Und wieder sprach das Leid: »Tue, wie du willst, aber tröste ihn.« --

»Wolodyjowski wird ihn töten,« antworteten sogleich die Gewissensbisse.

Kalter Schweiß bedeckte Christine, und sie setzte sich in ihrem Bette

auf; das helle Licht des Mondes fiel in das Zimmer, das bei dem blassen

Scheine seltsam gespensterhaft aussah.

»Was ist das?« dachte Christine. »Dort schläft Bärbchen; ich sehe sie,

denn der Mond scheint ihr ins Gesicht, und ich weiß nicht, wann sie

gekommen ist, wann sie sich entkleidet und niedergelegt hat; ich habe

doch keinen Augenblick geschlafen. O, ich sehe, mein armer Kopf ist zu

nichts mehr gut.«

Und wieder legte sie sich mit diesen Gedanken hin, aber bald ließen

sich auch Leid und Gewissensbisse auf den Rahmen ihres Bettes nieder,

zwei Göttinnen gleichend, die nach Belieben im Glanze des Mondes

auftauchten oder aus dem silbernen Strom emporkamen.

»Ich werde heute gar nicht schlafen,« sagte Christine zu sich.

Und sie begann an Ketling zu denken und immer mehr zu leiden.

Plötzlich ertönte durch die Stille der Nacht die klagende Stimme

Bärbchens:

»Christine! -- Schläfst du nicht?«

»Mir träumte, daß irgend ein Türkenhund Herrn Michael mit einem Pfeil

getroffen habe; -- o Jesus Christus, Träume sind Schäume! Aber es

schüttelt mich wie im Fieber -- laß uns ein Gebet sprechen, damit Gott

das Unheil wende!«

Christine flog wie ein Blitz der Gedanke durch den Kopf: wenn ihn

doch einer getötet hätte! Aber sofort erschrak sie vor ihrer eigenen

Schlechtigkeit, und obgleich sie sich zu übermenschlicher Kraft erheben

mußte, um in diesem Augenblick um die glückliche Heimkehr Wolodyjowskis

zu beten, antwortete sie doch: »Gut, Bärbchen.«

Dann stiegen sie beide aus ihren Betten, knieten mit nackten Beinen

auf der mondbeleuchteten Diele und begannen ihre Litanei. Ihre Stimmen

klangen wie Frage und Antwort zusammen, bald hoben, bald senkten

sie sich, man hätte meinen können, das Zimmer habe sich in eine

Klosterzelle verwandelt, in welcher zwei weiße Nonnen ihre nächtlichen

Gebete verrichteten.

Am folgenden Tage war Christine schon ruhiger, denn sie hatte sich

aus den verworrenen Pfaden und Irrwegen zwar einen sehr schweren,

aber einen geraden Weg gewählt. Indem sie ihn beschritt, wußte sie

wenigstens, wohin sie ging. Vor allem aber beschloß sie, mit Ketling

zusammenzutreffen und ihn zum letzten Male zu sprechen, um ihn vor

jedem Unheil zu schützen. Es wurde ihr schwer, denn Ketling hatte sich

am folgenden Tage nicht sehen lassen und war auch zur Nacht nicht

heimgekommen.

Christine pflegte nun vor Tag aufzustehen und in die nahe

Dominikanerkirche zu gehen, da sie hoffte, daß sie ihm an einem Morgen

begegnen werde und ohne Zögern mit ihm würde sprechen können.

Sie traf ihn auch wirklich einige Tage später am Kirchentor. Als er

sie bemerkte, zog er den Hut, neigte schweigend den Kopf und stand

regungslos da. Sein Gesicht war von Schlaflosigkeit und Leiden

ermattet, die Augen hohl, und an den Schläfen waren gelbliche Flecken

sichtbar. Seine zarte Gesichtsfarbe war wie Wachs geworden und sah

wie eine prächtige Blume aus, die dahinwelkt. Christinens Herz riß in

Stücke bei diesem Anblick, und obgleich ihr jeder entscheidende Schritt

schwer wurde, da sie von Natur zaghaft war, streckte sie ihm doch

zuerst die Hand entgegen und sagte:

»Möge Euch Gott trösten und Euch Vergessen schenken!«

Ketling nahm ihre Hand, zog sie an seine glühende Stirn, dann an die

Lippen, an die er sie lange und mit ganzer Kraft drückte; endlich

sprach er mit einer Stimme voll von tödlicher Trauer und Ergebung:

»Für mich gibt es keinen Trost, kein Vergessen!«

Christine brauchte in diesem Augenblick die ganze Herrschaft über sich

selbst, um ihm nicht vor Leid die Arme um den Hals zu schlingen und

auszurufen: »Ich liebe dich über alles, nimm mich hin!« -- Sie fühlte,

daß sie dies tun würde, wenn der Schmerz sie fortrisse. Darum stand

sie lange Zeit schweigend vor ihm und rang mit ihren Tränen. Endlich

überwand sie sich und begann ruhig, aber sehr schnell, weil ihr der

Atem fehlte:

»Vielleicht bringt es Euch Trost, wenn ich Euch sage, daß ich keinem

Manne angehören werde ... Ich gehe ins Kloster ... Denkt nicht schlecht

von mir, denn ich bin schon so unglücklich; versprecht mir, gebt mir

Euer Wort, daß Ihr niemand Eure Neigung zu mir anvertrauen werdet ...

daß Ihr niemand bekennen werdet ... daß Ihr das, was vorgefallen,

keinem Freunde, keinem Verwandten entdecken werdet. Dieses ist meine

letzte Bitte. Einst kommt die Zeit, wo Ihr erfahren werdet, warum ich

so handle ... aber dann seid einsichtsvoll. Heute sage ich nichts mehr,

denn ich kann nicht mehr vor Schmerz. -- Versprecht mir das, das wird

mein Trost sein, sonst sterbe ich.«

»Ich verspreche es und gebe mein Wort,« antwortete Ketling.

»Gott wird es Euch lohnen, und ich danke Euch von ganzem Herzen! Aber

in Gegenwart der Menschen zeigt ein ruhiges Gesicht, damit niemand

etwas ahne. Ich muß gehen; Ihr seid so gut mit mir, daß ich es mit

Worten nicht sagen kann. Von nun ab werden wir uns nicht mehr ohne

Zeugen sehen, immer nur vor den Menschen. Saget mir noch, daß Ihr mir

nicht gram seid, denn Leiden ist ein anderes und Gramsein ein anderes

... Gott allein tretet Ihr mich ab, keinem anderen ... seid dessen

eingedenk.«

Ketling wollte sprechen; aber weil er über die Maßen litt, drangen von

seinen Lippen nur undeutliche Töne, Seufzern ähnlich. Dann berührte er

mit den Fingern Christinens Schläfen und hielt sie so eine Zeitlang,

zum Zeichen, daß er ihr verzeihe, und daß er sie segne. Dann trennten

sie sich; sie ging in die Kirche, er wieder auf die Straße, um niemand

von den Bekannten in der Herberge zu treffen.

Christine kehrte erst gegen Mittag wieder und fand bei ihrer Heimkehr

einen ausgezeichneten Gast; es war der Priester Olschowski, der

Unterkanzler. Er war unerwartet zu Herrn Sagloba zu Besuch gekommen,

weil er den Wunsch hegte, wie er selbst sagte, einen so großen

Rittersmann kennen zu lernen, »dessen kriegerische Taten ein Muster,

und dessen Verstand ein Vorbild für die gesamte Ritterschaft dieser

hohen Republik sei.«

Sagloba war zwar höchlich erstaunt, aber nicht minder auch erfreut

darüber, daß ihn eine so große Ehre in Gegenwart der Frauen treffe.

Er blies sich also gewaltig auf, wurde rot, kam in Schweiß, und

gleichzeitig bemühte er sich, der Frau Truchseß zu zeigen, daß er es

gewohnt sei, solche Besuche von den größten Würdenträgern des Landes

zu empfangen, und daß er sich nichts aus ihnen mache. Christine wurde

dem Prälaten vorgestellt, küßte bescheiden seine Hände und setzte sich

neben Bärbchen, froh darüber, daß niemand auf ihrem Gesicht die Spuren

der vorangegangenen Erregungen lesen könne.

Inzwischen überhäufte der Unterkanzler Herrn Sagloba so reichlich mit

Lobeserhebungen, daß es schien, als schüttle er immer neue Vorräte

davon aus seinem violetten, spitzenbesetzten Ärmel.

»Glaubt nicht,« sagte er, »daß mich bloß die Neugier, den ersten Mann

unter der Ritterschaft kennen zu lernen, hierhergeführt hat; denn

wenn auch die Bewunderung die dem Helden gebührende Huldigung ist,

so pflegen doch die Menschen, wo neben dem Mut die Erfahrung und der

Scharfsinn ihren Sitz erwählt haben, auch zu ihrem eigenen Nutzen zu

wallfahrten.«

»Die Erfahrung,« sagte Sagloba bescheiden, »besonders im

Kriegshandwerk, mußte mit den Jahren selber kommen, und vielleicht

fragte mich darum noch der selige Herr Koniezpolski, der Vater des

Bannerträgers, bisweilen um Rat, dann auch Herr Nikolaus Potozki und

Fürst Jeremias, und Herr Sapieha, und Herr Tscharniezki; was aber den

Beinamen Ulysses betrifft, so habe ich ihn aus Bescheidenheit stets

zurückgewiesen.«

»Und doch ist dieser mit Euch so verwachsen, daß die Menschen oft Euren

wahren Namen gar nicht kennen. »Unser Ulysses« sagen sie, und sofort

wissen alle, wen der Sprecher bezeichnen wollte. Und darum, bei den

heutigen schweren und verkehrten Zeiten, wo mancher zögert und nicht

weiß, wohin er sich wenden, auf welche Seite er treten soll, sagte

ich mir, will ich hingehen, will seine Ansichten hören, will mich von

Zweifeln befreien, will mich durch seine weisen Ratschläge erleuchten.

Ihr erratet, daß ich von der bevorstehenden Wahl sprechen will,

angesichts welcher jede Kandidatenzensur einen guten Zweck haben kann,

um wieviel mehr erst eine solche, die Eurem Munde entströmt. Ich habe

schon unter der Ritterschaft mit großem Beifall wiederholt sagen hören,

daß Ihr jene Fremdlinge ungern sähet, die sich an unseren erhabenen

Thron herandrängen. In den Adern der Wasas, so sollt Ihr gesagt

haben, floß das Blut der Jagiellonen, darum haben wir sie nicht als

Fremdlinge ansehen können; aber diese Fremdlinge -- so sollt Ihr gesagt

haben -- kennen weder unsere alten Sitten, noch werden sie unsere alten

Freiheiten zu achten verstehen, und daraus könne leicht ein absolutes

Herrschertum erwachsen. -- Ich erkenne an, daß diese Worte tief sind,

aber verzeiht, wenn ich frage: Habt Ihr sie wirklich gesprochen, oder

schreibt die öffentliche Meinung alle tiefen Sentenzen aus Gewohnheit

in erster Reihe Euch zu?«

»Die Frauen sind meine Zeugen,« antwortete Sagloba, »und wenn auch der

Gegenstand nicht gerade für sie geeignet ist, so mögen sie sprechen,

wenn die Vorsehung in ihren unerforschlichen Ratschlüssen ihnen die

Gaben der Rede gleich wie uns zuerkannt hat.«

Der Unterkanzler blickte unwillkürlich auf Frau Makowiezka hin und dann

auf die beiden aneinandergeschmiegten Mädchen. Es trat eine Stille ein.

Plötzlich ertönte Bärbchens Silberstimme:

»Ich habe nichts gehört.«

Bärbchen geriet in große Verwirrung und wurde bis über die Ohren rot,

besonders als Herr Sagloba sagte:

»Verzeihen, Ehrwürden, Jugend hat keine Tugend, aber betreffs der

Kandidaten habe ich oft gesagt, über die Fremdlinge wird unsere

Freiheit weinen.«

»Auch ich fürchte das,« versetzte der Prälat; »aber wollten wir

auch einen Piasten, Blut von unserem Blut, und Fleisch von unserem

Fleische wählen, -- sagt mir doch, nach welcher Seite hin sollen sich

unsere Herzen wenden? Schon Euer Gedanke an einen Piast ist groß

und verbreitet sich gleich einer Flamme durch das ganze Land, denn

ich höre, daß überall auf den Landtagen, wo die Korruption nicht

überhandgenommen hat, nur eine Stimme laut wird: Ein Piast, Ein Piast!«

»Gewiß, gewiß,« sagte Sagloba.

»Indessen,« fuhr der Unterkanzler fort, »ist es leichter, einen Piasten

zu wählen, als den Erwählten zu finden. Wundert Euch darum nicht, wenn

ich frage: An wen dachtet Ihr?«

»An wen ich dachte?« wiederholte Sagloba; er schob die Lippen vor und

runzelte die Brauen. Es wurde ihm schwer, sogleich eine Antwort zu

finden, denn er hatte bisher nicht nur an niemanden gedacht, er hatte

überhaupt diese Gedanken gar nicht gehabt, die ihm der geschickte

Priester bereits eingeredet hatte. Er wußte das übrigens selbst und

begriff, daß der Kanzler ihn nach einer bestimmten Richtung lenken

wollte; aber er ließ sich absichtlich locken, denn es schmeichelte ihm

das außerordentlich.

»Ich habe nur aus Grundsatz behauptet, wir müssen einen Piasten haben,«

antwortete er endlich, »aber es ist wahr, ich habe noch keinen genannt.«

»Ich habe von den ehrgeizigen Absichten des Fürsten Boguslaw Radziwill

vernommen,« brummte Olschowski so für sich hin.

»Solange Atem in meinem Munde, solange noch ein Tropfen Blutes in

meiner Brust ist,« rief Sagloba mit der Kraft einer tiefen Überzeugung

aus, »wird daraus nichts. Ich wollte nicht leben unter einem Volke,

das so geschändet ist, daß es seinen Verräter und Judas zum Lohne zum

Könige wählt.«

»Das ist nicht nur die Stimme der Vernunft, sondern auch der

Bürgertugend,« murmelte wieder der Unterkanzler.

»Ha!« dachte Sagloba, »willst du mich fangen, so fange ich dich.«

Und Olschowski versetzte wiederum: »Wohin steuerst du, schwankendes

Schifflein meines Vaterlandes, welche Stürme, welche Riffe harren dein?

Wahrlich, es wird schlimm sein, wenn ein Fremdling dein Steuermann

wird, aber es kann nicht anders sein, denn es gibt unter deinen Söhnen

keinen Würdigeren.«

»Condé also, der Lothringer, oder der Fürst von Neuburg? ... Es gibt

kein anderes Mittel.«

»Das kann nicht sein! Ein Piast!« antwortete Sagloba.

»Und wer?« fragte der Priester, dann folgte Schweigen.

Und wieder nahm der Priester das Wort:

»Gibt es auch nur einen, auf den sich alle Stimmen vereinigen würden?

Wo ist jemand, der dem Adel so gefiele, daß niemand gegen seine Wahl

murren sollte? Einen hat es gegeben, der Größte, der Verdienteste:

Deinen Freund, braver Ritter, der wie die Sonne in Ruhm erstrahlte.

Einen hat es gegeben!«

»Fürst Jeremias Wischniowiezki.«

»Ja, Fürst Jeremias! Aber er liegt im Grabe.«

»Sein Sohn lebt,« antwortete Sagloba.

Der Kanzler schloß die Augen und saß eine Zeitlang schweigend da. Dann

hob er den Kopf, blickte Sagloba an und begann langsam:

»Ich danke Gott, daß er mir eingegeben hat, Eure Bekanntschaft zu

suchen! Es ist wahr, der Sohn des großen Jeremias lebt, ein junger,

hoffnungsvoller Fürst, gegen den die heutige Republik bis zum heutigen

Tage eine unbezahlte Schuld abzutragen hat. Aber von dem ungeheuren

Besitz ist ihm als einziges Erbe nur der Ruhm geblieben. Darum, in den

heutigen verderbten Zeiten, wo jeder seine Augen nur dorthin lenkt, wo

das Gold anlockt -- wer wird seinen Namen aussprechen, wer den Mut haben,

seine Kandidatur aufzustellen, Herr Sagloba? -- Wohl, aber werden sich

viele solcher finden? Kein Wunder, daß ein Mann, der sein ganzes Leben

in heldenhaftem Ringen auf allen Schlachtfeldern dahingelebt hat, nicht

zurückschreckt, und auch auf dem Felde der Wahl laut der Gerechtigkeit

huldigt ... Aber werden die anderen ihm folgen?«

Hier versank der Prälat in Gedanken, dann erhob er die Augen und sprach

weiter:

»Gott ist mächtig über alle, -- wer weiß, welches seine Entschlüsse

sind, wer weiß! Wenn ich bedenke, wie der gesamte Adel Euch glaubt

und vertraut, so beobachte ich wahrhaftig mit Erstaunen, daß mir

Hoffnung ins Herz kommt. Sagt mir aufrichtig, hat es für Euch je etwas

Unmögliches gegeben?«

»Nie!« antwortete Sagloba mit Überzeugung.

»Zu schroff darf man diese Kandidatur nicht gleich aufstellen. Mag erst

der Name an die Ohren der Menschen schlagen, aber mag er den Gegnern

nicht zu drohend erscheinen. Mögen sie lieber lachen und höhnen, um

nicht zu kräftige Hindernisse in den Weg zu legen ... Vielleicht gibt

auch der Himmel, daß er plötzlich in die Höhe kommt, wenn die anderen

Parteien gegenseitig ihre Bemühungen vernichten; bahnt ihm langsam

den Weg, werdet nicht müde in der Arbeit, denn er ist Euer Kandidat,

würdig Eures Verstandes, Eurer Erfahrung ... Gott segne Euch in diesen

Bestrebungen!«

»Soll ich voraussetzen,« fragte Sagloba, »daß Ew. Hochwürden auch an

den Fürsten Michael gedacht haben?«

Der Priester zog aus dem Ärmel ein kleines Büchlein, auf welchem in

schwarzen Buchstaben der Titel stand: _Censura candidatorum_.

»Lest; diese Schrift soll für mich antworten.«

Bei diesen Worten schickte sich der Priester an aufzubrechen; Sagloba

aber hielt ihn zurück und sagte:

»Gestattet mir, Hochwürden, noch etwas zu sagen. Vor allem danke

ich Gott, daß das kleine Siegel sich in Händen befindet, welche die

Menschen wie Wachs zu kneten verstehen.«

»Wie?« fragte der Kanzler verwundert.

»Dann aber sage ich Ew. Hochwürden von vornherein, daß die Kandidatur

des Fürsten Michael mir sehr gefällt, denn ich habe seinen Vater

gekannt und geliebt und habe mich unter seiner Führung samt meinen

Freunden geschlagen, die auch aufjubeln werden bei dem Gedanken,

daß sie dem Sohne die Liebe werden erzeigen können, die sie gegen

den großen Vater hatten. Darum erfasse ich mit beiden Händen die

Kandidatur; noch heute werde ich mit dem Herrn Unterkämmerer Krschyzki

sprechen, mit dem ich nahe bekannt und befreundet bin, und der große

Achtung beim Adel genießt, denn es ist wahrlich schwer, ihn nicht zu

lieben. Wir werden dann beide tun, was in unseren Kräften steht, und

gebe Gott, daß wir etwas erwirken!«

»Mögen Euch die Engel geleiten!« versetzte der Priester, »wenn dem so

ist, so sind wir fertig.«

»Mit Erlaubnis, Hochwürden, noch sind wir nicht ganz fertig. Ich

möchte nicht, daß Ew. Hochwürden denken: Ich habe ihm meine eigenen

_desiderata_ eingeredet, ich habe ihm eingeredet, daß er aus eigenem

Verstande des Fürsten Michael Kandidatur erfunden hat; mit einem Worte,

ich habe den Narren in meiner Hand geknetet, als ob es Wachs wäre ...

Hochwürden, ich werde den Fürsten Michael darum aufstellen, weil ich

ihn liebe -- da liegt's. Daß er Euer Hochwürden, wie ich sehe, auch

gefällt -- desto besser ... Ich werde ihn aufstellen, der Fürstenwitwe

zuliebe, meinen Freunden zuliebe, dem Vertrauen zuliebe, das ich zu dem

Verstande habe« -- hier verneigte sich Sagloba -- »aus welchem diese

Minerva entsprungen ist, aber nicht etwa deshalb, weil ich mir wie ein

kleines Kind hätte einreden lassen, es wäre meine Invention; nicht

deshalb endlich, weil ich ein Narr bin, sondern deshalb, weil der alte

Sagloba, wenn ihm ein kluger Mann etwas Kluges sagt, einschlägt und

Topp! ruft.«

Hier verneigte sich der Edelmann noch einmal und verstummte. Der

Priester war anfänglich stark verwirrt, aber da er die gute Laune des

Edelmannes sah, und da die Sache den gewünschten Verlauf nahm, so

lachte er aus vollem Halse, faßte sich an den Kopf und wiederholte:

»Ulysses, Ulysses, beim Himmel, ein wahrer Ulysses! Mein lieber Freund

und Bruder, wer was Gutes schaffen will, muß die Menschen verschieden

zu nehmen wissen; aber mit Euch, sehe ich, muß man geradezu ins

Schwarze. Ihr habt mir vortrefflich gefallen!«

»Ganz wie Fürst Michael mir.«

»Schenke Euch Gott Gesundheit. Ja, ich bin geschlagen, aber ich freue

mich darüber! Ihr habt wohl Grütze im Kopf ... Und dieser Siegelring,

wenn er sich zum Andenken an unsere Begegnung eignet ...«

Sagloba fiel ihm ins Wort: »... Und dieser Siegelring bleibe an seinem

Platze.«

»Tut es schon für mich!«

»Das kann nimmer sein; vielleicht ein andermal ... später einmal, nach

der Wahl.«

Der Priester-Unterkanzler hatte begriffen und drängte nicht länger;

aber er ging mit strahlendem Gesicht hinaus.

Sagloba begleitete ihn bis vor das Tor und brummte, als er zurückkam:

»Ha! Ich habe ihm eine Lehre gegeben, in mir hat er seinesgleichen

gefunden ... Aber die Ehre! Hier werden die Würdenträger vor dem Tore

Auffahrt halten, um einander zuvorzukommen ... bin doch neugierig, was

die Frauen dort denken werden.«

Die Frauen waren in der Tat voll Bewunderung, und Sagloba wuchs bis zur

Decke, besonders in den Augen der Frau Makowiezka. Sie rief ihm auch,

kaum daß er sich zeigte, mit großem Feuer entgegen:

»Ihr habt den weisen Salomo übertroffen!«

Und er war sehr aufgeräumt.

»Wen habe ich übertroffen? Wartet nur, meine Gnädige, Ihr werdet hier

die Hetmane und die Bischöfe und die Senatoren sehen, man wird sie kaum

noch loswerden können, wir werden uns noch vor ihnen verstecken müssen.«

Das weitere Gespräch unterbrach das Eintreten Ketlings.

»Ketling, willst du eine Beförderung?« rief ihm Sagloba, noch ganz von

seiner eigenen Bedeutung berauscht, entgegen.

»Nein,« erwiderte der Ritter traurig, »denn ich werde wieder auf lange

Zeit fort müssen.«

Sagloba sah ihn aufmerksamer an.

»Warum bist du so niedergeschlagen?«

»Eben weil ich fort muß.«

»Wohin?«

»Ich habe Briefe aus Schottland empfangen von den alten Freunden meines

Vaters und den meinigen. Meine Angelegenheiten erfordern durchaus, daß

ich hinkomme, vielleicht auf lange ... Es tut mir leid, von Euch zu

scheiden, aber -- ich muß!«

Sagloba trat in die Mitte des Zimmers, blickte bald Frau Makowiezka,

bald die Mädchen an und fragte:

»Habt ihr's gehört? Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen

Geistes!«

Obwohl Sagloba die Nachricht von Ketlings Reise mit Erstaunen aufnahm,

kamen ihm doch keine Vermutungen, denn man konnte leicht annehmen,

daß Karl II. der Dienste gedachte, welche die Familie Ketling in

den Tagen des Sturmes dem Throne erwiesen, und daß er dem letzten

Abkömmling dieser Familie seine Dankbarkeit bezeigen wollte. Es konnte

sogar auffällig erscheinen, wenn es anders gewesen wäre. Ketling

hatte überdies Herrn Sagloba »überseeische Briefe« gezeigt und ihn

schließlich ganz überzeugt. Andererseits aber drohte gerade die Reise

alle Pläne des alten Edelmannes zu zerstören, und darum dachte er mit

Sorge an das, was kommen würde. Wolodyjowski konnte, wie sein Brief

merken ließ, jede Stunde eintreffen.

»Und die Winde haben ihm in der Steppe den letzten Rest der Trauer

fortgeweht,« dachte Sagloba, »er wird froher wieder heimkehren, als er

fortgereist ist; und da ihn zu Christine der Teufel weiß was hinzieht,

so wird er ihr womöglich bald seine Erklärung machen ... und dann ...

dann wird Christine ihr Einverständnis aussprechen, denn wie sollte

sie einem solchen Manne, überdies dem Bruder der Frau Makowiezka,

Nein sagen, und der arme, allerliebste kleine Heiducke bleibt auf dem

Trockenen sitzen.«

Sagloba aber hatte sich mit dem Starrsinn, der alten Leuten eigen zu

sein pflegt, durchaus in den Kopf gesetzt, Bärbchen mit dem kleinen

Ritter zu vereinigen.

Da halfen weder die Überredungskünste Skrzetuskis noch die Einwände,

die er sich selbst von Zeit zu Zeit machte; oft gab er sich das Wort,

sich in nichts mehr zu mischen, dann aber kehrte er mit um so größerer

Hartnäckigkeit zu dem Gedanken zurück, dieses Paar zu vereinigen.

Ganze Tage überlegte er, wie man es anfangen könne, machte er Pläne,

überdachte er kleine Kriegslisten, und er war so ganz davon erfüllt,

daß er, wenn er glaubte, den richtigen Weg gefunden zu haben, laut

aufschrie, wie nach einer glücklich vollbrachten Handlung:

»Gebe Euch Gott seinen Segen!«

Und in diesem Augenblick sah er den Zusammensturz aller seiner Wünsche

vor sich. Es blieb nichts übrig, als alle Bemühungen aufzugeben und die

Zukunft in Gottes Hand zu legen, denn jeder Schatten einer Hoffnung,

daß Ketling vor seiner Abreise irgend einen entscheidenden Schritt

Christine gegenüber tun würde, konnte in Saglobas Kopf nicht lange

bestehen. In seinem Leid und aus Neugier beschloß er also, den jungen

Ritter auszuforschen, sowohl über den Zeitpunkt wie über das, was er

vor dem Verlassen der Republik zu tun gedenke.

Er bat ihn zu einem Gespräch und sagte mit sorgenvoller Miene:

»Es ist schlimm, ein jeder weiß am besten selbst, was er tun soll, ich

will Euch also nicht zureden, zu bleiben, aber ich möchte gern etwas

über Eure Rückkehr wissen.«

»Kann ich es ahnen, was meiner dort harrt,« antwortete Ketling, »welche

Angelegenheiten, welche Abenteuer? Ich werde einmal zurückkehren, wenn

ich es können werde; ich werde ewig dort bleiben, wenn ich müssen

werde.«

»Du wirst sehen, das Herz wird dich zu uns ziehen.«

»O, wäre mein Grab nirgends anders als in diesem Lande, das mir alles

gab, was es mir geben konnte.«

»Siehst du, in anderen Landen bleibt der Fremde bis an seinen Tod ein

Stiefkind; unsere Mutter aber streckt dir gleich die Arme entgegen und

drückt dich an ihre Brust wie das eigene Kind.«

»Wahr, sehr wahr, ach! Wenn ich nur könnte!... Denn alles kann ich im

alten Vaterland finden, nur das Glück finde ich nicht.«

»Ha, hab ich's dir nicht gesagt: Mache dich ansässig, nimm ein

Weib! -- du wolltest nicht hören; und hättest du ein Weib, du müßtest

wiederkehren, wenn du auch fortgingst, es sei denn, daß du auch dein

Weib durch die empörten Wogen führen wolltest, und das nehme ich nicht

an. Und ich habe dir den Vermittler gemacht; was, du wolltest nicht

hören!«

Und Sagloba begann aufmerksam Ketlings Züge auszuforschen, um aus ihnen

eine Erklärung zu lesen; aber Ketling schwieg, er senkte nur den Kopf

und heftete die Augen auf die Erde.

»Nun, was sagst du darauf?«

»Es war keine Möglichkeit dazu vorhanden,« versetzte der junge Ritter

langsam.

Sagloba begann im Zimmer auf und nieder zu gehen, dann machte er vor

Ketling Halt, legte die Hände auf den Rücken und sagte:

»Und ich sage dir, sie war vorhanden. Wenn sie nicht war, will ich

vom heutigen Tage an nie mehr diesen Leib mit diesem Gurt umbinden!

Christine ist dir geneigt.«

»Gebe Gott, daß sie es bleibe, wenn uns auch Meere scheiden.«

»Nun also?«

»Nichts mehr, nichts mehr.«

»Hast du sie gefragt?«

»O laßt, es ist mir so schon schwer genug, reisen zu müssen.«

»Ketling, willst du, daß ich frage, solange es Zeit ist?«

Ketling dachte: wenn Christine so sehr gewünscht hat, daß ihre

Empfindungen verborgen bleiben, so wird sie vielleicht froh darüber

sein, eine Gelegenheit zu finden, sie offen abzuleugnen. Er sagte daher:

»Ich versichere Euch, daß es keinen Zweck hat, ich bin so fest davon

überzeugt, daß ich alles getan habe, um mir diese Neigung aus dem Kopf

zu schlagen; aber wenn Ihr ein Wunder erwartet, fragt.«

»Ha, wenn du sie dir aus dem Kopfe geschlagen hast,« sagte Sagloba mit

einer gewissen Bitterkeit, »dann ist nichts zu tun. Aber gestatte, daß

ich dir sage, daß ich dich für einen treueren Mann gehalten habe.«

Ketling erhob sich, streckte beide Hände in Fieberhast in die Höhe und

erwiderte mit einer bei ihm ungewohnten Heftigkeit:

»Was würde es mir nutzen, einen jener Sterne zu begehren? Ich kann

nicht zu ihnen emporfliegen, noch können sie zu mir heruntersteigen;

wehe denen, die zum silbernen Mond emporseufzen!«

Aber auch Sagloba wurde zornig und begann zu fauchen. Einen Augenblick

konnte er gar nicht reden, er mußte erst seine Wut überwinden; dann

versetzte er in abgerissenen Worten:

»Mein Lieber, mach' mir nichts weiß; willst du mir aber Reden halten,

so sprich wie zu einem Menschen, der vom Brot und Fleische lebt und

nicht von Bilsenkraut ... Denn wenn ich jetzt verrückt würde und dir

sagen wollte, daß diese meine Mütze _luna_ sei, den man nicht mit der

Hand erreichen könne, so würde ich mit bloßer Glatze in der Stadt

umherlaufen, und die Kälte würde mir in die Ohren beißen wie ein Hund.

Mit solchen Reden kämpfe ich nicht ... Eins aber weiß ich: daß dieses

Mädchen drei Zimmer von hier entfernt sitzt, daß sie ißt und trinkt,

daß sie einen Fuß vor den anderen setzt, wenn sie gehen will, daß

ihre Nase bei der Kälte rot wird, und daß ihr im Sommer heiß ist; daß

es sie juckt, wenn sie eine Mücke sticht, und daß sie _luna_ höchstens

darin ähnlich ist, daß sie keinen Bart hat. Aber auf die Art, wie du

sprichst, kann man auch sagen, daß die Rübe ein Astrolog ist. Was aber

Christine betrifft, so sage ich dir: wenn du es nicht versucht hast,

und wenn du nicht gefragt hast, so ist das deine Sache, aber wenn du

das Mädchen liebst und nun davongehst und dir dabei sagst: _luna_ -- so

kannst du deine Treue wie deinen Verstand mit diesem Halm nähren, und

damit basta!«

Ketling aber versetzte: »Mir ist nicht süß, mir ist bitter von der

Nahrung, von der ich lebe. Ich gehe fort, weil ich muß; ich frage

nicht, weil ich nichts zu fragen habe. Ihr aber beurteilt mich falsch

... Gott weiß, wie falsch.«

»Ketling, ich weiß ja, daß du ein braver Mann bist, aber diese deine

Manier verstehe ich nicht. Zu meiner Zeit, da ging man zum Mädchen und

sagte ihr ins Gesicht: Willst du, so bleiben wir beisammen, willst

du nicht, so kaufe ich dich nicht, und jeder wußte, woran er sich zu

halten habe ... Wenn einer aber ein Stock war und selbst nichts zu

reden wußte, so schickte er einen Beredteren hin. Ich stand dir zu

Diensten, und ich stehe es noch. Ich will hingehen, für dich reden,

will dir Antwort bringen, und danach kannst du reisen oder hierbleiben.«

»Ich reise, es kann nicht anders sein, es wird nicht anders sein.«

»So kommst du zurück?«

»Nein. Tut mir den Gefallen und sprecht nicht mehr davon. Wollt Ihr

um Eurer eigenen Neugier willen fragen, -- tut's, aber nicht in meinem

Namen.«

»Um Gottes willen, Ihr habt wohl schon gefragt?«

»Sprechen wir nicht davon, tut mir den Gefallen.«

»Gut, sprechen wir vom Wetter ... Hol' dich doch das Donnerwetter mit

deinen Manieren! Ja, du mußt abreisen, und ich muß fluchen.«

»Leb wohl.«

»Warte, mein Zorn wird bald vorüber sein! lieber Ketling, warte, ich

habe mit dir zu reden. Wann reisest du?«

»Sobald ich meine Angelegenheiten erledigt habe; ich möchte aus Kurland

ein Viertel meines Erbguts abwarten und dieses Häuschen, in dem wir

gewohnt haben, gern verkaufen, wenn sich ein Kauflustiger fände.«

»Makowiezki wird es kaufen, oder Michael. Du lieber Gott, ohne Abschied

von Michael wirst du doch nicht abreisen?«

»Ich hätte ihm gern von ganzem Herzen Lebewohl gesagt.«

»Er kann jeden Augenblick eintreffen, jeden Augenblick; vielleicht wird

er dir zu Christine zureden.«

Hier unterbrach sich Sagloba, denn es erfaßte ihn plötzlich eine Unruhe.

»Ich bin Michael in bester Absicht gefällig gewesen,« dachte er, »aber

weiß der Teufel, vielleicht gegen seinen Willen; sollte aber eine

Zwietracht zwischen ihm und Ketling daraus entstehen, so mag Ketling

lieber fortgehen.«

Dabei rieb Sagloba seine Glatze mit der Hand.

»Man spricht so dies und das aus aufrichtiger Freundschaft zu dir.

Ich habe dich so lieb gewonnen, daß ich dich auf jede mögliche

Weise hierhalten wollte; darum habe ich dir Christine wie den Speck

aufgestellt ... aber nur aus Freundschaft ... was kümmert mich Alten

das ... gewiß nur aus Freundschaft -- sonst nichts. Ich beschäftige mich

ja nicht mit Ehestiften; wollte ich Ehen stiften, so hätte ich doch mir

eine gestiftet ... Gib das Mäulchen, Ketling ... und ärgere dich nicht.«

Ketling schloß Sagloba, der ganz gerührt war, in seine Arme und ließ

bald eine Flasche bringen. »Nun will ich zur Feier der Abreise täglich

eine solche trinken.«

Und sie tranken. Dann verabschiedete sich Ketling und ging. Der Wein

hatte indessen Saglobas Phantasie angeregt; er dachte sehr lebhaft über

Bärbchen, über Christine, über Wolodyjowski und über Ketling nach;

er verband sie zu Paaren und segnete sie. Endlich wurde ihm nach den

Mädchen bange, und er sagte zu sich:

»Nun muß ich hinein, die Weiber besuchen.«

Die Mädchen saßen im Zimmer auf der anderen Seite des Flures und

stickten. Sagloba begrüßte sie, ging im Zimmer auf und nieder, indem

er die Beine ein wenig nachzog, denn sie folgten ihm nicht mehr wie

früher, besonders nach dem Wein. Er blickte immer wieder zu den

Mädchen hinüber, die ganz nahe aneinander saßen, so nahe, daß das

helle Köpfchen Bärbchens sich fast an das dunkle Christinens anlehnte.

Bärbchen sah ihn aufmerksam an, Christine aber stickte so fleißig, daß

man kaum ihrer Nadel mit den Augen folgen konnte.

»Hm,« machte Sagloba; »hm,« wiederholte Bärbchen.

»Verspotte mich nicht, ich bin ärgerlich.«

»Ihr werdet mir gewiß den Kopf abschneiden!« rief Bärbchen, indem sie

sich erschreckt stellte.

»Mühlrad, Mühlrad, Mühlrad, die Zunge sollte man dir abschneiden.«

Bei diesen Worten trat Sagloba näher an die Mädchen heran, stemmte

plötzlich die Arme in die Seiten und fragte ohne weitere Einleitung:

»Willst du Ketling zum Manne haben?«

»Fünf solche!« antwortete Bärbchen sofort.

»Still, dummes Ding, ich spreche nicht zu dir. Christine, dich meine

ich, willst du Ketling zum Manne haben?«

Christine wurde ein wenig blaß, obgleich sie anfangs glaubte, Sagloba

frage Bärbchen, nicht sie; dann hob sie zu dem alten Edelmann ihre

schönen, dunkelblauen Augen empor und sagte gelassen: »Nein!«

»Nun, ich bitte, nein! -- wenigstens kurz, das lasse ich mir gefallen.

Und warum wollen das Fräulein ihn nicht?«

»Weil ich niemand will.«

»Christine, sag' das anderen!« fiel Bärbchen ein.

»Was hat den Ehestand so in Verruf gebracht?« fragte Sagloba weiter.

»Das ist's nicht, das ist's nicht.«

»Mich zieht's ins Kloster,« antwortete Christine.

In ihrer Stimme lag ein solcher Ernst und eine solche Traurigkeit, daß

sowohl Bärbchen wie Sagloba keinen Augenblick annahmen, daß es Scherz

sein könne. Es erfaßte beide ein so großes Erstaunen, daß sie bald

einander, bald Christine mit großen Augen ansahen.

»He?« machte Sagloba zuerst.

»Es zieht mich ins Kloster,« wiederholte Christine mild.

Bärbchen sah sie wieder und wieder an; plötzlich warf sie ihr die Arme

um den Hals, legte ihre rosigen Lippen an ihre Wange und sprach hastig:

»Christine, ich plärre los! Sag's doch gleich, daß du nur so in den

Wind hineinsprichst, sonst plärr' ich, so wahr Gott lebt, ich plärre

los!«

[Illustration: Dekoration/Kapitelende]

[Illustration: Dekoration/Kapitelanfang]

Der kleine Ritter (Herr Wolodyjowski): Historischer Roman · 第 19 / 43 题