Der Priester Kaminski, der in jungen Jahren Soldat und ein Herr
von ritterlichen Sitten gewesen war, saß in Uschyz, um die Pfarre
wieder instand zu setzen. Da aber die Kirche in Trümmern lag, und
es an Pfarrkindern fehlte, fuhr dieser Seelenhirt ohne Herde häufig
nach Chreptiow hinüber, saß dort ganze Wochen lang und erbaute die
Ritterschaft mit frommen Lehren. Er hatte aufmerksam die Erzählungen
des Herrn Muschalski mit angehört und begann einige Abende später zu
den Versammelten:
»Ich habe immer gern solchen Erzählungen gelauscht, in welchen traurige
Abenteuer ein glückliches Ende nehmen, weil aus ihnen hervorgeht, daß
Gott den, welchen er unter seine Fittiche genommen hat, immer aus den
Schlingen des Bösen befreit, und, sei es selbst aus der Krim, unter ein
schützend Dach zurückzuführen vermag.
Darum möge jeder von den Herren ein für allemal sich merken, daß
es für Gott den Herrn nichts Unmögliches gibt; er möge selbst
in den schwersten Nöten das Vertrauen zu seinem Erbarmen nicht
verlieren. -- Hört mich an:
Löblich ist es von Herrn Muschalski, daß er einen einfachen Mann mit
brüderlicher Liebe geliebt. Der Erlöser hat uns davon ein Beispiel
gegeben; er, der aus königlichem Blute war, hat doch die Männer aus dem
Volke geliebt, viele von ihnen zu Aposteln gemacht und ihnen zu einem
hohen Rang verholfen, so daß sie jetzt im himmlischen Rate sitzen.
Aber ein anderes ist die persönliche Liebe, ein anderes die allgemeine,
die Liebe einer Nation zu einer anderen, welche allgemeine Liebe unser
Herr und Heiland nicht minder streng beobachtet hat. Und wo ist sie?
Wenn du dich in der Welt umsiehst, Erdensohn, so ist in allen Herzen
ein solcher Haß, als folgten die Menschen den Geboten des Teufels und
nicht Gottes.«
»Verehrter Herr,« antwortete Sagloba, »Ihr werdet uns schwerlich davon
überzeugen, daß wir den Türken, den Tataren oder die anderen lieben
sollten, die der Herrgott selber verachten muß.«
»Ich will Euch auch nicht dazu überreden, ich behaupte nur, daß die
Kinder einer Mutter sich lieben sollten. Und was geschieht statt
dessen? Seit den Zeiten Chmielnizkis, seit dreißig Jahren, waren diese
Lande nicht einen Augenblick trocken von Blut.«
»Und durch wessen Schuld?«
»Wer sich zuerst zu ihr bekennt, dem wird Gott zuerst verzeihen.«
»Ihr tragt heute geistliche Gewänder, und in jungen Jahren, so sagt
man, habt Ihr die Rebellen als ein tüchtiger Rittersmann zu Paaren
getrieben.«
»Das tat ich, weil ich mußte; ich war Soldat, und das ist keine Sünde,
sondern das, daß ich sie dabei wie die Pest haßte. Ich hatte meine
persönlichen Gründe, die ich nicht erwähnen will, denn die Zeiten sind
lange vergangen und jene Wunden längst verharscht. Aber das bereue ich
demütig, daß ich über meine Pflicht hinausgegangen bin. Ich hatte bei
meinem Kommando hundert Leute von der Fahne des Herrn Niewodowski, und
oft, wenn ich mit ihnen herumstreifte, sengte ich, hängte ich, hieb
ich die Leute zusammen ... Ihr wißt, was das für Zeiten waren! Die
Tataren, von Chmielnizki zu Hilfe gerufen, brannten und metzelten alles
nieder, und so taten auch wir. Die Kosaken ließen überall nur Wasser
und Land und begingen noch schlimmere Grausamkeiten als wir und die
Tataren. O, nichts Entsetzlicheres als der Bürgerkrieg! Was das für
Zeiten waren, wer kann es in Worten sagen? Genug, wir und sie waren
tollen Hunden ähnlicher als Menschen ... Einst wurde unserem Kommando
gemeldet, daß das Gesindel Herrn Rusiezki in seiner Feste belagere.
Ich und meine Leute wurden ihm zur Hilfe gesandt. Ich kam zu spät,
die Feste war bereits vom Erdboden verschwunden. Nun überfiel ich das
betrunkene Bauernvolk und hieb eine Menge von ihnen nieder; aber ein
Teil versteckte sich im Getreide. Diese ließ ich lebend fortführen,
um sie zum Exempel aufzuknüpfen. Aber wo? Das war leichter gedacht
als getan; im ganzen Dorf war nicht ein Baum geblieben. Selbst die
Birnbäume, die einsam an den Beeten am Rain gestanden hatten, waren
umgehauen. Ich hatte keine Zeit, einen Galgen aufzurichten, auch einen
Wald gab es nirgend in der Nähe, wir waren im Steppenland. Was tun? Ich
nehme meine Gefangenen und gehe weiter. Irgendwo werde ich doch einen
gabelförmigen Baumstamm finden. Ich gehe eine Meile, ich gehe zwei
Meilen -- nichts als Steppe -- man hätte kegeln können. Endlich stoßen
wir auf die Spuren eines Dörfchens. Es war gegen Abend. Ich sehe, ich
schaue mich um: hier und da einen Haufen Kohlen und sonst nichts als
graue Asche. Wieder nichts. Und doch! Auf einem winzigen Hügel war ein
Kreuz geblieben, denn das Holz war noch nicht schwarz geworden und
leuchtete im Abendschein, als sei es von Feuer; ein Christus, aus Blech
geschnitten und so bemalt, daß man erst von der Seite kommen und das
dünne Blech sehen mußte, um zu erkennen, daß nicht wirklich ein Körper
dort hänge; von vorn betrachtet war sein Gesicht wie lebend, ein wenig
bleich von Schmerzen, die Dornenkrone und die Augen nach oben gerichtet
mit entsetzlichem Leiden und Klagen. Als ich das Kreuz bemerkte, schoß
mir ein Gedanke durch den Kopf: Das ist der Galgen, einen anderen gibt
es nicht! Aber ich erschrak zugleich. Im Namen des Vaters und des
Sohnes, -- an das Kreuz werde ich sie nicht knüpfen. Doch ich sagte
mir, daß ich Christi Augen erfreuen werde, wenn ich in seiner Gegenwart
diese, die so viel unschuldiges Blut vergossen hatten, köpfen lasse,
und ich sagte: ›Herr Gott, glaube, daß diese die Juden seien, die dich
ans Kreuz schlugen, denn sie sind nicht besser als jene.‹ Und ich ließ
einen nach dem anderen heranschleppen, auf den Hügel bis zum Kreuze
führen und köpfen. Es waren unter ihnen alte, grauköpfige Bauern und
junge Burschen. Der erste, den man heraufführte, sagte: ›Bei den Leiden
des Herrn, um Christi willen erbarme dich!‹ Und ich: ›Den Kopf ihm ab!‹
Der Dragoner hieb, sein Kopf fiel. Man brachte den anderen heran, er
sagte dasselbe: ›Bei Christi Erbarmen, habe Mitleid!‹ Und ich: ›Den
Kopf ihm ab!‹ So ging es mit dem dritten, dem vierten, dem fünften.
Vierzehn waren ihrer, und ein jeder beschwor mich bei Christo ...
Die Abendröte war schon verloschen, als wir fertig waren. Ich ließ sie
im Kreis um den Fuß des Kreuzes herumlegen ... ich Tor! Ich wähnte, mit
diesem Anblick den eingeborenen Sohn zu erfreuen. Sie aber bewegten
sich eine Zeitlang bald mit den Händen, bald mit den Füßen, der eine
und der andere wälzte sich umher wie ein Fisch, den man aus dem Wasser
genommen; aber das dauerte nicht lange. Bald verließen die Kräfte
ihren Körper, und sie lagen da im Kranze herum, still und stumm.
Da schon vollkommene Dunkelheit eingetreten war, beschloß ich zu
übernachten, obwohl wir kein Holz zu Wachtfeuern hatten. Die Nacht
war warm, und so legten sich meine Leute auf ihre Pferdedecken. Ich
ging zum Kreuze hin, um zu Christi Füßen die üblichen Paternoster
zu sprechen und mich in seine Hand zu empfehlen, und ich glaubte,
mein Gebet werde um so gnädiger aufgenommen werden, als mir der Tag
in Arbeit und in Taten hingegangen war, die ich mir zum Verdienst
anrechnete.
Es begegnet dem ermatteten Soldaten oft, daß er während des
Abendgebetes einschlummert. Auch mir ging es so. Die Dragoner, welche
sahen, daß ich mit dem Kopf an das Kreuz gelehnt kniete, meinten, ich
sei in fromme Andacht versunken, und keiner von ihnen wollte mich
unterbrechen. Meine Augen aber hatten sich gleich geschlossen, und
ein seltsamer Traum kam über mich von diesem Kreuze herab. Ich sage
nicht, daß ich Gesichte hatte, denn ich bin und war dessen nicht
würdig, -- aber ich sah im tiefsten Schlafe, als sei ich wach, die ganze
Passion des Herrn ... Beim Anblick der Qual des unschuldigen Lammes
war mein Herz zerknirscht, die Schleusen meiner Augen öffneten sich,
und mich ergriff ein unendliches Weh. ›Herr,‹ sagte ich, ›ich habe
hier ein Häuflein guter Knechte, -- willst du sehen, was unsere Reiterei
vermag, so nicke mit dem Haupte, und ich will diese Heidensöhne, diese
deine Henker im Augenblick mit den Schwertern köpfen lassen.‹ Kaum
hatte ich ausgesprochen, so schwand alles vor meinen Augen, nur das
Kreuz war geblieben, und Christus, der blutige Tränen weinte ... und
ich umfasse den Fuß des heiligen Stammes und schluchze auch. Wie lange
das gewährt hat, weiß ich nicht, aber da es vorbei war, und ich mich
ein wenig beruhigt hatte, sagte ich wieder: ›Herr, Herr, hast du nicht
unter den verstockten Juden deine heilige Lehre kundgetan? Wärest du
von Palästina in unsere Republik gekommen, wir hätten dich gewiß nicht
ans Kreuz geschlagen, wir hätten dich freundlich aufgenommen, mit
allen Gütern dich beschenkt, wir hätten dir das Bürgerrecht gegeben
zur Vermehrung deines göttlichen Ruhmes. Warum hast du nicht so getan,
Herr?‹
Ich sprach's und hob die Augen gen Himmel -- im Traume war es, vergeßt
das nicht -- und was sehe ich? Unser Herr blickt streng auf mich nieder,
runzelt die Brauen und antwortet plötzlich mit mächtiger Stimme:
›Wohlfeil ist jetzt Euer Adel, denn in Kriegszeiten kann ihn jeder
Bube erwerben; aber das ist das geringste! Wert seid Ihr einander,
Ihr und das Barbarengesindel; Ihr und die anderen seid schlimmer als
die Juden, denn Ihr schlaget mich täglich hier ans Kreuz ... Habe ich
nicht Liebe gelehrt und Vergebung der Sünden auch für den Feind, und
Ihr zerfleischet einander wie die wütenden Tiere. Das muß ich sehen und
leide unendliche Qual. Du selbst aber, der du mich hattest befreien
wollen, und mich dann in die Republik zu kommen einludest, was hast
du getan? Siehe, menschliche Leichname liegen rings um mein Kreuz,
und Blut bespritzt seinen Fuß, und doch waren unter ihnen unschuldige
Knaben oder Verblendete, die, da sie keine Einsicht hatten, den anderen
folgten, wie die vernunftlosen Schafe. Hattest du Mitleid mit ihnen,
hast du sie gerichtet vor dem Tode? Nein, du ließest sie alle töten und
wähntest noch, mir damit eine Freude zu bereiten. Fürwahr, ein anderes
ist Rügen und Strafen, wie der Vater den Sohn straft, und der ältere
Bruder den jüngeren rügt, und ein anderes Rache nehmen, als Gericht
halten und kein Maß in Strafe und Grausamkeit kennen. Dahin ist es
gekommen, daß auf dieser Erde die Wölfe mehr Erbarmen haben, denn die
Menschen, daß hier das Gras blutigen Tau schwitzt, daß die Winde nicht
wehen, sondern heulen, daß die Flüsse Tränenströme wälzen, und die
Menschen bis zum Tode die Hände ringen und jammern: ›Unsere Zuversicht!‹
›Herr,‹ rief ich, ›sind jene besser als wir? Wer hat die größten
Grausamkeiten begangen, wer hat die Heiden hierhergeführt?‹
›Liebet sie, auch wenn ihr sie straft,‹ antwortete der Herr, ›dann
werden die Schuppen von ihren Augen fallen, die Verstocktheit wird sich
lösen, und meine Barmherzigkeit wird über euch sein. Wo nicht, wird die
Flut der Tataren kommen und euch ihr Joch auferlegen, euch und ihnen --
und ihr werdet dem Feinde dienen müssen in Verzweiflung, in Verachtung,
in Tränen -- bis zu jenem Tage, da ihr euch gegenseitig lieben gelernt.
Wenn ihr aber im Haß das Maß überschreitet, dann wird es weder für sie
noch für euch Erbarmen geben, und der Heide wird diesen Boden innehaben
in alle Ewigkeit!‹
Die Kräfte verließen mich, da ich diese Seherworte hörte, und ich
konnte lange nicht sprechen; dann warf ich mich auf mein Antlitz und
fragte:
›Herr, was soll ich tun, um meine Sünden zu tilgen?‹
Darauf sagte der Herr:
›Gehe hin, wiederhole meine Worte, predige Liebe.‹
Nach dieser Antwort wichen meine Gesichte. Da die Nacht im Sommer kurz
ist, erwachte ich, ganz von Tau bedeckt, mit der Morgendämmerung. Ich
sehe hin, die Köpfe liegen im Kranz um das Kreuz herum, aber sie sind
schon ganz blau geworden. Seltsam, gestern hatte mich dieser Anblick
erfreut, heute ergriff mich das Entsetzen, besonders da ich den
Kopf eines Knaben erblickte, der etwa siebzehn Jahre zählen mochte
und der über alle Maßen schön war. Ich befahl, die Körper geziemend
unter demselben Kreuz zu begraben, und von nun an -- war ich nicht mehr
derselbe.
Anfangs sagte ich mir: Träume -- Schäume! Aber sie hafteten in meinem
Gedächtnis und umfingen mein ganzes Sein immer mehr. Ich wagte nicht
zu vermuten, daß der Herr selbst mit mir gesprochen habe, denn, wie
ich schon sagte, ich fühlte mich nicht würdig. Es konnte doch das
Gewissen gewesen sein, welches sich im Kriege in der Seele untergeduckt
hatte, wie der Tatar im Grase, daß Gott plötzlich gesprochen und mir
seinen Willen kundgetan hatte. Ich ging zur Beichte, und der Priester
bestätigte meine Meinung. ›Offenbar,‹ sagte er, ›ist es Gottes Wille
und Gottes Mahnung. Gehorche ihr, damit es dir nicht übel ergehe.‹
Und nun begann ich Liebe zu predigen.
Aber die Genossen und Offiziere lachten mir ins Gesicht. ›Was,‹ sagten
sie, ›bist du ein Priester, daß du uns Lehren geben willst? Haben jene
Hundesöhne Gott nicht beleidigt, haben sie wenig Kirchen in Brand
gesteckt, wenig Kreuze geschändet? Sollen wir sie darum lieben?‹ -- mit
einem Worte, niemand wollte auf mich hören.
Darum legte ich nach der Schlacht bei Berestetsch diese geistlichen
Gewänder an, um mit größerer Würde das Wort und den Willen Gottes
zu verkünden. Seit zwanzig Jahren und darüber tue ich es ohne Rast
und Ruhe. Meine Haare sind gebleicht ... Gott der Allerbarmer wird
mich nicht dafür strafen, daß meine Stimme bis jetzt die Stimme des
Predigers in der Wüste gewesen.
Meine Herren, liebet eure Feinde! Strafet sie, wie der Vater straft,
rüget sie, wie der ältere Bruder rügt, sonst wird ihnen wehe sein,
aber wehe auch euch, wehe der ganzen Republik!
Seht, was ist der Nutzen dieses Krieges, dieses Hasses des Bruders
gegen den Bruder? Wüst ist das ganze Land, nur Leichenhügel sind mir in
Uschyz als Pfarrkinder geblieben, in Trümmern liegen Kirchen, Städte,
Dörfer; die Macht der Heiden wächst und schlägt über uns zusammen wie
das Meer, das auch dich, du Fels von Kamieniez, zu verschlingen droht.«
Herr Nienaschyniez hatte mit großer Rührung der Rede des Priesters
Kaminski gelauscht, so daß der Schweiß auf seine Stirn trat, und er
ergriff das Wort, als alles um ihn her in Schweigen versunken war.
»Daß es hier unter dem Kosakenvolk würdige Männer gibt, da ist uns
ein Beweis der hier anwesende Herr Motowidlo, den wir alle lieben und
ehren. Was aber die allgemeine Liebe betrifft, über welche Priester
Kaminski so beredt gesprochen hat, muß ich gestehen, daß ich in
schwerer Sünde bis heute gelebt, denn ich habe sie nicht in mir und
habe mich nicht bemüht, sie zu besitzen. Jetzt hat mir der würdige
Priester die Augen geöffnet. Ohne besondere Gnade des Himmels werde ich
diese Liebe im Herzen nicht finden, denn ich trage die Erinnerung eines
entsetzlichen Unrechts in ihm, das ich hier kurz erzählen will.«
»Trinken wir etwas Warmes!« fiel Sagloba ein.
»Schürt das Feuer,« sagte Bärbchen zu den Knechten.
Bald erglänzte das geräumige Gemach von neuem in hellem Licht, und
ein Knecht stellte vor jeden der Ritter ein Quart Warmbier hin. Alle
tauchten gern die Lippen hinein, und als sie ein und das anderemal
getrunken hatten, nahm Herr Nienaschyniez das Wort wieder und sprach,
wie wenn ein Wagen rasselt:
»Meine Mutter empfahl sterbend meinem Schutze die Schwester. Halschka
hieß sie. Ich hatte keine Frau, kein Kind, darum liebte ich dieses
Mädchen wie meinen Augapfel. Sie war zwanzig Jahre jünger als ich,
und ich trug sie auf meinen Händen, kurz, ich betrachtete sie als
mein eigen Kind. Dann zog ich in den Krieg, und die Horde nahm sie
in ihre Gefangenschaft. Als ich heimkehrte, rannte ich mit dem Kopf
gegen die Wand. Mein Besitz war während des Überfalles verloren;
aber ich verkaufte, was ich hatte; für das letzte erwarb ich ein
Pferd und ritt hinaus mit den Armeniern, um sie auszulösen. Ich fand
sie in Baktschissaraj beim Harem, nicht im Harem, denn sie war erst
zwölf Jahre alt. -- Nie vergeß' ich, Halschka, den Augenblick, da ich
dich wiederfand, wie du mich liebend umhalstest, wie du mich auf die
Augen küßtest! Doch ach, zu wenig war, was ich mitgebracht hatte. Das
Mädchen war schön; Jehu-Aga, der sie entführt hatte, forderte dreimal
soviel. Ich wollte mich als Zugabe ausliefern -- auch das half nicht.
Vor meinen Augen erstand sie auf dem Markte Tuhaj-Bey, unser berühmter
Feind, der sie drei Jahre lang beim Harem halten und sie dann zu seiner
Gattin machen wollte. Ich kehrte ins Land zurück und raufte mir die
Haare. Unterwegs erfuhr ich, daß in einer Seestadt eine von Tuhaj-Beys
Gattinnen mit ihrem Lieblingssöhnchen Asya wohne -- Tuhaj-Bey hatte in
allen Städten und Dörfern Frauen, um überall Ruhe unter eigenem Dache
zu haben. Da ich von jenem Lieblingssohn hörte, war mir's, als zeige
mir Gott das letzte Rettungsmittel für Halschka, und sogleich beschloß
ich, Asya zu entführen und ihn dann für mein Mädchen einzutauschen.
Aber ich allein konnte das nicht vollführen. Ich mußte in der Ukraine
oder in den wilden Feldern die Banden zusammenrufen, und das war nicht
leicht, denn erstens war der Name Tuhaj-Bey gefürchtet in ganz Reußen,
und dann hatte er den Kosaken gegen uns geholfen. Aber in den Steppen
haust eine Menge Kosaken, welche nur den eigenen Gewinn im Auge haben
und um der Beute willen zu allem bereit sind. Solcher sammelte ich eine
bedeutende Zahl. Was wir alles durchgemacht, ehe wir die Tschaiken
sämtlich ins Meer hinausbrachten, das kann keine Zunge sagen, denn auch
vor den Kosaken-Ältesten mußten wir uns verbergen. Aber Gott gab uns
Segen. Asya entführte ich und mit ihm köstliche Beute. Die Verfolger
holten uns nicht ein, und wir kamen glücklich in die wilden Felder.
Von hier wollte ich nach Kamieniez, um sogleich durch die dortigen
Kaufleute die Verhandlungen zu beginnen. Ich teilte alle Beute unter
die Kosaken und behielt mir selbst nur Tuhaj-Beys Jungen. Und weil ich
so freigebig und redlich mit den Leuten verfahren war, weil ich soviel
mit ihnen zusammen erduldet hatte, weil ich mit ihnen Hunger gelitten
und für sie mein Leben gewagt hatte, meinte ich, jeder von ihnen werde
für mich ins Feuer gehen, ich hatte mir ihr Herz für immer gewonnen.
Bitter sollte ich enttäuscht werden!
Es war mir nicht eingefallen, daß sie ihre eigenen Atamans in Stücke
reißen, um ihre Beute zu teilen. Ich hatte vergessen, daß es unter
diesen Leuten keinen Glauben, keine Tugend, keine Dankbarkeit, kein
Gewissen gibt ... Schon in der Nähe von Kamieniez reizte sie die
Hoffnung reichen Lösegeldes für Asya. In der Nacht fielen sie über
mich her wie die Wölfe, würgten mich mit einer Schnur um den Hals,
zerstachen meinen Körper mit Messern und ließen mich endlich, da sie
mich für tot hielten, in der Wüste liegen und gingen selbst mit dem
Kinde davon.
Gott sandte mir Rettung und gab mir die Gesundheit wieder -- aber meine
Halschka war für immer verloren. Vielleicht lebt sie noch dort
irgendwo; vielleicht hat sie nach dem Tode Tuhaj-Beys irgend ein
anderer Heide genommen; vielleicht ist sie zu Mohammed übergetreten,
hat vielleicht den Bruder ganz und gar vergessen -- vielleicht wird
dereinst ihr Sohn mein Blut vergießen ... Das ist meine Geschichte.«
Hier verstummte Herr Nienaschyniez und blickte finster zu Boden.
»Wieviel Blut und Tränen der Unseren sind für diese Lande schon
geflossen!« sagte Herr Muschalski.
»Liebe deine Feinde!« warf Priester Kaminski ein.
»Und als Ihr wieder gesund waret -- habt Ihr Tuhaj-Beys Jungen nicht
wieder gesucht?« fragte Sagloba.
»Wie ich später erfuhr,« antwortete Nienaschyniez, »hat eine andere
Bande meine Räuber überfallen, die sie bis auf den letzten Mann
niedermetzelte; die schleppten Beute und Kind mit sich fort. Ich habe
überall gesucht -- wie ein Stein, der ins Meer gefallen, war's verloren.«
»Vielleicht habt Ihr es später einmal getroffen und habt es nicht
erkannt,« sagte Frau Bärbchen.
»Das Kind -- ich weiß nicht, ob es schon drei Jahre zählte -- wußte kaum,
daß es Asya heiße, aber ich würde es erkennen, denn es hat über jeder
Brust ein Fischchen in blauer Farbe ausgestochen.«
Plötzlich sagte Mellechowitsch, der bisher ruhig im Winkel gesessen
hatte, mit auffallend veränderter Stimme:
»An den Fischen würdet Ihr es nicht erkennen; viele Tataren können ein
solches Zeichen haben, besonders unter denen, die an den Ufern der
Flüsse wohnen.«
»Nein,« versetzte der ehrwürdige Hromyka, »nach der Schlacht von
Berestetsch haben wir Tuhaj-Beys Leichnam betrachtet; er war auf dem
Platze geblieben, und ich weiß, er hatte Fische auf der Brust, und
alle Gefangenen trugen andere Zeichen.«
»Und ich sage Euch, viele tragen solche Fische!«
»Ja, aber aus dem feindlichen Geschlecht Tuhajs.«
Das Gespräch wurde durch den Eintritt des Herrn Leltschyz unterbrochen,
der am frühen Morgen von Herrn Michael auf Vorposten ausgesandt war und
eben jetzt zurückkehrte.
»Herr Kommandant,« sagte er noch in der Tür, »an der Sieroz-Furt auf
der moldauischen Seite lagert ein Haufen Gesindel, der es auf uns
abgesehen hat.«
»Was für Leute sind es?« fragte Herr Michael.
»Strolche, Walachen, Ungarn, von beiden ein bißchen, und am meisten von
der Horde; im ganzen an zweihundert Mann.«
»Das sind dieselben, von welchen ich Kunde hatte, daß sie auf der
walachischen Seite geplündert haben,« sagte Wolodyjowski. »Perkula
muß sie dort bedrängen, sie fliehen zu uns. Aber dort sind allein
zweihundert von der Horde; in der Nacht werden sie übersetzen, und
mit der Morgendämmerung treten wir ihnen in den Weg. Herr Motowidlo
und Asya werden sich von Mitternacht an in Bereitschaft halten; eine
Herde Ochsen wird ihnen zur Anreizung entgegengejagt. Und jetzt in die
Quartiere!«
Die Soldaten begannen auseinanderzugehen, aber noch hatten nicht alle
das Zimmer verlassen, als Bärbchen zu ihrem Gatten eilte, ihre Hände
um seinen Hals legte und ihm etwas ins Ohr flüsterte. Er lächelte und
schüttelte verneinend den Kopf; sie aber drängte offenbar in ihn und
schlang ihre Arme immer fester um seinen Nacken. Als Sagloba das sah,
sagte er:
»Tu ihr doch einmal den Gefallen, dann mach' auch ich Alter mit euch
mit.«
Die lockeren Banden, die sich an beiden Ufern des Dniestr mit Raub
beschäftigten, bestanden aus Leuten der verschiedenen Nationalitäten,
welche die Nachbarländer bewohnten. Den überwiegenden Teil machten
immer die tatarischen Überläufer von den Horden der Dobrudscha und
von Bialogrod aus, die noch wilder und kriegerischer waren als ihre
Stammesbrüder in der Krim. Aber es fehlte auch nicht an Walachen,
an Kosaken und Ungarn, an polnischen Kriegsknechten, welche aus den
Grenzwarten entflohen waren, die am Ufer des Dniestr entlang lagen.
Sie lauerten bald auf der polnischen, bald auf der walachischen Seite
in Büschen auf, von Zeit zu Zeit den Grenzfluß überschreitend, je
nachdem die Perkulabischen oder die Kommandanten der Republik sie
bedrängten. In Schluchten und Wäldern, in Höhlen hatten sie ihre
unzugänglichen Schlupfwinkel. Das Hauptziel ihrer Überfälle waren die
Ochsen- und Pferdeherden der Grenzwarten, die auch im Winter die Steppen
nicht verließen, da sie sich selbst ihre Nahrung unter dem Schnee
hervorsuchten. Außerdem aber überfielen sie die Dörfer, Städtchen,
Flecken, kleinere Kommandos, polnische, ja auch türkische Kaufleute
und die Vermittler, die mit dem Lösegeld nach der Krim zogen. Diese
Haufen hatten ihre Ordnung und ihre Führer, aber sie verbanden sich
selten. Oft geschah es sogar, daß minder zahlreiche durch stärkere
niedergemetzelt wurden. Sie hatten sich überall in den reußischen
Landen sehr vermehrt, besonders seit der Zeit der kosakisch-polnischen
Kriege, da jede Sicherheit in jenen Gegenden geschwunden war. Die
Banden am Ufer des Dniestr, welche beständig durch Überläufer aus
der Horde ergänzt wurden, waren besonders drohend. Manche von ihnen
zählten bis zu fünfhundert Köpfe; ihre Führer nahmen den Titel von
Beys an. Sie verwüsteten das Land auf ganz tatarische Weise, und oft
wußten die Kommandanten selbst wirklich nicht, ob sie es mit Räubern
zu tun hatten oder mit dem Vortrab einer ganzen Horde. Den regulären
Truppen, besonders der Reiterei der Republik, vermochten jene Haufen im
Felde nicht standzuhalten. Waren sie aber einmal in die Falle gelockt,
so schlugen sie sich verzweifelt, denn sie wußten wohl, daß ihrer in
der Republik der Galgen harre. Ihre Waffen waren verschieden; Bogen
und Flinte fehlten ihnen; sie wären ihnen auch zu ihren nächtlichen
Überfällen von geringem Nutzen gewesen. Der größte Teil war mit
türkischen Handscharen und Yataganen ausgerüstet -- mit tatarischen
Säbeln und mit Pferdekinnbacken, die sie auf junge Eichstöcke setzten
und mit Stricken befestigten. Diese letztere Waffe leistete in fester
Faust furchtbare Dienste, denn sie zerschmetterte jeden Säbel. Einzelne
hatten Heugabeln, die sehr lang und stark mit Eisen beschlagen waren;
einzelne führten Lanzen. Diese leisteten in Notfällen der Reiterei
Widerstand.
Die Bande, welche an der Sieroz-Furt Halt gemacht hatte, mußte sehr
stark an Zahl sein oder aber sich in der äußersten Not auf der
moldauischen Seite befinden, wenn sie es wagte, gegen das Kommando von
Chreptiow anzurücken, trotz der Furcht, welche Herrn Michaels Name
allein in allen Räuberbanden beider Ufer weckte. Und so brachten auch
die zweiten Vorposten die Mitteilung, daß sie aus vierhundert Köpfen
bestehe unter Führung Asba-Beys, des berühmten Rottenführers, der
seit einigen Jahren die polnische und moldauische Seite in Furcht und
Schrecken erhielt.
Wolodyjowski war voller Freude, als er erfuhr, mit wem er es zu tun
haben werde, und gab sogleich seine Befehle. Außer Mellechowitsch
und Motowidlo zog noch die Fahne des Herrn Generals von Podolien
und des Herrn Truchseß von Prschemysl. Noch in der Nacht brachen
sie auf, und wie es hieß, nach verschiedenen Seiten. Aber wie die
Fischer das große Zuggarn weithin ausbreiten, um nachher bei einer
Wuhne zusammenzukommen, so sollten auch diese Fahnen, die in einem
weiten Kreise herumgingen, beim Anbruch des Tages an der Sieroz-Furt
zusammentreffen.
Bärbchen sah mit klopfendem Herzen dem Auszug der Truppen zu. Es
sollte dies ihr erster Kriegszug sein, und das Herz schwoll ihr bei
dem Anblick der Behendigkeit dieser alten Steppenwölfe. Sie gingen in
solcher Stille davon, daß man im Blockhaus selbst sie kaum hätte hören
können. Kein Zügel klirrte, kein Steigbügel, kein Säbel schlug an den
anderen, kein Pferd wieherte. Die Nacht war hell und schön, denn es
war die Zeit des Vollmondes; er beleuchtete den Hügel der Grenzwarte
und die Steppe, die von allen Seiten leicht abfiel. Und doch, kaum war
eine Fahne über das Pfahlwerk hinausgekommen, kaum leuchtete es auf
im silbernen Feuerschein, den der Mond den Schwertern entlockte, so
war sie auch schon den Augen entschwunden wie ein Volk Rebhühner, das
im wogenden Grase untertaucht. Es lag etwas Geheimnisvolles in diesem
Auszug. Bärbchen war es, als zögen Jäger auf eine Jagd, die mit Anbruch
des Tages beginnen sollte, und als gingen sie so still und vorsichtig,
um das Wild nicht aufzuscheuchen. Und so erfüllte ihr Herz eine
mächtige Lust, an dieser Jagd teilzunehmen.
Herr Michael widersprach dem nicht, denn Sagloba hatte ihm seine
Zustimmung abgerungen. Überdies wußte er auch, daß er doch einmal
Bärbchens Willen werde Genüge tun müssen, er zog also vor, es bald zu
tun, um so mehr, als diese Freibeuter Bogen und Feuergewehr nicht zu
gebrauchen pflegten.
Sie brachen aber erst drei Stunden nach dem Auszug der ersten Fahne
auf, denn so hatte Michael es angeordnet. Mit ihnen ging Herr
Muschalski und zwanzig Linkhausensche Dragoner nebst dem Wachtmeister,
alles Masuren, ausgezeichnete Leute, hinter deren Säbel die anmutige
Kommandantin so sicher war wie in ihrem Ehezimmer.
Sie selbst war, da sie auf einem Männersattel reiten sollte,
entsprechend gekleidet. Sie trug perlfarbige, sammetne und
weite Pluderhöschen, die einem Unterrock glichen und in gelben
Saffianstiefelchen steckten, ferner einen Überrock von ebenfalls
grauer Farbe mit weißem Krimmer gefüttert und an den Nähten schön
besetzt, dann eine silberne Patronentasche von vorzüglicher Arbeit,
ein leichtes, türkisches Säbelchen an seidenen Schnüren, und Pistolen
im Holster. Ihr Kopf steckte in einem kleinen Kalpak, oben von
venetianischem Sammet, mit einer Reiherfeder geschmückt und ringsum
mit wilder Katze besetzt. Unter dem Kalpak sah ihr helles, rosiges,
fast kindliches Gesichtchen und ihre zwei neugierigen Augen, die wie
glühende Kohlen leuchteten, hervor.
In dieser seltsamen Tracht, auf dem kleinen, schnellen und gleich einem
Reh zahmen Pferdchen, schien sie ein Hetmanskind zu sein, das unter dem
Schutze alter Krieger zum ersten Unterricht ausreitet. Sie bewunderten
auch ihre Gestalt; Sagloba und Muschalski stießen einander mit den
Ellbogen und küßten jeder seine Faust zum Zeichen besonderer Verehrung
für Bärbchen. Beide beschwichtigten ihre Sorge um den verspäteten
Aufbruch.
»Du verstehst den Krieg nicht,« sagte der kleine Ritter, »darum
verdächtigst du uns, daß wir dich erst, wenn alles vorbei ist, an Ort
und Stelle bringen wollen. Die einen Fahnen gehen wie ein Pfeilschuß,
die anderen müssen Umwege machen, um die Stege abzuschneiden, und
werden sich dann erst ganz leise vereinigen und den Feind umzingeln.
Wir aber kommen zur rechten Zeit, und ohne uns wird nichts begonnen,
denn jede Stunde dort ist berechnet.«
»Und wenn der Feind zur rechten Zeit aufmerksam wird und zwischen den
Fahnen hindurchhuscht?«
»Schlau ist er und wachsam, aber auch uns ist ein solcher Krieg nicht
neu.«
»Dem Michael kannst du glauben,« rief Sagloba, »denn es gibt keinen
größeren Praktiker als ihn. Ein böser Stern hat dieses Lumpengesindel
hierhergeführt.«
»In Lubnie war ich noch jung,« antwortete Michael, »und schon dort
hat man mir ähnliche Funktionen aufgetragen; jetzt aber habe ich, um
dir dies Schauspiel zu bieten, alles noch sorgfältiger disponiert.
Die Fahnen werden sich dem Feinde gleichzeitig zeigen, gleichzeitig
losschreien und gleichzeitig vorrücken -- wie wenn man mit der Peitsche
knallt.«
»Und! Und!« rief Bärbchen aus, richtete sich vor Freude in den
Steigbügeln auf und fiel dem kleinen Ritter um den Hals. »Und werde ich
auch vorrücken dürfen, wie, Michael, ja?« fragte sie mit blitzenden
Augen.
»Im Getümmel gestatte ich es dir nicht, denn da gibt es leicht Unglück,
kommt leicht das Pferd zum Straucheln; aber ich habe Weisung gegeben,
daß sie beim Losschlagen einen Haufen auf uns zujagen; dann geben wir
den Pferden die Sporen, und du kannst zwei oder drei niederhauen. Aber
halte dich immer von links, denn auf diese Weise kann der Verfolgte
nicht leicht über das Pferd hinüberlangen, und du hast ihn auf der
entgegengesetzten Seite.«
Bärbchen sagte: »Hoho, ich fürchte mich nicht; du hast doch selbst
gesagt, daß ich den Säbel weit besser führe als Onkelchen Makowiezki.
Mit mir wird keiner fertig!«
»Achte nur darauf, die Zügel festzuhalten,« warf Sogloba ein. »Sie
haben so ihre Kniffe, und es kann leicht kommen: du verfolgst ihn, und
er wendet plötzlich sein Pferd und wirft dich zurück, und ehe du an ihm
vorüberkommst, hat er dich schon erreicht. -- Ein alter Praktikus läßt
das Pferd nicht zu scharf gehen, sondern zügelt es je nach Bedürfnis.«
»Und den Säbel nicht zu hoch heben, um leicht zum Stich übergehen zu
können,« sagte Muschalski.
»Ich werde bei ihr sein für alle Fälle,« sagte der kleine Ritter.
»Siehst du, in der Schlacht ist die Hauptschwierigkeit die, daß man an
alles denken muß: an sein Pferd, und an den Feind, an die Zügel, an den
Säbel, an Hieb und Stich und alles zu gleicher Zeit. Wer Übung hat, der
macht das ganz von selbst, aber zu Anfang pflegen selbst vortreffliche
Kämpfer ungeschickt zu sein, und irgend ein Wicht, der Übung hat, wirft
den Anfänger ab ... darum werde ich an deiner Seite sein.«
»Aber tritt nur nicht für mich ein und befiehl auch den Leuten, daß
niemand ohne Not für mich eintrete.«
»Nun, nun, wir werden ja sehen, ob dein Mut vorhält, wenn es ernst
wird,« versetzte lächelnd der kleine Ritter.
»Oder ob du dich nicht einem von uns an den Schoß hängen wirst,« schloß
Sagloba.
»Wir wollen sehen,« sagte Bärbchen entrüstet.
Unter solchen Gesprächen waren sie in eine Gegend gekommen, die
hier und da mit Gestrüpp bedeckt war. Die Morgendämmerung war nahe,
aber es hatte sich inzwischen doch verfinstert, denn der Mond
war untergegangen. Von der Erde hob sich ein leichter Dunst und
umschleierte die entfernteren Gegenstände. In diesem leichten Nebel und
Zwielicht nahm das Dickicht, das in der Nähe hin und her schwankte,
in Bärbchens erregter Phantasie Gestalten lebender Wesen an. Manchmal
schien es ihr, als sähe sie deutlich Menschen und Pferde.
»Michael, was ist das?« fragte sie flüsternd und zeigte mit dem Finger
auf einen Seitenpfad.
»Nichts, -- Buschwerk.«
»Ich glaubte, es seien Reiter. Sind wir bald an Ort und Stelle?«
»In etwa anderthalb Stunden geht es los.«
»Ha!«
»Fürchtest du dich?«
»Nein, das Herz pocht mir vor Freude. Wie sollt' ich mich fürchten?
Ganz und gar nicht! -- Sieh', was für ein Reif hier liegt; man sieht's,
obwohl es dunkel ist.«
Sie waren in der Tat auf einen Strich der Steppe gelangt, auf welchem
die langen Stengel des Steppengrases mit Reif bedeckt waren. Michael
sah hin und sagte:
»Hier diesen Weg hat Motowidlo genommen. Nicht weiter als eine halbe
Meile von hier muß er versteckt liegen. Es dämmert schon.«
Der erste Lichtschimmer wurde wahrnehmbar, die Dämmerung wich, Himmel
und Erde wurden grau, die Luft blasser, die Spitzen der Bäume und
Sträucher überzogen sich wie mit Silber. Die fernen Gruppen Buschwerk
traten aus dem Dunkel hervor, als hebe jemand langsam den Vorhang von
ihnen hinweg.
Da tauchte plötzlich vor dem nächsten Busch ein Reiter auf.
»Von Herrn Motowidlo?« fragte Michael, als der Mann in seiner nächsten
Nähe vom Pferde gestiegen war.
»So ist es, Ew. Liebden.«
»Was gibt's?«
»Sie haben die Sieroz-Furt überschritten, dann sind sie, dem Brüllen
der Rinder folgend, nach Kalusik gegangen. Die Rinder haben sie
genommen und stehen auf dem Jurgow-Feld.«
»Und wo ist Herr Motowidlo?«
»Er lagert auf der Hügelseite, und Herr Mellechowitsch bei Kalusik. Die
anderen Fahnen weiß ich nicht.«
»Gut,« sagte Michael, »das weiß ich; mach' dich auf zu Herrn Motowidlo
und befiehl, den Ring zu schließen; die einzelnen Leute soll er bis auf
den halben Weg von Herrn Mellechowitsch zerstreuen. Sitz' auf!«
Der Mann legte sich fast auf seine Satteldecke und stob dahin, daß dem
Pferde die Milz schwoll. Im Nu war er aus dem Gesichtskreis.
Sie aber ritten weiter, noch stiller, noch vorsichtiger. Inzwischen
war es vollkommen Tag geworden. Der Nebel, der sich bei Tagesanbruch
vom Boden erhoben hatte, war ganz gesunken, und am östlichen Horizont
zeigte sich ein langer, heller Streifen, dessen leuchtender, rosiger
Glanz Luft, Berge, die Abhänge ferner Schluchten und Gipfel färbte.
Da schlug an die Ohren der Reiter von der Dniestr-Seite her wirres
Gekrächz, und in der Höhe vor ihnen zeigte sich eine ungeheure Schar
von Raben, die dem Morgenrot zuflogen. Einzelne Vögel lösten sich von
Zeit zu Zeit von der Hauptmasse los und flogen über die Steppe in
weitem Kreise herum, wie es die Dohlen und Habichte machen, wenn sie
Beute erspähen.
Sagloba hob den Säbel in die Höhe, zeigte auf die Raben und sagte zu
Bärbchen:
»Bewundere die Klugheit dieser Vögel. Wenn es irgendwo zu einer
Schlacht kommt, so ziehen sie bald von allen Seiten heran, als wenn sie
jemand aus einem Sacke schüttete. Wenn nur ein Heer marschiert oder
Freundesheere sich treffen sollen, ist das nicht der Fall; so können
diese Tiere die Absichten der Menschen erraten, wenn sie ihnen auch
niemand kundtut. Der bloße Geruchssinn erklärt das nicht, deshalb hat
man alle Ursache, sich höchlichst darüber zu verwundern.«
Mittlerweile waren die Vögel unter immer lauterem Krächzen näher
herangekommen, und Herr Muschalski wandte sich zu dem kleinen Ritter
und sagte, indem er mit der flachen Hand auf seinen Bogen schlug:
»Herr Kommandant, ist es gestattet, einen davon zur Freude der Frau
Kommandantin herunterzuholen? Lärm wird es nicht machen.«
»Holt ihn herunter, holt auch zwei herunter,« sagte Herr Michael, denn
er wußte, wie gern sich der alte Soldat wegen der Sicherheit seiner
Geschosse bewundern ließ.
Da griff der unvergleichliche Bogenschütze nach dem Rücken, zog einen
befiederten Pfeil hervor, legte ihn auf die Sehne, hob Bogen und Kopf
empor und wartete.
Die Schar kam immer näher. Alle hielten die Pferde an und blickten
erwartungsvoll in die Höhe. Plötzlich erklang der klagende Ton
der Sehne wie das Zwitschern der Schwalbe; der Pfeil flog auf und
verschwand in der Schar.
Einen Augenblick konnte man glauben, Muschalski habe gefehlt; aber
siehe da, bald schoß ein Rabe einen Purzelbaum und stürzte, sich
beständig überschlagend, gerade über den Köpfen der Reiter herab,
um bald mit ausgebreiteten Flügeln, wie ein Blatt, welchem die Luft
Widerstand leistet, langsam herniederzusinken.
Er fiel wenige Schritte vor Bärbchens Pferde zu Boden. Der Pfeil hatte
ihn so durchbohrt, daß die Spitze über dem Rücken hervorleuchtete.
»Es ist ein glückliches Vorzeichen,« sagte Muschalski, sich vor
Bärbchen verneigend. »Ich werde von fern auf die Frau Kommandantin,
meine große Wohltäterin, ein Auge haben und im Falle der Not wieder mit
Gottes Hilfe ein Pfeilchen losschnellen. Wenn es auch ganz in der Nähe
schwirrt, so versichere ich doch, daß es nicht verwunden wird.«
»Ich möchte nicht der Tatar sein, den Ihr aufs Korn nehmt,« sagte
Bärbchen.
Da unterbrach Wolodyjowski die Unterhaltung. Er wies auf eine ziemlich
bedeutende Anhöhe in einiger Entfernung und sagte: »Dort machen wir
Halt.«
Nach diesen Worten ritten sie im Galopp weiter; als sie die halbe
Anhöhe erreicht hatten, befahl der kleine Ritter, langsameren Schrittes
vorwärts zu rücken und endlich, nicht weit vom Gipfel, die Pferde
anzuhalten.
»Wir werden nicht bis an die äußerste Spitze reiten,« sagte er, »denn
an einem so hellen Morgen kann man uns aus der Ferne leicht aufs Korn
nehmen. Wir werden vom Pferde steigen und uns so dem Abhang nähern, daß
unsere Köpfe nicht hervorragen.«
Bei diesen Worten sprang er vom Pferd und mit ihm Bärbchen, Muschalski
und die anderen. Die Dragoner blieben unterhalb des Gipfels und hielten
die Pferde. Sie aber gingen langsam bis an die Stelle, wo die Anhöhe
fast wie eine Wand abfiel. Am Fuße dieser etliche zehn Ellen hohen Wand
stand dicht verwachsen eine Kette von Gestrüpp, weiter unten zog sich
die tiefe, ebene Steppe hin, die man von dieser Höhe herab weithin
überblicken konnte.
Die Ebene, die ein kleiner Fluß, der nach der Richtung von Kalusik
strömte, durchschnitt, war ebenso wie der Fuß des Felsens mit
schilfbewachsenen Flußinseln bedeckt; von der größten stiegen dünne
Rauchstreifen zum Himmel empor.
»Siehst du,« sagte Michael zu Bärbchen, »dort hält sich der Feind
versteckt.«
»Ich sehe den Rauch, aber ich sehe weder Menschen noch Pferde,«
antwortete Bärbchen mit pochendem Herzen.
»Weil das Schilf sie verdeckt, obwohl ein geübtes Auge sie erreicht.
Sieh' dorthin: zwei, drei, vier, eine ganze Anzahl von Pferden sieht
man. Das eine ist scheckig, das andere ganz weiß, und von hier sieht es
wie blau aus.«
»Werden wir bald zu ihnen hinunterreiten?«
»Man wird sie uns hierherjagen, aber wir haben Zeit, denn bis zu jener
Stelle kann es eine Viertelmeile sein.«
»Wo sind die Unsrigen?«
»Siehst du dort unten in weiter Ferne den Waldstreifen? Des Herrn
Kämmerers Fahne muß gerade jetzt seinen Rand erreichen. Mellechowitsch
kann auf jener Seite jede Minute auftauchen. Die zweite Fahne der
Genossen wird sie von diesem Felsen aus fassen. Wenn sie die Leute
erblicken, werden sie von selbst auf uns losrücken, denn hier herum
kann man bequem zum Fluß unterhalb des Abhanges; von der anderen Seite
aber ist ein gähnender Abgrund, den niemand zu Pferde passieren kann.«
»So sind sie in der Falle?«
»Wie du siehst.«
»O Gott, ich halt' es kaum noch aus!« rief Bärbchen.
Und nach einer Weile sagte sie:
»Michael, wenn sie klug wären, was würden sie tun?«
»Sie würden sich dann wie ein Feuer auf die Fahne des Kämmerers stürzen
und es aufreiben. Dann wären sie frei; aber das tun sie nicht, denn
erstens kommen sie nicht gern der regulären Reiterei in die Quere, und
zweitens werden sie fürchten, daß ein größeres Heer im Walde lauert,
und darum werden sie hierher entwischen wollen.«
»Ja, aber wir werden sie nicht aufhalten können, wir haben nur zwanzig
Mann.«
»Und Motowidlo?«
»Ach ja, wo ist er denn?«
Statt zu antworten schrie Wolodyjowski plötzlich, ganz wie der Habicht
oder Falke schreit.
Alsbald antworteten ihm zahlreiche Rufe vom Fuße der Anhöhe her. Es
waren Motowidlos Scharen, die sich in dem Gestrüpp so gut untergeduckt
hatten, daß Bärbchen, die unmittelbar über ihnen stand, sie nicht
bemerkt hatte.
Sie sah mit Erstaunen bald hinunter, bald auf den kleinen Ritter, ihre
Wangen erglühten, und sie umfaßte den Hals ihres Gatten.
»Michael, du bist der größte Feldherr unter der Sonne!«
»Nicht doch, ich habe nur einige Übung,« antwortete er lächelnd.
»Aber du plappere mir hier nicht vor lauter Freude und bedenke, daß
ein folgsamer Soldat still sein muß.« Aber die Mahnung half nichts,
Bärbchen war wie im Fieber. Sie hatte Lust, sofort das Pferd zu
besteigen und den Hügel hinabzureiten, um sich mit Motowidlos Abteilung
zu vereinigen. Aber Wolodyjowski hielt sie noch zurück, denn er wollte,
daß sie den Beginn des Kampfes gut beobachte.
Inzwischen war die Morgensonne über der Steppe aufgestiegen und übergoß
die ganze Ebene mit kühlem, blaßgoldenen Licht. Die nahen Flußinseln
erstrahlten heiter, die ferneren zeigten deutlicher ihre Umrisse.
Der Reif, der stellenweise in den Tälern lag, fing an schimmernd zu
zerstieben, die Luft wurde sehr durchsichtig, und der Blick konnte fast
grenzenlos in die Ferne schweifen.
»Des Kämmerers Fahne kommt aus dem Wäldchen hervor,« sagte Herr
Michael, »ich sehe Menschen und Pferde.«
In der Tat kamen die Reiter allmählich aus der Waldbiegung hervor und
hoben sich in langer Kette von der dicht mit Reif bedeckten Waldwiese
ab. Der weiße Zwischenraum zwischen ihnen und dem Walde wurde immer
größer, sie eilten offenbar nicht allzusehr, um den anderen Fahnen Zeit
zu lassen; Herr Michael wandte sich jetzt nach links.
»Auch Mellechowitsch ist da,« sagte er. Und dann nach einer Weile:
»Auch des Herrn Jägermeisters Leute kommen heran. Keiner von ihnen
ist auch nur zwei Paternoster zu spät gekommen.« Und sein Schnauzbart
bewegte sich lebhaft.
»Auch nicht einer darf entgehen! -- Aufs Pferd!«
Sie wandten sich schnell zu den Dragonern um, sprangen in die Sattel
und ritten die Anhöhe entlang unter dem am Fuße wachsenden Gestrüpp, wo
sie sich mitten unter der Mannschaft Motowidlos befanden.
So näherten sie sich schon vollzählig der Schilfkette und machten Halt,
um vorwärts zu spähen.
Der Feind mußte wohl die herankommende Fahne des Kämmerers bemerkt
haben, denn in diesem Augenblick strömten aus dem Dickicht, das
inmitten der Ebene wuchs, große Haufen Berittener hervor, als ob jemand
eine Herde Rehe aufgescheucht habe; mit jedem Augenblick kamen ihrer
mehr hervor. Sie bildeten eine Kette und ritten anfangs im Schritt den
Saum des Dickichts entlang; die Reiter legten sich auf den Rumpf der
Pferde, so daß man aus der Ferne glauben konnte, eine hirtenlose Herde
von Pferden ziehe in langer Linie den Fluß entlang. Offenbar hatten
sie noch nicht die Gewißheit, ob jene Fahne auf sie losrücke und sie
schon bemerkt habe, oder ob es eine Abteilung sei, die nur die Umgebung
durchsuche. In diesem letzteren Falle konnten sie hoffen, daß das
Schilf sie noch vor den Augen der Herankommenden verbergen werde. Von
der Stelle aus, wo Michael an der Spitze von Motowidlos Leuten stand,
konnte man vorzüglich die unsicheren, schwankenden Bewegungen jener
Schar sehen, die vollkommen den Bewegungen wilder Tiere glichen, die
eine Gefahr wittern. Nachdem die Reiter die zu durchmessende Entfernung
etwa bis zur Hälfte zurückgelegt hatten, beschleunigten sie ihren Ritt
zu einem leichten Galopp; plötzlich, als die erste Reihe die offene
Steppe erreicht hatte, hielten sie die Pferde an, und die ganze Schar
machte Halt.
Sie hatten Mellechowitsch Abteilung erblickt, die von dieser Seite kam.
Da beschrieben sie einen Halbkreis seitwärts vom Fluß, und ihren Augen
zeigte sich die Fahne von Prschemysl, die im Sturmschritt herankam.
Nun wurde ihnen klar, daß alle Fahnen von ihrem Hiersein wußten und
gegen sie losritten. Ein wildes Geschrei ertönte aus der Menge, und
die Verwirrung begann. Die Fahnen riefen ebenfalls laut und gingen in
Galopp über, so daß die Ebene von Pferdegetrappel erdröhnte.
Als sie das sahen, bildeten sie in einem Augenblick eine Querlinie und
eilten, was die Pferde laufen konnten, auf die Anhöhe zu, an deren Fuß
der kleine Ritter und Motowidlo mit seinen Leuten standen.
Der Zwischenraum, der die einen von den anderen trennte, nahm mit
entsetzlicher Schnelligkeit ab.
Bärbchen wurde erst vor Erregung etwas blaß, und das Herz pochte immer
stärker in ihrer Brust. Da sie aber sah, daß man sie beobachtete, und
da sie auf keinem Gesicht die geringste Unruhe bemerkte, überwand sie
sich schnell. Dann nahm die wie ein Sturmwind heranjagende Wolke ihre
ganze Aufmerksamkeit in Anspruch. Sie faßte die Zügel kürzer, drückte
ihr Säbelchen fester, und das Blut aus ihrem Herzen strömte immer
mächtiger nach dem Gesicht.
»Gut,« sagte der kleine Ritter.
Sie blickte ihn an, bewegte die Nasenflügel und flüsterte: »Gehen wir
bald los?«
»Es ist noch Zeit,« antwortete Michael.
Und die unten jagten dahin wie Hasen, denen die Hunde auf den Fersen
sind. Schon sind sie nur eine halbe Hufe von dem Gestrüpp entfernt,
schon sieht man die langgestreckten Pferdeköpfe mit den herabhängenden
Ohren, und über ihnen die Gesichter der Tataren wie an die Mähne
festgewachsen. Immer näher, immer näher kommen sie. Man hört das
Schnaufen der Tiere, deren klaffende Gebisse und hervorquellende Augen
bezeugen, daß sie so schnellen Laufes herankommen, daß ihnen der Atem
stockt ... Wolodyjowski gibt ein Zeichen, und ein Zaun von Gewehrläufen
starrt den Heraneilenden entgegen.
»Feuer!«
Ein Geknatter, eine Rauchwolke -- wie ein Sturmwind in einen Haufen
Spreu fährt, so fuhr es in die Horde. Augenblicklich sprengte die
Bande kreischend und brüllend nach allen Seiten. Da kommt der kleine
Ritter aus dem Dickicht hervor, und gleichzeitig treiben die Fahnen
des Kämmerers und die Lipker, den Kreis abschließend, die Zerstreuten
wiederum zu einem Haufen in der Mitte zusammen. Vergeblich suchen die
Tataren ihre Zuflucht im Einzelkampf, vergeblich wenden sie sich hin
und her, fliehen sie nach rechts, nach links, nach vorwärts, nach
rückwärts -- der Kreis ist schon geschlossen. Darum drängen sich auch die
Haufen immer enger aneinander; inzwischen kommen die Fahnen heran, und
es beginnt ein entsetzliches Handgemenge.
Die Freibeuter hatten begriffen, daß nur der lebendig aus diesem Ringe
herauskommen könne, der sich durchschlug. Und so begannen sie, wenn
auch ohne Ordnung und ein jeder auf eigene Faust, sich verzweifelt
und rasend zur Wehr zu setzen. Und sie bedeckten gleich zu Beginn in
dichter Zahl das Feld, so groß war die Wucht des Angriffs gewesen. Die
Soldaten rückten auf sie ein und drängten trotz der Enge ihre Pferde
vorwärts, hieben und stachen mit jener unerbittlichen, gräßlichen
Geschicklichkeit, die nur dem Soldaten eigen sein kann, dem der Krieg
zum Handwerk geworden ist. Der Widerhall der Schläge ertönte über
diesem Wirrwarr von Menschen wie das Echo der Dreschflegel, die schnell
und haufenweise gegen die Tenne schlagen. Man schlug sie, man hieb sie
über die Köpfe, über die Nacken, über die Schultern, über die Hände,
mit welchen sie ihre Köpfe bedeckten, man bedrängte sie von allen
Seiten ohne Unterbrechung, ohne Mitleid und Erbarmen. Auch sie begannen
um sich zu schlagen, womit sie konnten, mit Handscharen, Säbeln, dieser
mit Wurfkugeln, der andere mit einem Pferdekinnbacken.
Ihre Pferde waren in die Mitte zusammengedrängt und bäumten sich oder
stürzten hintenüber; andere rannten beißend und quiekend im Getümmel
umher und riefen eine unbeschreibliche Verwirrung hervor. Nach einem
kurzen, schweigsamen Kampfe entrang sich wildes Geheul der Brust der
Tataren. Sie waren zerschmettert von der größeren Zahl, der besseren
Waffe, der höheren Geschicklichkeit. Sie begriffen, daß es für sie
keine Hilfe gab, daß niemand entkommen werde, nicht bloß nicht mit
Beute, sondern kaum mit dem Leben. Die Soldaten, die immer mehr in
Hitze gerieten, schlugen immer kräftiger drein. Manche von den Räubern
sprangen von den Satteldecken herab und versuchten unter den Füßen der
Rosse zu entwischen. Diese kamen unter die Hufe; bisweilen auch wandte
sich ein Krieger um und versetzte dem Flüchtling von oben einen Stich.
Manche warfen sich auf den Boden, weil sie hofften, wenn die Fahnen
mehr in die Mitte vorrücken würden, außerhalb des Kreises zu bleiben
und sich dort durch die Flucht zu retten.
Der Haufe wurde immer kleiner, denn mit jeder Minute nahmen Menschen
und Pferde ab. Asba-Bey drängte, so gut er konnte, die Leute in
einen Keil zusammen und stürzte sich mit ganzer Wucht auf Motowidlos
Mannschaften, den Ring um jeden Preis zu durchbrechen.
Aber sie warfen ihn auf der Stelle zurück, und nun begann ein
fürchterliches Blutbad. Jetzt zerriß Mellechowitsch, wütend wie ein
Feuerbrand, den Haufen, überließ die eine Hälfte den beiden Fahnen der
Genossen und setzte sich selbst denen in den Nacken, die mit Motowidlo
kämpften.
Ein Teil der Räuber war zwar bei dieser Bewegung ins freie Feld
entwichen und zerstreute sich über die Ebene wie ein Haufen Blätter,
aber die Soldaten der hinteren Reihen, die wegen des zu engen Raumes an
der Schlacht nicht teilnehmen konnten, setzten ihnen sofort nach, zu
zweien, zu dreien oder auch einzeln. Die aber, denen es nicht gelungen
war, zu entkommen, fielen unter dem Schwert, trotz der wütenden
Gegenwehr, und streckten sich auf den Boden wie ein Haufe Getreide,
welchen die Mäher von zwei Seiten niederzumähen beginnen.
Bärbchen rückte mit Motowidlos Leuten zugleich vor und ließ ihr zartes
Stimmchen in Ausrufen ertönen, um sich Mut zu machen, denn im ersten
Augenblick war es ihr dunkel vor den Augen geworden, sowohl von dem
schnellen Ritt wie von der großen Erregung. Selbst als sie den Feind
schon erreicht hatten, sah sie anfangs nur eine dunkle, hin und her
wogende Masse vor sich. Es ergriff sie eine unüberwindliche Lust, die
Augen ganz zu schließen. Sie widerstand dieser Lust, schwenkte aber den
Säbel aufs Geratewohl hin und her. Doch das währte nicht lange; ihr Mut
gewann endlich die Oberhand über die Verwirrung, und sie sah alles
deutlich. Erst erblickte sie die Pferdeköpfe, über ihnen die glühenden,
wilden Gesichter; eines von ihnen leuchtete ganz in ihrer Nähe auf.
Bärbchen hieb wuchtig zu, und das Gesicht verschwand plötzlich, als sei
es ein Gespenst gewesen.
Da traf Bärbchens Ohr die ruhige Stimme ihres Gatten:
»Gut!«
Diese Stimme gab ihr ungewöhnlichen Mut; noch fröhlicher schrie sie auf
und teilte Hiebe aus, jetzt mit vollem, klarem Bewußtsein. Da streckt
ihr wieder ein entsetzlicher Kopf mit flacher Nase und hervorstehenden
Backenknochen die Zähne entgegen: Bärbchen fährt über ihm hin -- weg ist
er ... Dort erhebt wieder eine Hand die Wurfkugel -- weg ist sie. Sie
sieht einen Rumpf und Nacken, im Nu sticht sie hin; sie schlägt nach
rechts, nach links, geradezu, und wo sie hinhaut, fliegt ein Mensch
zu Boden und reißt sein Pferd am Zaume mit sich. Bärbchen erstaunt
darüber, daß das so leicht ist. Aber leicht war es nur, weil von einer
Seite der kleine Ritter Steigbügel an Steigbügel mit ihr ritt, auf
der anderen Herr Motowidlo. Der erste beobachtet sorgfältig seinen
Schatz, und bald löscht er ein Menschenleben wie ein Licht aus, bald
haut er mit flacher Klinge den Arm samt der Waffe ab, bald schiebt er
sein Schwert zwischen Bärbchen und den Feind, und die feindliche Kugel
fliegt plötzlich in die Höhe, als wäre sie ein beflügelter Vogel.
Motowidlo, der phlegmatische Krieger, hütete die andere Seite der
tapferen Herrin, und wie ein fleißiger Gärtner unter den Bäumen
dahinschreitet und da und dort einen trockenen Ast abschneidet oder
umbricht, so warf er ein um das anderemal einen Menschen auf die
blutgetränkte Erde und kämpfte mit einem solchen Phlegma und solcher
Ruhe, als ob er an etwas anderes denke. Beide wußten wohl, wann sie
Bärbchen selbst angreifen lassen konnten, und wann sie ihr zuvorkommen
oder sie vertreten mußten. Auch ein dritter wachte über sie von ferne,
der unvergleichliche Bogenschütze, der sich absichtlich in ihrer Nähe
hielt, jede Minute den Pfeil auf die Sehne legte und den unfehlbaren
Todbringer in das größte Getümmel hinübersandte.
Aber dieses Getümmel wurde so furchtbar, daß Herr Michael Bärbchen
anbefahl, sich mit einigen Leuten aus dem Gewirr zurückzuziehen,
besonders als die halbwilden Pferde der Tataren anfingen, um sich
zu beißen und auszuschlagen. Bärbchen gehorchte ihm unverzüglich,
denn obgleich sie der Eifer erfaßt hatte, und das mutige Herz sie zu
weiterem Kampfe trieb, so gewann doch ihre Frauennatur die Oberhand
über die Begeisterung, und sie entsetzte sich in diesem Gemetzel beim
Anblick des Blutes mitten unter dem Geheul, dem Gestöhn und Geröchel
der Sterbenden, in dieser Luft, die von dem Geruch von Blut und Schweiß
geschwängert war.
Sie zog also langsam ihr Pferd zurück und befand sich bald außer
dem Kreise der Kämpfenden. Wolodyjowski und Motowidlo aber, die
jetzt von ihrer Pflicht des Schutzes befreit waren, konnten endlich
ihrer Soldatenlaune ganz die Zügel schießen lassen. Inzwischen war
Muschalski, der bisher in der Nähe gestanden hatte, zu Bärbchen
herangekommen.
»Ihr habt Euch wahrhaft ritterlich gehalten, verehrte Herrin,« sagte er
zu ihr, »man sollte meinen, der Erzengel Michael sei vom Himmel unter
die Mannschaften herabgestiegen und vertilge die Heiden ... Welche
Ehre, von diesem Händchen zu fallen, das mir bei dieser Gelegenheit zu
küssen gestattet sei!«
Bei diesen Worten ergriff Muschalski Bärbchens Hand und drückte sie an
seine Lippen.
»Habt Ihr es gesehen? Habe ich mich wirklich brav gehalten?« sagte
Bärbchen und sog mit weitgeöffneten Nasenflügeln die Luft ein.
»Die Katze kann sich nicht besser gegen die Ratten halten! Das Herz
schwoll mir, so wahr ich lebe; aber Ihr tatet recht, Euch aus der
Schlacht zurückzuziehen, denn gegen das Ende konnte es leicht ein
Unglück geben.«
»Mein Gatte hat es mir befohlen, und ich habe bei der Abreise
versprochen, ihm sofort zu gehorchen.«
»Soll ich meinen Bogen hier lassen? Ja, er nutzt mir jetzt nichts, ich
will mit dem Säbel losgehen. Ich sehe drei Männer herankommen, die
gewiß der Herr Hauptmann hergeschickt hat zum Schutze Eurer werten
Person. Sonst hätte ich sie geschickt. Ich küsse die Hand, denn dort
wird's bald zu Ende gehen, und ich muß eilen.«
Wirklich kamen drei Dragoner zu Bärbchens Schutze heran. Als Muschalski
das sah, gab er seinem Pferde die Sporen und ritt davon. Bärbchen
zögerte einen Augenblick, ob sie die abschüssige Wand umreiten und den
Hügel hinanklimmen solle, von dem sie vor der Schlacht in die Ebene
hinuntergeblickt hatten. Da sie aber eine große Ermüdung empfand,
beschloß sie dazubleiben.
Ihre weibliche Natur sprach immer lauter. Etwa zweihundert Schritte
von ihr metzelte man ohne Mitleid die Reste der Horde nieder, und der
schwarze Haufe der Kämpfenden wogte immer furchtbarer auf dem blutigen
Schlachtfeld. Verzweifelte Rufe erschütterten die Luft, und Bärbchen,
die kurz vorher noch voll Begeisterung gewesen war, wurde jetzt
kraftlos und schwach. Es erfaßte sie eine furchtbare Angst, daß sie
ganz ohnmächtig werden könne, und nur die Scham vor den Dragonern hielt
sie im Sattel aufrecht. Sie wandte aber sorgfältig ihr Gesicht von
ihnen ab, damit sie ihre Blässe nicht sähen. Die frische Luft gab ihr
allmählich die Kraft und den Mut wieder, aber doch nicht in dem Grade,
daß sie Lust gehabt hätte, wieder unter die Kämpfenden zu dringen. Sie
hätte es höchstens darum getan, um für die letzten Reste der Horde um
Erbarmen zu flehen. Da sie aber doch wußte, da das umsonst sein würde,
sah sie mit Sehnsucht dem Ende der Schlacht entgegen.
Und dort dauerte der Kampf fort und fort. Der Widerhall der Waffen
und das Lärmen hörte nicht einen Augenblick auf. Es war vielleicht
eine halbe Stunde verflossen; die Fahnen drängten sich immer dichter
zusammen. Da durchbrach plötzlich ein Häuflein der Horde -- es mochten
zwanzig Reiter sein -- den mörderischen Kreis und stürmte wie ein Orkan
auf die Anhöhe zu. Wie sie so an den Klüften vorüberflogen, konnten sie
wirklich leicht dorthin gelangen, wo der Hügel sanft mit der Ebene in
eins verschwamm, und dort auf der hohen Steppe Rettung finden. Aber auf
dem Wege stand Bärbchen mit den Dragonern. Der Anblick der Gefahr goß
in demselben Augenblick Kraft in ihr Herz und gab ihr Geistesgegenwart.
Sie begriff, daß Dableiben den Untergang bedeute, denn jener Haufe
mußte sie durch seine Wucht allein zu Boden werfen und zermalmen; ja
sie wären sicher mit den Schwertern niedergehauen worden. Der alte
Wachtmeister der Dragoner war offenbar derselben Ansicht, denn er griff
mit der Hand in den Zügel von Bärbchens Apfelschimmel, wandte ihn zur
Flucht und schrie in nahezu verzweifeltem Tone:
»Vorwärts, gnädige Frau!«
Bärbchen floh wie der Wind, aber allein; die drei getreuen Soldaten
standen wie eine Mauer auf ihrem Platze, um wenigstens einen Augenblick
den Feind abzuhalten und der geliebten Herrin Zeit zu lassen, auf eine
weite Entfernung vorauszueilen.
Inzwischen waren sofort jenem Haufen Soldaten gefolgt, aber der
Ring, der bisher die Horde eng umschlossen hielt, war durchbrochen,
und sie begannen zu zweien, zu dreien, dann immer zahlreicher zu
entwischen. Eine große Zahl von ihnen lag bereits am Boden, aber
etlichen derselben, darunter Asba-Bey, gelang es, zu entkommen. Alle
diese Haufen jagten, so schnell die Pferde konnten, die Anhöhe hinan.
Aber die drei Dragoner vermochten nicht alle Fliehenden aufzuhalten;
sie fielen nach kurzem Kampfe aus dem Sattel. Die Schar der Fliehenden
aber folgte Bärbchens Spuren, bog am Abhang des Hügels ein und gelangte
auf die hohe Steppe. Die polnischen Fahnen, allen voran die lipkische,
eilten in schnellstem Trabe etliche zehn Schritt hinter ihnen.
Auf der hohen Steppe, die vielfach von verräterischen Schluchten und
Abhängen durchzogen war, bildete sich gleichsam eine Riesenschlange
von Reitern. Ihr Haupt stellte Bärbchen dar, den Hals die Horde, und
die Fortsetzung des Leibes Mellechowitsch mit den Lipkern, und die
Dragoner, an deren Spitze Wolodyjowski ritt, die Sporen in die Seiten
des Pferdes gedrückt, Entsetzen in der Brust.
In dem Augenblick, als jenem Häuflein Räuber sich der Kreis geöffnet
hatte, war er auf der anderen Seite beschäftigt; darum war ihm
Mellechowitsch in der Verfolgung vorausgeeilt. Jetzt standen dem
kleinen Ritter die Haare zu Berge bei dem Gedanken, daß Bärbchen von
den Entflohenen erreicht werden, daß sie die Geistesgegenwart verlieren
und geradeaus nach der Seite des Dniestr entfliehen, daß einer von den
Räubern sie mit dem Säbel, mit dem Handschar oder der Wurfkugel treffen
könne, und das Herz erstarb ihm in der Brust vor Furcht um das Leben
des geliebten Wesens. Er lag fest auf dem Halse seines Pferdes, bleich,
mit zusammengepreßten Zähnen; ein Sturm entsetzlicher Gedanken trieb
durch seinen Kopf, und er bohrte die bewaffnete Ferse in den Leib des
Rosses, peitschte das Tier und schoß dahin wie eine Trappe, ehe sie
sich zum Fliegen erhebt. Vor seinen Augen flimmerten die Widderkapuzen
der Lipker.
»Gebe Gott, daß Mellechowitsch hinkomme! Er hat ein gutes Pferd; gebe
es Gott!« wiederholte er mit Verzweiflung in der Brust.
Aber seine Befürchtungen waren grundlos, und die Gefahr nicht so
bedeutend, wie es dem liebenden Ritter erschien. Den Tataren war es
zu sehr um die eigene Haut zu tun, und allzu nahe saßen ihnen die
Lipker im Nacken, als daß sie einen einzelnen Reiter hätten verfolgen
sollen, wenn dieser Reiter auch die schönste Jungfrau aus dem Paradiese
des Propheten gewesen und in einem Mantel geflohen wäre, der ganz
mit Edelsteinen bedeckt war. Bärbchen brauchte nur im Kreise nach
Chreptiow einzubiegen, um den Verfolgern zu entgehen, denn diese wären
ihr sicherlich nicht bis in den Rachen des Löwen gefolgt, da der Fluß
dicht vor ihnen lag, in dessen Schilfgebüschen sie sich verbergen
konnten. Die Lipker, welche bessere Pferde hatten, waren ihnen ohnehin
immer näher gekommen; Bärbchen aber saß auf ihrem Apfelschimmel, der
unvergleichlich schnellfüßiger war als die gewöhnlichen zottigen
Tiere der Horde, die zwar ausdauernder im Laufe, aber nicht so flink
waren wie die Pferde edler Rasse. Endlich hatte sie nicht nur ihre
Geistesgegenwart nicht verloren, sondern ihre abenteuerliche Natur war
in ihr mit ganzer Kraft erwacht, und das ritterliche Blut rollte immer
lebhafter in ihren Adern.
Der Apfelschimmel streckte sich wie ein Reh, der Wind pfiff ihr um die
Ohren, und statt der Angst hatte sie ein Gefühl des Rausches ergriffen.
»Ein ganzes Jahr können sie mich verfolgen und holen mich doch nicht
ein,« dachte sie, »ich will noch weiter reiten, dann wende ich um und
lasse sie entweder voraus, oder, wenn sie nicht aufgehört haben, mich
zu verfolgen, bringe ich sie unter das Schwert.«
Ihr war der Gedanke gekommen, daß, wenn die ihr folgende Horde sich
allzu sehr in der Steppe zerstreute, sie vielleicht beim Umwenden auf
einen von ihnen stoßen und einen Einzelkampf leisten würde.
»Bah,« sagte sie in ihrer tapferen Seele, »was will das sagen? Michael
hat mich so gut unterrichtet, daß ich es kühn wagen darf, sonst werden
sie noch denken, daß ich aus Furcht fliehe, und mich zu einem zweiten
Kriegszuge nicht mitnehmen, und Herr Sagloba wird noch über mich
spotten.«
Während sie so zu sich sprach, sah sie sich nach den Strolchen um,
aber die waren in Haufen davongeflohen. Es war gar keine Aussicht zu
einem Einzelkampf vorhanden; Bärbchen aber wollte durchaus vor den
Augen des ganzen Heeres den Beweis liefern, daß sie nicht blindlings
und nicht unbesonnen geflohen war. Zu diesem Zwecke begann sie, da sie
sich erinnerte, daß sie im Holfter zwei vortreffliche Pistolets habe,
die Michael selbst vor der Abreise sorgfältig geladen hatte, ihren
Apfelschimmel zurückzuhalten, oder richtiger umzuwenden und langsam
nach der Seite von Chreptiow den Weg fortzusetzen.
Aber o Wunder! Bei diesem Anblick veränderte die Horde die Richtung der
Flucht und nahm den Weg mehr nach links gegen den Rand der Anhöhe zu.
Bärbchen ließ sie auf hundert Schritt herankommen, feuerte zweimal auf
die nächsten Pferde, dann warf sie sich in einem ganzen Kreise herum
und ritt in vollem Lauf auf Chreptiow zu.
Aber kaum war der Schimmel mit der Schnelligkeit einer Schwalbe
einige tausend Schritt gelaufen, als sich plötzlich vor ihm eine
Riesenschlucht auftat. Bärbchen gab ohne einen Augenblick der
Überlegung die Sporen, und das edle Tier scheute nicht vor dem Sprunge
zurück. Aber nur seine Vorderhufe hatten den gegenüberliegenden
Felsrand erfaßt und er suchte eine Weile mit Gewalt die Hinterfüße auf
der abschüssigen Wand zu stützen; da verlor er den Boden, der noch
nicht fest genug gefroren war, unter seinen Füßen, und er stürzte mit
Bärbchen in den Abgrund.
Zum Glück hatte das Pferd sie nicht erdrückt, denn erstens war es ihr
noch gelungen, die Füße aus den Steigbügeln zu ziehen und sich mit
ganzer Kraft nach der Seite zu neigen, und dann war sie auf eine dicke
Schicht von Moos gefallen, das den Boden der Schlucht wie ein Pelz
auspolsterte. Aber die Erschütterung war doch eine so große gewesen,
daß sie ohnmächtig dalag. Wolodyjowski hatte den Unfall nicht bemerkt,
da ihm die Lipker den Gesichtskreis verdeckten. Mellechowitsch aber
schrie mit furchtbarer Stimme den Leuten zu, nicht Halt zu machen und
die Horde weiter zu verfolgen; er selbst eilte auf den Abhang zu und
stürzte sich kopfüber in die Tiefe.
In einem Augenblick sprang er aus dem Sattel und faßte Bärbchen in
seine Arme. Seine Falkenaugen hatten sie in einer Minute erspäht und
umhergeblickt, ob sie nicht irgendwo Blut bemerkten; dann fielen seine
Blicke mit Blitzesschnelle auf den Moosteppich. Er begriff, daß dieses
Moos sie und das Tier vor dem Tode bewahrt hatte.
Ein gedämpfter Schrei der Freude entrang sich der Brust des jungen
Tataren.
Aber Bärbchen lastete auf seinen Armen; er drückte sie mit ganzer Kraft
an seine Brust, dann begann er mit den blassen Lippen erst gierig ihre
Augen zu küssen, dann wirbelte alles um ihn in wirrem Tanze umher, und
die Leidenschaft, die auf dem Grunde seines Herzens verborgen war wie
der Drache in der Höhle, erfaßte ihn wie ein Sturmwind.
In diesem Augenblick erdröhnte das Getrappel zahlreicher Pferde von
der hohen Steppe her und kam immer näher und näher. Zahlreiche Stimmen
riefen: »Hier in der Kluft -- hier!« Mellechowitsch legte Bärbchen auf
das Moos nieder und rief den Heranreitenden entgegen:
»Hierher, hierher!«
Eine Minute später sprang Wolodyjowski auf den Boden der Schlucht, ihm
folgten Sagloba, Muschalski, Nienaschyniez und einige andere Offiziere.
»Ihr ist nichts!« rief der Tatar. »Die Moosdecke hat sie gerettet.«
Wolodyjowski nahm sein ohnmächtiges Weib in die Arme, andere eilten
nach Wasser, da es in der Nähe keines gab. Sagloba faßte die Schläfen
der Ohnmächtigen und begann zu rufen: »Bärbchen, liebstes Bärbchen,
Bärbchen!«
»Ihr ist nichts,« wiederholte Mellechowitsch, der leichenblaß
danebenstand.
Inzwischen ging Sagloba auf die Seite, erfaßte seine Feldflasche,
goß Branntwein auf seine Hand und begann Bärbchens Schläfen damit zu
reiben; dann hielt er die Feldflasche an ihren Mund, und das wirkte
sofort, denn ehe die anderen mit dem Wasser herankamen, hatte sie
die Augen geöffnet und begann mit dem Munde nach Luft zu schnappen.
Sie hüstelte dabei ein wenig, denn der Branntwein hatte ihre Kehle
angegriffen. In wenigen Minuten war sie völlig zu sich gekommen.
Wolodyjowski drückte sie, ohne auf die Offiziere und Soldaten zu
achten, an seine Brust und bedeckte ihre Hände mit Küssen.
»Du mein Teuerstes!« sagte er, »ist dir nichts? Tut dir nichts weh?«
»Nichts!« antwortete Bärbchen; »aha, ich sehe jetzt, eine Ohnmacht
hatte mich erfaßt, weil mein Pferd mit mir gestrauchelt ist ... Ist die
Schlacht schon vorüber?«
»Ja, vorüber! Asba-Bey ist erschlagen. -- Kehren wir jetzt schnell
zurück, denn ich fürchte, daß du mir krank wirst von der Anstrengung.«
»Ich fühle gar keine Ermüdung,« sagte Bärbchen.
Dann sah sie die Anwesenden scharf an und bewegte lebhaft ihre
Nasenflügel.
»Denkt nur nicht, meine Herren, daß ich aus Furcht geflohen, oho, das
ist mir im Traume nicht eingefallen! So wahr ich Michael liebe, ich
bin nur so zum Vergnügen vor ihnen hergerannt; dann habe ich auf sie
geschossen.«
»Von diesen Schüssen ist ein Pferd getroffen, und den Kerl haben wir
lebendig eingefangen,« warf Sagloba ein.
»Seht ihr!« antwortete Bärbchen, »ein solcher Fall kann jedem bei einem
Sprunge begegnen, nicht wahr? Keine Erfahrung schützt davor, daß das
Pferd strauchelt. Ha, gut, daß ihr mich gesehen habt, denn ich hätte
hier lange liegen können.«
»Herr Mellechowitsch war der erste, der dich erblickt, und der erste,
der dir Hilfe gebracht hat; wir kamen hinter ihm her,« antwortete
Wolodyjowski.
Da Bärbchen das hörte, wandte sie sich zu dem jungen Lipker und
streckte ihm die Hand entgegen.
»Ich danke Euch für die Freundlichkeit!«
Er antwortete nichts, er drückte nur ihre Hand an seinen Mund; dann
neigte er sich und umfaßte in Demut ihre Füße wie ein Bauer.
Inzwischen waren immer mehr Fahnen an dem Rande der Kluft
zusammengekommen. Die Schlacht war beendet, darum gab Herr Michael
nur noch Mellechowitsch Befehle, die Verfolgung der wenigen Tataren
anzuordnen, welchen es gelungen war, sich vor den Verfolgern zu
verbergen, und sie zogen gleich alle nach Chreptiow ab. Auf dem Wege
sah Bärbchen noch einmal von der Anhöhe über das Schlachtfeld.
Leichen von Menschen und Pferden lagen da, an manchen Stellen in
Haufen, an anderen einzeln; am blauen Himmel zogen immer zahlreichere
Scharen von Raben mit lautem Gekrächz zu, setzten sich in der Nähe
nieder und warteten darauf, daß die Soldaten, die sich noch in der
Ebene tummelten, fortritten.
»Seht, das sind die Totengräber des Krieges,« sagte Sagloba und zeigte
mit der Krümmung des Säbels auf die Vogelschar. »Und wenn wir fort
sind, kommen die Wölfe hierher und machen den Verstorbenen mit den
Zähnen ihre Musik. Es ist ein bedeutender Sieg, wenn auch über einen
niederträchtigen Feind davongetragen, denn jener Asba hat seit Jahren
bald hier, bald dort Schrecken verbreitet. Die Kommandanten haben ihm
wie einem Wolfe aufgelauert, aber stets vergeblich, bis er endlich auf
Michael traf und seine schwarze Stunde schlug.«
»Asba-Bey ist erschlagen?«
»Mellechowitsch war der erste, der auf ihn losging, und ich sage dir,
er hieb ihm über die Ohren, daß ihm der Säbel bis in die Zähne fuhr.«
»Mellechowitsch ist ein tüchtiger Krieger,« sagte Bärbchen.
Hier wandte sie sich an Herrn Sagloba: »Und Ihr, was habt Ihr
vollbracht?«
»Ich habe nicht gezirpt wie eine Grille, ich bin nicht gesprungen wie
ein Floh oder ein Zicklein, denn solche Scherze überlasse ich den
Insekten. Dafür hat man mich aber auch nicht im Moose gesucht wie einen
Pilz, hat man mich nicht an der Nase herumgezogen, hat mir auch niemand
in den Mund geblasen ...«
»Ich mag Euch nicht leiden!« gab Bärbchen zurück, indem sie den Mund
spitzte und unwillkürlich an ihr rosiges Näschen fuhr.
Und er sah sie an, lächelte und brummte und hörte nicht auf, sie zu
necken.
»Du hast dich tapfer geschlagen,« sagte er, »du hast dich brav aus dem
Staube gemacht, du hast einen Purzelbaum geschossen, und jetzt wirst du
dir vor Schmerzen ebenfalls tapfer auf alle Glieder Grütze auflegen;
wir aber müssen dich hüten, damit dich samt deiner Tapferkeit die
Sperlinge nicht anpicken, denn sie sind auf Grütze sehr happig.«
»Ihr zielt schon darauf ab, daß mich Michael zu einem zweiten Kriegszug
nicht mitnimmt, das weiß ich sehr wohl!«
»Ganz im Gegenteil, ich werde ihn immer bitten, daß er dich zum
Nüssesammeln mitnehme, denn du bist zierlich, und der Zweig wird unter
dir nicht zusammenbrechen. Du lieber Gott, das nenn' ich Dankbarkeit!
Wer hat Michael zugeredet, daß du mit uns reiten sollest? -- Ich. Ich
mache mir jetzt furchtbare Vorwürfe, besonders da du mir meine Güte
so heimzahlst. Warte, jetzt sollst du mit einem hölzernen Säbel
Taubennesseln auf dem Markte in Chreptiow köpfen. Das ist eine
Beschäftigung für dich! Jeder andere würde den Alten umarmen, und diese
bissige Teufelin hat mir erst Angst eingejagt, und jetzt setzt sie mir
noch zu.«
Bärbchen besann sich nicht lange und umarmte Herrn Sagloba, der sehr
erfreut darüber war, und sagte:
»Nun, nun, ich muß gestehen, daß du ein wenig beigetragen hast zu dem
heutigen Siege, denn die Soldaten haben sich, da jeder vor dir glänzen
wollte, mit furchtbarem Mute geschlagen.«
»So wahr ich lebe,« rief Muschalski, »der Mensch stirbt auch gern, wenn
solche Augen auf ihn sehen.«
»Vivat unsere Herrin!« rief Nienaschyniez.
»Vivat!« wiederholten hundert Stimmen.
»Erhalte sie Gott bei Gesundheit!«
Und Sagloba neigte sich zu ihr und murmelte: »Wenn die Schwäche vorüber
sein wird.«
Und sie ritten fröhlich und unter lauten Rufen weiter, denn sie
lebten der sicheren Erwartung eines Festes am Abend. Das Wetter war
wundervoll, die Trompeter bei den Fahnen bliesen, die Trommler schlugen
die Kesselpauken, und sie ritten mit großem Lärm in Chreptiow ein.
[Illustration: Dekoration/Kapitelende]
[Illustration: Dekoration/Kapitelanfang]