»Das kommt daher,« antwortete Asya, »daß zwar Krytschynski, Morawski,
Tworowski, Alexandrowitsch und alle anderen zur Horde übergegangen
sind und dem Vaterlande viel Böses getan, vielleicht auch, daß sich
ihr Gewissen geregt hat. Genug, der Name Verräter ist ihnen lästig
geworden. Der Herr Hetman weiß darum und hat dem Herrn Bogusch, auch
Herrn Myslischewski aufgetragen, sie wiederum unter die Fahnen der
Republik zurückzuführen. Bogusch aber hat mich dazu ausersehen und mir
befohlen, mich mit Krytschynski ins Einvernehmen zu setzen. Ich habe im
Quartier Briefe von Herrn Bogusch, die ich vorzeigen kann, und welchen
Ew. Liebden mehr Glauben schenken werden als meinen Worten.«
»Gehe mit Herrn Snitko nach jenen Briefen und bringe sie sofort.«
»Meine Herren,« sagte der kleine Ritter schnell, »wir haben vielleicht
diesem Ritter durch allzu frühen Verdacht unrecht getan, denn wenn er
diese Briefe hat und die Wahrheit spricht -- und ich fange an zu glauben,
daß es so ist -- so ist er nicht nur ein Ritter, den Kriegstaten berühmt
gemacht haben, sondern auch ein Mann, dem das Wohl des Vaterlandes am
Herzen liegt, und der Belohnung und nicht Mißtrauen verdient. Bei Gott,
wir werden das bald gutmachen müssen.«
Die anderen waren in Schweigen versunken und wußten nicht, was sie
sagen sollten; Sagloba aber hielt die Augen geschlossen und tat diesmal
so, als schlummere er.
Inzwischen war Asya zurückgekommen und reichte Wolodyjowski Boguschs
Brief.
Der kleine Ritter las:
»Von allen Seiten höre ich, daß es niemand gibt, der zu diesem Dienst
tauglicher wäre als Du, wegen der wunderbaren Liebe, mit der sie alle
an Dir hängen. Der Herr Hetman ist bereit, ihnen zu verzeihen, und
nimmt die Verzeihung der Republik auf sich. Setze Dich so schnell
wie möglich mit Krytschynski in Verbindung durch sichere Männer und
versprich ihm eine Belohnung; das Geheimnis wahre sorgfältig, denn bei
Gott, Du könntest sie alle zugrunde richten. Herrn Wolodyjowski kannst
Du das Geheimnis aufdecken, denn er ist Dein Vorgesetzter und kann
Dir vieles erleichtern. Scheue Schwierigkeiten und Mühen nicht, und
denke daran: der Erfolg krönt das Werk. Sei überzeugt, daß für Deine
Zuneigung unser Mutterland Dir mit gleicher Liebe lohnt.«
»Das nenne ich lohnen!« murmelte düster der junge Tatar.
»Bei Gott, warum hast du niemand ein Wort davon gesagt?« rief
Wolodyjowski.
»Ew. Liebden wollt' ich alles sagen, aber ich hatte noch keine
Gelegenheit, da ich nach jenem Unfall krank lag. Vor den Herren,« hier
wandte sich Asya zu den Offizieren, »war mir Geheimnis anbefohlen,
und diesen Befehl, zu schweigen, wollen Ew. Liebden jetzt wiederum
den Herren aufs ernsteste geben, um jene dort nicht ins Verderben zu
stürzen.«
»Die Beweise deiner Tugend sind so offenbar, daß auch ein Blinder sie
nicht ableugnen könnte,« sagte der kleine Ritter. »Führe das Werk mit
Krytschynski weiter, du sollst kein Hindernis finden, vielmehr Hilfe,
worauf ich dir meine Hand gebe, als einem braven Rittersmann. Komme
heute zur Abendmahlzeit zu mir.«
Asya drückte die Hand, die ihm Herr Michael reichte, und verneigte sich
zum dritten Male. Auch die anderen Offiziere kamen zu ihm heran und
sagten: »Wir haben uns in dir getäuscht, aber niemand, der die Tugend
liebt, wird dir jetzt den Händedruck versagen.«
Aber der junge Lipker richtete sich plötzlich auf, warf den Kopf in den
Nacken wie ein Raubvogel, der im Begriff ist, auf seine Beute zu stoßen.
»Ich stehe vor Männern, die würdiger sind,« sagte er.
Dann verließ er das Zimmer.
Es wurde schwül, als er gegangen war. »Kein Wunder,« sagten die
Offiziere zueinander, »das Herz schwillt ihm noch wegen des Verdachts,
aber das wird vorübergehen; wir müssen ihn anders behandeln, er hat
wahrhaft ritterlichen Mut. Der Hetman wußte, was er tat; es geschehen
Zeichen und Wunder.«
Herr Snitko triumphierte im stillen und konnte es schließlich nicht
mehr aushalten. Er trat an Herrn Sagloba heran, neigte sich zu ihm
herab, und sagte:
»Verzeiht, Herr, so ist jener Wolf doch kein Verräter?«
»Kein Verräter?« versetzte Sagloba, »gewiß ein Verräter, ein
tugendhafter Verräter, denn er verrät nicht uns, sondern die Horde ...
Verliert die Hoffnung nicht, Herr Snitko, ich will täglich beten für
unseren Verstand, vielleicht wird sich der heilige Geist erbarmen.«
Bärbchen freute sich sehr, als Herr Sagloba ihr den ganzen Vorgang
erzählte, denn sie hatte für Asya Wohlwollen und Mitleid.
»Michael und ich, wir müssen beide zur ersten gefährlichen Expedition
absichtlich mit ihm hinausziehen; auf diese Weise zeigen wir ihm unser
Vertrauen.«
Aber der kleine Ritter streichelte Bärbchens rosiges Gesicht und
erwiderte:
»O, du kleines Mäuschen, wir kennen dich! Nicht um Asya ist dir's zu
tun: du möchtest gern in die Steppe hinaus und dich am Kampf erfreuen.
Daraus wird nichts.«
Und er küßte sie ein über das anderemal auf den Mund.
»Die Mehrzahl ist maßgebend,« sagte Sagloba mit Würde.
Inzwischen saß Asya mit dem Lipkischen Boten in seinem Quartier; sie
sprachen leise. Sie saßen so nahe nebeneinander, daß ihre Stirnen sich
fast berührten. Eine Kerze von Schafstalg brannte auf dem Tische und
warf ihr gelbes Licht auf Asyas Gesicht, das trotz seiner Schönheit
geradezu schrecklich war, denn es malte sich in ihm Haß, Grausamkeit
und wilde Freude.
»Halim, höre,« flüsterte Asya.
»Effendi!« antwortete der Bote.
»Sage Krytschynski, daß er klug ist, denn im Briefe war nichts, was
mich hätte vernichten können. Sag' ihm, daß er klug ist, daß er nie
deutlicher schreibe! Sie werden mir jetzt noch mehr vertrauen -- alle
... der Hetman selbst, Bogusch, Myslischewski, das ganze Kommando
hier -- alle! Hörst du? -- Daß sie die Pest erwürge!«
»Ich höre, Effendi!«
»Aber erst muß ich nach Raschkow und dann hierher zurückkommen.«
»Effendi, der junge Nowowiejski wird dich erkennen.«
»Er wird mich nicht erkennen; er hat mich schon bei Kalnik gesehen,
bei Brazlaw, und hat mich nicht erkannt. Er sieht mich an, runzelt
die Brauen, aber erkennt mich nicht. Er war fünfzehn Jahre alt, als
er von Hause entfloh; achtmal hat der Winter seit jener Zeit die
Steppen mit Schnee bedeckt, ich habe mich verändert. Der Alte würde
mich erkennen, aber der Junge nicht ... Aus Raschkow geb' ich dir
Nachricht. Krytschynski soll bereit sein und sich in der Nähe halten;
mit den Perkulaben müßt Ihr im Einverständnis sein; in Jampol ist auch
eine Fahne von uns voraus. Dem Bogusch werde ich einreden, daß er beim
Hetman für mich eine Ordonnanz erwirke, damit es mir von dort aus
leichter sei, den Krytschynski herüberzubringen. Aber hierher muß ich
zurückkommen ... ich muß. Ich weiß nicht, was geschehen wird, wie es
sich machen wird ... Ein Feuer glüht in mir, in der Nacht flieht mich
der Schlaf ... Wäre sie nicht, ich wäre gestorben.«
»Gesegnet seien ihre Hände!«
Asyas Lippen begannen zu beben und sie flüsterten, zu dem Lipker
hingeneigt, wie in Fieberglut:
»Halim, gesegnet seien ihre Hände, gesegnet ihr Haupt, gesegnet der
Boden, auf den sie tritt. Hörst du, Halim, sage ihnen dort, daß ich
schon genesen bin -- durch sie ...«
[Illustration: Dekoration/Kapitelende]
[Illustration: Dekoration/Kapitelanfang]