6. Kapitel.

Michael hatte die Erlaubnis, seinen Weg zu wählen, wie er wollte; er

ging nach Tschenstochau an Ännchens Grab. Nachdem er hier den Rest

seiner Tränen ausgeweint, zog er weiter, und unter dem Eindruck der

frischen Erinnerungen kam ihm in den Sinn, daß diese geheimnisvolle

Verlobung mit Christine doch vielleicht verfrüht war. Er empfand, daß

Leid und Trauer etwas Heiliges, Unantastbares in sich hätten, was man

in Frieden lassen müsse, bis es sich von selbst löst wie der Nebel,

der gen Himmel steigt, und der in den unendlichen Räumen des Äthers

verschwindet. Andere zwar, die Witwer geworden, heirateten einen oder

zwei Monate später; -- aber diese hatten nicht bei den Kamaldulensern

begonnen, es hatte sie auch nicht der Schlag des Schicksals an der

Schwelle ihres Glückes nach langen Jahren der Erwartung getroffen.

Und überdies, wenn Leute ohne Bildung die Heiligkeit der Trauer nicht

achteten, ziemte es sich, ihrem Beispiele zu folgen? --

Wolodyjowski zog also, begleitet von Gewissensbissen, nach Reußen.

Er war aber insoweit gerecht, daß er die ganze Schuld auf sich nahm

und nicht etwa auf Christine abwälzte. Im Gegenteil; zu den vielen

beunruhigenden Stimmen, die ihm zuflüsterten, trat auch die, ob nicht

Christine im Grunde ihrer Seele ihm diese Eile übel deuten könnte.

»Sie selbst hätte gewiß nicht so gehandelt,« sagte Michael zu sich

selber, »und da sie eine große Seele hat, verlangt sie unzweifelhaft

auch von anderen diese Größe.«

Und es erfaßte ihn die Furcht, ob er ihr etwa klein erschienen sein

könnte. Aber es war unnütze Furcht. Was kümmerte Christine Michaels

Trauer; wenn er ihr zu viel davon sprach, so erregte das nicht nur

ihre Teilnahme, sondern es reizte sogar ihre Eigenliebe. War etwa sie,

die Lebende, der Toten nicht wert? War sie überhaupt so wenig wert,

daß die verstorbene Anna ihre Rivalin sein konnte? Wäre Sagloba in

das Geheimnis eingeweiht gewesen, er hätte Michael sicherlich damit

beruhigt, daß die Frauen für einander nicht allzuviel Mitleid haben.

Und doch war Christine nach der Abreise Wolodyjowskis sehr erstaunt

über das, was vorgegangen, und daß das Schloß bereits in den Riegel

gefallen war. Als sie nach Warschau reiste, wo sie nie vorher gewesen

war, hatte sie sich vorgestellt, daß alles ganz anders sein würde. Zum

Wahlreichstag und zur Wahl würden die bischöflichen Herren mit Gefolge,

die Würdenträger mit ihren Leuten, eine leuchtende Ritterschaft von

allen Seiten der Republik zusammenkommen. Da würde es Vergnügen,

Lustbarkeiten, Wettkämpfe geben, und mitten in diesem Lärm in den

Scharen der Ritterschaft würde »er« erscheinen.

Der Ritter, wie ihn nur in Träumen die Mädchen sehen; er würde in Liebe

zu ihr entbrennen, unter ihrem Fenster mit der Zither stehen, lange

lieben und seufzen, lange die Farbe der Geliebten im Wappen führen, ehe

er nach zahlreichen Leiden und schwer überwindlichen Hindernissen ihr

zu Füßen fallen und ihre Gegenliebe gewinnen würde.

Nichts von alledem war geschehen. Die farbigen, wie Regenbogen

schillernden Nebel waren zerstoben, und der Ritter war erschienen,

sogar ein ganz außerordentlicher Ritter, der für den ersten Kriegsmann

der Republik galt, ein großer Herr, aber jenem »er« sehr wenig, ja ganz

und gar nicht ähnlich. Auch keine Ritterspiele und keine Laute, keine

Turniere, keine Wettkämpfe, keine farbigen Bänder im Wappen, keine

Lustbarkeiten der Ritterschaft, keine Vergnügungen, all das nicht, was

als ein schöner Traum des Maien, als ein wunderbares Märchen wie der

Duft der Blumen berauscht; wovon das Antlitz in Röte erglüht, das Herz

bebt, der ganze Körper erzittert ... Nur ein kleines Schlößchen hinter

der Stadt, in diesem sie, Herr Michael, dann die Erklärung -- und das

war alles. Alles andere war entschwunden wie die Mondscheibe am Himmel

entschwindet, wenn die Wolke ihn bedeckt ... Wenn dieser Herr Michael

wenigstens am Ende des Märchens gekommen wäre, er wäre willkommen

geheißen worden. Bisweilen, wenn Christine an seinen Ruhm dachte, an

seine Tapferkeit, an seinen Mut, die ihn zum Stolz der ganzen Republik

und zum Schrecken ihrer Feinde gemacht hatten, empfand sie, daß sie ihn

doch sehr liebe, sie glaubte nur, es sei ihr etwas entgangen, es sei

ihr ein Unrecht geschehen -- ein wenig von ihm selber -- oder richtiger

durch die Eile ...

So war diese Eile für beide ein kleiner Nadelstich ins Herz, und da sie

immer weiter voneinander entfernt wurden, begann der kleine Stich ein

wenig zu schmerzen. So pflegt in menschlichen Empfindungen manchmal

etwas wie ein ganz unbedeutender Dorn zu stechen, bald heilt es von

selber zu, bald wächst der Schmerz und fügt selbst der größten Liebe

Leid und Bitterkeit zu. Aber zwischen ihnen war es noch weit entfernt

von Leid und Bitterkeit. Besonders für Michael war Christine eine süße,

beseligende Erinnerung, und ihr Gedenken folgte ihm wie der Schatten

dem Menschen. Er dachte auch, je weiter er sich von ihr entferne, desto

teurer würde sie ihm werden, desto mehr würde er sich nach ihr sehnen,

nach ihr seufzen. Ihr ging die Zeit schwerer dahin, denn seitdem der

kleine Ritter fortgereist war, besuchte niemand mehr Ketlings Haus, und

Tag um Tag ging in Einförmigkeit und Langweile dahin.

Die Frau Truchseß sah der Ankunft ihres Mannes entgegen, zählte

die Tage bis zur Wahl und sprach nur von ihm! Bärbchen wurde sehr

still. Sagloba zog sie auf, daß sie jetzt, nachdem sie Nowowiejski

den Abschied gegeben, sich nach ihm zurücksehne. In der Tat hätte

sie lieber gesehen, daß wenigstens er gekommen wäre, aber er hatte

sich gesagt: Du hast hier nichts zu schaffen, und rückte kurz nach

Wolodyjowski aus. Auch Sagloba wollte wieder zu den Skrzetuskis

zurückkehren und sprach immer davon, wie bange ihm nach den

Provinzialen sei; aber er war träge und verschob seine Abreise von Tag

zu Tag. Bärbchen setzte er auseinander, sie sei die Ursache seiner

Verzögerung, denn er sei in sie verliebt und habe die Absicht, um ihre

Hand anzuhalten.

Inzwischen leistete er Christine Gesellschaft, wenn Frau Makowiezka

mit Bärbchen zur Frau Kämmerer fuhr. Christine begleitete sie nie

bei diesen Besuchen, denn die Frau Kämmerer hatte trotz ihrer Güte

Christine nicht gern. Aber oft begab sich auch Sagloba nach Warschau,

wo er in artiger Gesellschaft die Zeit hinbrachte. Bisweilen kehrte

er erst am folgenden Tage berauscht zurück, und da war Christine ganz

allein und brachte die einsamen Stunden in Gedanken hin; bald dachte

sie an Wolodyjowski, bald auch daran, was da hätte geschehen können,

wenn jenes Schloß nicht ein für allemal in den Riegel gefallen wäre;

oft sogar, wie wohl jener unbekannte Nebenbuhler Michaels ausgesehen

hätte, der Prinz aus dem Märchenland ...

So saß sie einstmals am Fenster und schaute in Gedanken auf die Tür

des Zimmers hin, auf welche ein greller Schein der untergehenden Sonne

fiel, als plötzlich Schlittengeläut von der anderen Seite des Hauses

hörbar wurde. Christine fuhr es durch den Sinn, daß Frau Makowiezka

mit Bärbchen heimgekommen sein müsse; aber das brachte sie nicht von

ihren Gedanken ab, und sie wandte nicht einmal die Augen von der Tür.

Indessen öffnete sich die Tür, und auf dem Grund der dunklen Tiefe

erschien den Augen des Mädchens ein unbekannter Mann.

Im ersten Augenblick schien es Christine, als sähe sie ein Bild,

oder als sei sie eingeschlummert und träume, so wunderbar war die

Erscheinung, die vor ihr stand ... Der Unbekannte war ein junger Mann

in schwarzem, fremdländischem Gewande mit einem weißen Spitzenkragen,

der bis auf die Arme herabfiel. In ihrer Kinderzeit hatte Christine

einmal Herrn Arzischewski, General der Artillerie, in ähnlicher Tracht

gesehen, und er war ihr wegen dieser Tracht wie auch wegen seiner

ungewöhnlichen Schönheit lange im Gedächtnis geblieben. Und ganz so

war dieser Jüngling gekleidet, nur, daß er durch seine Schönheit bei

weitem Herrn Arzischewski in den Schatten stellte und alle Männer, die

auf Erden wandelten. Sein prächtiges Haar, über der Stirn gleichmäßig

geschnitten, fiel in hellen Locken zu beiden Seiten seines Antlitzes

herab. Seine Augenbrauen waren dunkel und hoben sich deutlich von

seiner marmorweißen Stirn ab, seine Augen schwärmerisch traurig,

sein Schnurrbart und sein spitzer Kinnbart blond. Es war ein Kopf

ohnegleichen, in welchem Edelmut und Tapferkeit vereint waren, der Kopf

eines Engels und eines Ritters.

Christine stockte der Atem im Busen, denn sie sah und glaubte ihren

Augen nicht, und sie konnte nicht feststellen, ob sie eine Täuschung

oder einen wirklichen Menschen vor sich habe. Er stand eine Weile

unbeweglich da, erstaunt oder doch aus Höflichkeit Erstaunen heuchelnd

über Christinens Schönheit; endlich trat er näher herein, neigte den

Hut bis zum Fußboden und begann mit der Feder über die Diele zu fahren.

Christine erhob sich; die Füße zitterten unter ihr, und ihre Augen

schlossen sich, während ihr Antlitz bald bleich, bald rot wurde.

Da ertönte seine tiefe, samtweiche Stimme:

»Ich heiße Ketling of Elgin und bin Wolodyjowskis Freund und

Waffenbruder. Die Dienerschaft hat mir schon gesagt, daß ich das

unaussprechliche Glück und die Ehre habe, unter meinem Dache die

Schwester und die Verwandten meines Kriegsherrn zu bewirten; aber

verzeiht, edles Fräulein, meine Verwirrung, denn die Dienerschaft hat

mir nicht gesagt, was meine Augen sehen, und diese Augen können diesen

Glanz nicht ertragen ...«

Mit einem solchen Kompliment begrüßte sie der ritterliche Ketling;

sie aber konnte ihm nicht mit einem gleichen heimzahlen, denn sie

war keines Wortes mächtig. Sie vermutete nur, daß er nach dem Schluß

dieser Rede ihr eine wiederholte Verbeugung machte, denn sie hörte

in der Stille wieder das Rauschen der Feder gegen den Fußboden. Sie

fühlte auch, daß sie etwas sagen müsse und die Freundlichkeit mit einer

Freundlichkeit zu erwidern habe, da sie sonst für wenig höflich gelten

könne; aber der Atem fehlte ihr, die Pulse in den Schläfen und in der

Hand pochten, der Busen hob und senkte sich, als wäre sie ermüdet. Sie

öffnet die Augenlider, er steht vor ihr mit etwas gesenktem Haupte, mit

Bewunderung und Achtung in seinem wunderbaren Gesicht. Mit zitternden

Händen griff Christine an ihr Kleid, um wenigstens einen Knix vor ihm

zu machen. Zum Glück ertönte in diesem Augenblick hinter der Tür der

Ruf »Ketling, Ketling!« und in das Zimmer stürzte mit geöffneten Armen

keuchend Herr Sagloba.

Sie fielen sich um den Hals, und in dieser Zeit bemühte sich das

Mädchen, zu sich zu kommen und zugleich zwei-, dreimal auf den jungen

Ritter hinzublicken. Er hielt Herrn Sagloba in herzlicher Umarmung

mit dem außerordentlichen Adel in jeder Bewegung, die er entweder von

seinen Ahnen ererbt oder an den vornehmen Höfen der Könige und Magnaten

sich angeeignet hatte.

»Wie geht es dir?« rief Sagloba; »ich heiße dich in deinem Hause

willkommen wie in meinem eigenen. Laß dich ansehen ---- ha, du

bist heruntergekommen! ... Etwa die Liebe? Bei Gott, du bist

heruntergekommen! -- Weißt du, Michael ist zum Heere abgereist. O, das

hast du vortrefflich gemacht, daß du hergekommen bist. Michael denkt

gar nicht mehr ans Kloster. Seine Schwester ist hier mit zwei jungen

Mädchen -- Mädchen wie die Aprikosen. Jesiorkowska heißt die eine,

Drohojowska die andere. -- Beim Himmel, Fräulein Christine ist hier! --

o, ich bitte um Verzeihung, aber die Augen mögen dem aus dem Kopfe

springen, der Euch die Schönheit absprechen wollte, und der junge Herr

hier muß die Eure schon kennen.«

Ketling verneigte zum drittenmal sein Haupt und sagte lächelnd:

»Ich habe mein Haus verlassen als ein Zeughaus und treffe einen Olymp

an, denn ich habe bei meinem Eintritt eine Göttin gesehen.«

»Ketling, wie geht es?« rief Sagloba zum zweitenmal, denn ihm genügte

die eine Begrüßung nicht, und er faßte ihn noch einmal in seine Arme.

»Das ist noch gar nichts,« sagte er, »den kleinen Heiducken hast du

noch gar nicht gesehen. Die eine ist schön, aber auch die andere ist

Honig, -- Honig sage ich dir! Wie geht's dir, Ketling? Erhalte dich

Gott bei Gesundheit! -- Ich werde zu dir »du« sagen! Einverstanden? Mir

Altem ist das geschickter ... Freust du dich über deine Gäste, was?

... Frau Makowiezka ist hierhergekommen, denn während der Zeit des

Wahlreichstags war es schwer um eine Herberge, aber jetzt ist es schon

leichter, und sie wird wohl ausziehen, denn es ziemt doch nicht, mit

jungen Damen in eines Junggesellen Hause zu wohnen, damit die Leute

nicht den Mund verziehen und was zum Schwatzen haben.«

»Bei Gott, das gestatte ich nicht! Ich bin nicht Wolodyjowskis Freund,

ich bin sein Bruder, darum kann ich Frau Makowiezka als meine Schwester

unter meinem Dache aufnehmen. An Euch, mein Fräulein, wende ich mich

zuerst um Fürsprache, und wenn es nötig ist, will ich auf meinen Knieen

darum bitten.«

Bei diesen Worten kniete er vor Christine nieder, umfaßte ihre Hand,

drückte sie an die Lippen und schaute flehend -- froh und traurig

zugleich -- in ihre Augen. Sie aber wurde rot, besonders weil Sagloba

ausrief:

»Kaum angekommen, liegt er schon vor ihr auf den Knieen -- bei Gott, das

sage ich Frau Makowiezka, daß ich Euch so angetroffen habe! Scharf,

Ketling! ... Erkennt daran seine höfischen Sitten, Fräulein!«

»Ich bin der höfischen Sitten nicht kundig,« flüsterte das Mädchen in

größter Verwirrung.

»Kann ich auf Eure Fürsprache rechnen?« fragte Ketling.

»Steht doch auf!«

»Kann ich auf Eure Fürsprache rechnen? Ich bin Michaels Bruder, ihm

geschieht ein Unrecht, wenn dieses Haus verödet!«

»Hier hilft mein Wollen nichts,« antwortete Christine, die schon mehr

zu sich gekommen war, »wenn ich auch für das Eure dankbar sein muß.«

»Ich danke,« versetzte Ketling und drückte ihre Hand an den Mund.

»Ha, draußen ist's eiskalt, und Cupido ist nackt, aber ich denke, wenn

er hierherkommt, in diesem Hause wird er nicht frieren!« rief Sagloba.

»Ich sehe schon, vor lauter Seufzern wird es tauen, nur vor Seufzern.«

»Laßt das!« sagte Christine.

»Ich danke Gott, daß Ihr Euren jovialen Humor nicht verloren habt,«

sagte Ketling, »denn Heiterkeit ist ein Zeichen der Gesundheit.«

»Und das reine Gewissen, das reine Gewissen!« versetzte Sagloba. »Der

Weise sagt: Wen es juckt, der kratze sich -- und mich juckt es nicht,

darum bin ich lustig. O, bei den Ungläubigen, was sehe ich! Habe ich

dich nicht in polnischer Tracht gesehen, im Luchskalpak und mit dem

Säbel, und nun hast du dich wieder in so einen Engländer verwandelt und

gehst auf dünnen Füßchen einher wie ein Kranich?«

»Weil ich lange Zeit in Kurland gewesen bin, wo man die polnische

Tracht nicht trägt, und weil ich zwei Tage bei dem englischen

Residenten in Warschau verbracht habe.«

»So kommst du aus Kurland?«

»Ja, mein Adoptivvater ist gestorben und hat mir ein zweites Gut

hinterlassen.«

»Friede seiner Asche! War er ein Katholik?«

»Ja, Katholik.«

»So hast du wenigstens einen Trost. Und wirst du uns wegen jenes

kurländischen Erbes nicht verlassen?«

»Hier will ich leben und sterben,« antwortete Ketling mit einem Blick

auf Christine.

Und sie senkte ihre langen Wimpern zu Boden.

Frau Makowiezka kam, als es völlig dunkel geworden war, und Ketling

ging ihr bis zum Tore entgegen und führte sie wie eine regierende

Fürstin mit großer Achtung ins Haus. Sie wollte gleich für den

anderen Tag ein anderes Unterkommen in der Stadt suchen, aber all ihr

Widerstand war vergeblich. Der junge Ritter bat so lange, berief sich

so lange auf seine Brüderschaft mit Wolodyjowski, kniete so lange, bis

sie ihre Zustimmung gab, auch fernerhin bei ihm wohnen zu bleiben. Es

wurde nur bestimmt, daß auch Herr Sagloba noch eine Zeitlang dableibe,

damit er mit seiner Würde und seinem Alter die Frauen gegen böse Zungen

schütze. Er ging sehr gern darauf ein, denn er hatte zu dem kleinen

Heiducken eine große Zuneigung gefaßt und begann auch gewisse Pläne

zu schmieden, die durchaus seine Anwesenheit erforderten. Die Mädchen

waren beide froh, und Bärbchen nahm gleich von Anfang offen Partei für

Ketling.

»Heute werden wir so wie so nicht davongehen,« sagte sie zu der

zögernden Frau Truchseß, »und schließlich, ob wir einen Tag oder

zwanzig hierbleiben, das ist schon ganz gleich.«

Ketling gefiel ihr, wie auch Christinen, denn er gefiel allen Frauen;

Bärbchen hatte auch noch nie einen ausländischen Herrn gesehen außer

den Offizieren von fremdem Fußvolk, Männer von geringerem Range und

ziemlich niederer Stellung. Sie ging, den Kopf schüttelnd und ihre

Nasenflügel bewegend, mit kindlicher Neugier um ihn herum, mit so

aufdringlicher Neugier, daß sie eine leise Rüge von Frau Makowiezka

anhören mußte. Aber trotz der Rüge hörte sie nicht auf, ihn mit

den Augen auszuforschen, als wollte sie seinen ganzen soldatischen

Wert abschätzen, und endlich fing sie an, Herrn Sagloba über ihn

auszufragen.

»Ist er ein großer Krieger?« fragte sie den alten Edelmann leise.

»Es kann keinen größeren geben! Siehst du, er hat eine ungeheure

Erfahrung, denn seit dem vierzehnten Lebensjahre hat er gegen die

sektierenden Engländer gekämpft auf der Seite des wahren Glaubens. Er

ist ein Edelmann von höchster Abkunft, was man auch an seinen vornehmen

Sitten leicht erkennen kann.«

»Habt Ihr ihn im Feuer gesehen?«

»Tausendmal! Er steht fest und runzelt nicht einmal die Stirn; er

streichelt nur sein Pferd am Halse, als wollte er mit ihm von Liebe

sprechen.«

»Ist das Mode, in solchen Fällen von Liebe zu sprechen, was?«

»Es ist Mode, alles zu tun, wodurch man seine Verachtung für die

feindliche Kugel zeigt.«

»Und im Handgemenge, im Einzelkampf ist er auch groß?«

»Kolossal!«

»Und würde er Herrn Michael standhalten?«

»Michael würde er nicht standhalten.«

»Ha!« rief Bärbchen mit freudigem Stolze aus, »ich habe es gewußt,

daß er ihm nicht standhält, ich hab's gleich gedacht, daß er nicht

standhält.« Und sie klatschte in die Hände.

»So tretet Ihr für Michael ein?« fragte Sagloba.

Bärbchen schüttelte den Kopf und schwieg. Nach einer Weile erst hob ein

leiser Seufzer ihren Busen.

»Ei was, ich freue mich, weil er unser ist.«

»Aber das merkt Euch und haltet fest, kleiner Heiduck,« sagte Herr

Sagloba, »wenn es auf dem Schlachtfelde schwerlich einen besseren gibt

als Ketling, so ist er für die Frauen noch mehr gefährlich, denn sie

lieben ihn wahnsinnig wegen seiner Schönheit. Er ist auch ein großer

Praktiker in der Liebe!«

»Sagt das Christine, denn ich denk' an solche Dinge nicht,« sagte

Bärbchen und rief, zu Fräulein Drohojowska gewandt: »Christine,

Christine, auf ein Wort!«

»Nun?« sagte Fräulein Drohojowska.

»Herr Sagloba sagt, kein Mädchen sähe Ketling an, ohne sich in ihn zu

verlieben. Ich habe ihn schon von allen Seiten angesehen, und mir ist

gar nichts. -- Und du? Fühlst du schon etwas?«

»Aber Bärbchen, Bärbchen!« sagte Christine in vorwurfsvollem Tone.

»Gefällt er dir, was?«

»Sei doch still, laß doch. Liebes Bärbchen, schwatz' doch nicht, Herr

Ketling kommt gerade.«

Noch hatte Christine sich nicht niedersetzen können, als Ketling

hereintrat und fragte:

»Darf man sich den Damen anschließen?«

»Wir bitten sehr,« antwortete Fräulein Jesiorkowska.

»Ich frage also schon kühner: Wovon sprachen die Damen?«

»Von der Liebe,« rief Bärbchen ohne Zögern.

Ketling nahm neben Christine Platz. Eine Weile schwiegen sie, denn

Christine, die sonst immer sehr geistesgegenwärtig war, wurde diesem

Ritter gegenüber sehr zaghaft.

»War wirklich von einem so anmutigen Gegenstand die Rede?« fragte

Ketling.

»Ja,« antwortete Fräulein Drohojowska mit halber Stimme.

»Ich würde zu gern Ihre Meinung hören.«

»Verzeihen Sie, mein Herr, mir fehlt der Mut sowohl wie der Witz, und

ich denke auch, ich würde eher von Ihnen etwas Neues hören.«

»Christine hat recht,« warf Sagloba ein; »wir hören also.«

»Fragen Sie, mein Fräulein,« antwortete Ketling.

Er richtete seine Augen halb empor, versank in Gedanken und begann,

ohne daß sie fragte, als ob er zu sich selbst spräche:

»Die Liebe ist ein schweres Leid, denn durch sie wird der freie Mensch

ein Sklave. Gleich wie der Vogel vom Pfeil durchbohrt zu den Füßen des

Jägers niederfällt, so hat auch der Mensch, von der Liebe getroffen,

nicht mehr die Kraft, von den geliebten Füßen aufzufliegen ... Lieben

heißt gebrechlich sein, denn der Mensch sieht wie der Blinde die Welt

über seiner Liebe nicht ... Liebe ist Traurigkeit, denn wann fließen

mehr der Tränen, wann entringen der Brust sich mehr der Seufzer? Wer

liebt, für den gibt es keinen Schmuck mehr, keine Lustbarkeit; dasitzen

möchte er, die Hände um die eigenen Kniee geschlungen und sehnsüchtig

bangend wie der, der einen teuren Angehörigen verloren hat ... Liebe

ist eine Krankheit, denn wie bei der Krankheit wird das Antlitz blaß,

die Augen hohl, zittern die Hände und werden die Finger hager, und der

Mensch denkt an den Tod, oder er geht wie im Irrsinn einher, spricht zu

dem Monde, zeichnet den teuren Namen in den Sand, und wenn der Wind ihn

verweht, dann sagt er: »O Unglück!« und bricht in Seufzer aus.«

Hier versank Ketling eine Weile in Schweigen; man hätte glauben mögen,

er sei untergegangen in Erinnerungen. Christine lauschte seinen Worten

wie einem Liede mit ganzer Seele. Ihre beschatteten Lippen öffneten

sich, ihre Augen wichen nicht von dem schneeweißen Antlitz des Ritters.

Bärbchen waren die Stirnhaare ganz über die Augen gefallen, so daß man

nicht erkennen konnte, was sie wohl denke; aber auch sie saß still da.

Da gähnte plötzlich Herr Sagloba laut auf, reckte sich, streckte die

Füße und sagte:

»Von solcher Liebe kannst du den Hunden Stiefeln nähen lassen.«

»Und doch,« begann der Ritter von neuem, »ist lieben schwer, so ist

nichtlieben noch schwerer. Denn wen mag, ohne Liebe, die Freude, der

Ruhm, Reichtümer, Wohlgerüche und Kleinodien befriedigen? Wer wird der

Geliebten nicht sagen: Du bist mir mehr als ein Königreich, mehr als

ein Szepter, mehr als die Gesundheit, mehr als ein langes Leben? Und da

jeder von uns gern sein Leben hingäbe für die Liebe, so ist die Liebe

mehr wert als das Leben.«

Ketling war zu Ende gekommen. Die Mädchen saßen eine an die andere

geschmiegt und bewunderten das Gefühl, das aus seiner Rede sprach,

und diese Liebesdeutungen, welche den polnischen Herren fremd waren;

bis endlich Sagloba, der gegen das Ende eingeschlummert war, erwachte

und mit den Augen blinzelnd bald die eine, bald die andere, bald den

dritten anblickte und, seine Sinne sammelnd, mit lauter Stimme fragte:

»Nun, was sagt ihr?«

»Wir sagen Euch gute Nacht!« rief Bärbchen.

»Oho, ich weiß schon, wir sprachen von der Liebe. Wie war das Ende?«

»Das Unterfutter war besser als der Mantel.«

»Ohne Zweifel! Aber es hat mich müde gemacht, denn lieben heißt

weinen und greinen. Und ich habe noch einen Reim gefunden: Kummer und

Schlummer ... und das letzte ist gewiß das beste, denn es ist spät.

Gute Nacht, die ganze Gesellschaft, und laßt die Liebe schon in Frieden

... Du lieber Gott, so lange der Kater miaut, frißt er den Speck

nicht, und dann beleckt er sich ... Auch ich war vor Zeiten Ketling

ähnlich wie ein Wassertropfen dem anderen, und liebte so wahnsinnig,

daß mich ein Schafbock eine Stunde lang von hinten hätte stoßen können,

ehe ich's bemerkt haben würde. Aber im Alter ziehe ich es vor, mich

auszuruhen, besonders wenn der höfliche Wirt mich nicht nur begleitet,

sondern auch den Betttrunk bringt.«

»Zu Euren Diensten,« sagte Ketling.

»Gehen wir, gehen wir. Seht, wie hoch der Mond schon steht! Schönes

Wetter für morgen, der Himmel ist mit Sternen besäet, und es ist hell

wie am lichten Tag. Ketling würde euch die ganze Nacht hindurch von der

Liebe sprechen, aber bedenkt, Mädchen, daß er müde ist.«

»Ich bin nicht müde, denn ich habe zwei Tage in der Stadt geruht; ich

fürchte nur, daß die Damen nicht gewohnt sind zu wachen.«

»Die Nacht würde schnell dahingehen, wenn wir Euch zuhörten,« sagte

Christine.

»Eine Nacht gibt es nicht, wo die Sonne scheint,« antwortete Ketling.

Dann trennten sie sich, denn es war in der Tat schon spät. Die Mädchen

schliefen zusammen und plauderten gewöhnlich, bevor sie einschliefen.

An diesem Abend aber konnte Bärbchen von Christine kein Wort

herauslocken; so sehr die eine Lust hatte, sich zu unterhalten, so sehr

war die andere schweigsam und antwortete nur mit hingeworfenen Worten.

Wenn Bärbchen, von Ketling sprechend, witzig werden wollte und ihn ein

wenig verspottete, auch ein wenig nachahmte, umfaßte Christine mit

großer Zärtlichkeit ihren Hals und bat sie, die Torheiten zu lassen.

»Er ist hier Wirt, Bärbchen,« sagte sie, »wir wohnen unter seinem

Dache, und ich habe bemerkt, daß er dich vom ersten Augenblicke

liebgewonnen hat.«

»Woher weißt du das?« fragte Bärbchen.

»Wer würde dich nicht liebgewinnen! Dich lieben alle ... auch ich sehr!«

Bei diesen Worten brachte sie ihr süßes Gesicht dem Gesicht Bärbchens

näher, drückte sie an sich und küßte sie auf die Augen.

Endlich gingen sie zur Ruhe; aber Christine konnte lange Zeit nicht

einschlafen. Eine Unruhe hatte sie erfaßt; bisweilen schlug ihr Herz so

mächtig, daß sie beide Hände an ihre atlasweiße Brust preßte, um das

Pochen zu dämpfen. Bald wieder schien es ihr, besonders, wenn sie die

Augen zu schließen versuchte, als neigte ein Kopf, schön wie ein Traum,

sich über sie, und als flüstere ihr eine Stimme ins Ohr: »Du bist mir

teurer als ein Königreich, als ein Szepter, als die Gesundheit, als

langes Leben.«

Einige Tage darauf schrieb Sagloba an Skrzetuski einen Brief, der also

schloß:

»Wenn ich also vor der Wahl nicht nach Hause komme, wundert Euch

nicht. Es geschieht nicht aus geringer Neigung zu Euch, sondern weil

der Teufel die Hand im Spiele hat, und ich nicht mag, daß mir statt

eines Vogels was Garstiges in der Hand bliebe. Es müßte schlimm sein,

wenn ich Michael bei seiner Heimkehr nicht bald sagen könnte: die

da ist verlobt, und der kleine Heiduck ist frei. Alles liegt in der

Hand Gottes, und ich denke, es wird dann nicht nötig sein, Michael zu

stoßen, noch lange Beobachtungen zu machen, und Ihr kommt dann schon

zur fertigen Erklärung her. Indessen werde ich wie Ulyssus handeln

müssen und allerhand Kniffe gebrauchen, auch ein wenig Farbe hinzutun,

was mir nicht leicht werden wird; denn ich habe mein Leben lang die

Wahrheit höher gestellt als alle Kostbarkeiten und stets mich nur von

ihr genährt. Aber für Michael und den kleinen Heiducken werde ich auch

das über mich gewinnen, denn sie sind beide pures Gold. Und nun umarme

ich Euch beide und drücke Euch ans Herz, und empfehle Euch der Gnade

des allerhöchsten Gottes.«

Nachdem er fertig geschrieben hatte, schüttelte Sagloba Sand über den

Brief, dann schlug er mit der Hand darauf, las ihn noch einmal, indem

er ihn fern von den Augen hielt, dann legte er ihn zusammen, nahm den

Siegelring vom Finger, leckte mit der Zunge daran und bereitete sich

zum Stempeln vor. Bei dieser Tätigkeit überraschte ihn Ketling.

»Guten Tag!«

»Guten Tag, guten Tag!« erwiderte Sagloba. »Das Wetter ist Gott sei

Dank vortrefflich, und ich denke bald einen Boten an die Skrzetuskis zu

senden.«

»Grüßt sie, bitte, von mir.«

»Das habe ich schon getan; ich habe mir bald gesagt: man muß von

Ketling einen Gruß beifügen; die beiden werden sich freuen, wenn sie

gute Nachrichten bekommen. Es ist doch klar, daß ich von dir gegrüßt

habe, da die ganze Epistel von dir und dem Mädchen handelt.«

»Wie?« sagte Ketling.

Sagloba legte die Hände auf die Kniee, spielte mit den Fingern, senkte

den Kopf und blickte von unten herauf zu Ketling.

»Mein lieber Ketling, man braucht nicht gerade ein Prophet zu sein, um

vorherzusagen, daß, wo Feuerstein und Zunder ist, früher oder später

Funken fallen werden. Du bist unter den Schönen der Schönste, und den

Mädchen, denke ich, kannst du auch nichts nachsagen.«

Ketling geriet in große Verwirrung.

»Blind müßte ich sein oder ein großer Barbar,« sagte er, »wenn ich ihre

Schönheit nicht sehen, nicht preisen sollte.«

»Ah, siehst du,« versetzte Sagloba, indem er Ketling lächelnd in das

erglühende Antlitz schaute. »Wenn du kein Barbarus bist, so ziemt es

dir nicht, beide zum Ziele zu wählen, denn so machen es nur die Türken.«

»Wie könnt Ihr vermuten ...«

»Ich vermute auch nicht, ich sage bloß so zu mir selber. ... Ei, du

Verräter hast ihnen so viel von Liebesdingen vorgemacht, daß Christine

seit drei Tagen bleich umhergeht, als nähme sie Arznei. Ha, kein

Wunder! Als ich jung war, stand ich selbst im Frost unter dem Fenster

einer Schwarzbraunen (sie hatte einige Ähnlichkeit mit Fräulein

Drohojowska), und ich erinnere mich noch, wie ich sang: »Schläfst

dort, Mädchen, hinterm Gitter, und ich spiele hier die Zither, _hoc,

hoc_.« Willst du, so leihe ich dir dies Lied, oder ich komponiere dir

ein neues, denn an Genie fehlt es mir nicht. Hast du bemerkt, daß

Fräulein Drohojowska eine gewisse Ähnlichkeit mit dem früheren Fräulein

Billewitsch hat? -- Nur daß die andere flachsblonde Haare hatte, und

daß ihr der Flaum über der Lippe fehlte. Aber es gibt Menschen, die

darin eine hohe Schönheit sehen und das als eine Rarität betrachten.

Sie scheint dir gewogen zu sein, -- ich habe das soeben den Skrzetuskis

geschrieben; -- nicht wahr, ist sie nicht der Billewitsch ähnlich?«

»Im ersten Augenblick habe ich die Ähnlichkeit nicht bemerkt, aber es

kann sein. In Wuchs und Haltung erinnert sie an jene.«

»Nun, so höre, was ich dir sagen will. Ich will dir die Geheimnisse der

Familie auftun; aber da auch du mein Freund bist, so mußt du wissen:

nimm dich in acht, daß du dem Wolodyjowski nicht mit Undank lohnest,

denn Frau Makowiezka und ich haben eines dieser Mädchen für ihn

bestimmt.«

Hier blickte Sagloba unverwandt forschend in Ketlings Augen; dieser

aber wurde bleich und fragte:

»Welche?«

»Fräulein Dro -- ho -- jow -- ska,« sagte Sagloba langsam.

Und indem er die Unterlippe vorschob, begann er unter den

zusammengezogenen Augenbrauen mit seinem gesunden Auge zu blinzeln.

Ketling schwieg, bis endlich Sagloba fragte:

»Was sagst du dazu, nun?«

Und Ketling antwortete mit veränderter, aber kraftvoller Stimme:

»Ihr könnt sicher sein, daß ich mein Herz nicht zu Michaels Schaden

lenken werde.«

»Bist du dessen gewiß?«

»Viel habe ich im Leben durchgemacht,« versetzte der Ritter, -- »mein

Ehrenwort.«

Da schloß Sagloba ihn in die geöffneten Arme.

»Ketling, laß deinem Herzenswunsche freien Lauf, soviel du willst! Ich

habe dich nur erproben wollen; nicht Fräulein Drohojowska: den kleinen

Heiducken haben wir für Michael bestimmt.«

Ketlings Antlitz leuchtete in aufrichtiger, tiefer Freude auf; er

umarmte Sagloba, hielt ihn lange an seiner Brust und fragte endlich:

»Ist es gewiß, daß sie sich lieben?«

»Wer würde meinen kleinen Heiducken nicht lieben, wer?« entgegnete

Sagloba.

»So ist die Verlobung schon gewesen?«

»Die Verlobung ist noch nicht gewesen, denn Michael hat sich kaum

von seiner Trauer freigemacht; aber sie wird sein ... überlaß das nur

mir. Das Mädchen ist ihm -- sie mag sich auch wie ein Wiesel drehen und

wenden -- höchlich geneigt, denn bei ihr gilt der Säbel.«

»Das habe ich bemerkt, bei Gott!« unterbrach ihn Ketling, vor Freude

strahlend.

»Ha, hast du's bemerkt? Michael beweint noch immer die andere, aber

wenn's ihm eine antut, so ist es sicher der kleine Heiduck, denn sie

ist der anderen mehr ähnlich, nur daß sie weniger mit den Augen wirft,

weil sie jünger ist. Das fügt sich alles gut, nicht wahr? Ich bin

überzeugt, zur Wahl haben wir zwei Hochzeiten.«

Ketling sprach kein Wort. Er umarmte Sagloba wieder und legte sein

schönes Gesicht an dessen rote Wangen, so daß der Alte ihn abschüttelte

und fragte:

»So steckt dir Fräulein Drohojowska schon so tief im Herzen?«

»Ich weiß nicht, ich weiß nicht,« antwortete Ketling, »ich weiß nur

eins: kaum, daß ihr himmlischer Anblick meine Augen erfreut hatte,

sagte ich mir, daß mein gequältes Herz nur sie allein noch lieben

könnte, und noch in dieser Nacht habe ich den Schlaf durch meine

Seufzer weggescheucht und mich ganz der süßen Sehnsucht hingegeben. Sie

hat die Herrschaft über mein ganzes Sein errungen, wie eine Monarchin

über das untergebene Land und über ihre Getreuen waltet. Ist das Liebe,

ist es etwas anderes -- ich weiß es nicht.«

»Aber das weißt du doch, daß das kein Schlapphut und keine drei Ellen

Tuch zu Pluderhosen sind, kein Gespann und keine Peitsche, keine Wurst

mit Rührei noch ein Maß mit Schnaps. Wenn du dessen ganz gewiß bist, so

frage über das andere Christine, und wenn du willst, so frage ich sie

selbst.«

»Tut das nicht,« erwiderte Ketling lachend. »Wenn ich ertrinken soll,

so laßt mich wenigstens noch ein paar Tage glauben, daß ich schwimme.«

»Ich sehe, in der Schlacht sind die Schotten tüchtig, aber in

Liebesdingen taugen sie nichts. Die Frauen muß man wie den Feind

tüchtig angreifen: _veni, vidi, vici_ -- das war meine Maxime.«

»Mit der Zeit, wenn sich meine heißesten Wünsche erfüllen sollten,«

sagte Ketling, »werde ich vielleicht um die Hilfe eines Freundes

bitten; obwohl ich das Heimatsrecht erhalten habe, adliges Blut in

meinen Adern fließt, so ist doch mein Name hier unbekannt, und ich weiß

nicht, ob die Frau Truchseß ...«

»Frau Truchseß, Frau Truchseß ...«, unterbrach ihn Sagloba, »darum sei

unbesorgt; die Frau Truchseß ist eine wahre Spieldose; wie ich sie

aufziehe, so spielt sie. Ich will sogleich zu ihr; man muß ihr sofort

zuvorkommen, damit sie nicht scheel sehe auf deine Art mit dem Mädchen

umzugehen, denn Eure schottische Art ist anders als die unsrige. Gewiß

werde ich nicht gleich in deinem Namen die Werbung vorbringen, ich will

nur so beiläufig erwähnen, daß dir das Mädchen in die Augen gestochen

hat, und daß es gut wäre, dies Mehl zu Brot umzubacken. So wahr Gott

lebt, ich gehe sofort, und du, ängstige dich nicht, ich kann ja doch

sagen, was mir beliebt.«

Und obgleich Ketling noch immer zurückhielt, erhob sich Sagloba und

ging.

Unterwegs begegnete er Bärbchen, die wie gewöhnlich in ausgelassener

Fröhlichkeit war.

»Weißt du, Christine hat Ketling ganz und gar erobert.«

»Er ist nicht der erste!« erwiderte Bärbchen.

»Und du bist darüber nicht böse?«

»Ketling ist eine Puppe -- ein artiger Kavalier, aber eine Puppe. -- Da

habe ich mir das Knie an der Deichsel zerschunden, das ist alles!«

Hier beugte Bärbchen sich nieder und begann das Knie zu reiben, indem

sie gleichzeitig Sagloba anblickte; er aber sagte:

»Um des Himmels willen, sei vorsichtig! Wo rennst du wieder hin?«

»Zu Christine.«

»Und was macht sie?«

»Sie? Seit einiger Zeit küßt sie mich beständig und reibt sich an mir

wie eine Katze.«

»Sage ihr nichts davon, daß sie Ketling erobert hat.«

»E -- he, ob ich das aushalte?«

Sagloba wußte ganz gut, daß Bärbchen das nicht aushalten würde, gerade

darum verbot er es ihr.

Er ging also weiter, sehr erfreut über seine Schlauheit, und Bärbchen

platzte wie eine Bombe in Fräulein Drohojowskas Zimmer.

»Ich habe mir das Knie zerschunden, und Ketling ist sterblich in dich

verliebt!« rief sie gleich an der Schwelle. »Ich habe nicht bemerkt,

daß aus dem Wagenschuppen eine Deichsel hervorstand -- schwapp, hatt'

ich's! Es wurde mir ganz finster vor den Augen, aber es tut nichts.

Herr Sagloba hat mich gebeten, dir nichts davon zu sagen. Habe ich

nicht gleich gewußt, daß es so kommen wird? Ich hab's gleich gewußt,

und du hast ihn mir einreden wollen; sei unbesorgt, man kennt dich! -- Es

tut noch ein wenig weh. Herrn Nowowiejski habe ich dir nicht einreden

mögen, aber Ketling, oho! Der geht nun im ganzen Hause umher, hält sich

den Kopf und spricht mit sich selber. Hübsch, Christine, sehr hübsch!«

»Wie bin ich unglücklich, o wie unglücklich!« rief plötzlich Christine

und löste sich in Tränen auf.

Bärbchen begann sie zu trösten, aber es half nichts, das Mädchen

schluchzte und weinte wie nie zuvor in ihrem Leben.

Wußte doch wirklich im ganzen Hause niemand, wie sehr sie unglücklich

war. Seit einigen Tagen war sie in Fieberglut, ihr Gesicht war blaß,

ihre Augen hohl, ihre Brust hob und senkte sich in kurzen Atemstößen;

es war etwas Seltsames mit ihr vorgegangen. Wie eine plötzliche

Krankheit war es über sie gekommen, nicht langsam zunehmend, sondern

auf einmal, wie ein Sturmwind, wie ein Orkan hatte es sie mit sich

gerissen, wie eine Flamme hatte es ihr Blut erhitzt, wie ein Blitz ihre

Einbildung grell geblendet. Nicht einen Augenblick hatte sie vermocht,

dieser Kraft Widerstand zu leisten, die so unbarmherzig plötzlich über

sie hereingebrochen war. Die Ruhe hatte sie verlassen, ihr Wille war

wie ein flügellahmer Vogel ...

Sie wußte selbst nicht, ob sie Ketling liebe, ob sie ihn hasse, und

eine furchtbare Angst vor dieser Frage hatte sie ergriffen; aber sie

fühlte, daß ihr Herz nur durch ihn in so schnellen Schlägen pochte, daß

ihr Kopf so haltlos nur an ihn denke, daß alles in ihr über ihn, von

ihm erfüllt war. Und es gab keine Möglichkeit, sich dagegen zu wehren.

Es wäre ihr leichter gewesen, ihn nicht zu lieben, als an ihn nicht zu

denken, denn ihre Augen waren von seinem Anblick trunken, ihre Ohren

von seiner Stimme berauscht, ihre ganze Seele voll von ihm ... Der

Schlaf befreite sie nicht von diesem Aufdringlichen, denn kaum hatte

sie die Augen geschlossen, so neigte sich sein Antlitz über sie und

flüsterte: Du bist mir teurer als ein Königreich, als ein Szepter, als

Ruhm und Reichtümer ... und dieses Haupt war so nah, daß selbst in der

dunklen Nacht eine blutige Röte die Stirn des Mädchens übergoß. Sie war

aus Reußenland, und ihr Blut war heiß, in ihrer Brust tobten unbekannte

Gluten -- von deren Dasein sie bisher nichts gewußt hatte, und unter

deren Feuer sie zugleich Angst und Scham und eine große Zaghaftigkeit

und Schwäche ergriff, die schmerzlich und süß war. Auch die Nacht

brachte ihr keine Ruhe. Es hatte sie eine immer wachsende Müdigkeit

ergriffen, wie nach einer schweren Arbeit.

»Christine, Christine, was ist mit dir geschehen!« rief sie sich selber

zu. Aber sie war wie in einer Betäubung und in einer beständigen

Sinnlosigkeit.

Noch war nichts geschehen, hatte sich nichts ereignet. Sie hatte mit

Ketling allein noch nicht zwei Worte gewechselt, und obgleich der

Gedanke an ihn sie ganz und gar erfaßt hatte, so flüsterte ihr doch ein

unbestimmter Instinkt beständig zu: Hüte dich, weiche ihm aus ... und

sie wich ihm aus.

Daß sie mit Wolodyjowski versprochen war, daran hatte sie bis jetzt

nicht gedacht, und das war ihr Glück; sie hatte darum nicht daran

gedacht, weil bisher nichts geschehen war, und weil sie an niemand

dachte, weder an sich noch an andere, sondern nur an Ketling.

Und sie verbarg das in tiefer Seele; nur der Gedanke, daß niemand

ahnte, was in ihr vorging, daß niemand sie mit Ketling in Verbindung

brachte, war für sie eine große Erleichterung gewesen. Plötzlich

überzeugten sie Bärbchens Worte, daß es anders sei, daß die Menschen

sie schon beobachteten, daß man sie in Gedanken schon mit ihm in

Verbindung bringe, daß man ahne, und so hatten Kummer, Schmach und

Schmerz zusammen ihren Willen gebrochen, und sie brach wie ein kleines

Kind in Tränen aus.

Bärbchens Worte aber waren nur der Anfang der unzähligen Anspielungen,

der bedeutungsvollen Blicke, des Augenzwinkerns und Kopfschüttelns, und

endlich all der zweischneidigen Worte, die sie über sich mußte ergehen

lassen. Gleich bei Tische begann das.

Die Frau Truchseß ließ ihren Blick von ihr zu Ketling und von Ketling

zu ihr hinüberschweifen, was sie vorher nicht getan hatte. Herr Sagloba

hüstelte bedeutungsvoll; bisweilen ward das Gespräch unterbrochen,

ohne daß man wußte warum, und es trat Schweigen ein; und einmal rief

Bärbchen während einer solchen Pause in ihrer Zerstreutheit über den

ganzen Tisch:

»Ich weiß etwas, aber ich sage es nicht.«

Über Christinens Gesicht ergoß sich plötzlich glühende Röte: dann wurde

sie blaß, als wäre eine drohende Gefahr an ihr vorübergegangen. Auch

Ketling neigte den Kopf, beide empfanden sehr wohl, daß von ihnen die

Rede war, und obgleich sie jede Unterhaltung miteinander vermieden,

obwohl sie sich hütete, ihn anzublicken, war es doch für beide klar,

daß zwischen ihnen etwas vorgehe, daß eine unbestimmte, gemeinsame

Verlegenheit entstehe, welche sie verbindet, und gleichzeitig

voneinander entfernt, weil sie dadurch ihre Freiheit verlieren und

einander nicht mehr gewöhnliche Freunde sein können. Zum Glück für sie

hatte kein Mensch Aufmerksamkeit für Bärbchens Worte, denn Sagloba

rüstete sich zu einem Gange in die Stadt und sollte in zahlreicher

adliger Gesellschaft zurückkehren, und das beschäftigte alle.

Am Abend erglänzte Ketlings Häuschen in hellem Lichte. Es waren viele

Offiziere gekommen und Musik, die der höfliche Wirt zur Unterhaltung

der Damen bestellt hatte. Tanz konnte man zwar nicht veranstalten, denn

die große Faste und Ketlings Trauer gestatteten es nicht; aber man

lauschte der Kapelle und vergnügte sich durch Unterhaltung. Die Damen

hatten sich prächtig gekleidet, Frau Truchseß war in orientalischer

Seide erschienen, der kleine Heiduck hatte sich buntfarbig geschmückt

und stach den Soldaten mit seinem rosigen Mündchen und dem hellen

Stirnhaar, das alle Augenblicke über die Wimpern fiel, in die Augen,

erregte Lachen durch die Entschiedenheit seiner Rede und setzte sie in

Erstaunen durch ein Benehmen, in welchem kosakische Kühnheit sich mit

ungezwungener Anmut paarten.

Christine, deren Trauer um den Vater zu Ende ging, trug ein weißes,

silberdurchwirktes Kleid. Die Ritter verglichen sie, die einen mit

Juno, die anderen mit Diana, aber keiner näherte sich ihr zu sehr,

keiner strich den Schnurrbart, keiner machte Kratzfüße, keiner warf

die Frackschöße in die Höhe; keiner blickte sie mit blitzenden Augen

an, keiner wechselte mit ihr süße Worte. Indessen hatten sie gleich

bemerkt, daß diejenigen, welche sie mit Bewunderung und Hochachtung

anschauten, dann gleich auf Ketling hinblickten, daß einige an ihn

herantraten und ihm die Hände drückten, als wünschten sie ihm Glück,

daß er die Arme hochzog und die Hände spreizte, als wiese er etwas von

sich. Christine, die von Natur scharfsinnig und wachsam war, hatte die

fast sichere Überzeugung, daß sie mit ihm über sie sprächen, daß sie

sie beinahe als seine Verlobte betrachteten. Und da sie nicht ahnen

konnte, daß Herr Sagloba schon jedem von den Gästen etwas ins Ohr

geflüstert hatte, so konnte sie nicht begreifen, woher jene Vermutungen

der Leute kämen.

»Steht mir etwas auf der Stirn geschrieben?« dachte sie beunruhigt,

beschämt und besorgt.

Da trafen Worte ihr Ohr, die zwar nicht an sie gerichtet waren, aber

doch ihr galten: »Glücklicher Ketling! ... Ein Sonntagskind ... kein

Wunder, er ist auch ein schöner Mann ...« und so weiter.

Andere höfliche Männer, die sie unterhalten und ihr etwas Angenehmes

sagen wollten, sprachen mit ihr über Ketling, lobten ihn über die

Maßen, rühmten seinen Mut, seine Gefälligkeit, seine höfischen Sitten

und seine hohe Geburt. Und Christine mußte wohl oder übel zuhören, und

ihre Augen suchten unwillkürlich den, von dem gesprochen wurde, und

begegneten oft auch seinen Augen. Da erfaßte sie der Zauber mit neuer

Gewalt, und ohne es selbst zu wissen, berauschte sie sich an seinem

Anblick. Denn wie sehr unterschied sich Ketling von all den rauhen

soldatischen Gestalten! »Der Prinz unter seinen Hofleuten,« dachte

Christine, wenn sie dieses edle, aristokratische Haupt ansah und diese

ehrgeizigen, melancholischen Augen und diese Stirn, die das üppige,

blonde Haar umspielte. Das Herz im Busen zitterte ihr, als wäre dies

für sie das teuerste Haupt auf Erden. Er hatte es gesehen, und da er

ihre Verwirrung nicht vergrößern wollte, näherte er sich ihr nur, wenn

auch ein anderer neben ihr saß. Wäre sie eine Königin gewesen, er hätte

sie nicht mit größerer Zartheit umgeben können, als er es tat. Wenn er

zu ihr sprach, neigte er den Kopf und zog einen Fuß zurück, als ob er

andeuten wollte, daß er jeden Augenblick niederzuknieen bereit sei,

und er sprach mit Würde, nie scherzend, obgleich er mit Bärbchen gern

scherzte. In seinem Umgang mit ihr lag bei der größten Verehrung eher

ein Schein süßer Traurigkeit. Dank dieser Würde wagte auch kein anderer

irgend ein zu deutliches Wort, irgend einen zu kühnen Scherz, als hätte

sich allen die Überzeugung mitgeteilt, daß sie ein Mädchen sei, das

an Wert und Geburt alle anderen überstrahlte, der man nie artig genug

entgegenkommen könne.

Christine war ihm dafür von Herzen dankbar. Im ganzen verfloß

dieser Abend für sie angstvoll, aber angenehm. Als die Mitternacht

herankam, hörte die Kapelle auf zu spielen, die Damen verließen die

Gesellschaft, und unter den Rittern begann der Becher zu kreisen, und

die Unterhaltung, in welcher Sagloba die Würde des Hetmans übernommen

hatte, lauter zu werden. Bärbchen begab sich auf ihr Zimmer, lustig wie

ein Vogel, denn sie hatte sich vortrefflich unterhalten. Ehe sie zum

Abendgebet niederkniete, begann sie übermütig die verschiedenen Gäste

nachzuahmen, und sagte endlich in die Hände klatschend zu Christine:

»Vortrefflich, daß dein Ketling gekommen ist, nun werden wir wenigstens

an Soldaten keinen Mangel haben. O, laß nur erst die Fastenzeit zu

Ende gehen, dann tanze ich auf den Tod, dann wollen wir lustig sein,

und auf deiner Verlobung mit Ketling und auf deiner Hochzeit -- ei, wenn

ich das Haus nicht auf den Kopf stelle, so sollen mich die Tataren

fortschleppen. Wie wäre es, wenn sie uns so fortschleppten? das wäre

lustig, ha! Der liebe Ketling! Für dich hat er die Musikanten kommen

lassen, aber ich genieße mit. Er wird für dich immer neue Wunder

schaffen, bis er endlich so machen wird! ...« Dabei fiel Bärbchen

plötzlich vor Christine auf die Kniee, umfaßte ihre Hüften mit ihren

Armen, und indem sie Ketlings Stimme nachahmte, begann sie:

»Mein Fräulein! Ich liebe Euch so, daß ich nicht atmen kann ... Ich

liebe Euch zu Fuß und zu Pferde, nüchtern und nach der Mahlzeit, ich

liebe Euch schottisch und auf ewige Zeiten ... Wollt Ihr die Meine

werden?«

»Bärbchen, ich werde böse!« rief Christine.

Aber anstatt böse zu werden, faßte sie sie in ihre Arme, und während

sie tat, als ob sie sie vom Boden aufheben wollte, küßte sie sie auf

beide Augen.

[Illustration: Dekoration/Kapitelende]

[Illustration: Dekoration/Kapitelanfang]

Der kleine Ritter (Herr Wolodyjowski): Historischer Roman · 第 15 / 43 题