In den ersten paar Tagen war ich recht zufrieden in Aquila nera. Am

dritten Morgen, während ich noch halbwach im Bette lag, hörte ich

den Wirth, gleich Jakob von Tyboe auf dem Gange lärmen; er trat sehr

geschäftig bei mir ein und bat mich, ihm rasch 5 Louisd'or zu geben; er

solle gerade in diesem Augenblicke etwas Gold auszahlen und die Juden

hätten wegen des Sabbaths ihre Boutiquen geschlossen. -- Ich betrachtete

es als eine große Ehre, holte meine kleine Börse und hätte ihm gern mehr

gegeben. Solch' ein Mann! der über 30 Jahre der vornehmste Gastwirth in

Florenz gewesen war! -- Aber er wollte nur 5 Louisd'or haben, das lohne

ihm Gott! Sonst wäre ich nicht nach Rom gekommen.

Den Tag darauf wurde das Essen schlechter; ich äußerte mein Mißvergnügen

darüber und sagte dem Aufwärter, daß ich mich bei seinem Herrn beklagen

werde. »_Ah!_« entgegnete dieser und machte mit dem Daumen eine jener

ausdrucksvollen Bewegungen, deren die Italiener so viele haben, »_il

padrono va via!_« -- Und nun hörte ich, daß der Mann gerade Bankerott

gemacht habe und ein Anderer ihn ablösen solle. -- Dieser Andere fing

eine neue Rechnung mit mir an und von meinen 5 Louisd'or bekam ich

nichts zurück. Freilich begegnete ich einmal dem früheren Wirthe auf

der Treppe und erinnerte ihn; aber in seinem vorigen vornehmen Ton

sagte er, ohne sich verblüffen zu lassen: »Ach mein Herr! ich habe Sie

nicht vergessen; aber ich habe hier viel Geschäfte; das Haus ist groß;

die Reihe wird auch an Sie kommen!« Darauf hatte ich nun keine Zeit zu

warten und reiste um 5 Louisd'or leichter ab.

* * * * *

Das Wetter war in der letzten Zeit immer noch schlecht. Um drei Uhr des

Morgens fuhr ich am 6. April von Florenz fort. Mein alter französischer

Kaufmann, den ich 14 Tage lang nicht gesehen hatte, saß wieder im Wagen

und schimpfte auf das italienische Wetter. In einem Hohlwege, ziemlich

fern von allen menschlichen Wohnungen, stürzte das eine Maulthier;

glücklicherweise kam es wieder auf die Beine. Wir hätten hier wirklich

singen können: »Das Maulthier sucht in Nebeln seinen Weg;« aber wir

waren gar nicht aufgelegt zu singen und das hätte uns auch nicht

getröstet.

In =Siena= sah ich die schöne alte Kirche. Unser Kutscher war ein

Grobian und ein verrückter Kerl; aber ich nannte ihn doch nicht

Schlingel. Außerhalb der Stadt lag ein großer Stein, über den er bald

unsern Wagen umgeworfen hätte. Blaß wie eine Leiche im Gesicht und mit

funkelnden Augen fing er nun an mit entsetzlichen Flüchen nicht allein

alle Einwohner der Stadt, sondern auch ihre Großeltern und Urväter in

die tiefste Hölle zu verwünschen.

* * * * *

[Sidenote: Der Lago di Bolsena. Schneefall.]

Endlich kamen wir nach dem =Lago di Bolsena=, wo die Menschen alle

gelb wie Leder im Gesicht sind, dicke wassersüchtige Wänste tragen,

und gezwungen gewesen waren, der schlechten Luft wegen ihre Stadt San

Laurento niederzureißen und eine andere weiter oben zu bauen, um nicht

vollständig zu crepiren. -- Wir fuhren an vielen natürlichen Höhlen

vorüber, die mich an Polyphem, Ulysses und Circe, Aeneas und Dido, David

und Saul erinnerten. Der beständige Regen verwandelte sich zuletzt in

einen Schnee, der fingerdick auf Erde und Bäume fiel. Ich glaubte nun

wirklich, daß der Weg nach Tobolsk hinführt und konnte gar nicht fassen,

daß wir zwischen Florenz und Rom seien. Aber mein alter Franzose wurde

immer froher und froher, weil er nun mit Recht auf Italien schimpfen

konnte. Auf unserer ersten Reise in den schönen Tagen, wo Alles lächelte

und blühte, war er ganz ärgerlich und verstimmt; er hatte sich damals

an nichts Anderes, als an die schlechte Bewirthung und an die großen

Ochsenhörner halten können; nun dagegen konnte er aus Herzenslust über

»_le beau sol d'Italie_« spotten, und dies erleichterte und tröstete ihn

unendlich.

* * * * *

In =Montefiascone= wurde wieder _magro_ gegessen. Wir fragten, ob wir

denn gar nicht etwas _grasso_ erhalten könnten? Ein junger Römer, der in

der Küche stand und sehr eifrig Eier aß, sagte: »Wir sind hier in einem

christlichen Lande, in einem christlichen Lande ißt man am Sonnabend

kein Fleisch.« Mein alter Franzose fragte ihn: »ob er denn glaube, daß

wir Juden seien? er solle seine Eier essen und sich nicht um die Diät

anderer Leute kümmern.« Der Italiener sagte, er hätte nur _generalmente_

gesprochen. Ich antwortete: »er würde am besten thun _specialmente_

bescheiden zu sein und _generalmente_ andere Leute essen zu lassen, was

sie wollten.« Darauf ging er sehr höflich rasch seines Weges.

[Sidenote: Johannes de Fugger's Grabschrift.]

Während wir bei der schlechten Mahlzeit und bei dem noch schlechteren

Weine saßen, kam ein deutscher Reisender von der Kirche, wo er das Grab

eines berühmten Landsmannes gesehen hatte. Andere Zeiten, andere Sitten

und hier wahrscheinlich anderer Wein. Jener deutsche Prälat reiste

früher in diesen Gegenden umher, gerade um guten Wein zu finden. Wo er

ihn fand, weilte er eine Zeitlang und schrieb an seine Thüre: »_Est._«

Besonders in Montefiascone mußte ihm der Traubensaft geschmeckt haben;

denn er hatte sich dort zu Tode getrunken und sein Diener setzte ihm

folgendes Epitaph:

»_Est, est, est!

Propter nimium est

Hic Johannes Fugger,

Dominus meus, mortuus est._«

Hätten wir viel von dem jetzigen Wein getrunken, so wäre es uns

wahrscheinlich ebenso gegangen wie dem seligen de Fugger bei dem Baron

von Montefiascone.

* * * * *

[Sidenote: Ein Ehepaar.]

In =Ronziglione= ging der Wagen entzwei; wir dankten Gott, daß es

nicht mitten auf der Landstraße geschehen war. Während der Kutscher

ihn wieder mit Stricken zusammen band, suchte ich in einem kleinen

Stalle Schutz vor dem Platzregen, wo ich ein Schaf und einen Esel an

die Krippe gebunden fand. Meine müßige Phantasie, von Göttern und

Menschen verlassen, ließ mich in diesen Thieren ein altes ehrwürdiges

Ehepaar sehen. Der Esel schien mir der Mann, etwas bejahrt, mit vieler

Menschenkenntniß, aber zurückhaltend und wenig sprechend, obgleich

seine philosophische Miene zeigte, daß es ihm nicht an Nachdenken

mangelte. Das Schaf, seine Frau, schien in ihren jungen Jahren eine

hübsche Blondine gewesen zu sein; nun hatte aber ihr Teint sehr gelitten

und war etwas ins Gelbliche gefallen. Sie schien nicht viel Geist zu

besitzen, hatte aber ein gutmüthiges Wesen. Ich fragte den Mann, ob er

die neuesten Zeitungen gelesen habe? -- Ob es wahr wäre, daß der König

von Schweden abgesetzt sei? -- Er schwieg. -- Ich verdachte es ihm

nicht; wer mochte wohl damals, wo das Spionirwesen so stark im Schwunge

war, sich mit einem wildfremden Menschen in einen politischen Discurs

einlassen? Ich gab dem Gespräch eine andere Wendung, näherte mich der

Frau und lobte die italienischen Naturschönheiten. -- Sie schwieg --

vielleicht aus Bescheidenheit: vielleicht glaubte sie, es sei Spott,

weil wir armen Ultramontanen so lange Zeit hindurch das elendste Wetter

in Italien gehabt hatten. Darauf fing ich ein galantes Gespräch mit

ihr an, lobte ihren blonden Teint und sagte: sie gliche mehr einer

Nordländerin als einer Italienerin; ohne Zweifel flösse lombardisches

Blut in ihren Adern. -- Sie lächelte gerührt. -- Gerne hätte ich noch

länger bei diesen braven Eheleuten geweilt, die mir so durchaus die

Geschichte von »Philemon und Baucis« ins Gedächtniß zurückriefen;

aber -- der Wagen war mit Stricken zusammengebunden und wir mußten

fort. -- Das ist das Unangenehme bei Reisen; kaum ist ein angenehmes

Freundschaftsband geknüpft, so wird es bald wieder zerrissen.

Wie gern würde ich hier nun ein schönes Naturgemälde liefern, um den

zarten Seelen zu gefallen, die solche humoristische Stallfütterung nicht

leiden mögen und nur mit ihren Gefühlen auf schönen Wiesen zwischen

Blumen und Blüthen grasen. Aber was kann ich dafür? Es regnet noch immer

und der schlecht gebundene Wagen kriecht langsam wie eine Schnecke den

Hügel hinauf.

* * * * *

[Sidenote: Ein schönes Wirthshaus.]

Den Abend, bevor wir nach Rom kamen, klärte sich der Himmel auf und

ich konnte wieder in der Abendkühle spazieren gehen, während der Wagen

erst langsam nachkam. Weithin auf dem Felde sah ich das Haus, wo wir

_cena_ halten sollten, und ich dachte: »Das ist wieder eins von den

gewöhnlichen Hundelöchern.« Aber -- im Gegentheil -- das Haus war groß

und reinlich; und was noch besser war, auf der Treppe begegnete mir die

Tochter des Wirthes mit einem Gesichte, das nicht idealisirt zu werden

brauchte. Aber sie verschwand gleich wieder wie eine Sternschnuppe. Als

ich ins Zimmer trat und darüber nachdachte, wie ich das schöne Mädchen

wieder zu sehen bekommen könnte, hörte ich Jemand auf dem Gange gehen.

Ich öffnete die Thür in der Hoffnung, daß sie es sei. Aber eine ganz

kleine Haushälterin stand mit einem Schlüsselbunde vor der Thür und

fragte, ob der Herr Etwas zu befehlen hätte? -- Ich glaubte erst eine

kleine Zwergin im Halbdunkel zu sehen, aber als sie näher trat, war es

ein liebliches Mädchen von 7 Jahren, die Schwester der verschwundenen

Schönen und eigentlich ein Miniaturbild von ihr. Die dunkeln Augen waren

fast ebenso groß wie die des Originals; das kleine Mädchen war geputzt,

denn es war Sonntag und sie hatte ein grünseidenes Tuch um den Kopf.

-- Ich nahm sie auf den Schooß, küßte sie und fragte: »Wie heißt Du?«

-- »»Sancta!«« antwortete sie und hob die hübsche Hand auf, um mir den

Silberring an ihrem Finger zu zeigen. Als ich sie wieder losgelassen

hatte, verschwand sie wie eine Elfe; bald aber kam sie mit zwei großen

Weinflaschen zurück, die sie auf den Boden setzte, weil sie den Tisch

nicht erreichen konnte.

Die erwachsene Schwester kam nicht wieder. Später glaubte ich sie über

den Gang mit der Kleinen in ein entfernteres Zimmer gehen zu hören.

Ich machte mir ein Geschäft daselbst und öffnete die Thür, um Etwas zu

verlangen; hier hatte ich ein schönes Bild:

Ein hübscher dreijähriger Knabe saß auf dem Schooße der Schönen und

sie kleidete ihn aus, um ihn zu Bett zu bringen. Während sie ihm das

Kleidchen auszog, sagte sie ihm stückweis ein Abendgebet vor, das das

Kind nachsagen mußte, um es allmälig auswendig zu lernen. Er that es

halb willig aus Gewohnheit, halb verdrießlich, weil er sehr schläfrig

war, und half aus allen Kräften beim Auskleiden. Eine hübsche Gruppe,

und schön anzuhören! Das =Mädchen=: »Heilige Mutter Gottes!« Der

=Knabe=: »»Mutter Gottes!«« Das =Mädchen=: »Ich bete --« Der =Knabe=:

»»bete --«« Das =Mädchen=: »Deine himmlische Macht und Herrlichkeit an.«

Der =Knabe=: »»und Herrlichkeit an!«« -- »Ist das Ihr Bruder, Jungfrau?«

fragte ich. -- »Nein, Herr!« antwortete die Schöne, »es ist mein

Brudersohn!« Ich hätte das Gespräch gern fortgesetzt, nun aber kam die

Mutter und sagte mir, daß das Mahl auf dem Tische sei.

* * * * *

[Sidenote: Die Kuppel von St. Pietro.]

»Das ist die Kuppel von St. Pietro!« rief wie gewöhnlich der Vetturin,

als wir uns endlich der großen Stadt näherten, von der man von Ferne

nur sehr wenig sieht, da sie tief im Thale liegt. Roms Umgebung ist

eine Wüste. Wir fuhren am Abend zur _porta del populo_ hinein, an dem

großen Obelisken vorbei über den Platz, in dem drei lange Straßen

münden, deren mittelste der _Corso_ ist. Die schöne Welt der Stadt ging

gerade spazieren; es that mir leid, daß wir so bald in eine Seitengasse

einlenkten, um nach einem Gasthofe hinzufahren. Von Rom ist bereits

so viel erzählt worden, daß es thöricht sein würde, wollte man eine

Lebensbeschreibung mit römischen Bildern anfüllen.

Der Ort selbst, die Ruinen und Statuen aus der antiken Zeit, die

Paläste und Gemälde aus dem Mittelalter, die südliche Natur, das

Volk, die Menge fremder Künstler und Reisender, die blühenden Weiber,

Alles vereinigt sich, um Rom interessant zu machen. Aber man muß das

Alterthum und die Kunst lieben, wenn man sich hier recht unterhalten

soll; denn Rom hat nur wenig von den Vergnügungen einer Hauptstadt, die

Carnevalszeit ausgenommen, und die war vorüber.

* * * * *

[Sidenote: In Rom; Thorwaldsen. -- Die Gebrüder Riepenhausen.]

Wir hatten in den ersten Wochen schlechtes Wetter und der Scirocco

blies oft heiß. Ich suchte gleich meinen Freund Koës auf, der hier ein

ganzes Jahr gewesen war und ging mit ihm nach Thorwaldsen's Werkstatt.

Wie froh erstaunte ich nicht, als ich seinen Jason und alle die

herrlichen Werke sah. Ich kannte bisher Nichts von seinen Arbeiten und

hatte ihn selbst nie gesehen. Wie ich nun vertieft in der Betrachtung

dastand und endlich das Auge nach der Seite hinrichtete, bemerkte

ich einen ziemlich schlecht gekleideten Mann mit einem regelmäßigen,

geistvollen Gesichte, schönen blauen Augen, mit thonbespritzten

Stiefeln, der neben mir stand und mich aufmerksam betrachtete.

»Thorwaldsen!« rief ich. »»Oehlenschläger!«« rief er. Wir umarmten

und küßten einander und von dem Augenblicke an war die Brüderschaft

geschlossen. Ein unbeschreibliches Gefühl durchströmte mich. Ich dachte

an unsere barbarischen Voreltern, welche früher ohne Kunstsinn Rom so

oft zerstört hatten. Nun umarmten zwei dänische Künstler sich, deren

Einer mit den edelsten Griechen sich messen konnte; und in der Brust

des Jüngern brannte wenigstens eine kräftige, liebevolle Flamme und

jugendlicher Muth, um etwas mehr als das Gewöhnliche zu versuchen.

Thorwaldsen und ich gingen seitdem täglich um, und damit wir uns

um so seltener zu trennen brauchten, gaben wir uns bei den Malern

=Riepenhausen= in Kost, welche versprachen, uns für billige Bezahlung

das Mittagessen zu besorgen. In den Brüdern Riepenhausen fand ich Männer

von Talent, besonders in =Christel=, dem Jüngeren. Sie führten jedes

Werk in brüderlicher Vereinigung aus. Damals malten sie eigentlich

nicht, sie zeichneten mit schwarzer und weißer Kreide ihre eigenen

Compositionen. Sie hatten viele Copieen von alten italienischen Bildern

gemacht und man durfte sich nicht darüber wundern, wenn sich zuweilen

in ihre Ideen einige Reminiscenzen mischten. Uebrigens waren sie

Anhänger der neuen Schule und wir stimmten also nicht immer in unseren

Ansichten überein. Thorwaldsen achtete ihr Talent, ohne gerade mit

ihnen zu sympathisiren. Einmal als er Mittags mit mir hinkam, lag eine

neue Zeichnung von ihnen auf dem Tische. Thorwaldsen betrachtete sie

aufmerksam. »Wie findest Du es, Thorwaldsen?« fragte Christel bescheiden

-- »»Es ist sehr hübsch.«« -- »Findest Du keinen Fehler darin?« --

»»Hm!«« -- Christel gab ihm die schwarze Kreide in die Hand; und nun

markirte er mit ein paar kühnen Strichen Beine, Kniee, Füße, Ellenbogen

und Hände der Figuren, und dadurch hatten sie in einem Augenblick, ehe

die Suppe auf den Tisch kam, viel gewonnen.

[Sidenote: Ihre Bedeutung als Maler.]

Thorwaldsen hatte seinem Vaterlande zu danken, daß er bereits als Knabe

unter dem ausgezeichneten =Abildgaard= vortrefflich =zeichnen= gelernt

hatte, der nicht viel productives Genie besaß, aber das Technische

verstand. Später brachte der Meister selbst es zur Vollkommenheit sowohl

in der wahren, als in der schönen Natur. Riepenhausen's hatten nie

richtig zeichnen gelernt und gewöhnten sich erst nach und nach durch

practische Uebung daran, ohne es darin doch weit zu bringen. Sie hatten

auch nie malen gelernt. Aber Christel hatte Genie, und das weiß immer

trotz Hindernissen und Mängeln durchzudringen. Wenn man eine gerade

Linie durch die Bilder der Brüder zog, welche sie in einen obern und

untern Theil trennte, so war der obere Theil stets ungleich besser, als

der untere, denn die =Köpfe= konnten sie zeichnen und in diese legten

sie den poetischen und characteristischen Ausdruck, der die Verdienste

ihrer Bilder ausmachte. An die Köpfe schlossen sich die Schultern und

Oberkörper einigermaßen gut an, aber das Untere war oft ganz verzeichnet

und die Figuren standen gewöhnlich schlecht auf ihren Füßen. Einmal saß

ich bei Christel, als er eine weibliche Figur malte. »Den Fuß müssen Sie

kleiner und hübscher machen,« sagte ich. -- »»So?«« -- »Noch mehr!« --

Endlich wurde der Fuß nach meinem Wunsch, und Christel mußte gestehen,

daß ich Recht hatte. Ich wunderte mich darüber, daß er sich so hatte

verzeichnen können; denn mir schien, als ob Das, was ich bemerkt hatte,

Jedem auffallen mußte, der einen Blick für schöne, edle Formen hatte.

Thorwaldsen zeigte mir viele Kunstwerke, und es freute mich, daß er mir

in meinen Ansichten über diese Recht gab, indem er mich zugleich lehrte,

das Technische besser zu verstehen. Ich las ihm mehrere meiner Gedichte

vor und sie gefielen ihm.

* * * * *

[Sidenote: Zusammentreffen mit der Dichterin Brun.]

Die Dichterin Frau =Brun= traf ich mit ihren Töchtern =Ida= und

=Auguste= und ihrem Sohne =Carl= wieder in Rom. Dieser Letztere verließ

uns bald nach meiner Ankunft, und reiste wieder nach Hause. Ich fuhr

oft mit den dänischen Freundinnen aus und sah die Merkwürdigkeiten

der Stadt. Die gute Frau Brun lebte ganz mit Leib und Seele in der

antiken Welt, kannte jeden alten Steinhaufen, jede Ruine, und es war

mir außerordentlich lieb, durch ihren beredten Mund Vieles auf leichte,

angenehme Weise zu lernen. Ich selbst hatte, wie der Leser weiß, keine

sonderliche Lust, in der Mittagshitze nach allen Sehenswürdigkeiten

umher zu laufen. Thorwaldsen ging es ebenso. Wenn die Rede auf

dergleichen Dinge kam, pflegte er zu sagen: »In dem ersten Jahre, in

dem ich hier war (also vor 20 Jahren) besah ich auch Alles; jetzt kann

ich Dir keinen ordentlichen Bescheid darüber geben.« In den großen

schönen Kirchen, im Vatican und in der Bildergalerie ging ich oft umher,

wenn ich es in der Kühle und Ruhe thun konnte. Nun fuhr ich auch mit

Frau Brun aus und bekam dadurch Vieles zu sehen, was sonst wohl nicht

geschehen wäre. Aber ich war ihr nicht eifrig genug in meiner Liebe

zu den alten Steinhaufen, und deßhalb neckte mich meine Freundin oft

scherzend, und ich sie wieder, wenn sie mir zu begeistert vorkam.

[Sidenote: Das Coliseum.]

Eines Abends traten wir zusammen ins =Coliseum=. Es fing an dunkel zu

werden; die Sterne funkelten am Himmel und die Johanniswürmchen in den

Büschen. Der Mond warf sein bleiches Licht auf die ungeheure Ruine,

wodurch das Ganze erst sein Relief erhielt. Frau Brun war entzückt,

und das mit Recht. Das Bild war malerisch und groß. Aber ich war in

diesem Augenblicke von einem Dämon des Uebermuths besessen, und es

machte mir Spaß, ihrer Begeisterung mit Spott und Satyre zu begegnen,

vielleicht auch nur, um die schöne Ida zum Lachen zu bringen, die oft

hiergewesen war, heute nicht ernst gestimmt schien und zuweilen den

Scherz den Alterthümern vorzog. »Oehlenschläger!« sagte die Mutter,

indem sie die hohen Mauern mit Epheu in den Oeffnungen, durch die

der Mond schien, betrachtete, -- »ist es nicht göttlich?« -- »»Ja!««

entgegnete ich; »»aber noch schöner muß es gewesen sein, als die

12,000 gefangenen Juden mit Schlägen dazu getrieben wurden, dieses

Theater in größter Eile aufzubauen; als (fuhr ich ernster fort) die von

wilden Thieren zerrissenen Gladiatoren mit eisernen Haken durch die

Todespforte geschleppt wurden. Mir kommt das Ganze wie eine ungeheure

Richterstätte vor.«« -- Meine Freundin lächelte gutmüthig; sie sah bei

einem Manne gern eine gewisse ironische Laune, wenn diese auch ihrem

weiblichen Gefühl wiedersprach; und sie sagte nur später zu Ida: »Der

Oehlenschläger ist doch ein wunderlicher Gesell; in dem ganzen, schönen,

großen Coliseum sieht er Nichts, als eine Mördergrube.« -- »»Ach,

Mama,«« antwortete Ida, »»das sagt er ja nur so; er fühlt es ebenso gut,

wie wir.««

* * * * *

[Sidenote: Der Kirchenstaat als französische Provinz.]

Merkwürdig war es für mich, daß ich gerade nach Rom kam, als die

große Staatsumwälzung stattfand, als =Miollis= Commandant war. Auf dem

spanischen Platze hörte ich einen französischen Officier in einem Kreise

von Soldaten verlesen, daß von nun an der Kirchenstaat eine französische

Provinz sei. Die Römer standen eng im Kreise umher, und hörten es an,

blaß wie die Leichen, mit glühenden Augen. -- »_A il scelerato! a il

maledetto!_« hörte ich in der Nähe Mehrere ziemlich deutlich über

Napoleon flüstern.

Pius VII. wurde in der Nacht vom 6. Juli durch die Franzosen aus dem

Palast geholt und fortgebracht. Sie krochen durch die Fenster zu ihm

hinein, und hoben ihn wieder zu den Fenstern heraus, um keinen Lärm

zu machen, Christenblut zu schonen, und den Schweizern die Mühe zu

ersparen, ihn zu vertheidigen. Ich bekam deshalb den Papst gar nicht zu

sehen. Uebrigens war Alles ruhig in Rom; sogar ruhiger und sicherer,

als gewöhnlich, weil die Franzosen eine bessere Polizei einführten.

Sobald es am Abend dunkel wurde, mußte man mit einer Laterne gehen,

sonst wurde man arretirt. Die papiernen Laternen waren billig; aber

eines Abends, als ich spät nach Hause ging, fiel das Licht in meiner

Laterne um, zündete das Papier an, und im Augenblicke war sie verbrannt.

Glücklicherweise begegnete ich der Wache nicht, sonst hätte sie mich ins

Gefängniß geführt.

* * * * *

Ein starker Schnupfen plagte mich sehr, und ein junger, deutscher Arzt

rieth mir, ein kaltes Bad statt eines warmen zu gebrauchen. Dies nahm

ich buchstäblich. Ein kaltes Marmorbecken in einer kalten Badestube

füllte ich mit eiskaltem Wasser und sprang hinein. Die Folge davon

war, daß mich beinahe der Schlag getroffen hätte, und daß ich gleich

wieder heraus mußte. Ich war so matt, daß ich mich kaum ankleiden und

nach Hause schleppen konnte. Ich blieb auf dem spanischen Platze in

der Mittagssonne stehen, bis der Schweiß ausbrach, und der hat mich

vermuthlich gerettet. Als ich nach Hause kam, warf ich mich aufs Bett

und schlief mehrere Stunden fest. Nun erwachte ich und es war mir so

leicht zu Muthe, wie einem Vogel in der Luft. Aber noch ein anderes

kaltes Bad, unter dem der Tod lauerte, sollte ich versuchen, ehe ich

Italien verließ.

* * * * *

[Sidenote: Ein Wassertanz.]

Bei Riepenhausen's versammelte sich nach und nach eine größere Anzahl

junger deutscher Künstler und Gelehrter: =Beaulieu=, =Kestner=, =Mayer=

aus Hannover und =Schlosser= aus Frankfurt. Mit Einigen von diesen und

mit Koës machte ich eine Lustfahrt nach =Tivoli=, um die Ueberreste

von Horaz'-Bad, die Hadrianische Villa und besonders -- den berühmten

Wasserfall zu sehen.

Zu diesem Wasserfalle muß man über einen schmalen Fußsteig ohne Geländer

gehen. Linker Hand stürzt der Strom in einen bodenlosen Abgrund,

auf der Rechten ist er ein kleines stillstehendes Wasser. Wenn man

hinübergekommen ist, sieht man den unendlichen, schneeweiß schäumenden

Fluß sich aus der Höhlung herauswälzen. Ein seltenes, schönes und

feierliches Bild!

Als ich meine Augen an diesem herrlichen Schauspiele gesättigt hatte

und glücklich über den schmalen Steg zurückgekommen war, entdeckte ich

Christel Riepenhausen, der nicht mit uns Andern hinübergegangen, sondern

auf dem fernen Ufer zurückgeblieben war, und sich mit dem begnügte, was

er von ferne sehen konnte. »Warum stehen Sie da drüben, wie ein Huhn,

das mit den Enten nicht ins Wasser gehen darf?« fragte ich ausgelassen

-- »»Ich habe es schon so oft gesehen,«« antwortete er, »»ich habe keine

Lust, heute hinüber zu gehen.«« -- »Nun sollen Sie sehen, daß ich über

den schmalen Steg hinübertanze!« rief ich übermüthig. -- Ich tanzte

wirklich glücklich hinüber; aber als ich zurück wollte, machte ich (der

ich nicht einmal auf der ebenen Erde tanzen konnte) einen Fehltritt,

glitt aus -- und war im Begriff, in den Wasserfall hinabzustürzen. Mit

der Schnelligkeit des Blitzes dachte ich »Du mußt hinab! wirf Dich über

den Steg in das ruhige Wasser, da kannst Du vielleicht gerettet werden.«

-- Ich stürzte mich fast auf den Kopf hinüber, kam wieder herauf und

griff mit beiden Händen um mich. Ein Freund faßte mich am Kragen.

Triefend naß stand ich wieder zwischen meinen entsetzten, bleichen

Gefährten, und ehe sie sich fassen konnten, rief ich folgende Verse aus

Schiller's Taucher:

»Hoch lebe der König! Es freue sich,

Wer da athmet im rosigen Licht;

Da unten aber ist's fürchterlich,

Und der Mensch versuche die Götter nicht.

Und begehre nimmer und nimmer zu schauen,

Was sie gnädig bedecken mit Macht und mit Grauen.«

Meine Lebens-Erinnerungen - Band 2 · 第 16 / 18 段