In Chreptiow trafen Herr Michael und seine Frau über alles Erwarten
Gäste. Herr Bogusch war angekommen; er hatte beschlossen, auf einige
Monate hier seine Residenz aufzuschlagen, um durch Mellechowitsch
mit den tatarischen Rottenführern, die in den Dienst des Sultans
übergetreten waren, Verhandlungen zu führen. Herrn Bogusch hatte sich
der alte Herr Nowowiejski und seine Tochter Eva, endlich auch Frau
Boska angeschlossen, eine würdige Dame, ebenfalls mit einem noch sehr
jungen und sehr hübschen Töchterlein Sophie. Der Anblick der Frauen
in dem öden und wilden Chreptiow erfreute und verwunderte zugleich
die Soldaten; auch jene waren verwundert bei dem Anblick des Herrn
Kommandanten und der Frau Kommandantin. Den ersteren hatten sie
sich, aus seinem weitverbreiteten und gefürchteten Ruhme schließend,
als einen Riesen vorgestellt, die zweite als eine Riesin mit immer
gerunzelter Stirn und männlicher Stimme. Statt dessen sahen sie vor
sich einen kleinen Soldaten mit einem freundlichen, liebenswürdigen
Gesicht, und ein ebenfalls kleines, wie ein Püppchen rosiges Weibchen,
die in ihren breiten Pumphöschen und mit ihrem Säbelchen einem über
die Maßen schönen Knaben ähnlicher sah als einem Erwachsenen. Aber die
Wirtsleute empfingen ihre Gäste mit offenen Armen. Bärbchen küßte noch
vor der Vorstellung alle drei Frauen herzlich, und dann, als sie ihr
mitgeteilt hatten, wer sie seien und woher sie kamen, sagte sie:
»Ich möchte gern den Himmel für euch herabholen, ich freue mich sehr
über euer Kommen; ein Glück, daß mir kein Unfall auf dem Wege begegnet
ist, denn hier in unserer Wüste kommt das sehr leicht vor, aber gerade
heute haben wir die Horde bis auf den letzten Mann niedergemetzelt.«
Da sie aber bemerkte, daß Frau Boska sie mit immer wachsendem Erstaunen
ansah, schlug sie auf das Säbelchen und fügte hinzu:
»Auch ich bin in der Schlacht gewesen, gewiß, so ist's bei uns. Um
Gottes willen, gestattet mir, mich zu entfernen und Kleider anzulegen,
die meinem Geschlecht mehr geziemen, und die Hände ein wenig vom Blute
zu reinigen, denn wir kehren aus einer furchtbaren Schlacht zurück! Ja,
ja, wäre Asba nicht vernichtet, Ihr würdet vielleicht nicht heil nach
Chreptiow gelangt sein. Im Augenblick bin ich wieder hier, Michael wird
euch inzwischen zu Diensten sein!«
Bei diesen Worten verschwand sie durch die Tür, und der kleine Ritter,
welcher Herrn Bogusch und Herrn Nowowiejski schon begrüßt hatte,
näherte sich jetzt Frau Boska.
»Gott hat mir ein Weib gegeben,« sagte er, »das nicht nur im Hause eine
anmutige Genossin, sondern auch im Felde ein tapferer Gefährte zu sein
versteht, und jetzt biete ich der gnädigen Frau auf ihren Befehl meine
Dienste an.«
Und Frau Boska erwiderte:
»Möge sie Gott in allem segnen, wie er sie mit Schönheit gesegnet hat.
Ich bin die Frau des Anton Boski; nicht darum bin ich hergekommen, um
Eure Dienste zu verlangen, sondern um Euch auf den Knieen um Hilfe und
Rettung in meinem Unglück zu bitten. Sophiechen, kniee auch du vor
diesem Ritter nieder, denn wenn er nicht hilft, hilft niemand.«
Frau Boska stürzte sich auch wirklich in die Kniee, und Sophie folgte
ihrem Beispiel. Beide riefen tränenüberströmt:
»Rettet uns, Ritter, habt Mitleid mit Verwaisten!«
Eine Schar von Offizieren näherte sich neugierig, da sie die Weiber
knieen sahen, besonders aber, da sie der Anblick des hübschen Mädchens
anlockte. Der kleine Ritter aber war sehr verwirrt, hob Frau Boska in
die Höhe und ließ sie auf eine Bank nieder.
»O Gott,« sagte er, »was tut Ihr? Eher müßte ich vor Euch, der würdigen
Frau, knieen. So sprecht doch, wenn ich Euch Hilfe erweisen kann -- so
wahr ein Gott im Himmel ist, es soll geschehen!«
»Er wird es tun, auch ich will dazu beitragen, -- Sagloba sum. Das wird
der gnädigen Frau genügen!« rief der von den Tränen der Frauen gerührte
alte Krieger.
Da winkte Frau Boska Sophiechen, und diese brachte schnell aus ihrem
Mieder einen Brief hervor, den sie dem kleinen Ritter reichte.
Dieser blickte auf die Schrift hin und sagte:
»Vom Herrn Hetman!«
Da erbrach er das Siegel und begann zu lesen:
»Mein sehr lieber und teurer Wolodyjowski! Durch Herrn Bogusch habe
ich Dir von unterwegs meinen aufrichtigen Gruß und Instruktionen
geschickt, welche Dir Herr Bogusch persönlich ankündigen wird. Jetzt,
wo ich kaum nach den Mühsalen in Jaworowo Halt gemacht habe, bietet
sich gleich wieder eine zweite Sache dar; sie liegt mir gar sehr am
Herzen, und zwar um des Wohlwollens willen, das ich für die Soldaten
habe, denn vergäße ich ihrer, so würde Gott meiner vergessen. Herrn
Boski, einen Ritter von großem Ansehen und einen lieben Genossen, hat
die Horde bei Kamieniez vor einigen Jahren gefangen. Seiner Frau und
seiner Tochter habe ich in Jaworowo Zuflucht geboten, aber ihr Herz
weint, der einen dem Gatten, der anderen dem Vater nach. Ich habe
auch Herrn Piotrowitsch und Herrn Slotnizki, unseren Residenten in
der Krim, geschrieben, man solle dort Boski überall suchen lassen; es
heißt auch, man habe ihn gefunden, aber er werde verborgen gehalten,
er könne darum mit den anderen Gefangenen nicht herausgegeben werden
und frone gewiß bis zum heutigen Tage auf den Galeeren. Die Frauen
sind in Verzweiflung, und da sie die Hoffnung ganz verloren haben,
haben sie auch schon aufgehört, mich mit der Sache zu betrauen, aber
ich, der ich eben zurückgekehrt bin und die unüberwindliche Trauer
sehe, ich kann es nicht über mich gewinnen, den Mann ohne Hilfe zu
lassen. Du bist dort ganz nahe, und mit vielen Mirzen hast Du, wie
ich weiß, Bruderschaft geschlossen; ich schicke Dir also die Frauen,
versag' ihnen die Hilfe nicht. Piotrowitsch wird in kurzem reisen;
gib' ihm Briefe an Deine Bruderschafter. Ich kann weder an den Vezier
noch an den Khan schreiben, denn sie sind nicht meine Freunde, und
dann fürchte ich, sie könnten in Anbetracht meiner Briefe Boski für
eine außerordentlich hervorragende Persönlichkeit halten und ein gar
zu hohes Lösegeld fordern. Lege dem Piotrowitsch diese Angelegenheit
ans Herz, befiehl ihm, ohne Boski nicht zurückzukehren, und setze
alle Deine Bruderschafter in Bewegung. Wenn sie auch Heiden sind, den
geschworenen Eid halten sie, und vor Dir haben sie großen Respekt.
Handle im übrigen nach Gutdünken, fahre nach Raschkow, versprich drei
hervorragende Männer als Gegengabe, wenn nur Boski heimkehrt. Niemand
kennt all' die Mittel und Wege besser als Du, denn, wie ich höre, hast
Du schon Deine eigenen Verwandten ausgelöst. Gott wird Dich segnen,
und ich werde Dich noch mehr lieben, denn mein Herz wird aufhören
zu bluten. Von Deinem Chreptiow habe ich gehört, daß dort bereits
Ruhe herrsche, -- das habe ich erwartet. Auf Asba habe wohl acht. _De
publicis_ wird Dir Herr Bogusch alles mitteilen. Späht um Gottes willen
sorgfältig nach der Walachei aus, denn der große Einfall wird wohl
nicht ausbleiben. Indem ich Deinem Herzen und Deiner Sorgfalt Frau
Boska empfehle, zeichne ich mich usw.«
Frau Boska weinte beständig, während der Brief gelesen wurde, und
Sophie vergoß ebenfalls Tränen und erhob ihre blauen Augen zum Himmel.
Inzwischen war, ehe noch Herr Michael zu Ende gelesen hatte, Bärbchen
hereingestürzt. Sie hatte schon Frauenkleider angelegt, und da sie
Tränen in den Augen der Frauen sah, fragte sie sorgenvoll, was denn
geschehen. Michael las ihr noch einmal den Brief des Hetmans vor; sie
hörte aufmerksam zu und unterstützte sofort eifrig die Bitten des
Hetmans und der Frau Boska.
»Ein goldenes Herz hat der Herr Hetman!« rief sie, indem sie ihren Mann
umarmte, »aber auch wir werden kein schlechtes haben. Michael, Frau
Boska bleibt bei uns bis zur Rückkehr ihres Mannes, und du bringst ihn
in drei Monaten aus der Krim zurück, in drei oder zwei, nicht wahr?«
»Oder morgen, oder in einer Stunde,« sagte Michael, ihr nachahmend.
Hier wandte er sich an Frau Boska.
»Meine Gemahlin ist, wie Ihr seht, schnell entschlossen.«
»Daß sie Gott dafür segne!« sagte Frau Boska. »Sophie, küsse der Frau
Kommandantin die Hand.«
Aber die Frau Kommandantin dachte gar nicht daran, sich die Hände
küssen zu lassen, vielmehr umarmte sie Sophie noch einmal, denn sie
hatten sich schnell liebgewonnen.
»Zur Beratung, meine Herren,« rief sie, »zur Beratung, zur Beratung,
schnell!«
»Schnell, denn der Kopf glüht ihr!« sagte Sagloba.
Und Bärbchen schüttelte ihr blondes Haar.
»Nicht mein Kopf glüht, sondern diesen Frauen glüht das Herz vor Leid.«
»Niemand wird deinem edlen Wunsche entgegen sein,« sagte Wolodyjowski,
»wir müssen nur vorher genau die Mitteilungen der Frau Boska hören.«
»Sophie, erzähle du alles, wie es war, denn ich kann vor Tränen nicht,«
sagte die Matrone. Sophie senkte die Augen zu Boden, indem sie sie ganz
mit den Lidern verdeckte; dann errötete sie wie eine Kirsche und wußte
nicht, wie sie beginnen sollte. Sie war sehr verschämt, da sie in einer
so zahlreichen Versammlung das Wort nehmen sollte.
Aber Frau Wolodyjowski kam ihr zu Hilfe.
»Sophiechen, wann wurde Herr Boski in die Gefangenschaft geführt?«
»Fünf Jahre sind es her: im Jahre 1667,« antwortete Sophie mit ihrem
zarten Stimmchen, ohne ihre langen Wimpern zu erheben.
Und dann fuhr sie schon in einem Atem fort:
»Man hörte damals noch nichts von Einfällen, und Papas Fahne stand
bei Paniowze. Papa und Herr Bulajowski hatten die Aufsicht über die
Knechte, die auf den Wiesen die Herden hüteten. Da aber kamen die
Tataren auf dem walachischen Wege und umringten mein Väterchen und
Herrn Bulajowski. Herr Bulajowski aber ist schon vor zwei Jahren
zurückgekehrt, und Papa ist noch nicht wiedergekommen.«
Hier flossen zwei kleine Tränen über Sophiens Wangen, Herr Sagloba war
von dem Anblick sehr gerührt.
»Die arme, liebe Unschuld!« sagte er. »... Fürchte dich nicht, Kind,
Väterchen wird wiederkommen und wird noch auf deiner Hochzeit tanzen.«
»Und der Hetman hat an den Herrn Slotnizki durch Piotrowitsch
geschrieben?« fragte Herr Michael.
»Der Herr Hetman hat an den Herrn Schwertträger von Posen durch Herrn
Piotrowitsch Väterchens wegen geschrieben,« fuhr Sophie fort, »und der
Herr Schwertträger und Herr Piotrowitsch haben Väterchen bei dem Aga,
dem Murza-Bey, gefunden.«
»Beim Himmel, diesen Murza-Bey kenne ich! Mit seinem Bruder lebe ich in
Bruderschaft,« rief Wolodyjowski, »hat er Herrn Boski nicht herausgeben
wollen?«
»Es war ein Befehl vom Khan gekommen, Väterchen herauszugeben, aber
der grausame, entsetzliche Murza-Bey hat Väterchen versteckt, und
Herrn Piotrowitsch gesagt, daß er ihn schon vor langer Zeit nach Asien
verkauft habe. Aber die anderen Gefangenen sagten Herrn Piotrowitsch,
daß dies nicht wahr sei, und daß der Mirza[G] nur absichtlich so
spreche, um Väterchen noch länger zu quälen, denn er ist von allen
Tataren am grausamsten gegen die Gefangenen. Vielleicht war Väterchen
damals nicht in der Krim, denn Murza hat seine Galeere und braucht die
Leute zum Rudern. Aber verkauft war Väterchen nicht, das sagten alle:
Murza tötet lieber einen Gefangenen, als daß er ihn verkaufe.«
»Ja, das ist bekannt,« sagte Muschalski, »diesen Murza Aga-Bey kennt
man in der ganzen Krim; ... er ist sehr reich, dieser Tatarenhund, und
furchtbar gehässig gegen unser Volk, weil vier seiner Brüder im Kampfe
gegen uns gefallen sind.«
»Und ist niemand unter uns, der mit ihm Bruderschaft hält?« fragte
Wolodyjowski.
»Das ist sehr zweifelhaft,« antwortete man von allen Seiten.
»Erklärt mir doch, was das bedeutet, diese Bruderschaft!« fragte
Bärbchen.
»Siehst du,« sagte Sagloba, »wenn nach dem Kriege die Verhandlungen
eröffnet werden, dann besuchen sich die Herren gegenseitig und treten
miteinander in Verkehr. Dann kommt es vor, daß einer von den Genossen
Gefallen findet an einem Mirza, und der Mirza an ihm, und da schwören
sie sich Freundschaft bis in den Tod, und das nennt man Bruderschaft.
Je berühmter aber jemand ist, wie zum Beispiel Michael, ich oder
Herr Ruschtschyz, der jetzt in Raschkow das Kommando hat, desto
begehrter ist die Bruderschaft mit ihm; natürlich wird so einer nicht
Bruderschaft schließen mit jedem Hergelaufenen, sondern er wählt auch
unter den berühmtesten Mirzen. Die Sitte heischt dann, daß man Wasser
über die Säbel gießt und sich einander Freundschaft schwört; verstehst
du?«
»Und wenn es dann zum Kriege kommt?«
»In einem allgemeinen Kampfe dürfen sie sich schlagen; wenn sie aber
als Tirailleure aufeinanderstoßen, Mann gegen Mann, so begrüßen sie
sich und gehen in Frieden auseinander. Wenn einer in Gefangenschaft
gerät, muß sie ihm der andere erleichtern und im schlimmsten Falle
das Lösegeld für ihn bezahlen; ja, es ist schon vorgekommen, daß
zweie ihr Vermögen miteinander teilten. Wenn es sich um Freunde oder
Bekannte handelt, jemand aufzusuchen oder zu helfen, so gehen auch die
Bruderschafter zueinander, und die Gerechtigkeit gebietet anzuerkennen,
daß kein Volk solche Schwüre strenger einhält als die Tataren. Das
Ehrenwort ist bei ihnen heilig, und auf einen solchen Freund kann man
mit Sicherheit zählen.«
»Und hat Michael viele solcher?«
»Ich habe drei einflußreiche Mirzen,« antwortete Herr Michael; »einen
noch aus den Zeiten vor Lubnie; ich habe ihn einmal bei dem Fürsten
Jeremias losgebeten, Aga-Bey heißt er, und er würde, wenn es sich darum
handelte, sein Haupt für mich auf den Block legen. Die anderen beiden
sind auch zuverlässig.«
»Ei,« sagte Bärbchen, »ich möchte wohl mit dem Khan selber Bruderschaft
schließen und alle Gefangenen befreien!«
»Er würde wohl auch nicht abgeneigt sein,« sagte Sagloba. »Es fragt
sich nur, welche Belohnung er von dir verlangen würde.«
»Verzeiht, meine Herren,« sagte Wolodyjowski, »beraten wir, was
uns zu tun geziemt. Hört also: Ich habe Nachrichten aus Kamieniez,
daß spätestens in zwei Wochen Piotrowitsch mit zahlreichem Gefolge
hierherkommt; er zieht nach der Krim, um einige armenische Kaufleute
aus Kamieniez einzulösen, die bei der Einsetzung des neuen Khans
beraubt und in die Gefangenschaft geschleppt wurden; das ist auch
dem Seferowitsch, dem Bruder des Prätors, begegnet, alles sehr
hervorragende Männer; sie kargen nicht mit Geld, und Piotrowitsch geht
reichlich ausgestattet hin. Gefahren drohen ihm nicht; erstens ist der
Winter nahe, das ist keine günstige Zeit für die Banden, und dann zieht
Nawiragh, der Delegat des Patriarchen von Usmiadsin und zwei Anardraten
aus Jaffa, die Geleitsbriefe vom jungen Khan haben, heran. Ich will
also Piotrowitsch Briefe sowohl an die Residenten der Republik wie
an meine Bruderschafter geben; außerdem ist den Herren bekannt, daß
Ruschtschyz, der Kommandant von Raschkow, leibliche Verwandte in der
Horde hat, die als Kinder gefangen wurden und ganz und gar zu Würden
gelangt sind. Alle diese werden Himmel und Erde in Bewegung setzen,
vielleicht auch gar dem Murza ganz im stillen den Hals umdrehen. Ich
habe also Hoffnung, daß, wenn, was Gott geben möge, Herr Boski lebt,
ich ihn unzweifelhaft in einigen Monaten herausbekomme, wie mir dies
der Herr Hetman, und mein hier anwesender näherer Kommandant --, hier
verbeugte er sich vor seiner Gattin -- befehlen ...«
Der anwesende Kommandant sprang wieder hinzu und umarmte den kleinen
Ritter; Frau und Fräulein Boska falteten nur die Hände und dankten
Gott, daß er ihnen gewährt habe, zu so herzensguten Menschen zu
gelangen. Sie wurden auch beide viel heiterer.
»Wenn der alte Khan lebte,« sagte Herr Nienaschyniez, »dann ginge
alles noch leichter, denn er war uns sehr geneigt, und von dem jungen
sagt man das Gegenteil. Auch diese armenischen Kaufleute, die von
Herrn Zacharias Piotrowitsch heimgeholt werden sollen, sind schon
zur Regierungszeit des jungen Khan in Baktschissaraj selber gefangen
worden, und das soll, wie man sagt, auf des Khans Befehl geschehen
sein.«
»Der Junge wird sich ändern, wie sich der Alte geändert hat, der, ehe
er sich von unserer Redlichkeit überzeugte, der erbittertste Feind
des polnischen Namens war,« sagte Sagloba. »Ich weiß das am besten,
denn ich habe sieben Jahre bei ihm in der Gefangenschaft geschmachtet.
Mein Anblick wird euch Mut geben; -- sieben Jahre ... kein Spaß. Und
doch bin ich zurückgekommen, und habe so viele von diesen Hunden
zusammengehauen, daß ich für jeden Tag meiner Gefangenschaft mindestens
zweie in die Hölle geschickt habe, und für die Sonn- und Feiertage, weiß
Gott, ob nicht drei oder vier herauskommen, ha!«
»Sieben Jahre!« wiederholte Frau Boska mit einem Seufzer.
»Sterben soll ich, wenn ich einen Tag zuviel gesagt habe! Sieben Jahre
im Palast des Khans selber,« bekräftigte Sagloba, geheimnisvoll mit
den Augen zwinkernd. »Und Sie müssen wissen, daß der junge Khan mein
...« hier flüsterte er Frau Boska etwas ins Ohr. Plötzlich brach er
in ein lautes »Ha-ha-ha!« aus, schlug mit den Händen auf die Kniee,
und endlich klopfte er im Eifer auch Frau Boska aufs Knie und sagte:
»Fürwahr, schöne Zeiten, was? In der Jugend hieß, was auf dem Felde
war, Feind, und jeden Tag gab's einen neuen Streich, ha!«
Die würdige Matrone war ganz verwirrt und entfernte sich ein wenig
von dem lustigen Ritter; die jungen Frauen senkten die Augen, denn
sie vermuteten, daß die Streiche, von welchen Sagloba sprach, ihrer
angeborenen Bescheidenheit unangemessen seien, um so mehr, als die
Soldaten in ein schallendes Gelächter ausbrachen.
»Man wird bald zu Herrn Ruschtschyz schicken müssen,« sagte Bärbchen,
»damit Herr Piotrowitsch die Briefe in Raschkow schon vorfinde.«
Darauf versetzte Bogusch: »Eilt, meine Herrschaften, mit der ganzen
Angelegenheit, solang es noch Winter ist; denn erstens streifen um
diese Zeit keine Banden umher, und die Wege sind sicher; und dann, Gott
weiß, was im Frühling kommen kann!«
»Hat der Herr Hetman Nachrichten aus Stambul gehabt?« fragte
Wolodyjowski.
»Ja, und wir müssen über dieselben noch besonders sprechen. Das ist
gewiß, daß man auch mit jenen Hauptleuten schnell ein Ende machen muß.
Wann kommt Mellechowitsch zurück? -- denn von ihm hängt viel ab.«
»Er soll nur den Rest der Horden niederhauen und dann die Leichen
begraben. Er muß noch heute zurückkommen oder morgen früh. Ich habe
ihm befohlen, nur die Unsrigen zu begraben: die Leute Asbas kann
er allenfalls liegen lassen, denn der Winter steht bevor, und die
Pest haben wir nicht zu fürchten. Übrigens werden die Wölfe sie
fortschaffen.«
»Der Herr Hetman bittet,« sagte Bogusch, »dem Mellechowitsch hier in
seiner Arbeit kein Hindernis zu bereiten. So oft er nach Raschkow
reisen will, soll man ihn reisen lassen. Der Herr Hetman bittet auch,
ihm in allem zu vertrauen, weil er seiner Liebe zu uns sicher ist. Er
ist ein großer Krieger und kann viel Gutes wirken!«
»Mag er nach Raschkow reisen, und wohin er will,« antwortete der kleine
Ritter. »Seit dem Augenblick, da wir Asba vernichtet haben, ist er mir
gar nicht so sehr nötig. Größere Haufen werden sich jetzt nicht mehr
blicken lassen, ehe das erste Gras wächst.«
»So ganz vernichtet ist Asba?« fragte Nowowiejski.
»So vernichtet, daß ich nicht weiß, ob fünfundzwanzig Mann
davongekommen sind, und auch die werden wir einzeln einfangen, wenn sie
Mellechowitsch nicht schon gefangen hat.«
»Ich freue mich ungeheuer darüber,« antwortete Herr Nowowiejski, »denn
jetzt wird man gewiß ohne Gefahr nach Raschkow reisen können.«
Hier wandte er sich an Bärbchen:
»Wir können die Briefe an Herrn Ruschtschyz mitnehmen, von denen die
gnädige Frau gesprochen hat.«
»Wir danken,« versetzte Bärbchen, »hier gibt es immer Gelegenheit, denn
es werden Eilboten hingeschickt.«
»Alle Kommandos müssen beständig die Verbindung untereinander aufrecht
erhalten,« fügte Herr Michael erklärend hinzu. »Sie reisen also, bitte,
mit diesem schönen Fräulein nach Raschkow?«
»Sie ist ein gewöhnlicher Pudel, keine Schönheit, verehrter Herr,«
antwortete Nowowiejski, »und nach Raschkow gehen wir, weil dort mein
Tunichtgut von Sohn bei Herrn Ruschtschyz' Fahne dient. Zehn Jahre
sind's beinahe, daß er von Hause entflohen, und nur mit Briefen meine
väterliche Güte in Anspruch nahm.«
Wolodyjowski klatschte in die Hände.
»Ich habe es mir gleich gedacht, daß Ihr Nowowiejskis Vater seid, und
ich hätte gefragt, wenn mich nicht die Trauer der Frauen abgelenkt
hätte. Ich habe es gleich gedacht, denn auch Eure Züge ähneln sich. Ei,
seht doch, so ist er Euer Sohn!«
»So versicherte mir seine Mutter selig, und da sie ein tugendhaftes
Weib war, habe ich keine Veranlassung, daran zu zweifeln.«
»So freue ich mich doppelt über einen solchen Gast, bei Gott! Nur nennt
mir Euren Sohn nicht einen Tunichtgut, denn er ist ein trefflicher
Krieger und ein würdiger Ritter, der Euch alle Ehre macht, und nach
Herrn Ruschtschyz der beste Streifzügler in der ganzen Fahne; oder
solltet Ihr nicht wissen, daß er des Herrn Hetmans Augenstern ist?
Ganze Kommandos hat man ihm schon anvertraut, und aus jeder Funktion
ist er mit großem Ruhme hervorgegangen.«
Herr Nowowiejski errötete vor Freude.
»Mein Herr Hauptmann,« sagte er, »oft tadelt ein Vater sein Kind, nur
damit ein anderer seinen Worten widerspreche, und ich meine, man kann
das väterliche Herz nicht besser ergötzen, als wenn man dem Tadel
widerspricht. Ich habe schon von den löblichen Taten Adams gehört, aber
jetzt erst sind sie mir wahrhaft erfreulich, wo die Bestätigung seines
Rufes aus so berühmtem Munde kommt. Man sagt, er soll nicht bloß ein
tapferer Soldat sein, sondern auch ein ernster, was mich gar wunder
nimmt, denn er war immer ein Sausewind. Lust zum Kriege hatte der Junge
von Kindheit an; der beste Beweis ist, daß er als Knabe aus dem Hause
entlief. Ich muß gestehen, wenn ich ihn damals gefaßt hätte, würde ich
ihm ein schönes _pro memoria_ gegeben haben. Aber das werde ich jetzt
nicht dürfen, sonst geht er mir wieder auf zehn Jahre davon, und dem
alten Vater würde bange sein.«
»Daß er aber so viele Jahre hindurch nicht einmal einen Blick in das
Vaterhaus geworfen hat?«
»Ich hab's ihm verwehrt. Nun aber ist's genug, und ich gehe zuerst
zu ihm, weil er im Dienste doch nicht abkommen kann. Ich wollte die
verehrten Herrschaften, meine Gönner, um Gastfreundschaft für das
Mädchen bitten und allein nach Raschkow gehen; da Ihr aber sagt, daß
die Wege überall sicher sind, so nehme ich auch sie mit. Die Elster
möchte gern die Welt sehen, -- mag sie sich satt sehen.«
»Und die Menschen mögen sich an ihr satt sehen!« warf Sagloba ein.
»Das gäbe wenig zu sehen,« antwortete das Mädchen, dessen lebhafte
schwarze Augen und wie zum Kuß gewölbte Lippen eine andere Sprache
redeten.
»Ein gewöhnlicher Pudel, nichts anderes als ein Pudel,« sagte
Nowowiejski; »wenn sie einen Offizier sieht, so ist sie vom Bändel.
Darum wollte ich sie auch lieber mitnehmen, als zu Hause lassen,
besonders da das Mädchen im Hause nicht sicher ist. Sollte ich aber
ohne sie nach Raschkow reisen, so müssen die gnädige Frau sie an ein
Schnürchen binden lassen, sonst rückt sie wohl gar aus.«
»Gab man ihr einen Spinnrocken zum Spinnen -- sagte Sagloba -- so tanzte
sie mit ihm, wenn sie nichts Besseres hatte; aber Ihr seid ein lustiger
Herr. Bärbchen, ich möchte mit Herrn Nowowiejski anstoßen, denn auch
ich bin ein Freund von Kurzweil ...«
Noch ehe man das Abendbrot brachte, öffnete sich die Tür, und
Mellechowitsch trat ein. Nowowiejski hatte ihn nicht sogleich bemerkt,
denn er war mit Sagloba ins Gespräch gekommen; wohl aber war er Evchen
ins Auge gefallen, und ihre Wangen überflog eine Flammenröte. Dann
wurde sie plötzlich blaß.
»Herr Kommandant,« sagte Mellechowitsch zu Wolodyjowski, »zu Befehl,
die Leute sind gefangen worden.«
»Gut, wo sind sie?«
»Ich habe sie hängen lassen, wie Ihr befohlen.«
»Gut. Und sind deine Leute zurückgekehrt?«
»Ein Teil ist dort geblieben, die Leichen einzuscharren, der Rest ist
bei mir.«
In diesem Augenblick hob Nowowiejski den Kopf empor und ein
ungewöhnliches Staunen malte sich in seinen Zügen.
»Bei Gott, was sehe ich!« sagte er.
Dann erhob er sich, trat direkt auf Mellechowitsch zu und schrie:
»Asya! Was machst du hier, Schurke!«
Und er erhob die Hand, um den Lipker im Nacken zu fassen. Dieser aber
fuhr in demselben Augenblick zornig auf, wie wenn man eine Handvoll
Pulver in eine Flamme wirft, wurde leichenblaß, ergriff mit eiserner
Umklammerung Nowowiejskis Hand und sagte:
»Ich kenne Euch nicht, wer seid Ihr?«
Und er stieß ihn mit solcher Gewalt von sich, daß Nowowiejski mitten im
Zimmer hinstürzte.
Eine Zeitlang konnte dieser vor Wut keinen Ton von sich geben; er rang
nach Atem und schrie endlich:
»Herr Kommandant, das ist mein Leibeigener und ein Flüchtling -- in
meinem Hause von Kindheit an -- Schurke! Er lügt, er ist mein eigen --
Eva, wer ist das, sprich!«
»Asya,« sagte Eva, am ganzen Körper zitternd.
Mellechowitsch würdigte sie keines Blickes. Er heftete seine Augen
auf Herrn Nowowiejski, blähte seine Nasenflügel zornig, sah den alten
Edelmann mit unbeschreiblichem Hasse an und faßte mit der Hand nach dem
Griff seines Dolchmessers.
Von der lebhaften Bewegung seiner Nasenflügel wurde auch sein
Schnurrbart hin und her bewegt, und unter ihm traten die weißen
Eckzähne hervor, ganz wie bei einem wütenden Eber.
Die Offiziere standen im Kreis umher, Bärbchen war zwischen
Mellechowitsch und Nowowiejski gesprungen.
»Was bedeutet das?« fragte sie und runzelte die Brauen.
Ihr Anblick beruhigte die Gegner ein wenig.
»Herr Kommandant,« sagte Nowowiejski, »das heißt, daß dieser Mann, mit
Namen Asya, mir gehört und ein Flüchtling ist. Da ich in jungen Jahren
in der Ukraine diente, fand ich ihn halb tot in der Steppe und nahm ihn
an mich. Er ist ein Tatar; zwanzig Jahre habe ich ihn in meinem Hause
großgezogen, mit meinem Sohne habe ich ihn unterrichtet. Als mein Sohn
entfloh, half er mir in der Wirtschaft, bis er mit Evchen Liebeleien
begann. Als ich das merkte, ließ ich ihn peitschen; später lief er
davon. Wie nennt er sich hier?«
»Mellechowitsch.«
»So hat er sich einen Namen angeeignet. Asya heißt er, nicht anders. Er
sagt, er kenne mich nicht? Ich aber kenne ihn, und Eva kennt ihn auch.«
»Um des Himmels willen,« sagte Bärbchen. »Euer Sohn hat ihn doch so oft
gesehen, wie kam's, daß er ihn nicht erkannte?«
»Als mein Sohn aus dem Hause entfloh, waren sie beide fünfzehn Jahre
alt, und dieser hier hat noch sechs Jahre bei mir gesteckt. In dieser
Zeit hat er sich sehr verändert, ist gewachsen und hat einen Bart
bekommen. Aber Evchen hat ihn sofort erkannt. Ich bitt' Euch, werte
Herren, so schenkt doch eher einem Landsmann Glauben, als diesem
Abenteurer aus der Krim.«
»Herr Mellechowitsch ist des Hetmans Offizier,« sagte Bärbchen, »wir
haben kein Anrecht an ihn.«
»Gestattet, daß ich ihn ausfrage, _audiatur et altera pars_,« bemerkte
der kleine Ritter.
Herr Nowowiejski aber verfiel in rasende Wut.
»Herr Mellechowitsch! Ein schöner Herr -- mein Knecht, der sich einen
fremden Namen angemaßt hat! Morgen mache ich diesen »Herrn« zu meinem
Hundejungen, übermorgen lasse ich diesem Herrn die Peitsche geben, und
daran wird der Herr Hetman selber mich nicht hindern, denn ich bin ein
Edelmann und kenne meine Rechte.«
Wolodyjowski verzog den Mund und sagte in strengem Tone:
»Und ich bin nicht nur ein Edelmann, sondern auch Kommandant, und auch
ich kenne meine Rechte. Euren Leibeigenen könnt Ihr auf dem Wege des
Rechts zurückfordern, und Ihr könnt auf die Entscheidung des Hetmans
einwirken, -- aber hier befehle ich und kein anderer.«
Nowowiejski mäßigte sich bald; er bedachte, daß er nicht nur zu dem
Kommandanten, sondern auch zu dem Vorgesetzten seines eigenen Sohnes
und zu dem berühmtesten Ritter der Republik sprach.
»Herr Kommandant,« sagte er in milderem Tone, »ich werde ihn gegen
Euren Willen nicht nehmen; ich spreche nur mein Recht aus, und ich
bitte, daß mir Glauben geschenkt werde.«
»Mellechowitsch, was hast du dazu zu sagen?« fragte Wolodyjowski.
Der Tatar schlug die Augen zu Boden und schwieg.
»Denn daß du Asya heißest, das wissen wir alle,« fügte Herr Michael
hinzu.
»Wozu andere Beweise suchen?« sagte Nowowiejski; »wenn dies mein Knecht
ist, so hat er Fische von blauer Farbe auf der Brust eingezeichnet!«
Als Nienaschyniez das hörte, riß er Mund und Nase auf, griff sich an
den Kopf und rief:
»Asya, Tuhaj-Beys Sohn!«
Aller Augen richteten sich auf ihn; er zitterte am ganzen Leibe, als
öffneten sich seine Wunden wieder, und er schrie noch einmal:
»Das ist mein Kriegsgefangener, das ist Tuhaj-Beys Sohn, bei Gott, er
ist's!«
Und der junge Lipker warf stolz den Kopf zurück und ließ seinen
Schlangenblick über die Versammlung schweifen; dann riß er plötzlich
sein Wams auf der breiten Brust entzwei und sagte:
»Seht hier die Fische in blauer Farbe. -- Ich bin der Sohn des Tuhaj-Bey!«
Im ganzen Kreise blieb es stumm, einen so mächtigen Eindruck hatte
der Name des furchtbaren Kriegers gemacht. War er es doch, der in
Gemeinschaft mit dem fürchterlichen Chmielnizki die ganze Republik
aufgerüttelt hatte, er, der ein Meer polnischen Blutes vergossen, der
die Ukraine, Wolhynien, Podolien und die galizischen Lande mit den
Hufen seiner Pferde zertreten, Schlösser und Burgen vernichtet, Dörfer
in Brand gesteckt und Myriaden von Menschen in die Gefangenschaft
fortgeschleppt hatte. Und der Sohn dieses Mannes stand hier vor der
Versammlung in der Chreptiowschen Grenzwarte und sagte den Männern ins
Gesicht: ich trage die blauen Fische auf meiner Brust, ich bin Asya,
Fleisch vom Fleische Tuhaj-Beys! Aber so groß war bei den Leuten jener
Zeit die Achtung vor ausgezeichneter Abstammung, daß trotz der Scheu,
welche der Name des berühmten Murza in der Seele eines jeden Kriegers
hervorrufen mußte, Mellechowitsch in ihren Augen wuchs, als sei er mit
der ganzen Größe seines Vaters angetan.
Sie blickten ihn mit Erstaunen an, besonders die Frauen, für die alles
Geheimnisvolle den größten Reiz besitzt. Jener aber stand, als sei er
auch in seinen eigenen Augen durch das Bekenntnis gewachsen, stolz da,
er senkte den Kopf nicht und sagte endlich:
»Der Edelmann dort -- er zeigte mit dem Finger auf Nowowiejski --
sagt, ich sei sein eigen, und ich erwidere ihm: mein Vater stieg zu
Roß mit Hilfe der Rücken Besserer, als er ... Nun denn, er spricht die
Wahrheit, wenn er sagt, daß ich bei ihm war, denn ich war bei ihm, und
unter seiner Knute floß mir das Blut den Rücken herab, was ich ihm
nicht vergessen will, so wahr ich lebe! Mellechowitsch habe ich mich
genannt, um seiner Verfolgung zu entgehen, aber obgleich ich nach der
Krim entfliehen konnte, diene ich jetzt diesem Vaterland mit meinem
Blut und meinem Leben, und ich bin keines Herrn Diener als des Hetmans.
Mein Vater war mit Khanen Bruder und Vetter, und in der Krim harrten
meiner Reichtümer und Überfluß. Ich aber blieb hier in der Niedrigkeit,
denn ich liebe dieses Vaterland, und ich liebe den Hetman, und ich
liebe all die, die mir nicht Verachtung gezeigt haben.«
Bei diesen Worten verneigte er sich vor Wolodyjowski -- vor Bärbchen
so tief, daß er mit seinem Kopfe beinahe ihre Kniee berührte; sonst
blickte er niemand an, nahm seinen Degen unter den Arm und ging hinaus.
Noch eine Weile dauerte das Schweigen; Sagloba ergriff zuerst das Wort:
»Ha, wo ist Herr Snitko? Habe ich nicht gesagt, daß dieser Asya wie ein
Wolf dreinschaut, und daß er ein Wolfssohn ist?«
»Ein Löwensohn,« antwortete Wolodyjowski, »und wer weiß, ob er nicht
dem Vater nachgeartet ist!«
»Bei Gott, habt Ihr nicht bemerkt, wie ihm die Zähne leuchteten, ganz
wie dem alten Tuhaj, wenn er im Zorne war,« sagte Herr Muschalski,
»daran allein hätte ich ihn erkannt, denn ich habe auch den alten Tuhaj
oft gesehen.«
»Nicht so oft wie ich,« antwortete Sagloba.
»Jetzt begreife ich,« warf Bogusch ein, »warum er unter den Lipkern
und Tscheremissen solche Achtung genießt. Verehren sie doch Tuhajs
Namen wie den eines Heiligen. Beim lebendigen Gott, wenn dieser Mensch
wollte, er könnte sie alle bis auf den letzten Mann in den Dienst des
Sultans hinüberführen und uns furchtbare Niederlagen bereiten.«
»Das tut er nimmer,« versetzte Michael, »denn was er gesagt hat, daß
er dieses Vaterland und den Hetman liebe, ist Wahrheit, sonst würde er
nicht unter uns dienen, während ihm freisteht, nach der Krim zu gehen
und dort im Überfluß zu leben. Überfluß hat er wahrlich bei uns nicht
gehabt.«
»Das tut er nimmer!« wiederholte Bogusch, »denn wollte er es, so hätte
er's längst getan. Nichts hätte ihn hindern können.«
»Im Gegenteil,« fügte Nienaschyniez hinzu, »jetzt glaube ich, daß er
der Republik jene verräterischen Hauptleute wieder zurückgewinnt.«
»Herr Nowowiejski,« sagte plötzlich Sagloba, »wenn Ihr nur gewußt
hättet, daß er Tuhaj-Beys Sohn ist -- Ihr hättet vielleicht ... hättet
vielleicht sein ... was?«
»Ich hätte ihm statt dreihundert dreizehnhundert Knutenhiebe geben
lassen. Ein Donnerschlag treffe mich, wenn ich anders gehandelt hätte!
Meine Herren, es ist mir verwunderlich, daß er, Tuhaj-Beys Junge,
nicht in die Krim entlaufen ist. Ich meine, er hat das erst vor
kurzem erfahren, denn bei mir hat er nichts davon gewußt. Es ist mir
verwunderlich, sage ich; aber beim Himmel, traut ihm nicht, kenne ich
ihn doch länger als Ihr, und ich sage nur so viel: Der Teufel ist nicht
so ränkevoll, ein toller Hund ist nicht so wütig, der Wolf nicht so
bissig und grausam wie dieser Mensch. Er wird noch allen hier furchtbar
mitspielen.«
»Was sprecht Ihr,« sagte Muschalski; »wir haben ihn in der Schlacht
bei Kalnik, bei Human, bei Brazlaw und in hundert anderen Gefechten
erprobt.«
»Er wird nichts schuldig bleiben, er wird sich rächen.«
»Und wie hat er heut' Asbas Horden im Nacken gesessen -- was sprecht
Ihr!« --
Bärbchen glühte vor Erregung, so hatte sie der ganze Auftritt mit Asya
beschäftigt. Aber sie wollte, daß auch das Ende des Anfangs würdig sei,
sie schüttelte Eva und flüsterte ihr ins Ohr:
»Evchen, du hast ihn geliebt, gesteh' mir's, leugne nicht, du hast ihn
geliebt? He, liebst ihn noch, wie? Ich bin dessen gewiß, sei aufrichtig
gegen mich; wem wolltest du dich anvertrauen, wenn nicht mir, der Frau?
Fast königliches Blut rollt in seinen Adern, der Herr Hetman wird ihm
zehn Bürgerrechte für eins auswirken; Herr Nowowiejski wird nicht
widersprechen. Unzweifelhaft liebt auch Asya dich noch; ich weiß schon,
ich weiß, fürchte dich nicht, er hat Vertrauen zu mir, ich will ihn
sofort ins Gebet nehmen; er sagte mir ohne Drängen, du habest ihn sehr
geliebt, -- liebst du ihn noch?«
Evchen war wie betäubt. Als Asya ihr zum ersten Male seine Neigung
gestanden hatte, war sie fast noch ein Kind gewesen; dann hatte sie
ihn viele Jahre nicht gesehen und nicht mehr an ihn gedacht, es war
ihr nur die Erinnerung an einen heißblütigen Knaben geblieben, der
halb ein Spielgenosse ihres Bruders, halb ein Diener gewesen war.
Jetzt aber, da sie ihn wiederfand, stand ein Heldenjüngling vor ihr,
ein schöner, kühner Offizier, ein berühmter Streifzügler und zudem
der Sohn eines fremden, aber doch fürstlichen Geschlechts. So hatte
auch in ihrer Erinnerung der junge Asya ganz anders gelebt, und sein
Anblick hatte sie betäubt, zugleich aber bezaubert und berauscht. Die
Erinnerungen erwachten aus ihrem Schlummer; ihr Herz vermochte den
Heldenjüngling nicht in einem Augenblick zu lieben, aber sie fühlte in
einem Augenblick die süße Fähigkeit, zu lieben.
Da Bärbchen keine Antwort von ihr bekommen konnte, nahm sie Eva samt
Sophiechen in den Alkoven und begann von neuem in sie zu dringen:
»Evchen, sprich schnell, furchtbar schnell, liebst du ihn?«
Eva schlug Flammenröte ins Gesicht. Das Mädchen mit dem schwarzen Haar
und den schwarzen Augen hatte heißes Blut, und bei jeder Erwähnung der
Liebe schlugen seine Wellen in ihre Wangen.
»Evchen,« wiederholte Bärbchen zum zehntenmal, »liebst du ihn?«
»Ich weiß nicht,« antwortete Evchen nach einem Augenblick des Zögerns.
»Aber du sagst nicht nein, oho, so weiß ich's schon! Nun, sträube
dich nicht, ich habe Michael zuerst gesagt, daß ich ihn liebe -- und 's
tat mir gar nichts, es war gut! Ihr habt euch auch wohl früher sehr
geliebt? Ha, jetzt begreife ich, so ist er aus Sehnsucht nach dir
immer so düster wie ein Wolf, er ist ja beinahe eingegangen. Was war's
zwischen euch? Erzähle!«
»In der Laube hat er gesagt, daß er mich liebe,« flüsterte Eva.
»In der Laube! Ei, und dann?«
»Dann umfaßte er mich und küßte mich!« fuhr das Mädchen leiser fort.
»O dieser Mellechowitsch! Und du?«
»Ich fürchtete mich zu schreien.«
»Fürchtetest dich zu schreien! Sophiechen, hörst du? Wann ist denn eure
Liebe an den Tag gekommen?«
»Der Vater kam und versetzte ihm einen Schlag mit dem Beil; dann schlug
er mich, und ihn ließ er peitschen, daß er zwei Wochen krank lag.«
Hier brach Evchen in Tränen aus, zum Teil aus Schmerz, zum Teil aus
Verlegenheit. Bei ihrem Anblick feuchteten sich auch bald die Augen der
gefühlvollen Sophie; Bärbchen aber tröstete Eva.
»Alles wird gut enden, laß' mich nur machen! Michael muß ans Werk, und
Herrn Sagloba will ich schon zureden. Fürchte dich nicht, vor Herrn
Saglobas Witz hält nichts stand, du kennst ihn noch nicht. Weine nicht,
Evchen, es ist Zeit zum Nachtmahl.«
Mellechowitsch war zum Nachtmahl nicht erschienen; er saß in seinem
Zimmer und wärmte sich am Feuer bei Branntwein mit Met, den er dann
in einen kleineren Blechbecher goß und zu dem er Zwieback aß. Herr
Bogusch kam zu ihm noch in später Nacht, um mit ihm über Neuigkeiten zu
plaudern.
Der Tatar wies ihm sogleich einen Platz auf der schaffellbeschlagenen
Bank an, setzte ihm einen vollen Becher heißen Getränkes vor und fragte:
»Will Herr Nowowiejski noch immer mich zu seinem Knechte machen?«
»Davon ist gar nicht mehr die Rede,« versetzte der Truchseß von
Nowogrod; »eher noch hätte Nienaschyniez ein Anrecht an dich, aber
auch er denkt nicht daran, denn seine Schwester ist wohl schon längst
gestorben oder wünscht gar keine Veränderung ihres Schicksals.
Herr Nowowiejski wußte nicht, wer du warst, als er dich für die
Vertraulichkeiten mit seiner Tochter strafte, und geht jetzt wie
betäubt umher, denn wenn auch dein Vater unserem Lande viel Böses
getan hat, so war er doch ein berühmter Kriegsmann, und Geburt ist
Geburt. Bei Gott, niemand wird dir ein Haar krümmen, solange du diesem
Vaterlande treu dienst, um so mehr, als du überall Freunde hast.«
»Warum sollte ich ihm nicht treu dienen?« versetzte Asya, »mein Vater
war euer Feind, er war ein Heide -- ich aber bekenne Christum.«
»Das eben ist's, das ist's. Du kannst nicht mehr nach der Krim zurück,
du müßtest denn deinen Glauben aufgeben; da du damit auch dein
Seelenheil aufgäbest, so könnte dich kein irdisches Glück, keine Würde
dafür entschädigen. Eigentlich bist du sowohl Herrn Nienaschyniez wie
Herrn Nowowiejski Dankbarkeit schuldig, denn der eine hat dich unter
den Heiden aufgelesen, und der andere hat dich im wahren Glauben
erzogen.«
Darauf versetzte Asya: »Ich weiß, daß ich ihnen Dankbarkeit schulde,
und ich will mich bemühen, ihnen zu vergelten. Ihr habt recht, wenn Ihr
sagt, daß ich viele Wohltäter hier gefunden habe.«
»Du sprichst das so, als ob du es bitterböse meintest, zähle doch
selbst einmal diejenigen, die dir geneigt sind.«
»Der Hetman und Ihr in erster Reihe, das werde ich bis in den Tod
wiederholen; wer sonst noch, das weiß ich nicht ...«
»Der hiesige Kommandant! Glaubst du, er würde dich in irgend jemands
Hände ausliefern, auch wenn du nicht Tuhaj-Beys Sohn wärest? Und sie,
die Herrin! Ich habe doch gehört, was sie beim Nachtmahl von dir sagte
... bah, und noch vorher, als Nowowiejski dich erkannte, trat sie
alsbald für dich ein. Für sie tut Michael alles, und eine Schwester
kann ihren Bruder nicht mehr lieben als sie dich. Während der ganzen
Abendmahlzeit war dein Name beständig in ihrem Munde.«
Der junge Tatar senkte plötzlich den Kopf und blies in den Becher
seines heißen Getränks. Dabei nahm sein Gesicht, da er die bläulichen
Lippen aufblies, einen so tatarischen Ausdruck an, daß selbst Bogusch
sagte:
»Bei Gott, wie bist du doch in diesem Augenblick dem alten Tuhaj-Bey
ähnlich, das übersteigt alle Vorstellungen! Ich habe ihn doch sehr gut
gekannt, ich habe ihn oft gesehen am Hofe des Khans und im Felde, an
die zwanzigmal wohl war ich in seiner Residenz.«
»Segne Gott die Gerechten, und treffe die Pest die Verräter!«
antwortete Asya, »es lebe der Hetman!«
Bogusch stürzte seinen Becher hinunter und sagte:
»Er lebe! Wir sind zwar nur ein kleines Häuflein, die wir auf seiner
Seite stehen, aber echte Krieger. Mit Gottes Hilfe werden wir es mit
den Tagedieben, die nur raten und schwatzen können und den Hetman des
Verrats gegen den König beschuldigen, noch aufnehmen. Die Schurken!
Tag und Nacht bieten wir dem Feinde die Stirn, und sie sitzen an den
vollen Fleischtöpfen und machen mit ihren Löffeln Musik. Ja, das ist
ihre ganze Arbeit. Der Hetman schickt Boten über Boten aus, bittet
um Hilfe für Kamieniez, sagt wie Kassandra den Fall von Ilium und
Priamos Stamme voraus, und jene kümmern sich nicht darum und suchen und
forschen, wer irgend was gegen den König getan hat.«
»Wovon sprecht Ihr?«
»O, nichts, ich habe nur einen Vergleich unseres Kamieniez mit Troja
gemacht; aber du hast gewiß nie von Troja gehört. Wenn es nur erst
ruhiger wird, so wird der Herr Hetman dir das Bürgerrecht auswirken.
Mein Leben dafür! Es kommen Zeiten, in denen es an Gelegenheit nicht
fehlen wird. Wenn du nur willst, kannst du dich mit Ruhm bedecken.«
»Entweder bedecke ich mich mit Ruhm, oder die Erde bedeckt mich. Ihr
sollt von mir hören, so wahr ein Gott im Himmel ist!«
»Und jene dort? Was tut Krytschynski -- kehrt er zurück, kehrt er nicht
zurück? Was machen sie jetzt?«
»Sie stehen in den Lagern, die einen hier, die anderen dort; sie
können sich schwer miteinander verständigen, denn die Entfernungen
zwischen ihnen sind zu groß. Sie haben den Befehl, zum Frühling alle
nach Adrianopel aufzubrechen und soviel Lebensmittel als möglich
mitzunehmen.«
»Beim Himmel, das ist wichtig! Wenn in Adrianopel eine große
Heeresversammlung stattfindet, so ist der Krieg mit uns gewiß. Man muß
sogleich den Herrn Hetman davon benachrichtigen; auch er glaubt, daß
der Krieg bevorsteht, -- aber das wäre ein unfehlbares Anzeichen.«
»Halim hat mir gesagt, es heiße dort, der Sultan selbst wolle nach
Adrianopel kommen.«
»Nun Gott sei Dank, und hier bei uns ist kaum ein kleines Häuflein.
Unsere ganze Hoffnung ruht in dem Felsen von Kamieniez. Stellt
Krytschynski etwa neue Bedingungen?«
»Sie schreiben mehr Klagen aus, als sie Bedingungen stellen: allgemeine
Amnestie, Gewährung der Rechte und Privilegien des Adels, wie sie sie
in alten Zeiten hatten, Beibehaltung des Ranges für die Hauptleute -- das
ist's, was sie wollen. Da ihnen der Sultan aber schon mehr zuerkannt
hat, zögern sie.«
»Was sagst du, wie kann der Sultan ihnen mehr zuerkennen, als die
Republik! In der Türkei ist _absolutum dominium_, und alle Rechte
hängen einzig und allein von der Laune des Sultans ab. Hält auch der,
der jetzt lebt und regiert, alle Versprechungen, so bricht sie sein
Nachfolger, tritt sie mit Füßen, wenn er will. Bei uns aber ist ein
Privileg geheiligt, und wer dem Adel angehört, dem kann der König
selbst nichts nehmen.«
»Sie aber sagen, sie seien adlig gewesen, und doch habe man sie wie
die Dragoner behandelt. Und die Starosten haben ihnen oft genug
Dienstpflichten auferlegt, von denen nicht nur der Adel frei ist,
sondern sogar die Freisassen.
Wenn ihnen der Hetman verspricht ... Keiner von ihnen zweifelt an der
Großmut des Hetmans, und alle lieben ihn heimlich in ihrem Herzen; aber
sie denken so: den Hetman selber hat der Adel zum Verräter gemacht;
am königlichen Hofe haßt man ihn, die Konföderation droht ihm mit dem
Gericht, wie sollte er etwas erwirken können?«
Bogusch rieb sich den Kopf.
»Was also wird geschehen?«
»Sie wissen selbst nicht, was sie tun sollen ...«
»... Und bleiben beim Sultan.«
»Nein.«
»Hm, wer wird ihnen befehlen, zur Republik zurückzukehren?«
»Ich.«
» -- Wie?«
»Ich bin der Sohn des Tuhaj-Bey.«
»Lieber Asya,« sagte Bogusch nach einer Weile, »ich will nicht leugnen,
daß sie deine Herkunft und deinen Ruhm achten können, obwohl es unsere
Tataren sind, und Tuhaj-Bey unser Feind war; solche Dinge begreife
ich, denn auch unter uns gibt es Edelleute, die mit einem gewissen
Stolze erzählen, daß Chmiel von Adel war, und nicht von den Kosaken,
sondern von unserem Volk abstammte, von den Masuren ... Nun, er war
doch gewiß ein Schurke, wie es in der Hölle keinen größeren gibt, aber
da er ein berühmter Krieger war, so erkennen sie ihn gern an. So ist
die menschliche Natur. Daß aber deine Herkunft von Tuhaj-Bey dir ein
Recht geben sollte, allen Tataren zu befehlen, dafür sehe ich keinen
vernünftigen Grund.«
Asya schwieg eine Weile, dann stemmte er die Ellbogen gegen die
Schenkel und sagte:
»So will ich Euch sagen, Herr Truchseß, warum Krytschynski mir
gehorcht, und warum die anderen mir gehorchen. Nicht allein, daß sie
einfache, glückliche Tataren sind, und ich ein Fürst, es ist noch
anders: in mir wohnt Klugheit und Macht ... das wißt Ihr nicht, das
weiß auch der Herr Hetman nicht.«
»Welche Klugheit, welche Macht?«
»Das kann ich nicht sagen,« antwortete Asya in ruthenischer Mundart.
»Warum bin ich zu Dingen bereit, zu welchen kein anderer sich erkühnen
würde? Warum habe ich Pläne gefaßt, die kein anderer fassen würde?«
»Was sagst du, was für Pläne?«
»Wenn mir der Hetman den Willen ließe und das Recht dazu gäbe, ich
würde nicht nur die Hauptleute zurückführen, ich würde die Hälfte der
Horde in den Dienst des Hetmans stellen. Gibt es wenig wüsten Boden in
der Ukraine und in den wilden Feldern? Mag der Hetman nur verkündigen,
daß jeder Tatar, der in die Republik kommt, ein Edelmann wird, und daß
er in seinem Glauben nicht bedrückt werden, daß er unter seiner eigenen
Fahne dienen solle, daß sie alle ihren eigenen Hetman haben sollen, wie
ihn die Kosaken haben -- meinen Kopf gäbe ich dafür, daß in kürzester
Frist die ganze Ukraine von ihnen wimmeln wird. Die Lipker werden
kommen und die Tscheremissen, aus der Dobrudscha, aus Bialogrod, ebenso
aus der Krim werden sie kommen, ihre Herden werden sie hertreiben,
ihre Frauen und Kinder werden sie herfahren. Schüttelt nicht mit dem
Kopfe, sie werden kommen, wie sie in früheren Zeiten gekommen sind,
und der Republik jahrhundertelang treu gedient haben. In der Krim und
überall bedrücken sie der Khan und die Mirzen, und hier sollen sie
Edelleute werden und Schwerter tragen und unter ihrem eigenen Hetman
ins Feld rücken. Ich schwöre es Euch, daß sie kommen, denn dort sterben
sie Hungers. Und wenn es unter den Stämmen bekannt wird, daß ich im
Namen des Hetmans rufe, daß Tuhaj-Beys Sohn ruft, so werden Tausende
hierherkommen.«
Bogusch griff sich mit der Hand nach dem Kopfe.
»Bei den Wundern Gottes, Asya, wie kommen dir solche Gedanken? Was
würde das geben!«
»Es gäbe in der Ukraine ein Volk der Tataren, wie es ein Volk der
Kosaken gibt. Den Kosaken habt ihr Privilegien und einen Hetman
zugestanden, warum solltet ihr das für uns nicht zugestehen? Ihr
sagt, was das geben würde? Einen zweiten Chmielnizki würde es nicht
geben, denn wir würden den Kosaken den Fuß auf den Nacken setzen;
Bauernaufstände würde es nicht geben, Gemetzel und Verwüstungen auch
nicht -- Doroschenko würde nicht hier sein, denn wenn er es wagte, sich
zu erheben, wäre ich der erste, der ihn zu den Füßen des Hetmans
hinführt, damit er ihn peitsche. Und wollte die ganze Macht der Türken
gegen euch ziehen, wir würden den Sultan bekriegen, wollte der Khan
seine Scharen gegen euch loslassen, wir schlügen den Khan. Haben die
Lipker und Tscheremissen nicht in früheren Zeiten so getan, obwohl sie
den Glauben Mohammeds bekannten? Warum sollten wir anders handeln, wir,
die Tataren der Republik, wir Edelleute ... Und nun erwägt: Die Ukraine
wird Frieden haben, die Kosaken werden niedergehalten, gegen die Türken
habt ihr einen Schutz und etliche zehntausend Mann mehr -- das ist mein
Plan, das ist's, worüber ich brüte, das ist's, weshalb Krytschynski,
Adurowitsch, Morawski, Tworkowski mir folgen, das ist's, weshalb die
halbe Krim auf meinen Ruf diese Steppen überfluten wird.«
Bogusch war so erstaunt und so überwältigt von Asyas Worten, daß es ihm
war, als seien die Wände des Zimmers plötzlich auseinander gerückt, und
als hätten sich seinen Augen plötzlich neue Länder gezeigt. Lange Zeit
konnte er kein Wort sprechen; er starrte nur den jungen Tataren an,
der mit großen Schritten im Zimmer auf und nieder ging. Endlich sagte
dieser:
»Ohne mich könnte sich das nicht vollziehen, denn ich bin der Sohn des
Tuhaj-Bey. Vom Dniepr bis zur Donau gibt es keinen ruhmreicheren Namen
unter den Tataren.«
Dann fügte er nach einer Weile hinzu:
»Was gilt mir Krytschynski, Tworkowski und die anderen! Nicht um jene
ist es mir zu tun, nicht um einige tausend Lipker und Tscheremissen,
sondern um die ganze Republik. Es heißt, wenn der Frühling kommt,
steht ein großer Krieg mit der ganzen Macht des Sultans bevor; aber
lasset mich nahen, und ich will unter den Tataren ein Feuer entzünden,
daß der Sultan selbst sich die Hände verbrennen soll.«
»Bei Gott, wer bist du, Asya!« rief Bogusch aus.
Und er warf den Kopf zurück und sprach:
»Der zukünftige Hetman der Tataren.«
Der Glanz des Feuerscheins fiel in diesem Augenblick auf Asya und
beleuchtete sein furchtbares und zugleich schönes Gesicht. Und Bogusch
war's, als stände ein anderer Mensch vor ihm, eine solche Größe, ein
solcher Stolz umgab die Gestalt des jungen Tataren. Und Bogusch empfand
auch, daß Asya die Wahrheit spreche. Wenn der Hetman einen solchen
Aufruf erließ, unzweifelhaft würden alle Lipker und Tscheremissen
zurückkehren, und viele der wilden Tataren würden sie mit sich ziehen.
Der alte Edelmann kannte die Krim sehr gut, in der er zweimal als
Sklave und dann, vom Hetman ausgelöst, als Gesandter gewesen war;
er kannte den Hof von Baktschissaraj, er kannte die Horden, die vom
Don bis zur Dobrudscha saßen, er wußte, daß im Winter zahlreiche
Stämme Hungers starben, er wußte, daß den Mirzen der Despotismus und
die Habgier der Basken unerträglich geworden, daß es in der Krim
selber häufig zu Empörungen komme; darum begriff er sofort, daß der
fruchtreiche Boden und die Privilegien unzweifelhaft alle diejenigen
anziehen würden, welchen es in den alten Wohnsitzen schlecht erging,
welchen sie zu eng oder unsicher geworden waren.
Er begriff auch, daß sie um so schneller dem Rufe folgen würden, wenn
es Tuhaj-Beys Sohn war, der sie rief. Er allein konnte es vollbringen,
kein anderer; er konnte mit dem Ruhme seines Vaters die Stämme zur
Empörung bringen, die eine Hälfte der Krim gegen die andere unter die
Waffen rufen, die wilden Horden von Bialogrod aufrütteln und die ganze
Macht des Khans, ja selbst die des Sultans erschüttern.
Wenn der Hetman die Gelegenheit wahrnehmen wollte, so konnte er den
Sohn des Tuhaj-Bey als einen Mann betrachten, den ihm die Vorsehung
gesandt hatte.
Bogusch begann also Asya mit anderen Augen zu betrachten, und erstaunte
immer mehr, wie solche Gedanken in seinem Kopfe entstehen mochten.
Der Schweiß lief dem Ritter in Perlen über die Stirn, so ungeheuer
erschienen ihm Asyas Pläne. Und doch blieben ihm immer noch Zweifel in
der Seele. Darum sagte er nach einer Weile:
»Und weißt du auch, daß um solcher Dinge willen Krieg mit der Türkei
kommen müßte?«
»Der Krieg kommt auch so; warum ist den Horden befohlen, nach
Adrianopel zu ziehen? Nur dann gibt es keinen Krieg, wenn im Reiche des
Sultans selber Zwistigkeiten entstehen. Wenn es aber dazu kommt, ins
Feld zu rücken, so wird die Hälfte der Horde auf unserer Seite sein.«
Für alles hat der Schlaukopf ein Argument -- dachte Bogusch.
»Es wirbelt mir im Kopfe,« sagte er nach einer Weile; »siehst du, Asya,
in jedem Falle ist das kein leichtes Ding. Was würde der König sagen,
der Kanzler, die Stände, der ganze Adel, der zum größten Teil dem
Hetman unfreundlich gesinnt ist?«
»Ich brauche nur die Erlaubnis des Hetmans schriftlich, und wenn wir
erst hier sitzen, mögen sie uns dann herausdrängen, -- wer wird uns
herausdrängen, und auf welche Weise? Gern möchtet ihr die Saporoger aus
der Sitsch verjagen, aber ihr könnt es nicht.«
»Der Hetman wird die Verantwortlichkeit fürchten.«
»Hinter dem Hetman werden zehntausend tatarische Schwerter stehen,
außer dem Heere, das er jetzt befehligt.«
»Und die Kosaken? Die Kosaken vergißt du, diese werden sofort
Widerspruch erheben.«
»Dazu eben sind wir hier nötig, damit das Schwert über dem Haupte der
Kosaken hänge. Was gibt Dorosch die Kraft? Die Tataren. Die Tataren in
meiner Hand, und Dorosch muß vor dem Hetman die Kniee beugen.«
Bei diesen Worten streckte Asya die Hände von sich und breitete die
Finger wie Adlerkrallen aus; dann erfaßte er den Griff seines Schwertes.
»So werden wir den Kosaken ihre Rechte anweisen; zu Bauern sollen sie
werden, und wir werden die Ukraine beherrschen. Hört, Bogusch, Ihr
glaubt, ich sei ein kleiner Mensch, und ich sage Euch, ich bin nicht
so klein, wie Herr Nowowiejski, der hiesige Kommandant, die Offiziere
und Ihr, Herr Bogusch, glaubt. Seht, ich habe Tag und Nacht darüber
nachgedacht, daß ich hager wurde, daß mir die Wangen einfielen, daß
sie sich dunkler färbten; aber was ich ersonnen habe, habe ich klug
ersonnen, und darum habe ich Euch gesagt, daß Klugheit und Macht in mir
wohnen. Ihr seht selbst, daß es sich um große Dinge handelt; fahrt zum
Hetman, hurtig, stellt ihm vor, er soll es mir schriftlich geben, und
ich will mich um die Stände nicht kümmern. Der Hetman hat eine große
Seele, der Hetman wird wissen, daß dies Macht und Klugheit ist. Sagt
dem Hetman, daß ich Tuhaj-Beys Sohn bin, daß ich allein es machen kann;
stellt es ihm vor, fordert seine Zustimmung, aber um Gottes willen,
solange es Zeit ist, solange der Schnee in der Steppe liegt, ehe der
Frühling kommt, denn mit dem Frühling kommt der Krieg. Eilt sofort hin
und kehrt sofort zurück, damit ich bald wisse, was mir zu tun bleibt.«
Bogusch bemerkte kaum, daß Asya in befehlendem Tone sprach, als sei er
schon Hetman, und als gebe er seinem Offizier Weisungen.
»Morgen will ich ruhen,« sagte er, »und übermorgen gehe ich fort.
Gebe Gott, daß ich den Hetman in Jaworowo finde. Er ist schnell im
Entschluß, und du sollst bald Antwort haben.«
»Glaubt Ihr, daß der Hetman zustimmen wird?«
»Vielleicht befiehlt er dir, zu ihm zu kommen; verlasse deshalb
Raschkow nicht, von hier kommst du schneller nach Jaworowo. Ob er
zustimmt? Ich weiß es nicht, aber er wird die Sache reiflich erwägen,
denn du führst gewichtige Gründe an. Bei dem lebendigen Gott, das
hätte ich nicht von dir erwartet; aber jetzt sehe ich, daß du kein
gewöhnlicher Mensch bist, und daß dich Gott zu großen Dingen bestimmt
hat. Nun, nun -- Asya, Asya, Statthalter in der Lipkischen Fahne, nicht
mehr, und solche Dinge im Kopfe, daß man hier erschrecken muß! Jetzt
würde ich mich nicht mehr wundern, wenn ich die Reiherfeder auf deinem
Kalpak und den Roßschweif über dir sehen würde; auch das glaube ich,
was du sagst, daß dir diese Gedanken deine Nachtruhe aufgezehrt ...
Gleich übermorgen gehe ich fort, ich will nur ein wenig ruhen, und
jetzt will ich gehen, denn es ist spät und es geht mir wie ein Mühlrad
im Kopfe herum. -- Lebe wohl, Asya ... In den Schläfen pocht's mir, als
wäre ich berauscht ... Behüte dich Gott, Asya, Sohn des Tuhaj-Bey!«
Hier drückte Bogusch die hagere Hand des Tataren und wandte sich zur
Tür. Aber noch an der Schwelle blieb er stehen und sagte:
»Wie war's ... neue Heere für die Republik ... ein Schwert über dem
Haupte der Kosaken ... Dorosch gedemütigt ... Zwist in der Krim ...
die Macht der Türken geschwächt ... keine Überflutung der reußischen
Lande mehr -- -- bei Gott!«
Mit diesen Worten ging er hinaus, Asya blickte ihm noch eine Weile
nach, dann sprach er leise:
»Und für mich der Roßschweif, das Szepter und ... willig oder mit
Gewalt -- sie! -- -- sonst wehe euch!«
Dann trank er den Rest seines Branntweins und warf sich auf die mit
Fellen bedeckte Pritsche, die im Winkel des Zimmers stand. Das Feuer
im Kamin war erloschen, aber durch die Fenster fielen die hellen
Strahlen des Mondes, der hoch am klaren Winterhimmel stand. Asya lag
eine Zeitlang ruhig, aber er konnte nicht einschlafen. Endlich erhob er
sich, trat ans Fenster und betrachtete den Mond, der wie ein einsamer
Nachen durch die unermeßliche Einsamkeit des Himmels dahinglitt.
Der junge Tatar blickte lange hinaus; endlich drückte er die Fäuste
über seine Brust zusammen, hob beide Daumen in die Höhe, und aus seinem
Munde, der vor kaum einer Stunde sich zu Christo bekannt hatte, kam
halb singend, halb sprechend ein melancholischer Ton: Allah il Allah,
Allah il Allah -- Mohammed Rossulah! ...
[Illustration: Dekoration/Kapitelende]
[Illustration: Dekoration/Kapitelanfang]