5. Kapitel.

Nichts waren alle Nächte, die Wolodyjowski durchlebt hatte, im

Vergleich zu der, die er nach jenem Ereignis mit Christine verbrachte.

Er hatte das Angedenken seiner Verstorbenen verraten, deren Erinnerung

er doch liebte; er hatte das Vertrauen dieser Lebenden getäuscht,

die Freundschaft mißbraucht; er war Verpflichtungen eingegangen, er

hatte gehandelt wie ein gewissenloser Mensch. Mancher andere Soldat

hätte sich aus einem solchen Kuß nichts gemacht, er hätte bei der

Rückerinnerung an ihn höchstens seinen Bart gedreht; aber Wolodyjowski

war, besonders seit Ännchens Tode, sehr peinlich, wie jeder Mensch,

dessen Seele von Schmerz erfüllt, dessen Herz zerrissen ist. Was blieb

ihm nun zu tun? Wie sollte er handeln?

Es fehlten nur noch wenige Tage zu seiner Abreise, zu der Abreise, die

alles zerstören und beendigen konnte. Aber ziemte es sich, davonzugehen

und Christine nicht ein Wort zu sagen, sie so zurückzulassen, wie

man das erste beste Mädchen zurückläßt, der man einen Kuß gestohlen

hat? Gegen diesen Gedanken sträubte sich das tapfere Herz des kleinen

Ritters. Selbst in dem Widerstreit, in dem er sich in diesem Augenblick

befand, erfüllte ihn der Gedanke an Christine mit Wonne, und die

Erinnerung an jenen Kuß durchrieselte ihn mit einem Schauer der

Wollust. Es erfaßte ihn eine Wut gegen sich selbst, und doch konnte er

sich gegen dies Gefühl der Seligkeit und Wonne nicht wehren. Übrigens

nahm er die ganze Schuld auf sich.

»Ich habe Christine dazu verleitet,« wiederholte er mit Bitterkeit und

Schmerz, »ich habe sie dazu verleitet, deshalb geziemt es mir auch,

nicht abzureisen, ohne ein Wort zu sprechen.«

Wie also? Christine einen Antrag machen und als ihr Verlobter in die

Ferne ziehen?

Hier erstand vor den geistigen Augen des kleinen Ritters, in weißer

Kleidung und selbst ganz weiß, wie aus Wachs geformt, die Gestalt

Ännchen Borschobohatas, ganz so, wie er sie in den Sarg gelegt hatte.

»Das kommt mir zu,« sagte jene Gestalt, »daß du mich beweinst und mir

nachtrauerst. Erst wolltest du Mönch werden, mich das ganze Leben

hindurch beweinen, nun nimmst du eine andere, ehe mein kleines Seelchen

zu den Toren des Himmels hinaufzuschweben vermocht. Ach warte, laß mich

erst in den Himmel gelangen, laß mich aufhören, diese Erde zu sehen!«

Und es schien ihm, als sei er ein Meineidiger dieser reinen Seele

gegenüber, deren Andenken er ehren und bewahren sollte wie ein

Heiligtum. Es erfaßte ihn ein unermeßlicher Schmerz, Scham und

Selbstverachtung. Er sehnte sich nach dem Tode.

»Ännchen,« wiederholte er auf den Knieen, »ich werde nicht aufhören

dich zu beweinen bis in den Tod; aber was soll ich jetzt tun?«

Die weiße Gestalt antwortete nichts, sie entflatterte wie leichter

Nebel, und dafür erschienen in der Phantasie des Ritters Christinens

Augen und ihre Lippen, von leichtem Flaum bedeckt, und mit ihnen die

Versuchungen, die der arme Kämpfer von sich abschüttelte wie die Pfeile

der Tataren.

So schwankte das Herz des Ritters nach beiden Seiten in Ungewißheit,

Gram und Qual. Manchmal kam ihm der Gedanke, zu Sagloba zu gehen, ihm

alles zu bekennen und diesen Mann um Rat zu fragen, dessen Verstand

alle Schwierigkeiten zu überwinden schien. Hatte er doch alles

vorausgesehen, alles vorausgesagt, was es heiße, mit den Weibern

Freundschaft pflegen.

Aber gerade diese Rücksicht hielt den kleinen Ritter zurück. Er

erinnerte sich, wie streng er Sagloba zugerufen hatte: »Beleidigt

Christine nicht!« Und nun, wer hatte Christine gekränkt? Wer dachte

jetzt darüber nach, ob es nicht besser sei, sie wie ein beliebiges

Mädchen zurückzulassen und davonzugehen?

»Wäre es nicht um jene Ärmste, so würde ich mich keine Minute

bedenken,« sagte der kleine Ritter zu sich, »und ich würde mich auch

gar nicht kränken, im Gegenteil, ich würde mich in der Seele freuen,

daß ich solch einen Schatz gekostet habe.«

Nach einer Weile aber murmelte er:

»Ich würde ihn gern noch tausendmal kosten!«

Da er jedoch sah, daß ihn die Versuchung von neuem anfocht, schüttelte

er sie von sich ab und begann zu erwägen:

»Es ist geschehen. Da ich nun einmal gehandelt habe wie jemand, der

nicht Freundschaft begehrt, sondern auf Cupidos Genüsse hofft, so muß

ich schon diesen Weg weitergehen und Christine sagen, daß ich sie

nehmen will.«

Hier sann er einen Augenblick nach, dann fuhr er weiter fort:

»... durch welche Erklärung auch die Vertraulichkeit von heute

vollkommen den Charakter der Ehrbarkeit annimmt, und morgen kann ich

mir dann schon neue erlauben ...«

Hier schlug er sich mit der Hand auf den Mund.

»Pfui,« sagte er, »da sitzt mir ein ganzes Regiment Teufel im Nacken.«

Aber der Gedanke der Erklärung ließ ihn nicht mehr los; er machte sich

einfach klar, daß, wenn er dadurch der geliebten Verstorbenen zu nahe

träte, er sie durch Messen und Frömmigkeit versöhnen könne, wodurch er

ihr zugleich beweisen würde, daß er ihrer stets gedenke und zu gedenken

nicht aufhören werde.

Im übrigen, wenn sich auch die Menschen wundern werden, wenn sie

darüber lachen werden, daß er vor einigen Wochen noch vor Traurigkeit

ein Mönch werden wollte, und daß er jetzt schon einer zweiten seine

Liebe erklärt, so würde die Schande doch nur auf ihn fallen, während im

entgegengesetzten Falle die unschuldige Christine Schande und Schuld

mit ihm teilen müßte.

»Ich will mich also morgen erklären, es kann nicht anders sein,« sagte

er endlich.

Das beruhigte ihn sehr; er sprach sein Gebet für Ännchen mit großer

Andacht und schlief ein.

Als er am anderen Morgen erwachte, wiederholte er:

»Heute will ich mich erklären.«

Aber das war nicht so einfach, denn Michael wollte es nicht allen

kundgeben, er wollte zuvor mit Christine sprechen und nachher handeln,

wie es sich ergeben würde. Indessen kam schon am anderen Morgen

Nowowiejski und war überall.

Christine ging in seltsamer Stimmung den ganzen Tag umher; sie war

blaß, müde und hielt die Augen zu Boden gerichtet; bisweilen errötete

sie bis über die Stirn, bisweilen zitterten ihre Lippen, als wollten

sie weinen; dann wieder war sie wie schläfrig und abwesend.

Dem Ritter wurde es schwer, sich ihr zu nähern, besonders aber längere

Zeit mit ihr unter vier Augen zu bleiben. Er hätte sie ja aus dem Hause

zu einem Spaziergang begleiten können, denn das Wetter war herrlich,

und er hätte das auch früher ohne Skrupel getan; aber jetzt wagte er es

nicht, es war ihm, als müßten alle gleich erraten, was vorging -- alle

gleich merken, daß er vor der Erklärung stehe.

Zum Glück trat Nowowiejski für ihn ein; er führte die Frau Truchseß zur

Seite und unterhielt sich mit ihr sehr lange. Dann kamen sie beide ins

Zimmer zurück, in welchem der kleine Ritter mit den beiden Damen und

mit Herrn Sagloba saß, und die Frau Truchseß sagte:

»Ei, ihr Jungen solltet zu zwei Paaren eine Schlittenfahrt machen, der

Schnee leuchtet nur so unter der Sonne.«

Da neigte Wolodyjowski sich schnell zu Christinens Ohr und sagte:

»Ich bitte Euch, Fräulein, mit mir einen Schlitten zu besteigen ... ich

habe so viel auf dem Herzen.«

»Gut,« antwortete Fräulein Drohojowska. Sie eilte mit Nowowiejski in

den Stall, Bärbchen folgte ihnen, und in wenigen Minuten fuhren zwei

Schlitten vor dem Hause vor. Wolodyjowski und Christine bestiegen den

einen, Nowowiejski und der kleine Heiduck den zweiten, und sie fuhren

los ohne Kutscher.

Da wandte sich Frau Makowiezka zu Sagloba und sagte: »Nowowiejski hat

um Bärbchen angehalten.«

»Wie das?« fragte Sagloba beunruhigt.

»Die Frau Kämmerer von Lemberg, seine Patin, soll morgen hierher

kommen, um mit mir zu sprechen; nun hat mich Herr Nowowiejski gebeten,

sich wenigstens ungefähr mit Bärbchen verständigen zu dürfen, denn er

sieht wohl selbst ein, daß, wenn Bärbchen ihm nicht wohlgesinnt ist,

alle Bemühungen und Bewerbungen vergeblich sein werden.«

»Und darum habt Ihr die Schlittenfahrt angeordnet?«

»Darum. Mein Mann ist äußerst peinlich; oft hat er mir gesagt: »Das

Vermögen will ich verwalten, aber den Mann mag sich jede selbst wählen;

wenn er brav ist, will ich nichts dagegen haben, wenn auch in den

Verhältnissen ein Unterschied sein sollte.« Im übrigen: Bärbchen und

Christine sind in dem Alter und können über sich verfügen.«

»Und was gedenkt Ihr der Frau Kämmerer von Lemberg zu antworten?«

»Mein Mann kommt im Mai her, ich werde es ihm überlassen; aber ich

denke, wenn Bärbchen will, so geschieht's.«

»Nowowiejski ist sehr jung.«

»Aber Michael hat gesagt, daß er ein ausgezeichneter, durch Kriegstaten

berühmter Soldat sei. Er hat ein ansehnliches Vermögen, und seine

Beziehungen hat mir die Frau Kämmerer alle auseinandergesetzt. Seht

Ihr, das ist so: sein Urgroßvater, von der Fürstin Sieniut geboren, war

in erster Ehe ...«

»Aber was gehen mich seine verwandtschaftlichen Beziehungen an!«

unterbrach Sagloba; er vermochte seine schlechte Laune nicht zu

verbergen. »Er ist mir weder Bruder noch Schwester, und ich sage Euch,

ich habe den kleinen Heiducken für Michael bestimmt; denn wenn es unter

den Mädchen, die auf zwei Beinen in dieser Welt umherlaufen, eine

Bessere und Bravere gibt als sie, so will ich von diesem Augenblick

anfangen, als Ursus auf allen vieren zu laufen!«

»Michael denkt an so etwas gar nicht, und wenn er auch daran dächte, so

sticht ihm Christine mehr in die Augen ... Je nun, Gott wird es fügen,

seine Wege sind unerforschlich!«

»O, wenn dieser Milchbart mit einem Korbe davonginge, ich würde mich

vor Freude betrinken!« fügte Sagloba hinzu.

Inzwischen wurden in beiden Schlitten die Schicksale der Ritter

bestimmt. Wolodyjowski konnte lange das Wort nicht finden; endlich

begann er:

»Glaubt nicht, Fräulein, ich sei ein leichtsinniger Mensch, ein

Windbeutel; ich bin auch nicht mehr in den Jahren ...«

Christine antwortete nichts.

»Verzeiht mir, was ich gestern getan habe, denn das geschah aus so

außerordentlicher Zuneigung zu Euch, daß ich es gar nicht unterdrücken

konnte ... Mein liebes Fräulein, meine geliebte Christine, erwägt, wer

ich bin! Ich bin ein schlichter Kriegsmann, dem das Leben im Kampfe

dahinfloß; ... Ein anderer hätte erst eine Rede gehalten, dann wäre er

vertraulicher geworden, -- ich habe bei den Vertraulichkeiten angefangen

... Bedenkt auch das; wenn ein Pferd, selbst ein zugerittenes, mit dem

Reiter manchmal aufbäumt und mit ihm durchgeht -- wie sollte die Liebe

nicht mit uns durchgehen, die Liebe, deren Gewalt größer ist. So ist

auch die Liebe mit mir durchgegangen, eben darum, weil Ihr mir teuer

seid ... Meine geliebte Christine, du bist eines Burgvogts, eines

Senators würdig; wenn du aber den Kriegsmann nicht verachtest, der,

wenn auch nicht hohen Standes, dem Vaterland nicht ohne Ruhm gedient

hat, so liege ich hier zu deinen Füßen, küsse deine Füße und frage:

willst du mich? Kannst du freundlich an mich denken?«

»Herr Michael!« antwortete Christine, und ihre Hand glitt aus dem Ärmel

und sank in die Hände des Ritters.

»Du willst?« fragte Wolodyjowski.

»Ich will!« antwortete Christine, »und ich weiß, daß ich einen Braveren

im ganzen Lande nicht hätte finden können.«

»Gott lohne es dir, Gott lohne es dir, Christinchen!« sagte der

Ritter und bedeckte die Hand mit Küssen. »Kein größeres Glück hätte

mir begegnen können! Sage mir nur, daß du nicht zürnest für die

Vertraulichkeiten von gestern, damit auch mein Gewissen Ruhe habe.«

Christine senkte die Augen. »Ich zürne nicht,« sagte sie.

Eine Zeitlang fuhren sie schweigend dahin; die Eisen knirschten im

Schnee, und unter den Hufen der Pferde stoben die Schollen wie Hagel.

Dann begann Wolodyjowski von neuem:

»Ist es nicht seltsam, daß du mich lieb hast?«

»Weit seltsamer,« erwiderte Christine, »daß Ihr mich so schnell lieb

gewonnen habt.«

Da wurde Wolodyjowskis Antlitz ernst, und er begann zu sprechen:

»Christine, vielleicht erscheint es auch dir schlecht, daß ich kaum den

Schmerz um die eine überwunden und schon eine andere liebe. Ich bekenne

dir auch, als ob ich beichtete, daß ich einstmals leichtsinnig war.

Aber jetzt ist es anders; ich habe jene Verstorbene nicht vergessen,

und ich werde sie nicht vergessen. Ich liebe sie noch heute, und wenn

du wüßtest, wieviel Leid ich um sie trage, du würdest selbst um mich

leiden.«

Hier versagte dem kleinen Ritter die Stimme, denn er war sehr

erschüttert und bemerkte vielleicht darum nicht, daß diese seine Worte

auf Christine keinen zu großen Eindruck zu machen schienen.

Und wieder herrschte Schweigen. Dieses Mal unterbrach es Christine:

»Ich werde mich bemühen, Euch zu trösten, so gut ich kann.«

»Eben darum habe ich dich so schnell lieb gewonnen, weil du vom

ersten Tage an begannst, meine Wunden zu verbinden. Was war ich dir?

Nichts! Aber du gingst ans Werk, weil du im Herzen Mitleid mit dem

Unglückseligen hattest. O, ich verdanke dir viel, sehr viel! Wer das

nicht weiß, wird mich vielleicht tadeln, daß ich im November Mönch

werden wollte und im Dezember zum Altar schreiten will. Sagloba wird

der erste sein, der mich verspottet, denn er treibt gern seine Possen,

wenn sich Gelegenheit bietet; aber mag er immerhin spotten, ich kehre

mich nicht daran, besonders weil der Tadel nicht dich trifft, sondern

mich ...« sagte der kleine Ritter.

Hier blickte Christine gen Himmel und wurde nachdenklich; endlich

erwiderte sie:

»Müssen wir durchaus den Menschen von unserem Bunde Kunde geben?«

»Wie anders?«

»Ihr reist doch in wenigen Tagen fort?«

»Wenn auch ungern -- ich muß!«

»Und ich trage Trauerkleider für den verstorbenen Vater. Wozu den

Leuten Gelegenheit zur Verwunderung geben? Mag es zwischen uns

feststehen, und mögen die Menschen nicht eher etwas davon erfahren, als

bis Ihr aus Reußen zurückkehrt. Nicht wahr?«

»So soll ich auch der Schwester nichts sagen?«

»Ich will es ihr selbst sagen, aber erst nach Eurer Abreise.«

»Und Herr Sagloba?«

»Herr Sagloba würde an mir Armen seinen Witz auslassen, sagen wir

lieber nichts; auch Bärbchen würde mir zusetzen, und sie ist ohnehin in

der letzten Zeit so merkwürdig und hat so veränderliche Launen wie nie

zuvor. Lieber gar nichts sagen!«

Hier hob Christine wieder ihre dunkelblauen Augen gen Himmel:

»Gott ist unser Zeuge, und die Menschen brauchen es nicht zu wissen.«

»Ich sehe, daß dein Verstand deiner Schönheit gleichkommt. Gut denn,

Gott sei unser Zeuge -- Amen! Lehne dich mit deinem Arm an mich, denn da

das Versprechen feststeht, gestattet es auch die Sitte. Fürchte dich

nicht; was ich gestern tat, könnte ich heut' nicht tun, selbst wenn ich

es wollte, denn ich muß auf die Pferde acht haben.«

Christine genügte dem Wunsche des Ritters, und dieser sagte weiter:

»Immer, wenn wir allein sein werden, nenne mich mit dem Vornamen.«

»Es wird mir schwer,« antwortete sie lächelnd, »ich werde den Mut nicht

haben.«

»Und ich habe den Mut gehabt.«

»Ja, Ihr seid ein Ritter, Ihr seid tapfer, Ihr seid ein Soldat ...«

»Christinchen, meine liebe, liebe ...«

»Mich ...«

Aber Christine wagte nicht, das Wort zu beenden, und bedeckte ihr

Gesicht mit dem Ärmel. Nach einiger Zeit wendete Michael den Schlitten,

um heimzufahren; sie sprachen nicht mehr viel unterwegs, nur beim

Umwenden sagte der kleine Ritter noch:

»Und gestern ... weißt du? Warst du sehr betrübt?«

»Verschämt und betrübt, aber ... ein seltsames Gefühl,« fügte sie

leiser hinzu.

Und bald machten sie gleichgültige Gesichter, damit niemand erkenne,

was zwischen ihnen vorgegangen.

Aber diese Vorsicht war überflüssig, es achtete niemand ihrer.

Sagloba und die Frau Truchseß waren zwar in den Flur hinausgelaufen,

den beiden Paaren entgegen, aber ihre Augen waren nur auf Bärbchen und

Nowowiejski gerichtet.

Bärbchen war hochgerötet -- ob vor Kälte oder vor Rührung, konnte

niemand sagen -- und Nowowiejski war verstimmt. Er nahm auch gleich im

Flur Abschied von der Frau Truchseß; vergeblich redete sie ihm zu,

dazubleiben, auch Wolodyjowski, der bei vortrefflicher Laune war, bat

ihn, zum Abendbrot zu bleiben, er entschuldigte sich mit Dienstpflicht

und fuhr davon.

Da küßte die Frau Truchseß, ohne ein Wort zu sprechen, Bärbchen auf die

Stirn -- sie aber eilte in ihr Zimmer und kehrte vor dem Abendbrot nicht

zurück.

Erst am anderen Tage fragte sie Sagloba, da er sie allein abgefaßt

hatte:

»Nun, was, kleiner Heiduck, Nowowiejski sah ja aus, als hätte ihn der

Blitz getroffen?«

»Aha,« antwortete sie und nickte mit dem Kopfe und blinzelte mit den

Augen.

»Sag' mir doch, was du ihm gesagt hast!«

»Die Frage war schnell, denn er ist entschlossen; aber die Antwort war

auch schnell, denn auch ich bin entschlossen: Nein!«

»Ausgezeichnet, laß dich umarmen! Und er, ließ er sich kurz abweisen?«

»Er fragte, ob er nicht mit der Zeit bei mir gewinnen könne! Es war mir

leid um ihn -- aber nein, nein, daraus kann nichts werden!«

Bärbchen bewegte die Nasenflügel lebhaft und schüttelte ihr Stirnhaar

traurig und nachdenklich.

»Sage mir doch deine Gründe!« sagte Sagloba.

»Das wollte auch er wissen, aber vergeblich; ihm habe ich's nicht

gesagt, und ich sage es niemand.«

»Und vielleicht,« sagte Sagloba, indem er ihr scharf in die Augen sah,

»vielleicht trägst du im Herzen eine verborgene Liebe, he?«

»Nichts da!« rief Bärbchen.

Sie sprang von ihrem Platze auf und begann eilig, als ob sie eine

Verwirrung verbergen wollte, zu wiederholen:

»Ich mag Herrn Nowowiejski nicht, ich mag ihn nicht, ich mag niemand;

warum quälen sie mich, warum quälen sie mich alle?«

Und sie brach plötzlich in Tränen aus.

Sagloba tröstete sie, so gut er konnte, aber sie war den ganzen Tag

traurig und mürrisch.

»Michael,« sagte Sagloba bei Tische, »du gehst fort, inzwischen kommt

Ketling zurück, und er ist ein Frauenliebling seltener Art. Ich weiß

nicht, wie die Mädchen mit ihm fertig werden, aber ich denke, wenn du

wiederkommst, findest du beide verliebt.«

»Gut für uns,« antwortete Wolodyjowski, »wir geben ihm sogleich

Fräulein Bärbchen.«

Bärbchen heftete ihre Luchsaugen auf ihn und erwiderte:

»Und warum seid Ihr um Christine weniger besorgt?«

Der kleine Ritter war sehr verwirrt und antwortete:

»Ihr kennt Ketlings Macht noch nicht, aber Ihr werdet sie erfahren.«

»Und warum soll sie Christine nicht erfahren? Ich bin's ja nicht, die

da singt:

O glaubet, Ihr Ritter,

Wohl gehet in Splitter

Auch Panzer und Stahl,

Durch Eisen und Schilde

Trifft Amor der Wilde,

Ins Herz -- ohne Wahl!«

Nun war Christine ihrerseits verwirrt, und der kleine Kobold sprach

weiter:

»Schließlich bitte ich Herrn Nowowiejski, mir seinen Schild zu

leihen; aber wenn Ihr abreiset, weiß ich nicht, womit sich Christine

verteidigen wird, wenn es an sie herantritt.«

Wolodyjowski hatte sich wiedergefunden; er antwortete in etwas strengem

Tone:

»Vielleicht findet auch sie etwas zu ihrer Verteidigung, und nichts

Schlechteres als Ihr.«

»Und wie das?«

»Sie ist weniger leicht, sie hat mehr Stetigkeit und Überlegung ...«

Sagloba und die Frau Truchseß glaubten, der trotzköpfige kleine Heiduck

werde gleich den Kampf aufnehmen; aber zu ihrem großen Erstaunen ließ

sie den Kopf sinken und sagte erst nach einer Weile mit ruhiger Stimme:

»Wenn Ihr mir zürnt, so bitte ich Euch und Christine um Verzeihung ...«

[Illustration: Dekoration/Kapitelende]

[Illustration: Dekoration/Kapitelanfang]

Der kleine Ritter (Herr Wolodyjowski): Historischer Roman · 第 14 / 43 题