Ein närrisches, kleines Ding von 38 Jahren! Als sie sah, daß wir

höflich gegen sie waren, gab sie sich gleich Damen-Airs, und holte eine

Schachtel heraus, in der ein Spiel Karten lag. Ihre Schürze heftete

sie mit Stecknadeln an unsere Knie an und auf diesem Tisch lud sie

uns ein, Mariage zu spielen. -- Es schien, als ob sie Lust hätte um

Geld zu spielen, um das Spiel interessanter zu machen; aus Eigennutz

war es nicht, denn sie verlor beständig. Deshalb wollten wir auch

nicht um Etwas spielen. Der alte Kaufmann, der sich darüber freute,

eine Landsmännin in dem armseligen Italien zu finden, bat sie, etwas

zu singen. »Sie haben gewiß eine schöne Stimme!« -- Das ließ sie sich

nicht zwei Mal sagen. Mit einer Prise Tabak in der einen, und den Karten

in der andern Hand, fing sie nun an, wie eine Nachtigall zu schlagen.

Es war eine Romanze, in der viel von _tendresse_ und einem _traître_

vorkam, der seine Geliebte verlassen hatte.

[Sidenote: Das »provisorische Kindermädchen.«]

So singend und zuhörend kamen wir nach =Chivasco=, wo das provisorische

Kindermädchen die Honneurs bei Tisch machte, aber mit den Zurichtungen

unzufrieden war. Sie erzählte uns, daß sie lange in einem Kloster

gelebt habe, ohne doch das Klostergelübde abgelegt zu haben, wo an den

großen Festtagen das ganze Personal, von der Priorin bis zu der _fille

du bassecour_ (wahrscheinlich sie selbst), in dem großen Refectorium

gespeist hatte.

In =Cilano= brachten wir einige Stunden in der Nacht zu. Hier schlief

ich in einem großen Zimmer mit zwei andern Betten außer dem meinigen. In

dem einen lag der alte französische Kaufmann, in dem andern ein junger,

fremder Italiener. Hier hatte ich wieder meine alte Räubervision und

sprang zum Bette heraus. -- Glücklicherweise schrie ich nicht; denn

sonst wäre gewiß das ganze Haus in Aufruhr gekommen, hier in einem

Lande, wo Räuberabenteuer nichts ungewöhnliches sind. Freilich hörte

man damals weniger, als jetzt von dergleichen; die strenge französische

Polizei jagte den Verbrechern Furcht ein und verminderte zum Theil

die Gewaltthätigkeiten und die Unsicherheit auf den Landstraßen.

Endlich kamen wir nach Mailand und waren Alle froh, nur nicht unser

Gesellschaftsfräulein; sie sollte nun in Dienst gehen, und das kurze

Damenleben war vorüber; sie weinte, als sie Abschied von uns nahm.

[Sidenote: Der »bezahlte« Schlingel. -- Das Gerücht.]

Unser Vetturin, ein großer, langer, ernster Mann im grünen Ueberrock,

mit einem schwarzen Zopf im Rücken, war auf der Reise einmal so

nachlässig und langsam gewesen, daß wir erst lange nach dem _Ave Maria_

in die Herberge kamen; was immer sehr gefährlich in Italien ist; denn

nach dem _Ave Maria_ sind die Landstraßen nicht mehr vor Räubern sicher.

Ich hatte ihn deshalb einen Schlingel genannt. Kaum war das Wort gesagt,

so that es mir leid. Er war sonst ein ehrbarer, gravitätischer Mensch

und glich mehr einem Herrn, als einem Diener. Er schwieg und sah mich

ernst an. Ich dachte an die italienische Rache und mir wurde darum nicht

gut zu Muthe. Indessen ging Alles gut bis Mailand hin. Der Vetturin

trat höflich ins Zimmer zu mir, um sein Geld zu holen. Ich grüßte ihn

freundlich, bezahlte ihm die bestimmte Summe, darauf das Trinkgeld und

legte noch einen Scudo obenein hin. Er strich das Geld ein, nahm darauf

den einzelnen Scudo, sah erst ihn, dann mich an, und sagte, indem er

fortging, mit einem gutmüthigen, bedeutungsvollen Lächeln und einer

kleinen Verbeugung: »Das war für den Schlingel!«

Die Italiener haben ein zartes Ehrgefühl; man muß sich hüten, sie

zu verletzen, und lieber ihre Faulheit und Nachlässigkeit ertragen.

In Mailand erfreute es mich am meisten, den großen Marmordom, ganz

gothisch, oder altdeutsch, jenseits der Alpen zu sehen, ein kräftiges

Denkmal deutschen Einflusses hier im Mittelalter. Ich habe bereits

gesagt, daß ich keine Reise, sondern mein Leben schreibe, und deshalb

eile ich rasch über die Merkwürdigkeiten hinweg, über die man in hundert

Büchern lesen kann. -- Das kann ich mit Bestimmtheit sagen: Ich habe

Vieles aufmerksam betrachtet und gefühlt, dessen ich hier nicht erwähne;

was als Gegensatz manchem andern Reisenden dienen kann, der aus andern

Werken über Dinge abschreibt, die er nie gesehen hat.

[Sidenote: In Mailand. -- Landsleute.]

In Mailand traf ich den jetzt verstorbenen Theatermaler =Wallich= aus

Kopenhagen; er führte mich im Schauspielhause in eine Loge zu mehreren

vornehmen Damen, welche begierig waren, den jungen Dänen zu sehen, »der

Frau von Staël Holstein heirathen sollte.« Ich bat Herrn Wallich um

Gottes Willen, den Damen diesen Traum zu benehmen, und begriff nicht,

wie solch leere Gerüchte über die Alpen gekommen sein konnten. Aber

je leerer ein Gerücht ist, desto leichter fliegt es. -- Wie bekannt,

empfangen die italienischen Damen in den Logen Besuche; auf das Schau-

oder eigentlich Singspiel achten sie nur wenig, außer, wenn eine

beliebte Bravourarie gesungen wird. Bei diesen schönen, artigen Damen

traf ich auch den Maler =Rossi=, der das herrliche Bild, das Abendmahl,

von Leonardo da Vinci copirte. Eigentlich mußte er rathen, wie es in

Santa Maria della Gracia ausgesehen habe; denn erst mit Kalk überweißt,

und dann wieder halb abgewaschen, sind die Farben kaum kennbar; nur die

Umrisse haben sich einigermaßen erhalten.

Ich hatte das Vergnügen, noch einen Landsmann, Herrn =Dalgas=, zu

treffen. In Mailand sah ich zum ersten Male eine _Opera buffa_: _le

nozze di Lauretta_, sehr gut gegeben, mit allen Lazzis und dem lustigen

Uebermuth der italienischen Laune. Dies ist echt italienisch! Ihre

_Seria_ ist eine schlechte, verzeichnete Copie der griechischen und

römischen; und die Musik größtentheils gleich uncharacteristisch

obwohl häufig prächtig und wohlklingend. Den Tag darauf sah ich

eine Hinrichtung. Ein elender, bleicher, zitternder Räuber wurde

guillotinirt. Der kräftige, rothwangige Scharfrichter, malerisch

gekleidet, mit einem breiten runden Hute über dem grünen Haarnetze,

stach wunderlich gegen jenes elende Geschöpf ab, das, in Lumpen gehüllt,

auf einer hölzernen Trage herbeigeschafft wurde, während ein Mönch neben

ihm herlief, und ihm einen Holzschnitt des Gekreuzigten, auf ein Stück

Pappe geklebt, wie einen Fächer vors Gesicht hielt. -- Als das Haupt

des Sünders abgeschlagen war, nahm der Scharfrichter sein Taschentuch

und steckte es unter sein eigenes Kinn, als ob er barbirt werden

sollte. Aber er that es, um nicht blutig zu werden, indem er das Haupt

auf eine Eisenstange steckte, unter der der Name und das Verbrechen

des Hingerichteten mit großen Buchstaben stand. -- Kaum hatte ich den

Namen »=Raphael=« gelesen, als ich von dannen eilte. Es schmerzte mich,

den großen Namen entheiligt zu sehen. Ich hatte erst kurz vorher ein

vortreffliches Bild von Raphael d'Urbino aus seiner ersten Periode:

Joseph's und Maria's Abschied bewundert.

[Sidenote: Hinrichtungen.]

Es ist gewiß, daß ich, obwohl mir nicht Gemüth fehlte, in meiner

Jugend Neigung hatte, den Hinrichtungen beizuwohnen. Das Entsetzen,

welches damit verbunden war, hat etwas Stachelndes und Anziehendes. Die

Phantasie trieb ihr Spiel. Die Menge der Frauenzimmer eilt gewöhnlich

aus einem andern Grunde, einem falschen Gefühle, dorthin, welches sie

bewegt. Sie gehen zu einer Hinrichtung, wie sie zu einer Tragödie

gehen, um über Etwas weinen zu können. Ich aber weinte nicht. In

einer frühern Periode war ich so eifrig auf dergleichen versessen,

daß ich, als Herzlein (ein Goldschmied, der seine Geliebte aus

Eifersucht erschossen hatte) geköpft werden sollte, auf einen großen

sentimentalen Glasermeister schimpfte, der im Gedränge vor mir stand,

und mich durch seine Bewegungen beinahe daran verhindert hätte, die

Hinrichtung zu sehen. Aber ich sah sie; und als der Unglückliche im

letzten Augenblicke verzweifelt sein Auge gen Himmel aufschlug, ehe er

sich auf den Block legte, lief es mir kalt den Rücken hinunter. Als ich

nach Hause ging, fühlte ich mich so matt und abgestumpft, als ob ich

all' meine Seelenkräfte verloren hätte, und als ein so vergängliches

Nichts, wie das dürre Gras, auf das ich trat. Am Abend, als ich mich

in der Sommerdämmerung im Dunkeln auskleidete und das Auge zufällig in

den Spiegel fiel, erbebte ich vor mir selbst in den bloßen Hemdärmeln.

Es war mir, als ob ich mich auskleidete, um hingerichtet zu werden. Es

vergingen mehrere Tage, ehe ich mich fassen konnte. Und doch sah ich

andere Hinrichtungen. Einen Mordbrenner, der nach dem Köpfen verbrannt

wurde, wollte ich auch sehen; dieses Mal aber ging ich fort, ehe er

kam, als ich den Scheiterhaufen erblickt hatte. Dagegen sah ich einen

Seecapitain, den der Pöbel Capitain »Rührei« nannte, weil er in diesem

Gericht seinen Schwiegervater vergiftet hatte; zugleich mit einem andern

Mörder, einem Matrosen, hinrichten. Man erzählt, daß, als sie zum Tode

gingen und Abschied von einander nahmen, der Matrose mit einem frommen

Gefühle sagte: »Lebewohl! Wir sehen uns droben bald wieder!« worauf

Capitain Rührei kalt antwortete: »Hm! das ist nicht so gewiß!« -- Ich

glaubte, ich würde ein häßliches, finsteres Haupt auf der Stange sehen;

aber es war ein hübsches Gesicht, fast wie das eines Mädchens, mit

blondem, lockigem Haar.

[Sidenote: Todesstrafe.]

Man hat soviel für und gegen die Todesstrafe geschrieben. Mir scheint,

daß die Nothwehr und die Selbstvertheidigung der menschlichen

Gesellschaft sie unentbehrlich machen. Raubmorde würden freilich

vermindert werden, wenn der Räuber bei dem einfachen Raube nicht mehr

sein eigenes Leben wagte; aber der Rache- und Feindesmord würde vermehrt

werden, wenn der Brutale und Böse wüßte, daß er durch den Mord des

Verhaßten sich nur einer Gefangenschaft aussetzt, aus der eine gewandte

Flucht ihn befreien kann. An die beständige Besserung des in Grund und

Boden Verderbten zu denken, ist eine fromme Illusion. Der Verbrecher

wird mit einem so guten Gefühle und so vortrefflichen Grundsätzen,

wie ein frommer Geistlicher sie ihm geben kann, in das andere Leben

hinübergeführt. Er wird aus der Gesellschaft ausgeschlossen, deren

Mitglied zu sein, er nicht mehr würdig ist! Aber wir glauben ja an

ein ewiges Leben! Nur wer an der Unsterblichkeit zweifelt, findet die

Todesstrafe in jedem Falle grausam und unmenschlich. Freilich kommt es

dabei weit mehr auf die Beweggründe, als auf die Handlung selbst an, und

deßhalb müssen edle, weise Richter hierbei prüfen und entscheiden.

Daß die Anwendung der Todesstrafe wegen Mordthat in Italien von

außerordentlicher Wirkung war, so lange Napoleon's Gesetze galten,

wissen Alle, welche Gelegenheit hatten, den Zustand im Lande damals

und später kennen zu lernen. Ein Italiener versicherte mir, daß in

seiner Jugend eine große Menge junger Leute in dieser Gegend Morde

begangen und sogar damit geprahlt hätten. Nach Napoleon's Zeit wimmelte

es wieder von Räubern und Mördern auf den italienischen Landstraßen.

Der abscheuliche Menschenfang kam auf, und wenn sich die Fortgeführten

nicht durch großes Lösegeld freikauften, so wurden sie gemordet, ja

zuweilen erst gepeinigt. Damals, als ich reiste, wurden alle Räuber ohne

Barmherzigkeit gleich hingerichtet und die Folge davon war, daß die Wege

bald viel sicherer und die Reisenden viel seltener geplündert wurden.

Indessen war es doch noch nicht vorbei. Einige Tage darauf, als wir von

Mailand nach Lodi reisten, begegneten wir achtzehn gefangenen Räubern in

Ketten, und als wir den Führer fragten, welches Schicksal ihrer harre,

machte er mit dem Finger ein Zeichen um den Hals.

* * * * *

[Sidenote: Die Dorfwirthshäuser.]

Diese Gegenden sind gefährlich, obgleich weder Felsen noch Höhlen da

sind; aber man fährt mehrere Meilen weit durch öde Gegenden mit dichten

Weidenhecken an beiden Seiten. In dieser Einsamkeit können die Reisenden

leicht überfallen werden; die Räuber verbergen sich gleich in den Hecken

und die wenigen Bauern, welche hier und da wohnen, wagen es nicht, den

Räubern hinderlich zu sein, stehen wohl auch oft mit ihnen im Bündniß.

Jetzt wurden wir in vielen Wirthshäusern vollständig von der schlechten

Lebensweise des italienischen Landvolkes überzeugt, von der wir soviel

gehört hatten, an die ich aber nicht recht glauben wollte. Konnten

sie auch nicht Steine in Brot verwandeln, so verwandelten sie doch

wenigstens Brot in Stein. Ein Wirthshaus führte in seinem Schilde eine

Katze, die eine Maus zwischen den Krallen hielt. Sehr einladend! Und

hätten wir uns daselbst mit Mäusen begnügen wollen, so hätte es uns auch

nicht an Wild gefehlt.

In besseren Wirthshäusern mußten wir Freitag und Sonnabend fasten,

doch wurden größtentheils Fleischspeisen auf einem besondern Tisch für

die Ketzer und für Diejenigen angerichtet, welche Dispensation erhalten

hatten. Es wurde dann gefragt: ob man _magro_ oder _grasso_ speisen

wollte. In _San Domino_ verführte ich eine junge Römerin, die sehr

hungrig war, an einem Freitage Fleisch zu essen; aber meine Sünde wurde

auch in der nächsten Nacht auf folgende Weise bestraft.

[Sidenote: Bestrafte Ketzerei.]

Wie ich im besten Schlummer lag, klopfte es an meine Thür, und der

Hausknecht trat mit einer Laterne herein, um die Hiobspost zu verkünden,

daß ich aufstehen müsse, der Kutscher wolle weiter fahren. Ich sprang

aus dem Bett, und fing an, mich anzukleiden; aber als ich nach der Uhr

sah, war es erst 3, und ich wußte, daß wir erst um 5 Uhr weiter sollten.

Ich lief in den Hof hinunter, in der Hoffnung, daß ich wenigstens die

Fuhrmannsscene aus Shakespeare's Heinrich IV. aufgeführt sehen würde.

Aber da war kein Mensch. Endlich entdeckte ich den Irrwisch. -- Er sagte

ganz ruhig, daß wahrscheinlich eine andere Herrschaft fort müsse und

ging seiner Wege. -- Ich legte mich von Neuem zur Ruh; aber kaum war ich

eingeschlafen, als der unruhige Kobold wieder vor meinem Bette stand.

»Nun sei es richtig,« meinte er. Ich sprang wieder auf, sah nach der Uhr

und diese zeigte auf 4. Als ich sie ans Ohr gehalten und mich überzeugt

hatte, daß sie richtig ging, fing ich an, den Kerl zu schelten, der so

unrichtig ging; nahm mich aber doch in Acht, ihn beim rechten Namen

zu nennen. Ich legte die Uhr wieder unter mein Kopfkissen und schwor

darauf, daß ich nun nicht vor 5 Uhr aufstehen würde. Das Gespenst ließ

sich nicht wieder sehen, und hätte ich nicht selbst aufgepaßt, so wäre

der Wagen wahrscheinlich ohne mich fortgefahren. Ich nahm mir diese

Warnung _ad notam_ und habe es seitdem nie wieder versucht, Katholiken

zur Ketzerei zu verführen.

* * * * *

[Sidenote: Parma. -- Correggio's Frescomalereien.]

In Parma sah ich in San Giuseppe und San Giovanni Correggio's

Frescomalereien. Während ich nach der herrlichen Wölbung, mit der

Brille auf der Nase, hinaufblickte, füllte sich die Kirche nach und

nach mit Andächtigen, welche rund um mich herniederknieten. Ich wollte

kein Aufsehen erregen, und mochte auch nicht mit ihnen knieen, weil

das affectirt ausgesehen haben würde; ich ging nun in einen Winkel, wo

mich Keiner bemerkte, und da betete ich auch auf meine Weise. Ich finde

dieses Gebet in meinem Tagebuche mit einigen Bemerkungen über Kunst

niedergeschrieben, die hier unrecht angebracht sein würden. Das Gebet

in San Giovanni war ungefähr folgendes: »Guter Gott! bewahre mein Herz

offen und rein, daß es Deine Größe, Güte und Schönheit in Natur und

Menschenwerken zu erkennen vermöge. Beschütze mein Vaterland, meinen

König, meine Geliebte, meine Freunde! Laß mich nicht im fremden Lande

sterben; sondern glücklich in meine Heimath zurückkehren. Gieb mir

Munterkeit und Muth, meine Bahn auf Deiner schönen Erde zu wandeln,

ohne krankhaft und bitter meine Feinde zu hassen, ohne mich sclavisch

und feig den Vorurtheilen der Welt zu unterwerfen. Schenke mir stets

Dichterkraft! Du hast meinen Geist für die Kunst geschaffen, und dies

ist das stärkste Sehrohr, durch das ich Deine Herrlichkeit schauen kann.

Laß mich nach meinem Tode in meinen Werken leben, gleich diesem guten

Correggio, so daß, wenn ich Staub bin, noch manche jugendliche Brust

durch meine Gesänge begeistert werden könne!«

So ungefähr betete ich unter Correggio's Kuppel; und damals entstand

wieder der Gedanke klar in meiner Seele, ein Schauspiel über ihn zu

schreiben. Die Idee dazu war mir bereits in Paris gekommen; und später

in =Modena=, als ich das kleine Frescogemälde über dem Kamin in dem

Palast des Herzogs sah, welches Correggio gemalt haben soll, als er erst

siebenzehn Jahr alt war, wurde der Entschluß gefaßt.

Ein Engel bietet auf diesem Bilde dem kleinen Jesus Kirschen in einer

Schale dar; auf dem Schooße seiner Mutter ißt er davon. Die Schönheit,

Liebenswürdigkeit und Unschuld, besonders in den Gesichtern des Engels

und der Maria, können nicht herrlicher ausgedrückt sein. Noch sieht man

auf dem Bilde Joseph und einen andern Mann. Joseph hält ein Spielzeug

in der Hand, eine Stadt (vermuthlich Jerusalem), ähnlich den jetzigen

nürnberger Spielsachen. Zwei Kaninchen spielen zu den Füßen des

Engels. Junges Myrthenlaub wächst im Hintergrunde. Kann man sich etwas

Anmuthigeres, Naiveres denken? -- Man hat eine Legende von Jesus, wie er

als Kind kleine Vögel aus Ton machte, die zu fliegen begannen, als er

vor Freude über sie in die Hände klatschte. Das Gemälde hier ist ganz

in demselben Geiste, und hätte Correggio auch nichts Anderes der Art

gemalt, so wäre das schon genug, um seinem Verhältnisse zu =Weib und

Kind= in meinem Trauerspiele historische Wahrheit zu geben.

* * * * *

[Sidenote: Bologna.]

In =Bologna= haben die Häuser ebenso wie in Bern Bogengänge längs

der Straßen, nur viel schöner. -- Ich sah hier das alte französische

Lustspiel, =Advocat Patelin=, von französischen Schauspielern sehr gut

aufführen. -- Die herrlichen Kirchen erhoben und freuten mich durch

ihre großartigen Verhältnisse und ihren schönen bunten Marmor. Neptun,

von =Giovanni=, steht auf dem Markt mit dem Fuße auf einem Delphin,

mit seiner _Quos ego_-Miene und dem mächtigen Dreizack in der Hand.

Ueppige Najaden sitzen zu seinen Füßen und drücken mit hübschen Händen

das Wasser aus der vollen Brust. Knaben spielen mit Delphinen, überall

sprudelt das Wasser reichlich.

[Sidenote: Kunstwerke, Naturschönheiten.]

In der Kirche St. Petronio stellte ich meine Uhr nach einer seltsamen

Sonnenuhr. Durch ein Loch in dem Kirchengewölbe fällt der Lichtstrahl,

gerade wenn die Uhr zwölf schlägt, auf ein Marmorkreuz auf dem Fußboden

der Kirche, genau in die Mitte des Kreuzes. Ich sah in Bologna die

anatomischen Wachsfiguren. Obgleich diese wohl für einen Anatomen

_ex professo_ bei Weitem nicht so nützlich sind, als der wirkliche

Menschenkörper, so eignen sie sich doch sehr, einem gebildeten Menschen,

der nicht Anatomie studirt hat, Kenntniß von seinem eigenen Körper zu

verschaffen. Das Widerliche verschwindet ganz, indem man Fett, Fleisch

und Knochen hübsch gefärbt und im reinen Wachse sieht. Man bewundert das

Kunstwerk des Schöpfers, ohne von dem Gedanken an die eigne Vernichtung

niedergebeugt zu werden. Doch können selbst wirkliche Theile des

menschlichen Körpers durch die Reinlichkeit des Präparats und eine

hinzugesetzte hübsche Farbe das Unangenehme verlieren. So sah ich einmal

bei einem Arzte gut zubereitete Menschenknochen, in Kalk ausgekocht,

die wie die schönste Drechslerarbeit aussahen, und ich wurde recht an

=Benvenuto Cellini= erinnert, welcher will, daß Kinder die Zeichnenkunst

damit beginnen sollen, daß sie das schöne Menschengerippe, wie er's

nennt, nachbilden. Ja wahrlich! Nur die Todesfurcht, der Gedanke an

unsere eigne Auflösung macht uns den zergliederten menschlichen Körper

zuwider; sonst würden wir hierin mehr als in einem andern Gegenstande

die Weisheit des Schöpfers bewundern. -- Ich sah in Bologna viele

Gemälde und ein herrliches Kunstwerk in Silber von =Benvenuto Cellini=,

die Abnahme Christi vom Kreuze.

Wenn man über die Alpen kommt, fühlt man sich geneigt, die =Apenninen=

mit Remusaugen zu betrachten, als ob sie nur eine Romulusmauer wären;

doch war es in diesen Bergen kälter als ich geglaubt hatte; und als wir

höher hinaufkamen und der Berg uns seine nackte Stirn zeigte, bekamen

wir Ehrfurcht vor ihm.

In dem schattigen Felsenrisse schlummerte noch eine nordische blonde

Riesin; das Gebüsch verbarg nur halb ihren weißen Schneekörper. Sie war

gleich einem Zugvogel von Thule nach Italien geflogen und hatte sich

hier verspätet. Wir sahen ihr Schicksal voraus. Bald würde Phöbus Apollo

sie mit seinem brennenden Pfeile treffen und ihr klares durchsichtiges

Blut würde in den Arnostrom dahinfließen. Wild und übermüthig haben die

Cyclopen in ihren Freistunden hier mit den Felsen Kegel gespielt. Vulkan

muß sie plötzlich wieder zur Arbeit zurückgerufen haben; denn Kegel und

Kugel liegen in größter Unordnung neben einander. Ich glaube, daß es

hier noch zuweilen spukt; man versicherte mir, daß ein kleiner Kobold

noch zuweilen seine rothe Flammenzunge, wenn es regne, aus dem Schooße

der Erde stecke, um seinen Durst zu löschen.

* * * * *

[Sidenote: Florenz: Kunstwerke.]

[Sidenote: Die Statuen von Caligula und Nero.]

In =Florenz= hielt ich mich 14 Tage auf und hatte also Gelegenheit,

die Merkwürdigkeiten dieser schönen Stadt zu sehen, besonders da ich

ohne Gesellschaft war und mich vom Morgen bis Abend damit beschäftigte,

Alles von Wichtigkeit kennen zu lernen. Freilich regnete es mehrere Tage

stark, dies verhinderte mich aber nicht daran, nach =Bruneleschi's=

großer Domkirche zu gehen und das Basrelief auf den erzenen Thüren des

=Battisterio= zu betrachten. In meiner Romanze, die =Rosenbäume=, habe

ich eine alte Legende mit meinen Erinnerungen an die alte Domkirche

vereinigt. Da ich Niemand in Florenz kannte, kurz vorher Benvenuto

Cellini's Leben, und vor nicht langer Zeit Boccaccio's Novellen gelesen

hatte, so lebte ich hier wie im 5. oder 6. Jahrhundert. Ich ging an

jedem Tage an dem Palazzo vecchio vorüber, besuchte die Logen, wo

Benvenuto's Perseus steht; ebenso Cosimo de Medicis Statue von Giovanni

Bologna; und nichts konnte mich aus dem Traume erwecken. Alles deutete

auf die alte Zeit hin. -- Ich besuchte die Mönche im Kloster und sah

sie in ihrem Laboratorium Heilmittel zubereiten; ich hörte Musik in den

Kirchen. Zuweilen begegnete ich einem Leichenzuge mit dem Todten auf

offener Bahre; die Priester gingen mit angezündeten Lichtern und die

Straßenjungen mit kleinen Düten nebenher, indem sie das herabtröpfelnde

Wachs auffingen. Ich sah Michel Angelo's David vor dem Palaste und in

den Galerien die langen Büstenreihen der Mediceer, so wie die Büsten der

römischen Kaiser, wo Nero's fettes, gemeines Gesicht, und Caligula's

unverschämter, spitznasiger Wolfskopf mir so ähnlich schienen, daß sie

mich zu einem sonderbaren Einfall verführten. Ich sah mich erst um

und als ich mich allein fand, spuckte ich ihnen beiden ins Gesicht.

Ich ging oft in dem schönen Hain außerhalb der Stadt spazieren, wo

ein Denkmal des Narciß an der Quelle errichtet ist, und hörte die

Nachtigall schlagen, was mich sehr erfreute; es war die erste die ich

hörte, seitdem ich den Friedrichsberger Garten verlassen hatte. --

An dem Sonnabend zwischen Charfreitag und dem Ostertage sah ich den

Aufzug mit dem Feuerwagen vor der Domkirche, den ich später in meiner

Novelle =die Glücksritter= benutzt habe. -- Das Einzige, was mich aus

der alten in die neue Zeit versetzte, war die moderne Opernmusik; denn

die Gegenstände selbst: =Gerusaleme distrutta= und =Judith= hätten es

nicht gethan. Mit meinem Wirth in Aquila nera hatte ich ein Abenteuer,

das sich eben so gut in der alten wie in der neuen Zeit hätte zutragen

können; denn er betrog mich um Geld.

Man hatte mir sein Haus als das vorzüglichste gelobt, obgleich ich

hörte, daß das von =Schneider= viel besser sei. Der Wirth in Aquila nera

kam mir sehr galant, aber auch vornehm entgegen, und erzählte von allen

Dänen, die bei ihm gewohnt hatten, besonders von der Dichterin Frau

=Brun= und dem Minister Baron =Schubart=, der einmal die von Livorno

nach Hause reisenden dänischen Matrosen bewirthet hatte, die während der

Mahlzeit Hurrah riefen, daß es eine Lust war.

[Sidenote: Ein Gaunerstreich.]

Meine Lebens-Erinnerungen - Band 2 · 第 15 / 18 段