3. Kapitel.

Ketling und Wolodyjowski versprachen einander, sobald es dazu kommen

sollte, wieder Steigbügel an Steigbügel zu reiten, an einem Feuer zu

lagern, und auf einer Reiterdecke zu schlafen. Und doch trennte sie der

Zufall schon eine Woche nach dem ersten Wiedersehen. Aus Kurland kam

ein Bote mit der Meldung, daß jener Haßling, der den jungen Schotten

adoptiert und ihn mit Vermögen beschenkt hatte, plötzlich erkrankt sei

und den angenommenen Sohn baldigst zu sehen begehre. Der junge Ritter

besann sich nicht lange; er stieg zu Pferde und ritt davon.

Vor der Abreise bat er Sagloba und Wolodyjowski, sie möchten sein Haus

als das ihrige betrachten und so lange darin wohnen, als es ihnen

angenehm wäre.

»Vielleicht kommen die Skrzetuskis,« sagte er. »Wenn die Wahl beginnt,

so kommt er wenigstens mit Sicherheit; aber wenn sie auch mit Kind und

Kegel kämen, es fände sich für die ganze Familie Raum. Ich habe keinen

Verwandten, und wenn ich auch Geschwister hätte, sie ständen mir nicht

näher als ihr.«

Sagloba besonders war erfreut über diese Einladung, denn er fühlte sich

in Ketlings Hause sehr behaglich; aber auch Michael kam sie zurecht.

Die Skrzetuskis kamen zwar nicht, statt dessen aber kündigte eine

Schwester Wolodyjowskis ihre Ankunft an, die Gattin des Herrn Truchseß

Makowiezki. Ihr Abgesandter war an den Hof des Hetman gekommen, um

Nachfrage zu halten, ob jemand von den Hofleuten etwas von dem kleinen

Ritter wisse; natürlich wies man ihn sogleich an das Ketlingsche Haus.

Wolodyjowski freute sich sehr, denn es waren lange Jahre darüber

hingegangen, daß er die Frau Truchseß nicht gesehen, und da er erfuhr,

daß sie bei dem Mangel einer besseren Herberge in einem elenden

Häuschen auf der Fischerei abgestiegen war, eilte er bald hin, um sie

in das Haus Ketlings zu laden.

Es war schon Dämmerung, als er bei ihr eintrat, aber er kannte sie

sogleich, obgleich zwei andere Frauen sich mit ihr im Zimmer befanden,

denn die Frau Truchseß war von kleinem Wuchse und rund wie ein Knäuel

Wolle. Sie erkannte ihn ebenfalls. Sie sanken sich in die Arme und

konnten lange keine Worte finden; er fühlte ihre warmen Tränen auf

seinem Antlitz und sie die seinigen. Während der ganzen Zeit standen

die anderen beiden Frauen kerzengerade da und sahen der Begrüßung zu.

Zuerst gewann Frau Makowiezka[C] die Sprache wieder und begann mit

dünner, ein wenig piepsender Stimme:

»Wie viele Jahre, wie viele Jahre! Gott helfe dir, mein teurer Bruder!

Sobald die Nachricht von deinem Unglück kam, machte ich mich sofort

auf den Weg zu dir, und mein Mann hielt mich nicht zurück, denn von

Budschiak[D] droht ein Gewitter ... Man spricht auch von den Tataren

von Bialogrod. Und sicher werden die Wege wieder von Heerscharen

wimmeln, denn man sieht ungeheure Herden von Vögeln in der Luft, und

das pflegt vor jedem Einfall zu sein. Gott tröste dich, geliebter,

teurer, goldener Bruder! Mein Mann soll zur Wahl hierher kommen, er

hat mir gesagt: ›Nimm die Mädchen und fahre voraus. Michael,‹ sagt er,

›wirst du in seiner Trauer trösten; vor den Tataren,‹ sagt er, ›müßten

wir auch so die Häupter irgendwo schützen, denn das ganze Land wird in

Flammen stehen, und so fügt sich eins zum anderen. Eile nach Warschau,‹

sagt er, ›nimm eine gute Herberge, solange es noch Zeit ist, damit

wir ein vernünftiges Unterkommen haben. Er ist mit den Leuten aus dem

Kreise auf Kundschaft ausgezogen. Mannschaften sind nicht im Lande, bei

uns ist das immer so.‹ Mein geliebter Michael, komm ans Fenster, damit

ich dir ins Gesicht sehen kann. Die Wangen sind eingefallen; aber im

Leid kann es nicht anders sein. Mein Mann hatte leicht sagen: Suche dir

eine Herberge. Hier gibt es nirgend etwas, wir sind ganz allein hier in

dieser Hütte, ich habe kaum drei Bund Stroh zum Schlafen bekommen.«

»Ich bitte dich, Schwester ...« sagte der kleine Ritter.

Aber die Schwester ließ ihn nicht zu Worte kommen und sprach weiter wie

ein klapperndes Mühlrad.

»Hier haben wir Wohnung genommen, wo anders bekamen wir keine. Den

Wirten ist nicht recht zu trauen, vielleicht sind es auch schlechte

Menschen. Zwar haben wir vier Knechte mit uns, gute Burschen, und auch

wir sind nicht furchtsam, denn in unseren Gegenden muß auch die Frau

ein ritterliches Herz haben, sonst könnte sie dort nicht wohnen. Ich

habe auch eine Degenkoppel, die ich immer mit mir führe, und Bärbchen

hat zwei Terzerole. Nur Christine hat die Waffen nicht gern ... aber

da wir hier in einer fremden Stadt sind, möchten wir lieber in einer

sicheren Herberge wohnen.«

»Ich bitte dich, Schwester,« wiederholte Wolodyjowski.

»Und wo wohnst du, Michael? Du mußt mir eine Wohnung suchen helfen,

denn du bist in Warschau bekannt.«

»Ich habe ein Unterkommen für Euch bereit,« unterbrach sie Michael,

»und ein so vortreffliches, daß der Hof eines Senators sich dessen

nicht zu schämen brauchte. Ich wohne bei meinem Freunde, dem Kapitän

Ketling, und ich werde dich sofort mitnehmen.«

»Aber bedenke doch, daß wir unser drei sind und zwei Diener und vier

Knechte! -- Aber bei Gott, ich habe dich noch gar nicht bekannt gemacht

mit meinen Gesellschafterinnen!«

Nun wandte sie sich an die Genossinnen:

»Ihr wißt, wer er ist, aber er weiß nicht, wer ihr seid. Machet

wenigstens in der Dunkelheit die Bekanntschaft. Noch nicht einmal den

Ofen hat man geheizt ... Fräulein Christine Drohojowska und Fräulein

Barbara Jesiorkowska. Mein Mann ist ihr Vormund und verwaltet ihren

Besitz, und sie wohnen bei uns, denn sie sind Waisen. So junge Mädchen

aber können nicht allein wohnen.«

Während die Frau Truchseß sprach, verneigte sich Wolodyjowski auf

Soldatenart; die jungen Damen faßten mit den Fingern ihr Kleid, machten

beide einen Knix, wobei Fräulein Jesiorkowska den Kopf zurückwarf wie

ein junges Füllen.

»Laßt uns einsteigen und fahren!« sagte er. -- »Mit mir wohnt Herr

Sagloba, und ich habe ihn gebeten, das Abendessen anrichten zu lassen.«

»Der berühmte Herr Sagloba?« fragte plötzlich Fräulein Jesiorkowska.

»Sei ruhig, Bärbchen,« sagte Frau Truchseß; »ich fürchte nur, es wird

Umstände geben.«

»Wenn Herr Sagloba sich um das Abendbrot kümmert,« versetzte der kleine

Ritter, »so reicht es aus, und wenn wir auch zweimal so viele kämen.

Laßt die Kisten heraustragen; ich habe auch einen kleinen Wagen für die

Sachen, und Ketlings Wagen ist so geräumig, daß wir zu vieren bequem

Platz finden. Wißt ihr, was mir einfällt? Wenn die Burschen keine

Trunkenbolde sind, so könnten sie mit den Pferden und mit den großen

Sachen bis morgen hierbleiben, und wir nehmen nur das Notwendigste mit.«

»Es ist gar nicht nötig, daß sie hierbleiben,« antwortete die Frau

Truchseß; »die Wagen sind noch nicht abgeladen, sie brauchen nur die

Pferde vorzuspannen und können sofort weiterfahren. Bärbchen, geh doch

und sieh nach ihnen!«

Fräulein Jesiorkowska sprang in den Flur, und wenige Minuten später kam

sie mit der Mitteilung, daß alles bereit sei.

»Es ist auch Zeit,« sagte Wolodyjowski. Bald saßen sie im Wagen und

fuhren nach Mokotow; die Frau Truchseß und Fräulein Drohojowska nahmen

den Hintersitz ein, vorne hatte der kleine Ritter neben Fräulein

Jesiorkowska Platz genommen. Es war schon finster; er konnte also ihre

Gesichter nicht sehen.

»Die Damen kennen Warschau?« fragte er, sich zu Fräulein Drohojowska

vorneigend und die Stimme erhebend, um den Lärm des Wagens zu übertönen.

»Nein,« sagte sie mit einer tiefen aber wohlklingenden Stimme. »Wir

sind wahre Kleinstädter und kennen bisher weder berühmte Städte noch

berühmte Menschen.« Dabei neigte sie ihr Köpfchen ein wenig, als

wollte sie damit anzeigen, daß sie zu diesen letzteren auch Herrn

Wolodyjowski zähle. Er aber nahm die Antwort dankbar entgegen. »Ein

artiges Mädchen!« dachte er und zerbrach sich bald den Kopf, mit

welchem Kompliment er erwidern könne.

»Wäre diese Stadt noch zehnmal so groß als sie ist,« sagte er endlich,

»so könnten doch die Damen immer noch ihren schönsten Schmuck bilden.«

»Und woher wißt Ihr das im Finstern?« fragte plötzlich Fräulein

Jesiorkowska.

»Ei, das ist eine Ziege!« dachte Wolodyjowski.

Aber er erwiderte nichts, und sie fuhren eine Zeitlang schweigend

dahin. Dann wandte sich Fräulein Jesiorkowska wieder an den kleinen

Ritter:

»Wißt Ihr nicht, ob dort in den Ställen Raum genug ist? Denn wir haben

zehn Pferde und zwei Füllen.«

»Und wenn es auch dreißig wären, Raum wird sich schon finden.«

Der kleine Ritter (Herr Wolodyjowski): Historischer Roman · 第 10 / 43 题