Ketling und Wolodyjowski versprachen einander, sobald es dazu kommen
sollte, wieder Steigbügel an Steigbügel zu reiten, an einem Feuer zu
lagern, und auf einer Reiterdecke zu schlafen. Und doch trennte sie der
Zufall schon eine Woche nach dem ersten Wiedersehen. Aus Kurland kam
ein Bote mit der Meldung, daß jener Haßling, der den jungen Schotten
adoptiert und ihn mit Vermögen beschenkt hatte, plötzlich erkrankt sei
und den angenommenen Sohn baldigst zu sehen begehre. Der junge Ritter
besann sich nicht lange; er stieg zu Pferde und ritt davon.
Vor der Abreise bat er Sagloba und Wolodyjowski, sie möchten sein Haus
als das ihrige betrachten und so lange darin wohnen, als es ihnen
angenehm wäre.
»Vielleicht kommen die Skrzetuskis,« sagte er. »Wenn die Wahl beginnt,
so kommt er wenigstens mit Sicherheit; aber wenn sie auch mit Kind und
Kegel kämen, es fände sich für die ganze Familie Raum. Ich habe keinen
Verwandten, und wenn ich auch Geschwister hätte, sie ständen mir nicht
näher als ihr.«
Sagloba besonders war erfreut über diese Einladung, denn er fühlte sich
in Ketlings Hause sehr behaglich; aber auch Michael kam sie zurecht.
Die Skrzetuskis kamen zwar nicht, statt dessen aber kündigte eine
Schwester Wolodyjowskis ihre Ankunft an, die Gattin des Herrn Truchseß
Makowiezki. Ihr Abgesandter war an den Hof des Hetman gekommen, um
Nachfrage zu halten, ob jemand von den Hofleuten etwas von dem kleinen
Ritter wisse; natürlich wies man ihn sogleich an das Ketlingsche Haus.
Wolodyjowski freute sich sehr, denn es waren lange Jahre darüber
hingegangen, daß er die Frau Truchseß nicht gesehen, und da er erfuhr,
daß sie bei dem Mangel einer besseren Herberge in einem elenden
Häuschen auf der Fischerei abgestiegen war, eilte er bald hin, um sie
in das Haus Ketlings zu laden.
Es war schon Dämmerung, als er bei ihr eintrat, aber er kannte sie
sogleich, obgleich zwei andere Frauen sich mit ihr im Zimmer befanden,
denn die Frau Truchseß war von kleinem Wuchse und rund wie ein Knäuel
Wolle. Sie erkannte ihn ebenfalls. Sie sanken sich in die Arme und
konnten lange keine Worte finden; er fühlte ihre warmen Tränen auf
seinem Antlitz und sie die seinigen. Während der ganzen Zeit standen
die anderen beiden Frauen kerzengerade da und sahen der Begrüßung zu.
Zuerst gewann Frau Makowiezka[C] die Sprache wieder und begann mit
dünner, ein wenig piepsender Stimme:
»Wie viele Jahre, wie viele Jahre! Gott helfe dir, mein teurer Bruder!
Sobald die Nachricht von deinem Unglück kam, machte ich mich sofort
auf den Weg zu dir, und mein Mann hielt mich nicht zurück, denn von
Budschiak[D] droht ein Gewitter ... Man spricht auch von den Tataren
von Bialogrod. Und sicher werden die Wege wieder von Heerscharen
wimmeln, denn man sieht ungeheure Herden von Vögeln in der Luft, und
das pflegt vor jedem Einfall zu sein. Gott tröste dich, geliebter,
teurer, goldener Bruder! Mein Mann soll zur Wahl hierher kommen, er
hat mir gesagt: ›Nimm die Mädchen und fahre voraus. Michael,‹ sagt er,
›wirst du in seiner Trauer trösten; vor den Tataren,‹ sagt er, ›müßten
wir auch so die Häupter irgendwo schützen, denn das ganze Land wird in
Flammen stehen, und so fügt sich eins zum anderen. Eile nach Warschau,‹
sagt er, ›nimm eine gute Herberge, solange es noch Zeit ist, damit
wir ein vernünftiges Unterkommen haben. Er ist mit den Leuten aus dem
Kreise auf Kundschaft ausgezogen. Mannschaften sind nicht im Lande, bei
uns ist das immer so.‹ Mein geliebter Michael, komm ans Fenster, damit
ich dir ins Gesicht sehen kann. Die Wangen sind eingefallen; aber im
Leid kann es nicht anders sein. Mein Mann hatte leicht sagen: Suche dir
eine Herberge. Hier gibt es nirgend etwas, wir sind ganz allein hier in
dieser Hütte, ich habe kaum drei Bund Stroh zum Schlafen bekommen.«
»Ich bitte dich, Schwester ...« sagte der kleine Ritter.
Aber die Schwester ließ ihn nicht zu Worte kommen und sprach weiter wie
ein klapperndes Mühlrad.
»Hier haben wir Wohnung genommen, wo anders bekamen wir keine. Den
Wirten ist nicht recht zu trauen, vielleicht sind es auch schlechte
Menschen. Zwar haben wir vier Knechte mit uns, gute Burschen, und auch
wir sind nicht furchtsam, denn in unseren Gegenden muß auch die Frau
ein ritterliches Herz haben, sonst könnte sie dort nicht wohnen. Ich
habe auch eine Degenkoppel, die ich immer mit mir führe, und Bärbchen
hat zwei Terzerole. Nur Christine hat die Waffen nicht gern ... aber
da wir hier in einer fremden Stadt sind, möchten wir lieber in einer
sicheren Herberge wohnen.«
»Ich bitte dich, Schwester,« wiederholte Wolodyjowski.
»Und wo wohnst du, Michael? Du mußt mir eine Wohnung suchen helfen,
denn du bist in Warschau bekannt.«
»Ich habe ein Unterkommen für Euch bereit,« unterbrach sie Michael,
»und ein so vortreffliches, daß der Hof eines Senators sich dessen
nicht zu schämen brauchte. Ich wohne bei meinem Freunde, dem Kapitän
Ketling, und ich werde dich sofort mitnehmen.«
»Aber bedenke doch, daß wir unser drei sind und zwei Diener und vier
Knechte! -- Aber bei Gott, ich habe dich noch gar nicht bekannt gemacht
mit meinen Gesellschafterinnen!«
Nun wandte sie sich an die Genossinnen:
»Ihr wißt, wer er ist, aber er weiß nicht, wer ihr seid. Machet
wenigstens in der Dunkelheit die Bekanntschaft. Noch nicht einmal den
Ofen hat man geheizt ... Fräulein Christine Drohojowska und Fräulein
Barbara Jesiorkowska. Mein Mann ist ihr Vormund und verwaltet ihren
Besitz, und sie wohnen bei uns, denn sie sind Waisen. So junge Mädchen
aber können nicht allein wohnen.«
Während die Frau Truchseß sprach, verneigte sich Wolodyjowski auf
Soldatenart; die jungen Damen faßten mit den Fingern ihr Kleid, machten
beide einen Knix, wobei Fräulein Jesiorkowska den Kopf zurückwarf wie
ein junges Füllen.
»Laßt uns einsteigen und fahren!« sagte er. -- »Mit mir wohnt Herr
Sagloba, und ich habe ihn gebeten, das Abendessen anrichten zu lassen.«
»Der berühmte Herr Sagloba?« fragte plötzlich Fräulein Jesiorkowska.
»Sei ruhig, Bärbchen,« sagte Frau Truchseß; »ich fürchte nur, es wird
Umstände geben.«
»Wenn Herr Sagloba sich um das Abendbrot kümmert,« versetzte der kleine
Ritter, »so reicht es aus, und wenn wir auch zweimal so viele kämen.
Laßt die Kisten heraustragen; ich habe auch einen kleinen Wagen für die
Sachen, und Ketlings Wagen ist so geräumig, daß wir zu vieren bequem
Platz finden. Wißt ihr, was mir einfällt? Wenn die Burschen keine
Trunkenbolde sind, so könnten sie mit den Pferden und mit den großen
Sachen bis morgen hierbleiben, und wir nehmen nur das Notwendigste mit.«
»Es ist gar nicht nötig, daß sie hierbleiben,« antwortete die Frau
Truchseß; »die Wagen sind noch nicht abgeladen, sie brauchen nur die
Pferde vorzuspannen und können sofort weiterfahren. Bärbchen, geh doch
und sieh nach ihnen!«
Fräulein Jesiorkowska sprang in den Flur, und wenige Minuten später kam
sie mit der Mitteilung, daß alles bereit sei.
»Es ist auch Zeit,« sagte Wolodyjowski. Bald saßen sie im Wagen und
fuhren nach Mokotow; die Frau Truchseß und Fräulein Drohojowska nahmen
den Hintersitz ein, vorne hatte der kleine Ritter neben Fräulein
Jesiorkowska Platz genommen. Es war schon finster; er konnte also ihre
Gesichter nicht sehen.
»Die Damen kennen Warschau?« fragte er, sich zu Fräulein Drohojowska
vorneigend und die Stimme erhebend, um den Lärm des Wagens zu übertönen.
»Nein,« sagte sie mit einer tiefen aber wohlklingenden Stimme. »Wir
sind wahre Kleinstädter und kennen bisher weder berühmte Städte noch
berühmte Menschen.« Dabei neigte sie ihr Köpfchen ein wenig, als
wollte sie damit anzeigen, daß sie zu diesen letzteren auch Herrn
Wolodyjowski zähle. Er aber nahm die Antwort dankbar entgegen. »Ein
artiges Mädchen!« dachte er und zerbrach sich bald den Kopf, mit
welchem Kompliment er erwidern könne.
»Wäre diese Stadt noch zehnmal so groß als sie ist,« sagte er endlich,
»so könnten doch die Damen immer noch ihren schönsten Schmuck bilden.«
»Und woher wißt Ihr das im Finstern?« fragte plötzlich Fräulein
Jesiorkowska.
»Ei, das ist eine Ziege!« dachte Wolodyjowski.
Aber er erwiderte nichts, und sie fuhren eine Zeitlang schweigend
dahin. Dann wandte sich Fräulein Jesiorkowska wieder an den kleinen
Ritter:
»Wißt Ihr nicht, ob dort in den Ställen Raum genug ist? Denn wir haben
zehn Pferde und zwei Füllen.«
»Und wenn es auch dreißig wären, Raum wird sich schon finden.«