Sagloba wußte sehr genau, daß der kleine Ritter mehr zu Christine als
zu Bärbchen hinneige, aber gerade darum hatte er sich vorgenommen,
Christine beiseite zu schieben. Er kannte Wolodyjowski durch und
durch und war überzeugt, daß er, wenn ihm keine Wahl bliebe, sich
unzweifelhaft Bärbchen zuwenden würde, in die der alte Graukopf selbst
so blind vernarrt war, daß in seinem Kopfe der Gedanke gar nicht Raum
finden konnte, wie irgend jemand ihr eine andere vorziehen könne. Er
redete sich auch ein, er könne Wolodyjowski keinen größeren Dienst
erweisen, als wenn er ihn mit dem kleinen Heiducken verlobe, und er
schwamm in Wonne bei dem Gedanken an diese Ehe. Wolodyjowski zürnte er,
Christinen auch; es war ihm zwar lieber, daß Michael Christine heirate,
als daß er ledig blieb, aber er nahm sich selbst vor, alles zu tun, um
ihn mit dem kleinen Heiducken zu verheiraten.
Und gerade weil ihm bekannt war, wie der kleine Ritter sich zu Fräulein
Drohojowska hingezogen fühlte, wollte er nun so schnell wie möglich
eine Frau Ketling aus ihr machen. Aber die Antwort, die er etliche Tage
später von Skrzetuski erhielt, machte ihn in seiner Annahme ein wenig
schwankend. Skrzetuski riet ihm, seine Hand davon zu lassen, denn er
fürchtete, daß im anderen Falle Zwistigkeiten zwischen den Freunden
entstehen könnten. Das wünschte auch Sagloba nicht, und so wurden in
ihm gewisse Vorwürfe laut, die er etwa so zu beruhigen bemüht war:
»Wenn Michael und Christine sich einander versprochen hätten, und wenn
ich dann Ketling wie einen Keil zwischen sie hineintriebe, so würde ich
nichts sagen! Der weise Salomo sagt: stecke deine Nase nicht in fremde
Dinge -- und er hat recht; aber wünschen darf ein jeder. Übrigens, was
habe ich eigentlich getan? -- das soll mir jemand sagen, was?«
Dabei stemmte Sagloba die Hände in die Seite, schob die Lippe vor,
blickte herausfordernd auf die Wände seines Zimmers, als erwarte er von
diesen Vorwürfe; da aber die Wände nichts antworteten, sprach er selbst
weiter:
»Ich habe Ketling gesagt, daß ich den kleinen Heiducken für Michael
bestimme; soll ich dazu kein Recht haben? Ist es etwa nicht wahr? Wenn
ich Michael etwas anderes wünsche, so soll mich das Podagra kneipen!«
Die Wände drückten ihm durch vollkommenes Schweigen ihre Zustimmung
aus. Er aber fuhr fort:
»Ich habe dem kleinen Heiducken gesagt, Ketling sei von Fräulein
Drohojowska verwundet; -- ist es etwa nicht wahr? Hat er es nicht
zugestanden, hat er nicht geseufzt, als er vor dem Ofen saß, so daß die
Asche ins Zimmer flog? Und was ich gesehen habe, habe ich den anderen
erzählt. Skrzetuski ist ein Realist, aber auch mein Witz ist nicht für
die Katze, ich weiß allein, was man sagen darf, und was man lieber
verschweigt ... Hm, er schreibt, ich solle die Hände davonlassen! Das
kann geschehen, ich will meine Hände davonlassen, aber wenn wir mal
zu dreien, Christine, Ketling und ich, im Zimmer bleiben, so will
ich hinausgehen und sie allein lassen, mögen sie ohne mich fertig
werden -- bah, ich denke, sie werden sich zu helfen wissen, sie brauchen
gar keine Hilfe, denn ohnehin drängt's einen zum anderen, daß ihnen
die Augen flimmern. Und zum Überfluß kommt der Frühling, wo nicht bloß
die Sonne, sondern auch die menschlichen Triebe heftiger zu brennen
beginnen ... Nun gut, ich will es lassen, aber wir wollen sehen,
welchen Erfolg es haben wird ...«
Der Erfolg sollte sich in kurzem zeigen. In der Karwoche zog die ganze
Gesellschaft aus Ketlings Hause nach Warschau und nahm im Gasthaus an
der Langen Straße Wohnung, um in der Nähe der Kirchen zu sein und nach
Herzenslust an der Andacht teilzunehmen, gleichzeitig aber auch die
Augen an dem Festtrubel der Stadt zu weiden.
Ketling spielte auch hier den Wirt, denn obgleich Ausländer von
Geburt, kannte er doch die Hauptstadt am besten und hatte überall
Bekannte, durch die er alles leichter erreichen konnte. Er übertraf
sich in Höflichkeiten und erriet fast die Gedanken der Gefährtinnen,
besonders Christinens. Sie gewannen ihn auch alle aufrichtig lieb.
Frau Makowiezka, die von Sagloba schon vorbereitet war, blickte auf
ihn und auf Christine mit immer freundlicherem Auge, und wenn sie
bisher kein Wort mit dem Mädchen gesprochen hatte, so war es nur
geschehen, weil auch er immer noch schwieg. Aber es erschien dem braven
»Tantchen« als eine so natürliche und geziemende Sache, daß der junge
Ritter um das Fräulein werbe, besonders weil es sich um einen wahrhaft
glänzenden Kavalier handelte, dem auf Schritt und Tritt Zeichen der
Hochachtung und Freundschaft entgegengebracht wurden, nicht bloß von
Niederen, sondern auch von Höheren. So verstand er durch seine wahrhaft
wunderbare Schönheit und feine Sitte, durch Würde, Freigebigkeit, durch
Milde im Frieden, durch Tapferkeit im Kriege alle Herzen zu gewinnen.
»Wie Gott geben und mein Mann beschließen wird, soll es werden,«
dachte die Frau Truchseß bei sich, »aber ich will ihnen nicht
hinderlich sein.«
Dank dieser Anschauung der Frau Truchseß war Ketling jetzt häufiger und
länger mit Christine zusammen als im eigenen Hause.
Sagloba reichte gewöhnlich der Frau Truchseß selber den Arm, Ketling
Christinen, und Bärbchen als die jüngste ging allein, bald ein Stück
vorauseilend, bald vor den Schaukästen stehen bleibend, um die Waren
und mannigfachen ausländischen Wunderdinge anzuschauen, die sie bisher
nirgends gesehen hatte. Christine gewöhnte sich allmählich an Ketling,
und wenn sie sich jetzt auf seinen Arm stützte, wenn sie seiner Rede
zuhörte oder in sein edles Gesicht schaute, klopfte das Herz nicht mehr
mit der alten Unruhe in ihrer Brust, verließ sie ihre Klarheit nicht
mehr, ergriff sie nicht mehr Verlegenheit, sondern eine ungeheure und
berauschende Wonne. Sie waren ununterbrochen beisammen, sie knieten
nebeneinander in den Kirchen, und ihre Stimmen vereinigten sich bei der
Andacht und den frommen Gesängen.
Ketling war sich über den Zustand seines Herzens vollständig klar.
Christine sagte sich, sei es aus Mangel an Mut, sei es, daß sie sich
selbst täuschen wollte: ich liebe ihn nicht -- und doch liebten sie sich
innig. Da zugleich zwischen ihnen eine große Freundschaft bestand, da
sie, über die Liebe hinaus, einander noch sehr gern hatten, und über
die Liebe bisher nicht ein Wort gesprochen, so ging ihnen die Zeit hin
wie ein Traum, und es leuchtete ihnen beständiger Sonnenschein.
Bald sollten ihn für Christine die Schatten der Gewissensbisse
verdunkeln, aber jetzt war die Zeit der Ruhe. Gerade durch die
Annäherung an Ketling, durch den gewohnten Verkehr mit ihm, durch diese
Freundschaft, die zugleich mit der Liebe zwischen ihnen aufgekeimt
war, hatte Christinens Unruhe ein Ende, waren die Eindrücke nicht
so gewaltsame, war der Zwiespalt ihres Blutes und ihrer Einbildung
verstummt. Sie waren einander nahe, sie fühlten sich nebeneinander
wohl, und Christine gab sich mit ganzer Seele der freundlichen
Gegenwart hin und wollte nicht daran denken, daß sie je enden könne,
und daß es zur Zerstreuung der Täuschung nur des einen Wörtchens von
Ketling bedürfe: Ich liebe dich.
Und dieses Wort wurde bald gesprochen. Einmal, als Frau Truchseß
mit Bärbchen bei einer kranken Verwandten waren, beredete Ketling
Christine und Herrn Sagloba, das königliche Schloß zu besuchen, welches
Christine bisher nicht gesehen hatte, und von dessen Wunderdingen man
im ganzen Lande erzählte. Sie gingen also zu dreien hin; Ketlings
Freigebigkeit öffnete ihnen alle Türen, und Christine wurde von so
tiefen Verbeugungen der Diener begrüßt, als wäre sie eine Königin und
betrete ihre eigene Residenz. Ketling, der das Schloß genau kannte,
führte sie durch die prächtigen Säle und Zimmer. Sie betrachteten das
Theater, die königlichen Bäder, sie blieben vor den Bildern, welche die
Schlachten und Siege Siegmunds und Wladislaus' über die Barbaren des
Ostens darstellten, sie gingen hinaus auf die Terrassen, von denen der
Blick in unermeßliche Fernen schweifte. Christine war außer sich vor
Bewunderung; er aber erklärte ihr alles. Von Zeit zu Zeit schwieg er
und schaute in ihre dunkelblauen Augen, als wollte er mit dem Blicke
sagen: Was bedeuten alle diese Wunder gegen dich, du Wunder, was
bedeuten alle diese Schätze gegen dich, du Schatz!
Das Mädchen aber verstand diese stumme Sprache. Ehe er sie in eines der
königlichen Zimmer führte, blieb er vor einer in der Wand verborgenen
Tür stehen und sagte:
»Hier kann man bis in die Kathedrale gelangen; ein langer Korridor, der
in einen schmalen Gang ausläuft und bis zu dem großen Altar hinführt.
Hier hören der König und die Königin gewöhnlich die Messe.«
»Ich kenne diesen Weg gut,« antwortete Sagloba, »denn da ich mit
Johann Kasimir in vertrauter Freundschaft lebte, und Marie Luise
mich außerordentlich gern hatte, haben sie mich beide oft zur Messe
eingeladen, um sich an meiner Gesellschaft zu erfreuen und an meiner
Frömmigkeit zu erbauen.«
»Wünschet Ihr einzutreten?« fragte Ketling, indem er dem Türhüter ein
Zeichen gab zu öffnen.
»Gehen wir hinein!« antwortete Christine.
»Geht allein,« sagte Sagloba, »Ihr seid jung und habt kräftige Beine;
ich hab' mich schon müde gelaufen. Geht, geht, ich bleibe hier bei dem
Diener. Wenn ihr auch mehrere Paternoster betet -- ich will euch nicht
zürnen wegen der Verzögerung, denn ich kann während der Zeit ausruhen.«
Sie gingen also hinein. Ketling nahm ihren Arm und führte sie durch den
langen Korridor. Er drückte ihre Hand nicht ans Herz; er ging ruhig und
in andächtiger Sammlung. Die Seitenfensterchen beleuchteten von Zeit zu
Zeit ihre Gestalt, dann wieder tauchte sie im Dunkel unter. Ihr schlug
das Herz ein wenig, denn sie waren zum erstenmal allein geblieben,
aber seine Ruhe und Milde beruhigten auch sie. Endlich kamen sie in
den schmalen Gang zur rechten Seite der Kirche, unmittelbar hinter dem
Gitter in der Nähe des Hochaltars.
Zuerst knieten sie nieder und begannen zu beten. Die Kirche war
still und leer. Zwei Lichter brannten vor dem Altar, aber der ganze
Hintergrund des Kirchenschiffes lag in feurigem Halbdunkel. Nur
durch die Regenbogenscheiben fiel farbiger Glanz auf diese beiden
wunderbaren Gesichter, die in Andacht versunken waren, und in ihrer
Ruhe Ähnlichkeit mit den Gesichtern der Cherubim hatten.
Ketling erhob sich zuerst und begann zu flüstern, denn er wagte nicht,
in der Kirche seine Stimme zu erheben.
»Seht Ihr, diese Samtgewänder, hier sind die Spuren, wo die beiden
Häupter des königlichen Paares sich gestützt haben. Die Königin saß auf
dieser Seite, dem Altar näher. Ruht Ihr auf ihrem Platze ...«
»Ist es wahr, daß sie ihr ganzes Leben unglücklich gewesen,« flüsterte
Christine, indem sie niedersaß. »Ich habe ihre Geschichte gehört, als
ich noch ein Kind war; man erzählte sie in allen Adelsschlössern. Es
kann wohl sein, daß sie unglücklich war, denn sie konnte nicht dem die
Hand reichen, den ihr Herz liebte.« Christine stützte ihren Kopf auf
dieselbe Stelle, an welcher die Vertiefung war, welche der Kopf Marie
Luisens gebildet hatte, und schloß die Augen; ein schmerzliches Gefühl
bedrückte ihre Brust, ein kalter Zug wehte plötzlich aus dem leeren
Kirchenschiff her und machte den Frieden, der noch vor einer Weile ihr
ganzes Wesen erfüllt hatte, zu Eis erstarren.
Ketling schaute sie schweigend an, es entstand eine wahrhaft kirchliche
Stille. Dann beugte er sich langsam zu Christinens Füßen und begann mit
tiefer, bewegter, aber ruhiger Stimme:
»Es ist keine Sünde, wenn ich an heiligem Orte vor dir niederkniee,
denn wohin sollte reine Liebe segenheischend flüchten, wenn nicht in
die Kirche? Ich liebe dich mehr als mein Leben, ich liebe dich mehr als
alles Irdische, mit meiner ganzen Seele, mit meinem ganzen Herzen; nur
hier im Angesicht dieses Altars bekenne ich dir meine Liebe!«
Christinens Antlitz wurde bleich wie Linnen; den Kopf auf den Samt der
Lehne gestützt, blieb das unglückselige Mädchen unbeweglich. Er aber
fuhr fort:
»Ich umfasse deine Kniee und flehe dich an um dein Urteil. Darf ich
davongehen voll himmlischer Freude oder mit einem unerträglichen
Schmerz, den ich nie und nimmer zu überleben vermöchte?«
Eine Weile harrte er der Antwort, als sie aber nicht kam, neigte er
sein Haupt so tief, daß er fast Christinens Füße berührte, und eine
sichtlich wachsende Rührung ergriff ihn ganz. Seine Stimme zitterte,
als fehlte seiner Brust der Atem.
»In deine Hand empfehle ich mein Glück, mein Leben; deiner Zuneigung
harre ich entgegen, denn mir ist furchtbar schwer ...«
»Laß uns um Gottes Erbarmen beten!« rief plötzlich Christine, indem sie
in die Kniee sank.
Ketling hatte sie nicht begriffen, aber er wagte nicht, Widerstand zu
leisten und kniete voll Erwartung und Unruhe neben ihr nieder. Und sie
begannen wieder zu beten.
In dem leeren Kirchenraum hörte man manchmal ihre Stimmen sich erheben,
und das Echo gab ihnen seltsamen, traurigen Widerhall.
»Gott, sei gnädig!« sagte Christine.
»Gott, sei gnädig!« wiederholte Ketling.
»Erbarme dich unser!« -- »Erbarme dich unser!«
Und sie fuhren leise in ihrem Gebete fort; aber Ketling bemerkte, daß
ihre ganze Gestalt vom Weinen erschüttert wurde. Sie konnte sich lange
Zeit nicht beruhigen, und dann, als sie ruhig geworden, kniete sie noch
lange unbeweglich. Endlich erhob sie sich und sagte:
»Gehen wir.«
Und sie traten wieder hinaus auf jenen langen Korridor. Ketling hoffte
auf dem Wege eine Antwort zu erhalten und blickte ihr in die Augen,
aber vergeblich. Sie ging eilig, als sehnte sie sich danach, so schnell
wie möglich in das Zimmer zu gelangen, in welchem Sagloba auf sie
wartete. Als sie nicht mehr weit von der Tür entfernt waren, ergriff
der Ritter den Zipfel ihres Kleides.
»Fräulein Christine!« sagte er, »bei allem, was heilig ist!«
Da wandte sich Christine um, ergriff so schnell seine Hand, daß er
nicht Zeit hatte, ihr Widerstand zu leisten, und drückte sie in einem
Augenblick an den Mund.
»Ich liebe dich aus ganzer Seele, aber ich werde nicht die deine
werden,« sagte sie.
Und ehe Ketling in seinem Erstaunen ein Wort zu sagen vermochte, fügte
sie hinzu:
»Vergiß alles, was geschehen!«
Gleich darauf waren beide im Zimmer. Der Türhüter schlief in einem
Stuhl, Sagloba in dem anderen; aber das Eintreten der jungen Leute
weckte sie. Sagloba öffnete seine Augen und begann bei halbem
Bewußtsein mit ihnen zu zwinkern; allmählich kehrte ihm das Gedächtnis
an Zeit und Menschen zurück.
»Ha, ihr seid es!« sagte er und zog seinen Hut zurecht, »mir träumte,
es sei ein neuer Kandidat für den Königsstuhl aufgetreten, und das war
ein Piast. Waret ihr im Kirchengang?«
»So ist's.«
»Und ist euch die Seele Marie Luisens nicht erschienen?«
»O ja,« antwortete Christine mit dumpfer Stimme.
Nachdem sie aus dem Schloß getreten waren, empfand Ketling das
Bedürfnis, seine Gedanken zu sammeln und sich von dem Erstaunen
frei zu machen, in das ihn Christinens Benehmen versetzt hatte. Er
verabschiedete sich von ihr und Sagloba gleich vor dem Tor; diese aber
begaben sich zurück in das Gasthaus. Bärbchen und die Frau Truchseß
waren von der Kranken schon heimgekehrt, und die Frau Truchseß begrüßte
Herrn Sagloba mit folgenden Worten: »Ich habe einen Brief von meinem
Manne bekommen, der bei Michael im Grenzquartier ist; sie sind beide
gesund und versprechen in kurzem hier zu sein. Es liegt auch ein Brief
von Michael an Euch hier, an mich nur ein Postskriptum in dem Briefe
meines Mannes. Mein Mann schreibt auch, daß die Differenz, welche wegen
des Guts von Bärbchen mit den Zubers bestanden, glücklich ausgeglichen
ist. Jetzt stehen dort die Landtage bevor ... er schreibt auch, daß
dort der Name des Herrn Sobieski ungeheure Bedeutung hat, und so wird
auch der Landtag in seinem Sinne ausfallen. Alle Welt rüstet sich zur
Wahl, aber unsere Gegend wird auf seiten des Kronmarschalls stehen.
Es ist schon warm dort und Regenwetter ... In Werschutko sind einige
Gebäude bei uns abgebrannt. Ein Knecht hat das Feuer angezündet, und da
windiges Wetter war ...«
»Wo ist Michaels Brief an mich?« fragte Sagloba, indem er den Strom
von Neuigkeiten unterbrach, den die brave Frau Truchseß in einem Atem
hervorbrachte.
»Da ist er,« antwortete die Frau Truchseß, indem sie ihm den Brief
reichte. -- »... da Wind war, und die Leute auf dem Jahrmarkt ...«
»Wie sind die Briefe hierhergekommen?« fragte Sagloba wieder.
»Sie sind in Ketlings Haus gebracht worden, und von da hat sie ein
Knecht hergebracht -- nun weil aber, sage ich, Wind war ...«
»Wollt Ihr hören?«
»O gewiß, ich bitte.«
Sagloba erbrach das Siegel und begann zu lesen, erst mit halber Stimme
für sich, dann lauter für alle:
»Es ist dies der erste Brief, den ich Euch sende; hoffentlich gibt es
auch keinen zweiten, denn hier sind die Posten unsicher, und ich denke
auch in kurzer Zeit persönlich bei Euch zu erscheinen. Es ist gut
hier im Felde, aber doch zieht mich das Herz mächtig zu Euch, und die
Gedanken und die Erinnerungen, die mir die Einsamkeit angenehmer machen
als die zahlreiche Gesellschaft, sind ohne Ende. Die versprochene
Arbeit ist vorbei, denn die Horden sitzen ruhig, nur kleinere Haufen
pirschen auf den Wiesen, und wir haben sie zweimal so glücklich
aufgescheucht, daß auch nicht ein Zeuge der Niederlage übrig geblieben
ist.«
»Da haben sie ihnen warm gemacht,« rief Bärbchen erfreut, »es geht
nichts über den Soldatenstand!«
»Die Banden des Doroschenko« -- las Sagloba weiter -- »möchten gern mit
uns anbinden, aber ohne die Horde wagen sie's nicht, und die Gefangenen
sagen aus, daß keine einzige größere Schar unterwegs sei, und auch
ich denke, wenn etwas hätte kommen sollen, so wäre es schon gekommen,
denn das Gras ist seit einer Woche grün, und die warmen Winde wehen,
die die Pferde träge machen, und das sind die sichersten Anzeichen des
Frühlings. Die Erlaubnis habe ich schon einholen lassen, und sie muß
jeden Tag eintreffen: dann mache ich mich bald auf den Weg ... Herr
Nowowiejski wird mich in meinem Wächteramt vertreten; es gibt so wenig
zu tun, daß Makowiezki und ich den ganzen Tag die Füchse gehetzt haben,
bloß zu unserem Vergnügen, denn der Pelz nützt uns zum Frühling nichts.
Es fehlt auch nicht an Trappen, und mein Bursche hat einen Pelikan
geschossen. -- Ich umarme Euch von ganzem Herzen, küsse meiner Frau
Schwester die Hand, auch Fräulein Christine, deren Zuneigung ich mich
sehr empfehle, und bitte Gott nur darum, daß ich sie mit unverändertem
Sinne wiederfinde. Grüßen Sie auch Fräulein Bärbchen von mir; Herr
Nowowiejski hat seine Wut über den Korb, den er in Mokotow erhalten,
zehnfach an den Nacken der Schurken ausgelassen, aber er ist noch immer
nicht beruhigt, noch hat er es nicht ganz verwunden. -- Ich empfehle Euch
Gott und seiner heiligen Gnade.
_P. S._ Von durchreisenden Armeniern habe ich einen prächtigen
Hermelinbesatz gekauft, -- den bringe ich als Willkommengruß Fräulein
Christine mit, und auch für unseren kleinen Heiducken werden sich
türkische Südfrüchte finden.«
»Die mag Herr Michael allein aufessen, ich bin kein Kind,« versetzte
Bärbchen, deren Wangen erglühten, als wäre ihr plötzlich etwas
Unangenehmes widerfahren.
»So siehst du ihn nicht gerne wieder? Bist du ihm böse?« fragte Sagloba.
Aber sie brummte nur leise vor sich hin und geriet wirklich in Zorn bei
dem Gedanken daran, wie leichthin Michael sie behandle; bald dachte
sie wieder an die Trappen und an den Pelikan, der ganz besonders ihre
Neugier erweckt hatte.
Christine saß während des Vorlesens mit geschlossenen Augen da, dem
Lichte abgewandt. Es war ein wahres Glück, daß die Anwesenden ihr
Gesicht nicht sehen konnten, sonst hätten sie unschwer erkannt, daß
in ihr etwas Außerordentliches vorgehe. Was in der Kirche geschehen
war, dann Wolodyjowskis Brief -- das waren für sie gleichsam zwei
kräftige Keulenschläge. Der wundervolle Traum war zerstoben, und
seit diesem Augenblick stand das Mädchen von Angesicht zu Angesicht
der unglückschweren Wahrheit gegenüber. Sie konnte nicht sofort ihre
Gedanken sammeln, und nur unklare, dämmerhafte Gefühle tobten in
ihrem Herzen. Wolodyjowski samt seinem Versprechen der Ankunft und
dem Hermelinbesatz erschien ihr flach, ja nahezu widerwärtig. Ketling
aber war ihr nie teurer. Teuer war ihr der bloße Gedanke an ihn, seine
Worte, sein geliebtes Gesicht, teuer seine Betrübnis. Und nun wird man
das Lieben, die Verehrung lassen müssen, das lassen, wozu das Herz
sich drängt, dem die Arme sich entgegenstrecken; den geliebten Mann in
Verzweiflung lassen, in ewiger Trauer, in Gram, und die Seele und den
Körper einem anderen hingeben, der darum allein, weil er ein anderer
ist, geradezu hassenswert erscheint.
»Ich werde es nicht verwinden,« rief es in Christinens Seele.
Und sie hatte die Empfindung, die eine Gefangene hat, der man die Hände
bindet, und doch hatte sie sich selbst gebunden. Hätte sie doch damals
Wolodyjowski sagen können, daß sie ihm eine Schwester sein wolle, nicht
mehr. Hier kam ihr jener Kuß in Erinnerung, den sie empfangen und
zurückgegeben, und es erfaßte sie Scham und Verachtung ihrer selbst.
Hatte sie damals Wolodyjowski schon geliebt? -- Nein, in ihrem Herzen
war keine Liebe; neben dem Mitleid waren es nur Neugier und Leichtsinn,
die sich hinter dem Schein schwesterlicher Zuneigung verbargen; jetzt
erst erkannte sie, daß zwischen einem Kuß aus großer Liebe und einem
Kuß aus der Erregung des Blutes ein Unterschied sei, wie zwischen
Engel und Teufel. Und zu der Verachtung trat der Zorn in Christinens
Herz, aber auch ihr Stolz empörte sich gegen Wolodyjowski. Auch er war
schuldig; warum sollte alle Reue, warum sollten alle Gewissensbisse,
alle Täuschungen auf sie zurückfallen, warum sollte nicht auch er den
bitteren Trank teilen? Hätte sie nicht das Recht, ihm bei seiner
Heimkehr zu sagen:
»Ich habe mich geirrt: Mitleid hielt ich für Zuneigung und auch du hast
geirrt, und nun lasse mich, wie ich dich gelassen habe.«
Plötzlich erfaßte sie die Furcht vor der Rache des furchtbaren Mannes,
nicht Furcht um sich selber, sondern um das geliebte Haupt, auf
welches unfehlbar diese Rache zurückfallen würde. Sie sah in ihrer
Einbildung Ketling, wie er zum Kampfe bereit stand mit dem furchtbaren
und unvergleichlichen Kämpfer, sie sah ihn dann niedersinken, wie eine
Blume hinsinkt unter der Hand des Schnitters, sie sah sein Blut, sein
blasses Gesicht, seine Augen auf ewig geschlossen, und ihre Leiden
überstiegen alles Maß. Sie erhob sich so schnell als möglich und ging
in ihr Zimmer, um den Menschen aus den Augen zu kommen, um nicht mit
anzuhören, wie sie von Wolodyjowski und seiner bevorstehenden Rückkehr
plauderten. In ihrem Herzen wuchs der Zorn gegen den kleinen Ritter
immer mächtiger an.
Aber die Gewissensbisse und das Leid folgten ihr auf der Spur,
sie verließen sie nicht, wenn sie betete, sie setzten sich an ihr
Bett, wenn sie sich müde und matt zur Ruhe begab, und begannen ihr
zuzuflüstern:
»Wo ist er?« fragte das Leid -- »sieh, noch ist er nicht heimgekehrt;
er wandert durch die Nächte und ringt die Hände. Du wolltest ihn dem
Himmel näher bringen, dein Herzblut für ihn hingeben, und du hast ihm
den giftigen Trank bereitet, hast ihm das Messer ins Herz gestoßen.«
»Wärest du nicht voll Leichtsinn, würdest du nicht jeden an dich locken
wollen, dem du begegnest« -- so sprachen die Gewissensbisse -- »wie anders
könnte alles sein; nun bleibt dir nichts als die Verzweiflung, deine
eigene Schuld, deine eigene große Schuld. Nun gibt es keine Hilfe
mehr, keine Rettung, dir bleiben nur die Schmach, der Schmerz, die
Tränen --«
»Wie er vor dir kniete in der Kirche« -- sagte wieder das Leid -- »ein
Wunder, daß dir das Herz nicht brach, als er dir in die Augen blickte
und um Erbarmen bat. War es recht, mit einem Fremden Mitleid zu haben,
um wieviel mehr mit ihm, dem Geliebten, dem Teuersten! Gott segne ihn,
Gott gebe ihm Trost.«
»Wärest du nicht leichtsinnig gewesen, so könnte dieser Teuerste
in Freuden einhergehen« -- wiederholten die Gewissensbisse -- »und du
könntest in seine Arme sinken als die Erwählte, als die Gattin ...«
»Und ewig mit ihm sein« -- fügte das Leid hinzu.