Die Abteilung Tscheremissen, etliche zehn Pferde stark, war eine
Meile vorausgeritten, um die Wege zu besichtigen und die Kommandanten
von der Durchreise der Frau Wolodyjowska zu benachrichtigen, damit
überall die Quartiere bereit gehalten würden. Dieser Abteilung folgte
die Hauptmacht der Lipker, dann kam der Schlitten mit Bärbchen und
Evchen, ein zweiter mit dem weiblichen Gesinde, dann wieder eine
kleinere Abteilung, die den ganzen Zug schloß. Der Weg war ziemlich
beschwerlich, denn es hatten Schneewehungen stattgefunden. Die
Fichtenwälder, die im Winter ihren stachligen Schmuck nicht verlieren,
lassen den Schnee nicht so reichlich auf die Erde fallen; aber die
Einöden, die sich längs des Dniestrufers hinziehen, die zumeist
mit Eichen und anderen Laubhölzern besetzt sind, waren jetzt ihrer
natürlichten Schutzwölbung beraubt, und die Baumstämme bis zur Hälfte
von Schnee verschüttet. Auch die engeren Schluchten waren voller
Schnee. Hier und da hob er sich wie Meereswogen, deren hochgegipfelte
Rücken herabhingen, als wollten sie jeden Augenblick zusammenstürzen
und sich vereinigen mit der großen, weißen Fläche. Wenn man durch die
beschwerlichen Schluchten und über die Abhänge fuhr, hielten die Lipker
den Schlitten mit Stricken zurück; nur auf den Hochebenen, auf welchen
die Winde die Schneedecke geglättet hatten, fuhr man schnell und folgte
den Spuren der Karawane, welche unter Führung von Nawiragh und den
beiden Anardraten vorher nach Chreptiow ausgerückt waren.
Der Weg war beschwerlich, aber doch nicht so beschwerlich, wie häufig
in diesen öden Landen voll Ruinen, Bächen, Strömen und Schluchten.
Sie freuten sich also, noch ehe die Nacht anbrach, den Abhang
hinunterzugelangen, an dessen Fuße Mohylow lag; das Wetter schien
auf lange Zeit hinaus schön bleiben zu wollen. Nach einem prächtigen
Morgenrot erhob sich die Sonne; sogleich erstrahlten die Schluchten,
Ebenen und Wüsteneien in ihrem Glanze. Die Zweige der Bäume schienen
mit glühenden Funken besprengt, Fünkchen leuchteten im Schnee, daß
die Augen vom Glanze schmerzten. Von den hohen Spitzen flog der Blick
über die Lande hin, wie durch Fenster der Wüste, weit, weit bis in
die Moldau hinein, und verlor sich auf dem weißen und bläulichen, vom
Sonnenglanz übergossenen Horizont. Die Luft war trocken, rein. Bei
solcher Witterung fühlen Menschen und Tiere Kraft und Gesundheit, und
so wieherten auch die Pferde mächtig in den Reihen und stießen aus den
Nüstern Dampfsäulen aus; die Lipker sangen fröhliche Lieder, obwohl der
Frost sie in die Füße kniff, die sie beständig unter ihre Mäntel zogen.
Die Sonne erhob sich endlich zur höchsten Höhe des Himmelsgewölbes und
begann ein wenig zu wärmen. Bärbchen und Evchen war es sogar zu warm
unter den Fellen im Schlitten. Sie lockerten ihren Kopfbund, entfernten
die Kappen und zeigten der Welt ihre rosigen Gesichter. Sie begannen
umherzuschauen; Bärbchen betrachtete die Umgegend, Evchen sah sich nach
Asya um, der sich nicht in der Nähe der Schlitten befand. Er war vorn
bei der Abteilung der Tscheremissen, welche den Weg untersuchte, und
wenn es nötig war, den Schnee auseinanderschippte. Evchen war sogar
mißmutig deswegen, aber Bärbchen, die den Heeresdienst von Grund aus
kannte, sagte ihr zum Troste:
»So sind sie alle, Dienst ist Dienst; mein Michael kümmert sich auch
nicht um mich, wenn die Heerespflicht ihn ruft, und es wäre schlimm,
wenn es anders wäre; wenn wir einen Soldaten lieben, dann muß es ein
tüchtiger sein.«
»Aber an der Raststelle wird er bei uns sein!« fragte Evchen.
»Sieh' zu, daß du ihn nicht zuviel habest; hast du bemerkt, wie heiter
er war, als er abreiste?« Er glänzte förmlich.
»Ja, ich hab's gesehen, er war sehr heiter.«
»Und wie wird es erst sein, wenn er Urlaub von Herrn Nowowiejski
bekommt?«
»O, was erwartet mich noch! Gottes Wille geschehe, obwohl das Herz
im Busen mir erstarrt, wenn ich an meinen Vater denke. Wie, wenn er
ihn anschreit, wenn er ihm den Urlaub versagt, dann wird es mir schön
ergehen, wenn wir nach Hause zurückkehren!«
»Weißt du, Evchen, was ich denke?«
»Nun was?«
»Mit Asya ist nicht zu scherzen; dein Bruder könnte sich ihm mit Macht
entgegenstellen, aber dein Vater hat kein Kommando. Ich denke, wenn er
sich auch widersetzt, Asya nimmt dich doch.«
»Wie das?«
»Nun, er entführt dich. Man sagt, er verstehe keinen Scherz ...
Blut von Tuhaj-Bey ... Ihr laßt euch bei dem ersten besten Priester
unterwegs trauen ... wo anders bedarf es einer öffentlichen
Ankündigung, der Geburtszeugnisse, Zustimmung; aber hier in diesen
wilden Gegenden geht alles auf tatarische Art.«
Evchens Züge hellten sich auf.
»Das eine fürcht' ich: Asya ist zu allem bereit, das fürcht' ich!«
sagte sie.
Bärbchen aber wandte ihren Kopf, sah sie scharf an und brach endlich in
ihr anmutiges, kindliches Lachen aus.
»Das fürchtest du gerade so, wie die Maus den Speck, o, man kennt dich!«
Evchen, die schon von der kühlen Luft rotwangig war, errötete noch mehr
und antwortete:
»Den väterlichen Fluch würde ich fürchten, und ich weiß, Asya achtet
nichts.«
»Sei guten Mutes!« sagte Bärbchen darauf, »außer mir hast du noch den
Bruder zu Hilfe. Wahre Liebe gelangt immer zum Ziele; Herr Sagloba hat
mir das gesagt zu einer Zeit, als Michael noch nicht im entferntesten
an mich dachte.«
Und so gerieten sie ins Schwatzen und plauderten um die Wette, die eine
von Asya, die andere von ihrem Michael.
Es waren einige Stunden vergangen, als die Karawane zum ersten Male
einen kurzen Halt in Jarischow machte. In dem Städtchen, das immer
recht elend gewesen war, stand nach dem Bauerneinfall nur noch eine
Schenke, welche wieder aufgebaut worden war zu der Zeit, wo die
häufigen Heereszüge einen sicheren Gewinn hoffen ließen. Bärbchen und
Evchen fanden hier einen armenischen Kaufmann, aus Mohylow gebürtig,
der Saffian nach Kamieniez brachte.
Asya wollte ihn samt den Walachen und Tataren, die ihn begleiteten, auf
den Hof hinauswerfen, aber die Frauen gestatteten ihm zu bleiben, und
nur die Wache mußte sich zurückziehen. Als der Kaufmann erfuhr, daß die
reisende Frau die Gattin Michael Wolodyjowskis war, verneigte er sich
tief vor ihr und begann ihren Mann in den Himmel zu erheben, was sie
mit großer Freude anhörte. Endlich ging er zu seinen Waren, und als er
wiederkehrte, bot er ihr ein Gefäß mit wundervollen Früchten und eine
kleine Schachtel an, gefüllt mit duftigen türkischen Heilmitteln, die
gegen mannigfache Krankheiten wirksam waren.
»Dies lege ich Ihnen aus Dankbarkeit zu Füßen,« sagte er. »Vorher
durften wir nicht wagen, den Kopf aus Mohylow herauszustecken, so
hauste Asba-Bey und viele Räuber in allen Schluchten und jenseits in
den Abhängen; jetzt ist der Weg wieder sicher und der Handel geschützt,
jetzt können wir wieder umherreisen. Möge der Himmel die Tage des
Kommandanten von Chreptiow vermehren und jeden Tag so lang machen, daß
er hinreicht für den Weg von Mohylow nach Kamieniez, und jede Stunde so
verlängern, daß sie wie ein Tag erscheint. Unser Kommandant, der Herr
Feldschreiber, sitzt lieber in Warschau, und der Herr Kommandant von
Chreptiow allein hatte ein wachsames Auge und fegte die Räuber hinweg,
daß ihnen jetzt der Tod lieber ist, als der Dniestr.«
»So ist Herr Rschewuski nicht in Mohylow?« fragte Bärbchen.
»Er hat das Heer nur hergeführt, und ich weiß nicht, ob er auch
nur drei Tage hier verweilt hat. -- Bitte Euer Gnaden, hier sind
trockene Weintrauben in diesem Körbchen, und an dieser Seite sind so
vortreffliche Früchte, wie man sie selbst in der Türkei nicht hat. Aus
dem fernen Asien kommen sie her, dort wachsen sie auf Palmen ... Der
Herr Schreiber ist nicht da, und auch die Reiterei ist fort; sie ist
gestern plötzlich nach Brazlaw gezogen ... Und hier sind Datteln, mögen
sie Euer Gnaden beide zur Gesundheit dienen. Nur Herr Gorschenski mit
dem Fußvolk ist hiergeblieben, die ganze Reiterei ist fortgezogen.«
»Es erscheint mir seltsam, daß die ganze Reiterei fort ist,« sagte
Bärbchen und sah Asya mit einem fragenden Blicke an.
»Sie ist fortgezogen, damit die Pferde nicht träge werden,« antwortete
der Sprößling des Tuhaj-Bey, »jetzt ist's ruhig.«
»In der Stadt sagten die Leute, Dorosch habe sich unverhofft gezeigt,«
sagte der Kaufmann.
Asya lächelte.
»Und womit will er die Pferde füttern -- mit Schnee?« sagte er zu
Bärbchen.
»Herr Gorschenski wird es Euer Gnaden am besten erklären,« fügte der
Kaufmann hinzu.
»Ich denke auch, es ist nichts,« antwortete Bärbchen nach einem
Augenblick der Überlegung, »wäre irgend etwas, so hätten wir es doch
zuerst gewußt.«
»Unzweifelhaft wäre die Nachricht zuerst in Chreptiow gewesen,« sagte
Asya, »fürchten Ew. Liebden nichts.«
Bärbchen erhob ihr holdes Antlitz zu dem Tataren und bewegte ihre
rosigen Nasenflügel.
»Ich fürchten? Das ist vortrefflich! Was kommt Euch in den Sinn? -- Hörst
du, Evchen, ich soll mich fürchten!«
Evchen konnte nicht antworten, denn da sie von Natur ein wenig
naschhaft war und Süßigkeiten über alles liebte, hatte sie den Mund
voll von Datteln, was sie übrigens durchaus nicht abhielt, Asya
unverwandt anzusehen; erst nach einiger Zeit sagte sie daher:
»In Gegenwart eines solchen Offiziers fürchte auch ich mich ganz und
gar nicht.«
Dann blickte sie Asya gefühlvoll und bedeutsam in die Augen; er aber
hatte seit der Zeit, da sie ihm ein Hindernis geworden war, einen
geheimen Widerwillen gegen sie und zürnte ihr. Er blieb unbeweglich
und antwortete ihr mit gesenkten Blicken:
»In Raschkow wird es sich zeigen, ob ich dies Vertrauen verdient
habe.« In seiner Stimme lag etwas beinahe Drohendes, aber beide
Frauen waren schon so sehr gewohnt, alles, was der junge Tatar
sprach oder tat, anders zu sehen, als bei anderen Menschen, daß es
kaum ihre Aufmerksamkeit erregte. Überdies begann Asya bald auf die
Weiterreise zu dringen, weil vor Mohylow Berge lagen, die wegen
ihrer Abschüssigkeit schwer passierbar waren, und die man darum bei
Tageslicht überwinden mußte. Unverzüglich fuhr man weiter.
Bis zu jenen Bergen ging es sehr schnell; dort wollte Bärbchen das
Pferd besteigen, aber auf Zureden des jungen Beys blieb sie Evchen
zur Gesellschaft im Schlitten; dieser wurde an Taue gelegt und mit
äußerster Vorsicht den Abhang hinuntergelassen. Asya ging die ganze
Zeit zu Fuß neben dem Schlitten, aber er sprach fast kein Wort, weder
mit Bärbchen noch mit Evchen, denn er war ganz von der gefährlichen
Lage und überhaupt von seinem Kommando in Anspruch genommen. Aber die
Sonne ging unter, ehe sie das Gebirge zu passieren vermochten. Die
Abteilung Tscheremissen, die im Vortrab ging, schürte das Feuer aus
trockenen Zweigen. So kamen sie langsam vorwärts durch die glühenden
Brände, und durch die wilden Gestalten, die um sie lagerten. Hinter
diesen Gestalten sah man im nächtlichen Dunkel und im Halblicht der
Flammen furchtbare Schluchten von unbestimmten, grauenerregenden
Umrissen. Alles das war neu, anziehend: alles machte den Eindruck
einer gefährlichen, geheimnisvollen Unternehmung. Darum war Bärbchen
im siebenten Himmel, und ihr Herz füllte sich mit Dankbarkeit für
ihren Mann, der diesen Zug in die fremden Lande gestattet hatte, und
für Asya, der ihn so zu führen verstand. Jetzt erst begriff Bärbchen,
was Heereszüge bedeuten, von deren Beschwerlichkeiten sie so oft von
den alten Soldaten gehört hatte, und was zerklüftete, gefahrvolle
Wege seien. Eine sinnlose Freude erfaßte sie; sie hätte sicherlich
ihren Apfelschimmel bestiegen, wenn sie nicht lieber im Schlitten
neben Evchen gesessen, um mit ihr zu plaudern und sie mit ihrer Angst
zu necken. Wenn in den Engpässen, die sich in Schlangenwindungen
hinzogen, die vorderen Abteilungen, ihren Blicken entzogen, sich mit
wilden Stimmen gegenseitig zuriefen, das gedämpfte Echo in den Abhängen
widerhallte, wandte sich Bärbchen zu Evchen, ergriff ihre Hände und
sagte:
»Huhu, das sind die wilden Tiere oder die Horden!«
Aber Evchen dachte an Asya, den Sohn des Tuhaj-Bey, und das beruhigte
sie auf der Stelle. »Auch die Tiere und Horden ehren und fürchten ihn,«
sagte sie, und dann neigte sie sich zu Bärbchens Ohr und flüsterte:
»Und ging es nach Bialogrod, und ging es bis in die Krim -- nur mit ihm!«
Der Mond war schon hoch am Himmelsgewölbe emporgestiegen, als sie aus
den Bergen herauskamen. Da sahen sie fern unten im Tal, wie am Boden
eines Abgrundes, eine Menge Lichtchen.
»Mohylow zu unseren Füßen!« ließ sich eine Stimme hinter Bärbchen und
Evchen vernehmen. Sie schauten sich um, es war Asya, der hinter dem
Schlitten stand.
»So liegt jene Stadt also auf dem Grunde des Talkessels?« fragte
Bärbchen.
»So ist's, und Berge stützen sie vor kalten Winden,« sagte er, indem
er seinen Kopf zwischen ihre Köpfe drängte. »Beobachten Ew. Liebden,
daß auch die Luft hier eine andere ist, es ist gleich wärmer und
windstiller. Der Frühling kommt auch um zehn Tage früher hierher, als
jenseits der Berge, und die Bäume bekommen schneller Laub. Das Graue,
was man dort am Abhange sieht, sind Weinreben, sie stecken jetzt unter
dem Schnee.«
Schnee lag überall, aber es war in der Tat hier wärmer und windstiller.
Je mehr sie langsam ins Tal hinabkamen, desto mehr Lichter zeigten
sich; eines nach dem anderen blitzte auf.
»Eine hübsche Stadt und ziemlich groß,« sagte Evchen.
»Weil die Tataren sie zur Zeit des Bauernaufstandes nicht verbrannt
haben. Die Kosakenheere haben hier überwintert, und die Lechen sind
fast nie hier gewesen.«
»Und wer wohnt hier?«
»Tataren wohnen hier, die ihr hölzernes Minaret haben, denn in der
Republik darf jeder seinem Glauben leben. Es wohnen Walachen, Armenier
und Griechen hier.«
»Griechen habe ich einmal in Kamieniez gesehen,« sagte Bärbchen, »denn
wenn sie auch fern von hier wohnen, der Handel führt sie überall hin.«
»Die Stadt ist auch anders als alle übrigen gebaut,« sagte Asya,
»allerlei Volk kommt hierher zum Handel. Der Flecken, den wir hier
seitwärts vom Wege gesehen haben, heißt Serby.«
»Wir sind schon da!« sagte Bärbchen. Ein seltsamer Geruch von Fellen
und Quas[I]-Getränk drang ihnen gleich beim Eintritt entgegen. Es war
der Geruch von Saffian, mit dessen Bearbeitung sich fast alle Bewohner
Mohylows beschäftigen, im besonderen aber die Armenier. Wie Asya gesagt
hatte, war diese Stadt durchaus verschieden von allen anderen. Die
Häuser waren auf asiatische Weise gebaut, ihre Fenster mit dichten
Holzstäben verdunkelt. Bei vielen fehlten die Fenster, die zur Straße
führten, gänzlich, und nur von den Höfen sah man den Feuerschein der
Herde. Die Straßen waren nicht gepflastert, obgleich es an Steinen
in der Umgegend nicht fehlte. Hier und da erhoben sich Gebäude von
seltsamer Gestalt mit gitterartigen, durchsichtigen Mauern; das waren
die Trockenplätze, auf welchen die frischen Weintrauben in Rosinen
umgewandelt wurden. Der Duft des Saffians erfüllte die ganze Stadt.
Herr Gorschenski, der Führer des Fußvolks, war durch die Tscheremissen
von der Ankunft der Kommandantin in Kenntnis gesetzt und ihr zum
Empfang entgegengeritten. Er war nicht mehr jung, stotterte und stieß
mit der Zunge an, denn sein Gesicht war von einer Janitscharenbüchse
zerschossen; als er nun anfing, unter beständigem Stottern von dem
Sterne zu sprechen, »welcher am Himmel von Mohylow aufgegangen sei,«
konnte Bärbchen das Lachen kaum unterdrücken. Aber er nahm sie so
gastfreundlich auf, als es in seiner Macht stand; in dem Blockhause
erwartete sie eine Abendmahlzeit und ein außerordentlich bequemes
Nachtlager von frischen und reinen Daunen, welche den reichsten
Armeniern abgenommen waren. Beim Abendbrot erzählte Gorschenski, wenn
auch stotternd, so interessante Geschichten, daß man gern zuhörte.
Nach seiner Erzählung wehte plötzlich unerwartet ein unruhiger Wind
von der Steppe her. Es kamen Gerüchte, daß eine mächtige Schar von
der Krimschen Horde, welche bei Dorosch stand, sich mit einigen
tausend Kosaken unvermutet auf Hayssyn zu und noch höher hinauf in
Bewegung gesetzt habe. Außerdem kamen allerhand andere beunruhigende
Nachrichten; man wußte nicht recht woher, Herr Gorschenski aber
schenkte allen keinen rechten Glauben.
»Wir haben Winter,« sagte er, »und seit der liebe Herrgott diesen
Erdball gegründet, sind die Tataren immer nur im Frühling aufgebrochen;
sie haben keine Wagenburgen und gehen immer die große Heerstraße, darum
nehmen sie nie Futter für ihre Pferde mit und können es auch nicht. Wir
wissen das alle schon, daß der Krieg mit der türkischen Macht nur vom
Winter im Banne gehalten wird, und daß wir mit dem ersten Grase Gäste
haben werden; aber daß jetzt etwas vorgehen sollte, das glaube ich
nimmermehr.«
Bärbchen wartete geduldig und lange, bis Gorschenski mühsam seine Sache
hervorgestottert hatte, denn er hielt immer wieder inne und bewegte den
Mund, als ob er mit Essen beschäftigt sei.
»Was also haltet Ihr von jenem Vorrücken gegen Hayssyn?«
»Ich meine, daß dort, wo die Tataren gestanden haben, die Pferde alles
Gras unter dem Schnee ausgegraben haben, und nun wollen sie an einem
anderen Orte ihr Lager aufschlagen. Es kann auch sein, daß die Horde
in der Nähe von Doroschs Leuten steht und mit ihnen in Streit geraten
ist; das war immer so; sie gelten zwar als Bundesgenossen und ziehen
gemeinsam in den Krieg, aber wenn sie in zu naher Nachbarschaft sind,
so liegen sie sich auf den Weiden oder im Bazar in den Haaren.«
»Gewiß, so ist es,« sagte Asya.
»Und noch eins,« fuhr Gorschenski fort, »diese Nachrichten kamen nicht
direkt von den Grenzlern; die Bauern brachten sie her, die Tataren hier
am Ort begannen ohne Grund davon zu schwatzen. Erst vor drei Tagen hat
Herr Jakubowitsch aus der Steppe Nachrichten hergebracht, welche die
Gerüchte bestätigen, und darum ist die ganze Reiterei ausgerückt.«
»So seid Ihr nur mit dem Fußvolk hier zurückgeblieben?« fragte Asya.
»Gott sei es geklagt, vierzig Mann! Kaum daß jemand da ist, das
Blockhaus zu schützen; und wenn sich nun die Tataren regten, die hier
in Mohylow wohnen, ich weiß nicht, wie ich mit ihnen fertig würde!«
»Aber die werden doch stille sitzen?« fragte Bärbchen.
»Sie werden stille sitzen, denn sie haben keinen Grund zum Gegenteil.
Viele von ihnen sind in der Republik dauernd ansässig mit Weib und
Kind, und die stehen auf unserer Seite. Und was von Fremden hier ist,
ist um des Handels willen hier und scheut den Krieg. Gutes Volk!«
»Ich lasse Euch fünfzig Pferde von meinen Lipkern hier,« sagte Asya.
»Gott lohn's Euch, Ihr tut uns einen großen Dienst damit, so werde
ich jemanden unserer Reiterei nachschicken können, um Nachrichten
einzuholen. Aber könnt Ihr sie auch hier lassen?«
»Gewiß! Nach Raschkow kommen die Mannschaften der Hauptleute, die vor
Zeiten zum Sultan übergegangen sind und jetzt in den Gehorsam der
Republik zurückkehren wollen. Über alle habe ich im Auftrag des Hetmans
das Kommando zu übernehmen, und zum Frühling kommt die ganze Division
zusammen.«
Gorschenski verneigte sich vor Asya. Er kannte ihn schon lange, aber er
schätzte ihn geringer als einen Mann von unbestimmter Herkunft. Jetzt
aber wußte er schon, daß er ein Sprößling des Tuhaj-Bey sei, denn die
Nachricht davon hatte die erste Karawane gebracht, die, mit welcher
Nawiragh zog. Darum achtete Gorschenski jetzt in dem jungen Tataren das
Blut des großen, wenn auch feindlichen Kriegers, und außerdem verehrte
er in ihm den Offizier, dem der Hetman so hervorragende Befugnisse
übertragen hatte.
Asya aber ging hinaus, um Befehle zu erteilen; er rief den Hauptmann
David und sagte ihm:
»David, Sohn des Skander, du bleibst mit fünfzig Pferden in Mohylow und
wirst mit den Augen sehen und mit den Ohren hören, was um dich vorgeht;
wenn der kleine Falke mir Briefe aus Chreptiow nachsenden sollte, so
hältst du den Boten an, nimmst ihm die Briefe ab und schickst sie mir
durch deinen eigenen Boten. Du bleibst aber so lange hier, bis ich den
Befehl schicke, daß du zurückkehrst. Dann, wenn dir der Bote sagt, es
ist Nacht, so ziehst du geräuschlos ab, und wenn er dir sagt, der Tag
ist nahe, so zündest du die Stadt an, setzest selbst an das Moldauische
Ufer hinüber und gehst, wohin man dich schicken wird ...«
»Wie du sagst, mein Herr und Gebieter,« erwiderte David, »ich werde
mit den Augen sehen und mit den Ohren hören; die Boten von dem kleinen
Falken werde ich anhalten, werde ihnen die Briefe abnehmen und sie dir
durch einen von den unsrigen schicken. Ich werde hierbleiben, bis ich
den Befehl empfange, und dann, wenn mir dein Bote sagt: es ist Nacht,
werde ich geräuschlos davongehen, sagt er aber: der Tag ist nahe, so
werde ich die Stadt anzünden, nach dem Moldauischen Ufer übersetzen und
hingehen, wohin man mir befehlen wird.«
Am anderen Tage um die Morgendämmerung setzte die Karawane, um fünfzig
Pferde vermindert, ihren Weg fort. Gorschenski begleitete Bärbchen
bis über den Engpaß von Mohylow hinaus. Dort stotterte er eine
Abschiedsrede und kehrte dann zurück; sie aber reisten sehr eilig nach
Jampol. Asya war überaus fröhlich und trieb die Leute so an, daß selbst
Bärbchen sich wunderte.
»Warum habt Ihr es so eilig?« fragte sie.
Er aber erwiderte: »Ein jeder eilt seiner Glückseligkeit entgegen, und
die meinige soll in Raschkow beginnen.«
Evchen, die diese Worte auf sich bezog, lachte gerührt, sie nahm all'
ihren Mut zusammen und antwortete:
»Aber mein Vater ...«
»Herr Nowowiejski wird mir in nichts im Wege stehen,« antwortete Asya.
Und ein düsterer Blitz huschte über sein Angesicht.
In Jampol traf man fast gar keine Soldaten an, Fußvolk war nie dort
gewesen, und die ganze Reiterei war ausgezogen, kaum, daß etliche
zehn Mann im Schlosse oder besser in seinen Ruinen lagen ... das
Nachtlager war vorbereitet, aber Bärbchen schlief schlecht, weil sie
die Gerüchte beunruhigten. Besonders quälte sie der Gedanke, welche
Unruhe den kleinen Ritter erfassen würde, wenn sich bestätigen sollte,
daß Doroschenkos Schar wirklich aufgebrochen sei; sie tröstete sich nur
damit, daß es vielleicht nicht wahr sei. Es kam ihr auch der Gedanke,
ob es nicht besser sei, zur Sicherheit einen Teil der Soldaten Asyas
mitzunehmen und zurückzukehren, -- aber es gab mannigfache Hindernisse;
erstens hätte Asya, der die Besatzung von Raschkow verstärken sollte,
ihnen nur eine sehr geringe Leibwache geben können -- im Falle einer
wirklichen Gefahr hätte diese Wache sich als ungenügend erwiesen --;
zweitens waren zwei Drittel des Weges schon zurückgelegt. In Raschkow
befand sich ein unbekannter Offizier und eine starke Besatzung, welche
durch die Verstärkung, die ihr jetzt wurde, zu einer stattlichen Macht
anwachsen konnte. Da Bärbchen alles dies erwog, beschloß sie, weiter
zu reisen. Aber sie fand keinen Schlaf. Das erste Mal auf diesem ganzen
Wege hatte sie eine Unruhe erfaßt, als hinge eine unbekannte Gefahr
über ihrem Haupte; vielleicht trug auch das Nachtlager in Jampol zu
dieser Unruhe bei, denn Jampol war ein entsetzlicher, blutiger Ort.
Bärbchen kannte ihn aus den Erzählungen ihres Gatten und des Herrn
Sagloba. Hier hatte zurzeit des blutigen Chmielnizki die Hauptmacht
der podolischen Aufständischen unter Burlaj gestanden, hier wurden die
Gefangenen hergeführt und nach den orientalischen Märkten verkauft oder
auf gräßliche Weise hingemordet; hier endlich war es, wo im Frühjahr
1651 während eines reichbesuchten Jahrmarktes Herr Stanislaus von
Landskron, der Wojewode von Brazlaw, einen Überfall gemacht und ein
blutiges Gemetzel veranstaltet hatte, das noch in frischer Erinnerung
im ganzen Dniestrlande fortlebte.
Überall also, über dem ganzen Flecken schwebten blutige Erinnerungen;
hier und da lagen noch die Trümmerhaufen, und aus den halb
eingestürzten Mauern des Schlosses schienen die fahlen Gesichter der
hingemordeten Kosaken und Polen hervorzublicken. Bärbchen hatte Mut,
aber sie fürchtete die Geister, und das Volk sagte, daß man in Jampol
selber, bei der Mündung der Schumilowka und an dem nahen »Porogen«[J]
des Dniestr allnächtlich ein großes Weinen und Stöhnen vernehme, daß
sich das Wasser bei Mondlicht rot färbe, als sei es vom Blut getränkt.
Dieser Gedanke erfüllte Bärbchens Herz mit großer Furcht. Unwillkürlich
horchte sie, ob nicht durch die Stille der Nacht, mitten durch das
Schäumen der Dniestrschnellen Weinen und Stöhnen vernehmbar sei. Nichts
war zu hören, als das gedehnte Ha -- a -- lt! der Soldaten. Und so trat
vor Bärbchens Geist das stille Gastzimmer in Chreptiow, ihr Gatte,
Sagloba, die Gesichter der Freunde -- und zum erstenmal empfand sie, daß
sie fern von ihnen sei, sehr fern, in fremden Landen, -- und es erfaßte
sie eine solche Sehnsucht nach Chreptiow, daß sie weinen wollte.
Erst gegen Morgen schlief sie ein, aber sie hatte seltsame Träume.
Burlaj, die Aufständischen, die Tataren, blutige Bilder zogen an ihrem
geistigen Auge vorüber, und mitten in diesen Bildern sah sie beständig
das Gesicht Asyas; aber es war nicht derselbe Asya, er erschien als
wilder Tatar, als Tuhaj-Bey selber.
Am Morgen stand sie auf, froh, daß die Nacht und ihre gräßlichen
Gesichte vorübergegangen waren. Den Rest des Weges beschloß sie auf
ihrem Apfelschimmel zurückzulegen, erstens um Bewegung zu haben,
zweitens um Asya und Evchen Gelegenheit zu bequemerer Unterhaltung
zu geben, denn die beiden hatten gewiß, da Raschkow so nahe lag, das
Bedürfnis, sich zu beraten, auf welche Weise man dem alten Nowowiejski
alles mitteile, und seine Erlaubnis erlange. Asya hielt ihr mit eigener
Hand den Steigbügel; er setzte sich aber nicht zu Evchen in den
Schlitten, sondern ritt gleich an die Spitze der Abteilung und hielt
sich dann in Bärbchens Nähe.
Sie aber bemerkte bald, daß sie in geringerer Anzahl seien, als da sie
nach Jampol gekommen waren. Sie wandte sich an den jungen Tataren und
sagte:
»Ich sehe, daß Ihr auch in Jampol einen Teil Eurer Leute gelassen habt.«
»Fünfzig Pferde, gerade so wie in Mohylow,« antwortete Asya.
»Und wozu das?«
Er lächelte seltsam, seine Lippen hoben sich wie bei einem bösartigen
Hunde, der die Zähne zeigt -- und erst nach einer kurzen Pause antwortete
er:
»Weil ich diese Kommandos in meiner Hand haben und den Rückweg Ew.
Liebden decken will.«
»Wenn die Truppen aus den Steppen zurückkommen, so wird ohnehin dort
eine große Macht sein?«
»Die Truppen kommen nicht sobald zurück.«
»Woher wißt Ihr das?«
»Weil sie sich erst vergewissern müssen, was bei Dorosch los ist, und
das wird ihnen drei oder vier Wochen Zeit nehmen.«
»Wenn dem so ist, so habt Ihr recht gehandelt, daß Ihr die Leute
zurückließet.«
Sie ritten eine Zeitlang schweigend nebeneinander. Asya blickte immer
wieder in Bärbchens rosiges Gesichtchen, das durch den aufgeschlagenen
Kragen des Waffenröckleins und den Kalpak halb verdeckt war, und
bei jedem Blick kniff er die Augen zusammen, als wollte er sich ihr
anmutiges Bild besser ins Gedächtnis prägen.
»Ihr solltet mit Evchen sprechen,« sagte sie, von neuem die
Unterhaltung aufnehmend. »Ihr sprecht überhaupt zu wenig mit ihr, so
daß sie sich schon wundert. Bald werdet Ihr vor Herrn Nowowiejskis
Antlitz stehen ... mich selbst erfaßt Unruhe ... Ihr müßtet beraten,
was Ihr zu tun habt.«
»Ich möchte erst mit Ew. Liebden sprechen,« antwortete Asya in
seltsamem Tone.
»Warum beginnt Ihr nicht?«
»Ich warte auf den Boten aus Raschkow; ich habe geglaubt, ihn schon in
Jampol zu finden, jeden Augenblick erwarte ich ihn.«
»Und was hat der Bote mit unserer Unterredung zu tun?«
»Ich glaube, dort kommt er gerade,« antwortete der junge Tatar
ausweichend.
Er sprengte voraus, kam aber nach einer Weile wieder zurück. »Nein, das
ist er nicht,« sagte er.
In seiner ganzen Gestalt, in seiner Rede, in seinem Blick, in seiner
Stimme lag etwas Unruhiges und Fieberhaftes, und diese Unruhe teilte
sich auch Bärbchen mit. Aber noch war nicht der geringste Verdacht in
ihr aufgestiegen. Asyas Unruhe ließ sich sehr wohl durch die Nähe von
Raschkow und dem gefürchteten Vater Evchens erklären, und doch ward
Bärbchen so schwer zumute, als handle es sich um ihr eigenes Schicksal.
Sie näherte sich dem Schlitten und ritt einige Stunden in Evchens
Nachbarschaft, plauderte mit ihr über Raschkow, über den alten und
jungen Herrn Nowowiejski, über Sophie Boska und endlich über die
Gegend, die immer wilder, immer furchtbarer, immer wüster wurde. Schon
unmittelbar hinter Chreptiow hatte die Wüste begonnen. Aber es erhob
sich wenigstens von Zeit zu Zeit am Horizont eine Rauchsäule, die
eine Hütte ankündigte, einen menschlichen Wohnsitz. Hier gab es gar
keine Spur von Menschen; und wenn Bärbchen nicht gewußt hätte, daß sie
nach Raschkow reite, wo Menschen wohnen, und eine polnische Besatzung
lag, sie hätte glauben können, man führe sie irgendwo in unbekannte
Wüsteneien, in fremde Länder, ans Ende der Welt. Sie sah sich in der
Gegend um, hielt unwillkürlich an und blieb bald hinter dem Schlitten
und der ganzen Abteilung zurück. Asya kam nach einer kurzen Weile zu
ihr, und da er die Gegend gut kannte, zeigte er ihr die verschiedenen
Orte und nannte sie mit Namen. Aber das dauerte nicht lange, denn der
Boden begann zu dampfen. Der Winter hatte offenbar in diesen südlichen
Strichen nicht die Kraft, die er im waldigen Chreptiow hatte. Es lag
zwar noch ein wenig Schnee in den Schluchten und Klüften, an den
Felsgraten, und auch an den nach Norden gerichteten Abflachungen der
Höhen, aber im allgemeinen war der Boden nicht von Schnee bedeckt; er
war mit niedrigem Gestrüpp besetzt oder glänzte von feuchtem, welkem
Gras. Von diesen Gräsern stieg ein leichter, weißlicher Dunst auf und
zog sich den Boden entlang, so daß es das Aussehen großer Wasserflächen
hatte, welche die Täler erfüllten und weithin über die Ebene ergossen
waren; dann hob sich dieser Dunst und stieg immer höher, den Glanz der
Sonne verdeckend und den lichten Tag in düsteren Nebel verwandelnd.
»Morgen wird es Regen geben,« sagte Asya.
»Wenn es nur heute nicht regnet. -- Wie weit ist es noch bis Raschkow?«
Asya blickte nach dem nächsten, durch den Nebel kaum erkennbaren Punkt,
und antwortete:
»Von hier ist es schon näher nach Raschkow als zurück nach Jampol,«
und er atmete tief auf, als sei eine große Last von seiner Schulter
gefallen.
In diesem Augenblick erklang Pferdegetrappel von der Abteilung her, und
ein Reiter tauchte im Nebel auf. »Halim? ich erkenne ihn!« rief Asya.
Halim hatte Asya und Bärbchen erreicht, sprang vom Pferde und verneigte
sich vor dem jungen Tataren.
»Aus Raschkow?« fragte Asya.
»Aus Raschkow, mein Herr und Gebieter,« antwortete Halim.
»Was gibt es dort?«
Der Alte erhob sein häßliches, von unsäglichen Mühen abgemagertes
Gesicht zu Bärbchen, als wollte er fragen, ob er in ihrer Gegenwart
sprechen dürfe; aber Asya sagte sogleich:
»Sprich ohne Scheu, sind die Truppen abgezogen?«
»So ist es, Herr, nur ein Häuflein ist zurückgeblieben.«
»Wer hat sie geführt?«
»Herr Nowowiejski.«
»Die Piotrowitsch sind nach der Krim gezogen?«
»Schon lange; nur die zwei Frauen und der alte Herr Nowowiejski sind
bei ihnen.«
»Wo ist Krytschynski?«
»Jenseits des Flusses; er wartet.«
»Wer ist mit ihm?«
»Adurowitsch mit seinem Häscher. Beide verneigen sich vor dir, Sohn
Tuhaj-Beys, und empfehlen sich in deine Hand -- sie und alle jene, die
noch nicht angelangt sind.«
»Gut,« sagte Asya und es blitzte auf in seinen Augen, »fliege zu
Krytschynski und befiehl ihm, Raschkow zu nehmen.«
»Dein Wille geschehe, Herr!«
Halim sprang auf sein Pferd und verschwand wie ein Gespenst im Nebel.
Ein entsetzlicher, unheilverkündender Glanz lag auf Asyas Gesicht;
der entscheidende Augenblick, der Augenblick der Erwartung, der
Augenblick seines höchsten Glückes -- er war gekommen. Das Herz schlug
ihm so, daß ihm der Atem stockte ... Eine Zeitlang ritt er schweigend
neben Bärbchen her, und erst, als er fühlte, daß die Stimme ihm nicht
versagen werde, wandte er ihr seine tiefen, glänzenden Augen zu und
sagte:
»Jetzt will ich offen mit Ew. Liebden sprechen ...«
»Ich höre,« gab Bärbchen zurück und sah ihn forschend an, als wollte
sie in seinen veränderten Zügen lesen.
Asya brachte sein Pferd so nahe an Bärbchens Apfelschimmel heran, daß
er beinahe mit seinem Steigbügel den ihrigen berührte, und ritt so
noch eine Weile schweigend neben ihr. Er wollte sich ganz beruhigen
und wunderte sich, daß er die Ruhe so schwer finden konnte, da doch
Bärbchen in seiner Gewalt war, und es keine menschliche Kraft gab,
welche sie ihm zu entreißen vermocht hätte. Aber es war ihm selbst
kaum bewußt, daß trotz aller Unwahrscheinlichkeit und trotzdem die
Wirklichkeit das Gegenteil zu sagen schien, ein Fünkchen Hoffnung
in ihm glühte, das begehrte Weib könne ihm Gegenliebe schenken. War
diese Hoffnung auch schwach, so war doch der Wunsch, daß es so sei,
so mächtig, daß es ihn wie ein Fieber schüttelte. Die Begehrte wird
ihre Hand nicht öffnen, sie wird ihm nicht in die Arme stürzen, sie
wird die Worte nicht sprechen, die er ganze Nächte hindurch träumte:
»Asya, ich bin dein!«, sie wird nicht an seinem Munde mit ihren Lippen
hängen -- das wußte er. Aber wie wird sie seine Worte aufnehmen? Was wird
sie sagen? Wird sie alles Gefühl verlieren, wie die Taube in den Klauen
des Raubvogels? Und wird sie sich so fassen lassen, wie das verlassene
Täubchen dem Habicht sich hingibt? Wird sie in Tränen um Mitleid
betteln, wird sie mit einem Schrei des Entsetzens die Wüste erfüllen?
Wird von alledem mehr oder weniger geschehen? ... Solche Fragen tobten
in der Seele des Tataren. Und doch war die Zeit gekommen, da die
Verstellung, der Schein aufhören mußte, da er das wahre, entsetzliche
Gesicht zeigen mußte ... Das war die Furcht, das die Unruhe ... noch
einen Augenblick -- und alles war geschehen.
Endlich aber wandelte sich diese dumpfe Angst in der Seele des Tataren
zu dem, wozu sich meist die Angst eines wilden Tieres wandelt, zu Wut
... Und er selbst schürte diese Wut. Was auch geschehen mag, dachte er,
sie ist mein, ganz mein, mein wird sie heute noch sein, und mein ist
sie morgen, und dann kehrt sie nicht mehr heim zu ihrem Gatten, sondern
bleibt bei mir.
Bei diesem Gedanken erfaßte ihn eine wilde, rasende Freude, und er
sprach plötzlich mit einer Stimme, die ihm selbst fremdartig klang:
»Ew. Liebden haben mich bis heute nicht gekannt.«
»In diesem Nebel klingt Eure Stimme so verändert,« sagte Bärbchen etwas
beklommen, »daß ich wirklich glaube, es spreche ein anderer.«
»In Mohylow liegen keine Truppen, in Jampol keine, in Raschkow
keine -- ich allein bin hier Herr. Krytschynski, Adurowitsch und jene
anderen sind meine Sklaven, denn ich bin ihres Herrschers Sohn -- ich ihr
Vezier, ich der höchste Mirza, ich bin ihr Führer, wie Tuhaj-Bey ihr
Führer war, ich bin ihr Khan, ich allein habe die Macht, und alles hier
ist in meiner Macht.«
»Wozu sagt Ihr mir das?«
»Ew. Liebden haben mich bis heute nicht gekannt. Raschkow ist nicht
fern, ich wollte Tatarenhetman werden und der Republik dienen, aber
Herr Sobieski wollte das nicht. Ich mag nicht länger ein Sohn der
Wüste sein, unter eines anderen Kommando dienen, ich will selbst große
Scharen führen gegen Dorosch oder gegen die Republik, wie Ew. Liebden
wollen, wie Ew. Liebden befehlen.«
»Wie ich befehle? Asya, was geht mit Euch vor?«
»Das geht mit mir vor, daß alle hier meine Sklaven sind, und ich der
Eure. Was gilt mir der Hetman, was seine Erlaubnis, sein Widerspruch!
Sprecht ein Wort, und ich lege Ew. Liebden Akerman[K] zu Füßen, und
die Debrudscha, und diese Horden, die hier wohnen, und die, die in
den wilden Feldern umherschweifen, und die, die weit und breit hier
ihre Winterlager haben, werden Eure Sklaven sein, wie ich Euer Sklave
bin! Befehlt, und ich kündige dem Khan der Krim den Gehorsam, und ich
kündige dem Sultan den Gehorsam, und ich will sie mit dem Schwerte
bekämpfen und der Republik Hilfe bringen, und eine neue Horde in dieser
Gegend begründen, über die ich Khan bin, und über mir dürft Ihr allein
sein, Euch allein werde ich dienen, um Eure Gnade, Euer Erbarmen
bitten.« Und er neigte sich auf seiner Satteldecke vor, faßte das
erschreckte und von seinen Worten betäubte Weib um die Hüfte und sprach
schnell mit heiserer Stimme weiter:
»Hast du es nicht gewußt, daß ich dich allein liebe, und wie ich
gelitten habe ... Und ich nehme dich auch so, du bist schon die meine,
und bleibst die meine; niemand wird dich hier meinen Armen entreißen
... du bist mein ... du bist mein ... du bist mein!«
»Jesus Maria!« schrie Bärbchen auf.
Aber er preßte sie in seinen Armen, als wollte er sie erwürgen. Kurzer
Atem hob seine Brust, seine Augen wurden trübe; endlich zog er sie aus
dem Steigbügel, aus der Satteldecke und setzte sie vor sich, drückte
ihre Brust an die seine, und seine bläulichen Lippen öffneten sich
begehrlich wie der Mund eines Fisches, und begannen die ihrigen zu
suchen. Sie stieß keinen Schrei aus, aber sie leistete mit unerwarteter
Kraft Widerstand. Es begann ein Kampf zwischen ihnen, in dem man nur
ihren gedämpften Atem hörte. Seine gewaltsamen Bewegungen, und die Nähe
seines Gesichts gaben ihr die Geistesgegenwart wieder. Ein Augenblick
des Hellsehens kam über sie, wie es bei Ertrinkenden zu kommen pflegt;
mit einem Schlage ward ihr alles in hellster Klarheit bewußt, daß
sich die Erde unter ihren Füßen aufgetan und eine bodenlose Kluft
sich geöffnet hatte, in die er sie gewaltsam hineinzog. Sie sah seine
Liebe, seinen Verrat, ihr entsetzliches Schicksal, ihre Schwäche, ihre
Ratlosigkeit. Sie empfand Angst, furchtbaren Schmerz und Leid -- und
gleichzeitig loderte in ihr die Flamme einer maßlosen Entrüstung der
Wut und der Rache empor. So groß war die Tapferkeit in der Seele dieses
ritterlichen Kindes, dieser erwählten Gattin des mutigsten Ritters der
Republik, daß sie selbst in diesem entsetzlichen Augenblick zuerst
dachte: Räche dich! und dann erst: Rette dich. Alle Kräfte ihres
Geistes spannte sie an, und sie sah alles mit wunderbarer Klarheit.
Während des Ringkampfes begannen ihre Hände an seinem Körper eine Waffe
zu suchen und trafen endlich auf den Hornknopf eines orientalischen
Pistols. Aber gleichzeitig hatte sie die Geistesgegenwart, daran zu
denken, daß selbst, wenn das Pistol geladen sei, wenn es ihr gelänge,
den Stein anzuschlagen, er doch, ehe sie die Hand zurückziehen, ehe
sie den Lauf auf sein Haupt richten konnte, unzweifelhaft ihre Hand
erfassen würde und ihr so das letzte Mittel der Rettung nehmen könnte;
und sie beschloß, anders vorzugehen.
Alles das währte nur einen Augenblick. Er hatte in der Tat einen
Streich vorausgesehen und streckte ihr mit blitzartiger Schnelligkeit
die Hand entgegen. Aber er vermochte nicht ihre Bewegung zu berechnen,
und so glitten ihre Hände aneinander vorüber, und Bärbchen schlug ihn
mit der ganzen verzweifelten Kraft ihrer jungen, kräftigen Faust mit
dem Schaft seines Pistols zwischen die Augen.
Der Schlag traf so fürchterlich, daß Asya nicht einmal zu schreien
vermochte, und rücklings hinfiel, sie selbst im Falle mit sich ziehend.
Bärbchen erhob sich im nächsten Augenblick, sprang auf ihren
Apfelschimmel und jagte wie ein Sturmwind dahin nach der dem Dniestr
entgegengesetzten Seite in die ferne Steppe.
Ein nebeliger Vorhang senkte sich hinter ihr nieder, der Apfelschimmel
ließ die Ohren hängen und rannte blindlings dahin durch die Felsen
und Schluchten, durch die Klüfte und Abhänge. Jeden Augenblick konnte
er in eine Spalte versinken, jeden Augenblick konnte er und seine
Reiterin an den Felsspalten zerschellen, aber Bärbchen achtete nichts,
die furchtbarsten Gefahren waren für sie die Lipker und Asya ...
Seltsam, jetzt, da sie sich befreit hatte aus der Hand des Raubtieres,
und da jener wahrscheinlich tot lag inmitten der Felsen, herrschte
über alle ihre Empfindungen die Angst. Jetzt, da sie mit dem Gesicht
auf der Mähne des Tieres lag, und durch den Nebel dahinschoß wie ein
von Wölfen verfolgtes Reh, begann sie Asya mehr zu fürchten, als in
jenem Augenblick, da sie in seinen Armen lag, und sie empfand Angst,
Kraftlosigkeit und das, was ein schwächliches Kind empfindet, das
verirrt ist auf Gottes weiter Welt, einsam und verlassen. Weinende
Stimmen erhoben sich in ihrem Herzen und begannen zu stöhnen, furchtsam
klagend, hilferufend: »Michael, hilf -- Michael, hilf!«
Der Apfelschimmel flog dahin. Von einem wunderbaren Instinkt geleitet,
sprang er über die Klüfte, vermied mit gelenkiger Bewegung die
hervorragenden Felskanten, bis endlich der steinerne Boden unter seinen
Hufen zu klingen aufhörte. Er war offenbar zu einer der offenen »Lugen«
gelangt, die sich hier und da durch die Felsen hinzogen. Schweiß
bedeckte ihn, die Nüstern blähten sich auf, aber trotzdem lief er
weiter.
Wohin fliehen? -- dachte Bärbchen.