Bärbchen war noch eine ganze Woche so schwer krank, daß, wenn der
Arzt nicht das Gegenteil versichert hätte, der kleine Ritter und Herr
Sagloba gefürchtet haben würden, ihr Lebensflämmchen müsse jeden
Augenblick verlöschen. Erst nach Verlauf dieser Zeit besserte sich ihr
Zustand bedeutend. Das Bewußtsein kehrte vollständig zurück, und obwohl
der Arzt vorhersagte, daß sie einen ganzen Monat oder gar anderthalb
werde zu Bette liegen müssen, so war es doch sicher, daß sie ihre
Gesundheit und ihre früheren Kräfte ganz wiedergewinnen werde.
Herr Michael, der während ihrer Krankheit nicht von ihrer Seite
gewichen war, gewann sie in diesen Zeiten der Not, wenn dies überhaupt
möglich war, noch inniger lieb und sah in ihr seine ganze Welt. Wenn er
so bei ihr saß, wenn er ihr in das abgemagerte, kranke, aber heitere
Gesichtchen schaute, wenn er in ihre Augen blickte, die mit jedem Tage
mehr ihren alten Glanz wiedergewannen, dann erfaßte ihn die Lust zu
weinen, zu lachen, und vor Freude aufzujubeln: Mein einziges Bärbchen
genest wieder, mein Bärbchen genest!
Er warf sich über ihre Hände oder küßte die armen, kleinen Füßchen, die
so rüstig durch den Schnee bis nach Chreptiow gewandert waren, -- mit
einem Wort, er liebte und verehrte sie über die Maßen. Er fühlte sich
auch in tiefer Schuld gegen die Vorsehung, und eines Tages sagte er in
Gegenwart Saglobas und der Offiziere:
»Ich bin ein einfacher Mann, aber sollte ich mir auch die Hände
abarbeiten bis zu den Ellbogen -- ein kleines Kirchlein aus Holz werde
ich noch schaffen können, und so oft in ihm die Glocken ertönen, so oft
will ich der Barmherzigkeit Gottes gedenken, so oft soll meine Seele in
Dankbarkeit sich demütigen.«
»O, helfe uns Gott erst glücklich den türkischen Krieg überstehen,«
antwortete ihm Sagloba.
Und der kleine Ritter antwortete: »Gott weiß am besten, was ihn
erfreuen mag; ist ihm ein Kirchlein lieber, so wird er mich behüten,
und wird er mein Blut fordern, so will ich es ihm freudig dahingeben.«
Mit der Gesundheit gewann Bärbchen auch ihre Heiterkeit wieder. Zwei
Wochen später befahl sie eines Abends, die Tür vom Alkoven ein wenig zu
öffnen, und als die Offiziere im Gastzimmer versammelt waren, wandte
sie sich mit ihrem Silberstimmchen zu ihnen:
»Guten Abend den Herren! Ich sterbe doch nicht, aha!«
»Gott im Himmel sei Dank!« antworteten die Offiziere im Chor.
»Dank sei Gott, mein liebes Kind!« rief Motowidlo in kleinrussischer
Mundart; er liebte Bärbchen mit ganz besonderer Zuneigung, und in
Augenblicken großer Rührung bediente er sich immer der heimischen
Mundart.
»Gott hat über der Unschuld gewacht«, ließ sich wieder der Chor hinter
der Tür vernehmen.
»Herr Sagloba hat mich oft genug verspottet, daß ich mehr Lust zum
Säbel habe als zum Rocken. Schön! Der Spinnrocken und die Nadel hätten
mir viel geholfen, und so habe ich mich doch recht ritterlich benommen,
nicht wahr?«
»Der Engel Michael hätte es nicht besser können.«
Die Fortsetzung des Gespräches verhinderte Sagloba, indem er die Tür
des Alkovens schloß, denn er fürchtete, Bärbchen könne sich zu sehr
anstrengen. Sie aber neckte ihn wie ein Kätzchen, denn sie hatte Lust,
noch lange zu plaudern, besonders hätte sie gern noch mehr Lob für
ihren Mut und ihre Tapferkeit eingeheimst. Jetzt, da die Gefahr vorüber
war und nur noch der Erinnerung angehörte, war sie sehr stolz auf ihre
Tat gegen Asya, und sie verlangte durchaus, gerühmt zu werden. Oft
tippte sie dem kleinen Ritter mit dem Finger gegen die Brust und sagte
mit der Miene eines verzärtelten Kindes:
»Lobe mich für meinen Mut!«
Und er gehorchte, lobte sie, koste und küßte sie auf die Augen, auf die
Hände, so daß sogar Sagloba, obgleich er selbst tiefes Mitgefühl in der
Seele empfand, sich wie gekränkt stellte und murrte:
»Ha, sie wird sich noch ganz auflösen wie weicher Schnee.«
Die allgemeine Freude, die in Chreptiow über Bärbchens Rettung
herrschte, wurde nur getrübt durch den Gedanken an den Verlust, den
Asyas Verrat der Republik zugefügt, und an das schreckliche Schicksal
des alten Nowowiejski, und der beiden Frauen Boska und Evchen.
Bärbchen grämte sich sehr darüber und mit ihr auch alle anderen, denn
die Ereignisse in Raschkow waren nicht bloß in Chreptiow, sondern in
Kamieniez und darüber hinaus schon sehr genau bekannt. Vor einigen
Tagen hatte Myslischewski in Chreptiow Rast gemacht, der trotz
Asyas, Krytschynskis und Adurowitschs Verrat die Hoffnung noch nicht
aufgegeben hatte, daß es ihm gelingen werde, die anderen lipkischen
Hauptleute auf die Seite Polens hinüberzuziehen. Myslischewski war
Herrn Bogusch auf dem Fuße gefolgt, und ihm folgten unmittelbar
Nachrichten aus Mohylow, aus Jampol und aus Raschkow selber.
In Mohylow hatte sich Herr Gorschenski, der offenbar ein tüchtigerer
Soldat als Redner war, nicht überlisten lassen. Er hatte Asyas
Weisungen an die als Besatzung zurückgebliebenen Lipker übernommen,
überfiel sie mit einer Handvoll masurischen Fußvolkes und hieb sie
nieder oder nahm sie in Gefangenschaft. Überdies hatte er eine Warnung
nach Jampol gesandt, wodurch auch diese Stadt gerettet wurde. Kurz
darauf waren die Heere zurückgekehrt, und so war nur Raschkow zum
Opfer gefallen. Michael hatte gerade von dort einen Brief des Herrn
Bialoglowski empfangen, der über die Ereignisse am Ort und über andere
Dinge Nachricht gab, welche die gesamte Republik betraf.
-- Gut, daß ich hergekommen bin -- so schrieb er unter anderem --, denn
Nowowiejski, den ich vertreten habe, wäre jetzt nicht imstande gewesen,
seine Pflichten zu erfüllen. Er gleicht schon mehr einem Gerippe als
einem Menschen, und wir werden sicher einen tüchtigen Rittersmann
verlieren, denn der Schmerz hat ihn über die Maßen niedergebeugt. Den
Vater hat man hingeschlachtet, die Schwester leidet die schrecklichste
Schmach, Asya hat sie dem Adurowitsch geschenkt, und Fräulein Boska hat
er sich selbst genommen. Sie sind verloren, wenn es auch gelänge, sie
aus der Gefangenschaft zu befreien. Wir wissen das von einem Lipker,
der sich bei dem Übergang über den Fluß das Genick verstaucht, von den
unsrigen gefangen wurde, und auf glühenden Kohlen alles gebeichtet hat.
Asya, Tuhaj-Beys Sohn, Krytschynski und Adurowitsch sind fortgezogen
bis nach Adrianopel. Nowowiejski will ihm durchaus folgen; er wolle
Asya, sagt er, und müßte es aus der Mitte des türkischen Lagers
sein, ergreifen und seine Rache an ihm kühlen. Er war immer hitzig
und entschlossen, und jetzt ist er's um so mehr, als er um Fräulein
Boska trauert, deren Jammer wir alle mit Tränenströmen beweinen,
denn das Mädchen war lieblich und hat hier alle Herzen gewonnen. Ich
halte Nowowiejski zurück, denn ich sage ihm, Asya werde selbst zu ihm
kommen; der Krieg ist gewiß, und auch das ist sicher, daß die Horde im
Vortrab marschieren wird. Ich habe Nachrichten aus der Moldaugegend
von den Perkulaben, ja von türkischen Kaufleuten, daß bei Adrianopel
die Heere bereits zusammenströmen. Zahlreiche Horden, auch türkische
Reiterei, »Spahis« wie sie es nennen, und der Sultan selbst soll mit
den Janitscharen heranziehen, -- o, werter Freund, zahllos wie die
Heuschrecken werden sie sein, der ganze Osten wird lebendig, und bei
uns kaum eine Handvoll Soldaten! Alle Hoffnung ruht auf dem Felsen von
Kamieniez. Wenn er nur, was Gott geben mag, tüchtig versehen ist. In
Adrianopel ist schon Frühling, auch bei uns drängt er heran, es regnet
unaufhörlich, und das Gras beginnt zu sprießen. Ich gehe nach Jampol,
denn Raschkow ist nur ein Aschenhaufen, es gibt keinen Ort, wo man sein
Haupt niederlegen kann, und kein Brot, den Hunger zu stillen. Auch
denke ich, daß man bald alle Kommandos zusammenberufen wird. --
Der kleine Ritter hatte seine eigenen Nachrichten, die ebenfalls
zuverlässig waren, ja noch zuverlässiger, denn sie stammten aus Chozim
und lauteten dahin, daß der Krieg unabwendbar sei. Noch vor kurzem
hatte er dies dem Hetman gemeldet, und doch machte Bialoglowskis Brief,
der von der äußersten Grenze kam, gerade weil er seine Nachrichten
bestätigte, einen tiefen Eindruck auf ihn. Nicht den Krieg fürchtete
der kleine Ritter; er war nur um Bärbchen besorgt.
»Der Befehl des Hetmans, die Kommandos zusammenzuberufen« -- sagte er zu
Sagloba -- »kann jeden Tag eintreffen und -- Dienst ist Dienst. Dann heißt
es vorwärts, unverzüglich vorwärts, und Bärbchen liegt noch immer, und
das Wetter ist schlecht.«
»Und wenn noch zehn Befehle kämen,« antwortete Sagloba, »Bärbchen
ist die Hauptsache. Wir sitzen still, bis sie ganz gesund wird. Der
Krieg wird doch nicht beginnen, ehe der Winter zu Ende geht, und ehe
der Eisgang vorüber ist, um so mehr, als sie schweres Geschütz gegen
Kamieniez aufführen werden.«
»In Euch steckt noch immer der alte Freiwillige,« versetzte ungeduldig
der kleine Ritter. »Ihr glaubt, man könne den Befehl seiner eigenen
Sache nachsetzen.«
»Je nun, wenn dir der Befehl lieber ist als Bärbchen, so lade sie
auf den Wagen und fahre davon. Ich weiß wohl, du könntest ihr um des
Befehls willen mit einer Heugabel auf den Wagen helfen, wenn sie nicht
aus eigenen Kräften hinein könnte. Hol' Euch der Teufel mit solcher
Disziplin! In alten Zeiten, da machte der Mensch, was er konnte, und
was man nicht konnte, das ließ man sein. Auf der Zunge führst du die
Barmherzigkeit, aber wenn es heißt: Hurra, auf den Türken! so spuckst
du sie aus wie einen Kern und führst das arme Ding an der Schlinge mit
deinem Pferde mit.«
»Ich, keine Barmherzigkeit für Bärbchen? Sei eingedenk Gottes!« schrie
der kleine Ritter.
Sagloba fauchte zornig; aber als er in Wolodyjowskis abgehärmtes
Gesicht blickte, sagte er:
»Michael, du weißt: was ich sage, das sage ich aus wahrhaft väterlicher
Liebe zu Bärbchen. Wenn dem nicht also wäre, würde ich hier sitzen
unter dem türkischen Schwerte, anstatt mir Muße zu gönnen im sicheren
Lande, was mir in meinen Jahren niemand übel deuten könnte? Und wer
hat dir Bärbchen zur Frau gegeben? Wenn's nicht so ist, so laß' mich
kochendes Wasser trinken und tu' nichts dazu, daß es besser schmecke.«
»Meine Dankbarkeit für Euch ist ohne Grenzen,« antwortete der kleine
Ritter.
Sie umarmten sich, und gleich herrschte zwischen beiden die schönste
Eintracht.
»Ich habe es mir schon zurechtgelegt,« sagte der kleine Ritter.
»Wenn es Krieg gibt, so nehmt Ihr Bärbchen und geht mit ihr zu den
Skrzetuskis ins Lukower Land, bis dorthin werden die Tataren nicht
kommen.«
»Ich will es tun, um deinetwillen, obgleich ich gerade an dem Türken
mein Mütchen kühlen möchte. Für mich gibt es nichts Jämmerlicheres als
dies Schweinevolk, das keinen Wein trinkt.«
»Ich fürchte nur eins: Bärbchen wird durchaus nach Kamieniez wollen, um
in meiner Nähe zu sein. Mich überläuft es kalt, wenn ich daran denke;
und doch wird sie's wollen, so wahr Gott lebt.«
»So wirst du es nicht zugeben. Ist es nicht schon schlimm genug
gekommen, daß du ihr in allem nachgibst, und daß du die Expedition nach
Raschkow gestattet hast, obwohl ich gleich dagegen geeifert habe?«
»Ei, das ist nicht wahr, Ihr habt gesagt, Ihr wolltet keinen Rat geben.«
»Wenn ich sage, ich will keinen Rat geben, so heißt das schlimmer als
abraten.«
»Bärbchen sollte eine Lehre daraus gezogen haben, aber sie ist doch
einmal so; wenn sie das Schwert über meinem Haupte weiß, wird sie nicht
nachgeben.«
»So wirst du es nicht zugeben, wiederhole ich. Ums Himmels willen, was
für ein Strohmann!«
»Ich bekenne ja, wenn sie die Händchen an die Augen legt und zu weinen
beginnt, oder wenn sie auch nur so tut, da wird mein Herz so weich
wie Butter in der Pfanne. Es ist einmal so, sie hat mich behext.
Fortschicken werde ich sie gewiß, denn ihre Sicherheit ist mir lieber,
als das eigene Leben; aber wenn ich daran denke, daß ich sie so werde
kränken müssen -- bei Gott, der Atem stockt mir vor Schmerz.«
»Michael, so denke doch an Gott und laß' dich nicht an der Nase
herumführen.«
»Bah, das tu' ich nicht; und wer hat gesagt, daß ich kein Mitleid mit
ihr habe? Wart Ihr's nicht?«
»He?« machte Sagloba.
»Ihr meint, Ihr habt die Schlauheit gepachtet, und nun kratzt Ihr Euch
selbst hinter den Ohren.«
»Ich denke darüber nach, mit welcher Überredung man es versuchen
könnte.«
»Und wenn sie plötzlich die Händchen vor die Augen hält?«
»Ja, das wird sie tun,« sagte Sagloba mit sichtlicher Angst, und beide
waren sehr bekümmert, denn in Wirklichkeit hatte Bärbchen sie ganz und
gar in ihrer Hand. Sie hatten sie während der Krankheit aufs äußerste
verzärtelt und liebten sie so, daß die Notwendigkeit, gegen ihren
Wunsch und gegen ihr Herz zu verfahren sie mit Kummer erfüllte. Daß
Bärbchen keinen Widerstand leisten und demütig sich ihrem Ausspruch
fügen werde, wußte der eine so gut wie der andere; aber, von Michael
ganz zu schweigen, selbst Sagloba hätte es vorgezogen, ganz allein
ein ganzes Regiment Janitscharen zu überfallen, als Bärbchen zu
widerstehen, wenn sie zu weinen drohte.
Noch an demselben Tage kam ihnen Hilfe, und wie sie hofften, sichere
Hilfe in der Person unerwarteter, überaus lieber Gäste. Gegen Abend
kamen ohne jede weitere Anmeldung Ketling und seine Gemahlin an. Die
Freude und das Erstaunen bei diesem Wiedersehen war unbeschreiblich,
und auch jene freuten sich sehr, da sie auf ihre ersten Fragen hörten,
daß Bärbchen der Genesung entgegengehe. Christine eilte bald nach dem
Alkoven, und gleich darauf drangen von dorther Freudenrufe, die den
Rittern verkündeten, wie sehr Bärbchen durch den Besuch beglückt war.
Ketling und Herr Michael hielten sich lange umschlungen, immer wieder
ließen sie voneinander, immer wieder schlossen sie sich in die Arme.
»Beim Himmel, Ketling,« sagte der kleine Ritter, »über den
Marschallstab würde ich mich weniger freuen als über dich; aber was
hast du hier in dieser Gegend vor?«
»Der Herr Hetman hat mich zum Vorgesetzten der Artillerie von
Kamieniez gemacht,« antwortete Ketling, »da bin ich mit meiner Frau
nach Kamieniez gereist. Wir haben dort von den schweren Tagen gehört,
die Euch betroffen, und so haben wir uns unverzüglich nach Chreptiow
aufgemacht. Gott sei Dank, lieber Michael, daß alles ein glückliches
Ende genommen hat! Wir sind mit großer Kümmernis und mit bangem Herzen
hergekommen, denn wir wußten nicht, ob wir hier zur Freude oder zur
Trauer...«
»Zur Freude!« warf Sagloba ein.
»Wie ist das nur gekommen?« fragte Ketling.
Der kleine Ritter und Herr Sagloba begannen nun um die Wette zu
erzählen; Ketling horchte auf, hob Augen und Hände gen Himmel und
bewunderte Bärbchens Mut.
Nachdem sie sich genug erzählt hatten, begann der kleine Ritter
Ketling auszufragen, wie es ihm ergangen sei, und dieser gab ihm
einen ausführlichen Bericht. Nach der Hochzeit hatten sie an der
kurländischen Grenze gewohnt; sie fühlten sich so wohl beieinander,
»wie es im Himmel nicht schöner sein könne«. Als Ketling Christine
heimführte, wußte er, daß er »ein himmlisches Wesen« nehme, und diese
Meinung hatte er auch jetzt noch.
Sagloba und Michael erkannten an jedem Ausdruck den alten Ketling
wieder, der sich immer höfisch auszudrücken pflegte, -- und wiederholt
drückten sie ihn an sich. Als sie ihre alte Freundschaft zur Genüge
durch Umarmungen gesättigt hatten, fragte der alte Edelmann:
»Ist diesem himmlischen Wesen nicht ein irdischer Kasus zugestoßen, der
mit den Füßen strampelt und mit den Fingerchen im Munde nach Zähnen
sucht?«
»Gott hat uns einen Sohn geschenkt,« antwortete Ketling, »und jetzt ...«
»Ich hab's bemerkt,« fiel Sagloba ein; »hier bei uns ist alles noch
beim alten.«
Bei diesen Worten heftete er sein gesundes Auge auf den kleinen Ritter
und verzog verlegen den Mund.
Da trat Christine ein und sagte in der Tür:
»Bärbchen bittet die Herren.«
Nun gingen alle in den Alkoven, und die Begrüßung begann von neuem.
Ketling küßte Bärbchens Hände, Michael die Christinens, und sie
schauten alle einander neugierig an, wie Leute zu tun pflegen, die sich
lange nicht gesehen haben.
Ketling hatte sich fast gar nicht verändert, nur sein Haar war kurz
geschoren, und das ließ ihn jünger erscheinen. Christine dagegen war,
wenigstens jetzt, sehr verändert. Sie sah nicht so schlank und anmutig
aus wie ehedem, und ihr Gesicht war blasser, wodurch der schwache Flaum
über der Oberlippe dunkler erschien. Nur die schönen Augen mit den
langen Wimpern waren ihr geblieben und die frühere Sanftmut in ihrem
Gesichtsausdruck. Aber die einst so wunderbaren Gesichtszüge hatten
ihre Feinheit eingebüßt. Das mochte zwar nur vorübergehend sein, aber
doch verglich Michael sie mit Bärbchen und sagte unwillkürlich zu sich:
Bei Gott, wie konnte ich diese lieben, damals, da ich beide
nebeneinander sah! Wo hatte ich meine Augen?
Dagegen erschien Bärbchen Herrn Ketling wunderhübsch. Sie war es auch
mit ihrem hellen, wirren Schopf, der bis über die Brauen fiel, mit
ihrer Gesichtsfarbe, die durch ihre Krankheit von ihrer Röte verloren
hatte und an die Farbe der weißen Rosen erinnerte. In diesem Augenblick
war ihr Gesichtchen vor Freude ein wenig gerötet, und ihre zarten
Nasenflügel bewegten sich lebhaft. Sie sah so jung aus, wie ein halb
erwachsenes Mädchen, und auf den ersten Blick hätte man glauben können,
sie sei um zehn Jahre jünger als Ketlings Gemahlin.
Aber ihre Schönheit wirkte derart auf den tief empfindenden Ketling,
daß er nur noch inniger für seine Frau fühlte, weil er sich ihr
gegenüber schuldig wußte.
Die beiden Frauen hatten sich schon alles erzählt, was sie sich in so
kurzer Zeit erzählen konnten; darum ließ sich die ganze Gesellschaft
jetzt an Bärbchens Bette nieder und begann von den alten Zeiten zu
plaudern. Aber die Unterhaltung wollte nicht recht vorwärts gehen,
denn es hatte in jenen Jahren so manche heikle Dinge gegeben:
Michaels Vertraulichkeit mit Christine, seine Gleichgültigkeit
gegen das jetzt so geliebte Bärbchen, mancherlei Versprechungen und
mancherlei Verzweiflung. Der Aufenthalt in Ketlings Hause hatte für
alle seinen Zauber gehabt und dankbare Erinnerungen in aller Herzen
zurückgelassen; aber über ihn zu sprechen, ging nicht gut an.
Ketling begann auch gleich andere Saiten aufzuziehen.
»Ich habe noch nicht erzählt, daß wir unterwegs die Skrzetuskis besucht
haben, die uns zwei Wochen hielten und uns eine Gastfreundschaft
erwiesen, wie sie im Himmel nicht schöner sein kann.«
»Du lieber Gott, wie geht's den Skrzetuskis?« rief Sagloba. »Habt ihr
auch ihn zu Hause angetroffen?«
»Ja, er war zu Hause. Er war auf Urlaub vom Hetman gekommen mit seinen
drei ältesten Söhnen, die in der Linie dienen.«
»Skrzetuski habe ich seit unserer Hochzeit nicht gesehen,« sagte der
kleine Ritter; »er war mit seinen Söhnen hier in den »Wilden Feldern«,
aber wir trafen uns nicht.«
»Es ist ihnen allen dort furchtbar bange nach Euch,« sagte Ketling, zu
Herrn Sagloba gewendet.
»Ach, und wie bang ist mir nach ihnen!« versetzte der alte Edelmann.
»Aber das geht so: sitze ich hier, so ist mir nach ihnen bange, geh'
ich dorthin, so wird mir bange sein nach diesem Eichkätzchen ... So
ist das Leben; saust der Wind nicht um das eine Ohr, so saust er ums
andere; und am schlimmsten hat's der Verwaiste, denn hätte ich jemand,
der mir angehörte, so brauchte ich nicht Fremde zu lieben.«
»Euch würden auch die leiblichen Kinder nicht mehr lieben als wir,«
antwortete Bärbchen.
Als Sagloba das hörte, freute er sich sehr; er ließ die trüben Gedanken
fahren und ließ bald seinen jovialen Humor wieder hören.
»Ei, ich war damals bei Ketling recht dumm, daß ich Christine und
Bärbchen euch angehängt und an mich gar nicht gedacht habe. Es war noch
Zeit ...« Hier wandte er sich zu den Frauen. »Gesteht nur ein, ihr
würdet mich beide geliebt haben, und daß eine jede von euch mich lieber
genommen hätte als Michael oder Ketling.«
»Das versteht sich!« rief Bärbchen.
»Halschka Skrzetuska hätte mich auch lieber genommen; ja, jetzt ist's
vorbei. Das nenn' ich ein braves Weib, kein Springinsfeld, der den
Tataren die Zähne ausschlägt; ist sie wohlauf?«
»Es geht ihr wohl; sie grämt sich nur, weil ihnen die beiden mittleren
Jungen, die in Lukow auf der Schule waren, zu den Soldaten entlaufen
sind,« antwortete Ketling. »Er freut sich wenigstens noch, daß in den
Burschen solche Lust zum Kriegshandwerk steckt, -- aber die Mutter ist
eben wie alle Mütter.«
»Haben sie viel Kinder?« fragte Bärbchen mit einem Seufzer.
»Es sind zwölf Knaben dort -- und jetzt beginnt das schöne Geschlecht,«
antwortete Ketling.
Und Sagloba versetzte: »Ha, auf diesem Hause ruht ein besonderer Segen
Gottes. Alles das habe ich an meiner eigenen Brust aufgezogen, wie der
Pelikan ... Den mittleren Buben dreh' ich den Hals um, denn wenn sie
schon davongelaufen sind, hätten sie hierherkommen sollen zu Michael
... wartet einmal! ... Es müssen Michael und Hans sein, die ausgerissen
sind! Es gibt ihrer dort eine solche Menge, daß der Vater selbst ihre
Vornamen vergißt. Krähen sieht man dort eine halbe Meile im Umkreis
nicht, alles haben die Bengel mit ihren Terzerolen vertilgt; bah', eine
solche Frau kann man mit Licht suchen. Wenn ich ihr sagte: Halschka,
die Tölpel wachsen heran, nun heißt's neuen Nachwuchs, da schrie sie
mich zornig an -- aber zur rechten Zeit war er da, wie auf Befehl.
Denkt euch, es kam soweit, wenn ein Weibsbild in der Gegend keine
Mutterfreuden hatte, so lieh sie sich von Halschka Kleider -- und das
half, so wahr ich lebe.«
Alle waren so erstaunt darüber, daß für eine Weile Stillschweigen
herrschte; plötzlich sagte der kleine Ritter:
»Hörst du, Bärbchen?«
»Willst du wohl stille sein, Michael!« gab Bärbchen zurück.
Aber Michael wollte nicht stille sein, denn es gingen ihm viele
gewichtige Gedanken durch den Kopf, und besonders fiel ihm ein,
man könnte bei dieser Angelegenheit noch eine andere, nicht minder
wichtige, erledigen; darum begann er so von ungefähr, als spräche er
von der allergewöhnlichsten Sache in der Welt:
»Bei Gott, wir sollten auch die Skrzetuskis besuchen; er wird zwar
nicht zu Hause sein, denn er muß zum Hetman; aber sie ist ja doch
vernünftig und pflegt Gott nicht zu versuchen, sie wird also zu Hause
geblieben sein ...« Hier wandte er sich zu Christine: »Der Frühling
kommt, das Wetter wird schön werden; jetzt ist's für Bärbchen noch zu
früh, aber etwas später. Ich würde wahrhaftig nichts dagegen haben,
denn es ist Freundespflicht; Herr Sagloba könnte euch beide dorthin
bringen, und zum Herbst, wenn es wieder ruhiger wird, würde auch ich
euch folgen ...«
»Das ist ein vortrefflicher Gedanke!« rief Sagloba, »ich muß ohnehin
reisen, denn ich war schon recht undankbar gegen sie. Ja, ich habe
vergessen, daß sie auch noch auf der Welt sind, ich schäme mich fast.«
»Was sagt Ihr dazu?« fragte Michael, Christine aufmerksam in die Augen
sehend.
Sie antwortete ganz unerwartet mit der ihr eigenen Ruhe:
»Ich tät' es gern, aber es kann nicht sein, denn ich bleibe in
Kamieniez bei meinem Manne und lasse ihn keineswegs allein.«
»Ums Himmels willen, was höre ich!« rief Herr Michael, »Ihr wollt
in der Feste bleiben, die sicherlich belagert werden wird von einem
Feinde, der keine Gnade kennt? Ich würde nichts sagen, wenn wir
wenigstens mit einem ehrlichen Feinde kämpften, aber hier haben wir es
mit Barbaren zu tun. Wißt Ihr auch, was das heißt, eine eroberte Stadt,
türkische oder tatarische Gefangenschaft? Ich traue meinen Ohren nicht!«
»Und doch kann es nicht anders sein,« antwortete Christine.
»Ketling,« rief der kleine Ritter in Verzweiflung, »so läßt du dich
beherrschen? Mensch, denke doch an Gott!«
»Wir haben lange erwogen,« antwortete Ketling, »und es ist dabei
geblieben.«
»Unser Sohn ist schon in Kamieniez unter dem Schutze einer Verwandten.
Muß denn Kamieniez durchaus erobert werden?«
Hier hob Christine ihre sanften Augen zum Himmel.
»Gott ist stärker als der Türke und wird unsere Hoffnung nicht zu
Schanden werden lassen; da ich meinem Gatten geschworen, ihn bis in den
Tod nicht zu verlassen, so ist mein Platz an seiner Seite.«
Der kleine Ritter geriet in arge Verlegenheit, denn er hatte von
Christine etwas ganz anderes erwartet. Bärbchen aber, die schon zu
Anfang der Unterredung bemerkt hatte, worauf Michael abzielte, lächelte
listig, heftete ihre scharfen Augen auf ihn und sagte:
»Michael, hörst du?«
»Bärbchen, wirst du wohl stille sein!« rief der kleine Ritter in
höchster Verzweiflung und warf ängstliche Blicke auf Sagloba, als
erwarte er von ihm Hilfe. Aber dieser Verräter erhob sich plötzlich und
sagte:
»Man muß auch an einen Imbiß denken, denn der Mensch lebt nicht vom
Wort allein.«
Er verließ den Alkoven, doch Michael eilte ihm nach und trat ihm in den
Weg.
»Nun, was soll jetzt geschehen?« fragte Sagloba.
»Nun, was?«
»Treffe Frau Ketling das Donnerwetter! Bei Gott, wie soll die Republik
nicht untergehen, wenn die Weiber in ihr herrschen!«
»Wißt Ihr mir gar nichts zu raten?«
»Wenn du deine Frau fürchtest, was soll ich dir raten? Geh' zum
Hufschmied und laß dich beschlagen!«
Ketling und seine Gattin blieben etwa drei Wochen. Nach Verlauf
dieser Zeit versuchte Bärbchen das Bett zu verlassen, aber sie konnte
noch nicht fest auf den Beinen stehen; die Gesundheit war schneller
wiedergekehrt, als die Kräfte, und der Arzt befahl ihr liegen zu
bleiben, bis sie ihre volle Kraft wiedererlangt habe. Inzwischen war
es Frühling geworden; von den »Wilden Feldern«, vom Schwarzen Meer
her wehte ein starker, warmer Wind, der den Wolkenschleier zerriß und
hin und her schleuderte wie ein abgetragenes Kleid, und der dann die
Wölkchen am Himmel zusammen und auseinander trieb, wie ein Schäferhund
die Herde. Die Wolken, die vor ihm wichen, ergossen häufig reichlichen
Regen über die Erde in dicken, beerengroßen Tropfen; die Überreste des
Schnees und Eises tauten auf und bildeten in der ebenen Steppe Seen.
Von den Abhängen floß das Wasser herab, auf dem Boden der Schluchten
bildeten sich Ströme, die mit Rauschen und Gebrause zum Dniestr
strebten, wie die Kinder freudig an den Busen der Mutter eilen. Durch
die Wolken hindurch schimmerte immer wieder die Sonne, hell verjüngt in
feuchtem Schleier, als habe sie in dieser allgemeinen Flut gebadet.
Da begannen die hellgrünen Grasähren aus dem Boden ihre Köpfchen zu
erheben, an den dünnen Zweigen der Bäume schwollen üppige Blüten.
Die Sonne wärmte immer stärker, am Himmel zeigten sich Scharen von
Vögeln, Züge von Kranichen, wilden Gänsen, Störchen, dichte Wolken
von Schwalben; die Frösche quakten in mächtigem Chor in dem erwärmten
Gewässer, die kleinen, grauen Vögel hörten nicht auf zu singen, und
durch Wald und Feld, durch Steppen und Schluchten tönte ein lautes
Jauchzen, als rufe die ganze Natur in Jubel und Begeisterung: Der
Frühling! U-ha, der Frühling!
Aber für diese unglückseligen Lande brachte der Frühling Trauer, nicht
Freude -- Tod, nicht Leben. Wenige Tage nach Ketlings Abreise empfing der
kleine Ritter folgende Nachrichten von Herrn Myslischewski:
»Auf der Aue von Kantschukar ist eine beständige Ansammlung der Heere.
Der Sultan hat große Summen in die Krim geschickt, der Khan kommt dem
Doroschenko mit fünfzigtausend Mann von der Horde zu Hilfe. Die Lawine
wird, sobald die Wasser sich verlaufen, die schwarze Heerstraße und die
Straße von Kutschmin einherrollen. Gott sei der Republik gnädig!«
Wolodyjowski schickte sofort seinen Burschen Pientka mit dieser
Nachricht zum Hetman; er selbst aber beeilte sich nicht, Chreptiow zu
verlassen. Erstens konnte er als Soldat die Grenzwacht ohne Befehl
des Hetmans nicht zurücklassen, und dann hatte er auch zu viele Jahre
im Kampfe mit den Tataren gelebt, um nicht zu wissen, daß ihre Schar
so rasch nicht vorwärts rückte. Noch hatte das Wasser sich nicht
verlaufen, noch war das Gras nicht hoch genug gewachsen, noch standen
die Kosaken in ihrem Winterlager. Die Türken erwartete der kleine
Ritter nicht vor dem Sommer, wenngleich sie sich jetzt bei Adrianopel
sammelten; eine so riesige Wagenburg, so zahlreiche Scharen von
Soldaten, Lagerknechten, Lastpferden, Kamelen und Büffeln konnte sich
nur langsam fortbewegen. Die tatarische Reiterei durfte er früher
erwarten, gegen Ende des April oder Anfang Mai. Zwar pflegten von
dem Gros der Armee, das viele zehntausend Krieger zählte, das Land
kleinere, lockere Scharen und mehr oder minder zahlreiche Banden
zu überziehen, wie einzelne Regentropfen dem großen Regenschauer
vorausgehen, aber diese fürchtete der kleine Ritter nicht. Selbst
die trefflichste tatarische Reiterei konnte auf offenem Felde den
Berittenen der Republik nicht die Spitze bieten, um wie viel weniger
diese Haufen, die bei dem bloßen Gerücht von dem Herannahen der Heere
auseinanderstoben, wie der Staub vor dem Sturmwind.
In jedem Falle war noch Zeit genug. Selbst wenn es daran gemangelt
hätte, wäre Herr Michael nicht abgereist, ohne sich ein wenig mit
den Tatarenscharen zu reiben, so daß sie es fühlten und daran denken
sollten. Er war Soldat vom Wirbel bis zur Zehe, Soldat von Beruf, darum
erweckte die Nähe des Heeres in ihm nur den Durst nach Feindesblut und
gab ihm zugleich die Ruhe wieder.
Sagloba war, obwohl er sein langes Leben hindurch vielen Gefahren
ausgesetzt gewesen, doch viel weniger ruhig. In unvorhergesehenen
Fällen fand er Mut; er hatte ihn schließlich durch lange, wenn auch
ungewollte Praxis entwickelt, und manchen Sieg im Leben erfochten.
Aber immer machte die erste Nachricht von Kriegsgefahr einen großen
Eindruck auf ihn. Als der kleine Ritter ihm seine Ansicht darlegte,
faßte er Mut, ja er forderte den ganzen Osten heraus, und erhob drohend
seine Hände gegen ihn.
»Wenn die christlichen Nationen untereinander Krieg führen,« sagte er,
»dann ist auch Christus im Himmel traurig, und alle Heiligen kratzen
sich den Kopf; denn so pflegt es immer zu sein: wenn der Herr betrübt
ist, ist auch das Gesinde betrübt. Aber wer den Türken schlägt, der
tut dem Himmel einen Wohlgefallen. Ich habe es von einer geistlichen
Persönlichkeit gehört, daß die Heiligen im Himmel gerade Übelheiten
bekommen, wenn sie jene Hundeseelen sehen, so daß ihnen das himmlische
Manna nicht bekommt, und ihre ewige Glückseligkeit einen Stoß erhält.«
»Gewiß ist es so,« versetzte der kleine Ritter, »aber die Macht der
Türken ist unermeßlich, und unser Heer könnte man auf einer flachen
Hand halten.«
»Die ganze Republik werden sie doch nicht erobern. Hatte Karolus
Gustavus etwa eine kleine Macht? Damals hatten wir Krieg mit den
Septentrionären, und mit den Kosaken, mit Rakoczy, und mit dem
Kurfürsten -- und wo sind sie heute? Haben wir nicht bis in ihre
Schlupfwinkel Feuer und Schwert getragen?«
»Wohl wahr! Persönlich würde ich den Krieg nicht fürchten, um so
weniger, als ich etwas tun muß, um Christus und der heiligen Jungfrau
ihr Erbarmen mit Bärbchen zu vergelten. Gebe Gott nur die Gelegenheit!
Aber um diese Lande ist es mir leid, die mit Kamieniez leicht in die
Hände der Heiden fallen können, wenn auch nur auf kurze Zeit. Malt
es Euch nur aus, welche Schändung der Kirche, welche Bedrückung des
christlichen Volkes das zur Folge haben würde.«
»Sprich nur nicht von dem Kosakenpöbel, diesen Schurken! Gegen die
eigene Mutter haben sie ihre Hände erhoben. Mag sie das treffen, was
sie gewollt haben. Das wichtigste ist, daß Kamieniez sich hält. Wie
denkst du, Michael, wird es sich halten?«
»Ich denke, der General von Podolien hat es nicht genügend gerüstet,
und die Bürger, die sich durch ihre Lage sicher fühlen, haben auch ihre
Pflicht nicht getan. Ketling hat mir erzählt, daß dort gut ausgerüstete
Regimenter des Bischofs Trebizki hingekommen seien. Beim Himmel! Haben
wir uns doch bei Sbarasch hinter einem elenden Wall gegen eine gleiche
Übermacht gehalten, warum sollten wir uns jetzt nicht halten in diesem
Adlerhorst?«
»Ja, ein Adlerhorst. Aber wer weiß, ob sich in ihm ein Adler finden
wird, wie Wischniowiezki war, oder aber eine Krähe. Kennst du den
General von Podolien?«
»Ein mächtiger Mann und ein trefflicher Soldat, aber ein wenig
nachlässig.«
»Ich weiß, ich kenne ihn; ich habe es ihm manchmal vorgeworfen. Herr
Potozki wünschte vorzeiten, ich sollte mit ihm zu seiner Erziehung ins
Ausland reisen, damit er unter meiner Leitung gute Sitten lerne; aber
ich antwortete: »Ich reise nicht mit ihm, er ist zu nachlässig; er hat
an keinem Stiefel zwei Ösen und würde an den Höfen in den meinigen
erscheinen müssen -- und Saffian ist teuer.« Dann, zurzeit Maria Ludwika,
trug er sich französisch. Aber die Strümpfe fielen ihm immer herunter
und ließen die nackten Knöchel sehen. -- Er reichte dem Wischniowiezki
nicht bis an die Hüfte.«
»Die Kaufleute in Kamieniez fürchten auch die Belagerung. Sie würden es
gern mit den Türken halten, wenn sie nur ihren Kram nicht zu schließen
brauchen.«
»Die Schufte!« sagte Sagloba.
Bekümmernis erfaßte beide um das künftige Geschick von Kamieniez.
Persönlich waren sie in schwerer Sorge um Bärbchen, die für den Fall
der Übergabe der Festung das Los aller Einwohner teilen mußte.
Plötzlich schlug sich Sagloba an die Stirn.
»Ums Himmels willen,« sagte er, »was grämen wir uns, wozu nach dem
lausigen Kamieniez gehen und uns dort einschließen? Ist es nicht
besser, bei dem Hetman zu bleiben und auf freiem Felde den Feind zu
bekämpfen? Und dann kann doch Bärbchen nicht mit zur Fahne; sie muß
fort und zwar nicht nach Kamieniez, sondern weit von hier, sei es auch
zu den Skrzetuskis. Michael, Gott schaut in mein Herz und sieht, wie es
von Begierde gegen die Heiden glüht -- aber für dich und für Bärbchen tue
ich es, ich geleite sie fort von hier.«
»Ich danke Euch,« antwortete der kleine Ritter, »gewiß, wenn ich nicht
in Kamieniez sein soll, wird auch Bärbchen nicht drängen. Aber was tun,
wenn der Befehl vom Hetman kommt?«
»Was tun, wenn der Befehl kommt? Ei, so hole der Henker alle Befehle!
Was tun? ... Warte, ich will einmal scharf nachdenken. -- Weißt du, man
muß dem Befehl zuvorkommen.«
»Und wie das?«
»Schreibe sofort an Herrn Sobieski, tue, als ob du ihm neues
mitzuteilen habest, und zum Schluß sage, daß du angesichts des
herannahenden Krieges aus Liebe zu ihm in seiner Nähe bleiben und im
offenen Felde kämpfen wollest. Bei Gott, ein trefflicher Gedanke!
Denn erstens ist es ja unmöglich, daß er einen solchen Streifzügler,
wie du bist, hinter Mauern halte, anstatt ihn im Felde zu gebrauchen,
und zweitens wird dich der Hetman für einen solchen Brief noch mehr
lieb gewinnen und an seiner Seite haben wollen. Er wird auch ergebene
Soldaten nötig haben ... Höre, wenn Kamieniez nicht standhält, so fällt
der Ruhm dem General von Podolien zu, und was du im Felde tust, das
geschieht zum Ruhme des Hetmans. Fürchte dich nicht, der Hetman wird
dich nicht an den General abtreten, eher tritt er ihm einen anderen
ab, aber dich und mich nicht ... Schreibe den Brief, bringe dich ihm
in Erinnerung; -- ha, mein Witz ist doch etwas mehr wert, als daß ihn
die Hühner auf dem Kehrichthaufen aufpicken. Michael, laß uns bei der
Gelegenheit eins trinken, nicht? Schreibe den Brief!«
Michael war in der Tat sehr erfreut; er umarmte Sagloba, dachte eine
Weile nach und sagte:
»Und dabei hintergehe ich weder Gott noch das Vaterland, noch den
Hetman, denn gewiß, im offenen Felde werde ich viel leisten können. Ich
danke Euch von ganzem Herzen; auch ich glaube, der Hetman wird mich zur
Seite haben wollen, besonders nach diesem Brief. Aber wißt Ihr, was ich
tun will, um auch Kamieniez nicht im Stich zu lassen? Ich statte auf
meine Kosten ein Häuflein Fußvolk aus und schicke es hin; auch das will
ich dem Hetman gleich schreiben.«
»Noch besser. Aber Michael, wo willst du die Leute hernehmen?«
»Ich habe in dem Keller an vierzig Räuber, die will ich nehmen. Stets
wenn ich einen hängen lassen wollte, hat mich Bärbchen gequält, ihm
das Leben zu schenken. Bärbchen hat mir manchmal geraten, aus den
Banditen Soldaten zu machen; ich aber wollte es nicht, denn man mußte
ein Exempel geben, aber nun sitzt uns der Krieg im Nacken, nun ist
alles erlaubt. Es sind tüchtige Kerle, die schon Pulver gerochen haben.
Ich will auch verkünden lassen, daß allen, die sich freiwillig aus den
Schluchten und Klüften zum Regiment stellen, ihre Räubereien geschenkt
sein sollen. Es werden sich wohl an die hundert Mann finden, und
Bärbchen wird auch zufrieden sein. Ihr habt mir eine schwere Last vom
Herzen genommen.«
Noch an diesem Tage schickte der kleine Ritter einen neuen Boten zum
Hetman und verkündete den Banditen Gnade, wenn sie sich zum Fußvolk
stellten. Sie gingen freudig darauf ein und versprachen, noch andere
heranzuziehen. Bärbchen war über die Maßen erfreut. Es kamen Schneider
aus Uschyz heran, aus Kamieniez und anderen Orten, um die Mannschaft
einzukleiden. Die früheren Räuber wurden auf dem Maidan von Chreptiow
in Reih und Glied gestellt. Michael lachte das Herz im Leibe bei dem
Gedanken, daß er im offenen Felde kämpfen, daß er die Gattin nicht den
Gefahren der Belagerung aussetzen und doch Kamieniez und dem Vaterland
einen großen Dienst erweisen werde.
Die Arbeiten hatten schon einige Wochen gedauert, als eines Abends der
Bote mit einem Brief vom Hetman Sobieski zurückkam. Er schrieb wie
folgt:
»Mein geliebter und sehr werter Wolodyjowski!
Daß Du mir so fleißig alles Neue mitteilst, dafür danke ich Dir, dafür
muß Dir das Vaterland dankbar sein. Der Krieg ist gewiß. Ich habe auch
von anderen die Nachricht, daß auf den Feldern von Kantschukar eine
große Macht steht, mit der Horde etwa dreimalhunderttausend Mann. Die
Horden können jeden Augenblick losrücken. Auf nichts hat es der Sultan
so abgesehen wie auf Kamieniez. Die Verräter, die Lipker, werden den
Türken alle Wege zeigen und sie über Kamieniez unterrichten. Ich habe
die Hoffnung, daß Gott die Natter, den Tuhaj-Bey-Sohn, in Deine oder
in Nowowiejskis Hände liefern wird, dessen Schmerz ich tief empfinde.
_Quod attinet_ Deinen Wunsch, an meiner Seite zu sein, so weiß Gott,
wie lieb es mir sein würde; aber es kann nicht sein. Der Herr General
von Podolien hat mir zwar nach der Wahl zwiespältige Freundlichkeit
erwiesen, aber ich will ihm den besten Soldaten schicken. Denn mir ist
der Fels von Kamieniez teuer wie mein Augapfel. Es wird dort viele
geben, die ein- oder zweimal im Leben den Krieg erfahren haben, aber
nur so wie jemand, der einmal ein treffliches Gericht genossen hat,
das er dann sein Leben lang in Erinnerung behält; aber ein Mann, der
es genossen hat wie sein täglich Brot, und der mit erfahrenem Rate
dienen könnte, fehlt dort; und wenn welche dort sind, so mangelt
ihnen die nötige Würde. Darum schicke ich Dich dorthin, denn Ketling
ist ein guter Soldat, aber weniger gekannt. Auf Dich aber wird die
Bürgerschaft der Stadt ihr Auge gerichtet halten, und ich denke, wenn
auch das Kommando in eines anderen Händen ist, so werden sie doch, was
Du sagst, gern befolgen. Gefährlich ist dieser Dienst in Kamieniez,
aber wir sind es gewohnt, im Regen naß zu werden, vor dem andere
Schutz suchen. Uns ist genügender Lohn der Ruhm und die dankbare
Erinnerung. Die Hauptsache ist das Vaterland, zu dessen Rettung ich
Dich nicht anzuregen brauche.«
Dieser Brief, der vor den versammelten Offizieren verlesen wurde,
machte einen tiefen Eindruck, denn sie alle hätten lieber im Felde
gedient als in der Festung. Michael ließ den Kopf sinken.
»Was denkst du, Michael?« fragte Sagloba.
Wolodyjowski erhob sein Antlitz, das wieder völlig den alten Ausdruck
gewonnen hatte, und sagte mit so ruhiger Stimme, als ob er keinerlei
Enttäuschung erfahren habe: »Wir werden nach Kamieniez gehen ... was
soll ich denken?«
Und man konnte glauben, es sei nie ein anderer Gedanke in seinem Kopfe
entstanden. Nach einer Weile warf er den Kopf zurück und sagte:
»He, Genossen, wir ziehen nach Kamieniez und wollen es halten, bis wir
selbst fallen.«
»Bis wir fallen,« wiederholten die Offiziere; »einmal muß der Mensch
sterben.«
Sagloba schwieg eine Weile; er ließ seine Blicke über die Anwesenden
schweifen, und da er sah, daß alle auf das warteten, was er wohl sagen
werde, sprach er:
»Ich gehe mit euch, hol' mich der Teufel!«
[Illustration: Dekoration/Kapitelende]
[Illustration: Dekoration/Kapitelanfang]