Aber von neuem schnürte die Angst ihr Herz ein bei dem Gedanken an
diesen weiten, durch entsetzliche Wüsteneien führenden Weg. Bald
erinnerte sie sich auch, daß Asya in Mohylow und Jampol Abteilungen der
Lipker gelassen hatte. Unzweifelhaft waren sie alle verschworen, alle
dienten sie Asya und würden sie sicherlich gefangen und nach Raschkow
bringen. Darum mußte sie tief in die Steppe hinein, dann erst sich nach
Norden wenden und die Flecken am Dniestr umgehen. Sie mußte um so mehr
diesen Weg wählen, als die Verfolger unbedingt den Weg am Ufer entlang
einschlagen würden, während sie in der weiten Steppe vielleicht auf ein
polnisches Kommando stoßen konnte, das in das Blockhaus zurückkehrte.
Allmählich wurde der Lauf des Schimmels langsamer. Bärbchen, als
erfahrene Reiterin, begriff sogleich, daß man ihm Zeit zur Rast
gewähren müsse, daß er sonst zusammenbrechen würde; auch sie fühlte,
daß sie verloren wäre, wenn sie in dieser Wüste ohne Pferd bliebe.
Sie hielt seinen Lauf an und ritt eine Zeitlang im Schritt. Der Nebel
löste sich, aber das arme Tier stand ganz in heißem Dampf. Bärbchen
begann zu beten.
Plötzlich ließ sich durch die Nebel auf einige hundert Schritt von ihr
entfernt das Wiehern eines Pferdes vernehmen. Da starrte das Haar auf
ihrem Haupte.
»Meines bricht zusammen, aber auch jene brechen zusammen,« sagte sie
laut.
Und wieder trieb sie das Pferd zur Eile. Eine Zeitlang schoß der
Schimmel dahin, wie eine Taube, die der Blaufuß verfolgt, und wieder
lief er lange, fast bis zur Erschöpfung seiner Kräfte; aber das ferne
Wiehern tönte immer noch hinter ihm. Es lag in diesem Wiehern, das
durch den Nebel drang, etwas unendlich Sehnsüchtiges und Drohendes.
Nach dem Augenblick der ersten Angst kam Bärbchen der Gedanke: wenn auf
diesem verfolgenden Pferde irgend jemand säße, so würde das Pferd nicht
wiehern, denn der Reiter wurde sein Wiehern dämpfen, um sich nicht zu
verraten.
»Nicht anders,« dachte Bärbchen, »das ist Asyas Pferd.«
Sie nahm beide Terzerole aus den Holftern; aber es war eine
überflüssige Vorsicht; bald sah sie es deutlich durch den dünnen Nebel
schimmern: Asyas Pferd kam mit wallender Mähne und fliegenden Nüstern
herbeigestürzt. Da es den Apfelschimmel erblickte, näherte es sich
hüpfend, kurz und abgerissen wiehernd, und der Apfelschimmel antwortete
sogleich.
»He, -- he!« rief Bärbchen.
Das Tier, gewohnt der Menschenhand zu folgen, näherte sich und ließ
sich beim Zügel fassen. Bärbchen erhob ihre Augen gen Himmel und sagte:
»Gottes Schutz!«
Wirklich war das Einfangen von Asyas Roß für sie ein außerordentlich
günstiger Glücksfall. Sie hatte nun die beiden besten Pferde der ganzen
Abteilung, sie konnte ferner die Pferde wechseln, und endlich gab ihr
die Anwesenheit von Asyas Pferd die Gewißheit, daß die Verfolger nicht
sobald aufbrechen würden. Wäre das Pferd der ganzen Abteilung gefolgt,
so würden unzweifelhaft die Tataren, beunruhigt durch seinen Anblick,
sofort zurückgekehrt sein, um ihren Führer zu suchen; jetzt konnte man
voraussehen, daß es ihnen gar nicht in den Sinn kommen werde, daß Asya
etwas zugestoßen sei, und daß sie erst auf Nachforschungen ausgehen
würden, wenn seine allzulange Abwesenheit sie beunruhigte.
»Dann werde ich schon weit von hier sein,« setzte Bärbchen in Gedanken
hinzu.
Hier erinnerte sie sich zum zweitenmal, daß Asyas Abteilungen in Jampol
und Mohylow stehen.
»Ich muß die weite Steppe herum und fern vom Flusse bleiben, bis ich
mich in der Gegend von Chreptiow befinden werde. Schlau hat dieser
entsetzliche Mensch mich umstellt, aber Gott wird mich retten.« Sie
faßte Mut und begann die Vorbereitungen zur Weiterreise. An Asyas
Sattelholz fand sie eine Muskete, ein Pulverhorn, ein Beutelchen mit
Kugeln und ein Beutelchen mit Hanfsamen, den der Tatar beständig
zu kauen pflegte. Bärbchen schnallte die Steigbügel kürzer, für
sie passend, und gedachte, sich den ganzen Weg über wie ein Vogel
von diesem Samen, den sie sorgfältig aufbewahrte, zu ernähren. Sie
beschloß, Menschen und Hütten zu umgehen, denn in diesen Wüsten
kann man von jedem Menschen eher Böses als Gutes erwarten. Ihr Herz
bedrückte die Sorge, womit sie die Pferde füttern werde; wollte sie
auch selbst das Gras unter dem Schnee aufscharren, und die Moose in
den Felsritzen hervorkratzen -- aber wenn sie nun von bösem Kraut und
von dem lästigen Wege zusammenbrächen? Schonen konnte sie die Pferde
doch nicht. Eine zweite Furcht war die, ob sie sich in der Wüste
nicht verirren werde. Es war leicht, den Weg zu finden, wenn man am
Ufer entlang ritt, aber diesen Weg durfte sie nicht wählen. Wenn sie
in die dämmrige, ungeheure, wegelose Wüste hinausritt, wie wollte
sie erkennen, ob sie nach Norden oder nach einer anderen Richtung
reiten sollte, wenn die nebeligen, sonnenlosen Tage kamen, und die
sternenlosen Nächte? Daß die Wüste von reißenden Tieren erfüllt war,
machte ihr weniger Sorge, denn sie hatte Mut im kühnen Herzen und -- eine
Waffe. Die Wölfe, die in Scharen zogen, konnten zwar gefährlich werden,
aber im allgemeinen fürchtete sie die Menschen mehr als die Tiere, und
am meisten das Verirren.
»Ha, Gott wird mir den Weg zeigen, und wird mir gewähren, zu Michael
zurückzukehren,« sagte sie laut.
Sie bekreuzigte sich und wischte mit dem Ärmel die Feuchtigkeit von
ihrem Gesicht, die ihre blassen Wangen frieren machte, schaute mit
ihren scharfen Augen in der Gegend umher und gab dem Pferde die Sporen.
[Illustration: Dekoration/Kapitelende]
[Illustration: Dekoration/Kapitelanfang]