der Stimme des Wachtmeisters sprach sich eine wütende, kalte
Bauerndrohung aus; die anderen Dragoner aber und die Linie aus der
Genossenschaftsfahne knirschten mit den Zähnen, schlugen leise an
die Säbel und murrten. Dieses dumpfe Murren, dem Brummen des Bären
in der nächtigen Dämmerung ähnlich, hatte etwas Erschreckendes. Der
Wachtmeister stand kerzengerade und harrte auf Antwort, mit ihm die
ganzen Reihen, und man konnte eine so furchtbare Wut und Rachsucht an
ihnen wahrnehmen, daß ihr gegenüber selbst die gewohnte Manneszucht
nicht standhielt.
Eine Weile dauerte das Schweigen, endlich ließ sich in den entfernteren
Reihen eine Stimme vernehmen:
»Sein Blut ist für die Herrin die beste Arzenei!«
Saglobas Zorn legte sich, denn diese Anhänglichkeit der Soldaten an
Bärbchen rührte ihn; zugleich blitzte in seinem Kopfe bei der Erwähnung
der Arzenei ein anderer Plan auf, der Plan, einen Medikus für Bärbchen
holen zu lassen. Im ersten Augenblicke hatte in dem öden Chreptiow
niemand daran gedacht; aber in Kamieniez wohnten doch einige Ärzte,
unter ihnen auch ein Grieche, ein berühmter, wohlhabender Mann, der
einige Häuser besaß, und so gelehrt war, daß man ihn allgemein für
einen Schwarzkünstler hielt.
Sagloba war nur im Zweifel, ob dieser, den selbst die Magnaten mit dem
Titel »Herr« beehrten, bei seinem Reichtum für einen beliebigen Preis
in eine solche Wüste werde kommen wollen.
Er überlegte eine Weile, dann sagte er:
»Die gerechte Rache wird an diesem Erzhund nicht vorbeigehen, ich
verspreche es euch, und er wird gewiß lieber sehen, daß ihm der König
Rache schwört als Sagloba. Aber ich weiß nicht, ob er noch am Leben
ist, denn die Herrin hat ihm, da sie sich seinen Händen entriß, mit dem
Schaft seiner Pistole gerade in den Kopf geschlagen. Jetzt aber ist
nicht Zeit, daran zu denken, erst gilt es, die Herrin zu retten.«
»Und koste es unser Leben,« versetzte Luschnia, und wieder ging ein
Gemurmel durch die Menge, um die Worte des Wachtmeisters zu bekräftigen.
»Höre, Luschnia,« sagte Sagloba, »in Kamieniez wohnt ein Medikus namens
Rodopul; eile zu ihm, sage ihm, der Herr General von Podolien habe
sich vor der Stadt den Fuß verrenkt und harrt seiner Hilfe; wenn er
jenseits der Mauer ist, so fasse ihn beim Kragen, setze ihn aufs Pferd
oder stecke ihn in einen Sack und bringe ihn nach Chreptiow. Ich werde
auf verschiedenen Stationen Pferde bereit halten lassen, damit Ihr ohne
Unterbrechung reitet; sorge nur, daß er lebendig hier ankommt, denn tot
könnte er uns nichts nützen.«
Ein Gemurmel der Befriedigung ging durch die Reihen; Luschnia
schüttelte seinen mächtigen Schnauzbart und sagte: »Ich will ihn schon
bekommen, und ich verliere ihn nicht bis Chreptiow.«
»So mach' dich auf den Weg.«
»Ich bitte Ew. Liebden ...«
»Was noch?«
»Und wenn er mir ohnmächtig wird?«
»Laß ihn, wenn er nur lebendig herkommt. Nimm sechs Leute und mach'
dich auf den Weg.«
Luschnia eilte. Die anderen, froh, etwas für die »Herrin« tun zu
können, stürzten in die Ställe, um die Pferde zu satteln, und in
wenigen Minuten rückten sechs Mann nach Kamieniez aus; ihnen folgten
andere mit losen Pferden, die sie unterwegs bereit halten wollten.
Sagloba kehrte, zufrieden mit sich, in das Gastzimmer zurück.
Nach einer Weile trat Michael aus dem Alkoven. Er war verändert, halb
abwesend, gleichgültig gegen Worte der Teilnahme und des Trostes. Er
teilte Sagloba mit, daß Bärbchen beständig schlafe, dann ließ er sich
auf die Bank nieder und blickte scheu nach der Tür, hinter der sie lag.
Die Offiziere glaubten, er horche auf, darum hielten sie alle den Atem
an, und es herrschte im Zimmer eine lautlose Stille.
Nach Verlauf einiger Zeit näherte sich Sagloba auf den Zehen dem
kleinen Ritter.
»Michael,« sagte er, »ich habe einen Medikus aus Kamieniez holen
lassen, aber ... aber vielleicht soll man noch jemand holen?«
Wolodyjowski blickte starr vor sich hin, er suchte seine Gedanken zu
sammeln. Er hatte offenbar nichts begriffen.
»Den Geistlichen,« sagte Sagloba. »Priester Kaminski könnte bis morgen
hier sein.«
Da schloß der kleine Ritter die Augen, wandte das bleiche Gesicht zum
Kamin und wiederholte schnell:
»Jesus, Jesus ... Jesus!«
Sagloba fragte also nicht weiter, er ging hinaus und gab seine Befehle.
Als er zurückkehrte, war Michael nicht mehr im Gastzimmer; die
Offiziere teilten Sagloba mit, die Kranke habe ihren Gatten gerufen,
sie wußten nicht, ob im Fieber oder bei Bewußtsein.
Der Alte überzeugte sich sogleich selbst, daß es im Fieber geschehen
war.
Bärbchens Wangen glühten in hellem Rot, sie hatte das Aussehen einer
Gesunden; aber ihre Augen, die zwar den Glanz nicht verloren hatten,
waren trübe, als seien die Augensterne mit dem Weißen verschwommen;
ihre weißen Hände tasteten mit eintöniger Bewegung auf der Decke umher.
Michael lag halb bewußtlos zu ihren Füßen. Von Zeit zu Zeit murmelte
die Kranke leise etwas, oder sie sprach gewisse Worte lauter, wie
»Chreptiow«, das sie am häufigsten wiederholte. Offenbar wähnte sie
sich noch auf der Reise. Sagloba beunruhigte besonders die Handbewegung
auf der Decke, denn in ihrer bewußtlosen Einförmigkeit sah er die
Anzeichen des herannahenden Todes. Er war ein erfahrener Mann, viele
Menschen waren vor seinen Augen gestorben; aber nie war sein Herz von
solchem Schmerz zerrissen wie bei dem Anblick dieser Blume, die so früh
dahinwelkte.
Er begriff, daß nur Gott allein dieses verlöschende Leben retten könne;
er kniete am Boden nieder und begann eifrig zu beten.
Aber Bärbchens Atem wurde immer schwerer und verwandelte sich
allmählich in ein Keuchen. Wolodyjowski sprang auf, Sagloba richtete
sich empor; beide sprachen kein Wort miteinander, sie blickten sich nur
an, aber in diesem Blick lag ein entsetzlicher Ausdruck. Sie glaubten,
der Tod sei nahe. Das währte aber nur einen Augenblick; bald wurde der
Atem der Kranken ruhiger und sogar langsamer.
Von jetzt ab schwebten sie beständig zwischen Furcht und Hoffnung. Die
Nacht zog sich träge hin; auch die Offiziere gingen nicht zur Ruhe, sie
saßen im Gastzimmer, blickten nach der Tür des Alkovens, sprachen leise
miteinander oder schlummerten. Von Zeit zu Zeit trat ein Bursche herein
und warf Holz in den Kamin. Bei jeder Bewegung der Türklinke sprangen
sie von den Bänken auf, denn sie fürchteten, Michael oder Sagloba werde
eintreten und die entsetzlichen Worte sprechen:
»Sie lebt nicht mehr.«
Inzwischen krähten die Hähne, und Bärbchen kämpfte noch immer mit dem
Fieber. Am Morgen brach ein entsetzlicher Sturmwind mit Regenschauern
los und tobte durch das Gebälk, heulte unter dem Dache, spielte mit den
Flammen im Kamin und warf dichte Rauchwolken und Funken in das Gemach.
Beim ersten Lichtschimmer verließ Motowidlo leise das Zimmer, um seinen
Umritt zu machen; ein blasser, wolkiger Tag war endlich angebrochen und
beleuchtete die müden Gesichter.
Auf dem Maidan begann die übliche Bewegung; durch das Pfeifen des
Windes tönte das Getrappel der Pferde in den Ställen, das Ziehen der
Brunnenkräne und die Stimmen der Soldaten; bald aber ließ sich ein
Glöckchen vernehmen: Priester Kaminski war angekommen.
Als er eintrat in seinem weißen Meßhemd, knieten die Offiziere nieder.
Allen schien der feierliche Augenblick gekommen, dem unabwendbar der
Tod folgen mußte. Die Kranke hatte das Bewußtsein nicht wiedergewonnen,
und so konnte der Priester die Beichte von ihr nicht hören. Er gab ihr
nur die letzte Ölung, dann suchte er den kleinen Ritter zu trösten und
sprach ihm zu, sich dem göttlichen Willen zu fügen. Aber dieser hörte
den Trost kaum, kein Wort vermochte seinen Schmerz zu durchdringen.
Den ganzen Tag schwebte der Tod über Bärbchen wie eine Spinne, die
in dunklem Winkel sich verborgen hält, bisweilen ans Tageslicht
hervorkriecht und sich an einem unsichtbaren Faden herunterläßt;
oft glaubten die Anwesenden, daß die Schatten des Todes schon über
Bärbchens Stirn fielen, daß diese lichte Seele die Flügel ausbreite, um
von Chreptiow zu entschweben in den unendlichen Äther, in ein anderes
Land; dann wieder verbarg sich der Tod wie die Spinne unter der Decke,
und Hoffnung erfüllte die Herzen.
Es war aber keine dauernde, keine vollständige Hoffnung, denn daß
Bärbchen diese Krankheit überleben werde, wagte niemand zu hoffen, auch
Michael nicht; sein Schmerz war so groß, daß Sagloba, obgleich auch
er furchtbar abgehärmt war, um ihn ernstlich besorgt ward und ihn dem
Schutz der Offiziere empfahl.
»Um Gottes willen, habt ein Auge auf ihn,« sagte er, »er stößt sich ein
Messer ins Herz.«
Michael wäre zwar dergleichen nicht in den Sinn gekommen, aber in dem
Kampf mit seinem Schmerz und Leid fragte er sich beständig: »Wie soll
ich hierbleiben, wenn sie von hinnen geht, wie kann ich dies liebe
Wesen allein ziehen lassen? Was wird sie sagen, wenn sie sich umsieht
und mich nicht in ihrer Nähe findet?«
Und so begehrte er aus innerster Seele gemeinsam zu sterben, denn wie
er sich kein Leben auf Erden ohne sie vorstellen konnte, so begriff er
auch nicht, daß sie in jenem Leben ohne ihn glücklich sein könne und
nach ihm nicht Sehnsucht tragen werde.
Am Nachmittag verbarg sich die unheilvolle Spinne wieder unter der
Decke, die Glut auf Bärbchens Wangen erlosch, und das Fieber nahm so
weit ab, daß die Kranke ein wenig zum Bewußtsein kam.
Eine Zeitlang lag sie mit geschlossenen Augen da, dann öffnete sie
dieselben, schaute dem kleinen Ritter ins Gesicht und fragte:
»Michael, bin ich in Chreptiow?«
»So ist es, mein Lieb,« antwortete Michael und verbiß seinen Schmerz.
»Und du stehst wirklich neben mir?«
»So ist es. Wie fühlst du dich?«
»O, gut.«
Sie war offenbar selbst nicht sicher, ob ihr nicht das Fieber
täuschende Gesichte vor die Augen führe; aber von diesem Augenblick an
gewann sie ihr Bewußtsein immer mehr zurück.
Am Abend kam der Wachtmeister Luschnia mit seinen Leuten zurück und
brachte den Medikus aus Kamieniez samt Arzneien. Dieser war halb tot;
aber da er erkannte, daß er nicht in Räuberhänden sei, wie er geglaubt
hatte, sondern daß er auf diese seltsame Weise zu einer Kranken gerufen
war, ging er nach kurzer Erholung schnell an das Werk der Rettung, um
so schneller, als Sagloba ihm in der einen Hand einen Beutel voll
Goldstücke, in der anderen ein geladenes Pistol zeigte:
»Dies dein Lohn für das Leben, dies für den Tod.«
Noch in derselben Nacht, genau um die Dämmerung, verbarg sich die
unheimliche Spinne ein für allemal, und der Ausspruch des Arztes: »Sie
wird lange krank liegen, aber gesund werden,« verbreitete sich im
frohen Echo über ganz Chreptiow. Als Michael es zum ersten Male hörte,
stürzte er zu Boden und weinte so, daß das Schluchzen ihm die Brust zu
sprengen drohte. Sagloba wurde vor Freude halb ohnmächtig, sein Gesicht
bedeckte sich mit Schweiß, und er vermochte kaum auszurufen: »Trinken!«
Die Offiziere umarmten sich gegenseitig.
Auf dem Maidan versammelten sich wieder die Dragoner, die Linie und die
Kosaken des Herrn Motowidlo. Man konnte sie kaum davon zurückhalten,
in laute Rufe auszubrechen; sie wollten durchaus auf irgend eine Weise
ihre Freude bezeigen, und sie baten um einige in den Kellern von
Chreptiow verborgen gehaltene Gefangene, um sie auf das Wohl der Herrin
zu henken.
Aber der kleine Ritter gab ihrem Verlangen nicht nach.
[Illustration: Dekoration/Kapitelende]
[Illustration: Dekoration/Kapitelanfang]