Die Frau Truchseß begann zu zittern und zu kreischen, lauter noch als
gewöhnlich; Bärbchen aber stand in der Mitte des Zimmers, verwirrt,
verblüfft, schwer atmend und biß sich in die Lippen, um die Tränen zu
unterdrücken, die sich mit Macht in ihre Augen drängten; sie wußte,
daß man noch mehr lachen würde, wenn sie in Weinen ausbrechen würde,
und wollte es durchaus unterdrücken; da sie aber sah, daß sie es nicht
vermochte, stürzte sie plötzlich aus dem Zimmer.
»Bei Gott,« rief die Frau Truchseß, »sie ist gewiß in den Stall
entflohen, und sie ist so erhitzt; sie wird sich noch eine Erkältung
zuziehen. Man muß ihr nach; Christinchen, bleibe hier!«
Mit diesen Worten ging sie hinaus, ergriff ein warmes Jäckchen im Flur
und lief damit in den Stall. Sagloba folgte ihr, besorgt um seinen
kleinen Heiducken. Auch Fräulein Drohojowska wollte hinauslaufen, aber
der kleine Ritter ergriff sie bei der Hand.
»Ihr habt doch den Befehl gehört, Fräulein? Ich lasse diese Hand nicht
los, ehe sie wiederkommen.«
Und in der Tat ließ er sie nicht los. Die Hand war wie Atlas weich;
Herr Michael fühlte einen warmen Strom aus diesen warmen Fingern
in seinen Körper hinüberfließen und empfand ein ungewöhnliches
Wohlbehagen. Darum hielt er sie nur noch fester.
Ein leichtes Rot huschte über Christinens dunkles Gesicht.
»Ihr haltet mich wie eine Gefangene, die man den Ungläubigen abgejagt
hat,« sagte sie.
»Wer eine solche Gefangene gemacht hätte, brauchte auch den Sultan
nicht zu beneiden, und der Sultan gäbe gern sein halbes Reich für sie.«
»Aber Ihr würdet mich den Ungläubigen nicht verkaufen?«
»So wenig, wie ich meine Seele dem Teufel verkaufen würde.«
Hier bemerkte Michael, daß der Eifer des Augenblicks ihn zu weit führe,
und verbesserte sich:
»So wenig, wie ich meine Schwester verkaufen würde.«
Und Fräulein Drohojowska sagte ernst:
»Das habt Ihr getroffen, Herr! Eine Schwester bin ich der Frau Truchseß
in der Liebe, ich will auch die Eure sein.«
»Ich danke Euch von Herzen,« sagte Michael und küßte ihre Hand, »denn
ich bedarf des Trostes gar sehr.«
»Ich weiß, ich weiß,« wiederholte das Mädchen, »auch ich bin eine
Waise.«
Hier fiel eine Träne von ihrer Wange und setzte sich auf den kleinen
Flaum über ihrem Munde.
Und Wolodyjowski sah das Tränlein, den leicht beschatteten Mund und
sagte:
»Sie sind so gut, gerade wie ein Engel! Mir ist schon leichter.«
Christine lächelte süß.
»Gebe Gott!«
»Wahrhaftig!«
Dabei empfand der kleine Ritter, daß, wenn er ihre Hand noch einmal
küssen würde, ihm desto leichter wäre, aber in diesem Augenblick trat
Frau Makowiezka ins Zimmer. »Bärbchen hat die Jacke genommen,« sagte
sie, »aber sie ist in solcher Verwirrung, daß sie um nichts in der Welt
hereinkommen will; Sagloba jagt sie im ganzen Stall herum.«
Sagloba hatte nicht bloß unter beständigem Trösten und Zureden Bärbchen
im ganzen Stall herumgejagt, sondern sie endlich auch in den Hof
hinausgedrängt, in der Hoffnung, sie desto schneller zur Rückkehr ins
warme Zimmer zu überreden. Sie entwand sich ihm aber und wiederholte:
»Ich gehe gerade nicht, wenn ich mich auch erkälten soll, ich gehe
nicht, ich gehe gerade nicht!«
Endlich, da sie am Hause eine Leiter erblickte, sprang sie hinauf wie
ein Eichkätzchen und machte erst am Rande des Daches Halt. Dort ließ
sie sich nieder und rief zu Herrn Sagloba gewandt halb lachend: »Gut,
ich will hineingehen, wenn Ihr mir nachklettern wollt.«
»Aber bin ich denn ein Kater, kleiner Heiduck, daß ich mit dir auf den
Dächern herumklettern soll? So vergiltst du mir, daß ich dich liebe?«
»Ich liebe Euch auch, aber nur vom Dache.«
»Totreden kann man sich mit dem Mädchen! So klettere doch gleich
herunter!«
»Ich klettere nicht herunter!«
»Lächerlich, bei Gott! Etwas sich so zu Herzen zu nehmen! Nicht dir,
Wieselchen, allein, sondern dem Kmiziz, der als ein Meister unter den
Meistern gilt, hat Wolodyjowski dasselbe getan, und nicht zum Scherz,
sondern im Zweikampf. Ihm haben die berühmtesten Kämpfer in Italien,
Deutschland und Schweden nicht länger als wenige Minuten standhalten
können, und nun will sich so ein Kiekindiewelt die Besiegung so zu
Herzen nehmen. Pfui, schäme dich, komm' herunter, komm' herunter, du
lernst doch erst.«
»Aber Herrn Michael kann ich nicht leiden.«
»Ach, rede nicht; weil er der _Exquisitissimus_ ist in dem, was du
selbst lernen möchtest, müßte er dir desto teurer sein.«
Sagloba hatte sich nicht geirrt. Bärbchens Begeisterung für den kleinen
Ritter war trotz ihrer Beschämung im Wachsen; aber sie antwortete:
»Mag ihn Christel gern haben!«
»Komm' herunter, komm' herunter!«
»Ich komme nicht herunter!«
»Gut, so bleib' sitzen; ich will dir nur sagen, daß es gar nicht hübsch
ist für ein junges Mädchen, auf der Leiter zu sitzen, denn das kann der
Welt einen lustigen Anblick geben!«
»Das ist nicht wahr!« sagte Bärbchen und ordnete den Überwurf mit den
Händen.
»Ich Alter werde mir die Augen nicht aussehen, aber ich will bald die
anderen alle herrufen, die werden sich schön wundern.«
»Ich komme schon herunter!« rief Bärbchen.
In diesem Augenblick wandte sich Sagloba seitwärts in das Haus.
»Bei Gott, es kommt jemand!« sagte er.
In der Tat kam um die Ecke herum der junge Herr Nowowiejski, der eben
zu Pferde angekommen war. Er hatte das Pferd an die Seitenpforte
gebunden, ging um das Haus herum, in der Absicht, durch die Haupttür
einzutreten.
Als Bärbchen ihn erblickte, war sie mit zwei Sätzen unten, aber es
war schon zu spät gewesen. Herr Nowowiejski hatte sie von der Leiter
springen sehen, er blieb verwirrt, erstaunt stehen und wurde rot wie
ein junges Mädchen. Bärbchen stand ebenso vor ihm. Plötzlich rief sie:
»Ein zweiter Reinfall.«
Sagloba, höchlichst erheitert, blinzelte eine Weile mit seinem gesunden
Auge; endlich sagte er:
»Herr Nowowiejski, unseres Michael Freund und Unterkommandant, und dies
ist Fräulein Kletterowska ... ei ... ich wollte sagen Jesiorkowska!«
Nowowiejski war schnell zu sich gekommen, und da er trotz seiner Jugend
ein Soldat von scharfem Verstande war, neigte er sich, richtete seine
Augen auf die wundervolle Erscheinung und sagte:
»Bei Gott, in Ketlings Garten blühen Rosen im Schnee.«
Bärbchen knickste und murmelte für sich hin: »Für eine andere Nase als
für die deine.« Dann sagte sie mit Anmut: »Ich bitte näherzutreten!«
Sie selbst eilte voraus, stürzte schnell ins Zimmer, in welchem Michael
und die ganze andere Gesellschaft saß, und rief, mit einer Anspielung
auf den roten Oberrock Nowowiejskis:
»Ein Gimpel ist ins Haus geflogen!«
Dann setzte sie sich auf ein Bänkchen, legte die Hände in den Schoß und
schloß das Mündchen, wie es einem bescheidenen, wohlerzogenen Mädchen
ziemt.
Herr Michael stellte seinen jungen Freund seiner Schwester und Fräulein
Drohojowska vor; dieser aber wurde, da er das zweite Fräulein bemerkte,
das zwar ganz anders geartet, aber ebenfalls sehr schön war, zum
zweiten Male verwirrt; er verbarg das aber mit einer Verbeugung und
griff, um sich Mut zu machen, mit der Hand nach dem Schnurrbart, der
ihm noch nicht recht wachsen wollte. Er drehte mit den Fingern über
der Lippe, wandte sich an Wolodyjowski, Herr Hetman begehre sehr, den
kleinen Ritter zu sehen. Soviel Herr Nowowiejski erraten könne, handle
es sich um eine militärische Funktion; der Hetman habe nämlich soeben
einige Briefe empfangen, und zwar von Herrn Wiltschkowski, von Herrn
Silnizki, von dem Hauptmann Piwo und von anderen Kommandanten, die in
der Ukraine und in Podolien standen, mit Nachrichten über Ereignisse in
der Krim, die nichts Gutes verkündeten.
»Der Khan selbst und der Sultan Galga, die mit uns bei Podhaize
Verträge geschlossen,« fuhr Nowowiejski fort, »wollen die Verträge
halten; aber der Budschiak regt sich wie ein Bienenstock; die Horde von
Bialogrod wogt hin und her, sie wollen weder dem Khan noch dem Galga
gehorsamen....«
»Das hat mir schon Herr Sobieski anvertraut und mich um Rat gefragt,«
sagte Sagloba. »Was sagt man jetzt dort vom Frühling?«
»Man sagt, daß mit dem ersten Grase dieses Gezücht sich sicherlich
regen wird, das man wieder wird zertreten müssen,« antwortete
Nowowiejski.
Bei diesen Worten machte er ein furchtbar martialisches Gesicht und
begann sein Schnauzbärtchen zu drehen, so daß ihm die Oberlippe ganz
rot wurde.
Bärbchen, die sehr scharf beobachtete, hatte das gleich bemerkt; sie
zog sich also ein wenig zurück, damit sie Herr Nowowiejski nicht sehe,
und begann ebenfalls den Bart zu drehen, indem sie dem jugendlichen
Ritter nachahmte.
Die Frau Truchseß rief sie sofort mit den Augen zur Ordnung. Aber
gleichzeitig begann sie auch sich hin und her zu schütteln und
unterdrückte mühsam ein Lachen; auch Herr Michael biß sich in die
Lippen, und Fräulein Drohojowska senkte die Augen, so daß ihre langen
Wimpern einen förmlichen Schatten auf ihre Wangen warfen.
»Ihr seid ein junger Mann,« sagte Sagloba, »aber ein erfahrener Soldat.«
»Ich bin zweiundzwanzig Jahre alt und diene ohne Ruhmredigkeit sieben
Jahre dem Vaterlande, denn ich bin in meinem fünfzehnten der Schulbank
entlaufen aufs Schlachtfeld,« antwortete der Jüngling.
»Die Steppe kennt er, und durch das hohe Gras versteht er zu
schleichen, und auf die Feinde stürzt er wie der Falke auf das
Schneehuhn,« fügte Wolodyjowski hinzu -- »ein Scharmützler ersten Ranges!
Ihm entgeht der Tatar in der Steppe nicht.«
Herr Nowowiejski erglühte vor Freude, daß ihm Lob aus so berühmtem
Munde in Gegenwart der Damen gezollt wurde.
Er war überdies nicht bloß ein Steppenhabicht, sondern auch ein schöner
Bursche, dunkelwangig, sturmgebräunt. Im Gesicht hatte er eine Narbe
vom Ohr bis zur Nase, die von dem Hiebe von der einen Seite dünner
war als von der anderen. Sein Blick war scharf, gewohnt, in die Ferne
zu sehen, über den Augen hatte er tiefschwarze Brauen, die über der
Nasenwurzel zusammengewachsen waren und wie der Bogen eines Tataren
aussahen. Auf dem glattrasierten Vorderkopf starrte ein schwarzer,
unförmlicher Schopf. Bärbchen gefiel er in Rede und Gestalt, trotzdem
hörte sie nicht auf, ihm nachzuahmen.
»Ich bitte,« sagte Sagloba, »wenn man alt ist wie ich, sieht man gern,
daß ein junges Geschlecht aufwächst, das unser würdig ist.«
»Noch ist es nicht würdig,« versetzte Nowowiejski.
»Ich lobe auch die Bescheidenheit; es wird nicht lange dauern, so wird
man Euch kleinere Kommandos anvertrauen.«
»Wie,« rief Michael, »er war schon oft Kommandant und hat auf eigene
Faust gesiegt.«
Herr Nowowiejski begann seinen Bart zu drehen, daß er sich fast die
Lippe abriß.
Bärbchen aber, die kein Auge von ihm ließ, erhob ebenfalls beide Hände
zum Gesicht und ahmte ihm in allem nach.
Aber der kluge Soldat hatte bald bemerkt, daß die Blicke der ganzen
Gesellschaft sich nach der Seite wandten, dorthin, wo ein wenig hinter
ihm das Mädchen saß, das er auf der Leiter gesehen hatte, und er erriet
unschwer, daß es dort irgend etwas gegen ihn im Schilde führen müsse.
Scheinbar ganz achtlos plauderte er also weiter und suchte wie bisher
nach seinem Barte; endlich aber, nachdem er den richtigen Augenblick
gefunden, wandte er sich schnell um, so daß Bärbchen nicht Zeit fand,
die Augen zu senken, noch die Hände vom Gesicht zu nehmen.
Sie errötete über und über, und ohne zu wissen, was sie tun sollte,
erhob sie sich von ihrem Platze. Alle Anwesenden waren ein wenig
verwirrt, und es trat eine Pause ein.
Plötzlich schlug Bärbchen mit den Händen auf das Kleid. Das war der
dritte Reinfall!? »Zum drittenmal hineingefallen!« rief sie mit ihrer
silbernen Stimme.
»Mein verehrtes Fräulein,« sagte lebhaft Nowowiejski, »ich habe längst
bemerkt, daß hinter meinem Rücken etwas vorgeht. Ich gestehe gern, daß
ich mich nach einem Bärtchen sehne, aber wenn ich es nicht erleben
sollte, so würde es darum geschehen, weil ich vorher den Tod fürs
Vaterland finde, und in diesem Falle hoffe ich, werde ich eher Tränen
als Lachen bei Euch verdient haben.«
Bärbchen stand, die Augen zu Boden gerichtet, da, durch die
aufrichtigen Worte des Jünglings tief beschämt.
»Ihr müßt ihr verzeihen,« sagte Sagloba, »sie ist ausgelassen, weil sie
jung ist -- aber ein goldenes Herz!«
Und, wie um Saglobas Worte zu bestätigen, sagte sie gleich leise:
»Ich bitte um Verzeihung ... sehr ...«
Herr Nowowiejski aber ergriff in diesem Augenblicke ihre Hand und
begann sie zu küssen.
»Du lieber Gott, nehmt es Euch doch nicht zu Herzen, ich bin ja
kein Barbarus. Mir ziemt es, Euch abzubitten, weil ich gewagt habe,
Euch Euer Vergnügen zu stören. Wir Soldaten haben ja selbst die
Ausgelassenheit gern! _Mea culpa!_ Ich küsse noch einmal diese Händchen,
und wenn ich sie so lange küssen darf, bis Ihr mir verziehen habt, so
verzeiht mir -- bei den Wundern Gottes -- nicht vor dem Abend.«
»Welch ein höflicher junger Mann; siehst du, Bärbchen?« sagte Frau
Makowiezka.
»Ich sehe,« antwortete Bärbchen.
»Nun ist's jedenfalls gut!« rief Herr Nowowiejski. Er richtete sich
auf und griff aus Gewohnheit kühn an seinen Bart, aber bald überlegte
er sich's und brach in lautes Lachen aus; Bärbchen folgte ihm, und
die anderen folgten Bärbchen. Alle ergriff die Heiterkeit. Sagloba
ließ gleich eine Flasche nach der anderen aus Ketlings Keller bringen,
und sie taten sich gütlich. Herr Nowowiejski schlug mit den Sporen
aneinander, richtete seinen Schopf mit den Fingern in die Höhe, immer
feurigere Blicke auf Bärbchen werfend. Sie gefiel ihm ausnehmend. Er
wurde auch ungewöhnlich beredt, und da er in der Nähe des Hetman lebte
und die große Welt kannte, wußte er auch etwas zu erzählen.
Er erzählte auch von dem Wahlreichstag, von seinem Ende, auch davon,
wie der Ofen mitten unter den neugierigen Arbeitern im Senatorenzimmer
zum größten Gaudium aller eingestürzt sei. Nach dem Mittag endlich
reiste er ab, die Augen und das Herz erfüllt von Bärbchen.
[Illustration: Dekoration/Kapitelende]
[Illustration: Dekoration/Kapitelanfang]