8. Kapitel.

Nach dieser Unterredung mit Sagloba war Ketling noch bei Frau

Makowiezka. Er kündigte ihr an, daß er wichtiger Angelegenheiten wegen

in der Stadt bleiben, vielleicht gar auch vor der großen Reise auf

einige Wochen nach Kurland gehen müsse, daß er daher die Frau Truchseß

nicht mehr persönlich in seinem Landhäuschen würde bewirten können. Er

bat sie indes inständig, sie möchte das Häuschen wie bisher als ihre

Residenz ansehen und mit ihrem Gatten und Herrn Michael während der

Zeit der nahe bevorstehenden Wahl wohnen bleiben.

Frau Makowiezka war damit einverstanden, da im entgegengesetzten Falle

das Häuschen leer gestanden und niemand Nutzen gebracht hätte. Ketling

ging und ließ sich weder im Gasthaus noch späterhin in der Umgegend von

Mokotow mehr sehen, denn Frau Makowiezka und die jungen Mädchen waren

aufs Land zurückgekehrt. Aber nur Christine empfand seine Abwesenheit.

Denn Sagloba war ganz und gar von der bevorstehenden Wahl in Anspruch

genommen. Bärbchen und die Frau Truchseß nahmen sich den plötzlichen

Entschluß Christinens so zu Herzen, daß sie an nichts anderes denken

konnten.

Frau Makowiezka versuchte nicht einmal, Christine von diesem Schritte

abzureden, und zweifelte auch, ob ihr Mann abreden würde, denn in

jener Zeit hielt man einen Widerspruch gegen ein solches Vornehmen

für eine Beleidigung und Kränkung Gottes. Nur Sagloba hätte bei aller

seiner Frömmigkeit den Mut gehabt, Einspruch zu erheben, wenn ihm ein

wenig daran gelegen hätte. Da ihm aber gar nichts daran lag, verhielt

er sich still; ja, er war's sogar in der Seele zufrieden, daß die Dinge

sich so schickten, und daß Christine zwischen Wolodyjowski und dem

kleinen Heiducken sozusagen Raum schaffte. Nun war Sagloba überzeugt

von der glücklichen Erfüllung aller seiner geheimsten Wünsche und gab

sich gänzlich den Wahlarbeiten hin; er bereiste den Adel, der in die

Hauptstadt gekommen war, oder brachte seine Zeit in Unterredungen mit

dem Priester Olschowski zu, den er schließlich sehr lieb gewonnen und

dessen vertrauter Genosse er geworden war.

Nach einer jeden solchen Unterredung kehrte er als ein eifriger

Parteigänger des »Piasten« und als ein immer heftigerer Feind der

Ausländer zurück. Der Weisung des Unterkanzlers gemäß verhielt er sich

noch ganz still; aber es verging kein Tag, ohne daß er einen für diese

noch geheim gehaltene Kandidatur gewonnen hätte -- und es geschah, was

gewöhnlich in solchen Fällen zu geschehen pflegt: er selbst begeisterte

sich so sehr für die Sache, daß diese Kandidatur neben der Verbindung

Bärbchens mit Wolodyjowski sein zweites Lebensziel wurde.

Unterdessen kam der Wahltag immer näher.

Schon löste der Frühling das Eis der Gewässer; schon begannen wärmere

Winde zu wehen, unter deren Atem die Bäume sich mit Knöspchen bedeckten

und Ketten von Schwalben nach dem Aberglauben des Volkes sich

auseinanderlösten, um jeden Augenblick aus der kalten Flut an das helle

Licht des Tages hinaufzusteigen. Und mit den Schwalben und den anderen

Wandervögeln begannen auch die Gäste zur Wahl einzutreffen.

Erst die Kaufleute, für die es reichliche Ernte gab, wo über eine halbe

Million Volks zusammenkommen sollte; Herren, ihr Gefolge, Adel, Diener,

Soldaten. Es kamen Engländer, Holländer, Deutsche, Russen, es kamen

Tataren, Griechen, Armenier, auch Perser und brachten Tuch, Leinewand,

Damast und Brokate, Felle, Kleinodien, Südfrüchte und duftende Gewürze.

An den Straßen und außerhalb der Stadt wurden Buden erbaut, in denen

allerlei Waren aufgestapelt waren. Einzelne »Bazare« wurden sogar in

den Dörfern bei der Stadt errichtet, denn man wußte, daß die Gasthäuser

der Residenz nicht den zehnten Teil der Wähler aufzunehmen vermöchten,

und daß eine große Anzahl von ihnen sich außerhalb der Mauern lagern

würde, wie das übrigens stets zur Zeit der Wahl geschah.

Endlich begann auch der Adel in so großen Scharen herbeizuströmen, daß,

wenn er ebenso zahlreich die bedrohten Grenzen der Republik besetzt

hätte, der Fuß eines Feindes sie nie hätte überschreiten können.

Von Mund zu Munde ging es, daß die Wahl eine stürmische sein werde,

denn das ganze Land war in drei Hauptparteien getrennt: für Condé, den

Fürsten von Neuburg, und den Lothringer. Es hieß, jede der Parteien

würde selbst mit Gewalt ihren Kandidaten durchzubringen suchen.

Ein Sturm hatte die Gemüter ergriffen; die Seelen glühten von

Parteiwut. Die einen sagten einen Bürgerkrieg voraus, und diese

Gerüchte fanden Glauben durch die riesigen bewaffneten Gefolge,

mit denen sich die Magnaten umgeben hatten. Auch sie kamen früh

herangezogen, um noch Zeit zu allerlei Machenschaften zu haben. Wenn

die Republik in Gefahr war, wenn der Feind ihr das Messer an die

Kehle setzte, konnte der König, konnten die Hetmane nicht mehr als

eine Handvoll Soldaten gegen sie führen. Jetzt kamen die Radziwills

allein trotz Gesetz und Beschlüssen mit einer Armee von etlichen

hundert Kriegern herangezogen; die Patz' brachten beinahe eine gleiche

Zahl mit, die mächtigen Potozkis kaum eine geringere, und mit nicht

viel weniger erschienen auch die anderen »Kleinkönige« aus Polen,

Litauen und Preußen. Wohin steuerst du, schwankes Schifflein meines

Vaterlandes? -- wiederholte der Priester Olschowski immer häufiger, und

doch hatte er selbst seine eigenen Interessen im Herzen. An sich und

an die Macht der eigenen Häuser nur dachten die bis ins innerste Mark

verderbten Magnaten, die jeden Augenblick bereit waren, den Sturm des

Bürgerkrieges anzufachen.

Die Scharen des Adels wuchsen mit jedem Tage, und man konnte jetzt

schon erkennen, daß er, wenn nach dem Reichstag die Wahl selbst

beginnen würde, auch die größte Macht der Magnaten übertreffen müsse.

Aber auch diese Scharen waren nicht fähig, das schwanke Schiff der

Republik glücklich in ruhige Strömungen zu lenken, denn ihre Geister

waren in Dunkelheit und Nacht gehüllt, und ihre Herzen meist verderbt.

So drohte die Wahl unberechenbar zu werden, und niemand konnte ahnen,

daß sie auch nur ein elendes Resultat geben würde, denn außer Sagloba

hatten nur wenige, auch die nicht etwa für den Piast arbeiteten, die

Hoffnung, einen Kandidaten wie den Fürsten Michael durchzusetzen, denn

wer konnte wissen, wieviel die Urteilslosigkeit des Adels und die

Machenschaften der Magnaten vermöchten. Sagloba aber schwamm in diesem

Meer wie ein Fisch. In dem Augenblick, an dem der Reichstag begann,

nahm er dauernd seine Wohnung in der Stadt und besuchte Ketlings Haus

nur so oft, als ihm nach seinem kleinen Heiducken bange ward. Da aber

auch Bärbchen infolge von Christinens Entschlusse von ihrer Heiterkeit

viel verloren hatte, nahm Sagloba sie von Zeit zu Zeit mit sich in die

Stadt, damit sie sich zerstreue, und ihr Auge an dem Anblick der Bazare

weide.

Am Morgen pflegte sie in die Stadt zu fahren, und am späten Abend

brachte dann Sagloba das Fräulein wieder heim. Unterwegs und in

der Stadt erfreute sich das Herz des Mädchens an dem Anblick der

unbekannten Menschen und Dinge, der vielfarbigen Scharen der stolzen

Heere. Dann glänzten ihre Augen wie zwei glühende Kohlen, ihr Köpfchen

wandte sich lebhaft nach allen Seiten, sie konnte nicht genug sehen,

nicht genug bewundern und überschüttete Sagloba mit tausend Fragen.

Er antwortete mit Freuden, denn er konnte dadurch seine Erfahrung

und seine Gelehrsamkeit beweisen. Oft auch umgab eine artige Schar

von Soldaten das Wäglein, in dem sie fuhren; die Ritter bewunderten

Bärbchens Schönheit, ihren schlagenden Witz und ihre Entschlossenheit,

und Sagloba erzählte ihnen dazu immer noch die Geschichte vom Tataren,

den sie mit Entenschrot erschossen, um die Leute vollends in Erstaunen

und Entzücken zu versetzen. Eines Abends waren sie wieder sehr spät

zurückgekehrt, denn sie hatten den ganzen Tag Felix Potozkis Scharen

besichtigt. Die Nacht war hell und warm, über den Wiesen hingen weiße

Nebel. Sagloba, obwohl er immer ermahnt hatte, bei einem so großen

Zusammenfluß von Bediensteten und Soldaten fleißig acht zu haben, um

nicht auf Gesindel zu stoßen, war tief eingeschlafen; auch der Kutscher

schlummerte, und nur Bärbchen war wach, denn durch ihren Kopf zogen

Tausende von Bildern und Gedanken.

Plötzlich drang Pferdegetrappel an ihr Ohr.

Sie zog Sagloba am Ärmel und sagte.

»Wir sind von Räubern verfolgt!«

»Was -- wie -- wer?« fragte Sagloba schläfrig.

»Wir sind von Räubern verfolgt!«

Da erwachte Sagloba.

»O, gleich verfolgt! -- Ich höre Hufschlag; vielleicht reitet jemand

denselben Weg.«

»Ich bin überzeugt, es sind Räuber.«

Bärbchen war darum davon überzeugt, weil sie sich in innerster Seele

Abenteuer, Räuber und Gelegenheit, ihren Mut zu zeigen, wünschte,

und als Sagloba schnarchend und brummend anfing, unter dem Sitz die

Pistolen hervorzuziehen, die er »zufällig« immer mit sich führte,

drängte sie ihn bald, ihr eine zu geben.

»Ich werde schon den ersten, der herkommt, treffen. Die Tante schießt

ausgezeichnet mit dem Pistol, aber sie sieht in der Nacht nichts. Ich

möchte schwören, es sind Räuber; -- o gebe Gott, daß sie uns angriffen!

Gib mir schnell das Pistol!«

»Gut,« antwortete Sagloba, »aber versprich mir, daß du nicht vor mir

schießest und nicht, ehe ich ›Feuer‹ sage. Wenn man dir eine Waffe in

die Hand gibt -- du hättest nicht übel Lust, den ersten besten Edelmann

niederzuschießen, ohne vorher ›wer da‹ zu rufen, und dann gibt's

Händel.«

»So werde ich erst fragen: ›wer da?‹«

»Und wenn dann Trunkenbolde vorbeikommen und die Frauenstimme erkennen

und etwas Unartiges zur Antwort geben?«

»Dann schieße ich los; -- schön!«

»Na, da nehme man sich solch einen Heißsporn in die Stadt mit! -- Ich

sage dir, du sollst nicht ohne Kommando schießen!«

»Ich werde also fragen: »wer da?«, aber mit so tiefer Stimme, daß sie

mich nicht erkennen werden.«

»Na, sei's denn so! Ha, ich höre sie schon in der Nähe, -- sei

überzeugt, das sind gute Leute, denn Strolche wären plötzlich aus dem

Graben aufgetaucht.«

Da aber wirklich viel Gesindel auf allen Wegen herumlungerte, und man

viel von Unglücksfällen hörte, befahl Sagloba dem fahrenden Knecht,

nicht unter den Bäumen zu halten, die am Kreuzweg standen, sondern an

einem hell erleuchteten Orte.

Inzwischen waren die Reiter auf etliche zehn Schritt herangekommen, -- da

fragte Bärbchen in einem Baß, der ihr selbst eines Dragoners würdig

erschien, und in drohendem Tone:

»Wer da?«

»Was steht ihr mitten im Wege?« gab einer der Ritter zur Antwort, dem

offenbar der Gedanke gekommen war, daß die Reisenden Unglück gehabt

haben müßten mit dem Gespann oder mit dem Wagen.

Aber bei diesem Ton ließ Bärbchen sofort das Pistol sinken und sprach

hastig zu Sagloba:

»Wahrhaftig, das ist Onkelchen ... Bei Gott!«

»Was für ein Onkelchen?«

»Makowiezki.«

»He da!« schrie jetzt Sagloba, »ist das nicht Herr Makowiezki mit

unserem Wolodyjowski?«

»Herr Sagloba?« versetzte der kleine Ritter.

»Michael!«

Da begann Sagloba in großer Eile seine Füße über die Lehne des Wagens

zu strecken, aber ehe es ihm gelang, mit einem hinüberzukommen, war

Wolodyjowski schon vom Pferde gesprungen und stand an dem Korbwagen;

da er im Mondlicht Bärbchen erkannte, ergriff er ihre beiden Hände und

rief:

»Ich heiße Sie von ganzem Herzen willkommen! Wo ist Fräulein Christine,

die Schwester? Sind alle gesund?«

»Gott sei Dank, alle sind gesund! -- Daß Ihr endlich gekommen seid!«

antwortete Bärbchen mit pochendem Herzen, »der Onkel auch? -- Onkelchen!«

Sie umarmte Herrn Makowiezki, der gerade an den Wagen herangekommen

war, und Sagloba hatte inzwischen Wolodyjowski seine Arme geöffnet.

Nach langen Begrüßungen erfolgte die gegenseitige Vorstellung des Herrn

Truchseß und Saglobas; dann stiegen die beiden Ankömmlinge, nachdem sie

den Knechten ihre Pferde übergeben hatten, in den Korbwagen; Makowiezki

und Sagloba nahmen die Rücksitze ein, Bärbchen und Wolodyjowski fanden

vorne Platz.

Nun folgten Fragen und kurze Antworten, wie das gewöhnlich zu sein

pflegt, wenn sich Menschen nach langer Trennung wieder begegnen.

Makowiezki fragte nach seiner Frau, Wolodyjowski erkundigte sich noch

einmal nach Christinens Wohl; dann verwunderte er sich über Ketlings

Abreise, aber er hatte keine Zeit, darüber nachzudenken, denn er mußte

bald Rede stehen über das, was er selbst an der Grenzstation gemacht

habe, wie er die Scharen der Horden überlistet, wie bange ihm war und

wie doch so erfrischend, das alte Leben wieder zu genießen.

»Seht,« sagte er, »mir war's, als wären die alten Tage wiedergekehrt,

da ich noch mit Kuschel, mit Skrzetuski und Wierschul zusammen auszog.

Erst wenn am Morgen der Eimer zum Waschen gebracht wurde, und ich die

grauen Haare an meinen Schläfen in ihm sah, da erst trat es mir nahe,

daß ich nicht mehr derselbe wie früher bin, obwohl ich wiederum dachte,

solange der Jugendmut derselbe ist, ist auch der Mensch derselbe.«

»Und damit hast du ins Schwarze getroffen,« antwortete Sagloba. »Ich

sehe, dort im frischen Grase hast du deinen Witz aufgefüttert, denn

früher war er gar nicht so leicht beschwingt. Jugendmut, das ist die

Hauptsache, -- es gibt kein besseres Mittel gegen die Melancholie!«

»Was wahr ist, ist wahr,« fügte Herr Makowiezki hinzu »dort in Michaels

Standquartier gibt es eine Menge Brunnenkräne, denn Quellwasser gibt

es in der Nähe nicht. Und da sage ich Ihnen, wenn bei Tagesanbruch die

Soldaten mit diesen Kränen zu knarren anfangen, erwacht der Mensch mit

solcher Jugendfrische, daß man dem lieben Herrgott schon dafür danken

möchte, daß man lebt.«

»Ach, wenn ich doch nur einen Tag dort sein könnte!« rief Bärbchen.

»Ein Mittel gibt's dafür,« antwortete Sagloba, -- »heirate einen

Hauptmann aus Michaels Fahne.«

»Herr Nowowiejski muß früher oder später Hauptmann werden,« warf der

kleine Ritter ein.

»Schon gut!« rief Bärbchen zornig, »ich habe Euch nicht gebeten, mir

statt eines Willkommens Herrn Nowowiejski mitzubringen.«

»Ich habe auch etwas anderes mitgebracht: prächtige Südfrüchte.

Fräulein Bärbchen werden sie süß schmecken, und dem armen Jungen ist

bitter.«

»So hätte man ihm etwas von den Süßigkeiten abgeben sollen, damit er

sie verzehre, solange ihm der Bart noch nicht gewachsen ist.«

»Stellt Euch vor,« sagte Sagloba zu Makowiezki, »daß die beiden immer

so miteinander sprechen; ein Glück, daß das Sprichwort sagt: Was sich

liebt, das neckt sich.«

Bärbchen erwiderte nichts; Michael aber blickte ihr kleines, von einem

hellen Lichtschimmer erleuchtetes Gesichtchen an, als erwarte er eine

Antwort. Und sie erschien ihm so hübsch, daß er unwillkürlich bei sich

dachte:

»Verteufelt hübsch! Man könnte sich leicht vergucken.«

Aber offenbar kam ihm sofort ein anderer Gedanke, denn er wandte sich

an den Kutscher:

»Laß die Pferde ein wenig die Peitsche fühlen und fahre zu!«

Das Wägelchen fuhr nach diesen Worten in schnellem Laufe dahin, so

schnell, daß die Insassen eine Zeitlang schweigsam dasaßen, und erst,

als sie wieder auf den Sand kamen, begann Wolodyjowski von neuem:

»Diese Abreise Ketlings will mir nicht aus dem Kopfe! Mußte er gerade

abreisen, wenn ich ankomme, und wenn die Wahl beginnt ...«

»Die Engländer kümmern sich ebensoviel um unsere Wahlen wie um deine

Ankunft,« versetzte Sagloba. »Ketling selbst ist kopflos darüber, daß

er abreisen muß und uns verlassen ...«

Bärbchen lag schon das Wort auf der Zunge: Besonders Christine! -- aber

plötzlich kam es über sie, daß sie davon wie auch von dem jüngst

gefaßten Entschlusse Christinens kein Wort erwähnen dürfe. Mit dem

Instinkt des Weibes erriet sie, daß eins wie das andere gleich zu

Anfang Michael unangenehm berühren und schmerzen könne; auch sie

schmerzte etwas; darum schwieg sie trotz ihrer gewohnten Voreiligkeit.

»Von Christinens Absichten wird er auch ohnehin Kunde bekommen,« dachte

sie, »und es ist gewiß besser, jetzt nicht davon zu sprechen, um so

mehr, als auch Herr Sagloba kein Wörtchen davon gesagt hat.«

Inzwischen hatte sich Wolodyjowski wieder an den Kutscher gewandt: »So

fahr' doch zu!« sagte er.

»Die Pferde und unsere Sachen haben wir in Praga gelassen,« sagte

Makowiezki zu Sagloba, »und sind zu viert schleunigst aufgebrochen,

obwohl es Nacht war, denn wir hatten es beide ungeheuer eilig.«

»Das glaube ich!« versetzte Sagloba. »Habt Ihr gesehen, welche

Menschenmenge in der Residenz zusammengekommen ist? Hinter

den Schlagbäumen stehen Lager und Bazare, daß man Mühe hat,

hindurchzukommen. Wunderbare Dinge berichten die Menschen von der

künftigen Wahl; ich will sie Euch daheim bei passender Gelegenheit

erzählen.«

Nun begann ein Gespräch über Politik; Sagloba bemühte sich, von

ungefähr die Meinung des Herrn Truchseß zu erkunden, zum Schluß aber

wandte er sich an Wolodyjowski und fragte ohne Umschweife:

»Und du, Michael, wem gibst du deine Stimme?«

Aber Wolodyjowski erbebte statt zu antworten, als sei er aus dem

Schlafe geweckt worden, und sagte:

»Ich bin doch neugierig, ob sie schon schlafen, und ob wir sie noch

heute sehen werden.«

»Sie schlafen gewiß schon,« antwortete Bärbchen mit süßer, etwas

verschlafener Stimme, »aber sie werden aufstehen und unzweifelhaft die

Herren zu begrüßen kommen.«

»Glaubt Ihr das?« fragte der kleine Ritter erfreut.

Und wieder blickte er Bärbchen an, und wieder dachte er unwillkürlich

bei sich: »Sie ist verteufelt anmutig in diesem Mondesglanz.«

Sie waren schon ganz in der Nähe von Ketlings Hause und fuhren nach

einer kurzen Weile ein.

Die Frau Truchseß und Christine schliefen schon, nur die Dienerschaft

wachte, denn man wartete auf Bärbchen und Herrn Sagloba mit dem

Abendbrot. Bald entstand im Hause eine lebhafte Bewegung. Sagloba

befahl, mehr Leute zu wecken, damit den Gästen warme Speisen gereicht

würden.

Der Herr Truchseß wollte sogleich seine Gattin begrüßen; aber sie hatte

bereits das ungewöhnliche Geräusch gehört und erraten, wer angekommen

sei. Eine Minute später kam sie schon die Treppe herab in einem eilig

übergeworfenen Kleide, atemlos, mit Freudentränen in den Augen und

einem herzlichen Lachen auf den Lippen; es begannen die Begrüßungen,

Umarmungen und ein wirres, von Ausrufen der Freude unterbrochenes

Geräusch.

Wolodyjowski blickte beständig nach der Tür, in welcher Bärbchen

verschwunden war, und in welcher er jeden Augenblick die geliebte

Christine zu sehen hoffte, wie sie strahlend vor stiller Freude, mit

glänzenden Augen und aufgelöstem Haar eintrat; aber die Danziger Uhr,

die im Speisezimmer stand, tickte und tickte, die Zeit verrann, das

Abendbrot wurde gereicht, und das geliebte, teure Mädchen ließ sich

nicht blicken.

Endlich trat Bärbchen ein, aber allein, ernst, ja düster, sie näherte

sich dem Tisch, hielt die Hand vor das Antlitz und sprach, zu Herrn

Makowiezki gewendet:

»Onkelchen, Christine ist ein wenig unwohl und wird nicht kommen, aber

sie bittet, Onkelchen möchte wenigstens bis an die Tür kommen, damit

sie ihn begrüßen könne.«

Makowiezki erhob sich sogleich und ging hinaus; Bärbchen folgte ihm.

Der kleine Ritter wurde sehr traurig und sagte:

»Das habe ich nicht vermutet, daß ich Fräulein Christine heut' nicht

sehen sollte; ist sie wirklich krank?«

»Ei was, sie ist gesund,« versetzte Frau Truchseß, »aber sie paßt jetzt

nicht unter Menschen.«

»Warum das?«

»Hat Herr Sagloba dir nichts von ihrer Absicht gesagt?«

»Von welcher Absicht, bei den Wunden Gottes?«

»Sie geht ins Kloster.«

Michael begann mit den Augen zu blinzeln wie ein Mensch, der nicht

recht gehört hat, was man ihm gesagt, dann entfärbte sich sein Gesicht;

er erhob sich, setzte sich wieder, perlender Schweiß stand auf seiner

Stirn, und er griff mit der Hand nach ihr. Im Zimmer herrschte tiefes

Schweigen.

»Michael!« rief Frau Truchseß.

Er aber sah mit irrem Blick bald sie, bald Herrn Sagloba an; endlich

sagte er mit furchtbarer Stimme:

»Lastet denn ein Fluch auf mir?«

»Lästere nicht!« rief Sagloba.

Bei diesem Ausruf erriet Sagloba und die Frau Truchseß das

Herzensgeheimnis des kleinen Ritters, und als er plötzlich aufstand und

das Zimmer verließ, sahen sie einander in Erstaunen und Besorgnis an,

bis endlich Michaels Schwester sagte:

»Um Gottes willen, folgt ihm, redet ihm zu Herzen, tröstet ihn; wo

nicht, will ich gehen.«

»Tut das nicht!« versetzte Sagloba, »keiner von uns darf zu ihm. Ihm

ist Christine nötig, und da das nicht sein kann, ist es besser, wir

lassen ihn allein, denn Trost zur unrechten Zeit führt zu noch größerer

Verzweiflung.«

»Ich sehe klar, er wollte zu Christine; seht, ich habe gewußt, daß er

sie gern hat, daß er ihre Gesellschaft aufgesucht. Aber, daß er so ganz

und gar in sie vernarrt sei, ist mir gar nicht in den Sinn gekommen.«

»Er ist wohl mit einem fertigen Entschluß hierhergekommen, in dem

er seine ganze Seligkeit gesehen hat. Und darum traf es ihn wie ein

Donnerschlag.«

»Warum hat er aber niemandem ein Wörtchen gesagt, weder mir, noch

Euch, noch Christine selber? Vielleicht hätte das Mädchen das Gelübde

nicht getan.«

»Seltsam, sehr seltsam!« antwortete Sagloba. »Mir vertraut er doch

alles an, und meinem Kopf vertraut er mehr als seinem eigenen, und er

hat mir nicht nur nichts von dieser Zuneigung gesagt, er hat sogar

behauptet, es sei Freundschaft, nichts weiter.«

»Er war immer verschlossen.«

»Dann kennt Ihr ihn nicht, wenn Ihr auch seine Schwester seid. Sein

Herz ist wie das Auge des Karauschen ganz nach oben gekehrt. Nie habe

ich einen offeneren Menschen kennen gelernt; aber ich muß gestehen --

diesmal hat er anders gehandelt. -- Aber wißt Ihr gewiß, daß er auch

Christine nicht gesprochen hat?«

»Du lieber Gott, Christine ist die Herrin ihrer Hand, denn mein Mann,

ihr Vormund, hat ihr so oft gesagt: Wenn ein Mann kommt, der würdig ist

und aus edlem Blute, so brauchst du nicht auf Vermögen zu achten. -- Wenn

Michael vor seiner Abreise mit ihr gesprochen hätte, so hätte sie ihm

ja oder nein geantwortet, und er hätte gewußt, was er zu erwarten habe.«

»Gewiß, es ist ihm unerwartet gekommen; Eure Erklärungen kommen aus dem

Herzen einer Frau und sind durchaus zutreffend.«

»Was nützen die Erklärungen, -- hier heißt es Rat schaffen!«

» -- Mag er Bärbchen nehmen!«

»Wenn er die andere lieber mag ...! Ha, wenn mir das doch je

eingefallen wäre!«

»Schade, daß es Euch nicht eingefallen ist!«

»Wie sollte es mir einfallen, wenn es einem solchen Salomon, wie Ihr

seid, nicht einfiel.«

»Und woher wißt Ihr das?«

»Weil Ihr sie dem Ketling anhängen wolltet.«

»Ich? -- Gott ist mein Zeuge, daß ich sie niemandem anhängen wollte!

Ich habe gesagt, daß er ihr geneigt sei, denn das war die Wahrheit;

ich habe gesagt, Ketling sei ein würdiger, junger Mann -- das ist die

Wahrheit; aber das Verheiraten überlasse ich den Frauen, Verehrteste.

Ruht nicht auf meinem Haupte die Hälfte der Republik, habe ich denn

Zeit, an etwas anderes zu denken als an die öffentlichen Dinge? Oft

genug finde ich nicht Zeit, einen Löffel warmer Suppe in den Mund zu

nehmen ...«

»So ratet doch jetzt, um des Himmels willen. Überall höre ich, daß es

keinen gescheiteren Kopf gibt.«

»Daß die Leute doch immer von meinem Kopfe schwatzen! Sie sollen

mich in Ruhe lassen! -- Was meinen Rat betrifft, so gibt es zwei Wege:

entweder nimmt Michael Bärbchen, oder Christine ändert ihren Entschluß.

Ein Entschluß ist kein Gelübde.«

Hier kam Makowiezki zurück, und seine Frau sagte ihm alles. Der

Edelmann grämte sich sehr, denn er hatte Michael außerordentlich gern,

er schätzte ihn hoch und konnte für den Augenblick keinen Ausweg finden.

»Wenn Christine es sich in den Kopf gesetzt hat,« sagte er und rieb

sich die Stirn, »wie soll man ihr eine solche Sache ausreden?«

»Christine hat sich's in den Kopf gesetzt,« antwortete die Frau

Truchseß, »sie war immer so.«

»Was lag wohl Michael im Sinne, daß er sich nicht vor der Reise

Gewißheit verschafft hat? Es hätte ja doch noch schlimmer kommen

können: es hätte ja doch auch ein anderer während dieser Zeit das Herz

des Mädchens gewinnen können,« antwortete ihr Gatte.

»Dann würde sie nicht ins Kloster wollen,« antwortete die Frau

Truchseß, »sie ist ja doch frei.«

»Wohl wahr,« antwortete der Truchseß.

Aber Sagloba begann es bereits im Kopfe zu dämmern. Wäre ihm

Christinens und Michaels Geheimnis bekannt gewesen, so wäre ihm auch

alles mit einem Schlage klar geworden; doch ohne diese Kenntnis war

es in der Tat schwer, etwas zu begreifen. Aber Saglobas Scharfsinn

begann den Nebel zu durchdringen und die wahren Ursachen und Absichten

Christinens und Wolodyjowskis Verzweiflung zu begreifen. Bald war er

fest davon überzeugt, daß Ketling in Verbindung stehe mit dem, was

vorgegangen war; seinen Vermutungen fehlte nur die Sicherheit. Er

beschloß also, Michael aufzusuchen und ihn genauer auszuforschen.

Auf dem Wege erfaßte ihn die Unruhe, denn er dachte bei sich:

»Das war ein wenig mein Werk; ich hätte gern Honig auf Bärbchens und

Michaels Hochzeit genascht, aber ich glaube, ich habe statt des Honigs

sauer Bier gebraut, denn was gilt's, Michael kommt jetzt zu seinem

alten Entschluß zurück und wird, Christinens Beispiel folgend, das

Mönchsgewand nehmen.«

Bei diesem Gedanken überlief es Sagloba eiskalt, er beschleunigte seine

Schritte und war bald in Michaels Zimmer.

Der kleine Ritter ging in seinem Zimmer hin und her, wie ein wildes

Tier in seinem Käfig; seine Stirn war drohend gerunzelt, seine Augen

gläsern. Er litt unermeßlich. Als er Sagloba erblickte, blieb er

plötzlich stehen und schrie, die Hände über die Brust gekreuzt:

»So sagt mir doch, was das alles bedeutet!«

»Michael,« antwortete Sagloba, »bedenke doch, wieviel Mädchen

alljährlich ins Kloster gehen. Eine alltägliche Sache! Es gibt Mädchen,

die gegen den Willen der Eltern ins Kloster gehen, in der Hoffnung, daß

Christus mit ihnen sein wird, -- und wievielmehr solche, die frei sind!

...«

»Nein, länger trage ich das Geheimnis nicht!« rief Michael, »sie ist

nicht frei, denn sie hat mir ihre Liebe und ihre Hand vor meiner

Abreise zugesagt.«

»Ha,« sagte Sagloba, »das habe ich nicht gewußt!«

»Es ist so« wiederholte der kleine Ritter.

»Vielleicht wird sie sich also raten lassen?«

»O, sie kümmert sich nicht mehr um mich, sie hat mich nicht sehen

wollen!« rief Wolodyjowski in tiefstem Schmerz. »Ich habe Tag und Nacht

hierhergestrebt, und sie will mich nicht einmal sehen! Was habe ich

denn getan? Welche Sünden lasten auf mir, daß mich der Zorn Gottes

verfolgt, daß der Wind mich umhertreibt wie ein welkes Blatt? Die

eine ist gestorben, die andere geht ins Kloster -- beide hat mir Gott

genommen, weil ich verflucht bin. Für jeden gibt es Erbarmen, für jeden

Gnade, nur für mich nicht!«

Sagloba zitterte in der Seele, daß der kleine Ritter von seinem Schmerz

hingerissen, wieder lästern würde, wie dereinst nach dem Tode Ännchens,

und um seinen Gedanken eine andere Richtung zu geben, sprach er:

»Michael, zweifle nicht daran, daß auch über dir die Gnade waltet, denn

das ist sündhaft, und du kannst nicht wissen, was morgen deiner harrt.

Vielleicht wird Christine bei dem Gedanken an deine Vereinsamung ihren

Entschluß noch ändern und dir ihr Wort geben. Und dann, höre mich,

Michael, -- ist es nicht ein Trost, daß dir Gott selbst, unser allgütiger

Vater, diese Taube nimmt, und nicht ein Mensch, der auf Erden wandelt?

Sage selbst, wäre es so besser?«

In dem Gesicht des kleinen Ritters zuckte es fürchterlich auf, seine

Zähne knirschten, und er stieß mit erstickter Stimme die abgerissenen

Worte hervor:

»Wenn es ein lebendiger Mensch wäre? Ha, wenn es doch einer wäre! Ich

wünschte es, -- so bliebe mir die Rache!«

» -- Und so bleibt das Gebet,« sagte Sagloba. »Höre Michael, alter

Freund, denn einen besseren Rat gibt dir niemand, vielleicht wendet

auch Gott noch alles zum Guten. Ich selbst, das weißt du, habe dir

eine andere gewünscht, aber da ich deinen Schmerz sehe, leide ich mit

dir und werde mit dir zu Gott flehen, daß er dich tröste und das Herz

dieses lieblosen Mädchens dir wieder geneigt mache.«

Und Sagloba wischte sich die Tränen aus den Augen, Tränen aufrichtiger

Freundschaft und -- des Mitleids. Wenn es in seiner Macht gestanden,

hätte er am liebsten in diesem Augenblick alles rückgängig gemacht,

was er zwischen Christine und Michael gelegt hatte, und wäre der erste

gewesen, der sie ihm in die Arme führte.

»Hör',« sagte er nach einer kleinen Pause, »sprich noch mit Christine,

stelle ihr dein Leiden vor, deinen unerträglichen Schmerz, -- sie müßte

ein Herz von Stein haben, wenn sie sich deiner nicht erbarmen sollte.

Aber ich habe das Vertrauen, daß sie gut handeln wird. Löblich ist

es, den Schleier zu nehmen, aber nicht, wenn er aus Unrecht gewoben

wird. Sag' ihr das, du sollst sehen ... Ei, Michael, heute weinst du,

und morgen werden wir vielleicht zu deiner Verlobung trinken; ich bin

gewiß, es wird so sein. Dem Mädchen ist bange geworden, und darum ist

ihr der Schleier eingefallen; sie wird ins Kloster gehen, aber in ein

Kloster, in dem du zur Taufe läuten wirst ... Vielleicht kränkelt sie

auch wirklich ein wenig und hat uns nur vom Kloster gesprochen, um uns

irre zu führen. Aus ihrem Munde hast du es doch nicht gehört, und

wirst es auch, so Gott will, nicht hören. Ha, ihr habt ein Geheimnis

miteinander gehabt, und sie wollte es nicht verraten und hat uns etwas

vorgemacht, gewiß, sie hat uns etwas vorgemacht; so wahr ich lebe, es

ist nichts anderes als eine Weiberlist!«

Saglobas Worte wirkten wie Balsam auf das gramerfüllte Herz des kleinen

Ritters; die Hoffnung erfüllte ihn von neuem, die Augen füllten sich

mit Tränen, er konnte lange Zeit kein Wort hervorbringen, erst, als er

ihrem Strome wehren konnte, warf er sich Sagloba in die Arme und sagte:

»O, daß doch solcher Freunde viele auf Erden wüchsen! Wird es aber auch

so sein, wie Ihr sagt?«

»Den Himmel holte ich für dich herunter, -- es wird so sein! Oder nimmst

du an, daß ich je falsch prophezeit hätte? Traust du meinem Witze,

meiner Erfahrung nicht?«

»O, Ihr könnt Euch gar nicht vorstellen, wie ich dies Mädchen liebe!

Nicht, daß ich jene Verstorbene vergessen hätte, alltäglich bete

ich für sie, -- aber auch an dieser hängt das Herz wie die Klette am

Baum. Du mein Geliebtes! Wieviel habe ich dort in der Steppe morgens,

abends, mittags an sie gedacht; am Ende begann ich gar zu mir selber zu

sprechen, da ich keinen anderen Vertrauten hatte. Bei Gott, wenn ich

einen Tataren verfolgte, dachte ich noch während der Verfolgung an sie!«

»Ich glaub's wohl! Mir ist vom Weinen über ein Mädchen mein Auge in der

Jugend ausgeflossen, und wenn es auch nicht ganz ausgeflossen ist, so

blieb doch nur ein Schimmer zurück.«

»Wundert Euch nicht, -- ich komme an, ich atme kaum auf, und das erste

Wort, das ich höre, ist -- Kloster. Aber ich baue noch auf die Überredung

und auf ihr Herz und Wort. Wie habt Ihr doch gesagt. Löblich ist es,

den Schleier zu nehmen, aber ...?«

» -- aber nicht, wenn er aus Unrecht gewoben wird.«

»Ein treffliches Wort! -- Daß ich noch nie ein solches Sprichwort bilden

konnte! Dort in den Grenzmarken wäre es eine schöne Zerstreuung. -- Die

Unruhe erfüllt mich ganz, und doch habt Ihr mir wieder Mut in die

Glieder gegossen. In der Tat haben wir verabredet, daß die Sache ein

Geheimnis bleibe; es ist also richtig, das Mädchen hat wohl nur zum

Schein vom Schleier gesprochen ... Und noch ein wichtiges Argument habt

Ihr angeführt, aber ich kann mich nicht mehr erinnern ... Nun ist mir

bedeutend leichter.«

»So kommt zu mir, oder ich lasse hierher eine Flasche bringen. Das gibt

Mut auf den Weg.«

Sie gingen und tranken tüchtig, bis der Morgen anbrach. Am Tage legte

Michael gute Kleider an, gab seinem Antlitz Würde, rüstete sich mit

allen Argumenten, die ihm selbst eingekommen waren, und die ihm Sagloba

eingab, und ging so vorbereitet hinaus in das Speisezimmer, wo alles

sich zum Frühstück zu versammeln pflegte. Von der ganzen Gesellschaft

fehlte nur Christine, aber auch sie ließ nicht lange auf sich warten,

denn kaum hatte der kleine Ritter zwei Löffel Suppe genossen, als durch

die offene Tür das Rauschen eines Kleides hörbar wurde und das Mädchen

in das Zimmer trat.

Sie kam eilig, fast gerannt, ihre Wangen glühten, ihre Augenlider

waren gesenkt, in ihren Zügen lag Verwirrung, Zwang und Furcht. Sie

trat an Wolodyjowski heran, reichte ihm beide Hände, aber sie hob die

Augen nicht zu ihm auf, und als er mit Eifer ihre Hände zu küssen

begann, wurde sie sehr bleich; sie konnte nicht ein Wort der Begrüßung

hervorbringen. Sein Herz war ganz erfüllt von Liebe, von Unruhe

und Entzücken bei dem Anblick dieses zarten Gesichts, das wie ein

wundertätiges Bild seine Farbe beständig wechselte, in der Nähe dieser

schlanken, lieben Gestalt, aus der ihm noch die Wärme des Schlafes

entgegenströmte. Ja, sogar ihre Verwirrung und die Zaghaftigkeit, die

sich in ihrem Antlitz malte, rührte ihn.

»Teuerste Blume,« dachte er in seiner Seele, »was fürchtest du dich?

Ich würde ja mein Leben, mein Blut für dich hingeben ...«

Aber er sagte das nicht laut, er drückte nur seine Lippen so lange auf

ihre atlasweichen Hände, daß rote Spuren auf ihnen zurückblieben.

Bärbchen, die alledem zusah, hatte absichtlich das Köpfchen in die Höhe

geworfen, damit niemand ihre Rührung bemerke; aber es schenkte ihr in

diesem Augenblick niemand Aufmerksamkeit, alle richteten ihre Augen auf

das Paar, und es entstand ein peinliches Schweigen.

Michael war der erste, der es brach.

»Ich habe die Nacht in Trauer und Unruhe hingebracht,« sagte er, »denn

alle habe ich gestern gesehen, nur Euch nicht, und man hat mir so

schreckliche Dinge von Euch gesagt, daß mir das Weinen näher war als

der Schlaf.«

Als Christine diese offene Rede hörte, wurde sie noch bleicher, so daß

Michael einen Augenblick glaubte, eine Ohnmacht erfasse sie; darum

sagte er schnell:

»Wir müssen noch darüber sprechen, aber jetzt will ich nicht weiter

fragen, damit Ihr Euch beruhigen und erholen könnt. Ich bin ja kein

Barbarus, kein Wolf, und Gott weiß, wie groß meine Zuneigung zu Euch

ist.«

Sagloba, der Truchseß und seine Frau wechselten beständig Blicke

miteinander, als wollten sie sich gegenseitig dazu anregen, die

gewöhnliche Unterhaltung aufzunehmen; und doch wagte keiner zuerst das

Wort zu ergreifen. Endlich begann Sagloba:

»Wir müssen heute,« sagte er, zu den Neuangekommenen gewendet, »in die

Stadt fahren. Es schwirrt und summt dort schon vor der Wahl wie in

einem Bienenkorb; jeder preist seinen Kandidaten. Unterwegs will ich

euch sagen, wem wir nach meiner Ansicht die Stimme geben müssen.«

Da keiner ein Wort sprach, ließ Sagloba sein vereinsamtes Auge

umherschweifen und wandte sich endlich an Bärbchen:

»Und du, Käferchen, kommst mit uns?«

»Gewiß, und ginge es nach Reußen!« antwortete Bärbchen schroff.

Und wieder trat Schweigen ein. So, unter immer wieder erneuten

Versuchen, das Gespräch fortzuspinnen, das durchaus nicht in Gang

kommen wollte, ging das Frühstück hin.

Endlich erhoben sie sich vom Tisch. Michael trat gleich zu Christine

heran und sagte:

»Ich muß Euch allein sprechen, Fräulein.«

Dann bot er ihr seinen Arm und führte sie in das benachbarte Zimmer, in

dasselbe Zimmer, welches Zeuge ihres ersten Kusses gewesen war.

Er ließ Christine auf das Sofa nieder, setzte sich an ihre Seite

und strich kosend mit der Hand über ihr Haar, wie man ein Kind zu

streicheln pflegt.

»Christine,« begann er endlich mit weicher Stimme, »ist deine

Verwirrung vorüber, kannst du mir ruhig und klar antworten?«

Ihre Verwirrung war vorüber, und überdies rührte sie seine Güte; sie

erhob zum erstenmal auf einen Augenblick ihr Gesicht zu ihm.

»Ich kann es,« antwortete sie ruhig.

»Ist es wahr, daß du dich dem Kloster gelobt hast?«

Christine faltete die Hände und begann flehentlich zu flüstern:

»Seid mir drum nicht böse, flucht mir nicht -- aber es ist so.«

»Christine!« sagte Michael, »ziemt es sich, so die Glückseligkeit

eines Menschen mit Füßen zu treten, wie du die meinige trittst? Wo

blieb dein Wort, wo unser Versprechen? Ich vermag es ja nicht, den

Kampf mit Gott aufzunehmen; nur das eine will ich dir sagen, was Herr

Sagloba mir gestern gesagt hat: der Schleier darf nicht aus Unrecht

gewoben sein. Durch das Unrecht, das du mir antust, wirst du Gottes

Ruhm nicht mehren, denn der Herr thront über aller Welt, sein sind

alle Nationen, sein ist Land und Meer und Strom, der Vogel in der

Luft, das Tier im Walde, die Sonne und die Sterne; er hat alles, was

du nur sehen und denken kannst, und noch mehr, und ich habe nur dich

allein, dich Geliebtes und Teures, du bist mein Glück, du bist mein

alles! Und kannst du glauben, daß Gott, er, der so reich ist, es nötig

hat, einem armen Kriegsmann seinen einzigen Schatz zu entreißen? ...

daß er in seiner Güte es annehmen kann, daß es ihn freut, daß es ihn

nicht beleidigt ... Sieh doch, was du ihm gibst: -- dich selbst; aber

du bist mein, denn du hast dich selbst mir versprochen, du gibst ihm

Fremdes, nicht Eigenes; du gibst ihm meinen Schmerz, meinen Harm,

vielleicht meinen Tod. Hast du ein Recht dazu? -- Erwäge das in deinem

Herzen und in deinem Geiste, und dann endlich frage dein Gewissen ...

Wenn ich dich gekränkt hätte, wenn ich dir untreu geworden wäre, wenn

ich dich vergessen hätte, wenn ich eine Schuld auf mich geladen, ein

Verbrechen begangen hätte -- ich wollte nichts sagen, nichts; aber ich

bin fortgezogen, um der Horde aufzulauern, um die Eindringlinge zu

verscheuchen, dem Vaterland mit meinem Blut, meinem Leben, meiner Ruhe

zu dienen, und =dich= habe ich geliebt, an dich ganze Tage und ganze

Nächte gedacht, nach dir mich gesehnt wie der Hirsch nach dem Wasser,

wie der Vogel nach der Luft, wie das Kind nach der Mutter ... und für

all dieses hast du mir eine solche Begrüßung, solchen Lohn bereitet?

Christine, mein Teuerstes, meine Freundin, mein auserwähltes Lieb, sage

mir, wie ist das gekommen? Sprich mit mir so aufrichtig, so offen, wie

ich mit dir spreche, wie ich dir mein Recht vorführe; halte mir dein

Wort und laß mich nicht allein mit meinem Unglück. Du selbst hast mir

das Recht gegeben, -- treibe mich nicht in die Verbannung!«

Der unglückselige Mann wußte nicht, daß es ein Recht gibt, größer und

älter als alle menschlichen Rechte, auf Grund dessen das Herz nur der

Liebe folgen muß und folgt, und wenn es von der Liebe läßt, schon

dadurch den herbsten Treubruch begeht, geschehe es auch so unschuldig,

wie die Lampe unschuldig erlischt, in der das Öl versiegt ist. Michael

wußte das nicht, und er umfaßte Christinens Kniee und bat und flehte,

aber sie antwortete ihm nur mit Tränenströmen, denn mit dem Herzen

konnte sie ihm nicht mehr antworten.

»Christine,« sagte endlich der Ritter, sich erhebend, »in deinen Tränen

kann meine Glückseligkeit versinken, und ich bitte dich nur um eins: um

meine Rettung.«

»O fragt mich nicht nach Gründen,« antwortete Christine schluchzend,

»fragt mich nicht nach der Ursache! Es muß so sein und kann nicht

anders sein. Ich bin nicht würdig eines Mannes wie Ihr und war nie

Eurer würdig! ... Ich weiß, welches Unrecht ich Euch antue, und das

schmerzt mich so unsagbar, daß ich ratlos vor Euch stehe. Ich weiß,

daß es ein Unrecht ist ... o großer Gott, es schneidet mir tief ins

Herz. -- Verzeiht mir, Herr, geht nicht von mir im Zorn, vergebt mir,

flucht mir nicht!«

Und Christine stürzte vor dem Ritter in die Kniee.

»Ich weiß, daß ich unrecht tue, aber ich bitte um deine Gnade, um dein

Erbarmen.«

Hier neigte sich das dunkle Köpfchen des Mädchens bis zur Erde. Michael

erhob im Augenblick das arme, weinende Geschöpf mit Gewalt und setzte

es wieder aufs Sofa nieder; dann begann er wie verstört im Zimmer auf

und nieder zu gehen. Von Zeit zu Zeit blieb er plötzlich stehen und

drückte die Fäuste an die Schläfen; dann setzte er seinen Gang fort,

und endlich trat er vor Christine hin.

»Nimm dir Zeit und gib mir ein wenig Hoffnung,« sagte er endlich,

»denke, daß ich auch nicht von Stein bin! Warum legst du das glühende

Eisen erbarmungslos an? Und wäre ich noch so geduldig, sollte mich der

Schmerz nicht erfassen bei solcher Qual? Ich kann es ja in Worten gar

nicht sagen, wie weh mir zumute ist, bei Gott, ich kann es nicht. Ich

bin ein schlichter Mann, siehst du, und mein Leben ist in Krieg und

Kampf dahingegangen ... Und, mein Gott, in diesem Zimmer haben wir uns

geliebt; Christinchen, Christinchen, ich habe geglaubt, du werdest

mein ganzes Leben die Meine sein, und nun ist alles hin, alles! Was

ist dir geschehen, wer hat dein Herz gewendet, Christine? Ich bin doch

derselbe geblieben! Und du weißt auch das nicht, daß diese Wunde für

mich herber ist als für einen anderen, denn ich habe schon ein Liebes

verloren. -- Gott, was soll ich ihr sagen, um ihr Herz zu rühren!... Gib

mir wenigstens Hoffnung, nimm mir nicht alles auf einmal!«

Christine sagte kein Wort, Schluchzen erschütterte ihren Körper. Der

kleine Ritter aber stand vor ihr und unterdrückte erst seinen Schmerz,

dann einen furchtbaren Zorn, und nun, da er diesen ganz überwunden

hatte, wiederholte er.

»Gib mir wenigstens Hoffnung, hörst du?«

»Ich kann nicht, ich kann nicht!« antwortete Christine.

Michael ging an das Fenster und drückte die Stirn an die kalte Scheibe.

So stand er eine lange Zeit unbeweglich; endlich wandte er sich zurück,

ging Christine einige Schritte entgegen und sagte vollkommen ruhig:

»Lebe wohl; -- hier ist kein Ort für mich. -- Möge es dir so gut ergehen,

wie es mir schlecht ergehen wird. Wisse, daß ich dir mit den Lippen

schon heute vergebe, und wenn mir Gott hilft, will ich dir auch mit dem

Herzen vergeben ... aber habe mehr Erbarmen mit menschlicher Qual und

versprich zum zweiten Male nicht. Gewiß, ich nehme kein Glück mit von

dieser Stätte! Lebe wohl!«

Er verneigte sich und ging. Im Nebenzimmer traf er Sagloba, den

Truchseß und seine Gattin. Sie sprangen auf, als ob sie ihn ausfragen

wollten, aber er wehrte ihnen mit der Hand.

»Umsonst --« sagte er, »alles! Lasset mich in Frieden!«

Aus diesem Zimmer führte ein schmaler Gang in das seinige; auf diesem

Gang an der Treppe zu der Wohnung der Mädchen trat Bärbchen dem kleinen

Ritter in den Weg.

»Möge Euch Gott trösten und Christinens Herz wenden!« rief sie mit

tränenerstickter Stimme.

Er ging an ihr vorüber, ohne sie anzusehen, ohne auch nur ein Wort zu

sprechen. Plötzlich ergriff ihn wahnsinniger Zorn; er wandte sich um

und blieb vor dem unschuldigen Bärbchen mit entstellten, von Hohn und

Bitterkeit erfüllten Zügen stehen.

»Versprecht nur Ketling Eure Hand,« sagte er rauh, »und wenn er Euch

liebt, dann tretet ihn mit Füßen, zerreißt ihm das Herz -- und dann geht

ins Kloster!«

»Herr Michael!« rief Bärbchen erstaunt.

»Ja, laßt's Euch nur gefallen, laßt Euch küssen, und dann geht hin und

büßet ... o daß man Euch getötet hätte!«

Das war Bärbchen doch zu viel. Gott allein wußte, wieviel

Selbstverleugnung in dem Wunsche war, den sie Michael zugerufen

hatte, daß Gott Christinens Herz wenden möge -- und dafür traf sie ein

ungerechter Verdacht, Hohn, Beleidigung, in demselben Augenblick, in

dem sie bereit gewesen wäre, ihr Leben hinzugeben, um den Undankbaren

zu trösten. Da loderte ihr Herz in Flammen auf, ihre Wangen glühten,

die rosigen Nasenflügel bewegten sich lebhaft, und ohne einen

Augenblick des Besinnens rief sie, ihr blondes Köpfchen schüttelnd:

»So wisset denn, ich gehe nicht Ketlings wegen ins Kloster!«

Sie sprang die Treppe hinauf und entschwand den Augen des Ritters. Er

stand wie eine Bildsäule da, dann rieb er sich die Augen, wie jemand,

der aus dem Schlafe erwacht.

Sein Blut kam in Wallung, er griff nach dem Schwert und rief mit

furchtbarer Stimme:

»Wehe dem Verräter!« --

Eine Viertelstunde später jagte er nach Warschau in solcher Eile, daß

ihm der Wind um die Ohren heulte und die Schollen unter den Hufen

seines Pferdes aufflogen.

Der Truchseß und seine Gattin, auch Sagloba sahen ihn davonreiten, und

eine große Unruhe erfaßte ihre Herzen. Sie sagten sich gegenseitig

durch Blicke, was geschehen sei, und wohin er wohl reite.

»Großer Gott!« rief die Frau Truchseß, »er zieht noch in die wilden

Felder, und ich sehe ihn nicht wieder!«

»Oder er schließt sich ins Kloster ein nach dem Beispiel dieser Närrin

drinnen,« sagte der verzweifelte Sagloba.

»Hier heißt es, guten Rat schaffen,« fügte der Truchseß hinzu.

Da öffnete sich die Tür, und Bärbchen stürzte wie ein Sturmwind ins

Zimmer, bleich, erregt, die Hände vor den Augen, trampelte mitten im

Zimmer wie ein kleines Kind mit den Füßen und begann zu kreischen:

»Hilfe, Rettung! Herr Michael ist fortgeritten, um Ketling zu töten ...

Wer an Gott glaubt, eile ihm nach, um ihn aufzuhalten, Hilfe, Rettung!«

»Was ist dir, Mädchen?« rief Sagloba und erfaßte ihre Hände.

»Hilfe, Herr Michael tötet den Ketling! Durch meine Schuld wird Blut

fließen, und Christine wird sterben, alles durch meine Schuld!«

»So sprich doch!« schrie Sagloba und schüttelte das Mädchen. »Woher

weißt du das, warum durch deine Schuld?«

»Weil ich ihm in der Wut gesagt habe, daß sie sich gern haben, daß

Christine um Ketlings willen ins Kloster geht. Wer an Gott glaubt, eile

ihm nach, halte ihn auf! Fahrt schnell, fahrt alle, fahren wir alle!«

Sagloba, der nicht gewohnt war, in solchen Fällen Zeit zu versäumen,

stürzte nach dem Hofe und befahl, sogleich anzuspannen.

Die Frau Truchseß wollte Bärbchen über die verwunderliche Neuigkeit

ausfragen, denn sie hatte bisher auch nicht im entferntesten geahnt,

daß zwischen Christine und Ketling eine Neigung bestehe. Bärbchen aber

war Sagloba eilig gefolgt, um das Anspannen zu überwachen. Sie half die

Pferde aus dem Stall führen, sie an die Deichsel spannen; endlich fuhr

sie auf dem Bock mit unbedecktem Kopf vor den Hausflur, in welchem die

beiden Männer bereits warteten.

»Steige herunter!« sagte Sagloba zu ihr.

»Ich komme nicht herunter.«

»Herunter, sage ich dir!«

»Ich komme nicht! Steigt ein! Ihr sollt einsteigen, wo nicht, fahre ich

allein!«

Bei diesen Worten faßte sie die Zügel zusammen, und da sie sahen,

daß der Widerstand des Mädchens leicht eine Verzögerung herbeiführen

konnte, ließen sie sie gewähren.

Inzwischen war der Knecht mit der Peitsche herangekommen, und die Frau

Truchseß hatte noch Zeit gefunden, Bärbchen einen Überwurf und ein

Mützchen herauszubringen, denn es war ein kühler Tag.

Dann ging es vorwärts.

Bärbchen blieb auf dem Bock; Sagloba, der gern mit ihr sprechen wollte,

forderte sie auf, auf den Vordersitz zu steigen, aber auch das wollte

sie nicht, vielleicht aus Furcht, daß man sie schelten werde, und so

mußte er von unten herauf die Fragen an sie richten, und sie antwortete

ihm, ohne sich umzuwenden.

»Woher weißt du,« fragte er, »was du Michael über die beiden gesagt

hast?«

»Ich weiß alles.«

»Hat dir Christine etwas gesagt?«

»Christine hat mir nichts gesagt.«

»Und der Schotte?«

»Auch nichts. Aber ich weiß, daß er aus diesem Grunde nach England

reist; alle hat er aufs Glatteis geführt, nur mich nicht.«

»Erstaunlich!« sagte Sagloba.

Und Bärbchen:

»Das ist Euer Werk; man hätte nicht aufeinanderhetzen sollen!«

»Sitze ruhig da oben und stecke dein Näschen nicht in fremde

Angelegenheiten!« versetzte Sagloba, den am meisten das verletzte, daß

ihn in Gegenwart des Truchseß ein solcher Vorwurf traf.

Darum fügte er nach einer Weile noch hinzu:

»Ich habe gehetzt? Ich aneinandergehetzt? -- Das ist schön, solche

Kuppeleien habe ich gern!«

Und sie fuhren schweigsam weiter.

Sagloba konnte jedoch dem Gedanken nicht wehren, daß Bärbchen recht

habe, und daß er an allem, was vorgegangen war, einen beträchtlichen

Teil der Schuld trage. Dieser Gedanke quälte ihn nicht wenig, und da

auch der Wagen furchtbar rüttelte, verfiel der Alte in eine grämliche

Laune und hörte nicht auf, sich Vorwürfe zu machen.

»Es wäre nur gerecht,« dachte er, »wenn Michael und Ketling mir die

Ohren abschnitten. Jemand gegen seinen Willen verheiraten wollen, ist

eigentlich so viel, wie jemand auf ein Pferd setzen mit dem Gesicht dem

Schwanze zugekehrt. Hat schon recht, der Käfer; wenn die sich schlagen,

kommt Ketlings Blut auf mein Haupt. Da habe ich mir auf meine alten

Tage was Schönes eingebrockt -- pfui Teufel! Schließlich haben sie mich

noch aufs Glatteis geführt, denn ich habe kaum geahnt, warum Ketling

übers Meer will und diese Eule ins Kloster, während der kleine Heiduck

längst alles durchschaut hat.«

Sagloba hielt eine Weile still in seinen Gedanken, dann brummte er auf:

»Ein Teufelskind, dieses Mädchen! Michael muß Krebsaugen haben, um jene

Puppe dieser vorzuziehen!«

Inzwischen hatten sie die Stadt erreicht, aber jetzt erst begannen die

Schwierigkeiten, denn niemand von ihnen wußte, wo Ketling gegenwärtig

wohne, oder wo Michael sich hätte hinbegeben können, und in diesem

Menschengedränge suchen, hieß so viel, wie ein Körnchen aus einem

Scheffel Mohn herauslesen wollen.

Zunächst begaben sie sich also an den Hof des Großhetmans. Dort wurde

ihnen gesagt, Ketling habe an diesem Morgen eine überseeische Reise

antreten wollen; Michael sei dagewesen und habe nach ihm gefragt, es

wisse aber niemand, wohin er sich begeben habe. Man vermute, zu den

Fahnen, die außerhalb der Stadt lagen.

Sagloba ließ den Wagen umkehren, aber auch im Lager konnte man nichts

erfahren. Sie fuhren noch in alle Gasthäuser an der Langen Straße, sie

waren in Praga -- alles vergeblich.

Darüber brach die Nacht herein, und da an ein Unterkommen in der Stadt

nicht zu denken war, mußten sie nach Hause zurückkehren.

Sie kehrten in schwerer Sorge heim; Bärbchen weinte ein wenig, der

fromme Truchseß betete, Sagloba war wirklich beunruhigt. Er versuchte

indessen, sich und die Gesellschaft zu trösten.

»Ha,« sagte er, »wir machen uns hier Sorge, und Michael ist vielleicht

schon zu Hause.«

»Oder getötet,« sagte Bärbchen.

Und sie wand sich auf ihrem Sitz und wiederholte unter Tränen:

»Schneidet mir die Zunge ab, meine Schuld ist es, meine Schuld; o

Jesus, ich verliere noch den Verstand!«

Und Sagloba: »Still schon, Mädchen, es ist nicht deine Schuld, und

wisse, wenn jemand getötet ist, so ist es nicht Michael.«

»Mir tut auch der andere leid! Wir haben ihm schön gelohnt für seine

Gastfreundschaft, man kann nicht anders sagen ... Gott, o Gott!«

»Das ist wahr,« warf der Truchseß ein.

»Haltet doch zum Teufel Ruhe! Ketling ist gewiß schon näher an Preußen

als an Warschau; Ihr habt doch gehört, daß er abgereist ist. -- Ich hoffe

auch zu Gott, daß, wenn sie sich begegnen, sie der alten Freundschaft,

der gemeinsamen Dienste eingedenk sein werden. Sind sie doch Steigbügel

an Steigbügel geritten, haben auf einer Satteldecke geschlafen, sind

zusammen auf Kundschaft ausgezogen, haben mit demselben Blute ihre

Hand genetzt -- im ganzen Heer war ihre Freundschaft so bekannt, daß man

Ketling, weil er so schön war, Michaels Gattin nannte. Unmöglich, daß

ihnen das nicht in den Sinn kommen sollte, wenn sie sich sehen.«

»Oft genug kommt es,« sagte der kleine Truchseß, »daß gerade die

größte Freundschaft in finstersten Haß sich umwandelt. So hat in

unserer Gegend Herr Deyma Herrn Ubysch getötet, mit dem er zwanzig

Jahre hindurch in größter Eintracht gelebt hat. Ich kann Euch diesen

unglücklichen Fall mit allen Einzelheiten erzählen.«

»Wenn ich nicht so erregt wäre, würde ich gern zuhören, gerade so, wie

ich meiner lieben Wohltäterin, Eurer Gemahlin, gern zuhöre, welche die

Gewohnheit hat, alles aktenmäßig zu erzählen und selbst die Genealogie

nicht zu vernachlässigen; aber mich beunruhigt, was Ihr über die

Freundschaft und den Haß gesagt habt ... o behüte Gott, behüte Gott,

daß es auch diesmal so werde!«

» -- Der eine hieß Deyma und der andere Ubysch, beide würdige Männer,

Kommilitonen ...«

»O, o, o,« sagte Sagloba finster. »Vertrauen wir der Gnade Gottes, daß

es jetzt nicht so kommen wird, -- und wenn etwas eintritt, daß Ketling

sterbe?«

»Ein Unglück!« sagte nach einer Weile des Schweigens der Truchseß.

» -- Ja, so war's, Deyma und Ubysch, ich denk's, als wär' es heut'. Und

es handelte sich auch um ein Weib.«

»Immer und ewig diese Weiber! Die erste beste Eule braut dir einen

Trank, daß dir übel danach wird,« bemerkte Sagloba.

»Kränkt Christine nicht!« rief plötzlich Bärbchen.

»Hätte sich Michael in dich verliebt, dann hätten wir all das nicht

gehabt!« --

Unter solchen Gesprächen waren sie zu Hause angekommen. Die Herzen

pochten ihnen, als sie des Lichts in den Fenstern ansichtig wurden,

denn sie dachten, Michael könne zurückgekehrt sein.

Unterdes empfing sie die Frau Truchseß, selbst sehr beunruhigt, sehr

bekümmert. Als sie hörte, daß alle Nachforschungen vergeblich gewesen

waren, weinte sie bittere Tränen und jammerte, daß sie den Bruder nie

wiedersehen werde; Bärbchen sekundierte ihr im Wehklagen, und auch

Sagloba konnte seine Bekümmernis nicht unterdrücken.

»Ich will morgen früh noch vor Tag hinaus, aber allein,« sagte er,

»vielleicht kann ich etwas über sie erfahren.«

»Forschen wir lieber zu zweien nach,« warf der Truchseß ein.

»Nein, bleibt lieber bei den Frauen; wenn Ketling lebt, lasse ich es

Euch wissen.«

»Um Gottes willen, wohnen wir doch im Hause dieses Mannes!« sagte der

Truchseß wieder; »wir müssen morgen irgend ein Unterkommen finden, und

sollten wir auf dem Felde unsere Zelte aufschlagen, nur um hier nicht

länger zu wohnen.«

»Erwartet Nachricht von mir, sonst verlieren wir uns wieder,« sagte

Sagloba, »wenn Ketling getötet ist.«

»Um Gottes willen, sprecht leiser,« flüsterte die Frau Truchseß,

»die Dienerschaft wird sonst noch etwas erlauschen und es Christine

hinterbringen; sie ist schon halb tot.«

»Ich will zu ihr,« sagte Bärbchen.

Und sie sprang die Treppe hinauf. Die anderen blieben in Sorge und

Angst zurück; im ganzen Hause blieb alles wach. Der Gedanke, daß

Ketling vielleicht nicht mehr am Leben sei, erfüllte ihre Herzen

mit Angst. Um das Unglück voll zu machen, war die Nacht schwül,

stockfinster, der Donner grollte, und helle Blitze zerteilten den

schwerbewölkten Horizont. Es war gerade Mitternacht, als das erste

Gewitter dieses Frühlings zu toben begann. Auch die Dienerschaft war

erwacht.

Christine und Bärbchen waren von ihrem Mädchenzimmer in den Speisesaal

heruntergekommen, dort beteten alle Versammelten, dann saßen sie

schweigsam da und wiederholten nach alter Sitte bei jedem Donnerschlag:

»Und das Wort ist Fleisch geworden.«

Durch das Heulen des Sturmes tönte es manchmal wie Pferdegetrappel;

dann machte Entsetzen und Schrecken Bärbchens Haare starren. Auch

die Frau Truchseß und die beiden älteren Männer waren in angstvoller

Erregung, denn es schien ihnen, als könnte jeden Augenblick die

Tür sich öffnen und Wolodyjowski eintreten, von dem Blute Ketlings

befleckt. --

Der stets milde Michael lastete das erstemal in seinem Leben wie ein

Stein auf den Herzen der Menschen, so daß der bloße Gedanke an ihn sie

mit Entsetzen erfüllte.

Aber die Nacht ging hin ohne eine Nachricht von dem kleinen Ritter. Mit

der Morgendämmerung, als der Sturm sich ein wenig gelegt hatte, machte

sich Sagloba zum zweitenmal nach der Stadt auf. Der ganze Tag war eine

Zeit noch schwererer Unruhe; Bärbchen saß bis zum Abend am Fenster oder

vor dem Tor und schaute nach dem Wege aus, auf welchem Sagloba kommen

mußte. Unterdessen packte das Gesinde auf den Befehl des Herrn Truchseß

langsam die Kisten und Kasten für den Weg. Christine war mit der

Beaufsichtigung dieser Arbeit beschäftigt, denn auf diese Weise konnte

sie sich in der Nähe des Onkels und der Tante und Herrn Saglobas halten.

Obwohl die Frau Truchseß in ihrer Gegenwart bisher nicht mit einem

Worte des Bruders gedacht hatte, so belehrte sie doch das bloße

Schweigen, daß sowohl Michaels Liebe zu ihr, wie ihre früheren geheimen

Verabredungen und ihre jüngste Abweisung bekannt geworden waren. Und

wenn dem so war, konnte sie schwerlich annehmen, daß diese Menschen,

die Michael so nahe standen, ihr nicht gram seien. Die arme Christine

fühlte, daß es so sein müsse und so sei, daß diese ihr bisher in Liebe

zugewandten Herzen sich von ihr abwandten. Darum wollte sie lieber

zurückgezogen bleiben.

Gegen Abend war alles reisefertig, so daß man zur Not noch an demselben

Tage hätte aufbrechen können; aber der Truchseß wartete nur auf

Nachrichten von Sagloba. Das Abendbrot wurde aufgetragen, aber niemand

wollte essen, und der Abend zog sich schwer, unerträglich dumpf hin,

als horchten alle nur auf das Ticken der Uhr.

»Gehen wir hinüber in das Wohnzimmer,« sagte endlich der Truchseß,

»hier ist es nicht mehr auszuhalten.«

Sie gingen hinüber und setzten sich hin; aber ehe jemand ein Wort

hervorbringen konnte, schlugen unter dem Fenster die Hunde an.

»Es kommt jemand!« rief Bärbchen.

»Die Hunde bellen, als käme ein zum Hause Gehöriger,« bemerkte die Frau

Truchseß.

»Still doch!« sagte der Truchseß, »ich höre Getrappel.«

»Still!« wiederholte Bärbchen, » -- ja, es wird immer deutlicher, das ist

Herr Sagloba.«

Bärbchen und der Truchseß sprangen auf und liefen hinaus; der Frau

Truchseß schlug das Herz, aber sie blieb bei Christine, um durch

die übergroße Eile nicht zu verraten, daß Sagloba gar so wichtige

Neuigkeiten bringen könne.

Das Pferdegetrappel wurde ganz in der Nähe des Fensters vernehmbar;

dann hörte es plötzlich ganz auf, im Flure wurden Stimmen laut, und

einen Augenblick später flog die Tür wie vom Sturmwind geöffnet auf,

und Bärbchen stürzte in das Zimmer. Ihr Gesicht war ganz verändert, als

sähe sie ein Gespenst vor sich.

»Bärbchen! Was -- wer?« fragte die Frau Truchseß entsetzt.

Aber ehe Bärbchen Atem schöpfen und antworten konnte, trat der Truchseß

ein; ihm folgte Michael Wolodyjowski und Ketling.

Ketling war so verändert, daß er kaum vermochte, sich tief vor den

Damen zu verneigen; er stand unbeweglich da, den Hut an der Brust, die

Augen geschlossen, einem wundertätigen Bilde ähnlich. Michael umarmte

im Vorübergehen seine Schwester und trat zu Christine heran.

Das Antlitz des Mädchens war bleich wie Linnen und senkte sich erregt;

Michael aber ergriff sanft ihre Hand und drückte sie an die Lippen.

Dann sammelte er sich und begann endlich, sehr traurig, aber vollkommen

ruhig:

»Mein wertes Fräulein, oder richtiger: Meine geliebte Christine,

höre mich ohne Scheu an, denn ich bin kein Skyte und kein Tatar oder

sonst ein Wilder, sondern ein Freund, der, wenn er auch selbst nicht

glücklich ist, doch dein Glück wünscht. Es ist an den Tag gekommen,

daß ihr einander liebet. Fräulein Barbara hat es mir in gerechtem Zorn

auf den Kopf zugesagt, und ich will nicht leugnen, daß ich in der Wut

dieses Haus verlassen habe, um Rache zu nehmen an Ketling ... wer

alles verliert, den packt leicht der Rachedurst, und ich, so wahr mir

Gott lieb, ich habe dich so unendlich geliebt, und nicht bloß wie ein

Jüngling ein Mädchen ... denn hätte ich schon ein Weib, und hätte mir

Gott ein einziges Knäblein oder ein Mägdlein geschenkt, und hätte es

mir dann genommen, ich hätte es nicht so beweint, wie ich dich beweine.«

Hier versagte Michael die Stimme, aber er faßte sich bald wieder und

fuhr fort:

»Nun denn, ich will den Schmerz tragen, hier ist nichts zu tun. Daß

Ketling dich liebgewonnen hat -- kein Wunder; wer würde dich nicht

liebgewinnen, und daß du ihn liebgewonnen, das ist nun mein Schicksal.

Aber wundern kann ich mich auch darüber nicht, denn wie könnte ich

mich mit Ketling vergleichen! Im Felde -- er wird es selbst bezeugen --

stehe ich ihm nicht nach; aber das ist etwas anderes. Gott der Herr

hat den einen reich beschenkt, den anderen karg bedacht, aber durch

Mäßigung entschädigt. Und so hat denn auch mir, als mich unterwegs der

Wind umwehte und als der erste Zorn vorüber war, das Gewissen sogleich

gesagt: Wofür willst du sie strafen, wofür Freundesblut vergießen? Sie

haben sich liebgewonnen, es ist Gottes Wille. Die ältesten Leute sagen,

gegen den Wunsch des Herzens ist auch der Befehl des Hetmans nichts;

Gottes Wille war's, daß sie sich liebgewannen; daß sie keinen Verrat

begingen, ist das Werk ihrer Redlichkeit. Hätte Ketling gewußt, daß du

dich mir versprochen, vielleicht hätte ich ihm zugerufen: Steh' Rede!

Aber selbst das hat er nicht gewußt. Was ist seine Schuld? Nichts. Und

was ist deine Schuld? Nichts. Er wollte davongehen, du wolltest zu Gott

... mein Geschick ist schuld, niemand sonst, denn darin zeigt sich der

Finger Gottes, daß ich in meiner Einsamkeit verbleiben soll ... Nun

habe ich überwunden --«

Wieder brach Michael in seiner Rede ab und begann hastig zu atmen wie

ein Mensch, der nach langem Untertauchen unter dem Wasser an die Luft

gelangt, dann ergriff er Christinens Hand und sagte:

»So lieben, um alles für sich zu begehren, ist keine Kunst. Uns dreien

blutet das Herz -- dachte ich -- so mag doch lieber einer leiden und den

anderen Tröstung gewähren. Christine, gebe dir Gott Glück mit Ketling

... Amen! Gebe dir Gott Glück, Christine, schmerzt es mich auch, es

tut nichts ... gebe dir Gott ... gewiß, es ist nichts, ich hab's

überwunden.«

»Nichts,« sagte der Kriegsheld, und doch knirschte er mit den Zähnen

und verbiß seinen Schmerz, und aus der anderen Ecke des Zimmers tönte

Bärbchens Geheul.

»Ketling, sei glücklich, Bruder!« rief Michael.

Ketling näherte sich, kniete nieder, öffnete schweigend die Arme und

umfaßte in höchster Ehrerbietung und Liebe Christinens Kniee.

Und Michael begann in abgerissenen Worten:

»Umfasse sein Haupt, -- der Gute hat viel gelitten ... Segne Euch Gott

... Du wirst nicht ins Kloster gehen; besser, daß ihr mich segnet, als

daß ihr mir fluchen solltet ... Gott wird über mir sein, wenn mir auch

jetzt sehr bitter ist!«

Bärbchen konnte es nicht länger aushalten und stürzte aus dem Zimmer.

Michael, der das bemerkt hatte, wandte sich an den Herrn Truchseß und

an seine Schwester:

»Geht ins andere Zimmer,« sagte er, »und lasset sie allein; ich will

auch wo anders hingehen, ich will niederknien und meine Seele Gott

befehlen.« Und er ging.

In der Mitte des Korridors begegnete er an der Treppe Bärbchen, an

derselben Stelle, an der sie, vom Zorn hingerissen, Christinens und

Ketlings Geheimnis verraten hatte. Aber jetzt stand sie da, an die

Mauer gelehnt und vom Weinen geschüttelt.

Bei diesem Anblick erfaßte Michael Mitleid mit seinem eigenen

Schicksal. Bisher hatte er sich mit allen Kräften zurückgehalten,

aber jetzt lösten sich die Schleusen seines Schmerzes, und die Tränen

stürzten ihm in Strömen aus den Augen.

»Warum weint Ihr?« rief er klagend.

Bärbchen erhob ihr Köpfchen, drückte wie ein Kind bald das eine

Fäustchen, bald das andere in die Augen, schluchzte auf, schöpfte mit

dem offenen Munde Atem und antwortete unter Tränen:

»Mir ist so weh, o Gott, Ihr seid so brav, Herr Michael, so redlich, o

Gott!«

Da ergriff er ihre Hand und küßte sie in Dankbarkeit und Rührung.

»Gott lohne es Euch, Gott lohne Euer gutes Herz!« sagte er. »Still,

weint nicht.«

Aber Bärbchen begann immer mehr zu schluchzen und zu weinen, jede Fiber

in ihr zitterte vor Schmerz, immer heftiger rang sie nach Atem mit den

offenen Lippen; endlich stampfte sie mit den Füßchen auf den Boden und

schrie so laut, daß es über den ganzen Korridor schallte:

»Törichte Christine! Ich würde einen Michael zehn Ketlings vorziehen.

Ich liebe Herrn Michael aus ganzer Seele ... mehr als die Tante, mehr

als den Onkel, mehr als Christine!«

»Um des Himmels willen, Bärbchen!« rief der kleine Ritter.

Und er nahm sie, um ihren Schmerz zu stillen, in seine Arme, sie aber

drängte sich mit voller Kraft an seine Brust, so daß er ihr Herz pochen

hörte wie das Herz eines matten Vögleins; er umschloß sie noch fester,

und sie hielten sich lange umfangen.

Ein Schweigen trat ein.

»Bärbchen, willst du mich?« fragte der kleine Ritter.

»Ja, ja, ja!« antwortete Bärbchen.

Bei dieser Antwort erfaßte auch ihn die Erregung; er drückte seine

Lippen auf ihren rosigen, jungfräulichen Mund, und wieder hielten sie

sich umfangen.

Draußen rollte eine Britschka heran, und Sagloba stürzte in den Flur,

dann in das Speisezimmer, in welchem der Truchseß und seine Gattin

saßen.

»Michael ist nicht da!« schrie er in einem Atem, »überall habe ich

gesucht. Er ist mit Ketling zusammen gesehen worden, -- sie haben sich

gewiß geschlagen!«

»Michael ist hier,« antwortete die Frau Truchseß, »er hat Ketling

mitgebracht und ihm Christine abgetreten.«

Die Salzsäule, in welche Lots Gattin verwandelt ward, hatte vielleicht

kein so starres Gesicht als Sagloba in diesem Augenblick. Eine lange

Zeit schwieg er, dann rieb er sich die Augen und sagte: »Hm!«

»Christine und Ketling sitzen hier nebeneinander, und Michael ist

hinausgegangen, um zu beten,« antwortete der Truchseß.

Sagloba ging, ohne einen Augenblick zu zögern, in das Zimmer, und

obwohl er schon alles wußte, staunte er zum zweiten Male, da er

Ketling und Christine Stirn an Stirn dasitzen fand. Sie sprangen auf,

waren sehr verwirrt und konnten kein Wort sprechen, besonders da mit

Sagloba auch der Truchseß und seine Gattin hereingetreten waren.

»Meine Dankbarkeit gegen Michael dauert übers Grab,« sagte endlich

Ketling. »Unser Glück ist sein Werk!«

»Segne euch Gott,« sagte der Truchseß, »wir werden Michael nicht

widersprechen.«

Christine warf sich in die Arme der Frau Truchseß, und beide begannen

zu weinen. Sagloba war wie betäubt. Ketling neigte sich zu den Füßen

des Truchseß wie ein Sohn zu den Füßen des Vaters; dieser aber hob

ihn auf und sagte unter der Last der andrängenden Gedanken und in der

Verlegenheit:

»Und den Ubysch hat Deyma getötet, danke Michael, nicht mir.«

Der kleine Ritter (Herr Wolodyjowski): Historischer Roman · 第 20 / 43 题