Der Wahlreichstag war einige Tage darauf eröffnet worden. Wie Ketling
vorhergesehen, wurde Chrapowizki, damals Unterkämmerer von Smolensk und
später Wojewode von Witebsk, der Marschallstab anvertraut. Da es sich
nur um die Bestimmung des Wahltermins und die Einsetzung des höheren
Wahlkapitels handelte und die Intrigen der verschiedenen Parteien in
diesen Angelegenheiten kein Feld für sich fanden, schien der Reichstag
einen ruhigen Verlauf nehmen zu wollen. Nur im Anfang ging es durch
die Wahlprüfungen ein wenig stürmischer her, denn als der Reichsbote
Ketling die Rechtsgültigkeit der Wahl des Herrn Sekretärs von Biala und
seines Kollegen, des Fürsten Boguslaw Radziwill, anzweifelte, schrie
gleich eine kräftige Stimme aus der Mitte der Neutralen: »Verräter!
Ausländischer Beamter!« Dieser Stimme schlossen sich andere an, auch
einige Reichsboten kamen hinzu, und plötzlich zerfiel der Reichstag
in zwei Parteien, von welchen die eine die Abgeordneten von Biala
entfernen, die andere die Wahl als rechtsgültig anerkennen wollte.
Man einigte sich endlich zu einem Beschluß, welcher die Angelegenheit
zum Schweigen brachte und die Wahl anerkannte; nichtsdestoweniger
war dies für den Fürst-Stallmeister ein empfindlicher Schlag, denn
schon der Umstand, daß man prüfte, ob der Fürst würdig sei, in der
Kammer zu sitzen, schon das allein, daß man der Öffentlichkeit alle
seine Verrätereien aus der Zeit des schwedischen Krieges in Erinnerung
brachte, überhäufte ihn mit neuer Schande in den Augen der Republik und
untergrub von Grund aus all seine ehrgeizigen Pläne.
Er rechnete nämlich darauf, daß, wenn die verschiedenen Parteien sich
gegenseitig befehden würden, die Wahl leicht auf einen einheimischen
Edelmann fallen könnte.
Der Stolz aber und die Schmeichler sagten ihm, daß, wenn dieser Fall
eintreten würde, dieser Einheimische kein anderer sein könne als der
mit dem höchsten Genie Begabte, der Mächtigste, aus vornehmster Familie
Stammende -- mit anderen Worten, er selbst.
Er hielt also, bis der Zeitpunkt gekommen war, die Dinge geheim, hatte
aber seine Netze in Litauen ausgeworfen und fing jetzt gerade an, in
Warschau Schlingen zu legen, als er plötzlich sah, daß man ihm gleich
von Anfang an sein Werk zerstörte und ein so großes Loch in sein Netz
gemacht hatte, daß die Fische leicht hindurchschlüpfen konnten. Er
knirschte während der ganzen Zeit der Entscheidung mit den Zähnen, und
da er an Ketling, der Reichsbote war, seine Rache nicht ausüben konnte,
kündigte er seinen Leuten eine Belohnung an, wenn sie ihm jenen Zuhörer
zeigen könnten, der zuerst nach dem Antrage Ketlings »Verräter« und
»Fremdling« gerufen habe.
Herr Sagloba war zu sehr bekannt, als daß sein Name lange hätte
verborgen bleiben können. Übrigens machte er gar kein Geheimnis daraus,
und der Fürst geriet noch mehr in Wut; aber er erschrak auch nicht
wenig, als er hörte, daß ihm ein so populärer Mann gegenüberstehe, den
man nicht so leicht über den Haufen rennen konnte.
Auch Sagloba kannte seine Macht, denn als anfangs Drohungen laut
wurden, sagte er einmal auf einer großen Adelsversammlung:
»Ich weiß nicht, ob es jemand von Vorteil sein könnte, wenn mir ein
Haar gekrümmt würde. Die Wahl steht bevor, und wenn hunderttausend
Freundesdegen sich zusammentun, so könnte leicht ein Regen von
Streichen kommen ...«
Diese Worte drangen auch zum Fürsten; er biß die Lippen zusammen und
lächelte verächtlich; aber in der Seele dachte er doch, daß Sagloba
recht habe. Am folgenden Tage waren seine Absichten gegen den alten
Ritter offenbar schon andere, denn als eines Tages an der Tafel des
Fürst-Truchseß jemand von ihm sprach, sagte Boguslaw:
»Er will mir nicht wohl, dieser Edelmann, wie ich höre, aber ich habe
ritterliche Männer so gern, daß ich, selbst wenn er fortfahren sollte,
mir zu schaden, nicht aufhören könnte, ihm gut zu sein.«
Und eine Woche später wiederholte er dasselbe Herrn Sagloba ins
Gesicht, als sie sich bei dem Großhetman Sobieski begegneten.
Herrn Sagloba schlug, wenngleich seine Züge ruhig und voll Mut blieben,
das Herz in der Brust bei dem Anblick des Fürsten. Er war doch immer
ein Herr von weitreichender Gewalt und ein Menschenfresser, den alle
fürchteten. Dieser aber sprach zu ihm über die ganze Tafel hinweg:
»Werter Herr Sagloba, ich habe schon erfahren, daß Ihr, obgleich Ihr
nicht Reichsbote seid, mich unschuldigerweise aus dem Reichstag habt
entfernen wollen. Aber ich verzeihe Euch das christlich und werde Euch,
wenn es irgend nottut, meine Hilfe nicht versagen.«
»Ich habe mich streng an die Konstitution gehalten,« antwortete
Sagloba, »was ein Edelmann tun muß, _quod attinet_; was die Protektion
betrifft, so ist in meinem Alter wohl die göttliche am nächsten, denn
ich nähere mich den neunzig.«
»Ein schönes Alter, wenn es so tugendhaft wie lang war, woran ich
übrigens beileibe nicht zweifeln will.«
»Ich habe dem Vaterland und meinem Herrn gedient und habe fremde Götter
nie gesucht.«
Der Fürst runzelte ein wenig die Stirn.
»Ihr habt auch gegen mich gedient, ich weiß das, aber laßt nun Frieden
sein zwischen uns. Alles sei vergessen, auch das, daß Ihr fremden
häuslichen Haß gegen mich geschürt habt. Mit dem Feinde dort werde ich
noch abrechnen, aber Euch strecke ich meine Hand entgegen und biete
Euch meine Freundschaft an.«
»Ich bin nur ein bescheidener Mann, solche Freundschaft ist für mich zu
hoch. Ich müßte erst zu ihr heranklettern oder in die Höhe springen,
und das fällt schwer in meinem Alter. Wenn Ew. Durchlaucht aber von
einer Abrechnung mit Herrn Kmiziz, meinem Freunde, sprechen, so würde
ich Euch von Herzen raten, diese Arithmetik aufzugeben.«
»Ei, warum das?« fragte der Fürst.
»Denn es gibt in der Arithmetik vier Spezies. Seht, wenn auch Herr
Kmiziz ein recht schönes Vermögen hat, so ist es doch eine Fliege
im Vergleich zu Ew. Durchlaucht; demnach wird Kmiziz mit Dividieren
nicht einverstanden sein; mit dem Multiplizieren wird er sich selbst
befassen; Subtrahieren wird er sich nichts lassen, er könnte höchstens
etwas addieren, und ich weiß nicht, ob Ew. Durchlaucht danach begierig
wären.«
Obgleich Boguslaw im Wortgefecht nicht ungeübt war, so setzten ihn doch
die Ausführungen Saglobas oder seine Kühnheit so sehr in Erstaunen, daß
ihm die Zunge im Munde starr blieb. Die Anwesenden schüttelten sich
vor Lachen, und Herr Sobieski sagte unter schallendem Gelächter:
»Das ist ein alter Kämpe, er kann mit dem Säbel dreinhauen, aber er
versteht auch mit der Schärfe der Zunge zu spielen. Es ist gescheiter,
ihn in Frieden zu lassen.«
Boguslaw, der einsah, daß er auf einen Unversöhnlichen gestoßen war,
versuchte auch nicht mehr, Sagloba für sich zu gewinnen; er begann ein
Gespräch mit einem anderen und warf nur von Zeit zu Zeit dem alten
Ritter böse Blicke über den Tisch zu.
Aber der Herr Hetman Sobieski war recht angeheitert und sprach weiter:
»Ihr seid ein Meister, Herr Bruder, ein rechter Meister! Habt Ihr wohl
schon Euresgleichen in dieser Republik gefunden?«
»Mit dem Schwerte,« antwortete der geschmeichelte Sagloba, »kommt
mir Wolodyjowski gleich; aber auch Kmiziz ist kein übler Schüler von
mir.« Bei diesen Worten warf er einen schielenden Blick auf Boguslaw;
aber dieser tat, als hörte er nichts, und sprach emsig weiter mit dem
Nachbar.
»Bah,« sagte der Hetman, »Wolodyjowski habe ich manchmal bei der
Arbeit gesehen, und ich würde für ihn bürgen, wenn es sich auch um das
Schicksal der ganzen Christenheit handelte. Schade, daß ein solcher
Rittersmann wie vom Blitz getroffen ward.«
»Was ist ihm geschehen?« fragte Sarbiewski, der Schwertträger von
Tschiechanow.
»Seine geliebte Braut ist ihm unterwegs in Tschenstochau gestorben,«
antwortete Sagloba, »und das schlimmste ist, ich kann nirgends
erfahren, wo er sich jetzt befindet.«
»Beim Himmel,« rief darauf Herr Warschyzki, der Burgvogt von Krakau,
»bin ich ihm doch, als ich nach Warschau kam, unterwegs begegnet! Er
fuhr auch hierher und gestand mir, daß er die Welt und ihre Beschwerden
satt habe und auf den _Mons Regius_[B] gehe, um in Gebet und Andacht
sein verhärmtes Leben zu beschließen.«
Sagloba griff mit der Hand in die Reste seines Scheitels.
»Kamaldulenser ist er geworden! So wahr ich lebe!« rief er in höchster
Verzweiflung.
Die Mitteilung des Burgvogts machte auf alle übrigen einen großen
Eindruck. Sobieski, der tapfere Soldaten gern hatte und selbst am
besten wußte, wie sehr das Vaterland solcher bedürfe, grämte sich sehr
und sagte:
»Dem freien Willen des Menschen und dem Ruhm Gottes darf man nicht
zuwiderhandeln; aber es ist schade, und es wird mir schwer, den Herren
zu verbergen, daß es mir weh tut. Das war ein Rittersmann aus des
Fürsten Jeremias Schule, gegen jeden Feind ausgezeichnet und erst gegen
die Horde und das Gesindel unvergleichlich. Es gibt wenige solcher
Meister im Kleinkrieg, in der Steppe, höchstens noch Piwo unter den
Kosaken und Herrn Ruschtschyz in der Linie; aber auch die sind mit
Wolodyjowski nicht zu vergleichen.«
»Ein Glück, daß die Zeiten etwas ruhiger sind,« erwiderte der
Schwertträger von Tschiechanow, »und daß die Heiden getreulich die
Verträge wahren, die das unbesiegbare Schwert meines Wohltäters ihnen
abgerungen hat.«
Hier verneigte sich der Schwertträger vor Herrn Sobieski, dieser aber
freute sich im Herzen über das öffentliche Lob und antwortete:
»In erster Reihe war es die Güte Gottes, die mir gestattete, mich an
die Schwelle einer Republik zu legen und dem Feinde zuzusetzen, und
in zweiter die stets bereite Entschlossenheit meiner guten Krieger.
Daß der Khan die Verträge gern halten möchte, weiß ich, aber in der
Krim selbst regt es sich gegen den Khan, und die Horde von Bialogrod
versagte ihm den Gehorsam. Ich habe soeben Nachrichten erhalten, daß
sich dort an der Grenze der Moldau Wolken zusammenziehen, und daß es
Scharmützel geben kann; ich habe auch Späher ausgesandt, aber es sind
zu wenig Mannschaften. Schicke ich hier einen Trupp hin, so werden an
der anderen Seite zu wenig sein; gerade an erfahrenen Männern, die die
Kriegsgebräuche der Horden kennen, fehlt es mir, und darum beweine ich
Wolodyjowski so.«
Da nahm Sagloba von der Schläfe die Fäuste, mit denen er sich den Kopf
zusammengedrückt, und rief laut:
»Aber er darf nicht Kamaldulenser werden, und sollte ich auch mit
Gewalt auf den _Mons Regius_ und ihn davonführen! Bei Gott, morgen will
ich zu ihm, vielleicht läßt er sich durch meine Worte gewinnen, wo
nicht, so gehe ich zum Primas, zu dem General der Kamaldulenser, -- und
wenn ich bis nach Rom reisen sollte, ich tu's! Ich will den Ruhm Gottes
nicht schmälern, aber was kann er für ein Kamaldulenser sein? Ihm
wächst ja nicht einmal ein Haar am Kinn. Er ist glatt wie meine Faust,
so wahr ich Gott liebe. Er kann ja im Leben keine Messe absingen, und
wenn er singen sollte, so werden die Mäuse aus dem Kloster entfliehen,
denn sie werden glauben, daß der Kater miaut und Hochzeit hält.
Verzeiht, ihr Herren, daß ich so hinspreche, was mir der Schmerz auf
die Zunge legt; -- wenn ich einen Sohn hätte, ich liebte ihn nicht mehr,
als ich diesen Braven liebe. Behüt' ihn Gott, behüt' ihn Gott! Wenn er
wenigstens Bernhardiner geworden wäre -- aber Kamaldulenser! Daraus darf
nichts werden, so wahr ich hier lebendig sitze! Gleich morgen will ich
zum Primas gehen, er soll mir Briefe an den Prior geben.«
»Das Gelübde kann er doch noch nicht geleistet haben,« warf der Herr
Marschall ein; »aber drängt nicht in ihn, damit er nicht schwankend
werde; und auch damit müßt Ihr rechnen, ob nicht in seiner Absicht
Gottes Wille sich offenbart.«
»Gottes Wille? Gottes Wille kommt nicht plötzlich; wie schon unser
altes Sprichwort sagt, was plötzlich kommt, kommt von der Hölle. Wäre
es Gottes Wille gewesen, so hätte ich längst in ihm eine Neigung dazu
gefunden; er aber war kein Geistlicher, er war ein Dragoner. Hätte er
im Besitze seines vollen Verstandes in Ruhe und mit Überlegung einen
solchen Entschluß gefaßt -- ich hätte nichts gesagt. Aber Gottes Wille
kommt nicht über den Menschen in der Verzweiflung, wie der Blaufuß
über die Kriekente. Ich will nicht in ihn drängen. Bevor ich zu ihm
gehe, werde ich mir zurechtlegen, was ich ihm sagen will, um ihn nicht
abzuschrecken; aber ich hoffe zu Gott. Der brave Rittersmann hat stets
meinem Witz mehr getraut als seinem, und ich denke, es wird auch jetzt
so sein, sonst müßte er sich ganz verändert haben.«
Am folgenden Tage zog Sagloba die Glocke an der Klosterpforte des
_Mons Regius_. Er hatte sich mit Briefen des Primas versehen und den
ganzen Plan mit Ketling entworfen. Das Herz schlug ihm mächtig bei
dem Gedanken, wie ihn Wolodyjowski empfangen würde, und obgleich er
sich vorher zurechtgelegt hatte, was er sagen wollte, sah er doch
selbst ein, daß viel davon abhängen würde, wie er aufgenommen wurde.
Mit diesem Gedanken beschäftigt, zog er das zweitemal die Glocke, und
als der Schlüssel im Schloß knarrte und die Pforte ein wenig geöffnet
wurde, drang er schnell, sogar ein wenig gewaltsam durch dieselbe ein
und sagte zu dem jungen Mönch, der verwirrt dastand:
»Ich weiß, daß man eine besondere Erlaubnis haben muß, um hier
einzutreten, aber ich habe einen Brief vom Herrn Erzbischof, den Ihr,
lieber Bruder, dem Herrn Prior übergeben wollet.«
»Es soll nach Eurem Willen geschehen,« antwortete der Pförtner und
verneigte sich beim Anblick des Siegels des Herrn Primas. Bei diesen
Worten zog er den Riemen, der am Klöpfel befestigt war, und schlug
zweimal an, um jemand herbeizurufen, denn er hatte nicht das Recht,
sich von der Pforte zu entfernen. Bei dem Glockenschlag erschien ein
zweiter Mönch, nahm den Brief und entfernte sich schweigsam; Sagloba
aber legte ein Bündel, das er mit sich hatte, auf der Bank nieder; dann
setzte er sich und begann laut zu keuchen.
»Bruder,« sagte er endlich, »wie lange seid Ihr im Kloster?«
»Das fünfte Jahr,« antwortete der Pförtner.
»So jung und schon das fünfte Jahr! So wäre es, wenn Ihr auch Lust
hättet, fortzugehen, schon zu spät, und Ihr müßt wohl manchmal
Sehnsucht empfinden nach der Welt, denn, Freundchen, der eine sehnt
sich nach dem Krieg, der andere nach Lebensfreuden, der dritte nach den
Weibern.«
»_Apage_,« sagte der Mönch und bekreuzigte sich fromm.
»Wie, hat Euch nie die Versuchung angewandelt?« wiederholte Sagloba.
Der Mönch aber sah den Abgesandten des Bischofs, der so seltsame Reden
führte, mit Mißtrauen an und erwiderte:
»Hinter wem sich die Tür hier schließt, der kommt nicht wieder heraus.«
»Das wollen wir noch sehen. Was geht denn mit Herrn Wolodyjowski vor?
Ist er gesund?«
»Wir haben hier niemand, der also heißt.«
»Bruder Michael?« fragte Sagloba zur Probe, »der frühere
Dragonerhauptmann, der unlängst hier eingetreten ist.«
»Den nennen wir Bruder Georg; aber er hat bisher das Gelübde noch nicht
geleistet, und kann es vor dem Termin nicht leisten.«
»Und wird es auch sicher nicht leisten, denn Ihr glaubt nicht,
Bruder, was das für ein Schürzenjäger war, einen zweiten, der so der
Weibertugend feind war wie er, findet Ihr nicht in sämtlichen Klö ...,
ich wollte sagen in sämtlichen Regimentern der gesamten Linie ...«
»Es ziemt mir nicht, das anzuhören,« erwiderte mit wachsendem Erstaunen
und Mißachten der Mönch.
»Hört, Bruder, ich weiß nicht, wo es bei Euch Sitte ist, zu empfangen;
wenn hier, so rate ich Euch, wenn Bruder Georg kommt, so geht lieber
davon, geht dort in das Zimmer bei der Pforte, denn wir werden hier von
sehr weltlichen Dingen sprechen.«
»Ich will lieber gleich fortgehen,« sagte der Mönch.
Inzwischen war Wolodyjowski erschienen, oder richtiger Bruder Georg,
aber Sagloba erkannte den Heranschreitenden nicht, denn Michael hatte
sich sehr verändert.
Erstens erschien er in dem langen, weißen Mönchshabit größer als im
Dragonerkollett, zweitens hatte er jetzt die Enden seines Bartes, die
früher in die Höhe starrten, herunterhängen und seinen Kinnbart stehen
lassen, der zwei gelbe Zöpfchen bildete, nicht länger als einen halben
Finger; endlich war er mager und elend geworden, und seine Augen hatten
den alten Glanz verloren. Er kam langsam heran, die Hände auf der Brust
unter dem Habit und das Haupt gesenkt.
Sagloba hatte ihn nicht erkannt und dachte, daß der Prior selbst käme;
darum stand er auf und begann:
»_Laudetur_ ...«
Plötzlich blickte er näher hin, öffnete die Arme und rief: »Michael,
Michael!«
Bruder Georg ließ sich in seine Arme reißen, etwas wie Schluchzen
erschütterte ihn, aber seine Augen blieben trocken. Sagloba umarmte ihn
lange, endlich begann er:
»Du hast nicht allein dein Unglück beweint, auch ich habe es beweint,
die Skrzetuskis und die Kmizizs haben es beweint. Möge dich der Vater
der Barmherzigkeit trösten, belohnen ...! Du hast wohlgetan, daß du auf
einige Zeit diese Mauern zum Ruheort gewählt hast, nichts Besseres gibt
es im Unglück als Gebet und fromme Beschaulichkeit. Komm, laß dich noch
einmal umarmen! Ich kann dich durch meine Tränen kaum sehen.«
Und Sagloba weinte wirklich, von Wolodyjowskis Anblick ergriffen,
endlich fuhr er fort:
»Verzeih, daß ich deine Andacht unterbrochen habe, aber ich konnte
nicht anders, und du wirst mir selbst recht geben, wenn ich dir meine
Gründe anführe. Ei, Michael, viel Gutes und Böses haben wir miteinander
erlebt! Hast du hinter diesem Gitter Trost gefunden?«
»Ich habe ihn gefunden,« antwortete Michael, »in den Worten, die ich
hier täglich höre, und die ich bis an meinen Tod wiederholen will:
_memento mori_. Im Tode ist mein Trost.«
»Hm, den Tod findet man leichter auf dem Schlachtfeld als im Kloster,
wo das Leben sich so hinzieht, als wickle man langsam den Faden von der
Spule.«
»Hier gibt es kein Leben, denn es gibt keine irdischen Dinge, und ehe
die Seele den Körper verläßt, lebt sie schon wie in jener Welt.«
»Wenn dem so ist, will ich dir nicht mehr sagen, daß die Horde von
Bialogrod in großer Macht gegen die Republik auszieht, denn was kann
dich das noch kümmern?«
Herr Michael verzog plötzlich die Lippen und griff unwillkürlich mit
der Rechten an seine linke Seite: da er aber das Schwert nicht fand,
zog er gleich beide Hände unter das Habit zurück, senkte den Kopf und
sagte:
»_Memento mori!_«
»Ganz recht, ganz recht!« sagte Sagloba und zwinkerte ungeduldig mit
seinem einen gesunden Auge. »Gestern noch hat Herr Sobieski, der
Hetman, gesagt: ›Hätte wenigstens Wolodyjowski noch diesen einen Sturm
mitgedient, und wäre er dann in ein beliebiges Kloster gegangen, Gott
hätte darum nicht gezürnt; im Gegenteil, ein solcher Mensch hätte ein
um so größeres Verdienst.‹ Aber es nimmt mich nicht wunder, daß du die
eigene Beruhigung dem Glücke des Vaterlandes vorziehst: ›zuerst die
Barmherzigkeit, dann ich.‹«
Eine lange Pause trat ein; nur die Bartenden Michaels strebten in die
Höhe und fingen an, sich schnell und leicht zu bewegen.
»Das Gelübde hast du noch nicht geleistet?« fragte endlich Sagloba,
»und kannst jeden Augenblick austreten?«
»Noch bin ich nicht Mönch; ich habe auf die Gnade Gottes gewartet und
darauf, daß alle irdischen Schmerzgedanken meine Seele verlassen. Aber
seine Gnade ist über mir, der Friede kehrt ins Herz, -- ich kann hinaus,
aber ich will nicht mehr, denn der Termin kommt heran, an dem ich mit
reinem Gewissen und frei von irdischer Begehrlichkeit das Gelübde werde
leisten können.«
»Ich will dich nicht davon abbringen, im Gegenteil, ich lobe deinen
Entschluß, obwohl ich mich erinnere, daß, als Skrzetuski zu jener Zeit
die Absicht hatte, Mönch zu werden, er doch so lange damit zögerte,
bis das Vaterland von der Überflutung der Feinde frei sein würde. Aber
handle, wie du willst, wahrlich, ich werde dich nicht davon abbringen,
denn ich selbst empfand seinerzeit den Beruf zum Klosterleben in mir.
Vor fünfzig Jahren begann ich sogar schon das Noviziat -- ein Schelm,
wenn ich lüge. Nun, Gott hat es anders gelenkt ... Nur das eine sage
ich dir, Michael: jetzt mußt du mit mir hinaus, sei es auch nur auf
wenige Tage.«
»Warum soll ich austreten? Laßt mich in Frieden!« sagte Wolodyjowski.
Sagloba hob den Zipfel seines Oberrockes an die Augen und begann zu
schluchzen.
»Für mich,« sprach er in abgerissenen Worten, »bitte ich nicht um
Rettung, obwohl mich Fürst Boguslaw Radziwill mit seiner Rache verfolgt
und Mörder für mich dingt, und ich alter Mann niemanden habe, der mich
verteidige und schütze ... ich dachte, du würdest ... doch nein, nicht
doch; ich werde dich immer lieben, wenn du mich auch nicht kennen
wolltest. Bete nur für meine Seele, denn ich werde Boguslaws Händen
nicht entrinnen. Treffe mich, was mich treffen soll! Aber dein anderer
Freund, der jeden Bissen Brot mit dir geteilt, liegt im Sterben; er
will dich durchaus noch sehen. Er will ohne dich nicht sterben, denn
er hat dir Bekenntnisse zu machen, von welchen der Friede seiner Seele
abhängt.«
Michael, der schon die Mitteilung von der Gefahr Saglobas mit großer
Teilnahme angehört hatte, sprang jetzt auf, faßte Sagloba bei den Armen
und fragte:
»Skrzetuski?«
»Nicht Skrzetuski, -- Ketling.«
»Um Gottes willen, was ist ihm geschehen?«
»Bei meiner Verteidigung hat ihn ein Schuß von den Leuten des Fürsten
Boguslaw getroffen, und ich weiß nicht, ob er noch einen Tag leben
wird. Um deinetwillen, Michael, sind wir beide in eine solche Lage
gekommen, denn wir sind nur darum nach Warschau geeilt, um dir einen
Trost zu ersinnen. Komme wenigstens auf zwei Tage heraus und tröste
einen Sterbenden. Du kommst später wieder zurück und wirst Mönch. Ich
habe vom Primas an den Prior einen Auftrag gebracht, daß man dir keine
Hindernisse in den Weg lege. Eile nur, denn jeder Augenblick ist teuer.«
»So wahr ich lebe,« sagte Wolodyjowski, »was höre ich! Hindernisse
kann man mir hier nicht bereiten, denn ich bin gleichsam nur zur
Rekollektion hier ... So wahr ich lebe, die Bitte eines Sterbenden ist
eine heilige Sache, ich muß sie erfüllen.«
»Es wäre auch eine Todsünde anders!« rief Sagloba.
»So ist es! Immer und ewig dieser Verräter Boguslaw! Aber wenn ich
Ketling nicht räche, so will ich nie hierher zurückkehren! Ich will
sie schon finden, diese Höflinge, diese Häscher und will ihnen die
Köpfe schon zurechtsetzen. Großer Gott, schon kommen todeswürdige
Gedanken über mich, memento mori ... Wartet nur, bis ich die alten
Kleider angelegt habe, denn im Habit ist es nicht erlaubt, in die Welt
hinauszugehen.«
»Hier sind Kleider,« rief Sagloba und griff nach dem Bündel, das bisher
neben ihm auf der Bank gelegen hatte. »Ich habe alles vorgesehen, alles
vorbereitet; hier sind Stiefel, hier ein Rapier, hier ein Wams ...«
»Kommt in die Zelle!« sagte der kleine Ritter eilig.
Und sie gingen. Als sie wieder erschienen, trippelte nicht mehr ein
weißer Mönch neben Herrn Sagloba, sondern ein Offizier in gelben
Kanonenstiefeln, ein Rapier an der Seite und das weiße Degengehänge
über der Schulter. Sagloba blinzelte mit dem Auge und verzog seine
Lippen zu einem Lächeln beim Anblick des Bruder Pförtners, der mit
sichtlicher Kränkung in den Zügen beiden das Tor öffnete.
Unweit des Klosters wartete der Korbwagen Saglobas mit zwei Knechten.
Der eine saß auf dem Bock und hielt die Zügel des schönen Viergespanns,
das Wolodyjowski sogleich mit dem Auge eines Kenners musterte; der
andere stand neben dem Korbe mit einer schimmeligen Flasche in der
einen und zwei Gläschen in der anderen Hand.
»Nach Mokotow ist's ein Stück Wegs,« sagte Sagloba, »und an Ketlings
Lager wartet schweres Leid. Stärke dich, Michael, damit du die Kraft
habest, alles zu ertragen, denn du bist sehr heruntergekommen.«
Bei diesen Worten nahm Sagloba die Flasche dem Burschen aus der Hand
und füllte beide Gläschen mit altem Ausbruch, so alt, daß er förmlich
dick war.
»Ein würdiges Getränk,« sagte er, setzte die Flasche auf die Erde und
nahm die Gläschen; »auf Ketlings Wohl!«
»Auf sein Wohl!« wiederholte Wolodyjowski; »eilen wir!«
Und sie gossen den Wein mit einem Zuge hinunter.
»Eilen wir!« wiederholte Sagloba; »gieß ein, Bursche! Auf Skrzetuskis
Wohl! -- Eilen wir!« Wieder tranken sie in einem Zuge, denn es war
wirklich Eile notwendig.
»Steigen wir ein!« rief Wolodyjowski.
»Und auf mein Wohl wirst du nicht trinken?« fragte Sagloba mit
klagender Stimme.
»Nur schnell, nur schnell!«
Sie tranken schnell aus, Sagloba auf einen Zug, obwohl etwa ein halbes
Quart im Glase war, dann rief er, ohne sich den Schnurrbart zu wischen:
»Ich wäre undankbar, wenn ich nicht deine Gesundheit trinken wollte.
Gieß ein, Bursche!«
»Ich danke,« erwiderte Bruder Georg.
Der Boden der Flasche wurde sichtbar. Sagloba ergriff sie am Halse und
schlug sie in kleine Stücke, denn der Anblick leerer Trinkgefäße war
ihm peinlich. Dann stiegen sie ein und fuhren schnell davon.
Das edle Getränk erfüllte ihre Adern alsbald mit wohliger Wärme, und
die Herzen mit Mut. Bruder Georgs Wangen überzogen sich mit leichtem
Rot, und der Blick gewann die alte Frische wieder.
Unwillkürlich griff er mit der Hand ein über das andere Mal an seinen
Schnurrbart und richtete ihn in die Höhe, so daß die Enden bis an die
Augen heranreichten. Dann begann er sich in der Gegend mit großer
Neugier umzusehen, als ob er sie zum ersten Male sähe.
Plötzlich schlug sich Sagloba mit den Händen auf die Knie und rief mir
nichts, dir nichts, aus:
»_Hoc!_ Ich glaube, wenn Ketling dich erblickt, so wird er wieder
gesund, _hoc, hoc!_«
Dabei umarmte er Michael und drückte ihn mit voller Kraft an sich.
Wolodyjowski wollte ihm nichts schuldig bleiben, und so umarmten
sie sich aufs herzlichste. Eine Zeitlang fuhren sie in vollkommenem
Schweigen dahin. Schon zeigten sich die Häuschen der Vorstadt an beiden
Seiten des Weges. Vor diesen Häuschen herrschte lebhaftes Treiben, nach
der einen und nach der anderen Seite zogen die Bürger, die Dienerschaft
in verschiedenen Farben, Soldaten und Adel oft in schmucker Tracht.
»Zum Wahlreichstag ist eine große Zahl des Adels zusammengekommen,«
sagte Sagloba, »denn wenn auch so mancher nicht zum Reichsboten gewählt
ist, so will er doch dabei sein, hören und sehen. Die Häuser, die
Gasthöfe, alles ist so besetzt, daß man kaum ein Zimmerchen finden
kann, und wie viele Adelsfräulein sich in den Straßen tummeln, sag' ich
dir, das kannst du an den Haaren deines Bartes nicht herzählen! Und
hübsch sind die Bestien, daß den Menschen manchmal die Lust ankommt,
mit den Händen an die Seiten zu schlagen, wie der Hahn mit den Flügeln,
und loszukrähen. Schau nur, schau nur die Schwarzäugige dort, welcher
der Heiduck den grünen Pelzmantel nachträgt; ist sie nicht voll Grazie,
was?«
Hier versetzte Sagloba Wolodyjowski einen Stoß; dieser blickte auf,
drehte seinen Schnurrbart und riß die Augen auf. Aber sogleich ergriff
ihn die Scham; er senkte den Kopf und sagte nach kurzem Schweigen:
»_Memento mori!_«
Und wieder umarmte ihn Sagloba.
»_Per amicitiam nostram_, so wahr du mich liebst, so wahr du mich
schätzest: heirate! Es gibt so viel brave Mädchen -- heirate!«
Bruder Georg sah seinen Freund mit Staunen an. Sagloba konnte unmöglich
betrunken sein, denn oft genug hatte er dreimal so viel ohne sichtliche
Folgen getrunken, er sprach also wohl nur aus Rührung so. Aber
jeglicher Gedanke dieser Art lag Michael jetzt so fern, daß im ersten
Augenblick das Erstaunen die Oberhand gewann über die Entrüstung.
Dann aber blickte er Sagloba streng in die Augen und sagte:
»Ihr seid wohl angeheitert?«
»Ich sage dir aus vollem Herzen: heirate!«
Wolodyjowski sah ihn noch strenger an:
»_Memento mori!_«
Aber Sagloba ließ sich nicht so leicht abschrecken.
»Michael, wenn du mich lieb hast, tu's für mich! Das ist für den Hund,
dein ewiges Memento, ich wiederhole, du wirst handeln, wie du willst;
aber ich denke so: diene ein jeder unserem Herrgott mit dem, wozu er
ihn geschaffen hat. Dich hat er für den Degen geschaffen, denn er hat
seinen Willen darin geoffenbart, daß er dich in dieser Kunst zu solcher
Vollkommenheit hat gelangen lassen. Und hätte er einen Geistlichen aus
dir machen wollen, so hätte er dich mit gar anderem Witz ausgestattet
und hätte dein Herz mehr den Büchern und zum Latein geneigt gemacht.
Bedenke auch, daß die heiligen Rittersmänner nicht geringere Achtung
im Himmel genießen als die heiligen Mönche, und daß sie gegen die
höllische Heerschar zu Felde ziehen und Belohnungen aus Gottes Händen
empfangen, wenn sie mit den erbeuteten Fahnen zurückkehren ... daß
alles das wahr ist, wirst du doch nicht leugnen?«
»Ich leugne es nicht und weiß auch, daß es schwer ist, gegen Euren
Verstand den Kampf aufzunehmen; aber auch Ihr werdet nicht bestreiten,
daß es für die Trauer besser ist, im Kloster zu leben als in der Welt.«
»Bah, wenn es besser ist, so muß die Trauer um so mehr die Klöster
meiden. Ein Narr, wer die Trauer nährt, anstatt sie verhungern zu
lassen, damit sie desto schneller verrecke!«
Wolodyjowski fand im Augenblick keine Worte; er verstummte also und
sagte erst nach einer Weile mit sehnsüchtiger Stimme:
»Erinnert mich nicht an das Heiraten, denn eine solche Erinnerung weckt
nur von neuem den Schmerz. Auch ist die alte Lust dahin, sie ist mir
mit den Tränen dahingegangen, und auch mein Alter ist nicht danach:
beginnt mir doch die Glatze schon zu leuchten! Zweiundvierzig Jahre
und fünfundzwanzig voll von Kriegsmühsalen, das ist kein Scherz, kein
Scherz.«
»Gott strafe ihn nicht für diese Lästerung! Zweiundvierzig
Jahre! -- Pfui! Zweimal soviel habe ich auf dem Buckel, und der Mensch
muß sich bisweilen noch im Zaume halten, um die Glut aus den Adern zu
schütteln, wie den Staub aus den Kleidern! Ehre das Andenken jener
süßen Verstorbenen, Michael; warst du für sie gut und solltest für die
anderen zu billig, zu alt sein?«
»O laßt das, laßt das!« sagte Wolodyjowski in schmerzlichem Tone, und
die Tränen flossen ihm in den Bart.
»Ich will kein Wort mehr sagen,« sprach Sagloba, »aber gebt mir Euer
Ritterwort, daß Ihr, was auch mit Ketling sei, einen Monat bei uns
bleibet. Ihr müßt durchaus auch Skrzetuski sehen. Wollt Ihr dann wieder
zum Habit zurückkehren, so soll es Euch niemand verwehren.«
»Ich gebe mein Wort,« sagte Michael. Und gleich begannen sie von
etwas anderem zu sprechen. Sagloba erzählte vom Wahlreichstag, wie
er die Prüfung gegen den Fürsten Boguslaw angeregt, und von Ketlings
Abenteuer. Von Zeit zu Zeit indessen unterbrach er die Erzählung und
versank in Gedanken; aber es müssen heitere Gedanken gewesen sein,
denn er schlug sich immer wieder mit den Händen auf die Knie und
wiederholte: »_Hoc, hoc!_«
Je näher sie aber Mokotow kamen, desto größer wurde die Unruhe,
die sich in Saglobas Benehmen zeigte. Plötzlich wandte er sich zu
Wolodyjowski um und sagte:
»Denkst du daran, du hast das Wort gegeben, was auch immer mit Ketling
sei, einen Monat bei uns zu bleiben?«
»Ich habe es gegeben und ich bleibe,« unterbrach Wolodyjowski.
»Da ist auch schon Ketlings Haus,« rief Sagloba, »er wohnt stattlich.«
Dann rief er dem Kutscher zu:
»Knallt tüchtig los, heute gibt's ein Fest in diesem Hause.«
Und es erscholl lauter Peitschenknall vorm Hause.
Noch war der Korbwagen nicht durch das Tor gefahren, als einige
Genossen aus dem Flur stürzten, Michaels Bekannte: es waren unter ihnen
alte Kriegskameraden aus den Zeiten Chmielnizkis, und jüngere aus den
letzten Kriegszeiten, unter ihnen Herr Wasilewski und Herr Nowowiejski,
Jünglinge noch, aber feurige Ritter, die in den Knabenjahren der Schule
entflohen waren und seit einigen Jahren das Kriegshandwerk unter Herrn
Wolodyjowski übten. Der kleine Ritter liebte sie ungeheuer.
Von älteren war Herr Urlik da, vom Wappen Nowina, mit einer goldenen
Gehirnschale, denn eine schwedische Granate hatte ihm ein Stück
fortgerissen; auch Herr Ruschtschyz, der halbwilde Steppenritter, der
unvergleichliche Scharmützler, der nur Wolodyjowski im Ruhme nachstand,
und einige andere. Da sie die beiden Männer im Wagen sahen, begannen
sie alle zu rufen:
»Er ist's, er ist's! _Vicit_ Wolodyjowski! Er ist's!«
Und sie stürzten sich auf den Wagen und nahmen den kleinen Ritter auf
ihre Arme und trugen ihn in den Flur und wiederholten:
»Willkommen, es lebe unser teurer Kamerad. Nun haben wir dich und
lassen dich nicht wieder! Vivat Wolodyjowski, die Zierde unseres ganzen
Heeres! In die Steppe mit uns, Bruder, in die wilden Felder, dort wird
der Wind die Trauer fortwehen!«
Im Flur erst setzten sie ihn wieder zu Boden. Er begrüßte alle, denn
er war durch diesen Empfang sehr gerührt und begann an alle Fragen zu
richten.
»Wie geht es Ketling, lebt er noch?«
»Er lebt, er lebt!« antworteten sie im Chor, und die Schnauzbärte der
alten Soldaten verzogen sich in seltsamem Lachen.
»Kommt zu ihm, denn er hält es nicht mehr aus, mit solcher Ungeduld
erwartet er Euch.«
»Ich sehe, der Tod ist ihm nicht so nah, wie Herr Sagloba gesagt hat,«
sprach der kleine Ritter.
Inzwischen waren sie in den Flur getreten und von da in die große
Stube. In der Mitte stand ein gedeckter Tisch, in einem Winkel eine
Pritsche, mit weißem Pferdefell bedeckt, auf welchem Ketling lag.
»Freund!« sagte Wolodyjowski und eilte ihm entgegen.
»Michael!« rief Ketling und sprang mit beiden Füßen auf, als wäre er im
Vollbesitz seiner Kräfte, und faßte den kleinen Ritter in seine Arme.
Und sie drückten sich so herzlich, daß Ketling den Wolodyjowski und
Wolodyjowski den Ketling in die Höhe hob.
»Man hat mir befohlen, mich krank zu stellen,« sagte der Schotte, »den
Sterbenden zu spielen; aber bei deinem Anblick konnte ich es nicht
aushalten. Ich bin gesund wie der Fisch im Wasser, und mir ist nichts
zugestoßen. Es handelte sich darum, dich aus dem Kloster zu bringen ...
Verzeih', Michael, diese Kriegslist kam von Herzen!«
»In die wilden Felder mit uns!« riefen die Ritter wieder und schlugen
mit den rauhen Händen an die Säbel, daß ein dröhnender Lärm im Zimmer
entstand.
Aber Herr Michael war sehr erstaunt. Eine Zeitlang schwieg er, dann
ließ er seine Blicke über alle schweifen, faßte besonders Sagloba ins
Auge und sagte endlich:
»O, ihr Verräter! Ich habe geglaubt, Ketling sei tödlich verwundet.«
»Wie, Michael!« rief Sagloba, »ärgert's dich, daß Ketling gesund ist?
Gönnst du ihm die Gesundheit nicht oder wünschest du ihm den Tod? Ist
dein Herz so verhärtet worden, daß du lieber alle auf der Bahre sähest,
Ketling und Herrn Urlik und Herrn Ruschtschyz und diese Jungen hier,
ja, auch Skrzetuski und mich, auch mich, der ich dich wie einen Sohn
liebe?!«
Hier schloß Sagloba sein Auge und rief noch kläglicher:
»Was soll uns das Leben, werte Herren, wenn es keine Dankbarkeit in der
Welt gibt, und solche Verhärtung des Herzens.«
»Bei Gott,« antwortete Wolodyjowski, »ich wünsche Euch nichts Übles,
aber meinen Schmerz habt Ihr nicht zu ehren verstanden.«
»Er gönnt uns das Leben nicht,« wiederholte Sagloba.
»Lasset das.«
»Er sagt, daß wir seinen Schmerz nicht ehren, und was für Tränenströme
haben wir vergossen über sein unglückliches Geschick, werte Herren.
Nicht wahr, Gott rufe ich zum Zeugen an, daß wir am liebsten deinen
Schmerz auf Schwertern umhergetragen hätten, denn so sollten Freunde
immer handeln. Da du aber das Wort gegeben hast, einen Monat bei uns zu
bleiben, so liebe uns wenigstens noch diesen Monat, Michael!«
»Ich werde euch bis in den Tod lieben,« erwiderte Wolodyjowski.
Da wurde das Gespräch durch die Ankunft eines neuen Gastes
unterbrochen; die Ritter, mit Wolodyjowski beschäftigt, hatten nicht
gehört, wie dieser Gast vorgefahren war, und bemerkten ihn erst jetzt
an der Tür. Es war ein Mann von ungewöhnlicher Größe, von prächtiger
Gestalt und schönem Körperbau, mit dem Gesicht eines römischen Cäsaren,
voll Macht, zudem voll königlicher Güte und Freundlichkeit. Er sah
durchaus anders aus als all diese Soldaten, bedeutend größer stand er
neben ihnen, wie der König der Vögel, der Adler, neben dem Habicht, dem
Blaufuß und dem Falken.
»Der Herr Großhetman!« rief Ketling aus und sprang als Wirt ihm
entgegen, um ihn zu begrüßen.
»Herr Sobieski!« wiederholten die anderen. Alle Häupter neigten sich in
ehrfurchtsvollem Gruße.
Außer Wolodyjowski wußten alle, daß der Hetman kommen würde, denn er
hatte es Ketling versprochen; und doch machte seine Ankunft einen
so mächtigen Eindruck, daß eine Zeit hindurch niemand den Mund zu
öffnen wagte. Es war auch eine besondere Gnade, aber Sobieski liebte
die Soldaten über alles und besonders diejenigen, welche schon zu
wiederholten Malen mit ihm den tatarischen Horden den Nacken gepeitscht
hatten; er betrachtete sie wie seine Familie, und darum beschloß
er, Wolodyjowski zu begrüßen, ihn zu trösten und endlich durch die
Bezeigung der außergewöhnlichen Gunst in seinen Reihen zu erhalten.
Er streckte daher, nachdem er Ketling begrüßt hatte, gleich die Hände
dem kleinen Ritter entgegen, und als dieser sich näherte und seine Knie
umfaßte, drückte er ihm mit seinen Händen das Haupt.
»Nun, alter Kriegsmann,« sagte er, »nun, Gottes Hand hat dich zu Boden
gedrückt, aber sie wird dich wieder erheben und trösten ... Gott sei
mit dir! Du bleibst wohl bei uns?«
Ein Schluchzen erschütterte Michaels Brust.
»Ich bleibe!« sagte er unter Tränen.
»Das ist gut; wir können solcher wie du nicht genug haben! Und jetzt,
alter Kriegskamerad, laß uns der Zeiten gedenken, da wir in den
russischen Steppen im Zelt beim Mahle saßen. Hier unter euch ist gut
weilen. Frisch, Wirt, frisch!«
»_Vivat, Joannes dux!_« riefen alle Stimmen.
Die Mahlzeit begann und dauerte lange. Am folgenden Tage schickte der
Hetman für Wolodyjowski einen spanischen Apfelschimmel von großem Werte.
[Illustration: Dekoration/Kapitelende]
[Illustration: Dekoration/Kapitelanfang]