Das Fräulein aber machte ungläubig: »Fi! Fi!«

»Bärbchen!« sagte Frau Truchseß im verweisenden Tone.

»Ja, ja, Bärbchen, und wer hat sonst den ganzen Tag für die Pferde

gesorgt?«

So miteinander plaudernd waren sie vor Ketlings Hause angekommen.

Alle Fenster waren schon hell erleuchtet zum Empfang der Frau Truchseß.

Die Dienerschaft eilte heraus, Sagloba an der Spitze; er sprang an den

Wagen heran, und da er die Frauen erblickte, sagte er bald:

»In welcher der Damen habe ich die Ehre, meine besondere Wohltäterin zu

erblicken, die Schwester meines besten Freundes Michael?«

»Das bin ich,« antwortete die Frau Truchseß.

Da ergriff Sagloba ihre Hand und begann sie eilig zu küssen, indem er

immer wiederholte:

»Meine Reverenz, meine Reverenz!«

Dann half er ihr aus dem Wagen steigen und führte sie mit großer

Liebenswürdigkeit und mit Kratzfüßen in den Flur.

»Es sei mir verstattet, noch einmal jenseits der Schwelle den

Willkommengruß zu bieten,« sagte er unterwegs.

Inzwischen half Michael den jungen Mädchen aussteigen. Da der Wagen

aber hoch war, und der Tritt im Finstern schwer zu finden, so umfaßte

er Fräulein Drohojowska, hob sie in die Höhe und ließ sie vor sich

auf die Erde nieder. Sie aber lehnte, ohne sich zu stützen, einen

Augenblick mit ihrer Brust an der seinigen und sagte:

»Ich danke Euch, Herr.«

Wolodyjowski wandte sich jetzt zu Fräulein Jesiorkowska; sie war aber

schon auf der anderen Seite des Wagens herabgesprungen. Er bot also

seinen Arm Fräulein Drohojowska. Im Zimmer erfolgte die Bekanntschaft

mit Herrn Sagloba, der beim Anblick der beiden jungen Mädchen in

vortreffliche Laune kam und gleich zum Abendbrot bat. Schon dampften

die Schüsseln auf dem Tische, und wie Michael vorausgesehen hatte, war

alles in so reichem Maße vorhanden, daß es auch für zweimal soviel

Personen ausgereicht haben würde.

Sie setzten sich also. Die Frau Truchseß nahm den obersten Platz ein,

neben ihr zur Rechten Sagloba und neben diesem Fräulein Jesiorkowska.

Wolodyjowski setzte sich zur Linken neben Fräulein Drohojowska.

Hier erst konnte der kleine Ritter die Mädchen näher betrachten.

Beide waren hübsch, jede in ihrer Weise. Fräulein Drohojowska hatte

rabenschwarzes Haar, ebensolche Augenbrauen, große, blaue Augen, eine

weiche, blasse, so zarte Gesichtsfarbe, daß man an den Schläfen die

blauen Äderchen durchsah. Ein kaum bemerkbarer dunkler Flaum bedeckte

die Oberlippe und ließ die lieblichen, reizvollen Lippen hervortreten,

die wie zum Kuß gestaltet waren. Sie war in Trauer, denn sie hatte

vor kurzem den Vater verloren, und die Farbe ihrer Tracht gab ihr bei

der Zartheit ihres Gesichts und den schwarzen Haaren einen gewissen

Schein des Leids, der Trauer und der Strenge. Beim ersten Anblick

erschien sie älter als ihre Genossin, und erst, da er sie genauer

betrachtete, bemerkte Michael, daß das Blut der ersten Jugend unter

dieser durchsichtigen Haut rann. Je näher er sie betrachtete, desto

mehr bewunderte er die Vornehmheit ihrer Erscheinung, den Schwanenhals,

den schlanken Gliederbau voll jungfräulichen Reizes.

»Das ist eine vornehme Dame,« dachte er, »die eine herrliche Seele

haben muß; die andere dafür ist ein wahrer Bursche!«

Der Vergleich war treffend.

Fräulein Jesiorkowska war um viele Jahre älter als Fräulein

Drohojowska; sie war überhaupt zierlich, wenn auch nicht hager, rot

wie eine Rosenknospe, mit blondem Haar; ihr Haar war offenbar nach

einer Krankheit abgeschnitten und unter einem goldenen Netz verborgen.

Aber diese Haare saßen auf einem unruhigen Köpfchen und wollten sich

auch nicht ruhig verhalten; immer sahen sie mit den Enden durch

alle Maschen des Netzes heraus und bildeten über der Stirn einen

ungeordneten hellen Schopf, der bis auf die Brauen herunterfiel, was

bei den feurigen, unruhigen Augen und der herausfordernden Miene dieses

rosigen Gesichtchens an das Aussehen eines Schulknaben erinnerte,

der nur darauf lauert, ungestraft einen Streich zu vollführen. Sie

war so hübsch und frisch, daß man kaum die Blicke von ihr wenden

konnte. Sie hatte ein feines Stumpfnäschen mit beweglichen, beständig

tätigen Nasenflügeln, Grübchen in den Wangen und ein Grübchen am

Kinn -- Anzeichen eines heiteren Wesens. Aber jetzt saß sie ernst da und

ließ sich's wohl schmecken, während ihre Augen umherschweiften, bald um

Herrn Sagloba, bald um Herrn Wolodyjowski zu betrachten, die sie mit

fast kindlicher Neugier wie Wunderdinge ansah.

Wolodyjowski schwieg, denn obgleich er empfand, daß er die Pflicht

habe, Fräulein Drohojowska zu unterhalten, wußte er doch nicht, womit

er anfangen solle. Der kleine Ritter war überhaupt nicht geschickt

im Umgang mit Frauen, und jetzt war ihm die Seele um so trauriger,

als die Mädchen ihm lebhaft die geliebte Verstorbene ins Gedächtnis

zurückriefen.

Sagloba indes unterhielt die Frau Truchseß, indem er ihr von seinen

und von Michaels Taten erzählte. Mitten im Abendbrot kam er auf die

Erzählung, wie er einst mit der jungen Fürstin Kurzewitsch und mit

Rzendzian zu vieren vor einer ganzen Tatarenschar floh, und wie er

endlich, um die Fürstin zu retten und die Verfolgung abzuhalten, sich

zu zweit auf die Schar gestürzt habe.

Fräulein Jesiorkowska vergaß das Essen ganz; sie stützte ihr Kinn auf

die Hand und horchte auf, indem ihr Stirnhaar sich bewegte, ihre Augen

blinzelten und ihre Finger bei den interessantesten Stellen schnalzten.

»Aha, aha,« wiederholte sie, »und dann, und dann?«

Bis er zu der Stelle kam, wo Kuschels Dragoner plötzlich zu Hilfe

geeilt kamen, den Tataren im Nacken saßen und sie eine halbe Meile

weit niederschlugen -- da konnte es Fräulein Jesiorkowska nicht länger

aushalten. Sie schlug aus voller Kraft die Hände zusammen und rief:

»Da wäre ich für mein Leben gern dabei gewesen!«

»Baschka!«[E] rief die wohlbeleibte Frau Makowiezka mit ausgeprägtem

russischen Accent, »du bist ja hier unter feinen Leuten, du mußt dir

solche Worte abgewöhnen: für mein Leben. Es hätte nur noch gefehlt, daß

du gesagt hättest: daß mich eine Kugel treffe!«

Das Mädchen lachte mit einem frischen, silberhellen Lachen und schlug

sich plötzlich auf die Knie.

»Ei, daß mich eine Kugel treffe, Tantchen!«

»Du lieber Gott, die Ohren tun mir weh! Bitte die ganze Gesellschaft um

Verzeihung!« rief die Frau Truchseß.

Da sprang Baschka, da sie ihre Abbitte bei der Frau Truchseß beginnen

wollte, von ihrem Platze auf, warf aber zugleich Messer und Löffel

unter den Tisch und verschwand sogleich hinterher, um sie aufzuheben.

Die rundliche Frau Truchseß konnte ihr Lachen nicht mehr zurückhalten,

und sie hatte ein seltsames Lachen. Denn erst begann sie sich zu

schütteln und lebhaft hin und her zu wiegen, und dann piepste sie mit

dünner Stimme. Alle wurden heiter, Sagloba war entzückt.

»Seht, meine Herren, was ich mit diesem Mädchen durchmache,«

wiederholte die Frau Truchseß und schüttelte sich.

»Ein wahres Entzücken, so wahr ich lebe!« sagte Sagloba.

Inzwischen war Baschka unter dem Tisch hervorgekrochen; Löffel und

Messer hatte sie gefunden, aber sie hatte das Netz vom Kopfe verloren,

das Haar fiel ihr über die Augen.

Sie richtete sich gerade auf, bewegte die Nasenflügel und sagte:

»Aha, die Herrschaften lachen über meine Verwirrung?«

»Niemand lacht,« sagte Sagloba im Tone der Überzeugung, »niemand lacht!

Wir freuen uns nur, daß uns Gott in Eurer Person Freude gesandt hat.«

Nach dem Abendbrot gingen sie in das Wohnzimmer. Als Fräulein

Drohojowska dort die Laute an der Wand bemerkte, nahm sie sie herab und

fing an zu klimpern. Wolodyjowski bat sie, zur Laute zu singen. Sie

antwortete mit Einfachheit und Liebenswürdigkeit:

»Sehr gern, wenn ich vermag, die Sorge aus Eurer Seele zu verscheuchen.«

»Ich danke,« antwortete der kleine Ritter und erhob seine Augen dankbar

zu ihr.

Kurz darauf ertönte der Gesang:

»O glaubet, Ihr Ritter,

Wohl gehet in Splitter

Auch Panzer und Stahl,

Durch Eisen und Schilde

Trifft Amor der Wilde

Ins Herz -- ohne Wahl!«

»Ich weiß wirklich nicht, wie ich Euch danken soll,« sagte Sagloba, der

in der Nähe der Frau Truchseß saß und beständig ihre Hände küßte, »weil

Ihr selbst gekommen seid, und weil Ihr so artige Mädchen mitgebracht

habt, daß die Grazien selber ihre Zofen sein könnten. Ganz besonders

ist mir der kleine Heiduck ans Herz gewachsen, denn die Schelmin

versteht so vortrefflich, trübe Gedanken zu verjagen, wie der Fuchs

das Wiesel. Denn was sind trübe Gedanken anders als Mäuse, welche

die Körner der Fröhlichkeit zernagen, die in unserem Herzen aufgehen

sollten? Ihr müßt nämlich wissen, verehrte Frau, daß unser alter König

Johann Kasimir meine _comparationes_ so gerne hatte, daß er nicht einen

Tag ohne dieselben sein konnte. Ich mußte auch Parabeln und weise

Maximen für ihn ersinnen, die er sich immer vor Nacht wiederholen

ließ, und nach welchen er seine Politik richtete. Aber das ist eine

andere Materie. Ich habe das Vertrauen, daß auch unser Michael bei

solchem Ergötzen sein unglückseliges Mädchen ganz und gar vergißt;

Ihr wißt nicht, verehrte Frau, daß ich ihn erst vor einer Woche von

den Kamaldulensern herausgeholt habe, wo er schon das Gelübde leisten

wollte. Aber ich habe mir die Erlaubnis des Nuntius selber ausgewirkt,

der dem Prior ansagte, daß er das ganze Kloster zu den Dragonern

stecken würde, wenn sie den Michael nicht sofort herausgäben. Er

gehörte nicht dorthin ... Gott sei Dank, Gott sei Dank, ich kenne

ihn! Wenn nicht heute, so wird morgen eine von diesen beiden solche

Funken aus ihm schlagen, daß davon das Herz wie ein Schwämmchen sich

entzündet.« Inzwischen sang Fräulein Drohojowska weiter:

»Und muß vor den Streichen

Des Lockeren weichen

Der tapfere Mann --

Die hilflosen Frauen

Erfüllet mit Grauen

Der kleine Tyrann.«

»Die Frauen fürchten diese Wunden so wie der Hund den Speck,« flüsterte

Sagloba der Frau Truchseß zu; »aber gesteht, daß Ihr diese beiden

Vögelchen nicht ohne verborgene Absichten mit hierhergebracht habt.

Prächtige Mädchen, besonders der kleine Heiduck! Bei meinem Leben,

Michael hat ein schlaues Schwesterchen, was?«

Frau Makowiezka machte wirklich ein sehr schlaues Gesicht, das übrigens

gar nicht zu ihrem einfältigen, redlichen Aussehen paßte, und sagte:

»Man hat so über dies und jenes nachgedacht, wie es uns Frauen ja

gewöhnlich nicht an Schlauheit fehlt. Mein Mann soll hier zur Wahl

herkommen, und ich habe die Mädchen vorher mitgenommen, weil die

Tataren jeden Augenblick kommen können. Sollte aber daraus etwas

Glückliches für Michael entstehen, so gelobe ich eine Wallfahrt zu Fuß

zu einem Wunderbilde.«

»Es wird geschehen,« sagte Sagloba.

»Beide Mädchen sind aus großem Hause, beide vermögend, und das bedeutet

etwas bei den heutigen schweren Zeiten ...«

»Mir brauchte man so etwas nicht zweimal zu sagen. Michaels Vermögen

hat der Krieg verzehrt, obwohl ich weiß, daß er ein paar Groschen bei

großen Herren stehen hat. Wir haben manchmal ausgezeichnete Beute

gemacht, und obgleich das dem Hetman abgeliefert wurde, so wurde doch

manches davon geteilt, wie man bei uns Soldaten sagt, frisch vom Säbel

weg. Auf Michaels Teil kam manchmal so viel, daß, wenn er alles hätte

aufbewahren wollen, er heute ein schönes Vermögen hätte. Aber der

Soldat denkt nicht an das Morgen und genießt das Heut', und Michael

hätte alles durchgebracht, wenn ich ihn nicht immer zurückgehalten

hätte. Ihr sagt also, gnädige Frau, daß die Mädchen von hohem Stande

seien?«

»In der Drohojowska fließt Senatorenblut. Zwar unsere Grenzkastellane

sind nicht gerade Krakauer, und es gibt manchen, von dem man in der

Republik nicht spricht; aber wer doch einmal auf dem Senatorenstuhl

gesessen hat, der vererbt auch seinen Glanz seinen Nachkommen. Was aber

die Ahnen betrifft, so steht die Jesiorkowska fast noch höher als die

Drohojowska ...«

»Ich bitte, bitte, ich selbst leite meinen Stammbaum von einem Könige

der Massageten her, und darum höre ich gern von Stammbäumen.«

»Aus einem so hohen Neste ist nun die Jesiorkowska nicht, aber wenn Ihr

hören wollt ... denn wir hier von unseren Gegenden können jedermanns

Haus an den Fingern herzählen ... Nun, sie ist eine Verwandte der

Potozkis, der Jaslowizkis und der Laschtschs. Seht, das war so ...«

Hier richtete die Frau Truchseß die Falten ihres Kleides und setzte

sich bequemer, um in der beliebten Erzählung sich nicht unterbrechen zu

müssen; dann breitete sie die Finger der einen Hand aus, bereitete den

Zeigefinger der anderen zur Aufzählung der Urväter und Urmütter vor und

begann:

»Die Tochter des Herrn Jakob Potozki, Elisabeth, von seiner zweiten

Frau Jaslowizka, heiratete Herrn Johann Smiotanko, den Bannerträger von

Podolien ...«

»Ich hab's mir gemerkt,« sagte Sagloba.

»Aus dieser Ehe wurde Herr Nikolaus Smiotanko geboren, gleichfalls

Bannerträger von Podolien.«

»Hm, schönes Amt.«

»Dieser war verheiratet in erster Ehe mit Dorohosto ... nein, mit einer

Roschynska ... nein, mit einer Woronitsch ... ei daß doch, ich hab's

vergessen!«

»Gott hab' sie selig, wie sie auch geheißen hat,« sagte Sagloba ernst.

»In zweiter Ehe heiratete er eine Laschtsch.«

»Welches waren die Konsequenzen dieser Ehe?«

»Die Söhne starben ihnen.«

»Jede Freude dieser Welt ist zweifelhaft.«

»Und von den vier Töchtern hat die jüngste, Anna, einen Jesiorkowski

geheiratet, der zuletzt, wenn ich nicht irre, Schwertträger von

Podolien war.«

»Ja, das war er, ich erinnere mich,« sagte Sagloba mit voller

Sicherheit.

»Aus dieser Ehe, seht Ihr, stammt Baschka.«

»Ich erkenne das auch daraus, daß sie in diesem Augenblick mit Ketlings

Mörser zielt.«

Fräulein Drohojowska und der kleine Ritter waren im tiefen Gespräch,

und Fräulein Baschka zielte wirklich zum Vergnügen mit dem Mörser in

der Richtung des Fensters.

Frau Makowiezka begann bei diesem Anblick zu zittern und zu kreischen.

»Sie können sich gar nicht vorstellen, was ich mit diesem Mädchen

leide; der reine Heidemak!«

»Wenn doch alle Heidemaken so wären -- ich ginge bald zu ihnen.«

»Sie hat nichts im Kopf als Waffen, Pferde, Krieg. Einmal lief sie

aus dem Hause zur Jagd auf Enten mit der Flinte. Sie kommt mitten in

das Röhricht und sieht, das Röhricht bewegt sich auseinander, und der

Kopf eines Tataren taucht auf, der sich durch das Röhricht in das Dorf

schleichen wollte. Eine andere wäre erschrocken, aber das Ding, -- wie

es Euch losschießt, und der Tatar, patsch! ins Wasser auf der Stelle.

Denkt Euch, sie hat ihn hingestreckt! Und womit? Mit Entenschrot!«

Hier begann Frau Makowiezka wieder sich zu schütteln und zu lachen über

das Abenteuer mit dem Tataren; dann fügte sie hinzu:

»Aber was wahr ist: sie hat uns alle gerettet, denn es war eine ganze

Schar im Anzuge. Da sie aber zurückkam und Alarm schlug, hatten wir

Zeit, mit dem ganzen Gesinde in den Wald zu flüchten. Bei uns geht's

immer so.«

Saglobas Gesicht glänzte in solchem Entzücken, daß er sogar einen

Augenblick das Auge schloß; dann sprang er auf, eilte zu dem Mädchen

hin und küßte es, ehe es sich's versah, auf die Stirn.

»Das von einem alten Soldaten für den Tataren im Röhricht!« sagte er.

Das Mädchen warf kühn seinen blonden Kopf zurück.

»Was? Ich habe es ihm eingetränkt!« rief es mit seiner frischen

Kinderstimme, die so seltsam klang bei dem Inhalt ihrer Worte.

»Du mein lieber, kleiner Heidemak!« sagte Sagloba gefühlvoll.

»Aber was bedeutet so ein Tatar! Ihr Herren habt ihrer tausend

niedergehauen, und Schweden und Deutsche und die Ungarn Rakoczys! Was

bedeute ich neben euch, neben solchen Rittern, die ihresgleichen in der

ganzen Republik nicht haben. Ich weiß wohl, oho!«

»Wir lehren Euch den Degen führen, wenn Ihr solchen Mut habt. Ich bin

schon ein wenig schwerfällig; aber Michael, er ist auch ein Meister.«

Das Mädchen sprang bei diesem Vorschlag in die Höhe, dann küßte es

Sagloba auf den Arm, knickste dem kleinen Ritter zu und sagte: »Ich

danke für das Versprechen! -- ein wenig kann ich's schon.«

Wolodyjowski aber war im tiefen Gespräch mit Christine Drohojowska; er

antwortete daher zerstreut:

»Wie Ihr befehlt, mein Fräulein.«

Sagloba setzte sich wieder mit strahlendem Gesicht zur Frau Truchseß.

»Meine liebe gnädige Frau,« sagte er, »ich weiß sehr wohl, wie süß

türkische Früchte sind, denn ich habe lange Jahre in Stambul gehaust;

aber auch das weiß ich, daß es viele gibt, die ihrer begehren. Wie

kommt es, daß noch niemand dieses Mädchen begehrt hat?«

»Du lieber Gott, es gibt die Menge, die beiden den Hof machten. Baschka

nennen wir im Scherz die Witwe von drei Männern, denn drei würdige

Kavaliere haben gleichzeitig um sie gefreit, alles Edelleute aus

unserer Gegend, Besitzer, deren verwandtschaftliche Beziehungen ich

Euch auch ganz genau nennen kann.«

Bei diesen Worten breitete die Frau Truchseß wieder die Finger ihrer

linken Hand aus und legte den Zeigefinger der Rechten an. Sagloba aber

fragte so schnell als möglich:

»Und was ist aus ihnen geworden?«

»Alle drei haben im Kriege ihr Leben gelassen, deshalb nennen wir

Bärbchen auch die Witwe.«

»Seht, das ist bei uns etwas Alltägliches, und selten erreicht jemand

bei uns ein hohes Alter und stirbt eines natürlichen Todes. Man

sagt sogar, es zieme einem Edelmann gar nicht anders, als auf dem

Schlachtfelde zu sterben. Wie Bärbchen das ertragen hat?«

»Sie hat ein wenig geweint, die Arme, am meisten im Stall, denn wenn

sie etwas quält, so pflegt sie immer in den Stall zu gehen. Ich ging

ihr also einmal nach und fragte: ›Wem gelten deine Tränen?‹ und sie

antwortete: ›Allen dreien.‹ Aus der Antwort konnte ich bald merken,

daß ihr keiner besonders ans Herz gewachsen war. Und so denke ich

auch, da ihr Kopf noch mit anderen Dingen voll ist, fühlt sie noch gar

nicht den Willen Gottes. Christine schon mehr, aber Bärbchen nicht im

entferntesten.«

»Sie wird ihn fühlen,« sagte Sagloba, »wir verstehen das am besten; sie

wird ihn fühlen, sie wird ihn fühlen!«

»Das ist unsere Bestimmung,« antwortete die Frau Truchseß.

»Das eben ist es, Ihr habt mir diese Worte aus dem Munde genommen!«

Das weitere Gespräch unterbrach die Annäherung der jüngeren

Gesellschaft. Der kleine Ritter hatte schon alle Verlegenheit

Christinen gegenüber abgelegt, und sie beschäftigte sich offenbar aus

Herzensgüte mit ihm und mit seinem Leide, wie ein Arzt sich mit einem

Kranken beschäftigt, und vielleicht erwies sie ihm gerade darum mehr

Freundlichkeit, als ihre kurze Bekanntschaft sonst gestattet hätte. Da

aber Michael ein Bruder der Frau Truchseß war, und das Mädchen eine

Verwandte ihres Mannes, so wunderte das niemand. Bärbchen indessen

blieb gewissermaßen beiseite, nur Sagloba schenkte ihr seine beständige

Aufmerksamkeit; im übrigen schien ihr das alles gleichgültig zu sein,

ob sich jemand mit ihr beschäftige oder nicht. Anfangs betrachtete sie

beide Ritter mit Bewunderung; aber mit gleicher Bewunderung betrachtete

sie auch Ketlings prächtige Waffen, die an den Wänden herumhingen. Dann

begann sie ein wenig zu gähnen, dann fielen ihr die Augen immer mehr

und mehr zu, und endlich sagte sie: »Wenn ich mich jetzt schlafen lege,

so wache ich gewiß nicht vor übermorgen auf.«

Nach diesen Worten trennten sich bald alle, denn die Frauen waren sehr

wegmüde und warteten nur auf die Herrichtung der Betten. Als Sagloba

sich endlich mit Wolodyjowski allein befand, begann er erst vielsagend

mit den Augen zu zwinkern, dann traktierte er den kleinen Ritter mit

einem Hagel leichter Rippenstöße.

»Michael, was Michael -- he? Wie die Rüben! Was? Mönch willst du werden?

Was? Und die Drohojowska, die zuckersüße Rübe, und der kleine Heiduck,

der rosige, was sagst du dazu, Michael?«

»Was? -- nichts!« antwortete der kleine Ritter.

»Ganz besonders hat mir der kleine Heiduck gefallen. Das kann ich dir

sagen, als ich beim Abendessen neben ihr saß, schlug mir von ihr eine

solche Glut entgegen wie vom Ofen.«

»Sie ist eine wilde Ziege! Die andere ist doch gesetzter.«

»Die Drohojowska ist eine ungarische Flamme, eine echte ungarische

Flamme! Aber die andere ist eine kleine Ruß; bei Gott, wenn ich Zähne

hätte ... ich will sagen, wenn ich eine solche Tochter hätte -- nur dir

würde ich sie geben! Eine süße Mandel, sage ich dir, eine süße Mandel!«

Wolodyjowski wurde plötzlich traurig, denn ihm kamen die Kosenamen in

Erinnerung, welche Sagloba Ännchen Borschobohota zu geben pflegte; wie

lebend stand sie plötzlich vor seinem geistigen Auge: ihre Gestalt, ihr

zierliches Gesicht, ihre dunklen Zöpfe, ihre Heiterkeit, ihr Geplauder,

ihr Blick. Diese beiden waren jünger, aber die andere war ihm doch

zehnmal lieber als alle jüngeren.

Der kleine Ritter verbarg das Gesicht in den Händen, und es erfaßte ihn

eine Traurigkeit, die um so größer war, als sie unerwartet kam.

Sagloba war erstaunt; eine Zeitlang schwieg er und blickte unruhig um

sich, endlich sagte er:

»Michael, was ist dir? Sprich um Gottes willen!«

Wolodyjowski sprach: »So viele leben, so viele sind in der Welt,

nur mein Lämmchen ist nicht da, nur sie allein werde ich nimmer

wiedersehen!«

Dann raubte der Schmerz ihm die Stimme, er stützte die Stirn auf die

Lehne der Bank und hauchte durch die schmerzlich zusammengezogenen

Lippen:

»Gott, Gott, Gott!«

Fräulein Bärbchen ließ jedoch Wolodyjowski nicht locker, daß er sie das

»Fechten« lehre, und er sagte nicht Nein, denn nach wenigen Tagen, wenn

er auch Fräulein Drohojowska immer lieber hatte, gewann er doch auch

Bärbchen sehr lieb; es war aber auch nicht gut möglich, sie nicht gern

zu haben.

Eines Morgens begann denn auch der erste Unterricht, hauptsächlich

durch Bärbchens Ruhmredigkeit hervorgerufen und durch ihre

Versicherungen, daß sie diese Kunst schon recht gut verstehe, und daß

nicht jeder Beliebige ihr standhalten könne.

»Alte Soldaten waren meine Lehrer,« sagte sie, »an denen ist bei

uns kein Mangel, und es ist doch bekannt, daß nichts über unsere

Fechter geht ... ja, es ist noch eine Frage, ob ihr Herren dort nicht

euresgleichen finden würdet.«

»Was Ihr sagt, Fräulein!« rief Sagloba. »Wir haben in der ganzen Welt

nicht unseresgleichen.«

»Ich wünschte, es zeigte sich, daß ich euresgleichen bin; ich hoffe es

nicht, aber ich wünschte es.«

»Im Schießen aus dem Terzerol würde auch ich mich versuchen,« sagte

Frau Makowiezka lächelnd.

»Bei Gott, es wohnen wohl lauter Amazonen in Euren Gegenden?« sagte

Sagloba. Und er wandte sich an Fräulein Drohojowska: »Und welche Waffe

führt Ihr am besten, mein Fräulein?«

»Gar keine,« antwortete Fräulein Christine.

»Aha, gar keine!« rief Bärbchen und begann zu singen, indem sie

Christinen spöttelnd nachahmte:

»O glaubet, Ihr Ritter,

es geht in Splitter

Wohl Panzer und Stahl,

Durch Eisen und Schilde

Trifft Amor der Wilde

Ins Herz -- ohne Wahl.«

»Das ist die Waffe, die Ihr führt. Fürchtet euch nicht,« fügte sie

hinzu, zu Wolodyjowski und Sagloba gewendet, »sie ist auch kein übler

Kämpfer.«

»Legt aus, Fräulein,« sagte Michael, um eine kleine Verwirrung zu

verbergen.

»Bei Gott, wenn sich jetzt zeigte, was ich denke,« rief Bärbchen und

wurde rot vor Freude.

Und sie nahm sofort ihre Stellung ein, einen leichten polnischen Säbel

in der Rechten, die linke Hand auf den Rücken gelegt, die Brust heraus,

den Kopf hoch, die Nasenflügel lebhaft bewegend und war so hübsch und

rosig, daß Sagloba der Frau Truchseß zuflüsterte:

»Keine Flasche, und sei sie mit hundertjährigem Ungar gefüllt, würde

mich so mit ihrem Anblick entzücken.«

»Gebt acht, Fräulein,« sagte Wolodyjowski, »ich werde mich nur

verteidigen, nicht schlagen. Ihr, Fräulein, greift an, wie es Euch

gefällt.«

»Gut, wenn Ihr wollt, daß ich aufhöre, so sagt nur ein Wörtchen.«

»Es könnte auch so aufhören, wenn ich nur wollte.«

»Wieso, was?«

»Einem solchen Kämpfer würde ich leicht das Säbelchen aus der Hand

schlagen.«

»Wir werden sehen.«

»Wir werden es nicht sehen, denn ich werde es aus Höflichkeit nicht

tun.«

»Es bedarf keiner Höflichkeit, tut es nur, wenn Ihr es könnt. Ich weiß,

daß ich weniger kann als Ihr, aber das laß ich doch nicht geschehen.«

»Ihr gestattet also?«

»Ich gestatte.«

»Laßt das doch, geliebter kleiner Heiduck,« sagte Sagloba, »er hat es

mit dem größten Meister aufgenommen.«

»Wir werden sehen,« wiederholte Bärbchen.

»Fangen wir an,« sagte Wolodyjowski, ein wenig unwillig über das

Selbstlob des Mädchens.

Sie fingen an.

Bärbchen schlug mächtig zu und hüpfte dabei wie ein Heupferdchen.

Wolodyjowski stand fest auf seinem Platze und machte nach seiner

Gewohnheit kleine, kurze Bewegungen mit dem Degen, nicht besonders auf

den Angriff achtend.

»Ihr wehrt Euch gegen mich wie gegen eine lästige Fliege!« rief

Bärbchen gereizt.

»Ich nehme es nicht mit Euch auf, ich unterrichte Euch nur,« erwiderte

der kleine Ritter. »Sehr gut so, für ein weibliches Wesen gar nicht

übel; ruhiger mit der Hand!«

»Für ein weibliches Wesen? Dies, mein Herr, für das weibliche Wesen!

So! Und so!«

Aber Michael blieb, obwohl Bärbchen ihre vorzüglichsten Streiche

geführt hatte, ruhig und unbewegt, er fing sogar absichtlich mit

Sagloba zu plaudern an, um zu zeigen, wie wenig er sich um ihre Hiebe

kümmere.

»Geht doch vom Fenster fort, denn dem Fräulein ist's zu finster, und

wenn auch der Säbel größer ist als eine Nadel, so hat das Fräulein doch

weniger Erfahrung mit dem Säbel als mit der Nadel.«

Bärbchens Nasenflügel bewegten sich noch aufgeregter hin und her, und

ihr Stirnhaar fiel ganz über die blitzenden Äuglein.

»Ihr spottet meiner?« fragte sie schwer atmend.

»Nicht über Eure Person, Gott bewahre!«

»Ich kann Herrn Michael nicht leiden!«

»Da hast du deinen Lohn, Schulmeister,« antwortete der kleine Ritter.

Dann wandte er sich wieder zu Sagloba.

»Wahrhaftig, es beginnt zu schneien!«

»Schnee -- Schnee -- Schnee!« wiederholte Bärbchen höhnisch.

»Genug, Bärbchen, du kannst kaum noch atmen!« warf Frau Truchseß ein.

»Nun, Fräulein, haltet den Degen fest, sonst schlage ich ihn aus der

Hand.«

»Das werden wir sehen!«

»Jetzt!«

Und der kleine Säbel entflog wie ein Vogel Bärbchens Händen und fiel

klirrend in der Entfernung am Ofen nieder.

»Das habe ich von selbst getan, unwillkürlich, das ist nicht Euer

Werk!« rief das Mädchen unter Tränen, ergriff im Augenblick den Degen

und begann von neuem:

»Versucht es jetzt!«

»Nun wohl,« sagte Michael.

Und wieder lag der kleine Säbel am Ofen.

Der kleine Ritter (Herr Wolodyjowski): Historischer Roman · 第 11 / 43 题